Archiv der Kategorie: Erlesenes

Sophie Van der Linden: „Eine Nacht, ein Leben“

Sophie van der Linden Eine Nacht, ein Leben mare

Von Land und Meer, so der eigentliche französische Titel. In dieser Novelle geht es um jene festen Momente, in denen sich alles zu verflüssigen scheint. Es sind die kleinen Ereignisse, die in unserem Leben Großes bewirken und nach sich ziehen werden. Es sind die Situationen, die über das Leben und die Liebe entscheiden können. Henri, der Protagonist, erlebt auf einer felsigen Insel vierundzwanzig Stunden, die besonders in den Dämmerstunden Einfluss auf sein weiteres Leben nehmen werden.

Die Geschichte spielt am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Henri, ein einfühlsamer Künstler, reist von Paris auf eine Insel. Er möchte die Frau aufsuchen, die er liebt. Sie sind Menschen, die sich künstlerisch ausdrücken. Youna hat für sich das Schreiben gefunden und Henri malt bzw. zeichnet erfolgreich. Als er seine militärische Ausbildung antrat, haben sich beide geschrieben. Er inniger und öfters und als er seine Ausbildung beendet hat, bekommt er plötzlich keine Antworten mehr. Youna hat sich auf jene Insel zurückgezogen.

Nach langer Reise mit der Eisenbahn und einer Fähre erreicht er die felsige, kleine Insel. Er nimmt diese als lebendiges Gemälde war und hegt eine verklärte Hoffnung auf die Liebe.

Die Reise, d.h. sein Aufenthalt auf der Insel, verändert ihn. Er sucht das klärende Gespräch mit Youna, da er sich ein gemeinsames Leben mit ihr gewünscht hat. Doch kann sie ihm nicht das geben, was er sich erhoffte. Sie hat ihre Freiheit und ihren Frieden gefunden, kann ihm dies aber nicht verständlich machen und verlangt auch, dass er die Nacht am Strand verbringen möge, weil, würde er bei ihr übernachten, würde dies ihrem Ansehen und ihrem Leben auf der Insel schaden.

So verbringt er schließlich den Abend und die Nacht auf der Insel, bevor er wieder die Heimreise antritt. Er erlebt das malerische seiner Umgebung und hat ihn bewegende Begegnungen. So beobachtet er auf der Insel einen Läufer, der für einen Marathon trainiert, er findet das Gespräch mit einem einsamen Musiker, einem Fischer und einem verängstigten deutschen Soldaten. Während der Morgendämmerung bekommt die Insel ihre Schärfe zurück und die klare Seeluft raubt ihm die erhofften Versprechen. Das Jahrhundert ist noch jung und wird Henri noch öfters die Luft zum Atmen rauben…

Ein stimmungsvoller Roman aus Frankreich, der eine kunstvolle Atmosphäre aufbaut. Ein Roman, der mit Bildern sowie mit Licht und Schatten spielt und die tragische Geschichte einer Liebe erzählt, die vor den sich anbahnenden Katastrophen des Krieges viele menschliche Enden andeutet.

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Michael Ondaatje: „Kriegslicht“

Michael Ondaatje Kriegslicht Hanser

Der neue Roman von Michael Ondaatje beginnt mit einem ersten Satz, der das zentrale Motiv der Handlung umzäunt. „Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ Ondaatje schafft es, gekonnt Bilder im Leser zu erwecken, die eine ewige Beständigkeit haben. Sein Hauptwerk: „Der englische Patient“ hat dies bereits bei vielen Lesern erreicht. Das Bild des verwundeten Soldaten, der bettlägerig seine Geschichte erzählt. In „Kriegslicht“ sind es Kinder, die Zeugen der Geschichte werden und diese staunend beobachten und uns diese somit miterleben lassen. Die Handlung erzählt die Geschichte eines Sohnes, der die geheime Vergangenheit seiner Mutter als Spionin nachspürt.

Gleich der erste Satz wirft Fragen auf. Warum gehen die Eltern einfach und lassen ihre Kinder zurück? Wieso wirken die Männer, bei denen die Kinder fortan leben, kriminell und welche Eltern würden ihre Kinder in solcher Gesellschaft lassen? Der Vater soll, so erzählen es die Eltern, für Unilever nach Singapur. Die Mutter würde mit dem Vater gehen und Nathaniel, der Erzähler, sowie seine Schwester, Rachel, können in der Wohnung in England bleiben. Der Erziehungsberechtigte wird ein Mann, den die Kinder wegen seiner Wesensart, „Falter“ nennen. Der Verlust und die Trauer der Kinder halten nicht lange an. Neben den vielen Freiheiten, die die Kinder nun haben, wird gut für sie gesorgt. Es versammeln sich weitere, dubiose Menschen in der Wohnung. Den Kindern ist es suspekt, dass fremde Leute ihre vertraute Umgebung belagern und deren Beweggründe und Aufgaben auch den Kindern länger unklar bleiben. Eine weitere Bezugsperson ist der sogenannte „Boxer“, der für Nathaniel fast schon zum Vaterersatz wird. Nathaniel, der einige Jobs annimmt, um auch etwas Geld zu verdienen, beginnt für den „Boxer“ bei seinen Schmuggeleien mitzuwirken. Er hört mit der Arbeit als Tellerwäscher und Liftboy auf und fährt fortan mit dem lebensbejahenden „Boxer“ zum Hafen, um Windhunde für die damals begehrten Hunderennen nach England zu schmuggeln.

Gerade als die Kinder sich mit dem neuen Leben abzufinden beginnen, findet Rachel im Keller den Koffer der Mutter. Somit erschließt sich langsam eine Ahnung über den Verbleib der Eltern, d.h. der Mutter. Was wissen der „Boxer“ und der „Falter“ um die Geheimnisse der Eltern? Die bisherige inszenierte Welt um die Kinder beginnt sich aufzulösen. Nathaniel meint auch seine Mutter in London gesehen zu haben. Langsam dämmert ihm, dass sie als Spionin tätig ist und der Wendepunkt im Roman ist ein Anschlag auf die Kinder. Nun beginnt die Suche nach der Wahrheit. Was hat die Mutter gemacht und erlebt? Nathaniel widmet sein Leben der Aufklärung. Als Erwachsener arbeitet Nathaniel für die Regierung und sichtet Geheimakten. Er greift gleich seiner Mutter, die aktiv als Agentin tätig war,  eher passiv in den Verlauf der Geschichte ein.

Bildreich und einfühlsam beschreibt Ondaatje das Leben der Kinder im ersten Teil des Romans. Besonders die Bootsfahrten auf der Themse sind sehr stimmungsvoll gelungen. Doch als sich das Geheimnis lüftet und mit dem Erwachsenwerden des Erzählers, schwindet leider leicht der gekonnt aufgebaute Spannungsbogen. Ondaatje schreibt weiterhin großartig, doch hat man leider auch ein wenig das Gefühl, Ondaatje kratzt nur an den eigentlichen Emotionen und Geschichten. Dies ist aber nur ein kleiner Beigeschmack in diesem großen und sehr lesenswerten Roman.

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Mauricio Botero: „Don Ottos wunderbarer Plattenladen“

Don Ottos Plattenladen Unionsverlag

Don Otto ist nicht nur dem Namen nach Herr eines kleinen Plattenladens in Bogotá.  Er lebt für die Musik und ist ein wahrer Musikkenner und -liebhaber. Jeder der seinen Laden betritt wird irgendwie verzaubert. Denn egal, ob man bei ihm etwas Bestimmtes sucht, einfach stöbern möchte oder mit einer gepflegten Tasse Kaffee das Gespräch mit ihm sucht, hat Don Otto neben der passenden Musik, auch die dazugehörige Geschichte oder Anekdote. So beinhaltet jedes Kapitel menschliche und philosophische Begegnungen, die sich stets um Musik drehen. Musik als universelle Sprache der Emotionen, die niemals ihre Gültigkeit verliert. Musik ist losgelöst von Raum und Zeit. Sie ist für jeden zugänglich und fragt nicht nach Herkunft oder Glauben.

Die Originalausgabe erschien 2001 und lag 2009 unter dem Titel „Otto Dons Klassikkabinett“ bereits auf Deutsch vor. Nun hat der Unionsverlag diesen südamerikanischen Leseschatz erneut gehoben. Die „Lateinamerikanischen Nachrichten“ verglichen diesen Roman mit einer Pralinenschachtel.  So erinnern die Musikstücke und die kleinen Kapitel auch tatsächlich an das Zitat von Forrest Gump: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man kriegt“.

Der Plattenladen „La Caja de Música“ steht im Bogotaner Stadtviertel Chapinero gegenüber der Kirche Nuesto Señora de Lourdes. Schweigsame, harmonische, atonale oder misstönende Menschen suchen das Geschäft auf. Sie suchen Beratung, d.h. bestimmte Musikstücke oder sie kommen einfach wegen der dortigen Atmosphäre. Don Otto, eigentlich Otto Roldán, ist ein passionierter Musikforscher und betreibt bereits seit Jahren sein Musikgeschäft. Der Laden ist für den Stadtteil und die Menschen eine Bereicherung. Denn die Musik, die Don Otto findet, erfüllt die Seelen und drückt die passenden Gefühle aus. Er hilft jedem Kunden, das passende Musikstück zu finden und erzählt stets Wissenswertes über die Musik und jeweiligen Komponisten. Er lässt die Menschen teilhaben an seinem Musikuniversum. Die Kunden, die ihn aufsuchen sind bunt, schrullig, witzig und gedankenverloren. Einer Mutter empfiehlt er z.B. für die Tochter Bach. Punks, denen Don Otto vorurteilsbelastet entgegentritt, sind auf der Suche nach einem bestimmten Werk von Messiaen. Jungen Frauen suchen als Geschenk etwas leicht melodiöses ohne zu wissen, was sie wirklich wollen und werden bei Vivaldi fündig. Die den Laden betreten, finden mit Don Otto besondere Aufnahmen, große Meisterwerke und immer das Gespräch. So ist der wunderbare Plattenladen eine Insel der Ruhe in der turbulenten Zeit. Die klassische Musik als Transporteur des Althergebrachten, des Innwendigen, des in sich Hineinhörenden und uns heute verlorengegangenen genussvoll zuhören Könnens.

Jedes Kapitel ist einem Komponisten, einem besonderen Werk und auch dem Leben des Don Otto gewidmet. Der Roman hat eine Leichtigkeit und versprüht die Freude an der Musik. Egal ob Klassikliebhaber oder nicht, durch dies Buch möchte man Platten, d.h. CDs auflegen und die Musik auf sich wirken lassen. Buch und Musik als Therapie. Ein feines Büchlein, voller Wissen und Charme. Eine lohnende, schöne Lektüre, die Musikgeschichte und –wissen vermittelt und neugierig auf diese macht.

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Maike Wetzel: „Elly“

Elly Maike Wetzel Schöffling

Ein atemraubender Roman, der einem fiebrigen Rausch gleicht, denn die Handlung mit den verschiedenen Sichtweisen flimmert beständig und vibriert förmlich. Das verschwundene Mädchen im Text ähnelt fast schon einer Luftspiegelung und ist dann doch viel mehr als eine Fata Morgana. Die Realität, die eine Familie durch den Verlust, durch das Verschwinden eines Kindes empfindet, kann nur durch die Hoffnung auf Minderung des Schmerzes oder durch das Füllen dieser großen Lücke ertragen werden. In diesem Roman vermischt sich die Realität mit der Kraft der kindlichen Phantasie, dem elterlichen Wunschdenken und den befreienden Träumen. Am Ende ist es dann noch ein Trauma, das stumm geschaltet wurde, und mindestens ein Charakter, der sich stets neu erfindet. Das verschwundene Kind, Elly, nistet sich in alle ein, auch in den Leser.

Elly, das elfjährige Mädchen verschwindet einfach. Die Polizei sagt später, es gibt nur zwei Gründe, warum sie bisher nicht gefunden wurde. Eine abscheuliche Tat, deren Täter nicht will, dass sie gefunden wird, oder das Kind ist es, die nicht gefunden werden möchte. Dieses spurlose Verschwinden macht das Familienleben der übrigen Mitglieder fast unerträglich. Die Eltern versuchen, der älteren Schwester von Elly wieder ein alltägliches Leben zu gestalten. Alle versuchen, trotz des Verlustes irgendwie weiterzumachen. Doch Elly ist in ihren Gedanken, Träumen und Handlungen allgegenwärtig. Die Eltern plagen Schuldgefühle und der Schmerz, den alle Beteiligten fühlen, vergeht einfach nicht. Auch nach vier Jahren bleibt diese Lücke in der Familie. Alles erscheint wie in Auflösung zu sein. Drogen oder Medikamente berauschen nur kurzweilig, können aber keine dauerhafte Linderung versprechen. Elly ist besonders in der Phantasie der älteren Tochter, die auch während eines Klinikaufenthaltes ihre Schwester wieder aufleben lässt, gegenwärtig. Doch auch sie lernt, dass sie nicht alles regeln, bestimmen und sich zurechtbiegen kann. Elly, die mit ihrem Verschwinden alles beherrscht und sich in die Gedanken aller Protagonisten einnistet, wird zu einer großen Lektion für die Beteiligten.

War ihr Verschwinden ein Unfall? Wurde sie missbraucht? Ist sie abgehauen? Die Wunde, die dieser Verlust gerissen hat, kann beim Wunsch, diese Kluft zu füllen, zu überbrücken, fast blind machen. Denn dann kommt ein Anruf, der Seelenheil versprechen könnte, und man hofft mit der Familie, dass es keine schlafwandlerische Luftspiegelung ist.

Ein Roman voller dunkler Trauer, Sehnsucht und einer fiebrigen Atmosphäre. Spannende und tiefgründige Literatur, die durch sprachliche und inhaltliche Virtuosität glänzt. Das Buch ist ein purer Rausch.

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Lesespaß mit Stars

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Ich möchte die Freude am Lesen verbreiten.

Da ich mein Anliegen weiter verbreiten wollte, hatte ich die Idee, berühmte Menschen, die auf den ersten Blick nicht aus der Welt der Bücher stammen, zu fragen: warum Sie gerne lesen, was sie gerne lesen und warum? Ich habe diese Fragen kurz und knapp gehalten, denn ich wollte den Antwortenden die Chance geben, selbst zu entscheiden, wie viel und was sie sagen möchten. Ich wollte nicht zu viel von deren Zeit rauben, hatte aber die Hoffnung, dass diese sich die Zeit nehmen und eventuell ausführlich erzählen würden, sofern sie es wollten…

Ich habe dann viele angeschrieben. Bekannte Menschen aus den Medien, d.h. Künstler, Schauspieler, Politiker und mein Schwerpunkt Musiker. Musiker, da ich selber ein Fan bin und gerade die Musiker, die mich seit Kindertagen begleiten, also jene Bands und Musiker, die sich in der Rockwelt tummeln. Leider habe ich nur wenige Antworten bekommen. Aber ich hoffe, nun werden doch eventuell noch weitere folgen, die ich erneut sammeln und dann veröffentlichen würde.

Überraschend waren viele ehrliche Antworten. Zum Beispiel von den Scorpions, die gerade auf Tour sind und sich gerne, wenn sie etwas mehr Zeit haben, sich mein Anliegen ansehen und ev. unterstützen möchten.

Mein Held während meines Aufrufes ist Udo Dirkschneider geworden, d.h. geblieben. Er hat auf meine Nachfrage sofort geantwortet. Udo ist ein Heavy-Metal-Sänger, der früher als Sänger der Metal-Band Accept tätig war und wird als die deutsche Antwort auf Rob Halford gefeiert. Ein bodenständiger Sänger mit einer feinen Metal-Seele. 1987 stieg Udo bei Accept aus und gründete die Band U.D.O. und DIRKSCHNEIDER. Sein Name steht Pate für international erfolgreichen Metal aus Deutschland. Die Accept- und U.D.O-Songs halten sich hartnäckig und sind zeitlose Metal-Hits wie „Metal Heart“, „Princess Of The Dawn“, „Fast as a Shark“, „Starlight“ oder „Balls To The Wall“. Ich bin schon seit Kind Fan von Metal und daher habe ich mich sehr gefreut, dass diese Legende, auf meine Fragen geantwortet hat. Mehr: http://www.udo-online.com/

 Udo:

1)      Warum lesen Sie gerne?

Udo: „Ich kann dabei wunderbar entspannen“

2)      Was lesen Sie gerade?

Udo: „ORIGIN von Dan Brown“

3)      Was gefällt Ihnen an diesem Buch?

Udo: „es ist wahnsinnig packend geschrieben und baut sehr viel Spannung auf. Sehr fesselnd, es zu lesen“

Ferner hat auch Florian Sitzmann geantwortet.

Er stellt seine Musik in den Dienst bekannter wie unbekannter Künstler, an deren Tracks, Alben, Singles, Videos und Live-Konzerten er kreativ arbeitet. In vielen Fällen als verantwortlicher Produzent, in anderen als Arrangeur, Sound­Designer und Keyboarder. Ebenso oft auch als Komponist, gelegentlich als Orchestrator und Dirigent. Seine Arbeit an mittlerweile vielen hundert Tonträgern führte ihn mit vielen Künstlern aus unterschiedlichsten musikalischen Umfeldern zusammen. Bekannt ist er u.a. als Keyboarder von „Die Söhne Mannheims“  Mehr: https://www.floriansitzmann.de/

Florian Sitzmann

1)     Warum lesen Sie gerne?

Florian Sitzmann: „In einer Welt, die uns alles in Perfektion vorsetzt und dabei geradezu einen Generalangriff auf Augen und Ohren führt, finde ich es anregend, meinen eigenen Geist einzusetzen um aus Zeilen und Buchstaben Lebendiges zu erschließen.“

2)     Was lesen Sie gerade?

Florian Sitzmann: „Martin Schleske: Der Klang: Vom unerhörten Sinn des Lebens. Hier erzählt ein Geigenbaumeister was ihm die erstaunlichen Prinzipien seines Handwerks über Leben und Glauben lehren.“

3)     Was gefällt Ihnen an diesem Buch?

Florian Sitzmann: „Es ist hoch intelligent geschrieben. Es verbindet die Welt der Arbeit mit dem Rest des Lebens. Und ich interessiere mich für beides: Das Leben zu verstehen – und den Instrumentenbau!“

Dies soll einfach Lesespaß verbreiten und ich würde mich freuen, wenn noch weitere Antworten von bekannten Menschen bei mir eintrudeln würden.

Danke an alle, die bisher mitgemacht haben!

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Husch Josten: „Land sehen“

Husch Josten Land sehen Berlin Verlag

„Land sehen“ bedeutet als Redewendung, sich dem Ziel nähern, etwas Hoffnungsloses und das Schlimmste überstanden zu haben. Dies kommt wohl aus der Seemannssprache. Wenn man lange nur Wasser um sich sieht und keinen sichtbaren Anhaltspunkt in der Landschaft, kann das die Seele überlasten und mit dem Ausruf Land in Sicht erwacht das innere Leben.

Nach „Hier sind Drachen“, einem lesenswerten Roman über die Bedeutung der Geschichte, die Philosophie und die Suche nach dem Sinn, geht Husch Josten in ihrem neuen Buch der Frage nach dem Glauben, der Freiheit und erneut der Geschichte nach. Kann man in der heutigen Zeit, in der sich so aufgeklärt fühlenden Gesellschaft, die Gretchenfrage stellen? Kann man die Frage nach der Religiosität, besonders nach dem Glauben ohne Phrasen und Klischees stellen, d.h. beantworten? Ja, man kann, d.h. Husch Josten kann es vortrefflich. Der Roman hat eine sprachliche und philosophische Dichte, die den Leser niemals über- oder unterfordert, sondern, wie von ihrem Werken bekannt, unterhaltsam herausfordert.

Inhaltlich ist es ein Familienroman, der aber spannende Fragen um unseren Glauben stellt. Es ist eine Geschichte, die auch durch den historischen Bezug erschüttert. Erwähnt sei dabei die sogenannte Aktion T4. Die Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen in der Zeit des Nationalsozialismus.

Es geht um den Literaturprofessor Horand Roth, der ganz unerwartet Besuch bekommt. Mit seinem Onkel hat er wahrlich nicht gerechnet. Schon gar nicht, dass dieser plötzlich als Mönch vor ihm steht. Georg, der Onkel, eigentlich ein Lebemann, bringt durch sein Auftauchen, seine Überzeugungen und Gespräche das Leben des literaturliebenden Horand Roth, den der Onkel lediglich Hora nennt, ins Wanken. Gerade weil der Orden, für den sich Georg aus freien Stücken entschieden hat, ein konservativer, umstrittener Orden ist, dessen Ideologien an mittelalterliche Kirchenmacht erinnert. Hora hat Georg als unorthodoxen Menschen kennen und schätzen gelernt. Daher will er der Sache auf den Grund gehen. Wie passt das Weltbild des Ordens mit dem bisherigen Leben des Onkels zusammen? Warum ist er überhaupt Mönch geworden? Was ist der Grund? Ein Mysterium, tiefgründige Erfahrungen, Schuld, Sühne, die erlebte Hölle des Bruders von Georg?

Georg, der als diese Art Mönch keinen Besitz haben darf, erwirbt etwas auf dem Land in Namen von Hora, der nun hier seine Antworten findet. Antworten auf Glauben, Liebe, Hoffnung und Freiheit. Auch kommt er dabei der Geschichte des Bruders von Georg auf die Spur. Eine berührende Heldengeschichte in einer ganz düsteren Zeit.

Der ganze Roman erzählt eine tolle, tiefgründige Geschichte. Voller Geschichten und Geschichte. Es steht der Glaube im Mittelpunkt. Niemand kommt an der Frage des Glaubens vorbei. Auch die wichtigsten Religionskritiker sind gläubige Menschen. Skepsis als gute Voraussetzung. Wer sich mit Glauben beschäftigt, kann ins Zwielicht geraten. Dabei ist es unwichtig, ob man dafür oder dagegen ist. Dieser Roman öffnet nun viele Türen im Kopf des Lesers und schafft eine willkommene, chaotische Ordnung in den Gedanken. Ein Roman, der einen mindestens ans Staunen glauben lässt.

Fantasie bedeutet nicht, sich lediglich etwas auszudenken, sondern aus den Dingen etwas zu machen. Husch Josten hat nicht nur viel Fantasie und Einfühlungsvermögen, sondern auch viel Humor. Sie erzählt klug und einnehmend über Glauben, Liebe, Freundschaft und philosophiert über die bewegenden Fragen des Lebens.

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Walter Hönigsberger: „Clos Gethseman“

Walter Hönigsberger Clos Gethseman Osburg

Die kleine Geschichte und das große Abenteuer des Weines. Wein ist das Getränk, so sagt man, der Götter. Ein guter Wein ist kein einfaches Getränk, es kann, richtig genossen, den Eindruck des Anbaugebiets vermitteln. Der Wein trägt in sich die Reife der umliegenden Natur und transportiert nicht nur einen erinnerungswürdigen Geschmack, sondern jeder Wein erzählt beim Trinken seine eigene Geschichte. Es ist belegt, das der Weinanbau bereits tausend Jahre vor Christi betrieben wurde und somit viel zu erzählen hat. Ebenso verhält es sich mit diesem Roman. Ein Abenteuer- Schelmenroman, der sehr anspruchsvoll unterhält.

Karl Breitenstein gerät in ein Weltkuddelmuddel. Er reist durch die Welt und wird in jahrhundertalte Verschwörungen hineingerissen. Karl, ein Weinliebhaber und –kenner, hört von einem Jakob Jünger, der einen ganz besonderen Tropfen keltert. Er sucht dieses Phantom und trifft auf einen sehr alten Mann, der hoch in den Bergen seinen geheimnisvollen Wein anbaut. Seine Kunden sind Freunde und Menschen, die in der Welt etwas erreicht haben. Liegt es an den jeweiligen Menschen oder an dem guten Wein, der diesen Weintrinkern den gewissen Geist einflößt? Seine Weine tragen lediglich Nummern und die höchste ist nur einem ganz kleinen Kreis und einer passenden Situation vorbehalten.

Marion Drygalski ist als Journalistin einem dreisten Reben-Raub hinterher. Bei ihrer Recherche lernt sie einen mysteriösen Weinhändler Gaston Mugeaux kennen. Er lagert sehr alte und wertvolle Weine, die er seinen betuchten Kunden verkauft. Sein Spezialgebiet ist die Suche nach versunkenem Wein. Das im wahrsten Sinne des Wortes. Er sucht in den Weltmeeren, besonders im Atlantik nach versunkenen Schiffen, die Weine transportiert hatten. Sogar mit Cousteau ist er bereits getaucht.

In Georgien lebt eine kaukasische Weinbauernfamilie mit einem Urgroßvater und dessen Sohn, die beide über hundert Jahre alt sind. In dieser Region laufen viele Mythen zusammen: Das goldene Vlies, die Arche und Dionysos. Der Urgroßvater, der Tolstoi noch persönlich kannte, ist der Hüter der Geburtsgrotte des Dionysos. Ihr Wein, den sie dort anbauen, soll eine lebensverlängernde Wirkung haben. Die nachfolgende Generation will die Landschaft touristisch vermarkten und den Wein in größerem Umfang vertreiben und lockt somit weitere Interessenten an, die nicht nur gutes im Schilde führen. Alle Weinfunde drehen sich irgendwie um die legendenumwobene Weinlage mit dem Namen „Clos Gethseman“, die am Ende des 19. Jahrhunderts von der Phylloxera vastatrix, der Reblaus, nahezu vollständig vernichtet wurde.

Die Handlungsstränge sind verschlungen und treffen sich doch stets wieder. So ist es nicht verwunderlich, dass jener tiefseetauchende Weinhändler Mugeaux auch eine Vergangenheit im Kaukasus hat. Die Frau wiederum, die mit Karl aus dem kleinen Bergdorf flieht, ist ebenfalls mit dieser Geschichte verbunden. Alle sind hinter den Restbeständen und Pflanzen der Clos Gethseman her: unsere Helden, die Mafia, der Vatikan, die Habsburger und die Familien Rothschild und Rockefeller.

Diese realhistorische Grundlage macht diesen fiktiven Weinroman sehr lesenswert. Der Text baut einen Spannungsbogen auf, der pointenreich endet. Walter Hönigsberger ist ein feiner Roman gelungen, der sehr gut ausgewogen ist. Der Inhalt ist unterhaltsam und hat eine gehörige Tiefe. Unsere kulturelle Entwicklung, die eventuell ohne den Wein eine ganz andere gewesen wäre, ist das Credo dieses Buches, dem auch das Zitat von Ernst Jünger vorweg gestellt ist: „Der Wein hat Europa stärker verändert als das Schwert.“ Ferner versteht es Hönigsberger gekonnt diverse Quellen einzubinden. Man findet Bob Dylan neben Wolf von Niebelschütz, Briefe von Marx, Nietzsche und eine fast biblische Offenbarung.

Der ganze Roman ist packend und sprachlich toll erzählt. Das Buch handelt vom Wein und ist gleich einem guten zu genießen.

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