Archiv der Kategorie: Erlesenes

Seraina Kobler: „Regenschatten“

Ein Regenschatten, die vom Wind abgelegene Seite, verursacht im Gebirge Dürren, wenn nicht sogar Wüsten. Dieser Titel ist für das Buch programmgebend. Die Handlung spielt in einer nicht zu fernen Zukunft und hat die Stimmung einer Dystopie. Es geht um Einsam- und Gemeinsamkeit, um eine Zerstörung, aber auch um einen möglichen Neuanfang. Dies im kleinen Kreis, der aber Ringe um uns alle wirft. Die Kapitel geben den Zeitrahmen vor und so schlägt die eigentliche Handlung einen Bogen von einem Morgen bis zu der darauffolgenden Dämmerung, um dann am Ende einen Jahressprung zu machen. Alles steht im Roman miteinander in Bezug. Die Beziehung der Protagonisten, aber auch der Mensch in seinem selbst gemachten Szenario in der Umwelt.

Es ist ein Tag im November und die Stare bleiben weg. Die Zugvögel sind ausgeblieben, aber von der Adria bis zur Ostsee hat es wieder zu blühen begonnen. Der Klimawandel ist weit vorangeschritten und die Erzählerin, Anna, sitzt in einem evakuierten Wohnhaus. Sie ist allein und beobachtet die Umgebung und lauscht den Räumungsarbeiten. Der nahegelegene Wald ist abgebrannt und die Erde glüht weiterhin. Sie reflektiert in der Hitze das Vergangene. Die fiebrige Stimmung und beklemmende Hitze breiten sich auch in ihrem persönlichen Werdegang aus.

Anna und David wollen gemeinsam leben. Doch sie wird schwanger und David ist nicht der Vater. Als Anna, nach Abwägung des richtigen Zeitpunkts, ihm die einmalige sexuelle Entgleisung beichtet, verschwindet David. Sie ist nun allein in einer Welt mit dem Kind, das in ihr wächst. Die Welt, die sie kannte, zerfließt, zerbricht und bröckelt ihr, das heißt uns aus den Händen. Sie muss für sich wichtige Entscheidungen treffen. Zurückblickend wird unter anderem ihre gemeinsame Wanderung erzählt, in der brennende Vögel vom Himmel fielen. Immer dichter werden die Sprache und die Stimmung und es offenbart sich das Drama der letzten Monate, das in die Katastrophe geführt hat.

Die Hitze steigert sich und man liest den Roman fast atemlos. Schatten und Licht, Feuer und Neuanfang bedingen einander. Die Aktion und die Reaktion sind immer aneinander gebunden. Die Menschlichkeit, die Liebe und die Suche nach einem Miteinander und einer Zukunft in einer sich verbrennenden Welt werden durch die flirrende, wabernde und gekonnte Sprache eingefangen und spannend wiedergegeben. Ein Roman , der eine Welt offenbart, die verletzlich ist und in nur wenigen Augenblicken aus den Fugen geraten kann.

Seraina Kobler hat Linguistik, Kulturwissenschaften sowie Literarisches Schreiben studiert. Sie arbeitete mehrere Jahre als Redakteurin bei verschiedenen Zeitungen. Dies ist ihr atmosphärischer Debütroman.

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Karen Grol: „Himmel auf Zeit“

Erneut hat Karen Grol einen großartigen, flüssig und lebendig zu lesenden Biografie-Roman geschrieben. Nach Charles Rennie Mackintosh („Mackintoshs Atem“) ist es nun die faszinierende Künstlerin Anita Rée. Erneut hat Karen Grol die Kunst und ihre Schöpfer in den Mittelpunkt ihres eigenen Werkes gestellt. Die Autorin liebt Kunst und Literatur und zeigt dies mit jeder Ihrer Zeilen. Vor Kurzem war sie noch selbst Verlegerin, ist nun Autorin, die erneut tief in den Dokumenten, Geschichten und Werken der dargestellten Künstlerin gegraben hat und ein feines Gespür für Mensch und Zeit hat, um daraus einen Roman zu kreieren, der das Umfeld und die realen Charaktere sehr lebendig werden lässt.

In umrahmenden kleinen Kapiteln erleben wir, wie Walter Wilhelm Werner, ein Tischler aus Kiel, später Werkmeister der Hamburger Kunsthalle und Kunstsammler, Werke von Anita Rée vor der Beschlagnahmung durch die Nationalsozialisten bewahrte.

Anita Rée war eine der faszinierenden und rätselhaften Künstlerinnen der 1920er-Jahre.Sie war eine moderne Frau, die sich in einer von Männern dominierten Kunstwelt behaupten musste. Mit ihren Werken erlangte sie Anerkennung, doch die Geschichte bremste sie und ließ sie wohl in Vergessenheit geraten. Die erste umfassende Ausstellung der Malerin in Hamburg 2017-2018 war eine gute Möglichkeit, sich mit ihrer Kunst zu beschäftigen. Nun hat Karen Grol sie ins literarische Leben gerufen und ein Buch verfasst, das nicht nur Kunstliebhaber in ihren Bann ziehen wird. 

Anita Rée lebte von 1885 bis 1933 und stammte aus einer wohlhabenden Familie. Sie wurde protestantisch erzogenen. Die Hamburgerin hatte ferner südamerikanische und jüdische Wurzeln. Sie war voller Liebe zur Kunst und gänzlich vom Schaffensdrang durchdrungen. Als Frau hatte sie leider nicht die Möglichkeiten, wie sie damals die männlichen Künstler hatten. Sie nahm Malunterricht beim Hamburger Künstler Arthur Siebelist, der wohl ihr Können nicht erkannte und sie dadurch leicht unter Selbstzweifeln litt. Max Liebermann erahnte ihr Talent. Daraufhin nahm sie Unterricht bei Franz Nölken, mit dem sie gemeinsam mit Friedrich Ahlers-Hestermann eine Ateliergemeinschaft gründete. Doch die Freundschaft zu Nölken zerbrach aufgrund Rées unerwiderter Liebe zu ihm. Ihre große Sehnsucht nach Paris stillte sie mit einem mehrmonatigen Aufenthalt in der Kunstmetropole. Sie schaute sich die Kunstwelt an, traf einige ihrer Vorbilder und entwickelte sich selbst zur Porträt,- und Landschaftsmalerin. Später in Positano fand sie in ihrem Malstil die Sachlichkeit. Sie erlangte Anerkennung in der Kunstwelt. Doch finanzielle Sorgen und der aufkommende Nationalsozialismus machten ihr das Leben schwer und belasteten sie sehr. Ihre letzten Monate verbrachte sie auf Sylt. 

Die Werke von Anita Rée zeigen die Gesellschaft, die sich im Wandel befindet. Im Mittelpunkt ihrer eindringlichen Bilder stellt sie stets die existentiellen Fragen und sucht die Identität. Ihre Akte berühren den Betrachter und die gemalten Landschaften und das Ferne oder Fremde wecken und spiegeln eine Sehnsucht.

Mit wenigen Szenen versteht es Karen Grol, alles plastisch und sehr glaubhaft zu beschreiben. Ein Roman, der eine wichtige Künstlerin in den Mittelpunkt stellt und uns diese sehr zugänglich macht. Das Buch macht neugierig, bildet und unterhält ungemein. Durch die Sprache und die einfühlsamen und gelungenen Charakterisierungen nimmt einen der Roman und die geschilderte Kunstwelt sehr gefangen.

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Edem Awumey: „Nächtliche Erklärungen“

Ein ergreifendes Werk, das den Schrecken einer Diktatur, aber auch die Wichtigkeit der Kunst, besonders der Literatur beschreibt.

Die Rahmenhandlung handelt von einem Mann, der sich anfänglich auf einer Zugfahrt in Kanada befindet und dabei seine Erinnerungen fixiert. Er wird sterben, er hat Krebs und will sein Buch über seine Erlebnisse in seinem Heimatland fertigstellen. Ein afrikanisches Land, in dem sich ein Widerstand gegen das totalitäre Regime bildete. Als Jugendlicher lernte er lesen, schreiben und rechnen. Er stellt sich später die Frage, aus welcher „Nacht“ der Welt er stammt. Aus jener der Liebe oder der der Hölle? Die Nacht als Metapher, die die Sonne ausblendet, die in diesem Roman beständig scheint. Der helle Himmelskörper taucht mal auf als wärmende Quelle, aber auch als heißes und gefährliches Blendwerk. Bereits Camus benutzte ebenso die Sonne. In „Der Fremde“ heißt es: „Es war wegen der Sonne.“

Ito Baraka befindet sich auf dem Weg zu seiner schäbigen Souterrainwohnung bei Ottawa. Dort lebt er mit seiner Lebensgefährtin Kimi Blue, die mit ihrer indianischen Vergangenheit auch viel Negatives erleben musste. Beide finden in ihrer Beziehung Zuneigung und Geborgenheit. Ito Baraka hat bereits einige Theaterstücke geschrieben und möchte nun seinen autobiografischen Roman schreiben. Immer wieder reist er gedanklich zurück und hält seine Erinnerungen fest. Als in seiner Heimat die Diktatur voranschreitet, beginnen sie als junge Studenten Flugblätter zu verteilen und proben ein Schauspiel, um die Menschen wachzurütteln. Immer wieder ist es Beckett, den sie zitieren und verehren. Es kommt zu Unruhen und Verhaftungen. Auch Ito Baraka wird inhaftiert, gefoltert und lange in einem Straflager eingepfercht. Neben der Folter, den Entbehrungen und Erniedrigungen lernt er in Haft Koli Lem, einen älteren, blinden und gebildeten Menschen kennen. Auch als Blinder trennte er sich niemals von der Literatur und bittet nun Ito Baraka ihm abends vorzulesen. Dies öffnet Ito Baraka ein Tor in die Welt der Literatur. In dieser Welt können sich beide zurückziehen, verstecken und fliehen.  

Nach dem politischen Zusammenbruch kommt Ito Baraka frei. Er beginnt zu schreiben und durch ein kleines Stück, das er geschrieben und eingereicht hatte, findet ihn ein Förderer, der ihm ein Stipendium in Kanada ermöglicht. Somit beginnt Ito Baraka in der Ferne ein neues Leben, das aber zwischen dem Neuen und dem Alten hin- und hergerissen ist. Kann er diese beiden Welten für sich in Einklang bringen? Kann er Frieden finden? Die letzten Sätze seines Werkes diktiert er seiner Freundin, die nun durch seine geschriebenen Worte immer mehr seine Welt begreifen lernt.

Literatur als Fluchtmöglichkeit aus dem Elend. Doch gibt es, wie wohl im wahren Leben, kein Happy End, sondern lediglich ein Begreifen.

Der Autor Edem Awumey wurde 1975 in Lomé, Togo geboren und lebt bei Ottawa. Dies ist sein vierter Roman, der von Stefan Weidle aus dem Französischen übersetzt wurde. Die Sprache ist gleich der Handlung, roh, direkt und doch sehr einfühlsam und schafft Raum für viel Empathie und Gedankenspiele. Das Lesen dieses Werkes erschauert, bereichert und ist wichtige und lesenswerte Literatur.

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Michael Crummey: „Die Unschuldigen“

Ein intensiver Roman, der ein weites, aber auch zugleich ein enges Panorama  vor der Küste Neufundlands im 18. Jahrhundert entwirft. Ein dramatischer, aber auch ein in sich stiller Roman um zwei Kinder, die sich in der rauen Natur behaupten müssen. Ein Text, der uns eintauchen lässt in eine ferne Welt und Zeit. Mit vielen Bildern und Geschehnissen erleben wir hautnah, was es bedeutet, von der Natur abhängig zu sein und jeden Tag als neuen Kampf ums Überleben anzusehen. Es ist ein neben dem großen Abenteuer auch ein Entwicklungsroman. Zwei Geschwister, die eng verbunden sind und deren Schicksal sie sehr eng zusammengeschweißt hat, müssen sich vielen Aufgaben, Entbehrungen und Abenteuern stellen. Geschwister, die eine Hoffnung haben auf ein besseres Leben.

Anfänglich ist es eine Familie, die abgelegen an der Küste lebt. Der Vater ist Fischer und die Frau kümmert sich um den Gemüsegarten und hilft beim Ausnehmen und Einlagern des Fischfangs. Dieser ist ihre Einnahmequelle, die sie zum Handel einsetzen können, um zusätzliche und lebensnotwendige Lebensmittel zu erwerben. Ein Handelsschoner kommt regelmäßig, um den Fang der Familie abzuholen, zu bewerten und gegen andere Ware einzutauschen. Ist die Fangquote negativ ausgefallen, muss die Familie Schulden machen, um zu überleben. Dies wird alles auf dem Schiff verhandelt, festgehalten und in der kommenden Saison verrechnet. Die Familie ist somit abhängig von Wetter, Natur, ihrer Verfassung und der Gunst der Handelspartner.

Es sind zwei Kinder, Evered und Ada, die mit ihren Eltern in dieser Welt leben und aufwachsen. Viele Kinder hatten die Eltern bereits verloren und eine weitere Geburt steht bevor. Die Hebamme, die ein altes Wissen verinnerlicht hat, kommt stets zu den Geburten und lebt dann kurzweilig bei der Familie. Doch wird dieses neugeborene Mädchen nicht lange leben, bleibt aber beständig eine Bezugsperson in der Phantasie von Ada. Als die Mutter und kurz darauf der Vater sterben, sind der elfjährige Evered und die zwei Jahre jüngere Ada in dieser kargen Welt auf sich alleine gestellt. Sie überlegen kurz, in das nächst gelegene Dorf zu ziehen, weil sie dort die Hebamme kennen, haben dann durch die Erinnerung vor dieser etwas Angst. Also müssen sie erwachsen werden und, um überleben zu können, die Aufgaben der Eltern übernehmen. Sie kennen die Welt nur aus ihrer kindlichen Sicht und aus dem dürftigen Wissen, das ihnen ihre Eltern noch lehren konnten.

Das harte Leben zeigt sich ihnen sofort und schonungslos. Mit vereinten Kräften versuchen sie, den Fischbetrieb des Vaters aufrecht zu erhalten. Als das Handelsschiff kommt, muss sich Evered den Männerdingen stellen und lernen zu verhandeln. Sie leben von den getauschten Lebensmitteln, dem Fischfang und der Robbenjagd. Sie lernen schnell den Kampf in dieser brutalen und entbehrungsreichen Umgebung und haben wenige Stunden, um überhaupt noch an ihr Kindheit zu denken. Die Jahreszeiten und die verschiedenen Fischschwärme müssen bedacht und die fachgerechte Einlagerung gelernt werden. Sie können vieles gebrauchen. Treibgut und ein im Eis gefangenes Wrack bringen einiges Nützliches für sie zutage. Die Zeit vergeht und sie werden älter und somit wirklich erwachsener.

Sie müssen sich vielen Aufgaben stellen und ihre Geschwisterliebe wird auf eine große Probe gestellt. Letztendlich geht es um ihre Zukunft. Ein Roman über das Leben als Mensch unter rauen, unfassbaren Bedingungen. Der Roman lässt uns diese Zeit miterleben und beschreibt die Natur kraftvoll und gnadenlos, aber auch als für uns Menschen lebenswichtig.

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Ron Corbett: „Preisgegeben“

Ein düsterer Kriminalroman, in dem es um mehr als das Überleben geht. Als Handlungsort gewählt und stimmungsvoll beschrieben wird die ganze unbändige Natur, in der sich das größte und gefährlichste Raubtier bewegt, der Mensch. Durch die Schließung einer Polizeistation wurde der Bezirk des Detective Frank Yakabuski erweitert und er muss enorme Fahrzeiten zu bestimmten Tatorten einplanen. Auch bei diesem Fall muss er mit seinen Kollegen einen weiten Weg fahren, um ermitteln zu können. Dabei wird die Weite der Landschaft, aber auch die Trostlosigkeit immer deutlicher. Im Mittelpunkt stehen abgeschiedene Ortschaften und Siedlungen, die durch Armut geprägt sind. Dabei ist der erste Leichenfund lediglich der Auftakt und es wird immer düsterer und beklemmender. Es kommen Schicksalsstränge ans Licht, die mit den dortigen Gegebenheiten verwurzelt sind.

Es beginnt mit einem grausigen Fund. Ein Holzarbeiter findet eine dürftige Hütte am Ragged Lake. Der fiktive Ort liegt in einer unwirtlichen Gegend nahe der nordamerikanischen-kanadischen Wasserscheide. Eine Familie, wohl Squatter, hatten sich dort niedergelassen und diese einfache Behausung mit plattgedrückten Getränkedosen als Dachziegel gezimmert. Jetzt sind sie tot. Alle drei wurden brutal ermordet, auch dem kleinen Mädchen hat man keine Gnade gewährt. Der Holzarbeiter ruft die Wache in Springfield an, die wiederum Yakabuski kontaktiert. Er und zwei weitere Polizisten machen sich auf den Weg in die isolierte Region im hohen Kanada. Welche Vergangenheit hat die Squatter-Familie, die ermordet wurde?

Dies ist lediglich der Auftakt weiterer und schlimmerer Geschehnisse. Als Frank Yakabuski, lediglich Yak genannt, sich auf den Weg macht, werden bereits dubiose Telefonate geführt, die sein Kommen ankündigen. Yakabuski ist ein Armeeveteran mit polnischen Wurzeln und hatte mal als verdeckter Ermittler eine Rockerbande infiltriert. Es scheint, diese Vergangenheit könnte ihn wieder einholen.

Die mühevolle Anreise mit Schneemobilen macht deutlich, was die Polizisten in dieser unfreundlichen Welt zu erwarten haben. Das Wetter und die Menschen erschweren es immer mehr, die Schuldigen zu finden und die Anwohner zu beschützen. Das Leben in dieser rauen Umgebung ist geprägt von Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Aber auch die Geschichte der Ureinwohner des Nordens wird beleuchtet und tritt zutage.

Ein brutaler, ehrlicher Noir-Krimi. Das Großartige an diesem Roman ist die Natur. Eine unbändige Natur, in der der Mensch, wie ein Raubtier, einen Überlebenskampf führt. Die Charaktere entfalten sich beim Lesen immer tiefgründiger und lassen auf weitere Fälle hoffen. Das Nachwort von Ulrich Noller ist sehr lesenswert und rundet das Buch mit wissenswerten Zusatzinformationen ab. Das Buch wurde von Jürgen Ruckh herausgegeben und von Sven Koch aus dem Amerikanischen übersetzt.

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Arezu Weitholz: „Beinahe Alaska“

Wie schön es sein kann, wenn man erkennt, dass es manchmal klug ist, sich von der Suche nach dem Perfekten im Leben zu verabschieden. »Beinahe Alaska« erzählt von einer Reise, die einen anderen Verlauf als geplant nimmt. Ein Abweichen, d.h. eine Umkehr von der eigentlichen Passage zeigt dadurch den Reisenden andere Möglichkeiten. Das beinahe Ankommen kann eine Bereicherung im Leben sein.

Der Roman beginnt mit der Aufzählung, was eventuell kommen könnte. Dieses vorangestellte „Es wird“ endet mit der Erkenntnis „Ich könnte“. Das Meer zeigt uns und besonders der Protagonistin, wie flüchtig alles ist. Die Erlebnisse, die die Protagonistin mit den Mitreisenden erlebt, zeigt, wie wenig wir von den Anderen wahrnehmen. »Menschen sind wie Eisberge: Von den meisten sieht man nur ein Siebtel.«

Die Erzählerin soll an einer Expeditionskreuzfahrt teilnehmen, um die Arktis zu fotografieren. Die Schiffspassage soll von der Südspitze Grönlands nach Alaska führen. Diese Reise kommt der Fotografin gerade recht. Denn sie ist gerne unterwegs und meidet ihr Zuhause. Sie hat keine Familie und ihr Beruf fordert sie stets auf, nach vorne zu sehen. Der Blick zurück, besonders der familiäre Verlust, wirkt schmerzhaft. Doch nimmt sie all ihre Emotionen und Gedanken mit an Bord. Durch die Weite des arktischen Gewässers und der Enge auf dem Schiff schweift ihr Blick von sich auf die Anderen. Sie fühlt sich, als allein reisende Frau, unwohl zwischen den anderen Passagieren. Es gibt zum Beispiel einen eitlen Schriftsteller, der nicht die Reise als Objekt seiner Recherche nutzt, sondern die älteren Mitreisenden eines Buchclubs. Eine schrille Influencerin, die keine Umgangsformen besitzt und die ganze Schiffscrew und das wissenschaftliche Begleitpersonal. Am liebsten sitzt die Fotografin bei einem seeerfahrenen, älteren Herrn am Tisch, um mit diesem einfach den Blick auf das Meer zu genießen.

Da das Eis unberechenbar ist, muss neuer Kurs genommen werden und es geht Richtung Neufundland. Dennoch plant die Crew auf der Passage Sehenswürdigkeiten ein und bietet einige Landausflüge an. Die Erzählerin sucht meistens den Abstand und beobachtet die Menschen, die wie Blattläuse die Land- und Ortschaften kurzweilig befallen. Ihr Fokus wandert aber auch zu sich selbst. Sie möchte die Umgebung nicht mehr durch ein Fernglas oder Objektiv wahrnehmen. Durch diesen Fernrohr-Blick vergrößert man zwar etwas, minimiert aber dadurch den Ausschnitt und verkleinert seine Welt. So funktioniert auch der süchtig machende Blick auf Smartphone und Co. Sie beginnt zu zeichnen und merkt, wie auch im Leben, wie hilfreich es ist, etwas wegzulassen. Sie registriert, wie wenig sie tatsächlich benötigt. Doch ohne einen Horizont, ohne einen Bezugspunkt, spielt das Leben mit einem seine Streiche.

Die Weite des Nordens als Fluchtpunkt, in dem man aber keine Chance hat, sich zu verstecken. Eine Reise, die neben der Natur auch einen Blick auf sich und sein Umfeld zulässt, wenn nicht sogar herausfordert.

Ein schöner, kluger und leicht sarkastischer Roman. Der Blick auf die Figuren ist mit viel Empathie beschrieben und die Reise mit den ganzen Facetten ist lebendig und schön erzählt. Die Autorin versteht es, mit Hilfe der Sprache und ihren Bildern Emotionen und Gedanken zu erwecken. Arezu Weitholz hat neben ihren Romanen und Gedichten auch Texte für Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, 2raumwohnung und Herbert Grönemeyer geschrieben. Das Buch ist eine schöne und tolle Lesereise.

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Jürgen Bauer: „Portrait“

Ein Portrait ist eine künstlerische Darstellung eines Menschen. Es gibt sehr berühmte Gemälde, die bis heute Rätsel aufgeben. Wer ist der Dargestellte, ist es eine Frau oder ein Mann? Wie weit hat sich der Künstler in dem Bild selbst verewigt? Jürgen Bauer hat ein literarisches Portrait mit Worten gemalt, in dem drei verschiedene Menschen, eine Mutter, ein Liebhaber und eine Ehefrau, jeweils das Portrait eines Mannes entwerfen.

Dieser Mann ist Georg, der im ersten Teil von seiner Mutter angesprochen wird und sie ihm ihre Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mitteilt. Georgs Mutter, Mariedl, beginnt vor der Zeit seiner Geburt. Sie hatte stets ein einfaches und entbehrungsreiches Leben und war eine hart arbeitende Landwirtin. Als sie von Georgs Vater ganz pragmatisch gefragt wird, ob sie ihn heiraten wolle, sagt sie zu, wechselt den Hof und wird Mutter. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wächst Georg auf dem Hof auf, den Mariedl alleine bewirtschaftet. Da ihr Mann mutig gegen das Naziregime gesprochen hat, musste er fliehen und ist seitdem verschwunden. Georg hat einen Bruder, der sich besser mit der Landwirtschaft arrangiert hat. Ein Onkel, der als Industrieller ein sorgenloseres Leben führen kann, unterstützt Mariedl und die Kinder, wo er kann. Georg, der bisher sehr introvertiert und still war, erhält die Möglichkeit zur Schule und sogar später aufs Gymnasium zu gehen und erwacht aus seiner inneren Stille. Zum Leidwesen seiner Mutter wird aus ihm kein Landwirt, sondern er studiert in Wien und macht später Karriere. Viele Jahre später kommt es zu den ersten Besuchen von Georg, der mal mit seiner Frau oder mit einem einige Jahre jüngeren Mann anreist.

Dieser jüngere Mann ist Gabriel, der auch dem Landleben entkommen möchte und in Wien seine Freiheit sucht. Er reist in den siebziger Jahren gänzlich naiv in die Großstadt und will Abenteuer, schnellen und schmutzigen Sex erleben. Wortwörtlich wird er von Georg auf der Straße aufgelesen und aufgenommen. Es ist keine wahre Zuwendung aus Liebe, sondern der Reiz aneinander und das Begehren, das sie zusammenführt. Georg bekämpft als angesehener Mann der Gesellschaft seitdem innere und äußere Konflikte. Das Leben als Homosexueller in dieser Zeit ist immer noch geprägt von Angst, Unterdrückung und Missachtung und gerade Gabriel rebelliert dagegen und wird immer lauter. Georg hadert mit dem Politischen und seinem Wunsch nach Privatem.

Durch die Leidenschaft zur Oper lernt Georg Sara kennen. Sie hatte auch keine schwerelose Kindheit und entschließt sich, Sängerin zu werden. Sie kommt ebenfalls nach Wien und hier treffen sich die Wege. Sie hat als Sängerin und besonders als Opernsängerin keine Erfolge. Sie heiratet Georg, da sie in ihm einen Mann sieht, den sie nach ihren Vorstellungen formen und lenken kann.

Es sind somit drei Geschichten, drei Sichtweisen, in deren Zentrum Georg steht. Es sind seine Mutter, die in ihm den versnobten, feinen Pinkel sieht, der sich für etwas Besseres hält. Sein Liebhaber, der krank wird und seine Ehefrau, die mehr den Schein wahrt und die Macht innerhalb der Beziehung haben möchte.

Georg als Mittelpunkt, als die Figur, um die sich alles dreht und den alle mit ihren Erzählungen ansprechen. Warum sie dies machen, erschließt sich erst am Ende. Wer ist Georg? Zeichnen die Mutter, der Liebhaber und die Ehefrau ein wahres Portrait von ihm? Sind es letztendlich doch nur sie selbst, die von sich erzählen?

Vieles wird anhand der Charaktere und deren Erzählungen thematisiert. Die Betrachtungen und Porträts, die wir von einander unbewusst oder bewusst erstellen, malen das Bild unseres Umfeldes. Welches Bild macht sich jeder vom anderen? Was bleibt im Verborgenen, wird verdrängt oder eventuell übersehen? Was erkennt man im anderen Menschen und was sieht man von einem selbst in dem Betrachteten?

Jürgen Bauer haucht seinen Figuren sehr viel Leben ein und jeder Bericht hat einen eigenen Erzählton. Die Projektionen werden immer farbiger und das Portrait des ganzen Romans reift im Betrachter, d.h. im Leser. Wohl der bisher stärkste Roman von Jürgen Bauer, dessen Umschlag ein von ihm selbstgemaltes Ölbild zeigt.  

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Buchblog-Awards 2020 FINALIST!

DANKE AN ALLE LIEBEN BUCHMENSCHEN!

Wir sind Ihnen und Euch so dankbar, denn erneut sind wir FINALIST!

Die Finalisten des Buchblog-Awards 2020 stehen fest und wir sind einer der fünf besten Buchhandlungsblogs. Siehe: https://www.buchblog-award.de/news/finalisten2020/

Das ist eine so große und tolle Auszeichnung!

Danke an alle, die für uns gestimmt, uns nominiert haben und mögen, was wir so machen! Wir freuen uns wirklich sehr und feiern mal unseren Leseschatz!

Danke auch an das tolle Bubla-Team!  #bubla20 

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Sandra Weihs: „Delilah“

Ein wunderschöner Roman über Liebe, Freundschaft, das Erwachsenwerden und die tiefverwurzelte Sehnsucht nach Freiheit.

Die Erzählerin sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt auf den Garten und in ihre Kindheit zurück. Immer wieder rücken der Apfelbaum und seine Früchte in das Blickfeld. Wie die paradiesische Frucht, so sind auch die Namen der Hauptcharaktere voller Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten. Diese sind Penelope und Delilah.

Penelope ist die Erzählerin, die als Schülerin schüchtern in Erscheinung tritt. Als eine neue Klassenkameradin in ihr Leben tritt und sich im Klassenraum neben sie setzt, beginnt ein gegenseitiges Umkreisen. Die neue Freundin nennt sich Delilah. Dies ist nicht ihr wahrer Name. Sie hat sich selbst so genannt und trägt diesen wie eine angezogene Rolle, die aber gänzlich zu ihr passt und sie erfüllt. Mit dem Auftritt von Delilah beginnt eine Art des Strahlens um das Leben von Penelope. Durch Delilah erhält alles eine Einfachheit, eine Schönheit und die schwermütigen Gedanken scheinen zu verfliegen. Delilah zieht alle in ihren Bann. Sie hat drei Arten des Lachens. Das freie, aus dem Herzen kommende, was-soll-schon-passieren Lachen, das Lachen über sich selbst und das stillere Lachen, indem eine Sehnsucht, ein Wunsch verborgen liegt und durch diese introvertierte Geste etwas Zartes, Trauriges mitschwingen lässt.

Die jungen Frauen werden gute Freundinnen. Delilah hat etwas Zartes, Wildes und Freies, das sich auf die Menschen in ihrem Umfeld abfärbt. Während eines langen Herbstes bilden sie einen Freundeskreis aus jungen Frauen und Männern, die im Leben noch Suchende sind. Delilah sieht überall die Liebe, die ihren Weg, auch durch die stärksten Hindernisse, findet. So ist es kein Wunder, das sie von vielen gemocht und geliebt wird. Dabei geht sie oft ihren eigenen Weg. Dies zeigt sich auch im Bild der Obsternte, als Penelope das Fallobst einsammelt, Delilah aber nur Augen für die schönen, gereiften Äpfel am Baum hat.

Penelope, die als auktoriale Erzählerin auf die Geschichte zurückblickt, erinnert sich auch an die Zeiten nach dem Herbst voller Liebe und Freundschaft. Es folgt ein klirrender Winter, in dem die Freundschaften auf die Probe gestellt werden. Die Freundschaft zu Delilah und die aufkommende Beziehung zu Jonas im Zentrum jenes Winters und dem folgenden, wechselhaften Sommer.

Ein wunderschön geschriebenes Werk. Delilah begeistert durch die Leichtigkeit, Schönheit und Vielseitigkeit. Eine feinfühlige Geschichte einer Jugend. Es geht um Freundschaft, die erste Liebe, um Selbstfindung und Freiheit. Das Buch ist in einer klaren, bildhaften Sprache geschrieben, die sich trotz der Thematik niemals ins Verkitschte oder zu Verträumte verrennt.

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Hüseyin Yurtdas: „Der Verkrochene“

Ein Buch, das uns herausfordert und nicht zum lediglich schönen Lesen einlädt. Vielmehr provoziert der Text und man gerät mit den kleinen Reden, d.h. Kapiteln, in den Bann des Protagonisten. Am Ende ist man froh, es erlebt zu haben und man taucht immer weiter in die Gedankenspiele der Figur und in die eigenen ein. In 99 kleinen Abschnitten (manchmal ist es nur ein Satz) sprudelt das Innenleben des Erzählers auf uns ein. Er nennt sich selbst einen Idioten, einen einsamen Lügner und doch beginnt man, an die Wahrheiten zwischen den Zeilen zu glauben. Man gerät mit dem Buch selbst ins Straucheln und vergräbt sich mit dem Text in die Innenwelt eines modernen Menschen. Ist es ein Prometheus, der bereits bei Goethe gewütete hatte, ein verlorenes Ich, wie bei Gottfried Benn oder ist das Ganze eine Publikumsbeschimpfung, die sich bei Peter Handke an den Zuhörer wendet, bei Yurtdas aber fast mehr an den Erzähler selbst gerichtet ist?

Der Verkrochene ist ein junger Mann, der bereits als Jugendlicher vereinsamte und Liebe vermisst. Er hatte Beziehungen, aber diese sind wohl am kränkelnden Egoismus gescheitert. Er spielt mit seinem Umfeld und besonders mit uns, den Lesern und Zuhörern seiner Texte. Man beginnt zu glauben, ihn zu kennen, seine Eigenarten erkannt zu haben. Doch sagte er selbst, er wäre ein Lügner. Welche seiner vielen Visionen seines Selbst ist wahr? Wer ist er? Wir glauben ihm, dass er sich selbst nicht erträgt. Er ist weinerlich, pessimistisch, düster und wohl ein defekter Mensch. Doch dann zieht er seinen Lügen über sich selbst die Decke weg. Mit seinem anfänglichen Gejammer und Gemecker nervte er, dann schlägt er um und perlt sich anders aus seinen Texten heraus.  Er wendet sich direkt an uns, wie auf der Brechtschen Bühne.

Er sehnt sich nach der Gesellschaft, nach Anerkennung und Liebe. Seine Selbstäußerungen sind verstörend. Seine Bilder zeigen ein verletztes und verwundetes Ego. Dabei redet er gegen sich und andere tabulos. Ist er der moderne Mensch, der hier zu uns spricht? Seine Inszenierungen sollen uns täuschen und sind imaginäre Machtspiele. Die persönliche und geistige Entwicklung steht im Schatten der Anerkennung aus dem Umfeld. Das sich Hineinsteigern aus Angst, Verlorenheit und Einsamkeit in Bilder, die man von sich selbst entwirft, um Gehör zu finden, ist allzu oft Blendwerk. Die Ablenkung vom Selbst als Taktik des Verkrochenen.

„Der Verkrochene“ zählt zu einer ehrlichen Undergrounderscheinung der türkischen Literaturszene der letzten Jahre und liegt nun in der deutschen Übersetzung von Barbara Yurtdas vor.

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