Theres Essmann: „Dünnes Eis“

Der neue Roman von Theres Essmann beginnt erneut in der Stille, um daraus einen großen Raum zu erzeugen, der große Themen erklingen lässt. Zu dem Debütroman „Federico Temperini“ schrieb ich hier im Leseschatz: „Der Text ist eine kleine Bühne für einen Moment des Stillhaltens und der Betrachtung des Gegenwärtigen“. Dies gilt auch für „Dünnes Eis“, in dem es um eine Rückschau geht, die das Persönliche der Erzählerin, aber auch die Weltgeschichte aus dem vereisten Schweigen auftauen lässt.

Marietta ist gerade 99 geworden und geht nun in ihr hundertstes Lebensjahr. Diese Festtage bedeuten ihr nichts, doch überkommt sie eine Unruhe. Viele sind vor ihr gestorben und sie lebt allein in einer Altenresidenz. Sie lebt mit ihren Büchern, die sie im Leben begleitet haben. Die Erinnerungen erwachen in Momenten, zum Beispiel durch das Anlegen eines Schals, den ihr einst ihre Freundin gestrickt hatte. Bilder hängen nicht in ihrem Zimmer. Die Fotos verwahrt sie in einer Schublade. Dies ist ihr emotionales Memory-Spiel, denn die Bilder sind wahllos hineingeworfen und sie zieht sich nach Bedarf eine zufällige Erinnerung heraus. Ein langes Leben mit vielen Geschichten über Flucht, Krieg und Verluste. Besonders schmerzvoll ist die Erinnerung an ihren Sohn Johann.

Marietta nimmt Anteil an ihrer Umgebung und beobachtet das Leben um sie herum. Zum Anlass ihres Geburtstages erscheint die Presse im Heim, um über sie zu schreiben. Die Volontärin, die für das Gespräch kommt, liebt es, Menschenschicksale fotografisch einzufangen. Langsam tauen die Erinnerungen durch die Begegnung auf.

Eine weitere Begegnung ist Enis aus der syrischen Flüchtlingsunterkunft neben. Der kleine Junge teilt mit Marietta ein ähnliches Schicksal. Er sah wie seine Eltern ermordet wurden und sie musste mitansehen wie ihr Sohn erschossen wurde. In das Zimmer ihrer befreundeten und nun verstorbenen Heimnachbarin ist ein übellauniger Herr eingezogen. Diese Begegnung beschwört ebenfalls die Geister der Geschichte herauf. Herr Tacke, der neue Nachbar im Heim, hat eine SS-Vergangenheit.

Ein Roman, der berührt und schön geschrieben ist. Poesie trifft auf nicht verklärte Realität. Kriegsschuld, Sühne und Vergebung werden eindringlich durch den Lebensweg einer fast Hundertjährigen eingefangen. Das dünne Eis ist in der Fluchtgeschichte und in den menschlichen Schicksalen zu finden. Die Kriegswunden, egal welcher Krieg, tragen zu dem kollektiven Trauma unserer Gesellschaft bei. Das einzelne Schicksal wird somit nachvollziehbar, exemplarisch und übertragbar.

Das Buch ist vielfältig und themenreich und trotz der Dramen ganz still und schön. Alles ist ausgewogen und mit großer Empathie erzählt. Die Gefühlswelt ist sehr nachvollziehbar in Sprachkunst verwandelt worden. Ein Text mit Nachklang, wie bereits das vorherige Werk der Autorin („Federico Temperini“).

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