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Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore 01 – Eine Idee erscheint“

Haruki Murakmai #MurakamiLesen Dumont

Haruki Murakami vereint mal wieder alles, was man an seinen Büchern so sehr liebt. Durch eine Trennung gelangt ein namenloser Held in eine fast magische Berglandschaft und die Welt wirkt um ihn immer mehr wie verzaubert. Dies ist der erste Band des zweibändigen Künstlerromans, in dem es um Kunst, Wahrnehmung und Dualität geht.  Murakami mischt erneut all sein Können in einen Reigen bunter Bilder, die mit wenig Strichen den ganzen Geist erfassen, der uns in seinen Bann zieht. Erneut treten Tiere als Boten auf, die Farben und die Kunst als Mischpalette der Wahrnehmung der Emotionen. Die Grenzen der Welten verwischen sich, denn das Traumhafte verwebt sich mit der Realität.

Der namenlose Erzähler wird von seiner Frau verlassen. Er ist ein erfolgreicher Maler, der seinen Lebensunterhalt durch das Porträtzeichnen bestreitet. Mit der Trennung beschließt er, von seinem bisherigen Leben Abstand zu bekommen. Er möchte keine Porträts mehr malen. Er verlässt seine Heimat und reist längere Zeit durch Japan. Nach seiner Irrfahrt zieht er in das abgelegene Haus, das einem berühmten Künstler gehört. Dieser hat in Europa gelebt und auch die europäische Kunst geliebt und selbst produziert. Doch ist etwas in seinem Leben vorgefallen, so dass er nach Japan zurückgekehrt ist und in der Einsamkeit nach japanischem Stil gemalt hat. Jetzt demenzerkrankt lebt er in einem Heim und somit steht sein Haus in den Bergen leer. Das Haus steht genau auf einer Wettergrenze und der namenlose Erzähler sucht nun ebenfalls in der Einsamkeit der Berglandschaft eine neue Idee für sich, seine Kunst und sein Leben. Doch gelingt ihm das Malen nicht. Ihm fehlt die Inspiration. Das Haus ist vom vorherigen Künstler möbliert und mit einer umfangreichen Plattensammlung ausgestattet. So bekommt er erstmalig Zugang zur klassischen Musik, die in Folge noch weitere Bezüge zu seinem Leben erhalten wird. Eines Nachts hört er ein Geräusch und findet eine Eule, die sich in dem Dachboden eingenistet hat. Dieser Weckruf lässt ihn ein Gemälde finden. Es ist ein meisterhaftes Werk, das ihn wie magisch in seinen Bann zieht. Das Bild trägt den Namen „Die Ermordung des Commendatore“ und zeigt einen jüngeren Mann, der mit wenig Gefühlswallung einen älteren Herrn ersticht. Die weiteren Menschen sind mit einem Gesichtsausdruck des Entsetzens gemalt. Das sonderbare am Bild ist eine Bodenluke, aus der ein Gesicht in die Szenerie schaut. Erst später erkennt der Erzähler den Bezug des Bildes zu Mozarts „Don Giovanni“.

Der Erzähler lebt von seinem Ersparten und gibt für Jung und Alt Malunterricht. Doch eines Tages bekommt er ein sehr lukratives Angebot. Er soll das Porträt eines Mannes anfertigen. Dieser Mann wirkt sehr vermögend und lebt im Tal, fast genau gegenüber dem einsamen Künstlerhaus in den Bergen. Nach kurzem Zögern nimmt er an und der zu Porträtierende fällt durch sein Erscheinen und seinen Namen auf. Sein Name beinhaltet im Japanischen das Weglassen der Farben und trägt selbst gerne Weiß und hat auch gänzlich weißes Haar. Dieser Mann verfügt über sehr viel Zeit und möchte Modell sitzen. Der Ich-Erzähler war es gewohnt, sich lediglich mit den Menschen zu unterhalten und dann anhand von Fotos den Kunden zu malen. Durch die Gespräche erfasste er stets den Geist seines Gegenübers. Jetzt soll er anders arbeiten und er willigt letztendlich ein, um dabei für sich auch neue Wege in der Malerei zu entdecken. Doch er findet keinen Zugang zu dem Mann. Es fällt ihm schwer, diesen zu erfassen und zu porträtieren. Immer wieder treffen sie sich, doch bleibt der Kunde für den Porträtisten ein Mann ohne Gesicht.

Das Unbekannte wächst immer mehr in der abgelegenen Bergwelt und nachts, immer zur selben Zeit, nimmt der Erzähler aus einer absoluten Stille in der Natur ein feines Klingeln wahr. Dem will und muss er nachgehen. Doch der einzige, dem er sich anvertrauen kann, ist sein Kunde, der vermögende, für ihn noch gesichtslose Mann. Kann er sich diesem anvertrauen? Was sind überhaupt dessen Beweggründe für das Porträt und für die Besuche? Warum hat er ihn auserwählt? Als er sich doch an diesen wendet, öffnen sich immer mehr neue Welten. Welchen Einfluss haben der gesichtslose Mann und das Bild „Die Ermordung des Commendatore“ auf den Erzähler?

Ein Murakami voller bunter Fantastik. Ein Roman, der auf einer Mischpalette alles vermengt: Hochs, Tiefs, Farbloses, Buntes sowie Kunst und Banales. Viel Kunst, Sex und Magie füllen die Handlung mit Leben. Murakami versteht es immer, Parallelwelten zu erschaffen, die uns unbekannte Grenzen aufzeigen und das Phantastische verwischt sich mit unserer üblichen Wahrnehmung. Die Auflösung der Realität geht einher mit dem Schweigen des Autors, der uns alleine lässt in seiner phantastischen Welt. Lediglich bis wir weiterlesen dürfen in „Die Ermordung des Commendatore 02 – Eine Metapher wandelt sich“ (Erscheint: April 2018)

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„Die Ermordung des Commendatore 01 – Eine Idee erscheint“

Die Ermordung des Commendatore 02 – Eine Metapher wandelt sich“

Ab 28. Januar 2018 auf Twitter: Folgt @dumontverlag und dem Hashtag #MurakamiLesen, um sich mit anderen Lesern auszutauschen und noch mehr zu erfahren.

 

 

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Arno Geiger: „Unter der Drachenwand“

Arno Geiger Unter der Drachenwand Hanser

Eine Gebirgswand kann sowohl als Versteck als auch als Schutz dienen. Das Gebirgsmassiv, das sich hinter der Handlung aufbaut, hat auch symbolisch etwas Bedrohliches. Die Felswand als Mauer zwischen dem Ersichtlichen und dem Kommenden, das im Ungewissen liegt. Die Handlung spielt in den Bergen im Salzkammergut unter dem Bergrücken der Namensgebenden Drachenwand. Es ist das Jahr 1944 und der Krieg befindet sich in seinen letzten Zügen. Aber noch ist er nicht vorbei und die Frage ist, wann der Frieden einzieht? Die Menschen, die im Schatten der Drachenwand agieren, hoffen darauf, dass es endlich besser werden möge. Die vieldeutige Beklemmung der über tausend Meter steilen Felswand ist eine Metapher und jene Drachen im Namen könnten Pate stehen für die inneren Dämonen, die sich in den Protagonisten durch den Wahn des Kriegs eingenistet haben.

Veit Kolb, der gewissenhaft Tagebuch schreibt, ist erst 24 Jahre alt. Er ist seit mehr als fünf Jahren Soldat. Eigentlich möchte er Elektrotechniker werden, doch hat er bisher nur den Schrecken des Krieges erlebt. Als Soldat hat er gelernt diesen hinnehmen zu müssen. An der Front war der Krieg weniger erschreckend für ihn als jetzt, wo er sich verwundet im Genesungsurlaub befindet. Jetzt lauern ihm seine Dämonen auf. Er leidet unter Schmerz-, Panik- und Angstattacken. Seine körperlichen Wunden heilen mühselig. Sei Genesungsurlaub begann bereits zuvor bei seinen Eltern in Wien. Über seinen Onkel, der Polizist in dem Dorf der Gemeinde Mondsee ist, organisiert er sich ein Zimmer unter der Drachenwand. Seine Zimmerwirtin ist eine barsche, führertreue Frau, die ihn als Drückeberger ansieht. So ist die Stimmung eine fiebrige. Jeder misstraut irgendwie jedem und die Angst, als Verräter oder dergleichen angezeigt zu werden, ist überdeutlich. Lediglich der Bruder der Zimmerwirtin, der von einer Rückkehr nach Rio de Janeiro träumt und lediglich „Brasilianer“ genannt wird, wagt es offen zu reden. Er rät Kolb stets klug zu handeln und hält darüber hinaus mutige Ansprachen gegen das Regime und die Nazis. Diese, die Nazis, die wirklichen Bösen, haben in diesen Kriegsroman keine großen Auftritte. Es sind die Einzelschicksale, die kriegsgeschädigt nun zu Wort kommen. Kolb trifft auf die Lehrerin Margarete, die ihre Schülerinnen, jene Landverschickten, an den Mondsee begleitet. Kolb versucht der Lehrerin näher zu kommen, doch verschließt sich diese vor ihm. Die Liebe lernt Kolb später mit seiner Nachbarin Margot kennen. Margot ist eine junge, verheirate Frau, die mit ihrer Tochter im selben Haus wie Kolb untergekommen ist.

Dem Krieg ist Kolb nur vorerst entkommen. Hier unter der Drachenwand erlebt man ihn durch die über die Berge fliegenden Luftgeschwader. Neben den Tagebucheinträgen von Kolb gibt es dann noch die Briefe. Es sind die Schreiben von Kurt aus Wien, der Liebesbriefe an seine Cousine ins Kinderheim am Mondsee sendet. Briefe der Mutter von Margot, die vom Krieg und dem Bombardement in Darmstadt berichtet und die des jüdischen Zahntechnikers Oskar Meyer. Seine bestürzenden Briefe schildern sein Schicksal der zu spät angetretenen Flucht.

Dieser Kriegsroman handelt von Menschen, die verwirrt, verletzt und abgestumpft sind. Sie alle hält die Hoffnung auf baldigen Frieden aufrecht. Der Roman lebt durch die Stimmung. Es sind besonders die kleinen Details, die den Text aufwerten. Durch die verschiedenen Protagonisten leben die furchtbaren Passagen des Krieges und des Naziterrors erneut auf. Ein kluger und bewegender Roman über die Auswirkung des Krieges.

Arno Geiger ist ein ganz genau beobachtender Autor, der bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Dies, sein aktuelles Werk, ist ein historischer Stimmenfang, der sehr einfühlsam die Zeit Ende des Zweiten Weltkriegs rekonstruiert. Ein Roman über das Schicksal, das Überleben und die Möglichkeit sowie Hoffnung auf Freiheit und Liebe.

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Salih Jamal: „Briefe an die grüne Fee“

Salik Jamal Briefe an die grüne Fee BOD

Singe mir, Muse, über die Alchemie der Seele! Es häufen sich Zitate und Anspielungen im Text, dass man meint der Autor möchte sich durch die Verweise schmücken, d.h. seinen Roman aufwerten. Oder möchte er sich eventuell lediglich dahinter verstecken?

Salih Jamals Debutroman spielt mit dem Aufbegehren, dem Begehren und der Empfindsamkeit der Seele. Die grüne Fee ist Sinnbild der Muse, die oft die Poeten und Mystiker als mythische Spirituose mit dem Namen Absinth inspiriert haben soll. Der Erzähler, ein belesener und gebildeter Mann, blickt zurück auf sein bisheriges Leben. Ein Leben, das ihn anscheinend an den Abgrund geführt hat. Dies ist nicht nur bildhaft gemeint, sondern er sitzt auf einem Sims und lässt die Beine über eine Häuserschlucht baumeln. In ihm rumort eine Todessehnsucht.

Sein Rückblick beginnt in seiner Zeit voller Sturm und Drang. Er will mit wenig Mühen und Arbeit viel im Leben erleben. Sein sympathisches Idol ist Frederick, die Feldmaus aus dem Kinderbuch von Leo Lionni. Die Maus macht bei der Feldarbeit nicht mit, kann dafür das Leben in vollen Zügen in sich aufnehmen und es später, in der dunkleren Jahreszeit, den anderen Mäusen durch seine Erzählung wiedergeben. So ist die Maus durch seine Faulheit irgendwie doch eine spätere Bereicherung, die die Sonnenstrahlen herbeifabuliert.

Der Ich-Erzähler beginnt als Rosenverkäufer und lässt sich später auch nicht vor kriminellen Energien abschrecken. Die Einberufung zur Bundeswehr umgeht er durch eine Inkontinenz-Geschichte und beginnt dann später eine Ausbildung im Handel. Aber eigentlich verlangt er mehr vom Leben und seine Erzählung handelt weiter von seinen Affären und von den Menschen, die in seinem Leben eine Rolle eingenommen hatten. Er sucht die Alchemie der Seele und er verhandelt und hadert innerlich zu weilen auch mit dem Teufel.

Der Protagonist hält einen geradezu fest und lässt einen weiterlesen. Aber kann man ihn mögen und sich mit ihm identifizieren? Er ist arrogant und empfindet sich erhaben. Wohl nicht nur weil er hoch oben sitzt und mit den Beinen bereits über dem Abgrund wippt. Die Sprache ist derb, grob, etwas vulgär und herablassend. Gleichzeitig hat sie auch etwas zartes, poetisches und erscheint irgendwie ehrlich gemeint. Die Anspielungen und Zitate sind hochgegriffen und verweisen auf große Werke der Literatur. Hier ist der Vergleich etwas zu sehr gewollt, gleich den öfters auftretenden Phrasen. Der Vergleich, der oft genannt wird, das vorliegende Buch sei ein moderner Werther, kann niemals aufgehen, dennoch ist es ein Werk voller Sturm und Drang, voller Leidenschaft und Witz. Eine Geschichte aus lustigen, tragischen und melancholischen Anekdoten und Zoten.

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Markus Orths, Michael Stavarič und Marlen Schachinger: „Requiem“

Fortwährende Wandlung

Requiem Septime Schachinger, Orths & Stavaric

Literatur zählt zu der Gattung der Kunst. Sie ist ein fixiertes Dokument, das etwas Fachliches, Musikalisches oder Unterhaltsames vermittelt. Autoren und Künstler vermitteln in ihren Geschichten, Werken und Objekten eigene Emotionen und Wissen. Somit wird es etwas ganz persönliches. Alles ist in Wandlung begriffen, auch die Literatur. Wie vermittelt man Literatur? Wie kann man sie gebührend präsentieren? Diesen Fragen gingen Marlen Schachinger und Michael Stavarič nach einer Veranstaltung nach. In ihren Köpfen rumorte die Idee um eine Lesung für die Toten. Vorerst blieb der Gedanke scherzhaft im Raume stehen. Später wuchs die Idee weiter und wurde zu einer Einheit. Marlen Schachinger, die in einem Chor singt, kam mit kirchlichen Totenliedern in Verbindung und empfand diese Gesänge als sehr unpersönlich. Erstmals sollte nun ein Requiem der Sprache entstehen. Das gab es in der Literatur noch nicht. Eine Totenmesse, die gänzlich auf Musik verzichtet. Nicht aber auf Rhythmus und Reim. Es fanden sich drei Autoren die sich in der „Fortwährenden Wandlung“ austobten: Markus Orths, Michael Stavarič und Marlen Schachinger.

Der Text ist persönlich und stellt die Veränderlichkeit des Lebens in den Mittelpunkt. Unabhängig von der religiösen Erziehung und dem eigenen Glauben wuchs das Gemeinschaftswerk, das in der Pfarrkirche Gaubitsch, Österreich uraufgeführt wurde. Das literarische Fest, das den Tod und somit natürlich auch das Leben in den Mittelpunkt stellt, liegt nun auch als Buch vor.

Der Text folgt Teilstücken der bekannten Vertonungen des herkömmlichen Requiems. Die Elemente der liturgischen Feier dienen als Rahmen für etwas Neues. Die Urfrage des „Warum“, d.h. warum sterben, beinhaltet ein warum und wie Leben? Die Totenfeier wird durch die Kapitel „Lesung – Kain und Abel“ und „Evangelium – Windhauch“ ergänzt. Wenn man sich auf die Sprachkunst des Werks einlässt, sollte man wissen, diese Lektüre braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Es ist dennoch Nahrung für den lebenden Geist und eine Reflexion vor dem Angesicht des Todes. Die Texte reifen im Leser und sind keine leichte Konsumware. Aber auch beim Lesevorgang wird man sich bewusst, die Zeit flieht. Aber die Liebe zum Leben bleibt und ist auch ständigen Veränderungen ausgesetzt. Wir alle, jedes Leben hat seine Aufgabe im Universum. Wir sind zu Teilen für die eigene Metamorphose verantwortlich. Ebenso für die der Natur. Unsere Verantwortung anderem Leben gegenüber wird besonders in „Agnus Dei“ deutlich. Die „Lämmer Gottes“, die wir zur Schlachtbank treiben, können uns wohl keinen seligen Frieden wünschen. Uns bleibt das Hoffen auf ein befreiendes Lachen Gottes. Was nach diesem Requiem im Leser bleibt, ist folgende Feststellung: Genieße das Leben mit den Menschen, die du liebst, bis du und wir dahinschwinden in einem Windhauch…

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Siehe weiteres von Markus Orths im Leseschatz: Orths, Markus: „Alpha & Omega“ & Orths, Markus: „Max

Siehe weiteres von Marlen Schachinger im Leseschatz: Schachinger, Marlen: „Unzeit“ und „Albors Asche“ & Schachinger, Marlen: „Martiniloben“

Siehe das YouTube-Video: »Vom Einfall und anderen Hindernissen« (über den Entstehungsprozess des Werks »Requiem«, erschienen im Septime Verlag: »Requiem« – Marlen Schachinger, Markus Orths und Michael Stavarič

 

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Lindsey Lee Johnson: „Der gefährlichste Ort der Welt“

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Bücher und Literatur über die Probleme junger Erwachsener und das Schlüpfen aus dem kindlichen Kokon gibt es viele. Doch schafft es Lindsey Lee Johnson mit ihrem Roman zu überraschen. Es beginnt wie ein klassischer Roman über das Heranwachsen oder Erwachsenwerden eines Außenseiters. „Der gefährlichste Ort der Welt“ wirkt wie ein vorstädtisches Idyll in der Bucht von San Francisco. Die Charaktere und die Ortschaft sind Sinnbilder der gegenwärtigen Gesellschaft und Lebensweise. Gerade in der Pubertät sind wir zerbrechliche Menschen und anfällig für Demütigungen und Meinungen anderer. Die Lust am Gefallen hat aber durch die sozialen Netzwerke eine noch stärkere Bedeutung erhalten. Die eigene, innere Ansicht und die äußeren Wahrnehmungen driften auseinander und können gefährliche Orte erschaffen…

Tristan Bloch wächst in Mill Valley auf. Er ist in der Schule ein Außenseiter und ändert auch rein äußerlich nichts an der Wirkung seines Erscheinungsbildes. Innerlich empfindet er sich den anderen Kindern gegenüber enthoben und reifer. Er hegt Gefühle für Cally, die seiner Meinung nach sehr tiefgründig ist und etwas Besseres als ihre jetzigen Freunde verdient hätte, nämlich Tristan selbst. Er macht etwas sehr mutiges und schreibt ihr einen echten Liebesbrief. Cally ist ihrer Umgebung sehr hörig und verdeckt ihre eigene Meinung und geht mit dem Schreiben zu ihrer besten Freundin. Diese zieht die Worte Tristans ins Lächerliche und sie gehen mit dem Brief zu dem Mädchenschwarm Ryan. Dieser reißt das Schreiben an sich und Tristans Worte landen im modernen Schaukasten. Die Abfuhr und Demütigung Tristans erfolgen nun öffentlich. Ein Posting auf Facebook von Ryan lässt eine Lawine wachsen, in der jeder eine Meinung hat und diese auch unverblümt veröffentlicht. Lediglich Cally schweigt. Sie bleibt passiv, hält aber ihre Freunde nicht davon ab weiterhin Gemeines zu schreiben.

Der junge Tristan schließt mit seinem Leben ab. Er sieht keinen Ausweg und fährt mit dem Rad zur Golden Gate Bridge und springt in die Tiefe. Dies ist der Auftakt des Buches, in dem nun alle Beteiligten ihre Geschichte erhalten. Die Vorgeschichte, der Weg zum Selbstmord und die Folgen für alle Beteiligten. Alle Schicksale reihen sich nun nacheinander auf und verzahnen sich mit den anderen bis sich der ganze Erzählbogen wieder schließt. Es werden alle Beweggründe und Emotionen beleuchtet: Hoffnung, Trauer, Schmerz und Unsicherheit. Jede Perspektive ergänzt die andere und gerade dadurch bekommt die Geschichte einen spannenden Drive und die Figuren werden immer plastischer und der gefährliche Ort nimmt immer mehr Gestalt an.

Die Figuren sind Jugendliche, die die Welt noch zu entdecken haben. Sie sind noch unerfahren und sehr verletzlich. Sie sind auf der Suche nach Anerkennung und Zuneigung. Die Pubertät als Übergang, als Tor in die Welt der Erwachsenen. Diese Phase hat immer etwas Befremdliches und Schmerzhaftes. Das war schon immer so. Doch hat sich die Wahrnehmung verändert und der Drang sich zu präsentieren und auszuprobieren hat sich verlagert. Die Maßlosigkeit nimmt zu und die Kraft der Worte wird falsch eingeschätzt. Die gesellschaftlichen Rahmen werden strapaziert und gehen über gewisse Maße hinaus. Die Schmerzen und das Trauma, einen anderen Menschen durch Demütigung in den Tod getrieben zu haben, werden einen ein Leben lang verfolgen, doch müssen die Charaktere lernen damit umzugehen.

Was anfänglich als saloppes Jugendbuch gesehen werden könnte, entpuppt sich immer mehr als ein gut komponiertes Werk, das den Leser fesselt und in seinen Bann zieht. Die Autorin versteht es, stilistisch und sprachlich eine tiefgründige Geschichte zu erzählen. Zumindest die Leser der Werke von John Green, Kirsten Fuchs und Catharina Junk werden es mit großer Begeisterung lesen.

Siehe auch die Besprechung auf Feiner reiner Buchstoff

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Sebastian Faulks: „Der große Wahn“

Sebastian Faulks Der große Wahn Mare

Der Mare Verlag hat ein gutes Händchen für feine Schmöker.  Es geht vorrangig um das Erinnern. Das, was uns menschlich macht, sind unsere Gefühle, die Emotionen und der Geist. Was uns prägt, sind unsere Erlebnisse, d.h. vielmehr die Erinnerungen an diese. Unsere Persönlichkeit wird auch durch die Art und Weise geformt, wie wir uns an etwas erinnern.

Sebastian Faulks erzählt die Geschichte eines Psychiaters, der durch die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt wurde und sich in der Gegenwart seinen inneren Barrieren und Fronten stellt. Durch seine Reise in die eigene Vergangenheit, den ganzen Wahn, kann er sich mit der Liebe aussöhnen und sich auf diese erneut einlassen.

Robert Hendricks ist ein erfolgreicher Psychiater und Autor. Er ist ein ständiger Analytiker, der seine eigene Gefühlswelt verschließt. Er kann sich auf ihm nahestehende Menschen kaum einlassen. Er hadert mit der Liebe und sucht eher die körperliche Nähe. Beim Besuch eines Freundes lässt er sich ein Callgirl kommen und hat dann kurzweilig ein schlechtes Gewissen. Seine Partnerin beendet die Beziehung, zwar wegen eines anderen Missverständnisses, aber es ist die fehlende Hingabe und Liebe, die beiden fehlt.

Robert bekommt eine Einladung aus Frankreich. Alexander Pereira, ein 93-jähriger Neurologe ist durch Roberts Buch auf ihn aufmerksam geworden. Er möchte sich mit ihm fachlich austauschen und ihn als seinen Nachlassverwalter berufen. Robert nimmt die Einladung nach kurzem Zögern an und reist auf eine kleine, felsige Mittelmeerküste, auf der Pereira lebt. Sein Hauptbeweggrund für die Reise ist die Behauptung von Pereira, seinen Vater gekannt zu haben. Robert hatte eine vaterlose Kindheit in England und hofft nun, mehr über seine Vergangenheit und seinen Vater zu erfahren. Er beginnt, sich dem Leben auf der Insel zu öffnen und Stück für Stück entfaltet er vor seinem Gastgeber sein erlebtes Panorama. Sein Medizinstudium wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Er machte Karriere als Soldat und kämpfte an vielen Fronten. Er erlebte Freundschaft, aber auch den Schrecken, den sich nur Menschen ausdenken können. Als er angeschossen wurde, ging er zur Genesung nach Italien und lernte dort seine große Liebe kennen, der er sein Leben lang nachsinnen wird.

Der Krieg hat Robert vieles genommen und er wird innerlich verbittert. Durch das Treffen mir Pereira und das unbekümmerte Inselleben lernt er die Türen zu seiner Vergangenheit und seiner Gefühlswelt zu öffnen.

Ein Roman über die Wahrnehmungen des eigenen Lebens und der Geschichte. Das Buch ist vielschichtig und weitschweifig. Es sind grundlegende psychologische und philosophische Betrachtungen, die das Buch ausmachen. Das ist auch der kleine Kritikpunkt, den man äußern dürfte: es ist etwas zu viel und die eine oder andere kleine Kürzung hätte der Text vertragen können. Aber es ist und bleibt ein Roman, der lesenswert ist und gut unterhält.

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Tove Jansson: „Die Zuhörerin“

Die Zuhörerin Tove Jansson Urachhaus Freies Geistesleben

Jede der achtzehn Geschichten ist für sich ein minimalistisches, literarisches Universum. Es sind literarische Frühwerke der Autorin, die im deutschsprachigen Raum erst jetzt veröffentlicht werden und somit hier erst jetzt entdeckt werden können. Die Erzählungen, Geschichten und Parabeln sind sehr ästhetisch und genau beobachtend. Die Geschichten sind eine erfreuliche Reduktion und bieten eine Einsicht in Lebensauszüge und Schicksale. Jeder kleinste Text ist durchdacht und verströmt seine eigene Stimmung. Alle Texte sind fast schon undramatisch, aber dennoch atemraubend.

Tove Jansson (1914 – 2001) war eine Künstlerin und Schriftstellerin. Sie wurde für Ihre Mumin-Bücher international bekannt und erhielt viele Preise. In den letzten beiden Jahrzehnten ihres Lebens schrieb sie Romane und Erzählungen.

In „Die Zuhörerin“ sind 18 frühe Erzählungen von ihr, die im Original bereits 1971 in Helsinki veröffentlich wurden. Das Buch verlangt gleich dem Titel, die Gabe des Zuhörens, des sich Einlassens in die Grundstimmung der Erzählerin. Es ist eine Prosa, die einfach schön, leicht schlicht und sehr tiefgründig ist. Die Handlungen offenbaren sich meist durch kleinste Nuancen. Man taucht ein in eine stillere Welt, in der das Zuhören und Erzählen einen gesellschaftlichen Stellenwert hatte und die wichtigste Quelle und Austausch von Geschehnissen und Ereignissen war. Es tauchen Menschen auf, die ihrer Leidenschaft Ausdruck geben, als sie zum Beispiel in Venedig ein Kunstwerk betrachten und unbedingt erwerben möchten. Oder eine naive Korrespondenz mit einem geliebten Autor beginnen. Neben der Naturmetaphorik klingt eine zarte Philosophie heraus. Ein wahres aus sich Heraustreten und neben sich stehen wird aus der Sicht des anderen, erlebten Ichs ermöglicht. Die Natur, das Umfeld, tritt oft regelrecht als handlungstragende oder richtunggebende Macht auf. Auch ein Eichhörnchen kann kurzzeitig im einsamen Inselleben immer mehr eine zentrale Rolle einnehmen und eine mystische Begabung kann für den Besitzer ein Fluch oder ein Segen bedeuten. Es sind viele Begegnungen, Figuren und Lichtblicke, die das ganze Buch ausmachen. Jede Erzählung benötigt Raum im Leser, um sich ganz zu entfalten.

Tove Jansson kann wunderbar mit Sprache umgehen und schafft es mit wenigen Sätzen eine minimalistische Szene zu entwerfen, die in sich vieles zu verbergen weiß. Es liegt am Leser, diese kleinen, feinen Nuancen, Anspielungen und Emotionen zu finden und auf sich wirken zu lassen. Jede Geschichte kann somit eine Bereicherung sein.

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