Archiv der Kategorie: Erlesenes

Kerstin Ehmer: „Der weiße Affe“

Der weiße Affe Kerstin Ehmer Pendragon Verlag

„Der weiße Affe“ ist eine kriminalistische Zeitreise in die Goldenen Zwanziger, die uns mitten in die brodelnde Metropole Berlins verführt. Der Titel ist eine Anspielung auf das sogenannte  Judenporzellan, das in früheren Zeiten die Juden zu einer Zwangsabgabe verpflichtete. Die jüdische Kultur und Religion ist auch ein Bestandteil des Romans, denn ein jüdischer Banker wird in einer Zeit ermordet, in der der Nationalismus und Fremdenhass sich bereits überall bemerkbar machen.

Der Held des Romans ist der Kriminalkommissar Ariel Spiro. Seine Mutter war Shakespeare-vernarrt und nannte ihn nach dem Luftgeist. Doch kommt es immer wieder zu kleinen antisemitischen Auseinandersetzungen, da er in der Hauptstadt stets als jüdisch angesehen wird, was ihm in Folge aber auch behilflich sein wird, da er anfänglich somit das Vertrauen der Familie des Ermordeten gewinnt.

Spiro kommt aus Wittenberg und war dort in der Provinz ein wahrer Polizeiheld, der sich nun in die Großstadt versetzen lässt. Durch die Zugreise verspätet er sich gleich am ersten Tag und ihm wird schon bei seiner Ankunft in der Wache ein Fall übertragen, der gerade gemeldet wurde. Eduard Fromm, ein Banker, wurde ermordet. Fromm wurde wohl mit einem Holz erschlagen, dass bei ihm Farbreste hinterlassen hat, die auch auf eine politisch motivierte Tat schließen lassen könnten. Der Ermordete war Leiter einer Bank und lernte seine Frau auf einem Konzert kennen. Er war sehr vermögend und legte seiner Ehefrau die Stadt zu Füßen und viele Künstler waren ihre privaten Gäste. Sie haben zwei Kinder, eine Tochter und einen Jungen. Aber Eduard Fromm führte auch ein heimliches Leben. Er hatte eine Geliebte und lebte bei ihr seine biedere deutsche Seite aus. Er wollte anscheinend seinem jüdischen Leben entkommen und schuf sich einen typisch deutschen Rückzugsort. Die Mordermittlungen zeigen schnell mehrere mögliche Verdächtige. Da ist unter anderem der Vizepräsident der Bank, Silberstein, mit dem der Ermordete einen freundschaftlichen Bruch wegen einer sehr fragwürdigen Finanzierung hatte. Auch führt die Spur zum Menschenhandel, d.h. zur Prostitution. Auch Ambros, der Sohn des Ermordeten, wirkt verdächtig. Dieser führt ein freizügiges Leben und sein Vater hatte ihm wegen seiner sexuellen Neigungen bereits mit der Enterbung gedroht. Spiro hat enormen Erfolgsdruck, da sein Vorgesetzter die schlechte Presse verhindern möchte und Spiro selbst seinen guten Ruf als Ermittler bestätigen möchte. Doch macht er einen Fehler, er verliebt sich in Nike, die Tochter des Ermordeten, und gerät somit in den Bann der Familie…

Ein Krimi, der besonders durch die Wiedergabe dieser pulsierenden Zeit in Berlin lebt. Ein Bild der Epoche der Weimarer Republik und den Anfängen des Antisemitismus, Rassismus und des Nationalsozialismus. Die Metropole fährt dem Kommissar mit ihrem Nachtleben und hektischen Stadtleben gänzlich ins Blut. Er erlebt die sexuelle Freiheit, die Bars und die rauschenden Feste. Die ganzen Widersprüche der damaligen Zeit werden durch den Text sehr lebendig.

Ein sehr unterhaltsames und stimmungsvolles Krimidebut. Es gibt vergleichbare Krimis, die im Berlin der 1920er Jahre spielen. Doch besonders dieser lebt durch seine Stimmung und den Ermittler, der dem Rhythmus der Großstadt verfällt.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Andrea De Carlo: „Ein fast perfektes Wunder“

Ein fast perfektes Wunder De Carlo Diogenes

Ein Buch, das sich gleich einem leckeren Eis oder einem tollen, eingängigen Rock Song wegschlecken lässt. Somit sind die beiden Hauptkomponenten des Romans bereits erwähnt. Für mich war es ein Wohlfühlbuch, in dem etwas Flair eines Jennifer Aniston-Films auf Wesenszüge von Ritchie Blackmore stößt. Es geht um Protagonisten, die sich in ihrem Leben festgefahren haben und durch das zufällige Treffen zur Besinnung kommen und ihr wahres Glück suchen.

Die Heldin,  Milena, ist eine Italienerin, die nach mehreren Enttäuschungen nach Frankreich ausgewandert ist. Nach unglücklichen Beziehungen mit Männern hat sie auch vorerst mit diesem Geschlecht gebrochen. Sie lebt mit ihrer Lebenspartnerin Viviane in einem Städtchen in der Provence. Sie hat aber ihr wahres Glück dennoch noch nicht gefunden. Auch in dieser Beziehung kriselt es, denn Milena ist nicht bereit für weitere, ernstere Bindungen und schon gar nicht kann sie sich auf den Kinderwunsch ihrer Partnerin einlassen. Ihre Leidenschaft ist ihr Eiscafé und sie probiert ständig neue Geschmacksrichtungen aus. Ihre Kreationen von neuen Eissorten haben ihr einen guten Ruf beschert. Ebenfalls ihre Verpackungen von größeren Eismengen, die sie stets mit handgeschriebenen Zitaten, gleich einem Glückskeks, ausliefert, haben sich herumgesprochen. Ihr Café wird nicht nur für die Touristen eine Anlaufstelle während der Saison, die nun langsam endet. Der Roman spielt an wenigen Tagen und beginnt an einem Mittwoch. Es kommt mal wieder zu einem Stromausfall im ganzen Ort. Sollte nun die Kühlung länger ausfallen, droht ihr Eis zu verderben. Gerade als sie ihr Eis lieber verschenken möchte, trifft eine Großbestellung ein. Es wurden zehn Kilo Eis bestellt, die sie zu einem nahegelegenen Landhaus liefern soll. Gleichzeitig ist der Landhausbesitzer Nick mit einem landestypischen dreirädrigen Fortbewegungsmittel unterwegs. In ihm rumort der typische Rebell, der einen Rockstar wohl ausmacht. Aber auch eine leichte Paranoia hat sich in ihm festgesetzt und er beobachtet alle Menschen mit Misstrauen. Nick ist der Frontmann der berühmten „Bebonkers“. Der Musiker setzt das Dreirad bei der Fahrt durch einen Olivenhain gegen einen diese schönen Bäume. Er ist Engländer und ähnlich wie Milena durch mehrere Enttäuschungen gegangen. Er hat mehrere Ehen durchlebt und lebt nun mit Aileen zusammen. Sie ist eine Modedesignerin und Erfinderin eines Anti-Leders.

Ein Benefizkonzert ist geplant und eine Menge Rockfans aus aller Welt und weitere Stars werden erwartet. Tief in sich spürt Nick etwas anderes, er hat eine andere Seite und möchte doch lieber zarte Melodien auf seiner Mandoline zupfen. An jenem Mittwoch kommt er durch den Unfall genervt auf sein Landwesen zurück. Das gemeinsame Essen steht bevor und er ist der einzige, der das von der Köchin liebevoll gekochte Risotto zu würdigen weiß. Als Nachtisch gibt es Eis aus der Region, das ihn im wahrsten Sinne verzaubert….

Milena fährt nach der Lieferung nachhause und muss sich den Gesprächen mit Viviane stellen. Erneut drehen sich die Unterhaltungen um künstliche Befruchtung, Samenspende und ihre Partnerschaft. Als sie dann von ihrer Großbestellung erzählt, ist es Viviane, die Milena erzählen muss, wer denn wirklich ihr Kunde war, den alle Welt, außer anscheinend Milena, kennt.

Es treffen in der nun folgenden unterhaltsamen Lektüre diese beiden Welten zusammen. Beide leben für ihre Leidenschaft. Die Liebe aus den einfachsten, handverlesenen Zutaten oder aus den künstlerischen Ideen das Beste herauszuholen. Sie versuchen beide, Wunder zu vollbringen, sie mit ihren Eiskreationen und er mit seiner Musik.

Andrea de Carlo ist Fotograf, Maler und Rockmusiker. Daher sind in diesem Roman seine eigenen großen Themen eingeflossen. Er beweist aber auch erneut seine humorvolle Seite. Es tauchen abgewrackte Rocker, Story-heischende Reporter und berechnende Manager auf. Das Buch bietet gute Unterhaltung und versucht aufzuzeigen, dass es sich lohnt, sein Leben in die Hand zu nehmen und gegebenenfalls routinierte Gewohnheiten, die nicht zu einem passen, über Bord zu werfen.  Ein Roman, der sich wie ein dahinschmelzendes Eis liest und einen wohligen Geschmack hinterlässt. Die Protagonisten, die stets mit ganzem Namen genannt werden, wachsen einem irgendwie ans Herz, gleich einem unaufdringlichen und unaufgeregten, geradlinigen Rock Song.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Shumona Sinha: „Staatenlos“

Shumona Sinha Staatenlos Nautilus

Immer wieder taucht er auf, der Eiffelturm. Der Eisenfachwerkturm in Paris wurde als Portal und Aussichtsturm für die Weltausstellung zur Erinnerung an den 100. Jahrestag der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) errichtet. Am Ende steht er im Roman gleich einem Laserschwert, das den Himmel teilt und der Vergleich zu jenem Turm in Babel, dessen Bau durch Sprachverwirrung zum Stillstand gebracht wurde, drängt sich auf. Denn Shumona Sinhas dritter Roman dreht sich erneut um die Fragen der Emigration und Integration. Ein Gegenwartsroman, der dem Leser durch seine ehrliche, schonungslose Sprache und Intensität den Atem zu rauben vermag. Eine Stimme, die das unfassbare und doch gegenwärtige Bild unserer Gesellschaft beleuchtet. Eine Gegenwart, in der aus Misstrauen der Hass wächst und die Angst vor Andersartigkeit beängstigende Formen annimmt. Ein Roman über  Scham, Wut, Verzweiflung und Gewalt. Die alltägliche Gewalt, die akzeptierte und jene, die bestürzt. Gewalt, die die Menschheit toleriert und selbst ausübt. Auch jene sinnlose Gewalt aus niedersten Beweggründen, die ohne sichtbare Absicht oder Plan andere Menschen verletzt.

Der Roman erzählt die Geschichte dreier indischer Frauen. Drei gänzlich unterschiedliche Menschen, die unter ganz anderen Lebensbedingungen aufwachsen und leben. Dennoch sind ihre Lebenswege miteinander verwoben. Der Anfang des Romans wirkt erst wie ein Traum. Eine Frau, die sich aus Lehm befreit und entkommen will, aber der stark verletzte Körper und ihre Seele geben auf. Dieses Bild ist der Auftakt und wird erst gegen Ende gänzlich erklärt. Es ist Mina, eine Bauerstochter, die keine schulische Ausbildung hat. Trotz Androhung der Regierung engagiert sie sich zusammen mit ihrem Cousin politisch, da die Landarbeiter das Land für den Bau einer Automobilfabrik abgegeben sollen. Sie wird in das politische Machtspiel hineingezogen und auch bis zum Ende für die jeweiligen politischen Kämpfe missbraucht. Sam, ihr Cousin, hat sie geschwängert, wird sie aber niemals heiraten. Sie wird entwurzelt und ist somit der Willkür und Unterdrückung der Männerwelt ausgesetzt. Sie steht in Kontakt zu Marie, die im Roman eher die kleinste Rolle einnimmt. Letztere ist es aber, die die Geschichten der drei Frauen verbindet. Sie wurde ebenfalls in Bengalen geboren, aber dann von französischen Eltern adoptiert. Sie ist politisch sehr aktiv und reist regelmäßig nach Indien, auch auf der Suche nach ihrer Herkunft. Ihre Freundin, Esha, arbeitet als Lehrerin in Paris und wartet auf die Einbürgerung. Sie ist der Kern des ganzen Romans. Sie ist eine sehr gebildete und kunstinteressierte Frau. Esha stammt aus Kalkutta, ist dann aber wegen der romantischen Vorstellung von Paris nach Frankreich gekommen. Doch auch in der Weltstadt wächst eine Gesellschaft voller Rassismus und Sexismus und wegen ihres exotischen Erscheinungsbilds muss sich Esha viele dumme und fremdenfeindliche Bemerkungen gefallen lassen. Auch ihr Schultag fordert sie heraus, denn selbst die Kinder und Jugendlichen sind respektlos. Durch einen Angriff aus heiterem Himmel beginnt sie, ihre Vorstellung von Freiheit und der selbst gesuchten Heimat in Frage zu stellen.

Shumona Sinha schreibt stets politisch (siehe: „Kalkutta“), doch ist „Staatenlos“ ihr bisher kräftigstes Werk. Es beschwört Bilder herauf, die sich ganz zart im Kopf des Lesers einnisten, dann aber gleich der Handlung gewaltvoll aufbrechen und fassungslos machen. Man folgt den Geschehnissen im Roman fast atemlos und wird von der sehr deutlichen, aber literarischen Sprache durch den Text getragen. Die drei Frauen werden auf ihre Weise sehr lebendig, aber es bekommen nicht alle die gleiche Zuwendung der Autorin. So sind es besonders Mina und Esha, die dem Leser in Erinnerung bleiben werden. Alle drei Frauen sind entwurzelte Menschen, die nirgends richtig ankommen und angenommen werden. Sie leben in einer Welt voller Rassismus, Sexismus und Unterdrückung. Durch die Biografie der Autorin liegt der Verdacht sehr nahe, dass hier sehr viel selbst Erlebtes in das Werk eingeflossen ist. Ein Roman, der spannend, emotional und atemraubend ist. Es bleibt die Hoffnung, dass es auch solche Bücher sind, die die Wurzeln legen für eine bessere Welt.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Andreas Pflüger: „Niemals“

Andreas Pflüger Niemals Suhrkamp

Jenny Aaron ist zurück. Nach dem tollen Serien-Auftakt „Endgültig“ legt Andreas Pflüger nun den ersehnten zweiten Thriller um die Superheldin vor. Die Vorfreude auf und die Erwartungen an das Buch waren hoch. Andreas Pflüger weiß wie er Spannung aufbaut. Er kennt die Psyche und hört genau auf den menschlichen Körper und versteht es daher, seine Texte sehr lebendig werden zu lassen. Denn es geht um eine blinde Polizistin, die sich körperlich stets unter Kontrolle hat und meist ihre Blindheit gegenüber anderen sogar leugnen kann. Man kann „Niemals“ ohne Kenntnisse des Vorgängers lesen, denn durch Rückblicke werden alle wichtigen Geschehnisse eingebaut und sogar noch vertieft. So bekommt nicht nur Jenny Aaron mehr Tiefgang, sondern auch die Protagonisten um sie herum. Denn so viel kann man wohl getrost sagen, „Niemals“ ist eine Steigerung.

In einem Spiegel-Interview hat Andreas Pflüger mal gesagt, man müsse als Autor Kenntnisse von der Funktion des menschlichen Körpers haben, man sollte wissen, welche Bewegungsabläufe überhaupt möglich sind. So gelingt es ihm immer wieder eine Action aufzubauen, die nicht als Hauptkern der Handlung anzusehen ist, wie leider bei vielen Titeln dieses Genres, sondern als spannungsgebendes Beiwerk, aber auch als Teil der Charakterisierung der Heldin.  Jenny Aaron hat seit einem Barcelona-Einsatz ihr Augenlicht verloren. Aaron hat gelernt, die Resonanz der Dinge zu erspüren, zu erhören. Die Klangwellen, die die Dinge aus ihrem Umfeld zurückgeben, setzt sie als ein Bild zusammen. Sie gibt Klicklaute mit den Fingern oder tritt bewusst mit den Schuhen auf, damit sie durch den Widerhall die Räumlichkeit erfassen kann. Sie hat sich so weit trainiert, dass sie auch waghalsige Strecken joggt. Aber dabei immer die Schritte zählt und auf den Klang der Umgebung achtet. Nicht ahnend, dass sie hierbei auch mal beobachtet wird…

Jenny Aaron gehörte zu einer Sondereinheit, die immer dann agiert, wenn dem BKA offiziell die Hände gebunden sind und nicht weiter an dem jeweiligen Fall arbeiten kann. Durch ihre überragenden Fähigkeiten kann sie sich in der Männerwelt behaupten. Der Roman beginnt in Rom zehn Jahre vor der eigentlichen Handlung und somit fünf Jahre vor ihrem Barcelona-Einsatz. Sie soll einen Mann begleiten, der zu einem führenden Mitglied der Camorra bestellt wurde. Das Treffen verläuft nicht ganz wie erhofft und der Mafia-Boss kann entkommen. Als sie aber vorher eine wichtige Liste aus dessen Tresor sichten will, begegnet sie dem Sohn des Hausherrn und dieses Kind bleibt in ihren dunklen Stunden eine ihrer Halluzinationen.

In der Gegenwart versucht Aaron ihren Weg zu finden. Ihre alte Gruppe des Spezialkommandos will sie überzeugen zurückzukommen. Sie möchte gerne die Frau sein, die sie mal war, vor ihrer Erblindung. Sie hat begonnen wieder Schemen wahrzunehmen und die Halluzinationen zeigen, dass ihr Sehnerv verschont geblieben ist. Also gibt es eine Chance für sie, ihr altes Leben zu ergreifen? Ihre Vergangenheit holt sie ein und sie muss aufhören zu hadern und jeden Zweifel hinter sich lassen. Ihr Todfeind hat ihr zwei Milliarden Dollar vermacht. Jetzt stellt sich die Frage, warum er ihr das Vermögen hinterlassen hat? Um das ganze Rätsel zu lösen beginnt sie eine Reise, aber auch eine Reise in die Vergangenheit. In Marrakesch wartet einer der gefährlichsten Männer auf sie. Als Aaron immer mehr Licht ins Dunkle bringt, beginnt sie einen Rachefeldzug, bei dem sie bereit ist alles zu opfern.

Andreas Pflüger interessiert die Auswirkung von Gewalt und die daraus resultierende Angst. Seine Thriller leben davon und besonders die Action gibt das Tempo vor. Dabei ist das Besondere an diesen Romanen, dass die ausführende Person, die voller Adrenalin ist, eine blinde Heldin ist. Auch wenn es ab und zu unrealistisch erscheinen mag, mindert dies niemals den Lesespaß.

Andreas Pflüger schreibt knapp und actiongeladen. Seine Figuren entwirft er fast wie nebenbei und durch die sehr gekonnte Dramaturgie des Textes werden die Charaktere immer erlebbarer und tiefgründiger. Die Zeitsprünge sind immer gut und einfach hervorgehoben und es gibt keinen Moment, in dem der Leser sich verloren fühlt, sondern eher bemüht ist, jeden kleinen Wink zu erhaschen in der Hoffnung, alles mitzubekommen. Die Figur Jenny Aaron kommt einem beim Lesen immer näher, wird einem immer vertrauter und die Krimiwelt kann sich über diese sehr ungewöhnliche Ermittlerin freuen.

Zum Buch / Shop

 

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Gilles Marchand: „Ein Mund ohne Mensch“

Marchand Ein Mund ohne Mensch Austernbank

„Ich habe ein Gedicht und eine Narbe“.

Diese Zeile steht am Anfang des Romans über einen Namenlosen Erzähler, der diesen Satz im letzten Kapitel wiederholt. Bis dahin trägt er uns und seine Zuhörer in einem Pariser Café durch seine Geschichte. Eine leserverspeisende, berührende Lektüre. Der Debutroman war eine große Überraschung in Frankreich und wurde besonders durch den Buchhandel zum Erfolg. Es geht um die Kraft der Erzählung. Denn das Erzählen und das Reden als öffnende Energie zum Überleben. Die Narbe, die der Erzähler hat, verdeckt er stets mit einem Schal und wie und wo er diese bekommen hat, wird er Stück für Stück offenbaren. Durch die Menschenmenge, die beständig wächst und ihm zuhört, wird seine Geschichte eine Geschichte. Das Gedicht, das er gleich zu Anfang erwähnt, wird erst am Ende des Buches zitiert. Es ist das Gedicht „Oradour“ von Jean Tardieus, aus dem auch der Romantitel stammt. Durch diese Verse werden viele Fragen beantwortet. Gilles Merchand hat mit diesem Roman seine Familiengeschichte aufgearbeitet. Oradour wurde nach der Zerstörung im Krieg nicht wiederaufgebaut und ist ein nationaler Gedenkort. Erst 2013 wurde dieser durch den Besuch von Joachim Gauck einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Der Erzähler ist Buchhalter mittleren Alters und lebt in Paris. Sein beruflicher Alltag ist von Zahlenkolonnen bestimmt und er liebt es, in Stille diesen nackten Zahlen Raum und eigene Geschichten zu geben. Denn seine Routine ist es, sich von allen anderen abzugrenzen und seine Gedanken in sich zu vergraben. Seine Gedankenströme wachsen gleich mit dem Müll vor seiner Haustür, denn dort ist vor kurzem der Concierge verstorben und keiner, er auch nicht, bemüht sich, den täglich wachsenden Abfall zu beseitigen. Ständig trägt er einen Schal, der seine entstellende Narbe, die er seit Kindertagen hat, verdecken soll. Seinen Schals widmet er sogar einen eigenen Raum bei sich in der Wohnung, denn er hat Angst, dass auch diese ihn eines Tages sonst verraten könnten. Denn gleich seinem Großvater bricht er durch die Phantasie aus dem Alltag aus. Anfänglich ist es eine Stille, eine eigene Flucht aus der Realität. Jeden Abend, außer an den Sonntagen, trifft er sich mit zwei Freunden in Lisas Café. Dort trinken sie ihren alkoholverlängerten Kaffee und reden. Lisa ist die ruhende Seele des Freundeskreises und Sam ist eher der stille Zuhörer. Dann ist da noch Thomas, der beständig an einem eigenen Roman schreibt und seit einem Unfall meint, Kinder zu haben, die es aber gar nicht gibt. Auch Sam bekommt mysteriöse Post von seinen verstorbenen Eltern. Als eines Tages der Erzähler ungeschickt den Schal hebt um trinken zu können, bekleckert er sich so sehr, dass er die Runde früher als sonst verlässt. Seine Freunde wollen ihm zu verstehen geben, dass er sich bei ihnen immer gänzlich zeigen könnte, wenn er es wolle. Durch diese vertraute Runde schafft es auch der Erzähler sich langsam zu öffnen. Er erzählt aus seinen Kindheitstagen mit seinem Großvater. Es sind surreale, märchenhafte Anekdoten, die er von seinem Großvater zu erzählen weiß. Erst sind es nur die Freunde, die ihm in ihrem Stammcafé lauschen, aber immer mehr Gäste kommen, um ihm zuzuhören. Alle im Café und wir Leser werden Zeuge wie Literatur erneut Leben verändern, d.h. retten kann. Denn es ist die Phantasie und die Schönheit, die der absurd erscheinenden Realität trotzt.

 „Die Wirklichkeit ist ein wenig überschätzt“

Doch das Absurde weicht am Ende der tatsächlichen Geschichte. Als Leser und Zuhörer fragt man sich bis zum Ende, welche Narben versucht der Erzähler zu überdecken? Welche Wunden tragen alle mit sich herum und hat er nur die Pein hinter dem Schal verborgen? Wo ist sein Humor, seine Leichtigkeit geblieben? Was ist in seiner Kindheit vorgefallen und welche Rolle spielt dabei sein Großvater?

Das Buch wurde in Frankreich gefeiert und bekam diverse Lobeshymnen. Die Übersetzung stammt erneut von der Verlegerin selbst und passt sich gut in das Verlagssortiment ein, das sich auf prägende französische Literatur spezialisiert hat. Ein Roman, dem man schwer entkommen kann. Man möchte eigentlich nur den Anfang lesen und merkt gar nicht, dass man das Buch fast in einem Zug ausgelesen hat. Es erinnert ganz zart an die Werke von Alessandro Baricco. Erneut wurde der Beweis erbracht, dass Romane und Erzählungen, dank der Phantasie, lebensverändernd sein können…

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Marc-Uwe Kling: „QualityLand“

Marc-Uwe Kling Qualityland Ullstein

In naher Zukunft wird das Leben technisch noch optimierter als es bereits ist und der Alltag wird durch Algorithmen bestimmt. Das Ganze hat eine Qualität erreicht, die dem Land gleich seinen Namen gab: das Qualityland.  „In Qualityland lautet die Antwort auf alle Fragen: ok“. Die Menschen sind beständig online und der Ohrwurm bekommt endlich die Bedeutung, die seinem Namen gerecht wird. QualityPartner weiß, welcher Partner zu Dir passt und Menschen, die noch Single sind, legen die Vermutung nahe, Freaks zu sein, die offline leben. Selbst der Straßenverkehr ist durch selbstfahrende Autos gesichert. Der größte Onlinehandel, lediglich „The Shop“ genannt, liefert mit sprechender Drohne die Produkte aus, die man sich wünscht, ohne sie bestellen zu müssen. Das System weiß anhand des Profils, was man haben möchte.

Marc-Uwe Kling hat einen sehr unterhaltsamen Zukunftsroman geschrieben, der wohl sehr nah an unserer Gegenwart vorbeischrammt und bei weitem witziger ist als die üblichen Dystopien und satirischen Romane, die in der nahen Zukunft angesiedelt sind und uns, der Gesellschaft, einen Spiegel vorhalten. Als Leser und Hörer der Känguru-Geschichten hört man in vielen Dialogen die wohl bekannten Stimmen des Kleinkünstlers und seines Beuteltiers heraus. Dies ist wohl auch der einzige Vorwurf, dem man diesem Buch machen könnte, dass Kling seinem Erfolgskonzept treu bleibt. Aber hörige Menschen, die dem Guru Käng verfallen sind, werden gerade dies an Qualityland lieben.

Die Bevölkerung ist eingestuft in verschiedene Levels, die sich aus gesellschaftlichem Ansehen, Errungenschaften und finanziellem Hintergrund ergeben. Die Nachnamen wurden vereinfacht weggelassen und man bekommt den Namen des Berufes des Elternteils mit dem gleichen Geschlecht. So heißt der Held des Romans Peter Arbeitsloser, dem Stück für Stück klar wird, dass irgendetwas mit seinem Leben nicht stimmt. Peters Arbeitsplatz ist die Schrottpresse, denn es ist verboten worden, Maschinen zu reparieren und somit landen viele Maschinen und Roboter bei ihm. Da sie bei Auftragserteilung in seinen Besitz übergehen, legt er den Zeitpunkt der Verschrottung nach eigenem Belieben fest oder auch gar nicht. So befinden sich in seinem Umfeld künstliche Intelligenzen, dümmliche Kampfroboter und ein QualityPad mit dem Namen Pink, das seine Persönlichkeit aus der Lektüre der Gespräche eines Kleinkünstlers und dessen uns bekannten Mitbewohners aufgebaut hat. Die Maschinen, die dem Leser begegnen sind sehr menschlich geworden. So gibt es fliegende Drohnen, die unter Flugsangst leiden, Androiden, die als Schriftsteller unter einer Schreibblockade leiden und ein Kampfroboter mit Belastungsstörung. Die Menschen, die sich gänzlich dem Netz, das seinen Namen wohl nicht ohne Grund von einer natürlichen Falle entwendet hat, hingeben, werden immer stumpfsinniger und mechanischer. Das Internet bietet nur noch dem Nutzer angepasste Seiten und Inhalte. Auch die Literatur wird für den jeweiligen Gemütszustand des Lesers umgeschrieben. Wenn jemand zart besaitet ist, bekommt er u.a. auch mal eine Ausgabe von „Das Lied von Eis und Feuer“, in dem es keine Toten gibt, zu lesen. Der berufliche und private Alltag wird von Algorithmen bestimmt, die diverse Vorschläge machen, die man lediglich mit „ok“ bestätigen kann. Doch was ist, wenn das eigene Profil im Netz nicht zu der wirklichen Person passt? So bekommt Peter eines Tages eine Sendung zugestellt, die er nicht gebrauchen kann. Der Umtausch gestaltet sich als problematisch und Peter verlangt, die Geschäftsleitung zu sprechen. Es kommt zu einem aberwitzigen Trip, der einen fast schon typischen Showdown einer Dystopie beinhaltet und zur Seite stehen ihm dabei menschliche Maschinenstürmer und diverse Maschinen.

Das Buch ist aus der Perspektive von Kaliope 7.3 geschrieben, die dank des Abenteuers ihre Schreibblockade lösen konnte. Nicht nur Peters Abenteuer wird beleuchtet, sondern auch der Wahlkampf in Qualityland. Denn zur Wahl hat sich auch erstmals ein humanoider Roboter aufgestellt. Der Text wird unterbrochen durch diverse Postings, nebst Kommentaren diverser User und Werbeblöcken für Qualityland und die dortigen Unternehmen, die uns das Leben vereinfachen wollen.

Eine tolle Zukunftssatire, die sehr viel Spaß macht und bei der man beim Lesen sofort die Stimme des Autors im Kopf hat, sofern man seine Hörbücher kennt. Eine Mahnung vor der Abhängigkeit von diversen Internetgiganten und vor der Glorifizierung der gänzlichen Digitalisierung. Kling hat somit eine Fortsetzung des Kängurus geschrieben, die keine wirkliche Fortsetzung ist, aber die verlängerte Version dessen Inhalte mitnimmt und in die Zukunft katapultiert.  Känguru 4.1 sozusagen. Witzig, sag ich.

Zum Buch / Shop

Willkommen in QualityLand

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Robert Menasse: „Die Hauptstadt“

Robert Menasse Die Hauptstadt Suhrkamp Verlag

Robert Menasse treibt ein Schwein durch Brüssel. Denn in Brüssel laufen alle Handlungsstränge und Fäden zusammen und ein Schwein durch die Straßen. Es ist ein Buchpreisnominiertes Werk, denn es steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017. Der promovierte Autor aus Österreich ist ein engagierter Europäer und Befürworter eines Europas ohne Nationen. Begeisternd war bereits sein Werk „Die Vertreibung aus der Hölle“, ein Roman, der einen Umgang mit Geschichte darstellt. Sein aktuelles Werk ist ein europäischer Roman und begeistert erneut. Ein elegant geschriebener, toll konstruierter und ironischer Text.

„Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen.“

Es beginnt mit dem Schwein. Es läuft durch die Straßen von Brüssel und alle wundern sich: Wo kommt es her? Was will es? Es kreuzt viele Wege und somit lernen wir die verschiedensten Charaktere kennen. So ist das Tier eines der Verbindungen jener Menschen in der europäischen Hauptstadt. Das Schwein aber auch als makabres Bild: Es geht um Aufzucht, Haltung, Schlachtung, Weiterverarbeitung und Nutzung bis hin zum Export aller Fleisch- und Organpartien der armen Sau. Dabei wird allein das Tier ein politisches Sinnbild der unterschiedlichsten Europäischen Kommissionen.

David de Vriend sieht es als erster. Er lässt seinen Blick durch das Fenster schweifen und bevor er die Wohnung für immer verlässt, sieht er das vorbeilaufende Schwein. In Folge begegnen alle Hauptfiguren des Romans dem Schwein und wundern sich oder kommen sogar zu Fall. Da sind unter anderem: David de Vriend, ein Auschwitz-Überlebender, der in einem Altenheim dahinvegetiert, Kai-Uwe Frigge, ein Büroleiter in der Generaldirektion für Handel, Fenia Xenopoulou, eine aus Griechenland kommende Direktionsleiterin für die eher belächelte Generaldirektion Kultur,  Matek Oswiecki, ein religiöser Mörder, Alois Erhart, ein Wirtschaftstheoretiker, Martin Susman, der Abteilungsleiter der Generaldirektion Kultur, Florian Susman, der Bruder von Martin und Schweinezüchter, sowie Vorstand des europäischen Berufsverbandes für Schweinezucht und Émile Brunfaut, der Brüsseler Kommissar.

Das Image der EU soll aufpoliert werden und es soll ein Feiertag ins Leben gerufen werden, der das Ansehen der Kommission verbessert. Finia Xenopoulou, die mit der Generaldirektion Kultur hadert, erhofft sich einen Karrieresprung und nimmt sich der Aufgabe an. Der Geburtstag der Kommission soll groß gefeiert werden und sie fordert ihr Team auf, Ideen für den Festakt zu sammeln. Martin Susman, ein EU-Beamter, reist während der Arbeit am Projekt nach Ausschwitz und bekommt eine Idee, die aber später in den Mühlen der Bürokratie zermahlen wird. David de Vriend, der dem Deportationszug, der seine Eltern in den Tod führte, entkommen konnte, soll seine Geschichte bezeugen, bevor diese in Vergessenheit gerät und gänzlich mit ihm stillschweigend beerdigt wird.

Der Polizeikommissar Brunfaut kommt ebenfalls in eine schwierige Situation. In dem Hotel Atlas ist ein Mord, eher eine Hinrichtung, geschehen. Als er und sein Team ermitteln, wird er gebeten, den Fall aus politischen Gründen auf sich beruhen zu lassen. Als er die Unterlagen, wie angeordnet, zu den Akten legen möchte, sind diese und die Ordner bereits alle verschwunden…

Das Leben in diesem literarischen Brüssel lebt aus Bürokratie und nimmt bizarre Formen an. Es geht soweit, dass eine europäische Hauptstadt angedacht wird, die auf den Liegenschaften der Gedenkstätte von Auschwitz gebaut werden soll. Und in Brüssel? Rennt immer noch das Schwein und alle fragen sich, woher es kommt, wohin es will und welchen Namen man ihm geben soll. So viel darf wohl verraten werden, das Schwein verschwindet aus der Handlung und was in Brüssel passierte, ist uns allen bekannt. Doch, so viel sei verraten, am Ende steht: „Á survive“…

„Wenn etwas zerfällt, muss es Zusammenhänge gegeben haben.“

Die Figuren sind ein Spiegel auf uns Leser und wir benötigen für Europäische Gemeinschaft keine Einzelkämpfer, sondern der Zusammenhalt funktioniert nur durch Menschlichkeit, Hingabe, Offenheit, Kreativität und Lust, sowie Mut auf und für die Zukunft.

Ein toller Roman, der wohl sehr gute Chancen für den Buchpreis hat.

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes