Archiv der Kategorie: Erlesenes

Jürgen Bauer: „Portrait“

Ein Portrait ist eine künstlerische Darstellung eines Menschen. Es gibt sehr berühmte Gemälde, die bis heute Rätsel aufgeben. Wer ist der Dargestellte, ist es eine Frau oder ein Mann? Wie weit hat sich der Künstler in dem Bild selbst verewigt? Jürgen Bauer hat ein literarisches Portrait mit Worten gemalt, in dem drei verschiedene Menschen, eine Mutter, ein Liebhaber und eine Ehefrau, jeweils das Portrait eines Mannes entwerfen.

Dieser Mann ist Georg, der im ersten Teil von seiner Mutter angesprochen wird und sie ihm ihre Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mitteilt. Georgs Mutter, Mariedl, beginnt vor der Zeit seiner Geburt. Sie hatte stets ein einfaches und entbehrungsreiches Leben und war eine hart arbeitende Landwirtin. Als sie von Georgs Vater ganz pragmatisch gefragt wird, ob sie ihn heiraten wolle, sagt sie zu, wechselt den Hof und wird Mutter. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wächst Georg auf dem Hof auf, den Mariedl alleine bewirtschaftet. Da ihr Mann mutig gegen das Naziregime gesprochen hat, musste er fliehen und ist seitdem verschwunden. Georg hat einen Bruder, der sich besser mit der Landwirtschaft arrangiert hat. Ein Onkel, der als Industrieller ein sorgenloseres Leben führen kann, unterstützt Mariedl und die Kinder, wo er kann. Georg, der bisher sehr introvertiert und still war, erhält die Möglichkeit zur Schule und sogar später aufs Gymnasium zu gehen und erwacht aus seiner inneren Stille. Zum Leidwesen seiner Mutter wird aus ihm kein Landwirt, sondern er studiert in Wien und macht später Karriere. Viele Jahre später kommt es zu den ersten Besuchen von Georg, der mal mit seiner Frau oder mit einem einige Jahre jüngeren Mann anreist.

Dieser jüngere Mann ist Gabriel, der auch dem Landleben entkommen möchte und in Wien seine Freiheit sucht. Er reist in den siebziger Jahren gänzlich naiv in die Großstadt und will Abenteuer, schnellen und schmutzigen Sex erleben. Wortwörtlich wird er von Georg auf der Straße aufgelesen und aufgenommen. Es ist keine wahre Zuwendung aus Liebe, sondern der Reiz aneinander und das Begehren, das sie zusammenführt. Georg bekämpft als angesehener Mann der Gesellschaft seitdem innere und äußere Konflikte. Das Leben als Homosexueller in dieser Zeit ist immer noch geprägt von Angst, Unterdrückung und Missachtung und gerade Gabriel rebelliert dagegen und wird immer lauter. Georg hadert mit dem Politischen und seinem Wunsch nach Privatem.

Durch die Leidenschaft zur Oper lernt Georg Sara kennen. Sie hatte auch keine schwerelose Kindheit und entschließt sich, Sängerin zu werden. Sie kommt ebenfalls nach Wien und hier treffen sich die Wege. Sie hat als Sängerin und besonders als Opernsängerin keine Erfolge. Sie heiratet Georg, da sie in ihm einen Mann sieht, den sie nach ihren Vorstellungen formen und lenken kann.

Es sind somit drei Geschichten, drei Sichtweisen, in deren Zentrum Georg steht. Es sind seine Mutter, die in ihm den versnobten, feinen Pinkel sieht, der sich für etwas Besseres hält. Sein Liebhaber, der krank wird und seine Ehefrau, die mehr den Schein wahrt und die Macht innerhalb der Beziehung haben möchte.

Georg als Mittelpunkt, als die Figur, um die sich alles dreht und den alle mit ihren Erzählungen ansprechen. Warum sie dies machen, erschließt sich erst am Ende. Wer ist Georg? Zeichnen die Mutter, der Liebhaber und die Ehefrau ein wahres Portrait von ihm? Sind es letztendlich doch nur sie selbst, die von sich erzählen?

Vieles wird anhand der Charaktere und deren Erzählungen thematisiert. Die Betrachtungen und Porträts, die wir von einander unbewusst oder bewusst erstellen, malen das Bild unseres Umfeldes. Welches Bild macht sich jeder vom anderen? Was bleibt im Verborgenen, wird verdrängt oder eventuell übersehen? Was erkennt man im anderen Menschen und was sieht man von einem selbst in dem Betrachteten?

Jürgen Bauer haucht seinen Figuren sehr viel Leben ein und jeder Bericht hat einen eigenen Erzählton. Die Projektionen werden immer farbiger und das Portrait des ganzen Romans reift im Betrachter, d.h. im Leser. Wohl der bisher stärkste Roman von Jürgen Bauer, dessen Umschlag ein von ihm selbstgemaltes Ölbild zeigt.  

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Buchblog-Awards 2020 FINALIST!

DANKE AN ALLE LIEBEN BUCHMENSCHEN!

Wir sind Ihnen und Euch so dankbar, denn erneut sind wir FINALIST!

Die Finalisten des Buchblog-Awards 2020 stehen fest und wir sind einer der fünf besten Buchhandlungsblogs. Siehe: https://www.buchblog-award.de/news/finalisten2020/

Das ist eine so große und tolle Auszeichnung!

Danke an alle, die für uns gestimmt, uns nominiert haben und mögen, was wir so machen! Wir freuen uns wirklich sehr und feiern mal unseren Leseschatz!

Danke auch an das tolle Bubla-Team!  #bubla20 

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Sandra Weihs: „Delilah“

Ein wunderschöner Roman über Liebe, Freundschaft, das Erwachsenwerden und die tiefverwurzelte Sehnsucht nach Freiheit.

Die Erzählerin sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt auf den Garten und in ihre Kindheit zurück. Immer wieder rücken der Apfelbaum und seine Früchte in das Blickfeld. Wie die paradiesische Frucht, so sind auch die Namen der Hauptcharaktere voller Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten. Diese sind Penelope und Delilah.

Penelope ist die Erzählerin, die als Schülerin schüchtern in Erscheinung tritt. Als eine neue Klassenkameradin in ihr Leben tritt und sich im Klassenraum neben sie setzt, beginnt ein gegenseitiges Umkreisen. Die neue Freundin nennt sich Delilah. Dies ist nicht ihr wahrer Name. Sie hat sich selbst so genannt und trägt diesen wie eine angezogene Rolle, die aber gänzlich zu ihr passt und sie erfüllt. Mit dem Auftritt von Delilah beginnt eine Art des Strahlens um das Leben von Penelope. Durch Delilah erhält alles eine Einfachheit, eine Schönheit und die schwermütigen Gedanken scheinen zu verfliegen. Delilah zieht alle in ihren Bann. Sie hat drei Arten des Lachens. Das freie, aus dem Herzen kommende, was-soll-schon-passieren Lachen, das Lachen über sich selbst und das stillere Lachen, indem eine Sehnsucht, ein Wunsch verborgen liegt und durch diese introvertierte Geste etwas Zartes, Trauriges mitschwingen lässt.

Die jungen Frauen werden gute Freundinnen. Delilah hat etwas Zartes, Wildes und Freies, das sich auf die Menschen in ihrem Umfeld abfärbt. Während eines langen Herbstes bilden sie einen Freundeskreis aus jungen Frauen und Männern, die im Leben noch Suchende sind. Delilah sieht überall die Liebe, die ihren Weg, auch durch die stärksten Hindernisse, findet. So ist es kein Wunder, das sie von vielen gemocht und geliebt wird. Dabei geht sie oft ihren eigenen Weg. Dies zeigt sich auch im Bild der Obsternte, als Penelope das Fallobst einsammelt, Delilah aber nur Augen für die schönen, gereiften Äpfel am Baum hat.

Penelope, die als auktoriale Erzählerin auf die Geschichte zurückblickt, erinnert sich auch an die Zeiten nach dem Herbst voller Liebe und Freundschaft. Es folgt ein klirrender Winter, in dem die Freundschaften auf die Probe gestellt werden. Die Freundschaft zu Delilah und die aufkommende Beziehung zu Jonas im Zentrum jenes Winters und dem folgenden, wechselhaften Sommer.

Ein wunderschön geschriebenes Werk. Delilah begeistert durch die Leichtigkeit, Schönheit und Vielseitigkeit. Eine feinfühlige Geschichte einer Jugend. Es geht um Freundschaft, die erste Liebe, um Selbstfindung und Freiheit. Das Buch ist in einer klaren, bildhaften Sprache geschrieben, die sich trotz der Thematik niemals ins Verkitschte oder zu Verträumte verrennt.

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Hüseyin Yurtdas: „Der Verkrochene“

Ein Buch, das uns herausfordert und nicht zum lediglich schönen Lesen einlädt. Vielmehr provoziert der Text und man gerät mit den kleinen Reden, d.h. Kapiteln, in den Bann des Protagonisten. Am Ende ist man froh, es erlebt zu haben und man taucht immer weiter in die Gedankenspiele der Figur und in die eigenen ein. In 99 kleinen Abschnitten (manchmal ist es nur ein Satz) sprudelt das Innenleben des Erzählers auf uns ein. Er nennt sich selbst einen Idioten, einen einsamen Lügner und doch beginnt man, an die Wahrheiten zwischen den Zeilen zu glauben. Man gerät mit dem Buch selbst ins Straucheln und vergräbt sich mit dem Text in die Innenwelt eines modernen Menschen. Ist es ein Prometheus, der bereits bei Goethe gewütete hatte, ein verlorenes Ich, wie bei Gottfried Benn oder ist das Ganze eine Publikumsbeschimpfung, die sich bei Peter Handke an den Zuhörer wendet, bei Yurtdas aber fast mehr an den Erzähler selbst gerichtet ist?

Der Verkrochene ist ein junger Mann, der bereits als Jugendlicher vereinsamte und Liebe vermisst. Er hatte Beziehungen, aber diese sind wohl am kränkelnden Egoismus gescheitert. Er spielt mit seinem Umfeld und besonders mit uns, den Lesern und Zuhörern seiner Texte. Man beginnt zu glauben, ihn zu kennen, seine Eigenarten erkannt zu haben. Doch sagte er selbst, er wäre ein Lügner. Welche seiner vielen Visionen seines Selbst ist wahr? Wer ist er? Wir glauben ihm, dass er sich selbst nicht erträgt. Er ist weinerlich, pessimistisch, düster und wohl ein defekter Mensch. Doch dann zieht er seinen Lügen über sich selbst die Decke weg. Mit seinem anfänglichen Gejammer und Gemecker nervte er, dann schlägt er um und perlt sich anders aus seinen Texten heraus.  Er wendet sich direkt an uns, wie auf der Brechtschen Bühne.

Er sehnt sich nach der Gesellschaft, nach Anerkennung und Liebe. Seine Selbstäußerungen sind verstörend. Seine Bilder zeigen ein verletztes und verwundetes Ego. Dabei redet er gegen sich und andere tabulos. Ist er der moderne Mensch, der hier zu uns spricht? Seine Inszenierungen sollen uns täuschen und sind imaginäre Machtspiele. Die persönliche und geistige Entwicklung steht im Schatten der Anerkennung aus dem Umfeld. Das sich Hineinsteigern aus Angst, Verlorenheit und Einsamkeit in Bilder, die man von sich selbst entwirft, um Gehör zu finden, ist allzu oft Blendwerk. Die Ablenkung vom Selbst als Taktik des Verkrochenen.

„Der Verkrochene“ zählt zu einer ehrlichen Undergrounderscheinung der türkischen Literaturszene der letzten Jahre und liegt nun in der deutschen Übersetzung von Barbara Yurtdas vor.

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Yoko Ogawa: „Insel der verlorenen Erinnerung“

Was passiert, wenn wir immer mehr vergessen? Nicht als Individuum, sondern als Menschheit. Was passiert durch den Verlust der Erinnerung mit der Kultur, der Gesellschaft und dann doch wieder mit dem Individuum? Yoko Ogawa hat eine faszinierende Parabel über Verlust geschrieben. Verlust von Vergangenem, Seiendem und dadurch letztendlich auch von Freiheit. Etwas Schleichendes, aber Unabwendbares geschieht in dieser Fabel, in der vieles sich verabschiedet wie Schnee, der sich in einem strömenden Gewässer auflöst.

Der internationale Bestseller erschien bereits 1994 in Japan, liegt nun erstmalig in der deutschen Übersetzung von Sabine Mangold vor und war für den Booker Price nominiert. Ogawa ist eine der bedeutendsten Autorinnen Japans und begeistert immer wieder aufs Neue mit ihren Werken.

Die Handlung spielt auf einer vom Festland weit entfernten Insel, auf der sich die Menschen mit einem Phänomen und einem totalitären Staat abgefunden haben. Das Phänomen betrifft ein regelmäßiges Verschwinden von Dingen. Es ist vorerst ein Gespür, eine Ahnung, dass wieder etwas verloren gehen wird. Am kommenden Tag ist es dann auch schon weg und alles, was daran erinnern könnte, muss vernichtet werden. Dafür sorgt die Erinnerungspolizei. Anfänglich waren es unbedeutendere Sachen, dann griff das Vergessen immer weiter um sich und nahm zum Beispiel die Spieluhren, die Vögel und die Rosen mit. Die Rosen auch als Symbol der Liebe, denn durch das Leben auf der Insel verkümmern immer mehr die Herzen der Menschen. Das Vergessen frisst sich auch durch die persönlichen Erinnerungen. Fällt ein Ding in den Fluss des Vergessens, ist auch die individuelle Erinnerung daran gelöscht. Wie bei einem Puzzle, dem man ein oder mehrere Teile wegnimmt, verschwindet Stück für Stück das Gesamtbild und der Bezug zum Ganzen. 

Doch gibt es Menschen auf der Insel, denen man die Erinnerungen an die Geschichten nicht nehmen kann. Bei diesen Personen klappt die Auslöschung nicht und somit sind sie eine Gefahr für den Staat und ein Opfer der Erinnerungspolizei. So hat sich auch die Mutter der Heldin lange an Vergangenem festgeklammert und wurde dann doch abgeholt und eventuell ausgelöscht. Die Hauptfigur ist eine Schriftstellerin, die gerade einen neuen Roman schreibt, in dem die Protagonistin ihre Stimme verliert und nur mit Hilfe einer Schreibmaschine kommunizieren lernt. Mit dem Defekt dieser Maschine, wird die Romanfigur ein Opfer des Schreiblehrers. 

Die Schriftstellerin geht regelmäßig mit ihrem Lektor R das Manuskript durch, der Anmerkungen oder Veränderungen vorschlägt, dabei wird deutlich, dass er zu den Menschen gehört, die nicht vergessen können und die verlorene Dinge noch im Kopf und Herzen tragen. Da die Erinnerungspolizei immer skrupelloser vorgeht, reift der Plan, den Lektor zu verstecken. Mit Hilfe eines älteren Freundes, der auf einer vergessenen Fähre lebt,  bauen sie eine Kammer im Untergeschoss ihres Hauses, um R dort zu verstecken. Aber auch die Razzien der Polizei werden immer häufiger und brutaler. Was passiert, wenn die Menschen selbst verschwinden müssen? Wo Erinnerungen, Geschichten oder sogar Bücher vergessen, wenn nicht sogar verbrannt werden, verbrennt sich dann nicht auch letztendlich die Menschheit?

Eine wunderbare Fabel. Ein kleines Meisterwerk, das als Parabel die aktuellen politischen Geschehnisse weltweit einspannt und uns gleichzeitig die Welt neu durchdenken lässt.

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Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“

Rolf Lappert Das Leben ist ein unregelmäßiges Verb Hanser

Ein Roman, der gänzlich begeistert und so unterhaltsam, klug und umfangreich ist, dass er einem Vergleich mit John Irving, dem großen amerikanischen Erzähler, standhält. Es ist besonders die genauste Ausarbeitung der Charaktere, die hier zu fesseln versteht. Die Figuren sind sofort präsent, nahbar, werden immer plastischer und bekommen eine enorme Tiefe. Es geht um Kinder, die in einer Kommune aufgewachsen sind und sich plötzlich der wahren Welt stellen müssen. Doch ist diese Befreiung für die Jugendlichen ein Schritt in die Freiheit?

Es ist keine Lebensgemeinschaft, die den Kindern etwas Schlimmes abverlangt. Sie werden nicht politisiert, missbraucht oder radikalisiert. Sie wachsen lediglich ohne Schulbildung auf und helfen bereits als Kinder in der Landwirtschaft. Sie leben abgeschottet von der restlichen Welt. Die Realität und Bildung erhalten sie von den „Alten“, den Erwachsenen, vorgelebt und aus Werken der Weltliteratur vorgelesen. Diese Hippie-artige Gruppe, die mit ihren eigenen Regeln lebt, sich der Realität verweigert und den Kindern vorgaukelt, diese Welt aus den Büchern gäbe es gar nicht, wird plötzlich aufgehoben. Behörden lösen die Kommune auf, die Erwachsenen müssen sich verantworten und die Jugendlichen werden getrennt untergebracht. Diese Jugendlichen sind: Frida, Ringo, Leander und Linus.

Sie empfinden sich als eine Einheit, zusammen sind sie etwas und nun, da sie getrennt sind, bilden sie leere Worte, die nicht mehr in der Lage sind Sätze, geschweige denn eine Geschichte zu bilden. Als die Landkommune, genannt „Winnipeg“, 1980 in Norddeutschland entdeckt und aufgelöst wurde, bricht für die geretteten Kinder eine Welt zusammen. Wie Geblendete stehen sie plötzlich im Licht einer neuen, ihnen fremden Welt. Die neue Umgebung überfordert sie. Sie fühlen sich vertrieben und fremd in dem jeweiligen Umfeld. Die Behörden, die Medien und die Menschen, die sich ihrer annehmen, sehen es als ihre Rettung an. Doch können die Jugendlichen diese Rettung nicht begreifen. Hier beginnt die Handlung des Romans, der ein literarisches Panorama offenbart und faszinierend die einzelnen Biographien aus den unterschiedlichen Perspektiven aufbaut. Mal als herkömmlicher Erzähler, mal als ein Bericht gegenüber einer Journalistin. Am Anfang weiß man noch nicht, was mit allen passiert ist. Besonders der Verbleib von Linus ist fraglich. Die Biographien und die Werdegänge von Leander, Ringo und Frida werden im Roman ausführlich ausgearbeitet. Leander leidet anfänglich am meisten, wirkt gänzlich überfordert und entwickelt fast autistische Züge. Ringo wird es sein, der ihn besucht und durch ein makabres Krötenspiel aus der Starre erlöst. Frida kommt zu Großeltern, die sie für sie nicht erwärmen können und auch mit der Situation hadern. Frida geht seitdem immer wieder neu auf die Suche nach sich selbst und irrt im Werdegang durch die Welt und das Leben. Ringo wirkt gefestigt und gerät erneut in den Fokus der Medien als Held, als er ältere Bewohner aus einem brennenden Seniorenheim rettet. Somit bleibt er, zwar auch innerlich kaputt, ein Medienereignis.

Alle sind auf der Suche nach Glück und Festigung ihres Daseins innerhalb der Gesellschaft, die für sie immer die Neue bleiben wird. Das Leben wird für sie alle schwer bleiben und die damals abgeschirmte Jugend, die sie selbst als nicht falsch angesehen hatten, wirkt weiterhin beständig als Erwachsene nach.

Das ganze Buch moralisiert nicht. Ein Roman, der durch die Fülle und die Vielfalt lebt. Die Geschichte ist brillant aufgebaut und erzählt. Mit den Perspektiven wechseln auch die Stimmungen und die Sprachfarbe. Ein wunderbares, tiefgründiges Werk, das unfassbar gut geschrieben ist und mit glaubhaften Haupt-, sowie Nebenfiguren und Details belebt ist. Ein Anwärter für den Leseschatz des Jahres.

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Máirtín Ó Cadhain: „Die Asche des Tages“

Máirtín Ó Cadhain Die Asche des Tages Kröner

Irische Literatur hatte und hat immer noch oft Kultstatus. Dies liegt wohl an der fröhlichen Melancholie und dem schwarzen sowie hintergründigen Humor. Máirtín Ó Cadhain ist einer dieser Autoren, die diesen Kultstatus behaupten und neben James Joyce, Roddy Doyle und besonders Flann O’Brien in jedes Bücherregal gehören. Máirtín Ó Cadhain ist wohl leider einer der unbekannteren Autoren, dabei gilt er als einer der wichtigsten Autoren und Erneuerer der irischsprachigen Literatur.

Der Held in „Die Asche des Tages“ wird lediglich N. genannt. Er macht gerade etwas durch, das wohl viele kennen dürften. Etwas, das eigentlich unbedingt erledigt gehört, verschiebt man so lange, bis es zu spät, von anderen erledigt oder gänzlich unmöglich ist, noch verarbeitet, bzw. in Angriff genommen zu werden. Bei N. wird es immer schwieriger, denn es handelt sich um die Beisetzung seiner Ehefrau. Eigentlich sollte er sich um die Beerdigung, die Trauerfeier und alles andere, das so bei einem verstorbenen Ehepartner anfällt, kümmern. Da er bereits viele Fehlstunden bei der Arbeit hat, ist er aber erstmal in das Büro gegangen. Hier rufen ihn die Verwandten an, die ihn ausmeckern, weil er nicht an der Seite der Verstorbenen ist und hilft. Er verlässt das Büro, geht aber nicht nachhause, sondern trifft Bekannte und in einem Pub wird ihm eine Telefonnummer einer Krankenschwester gegeben, die eventuell bei der Aufbahrung behilflich sein könnte. Doch bekommt N. Bedenken, diese zu kontaktieren. Weil er sich als Witwer sorgt, wie er zukünftig alles alleine wirtschaftlich gestemmt bekommt, versucht er Rabatte bei dem Beerdigungsinstitut zu erhalten. Aber auch hier sind die Menschen, bei denen er anfragt, keine rechte Hilfe. So macht sich N. schon seine Gedanken, verdrängt aber die eigentliche Situation und taumelt verloren durch Dublin. Hierbei wird immer deutlicher, dass er ein pathologisches Problem zu haben scheint. Seine Odyssee durch die Stadt ist somit eine tiefe, traurige und humorvolle Charakterstudie. Hätte er nicht eigentlich genug Sorgen, wird auch anfänglich sein Portemonnaie gestohlen. Doch er streunert weiter durch die Stadt, während die Menschen weiterhin ihren Tätigkeiten nachkommen. Für ihn wird es  durch seine stundenlange Irrfahrt immer unmöglicher, nachhause zurückzukehren. Ein Zuhause, in dem aller Wahrscheinlichkeit die Verwandten der Verstorbenen auf ihn warten. Diese aus seiner Sicht grantigen Schwestern haben ihn bereits angekeift und in seiner Hoffnung werden sie die Trauerfeier aber wohl auch besser ohne ihn organisiert bekommen. Dieser Gedanke und auch der Mut, sich zu entschuldigen, beflügeln ihn. Aber dann kommen irgendwann doch die Schwere, das schlechte Gewissen und die Erinnerung an das, was alles noch vor ihm liegt, zurück und er irrt weiter…

Man leidet mit N., auch wenn man ihn gerne an den Schultern schütteln möchte. Man glaubt ihm seine Gedanken und denkt, er wird alles irgendwann eventuell doch meistern. Der, der es meistert, ist der Autor. Ein typisch schräger, irischer Roman. Máirtín Ó Cadhain reiht sich mit dieser feinen Wiederentdeckung und Übersetzung von Gabriele Haefs in die Kultwerke (z.B. Flann O’Brien in der Übersetzung von Harry Rowohlt) der irischen Literatur ein. Also, gerne alles aufschieben und Máirtín Ó Cadhain lesen!

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Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Christine Wunnicke Die Dame mit der bemalten Hand Berenberg

Egal wo wir Menschen leben oder woher wir kommen, wir schauen alle zu den Sternen. Das ganze Firmament beinhaltet in jeder Kultur unzählige Geschichten. Ein Sternbild ist klein oder groß, jeweils wie wir es gelernt haben. Für einige ist es zum Beispiel die Kassiopeia und für andere ist dies nur ein Auszug, eine bemalte Hand, aus einem größeren Sternbild. Dennoch verbindet das Sternedeuten und -betrachten. Es ist in gewisser Weise eine Sehnsucht nach Erklärung, Sprache und Wissen. Gleichzeitig aber auch Wegweiser in der astronomischen Navigation.

In dem wunderschönen und teilweise humorvollen Roman geht es um den Mathematiker, Kartografen und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der auf Meister Musa, einen persischen Gelehrten und Astrolabienbauer aus Jaipur, im Jahre 1764 trifft. Meister Musa hat gerade ein kunstvolles Astrolabium an einen Kunden geliefert, der dies gar nicht zu würdigen weiß, sondern nur als Sammelstück in seine Ausstellung stellt. Eigentlich wollte Meister Musa weiter nach Mekka reisen. Doch auf der Reise in Indien, nahe Bombay, gerät das Schiff in eine Flaute und Meister Musa lässt missgelaunt an einer kleinen Insel anlegen.

Carsten Niebuhr reist mit einer Forschungsgruppe, im Auftrage des dänischen Königs und des Göttinger Theologen und Orientalisten Johann David Michaelis, nach Arabien und nach Vorderasien. Johann David Michaelis hält wenig von dem jungen Niebuhr und schikaniert ihn vor der Abreise bei seinen Vorlesungen. Die Forschungsreise soll Beweise und Wahrheiten für den Inhalt der Bibel sammeln. Doch Carsten Niebuhr möchte auf den von Johann David Michaelis formulierten Fragenkatalog gerne stets mit dem eigenen oder bestätigten Unwissen antworten. Alle wissenschaftlichen Gefährten werden auf der Reise sterben und Niebuhr erkrankt an der bis dahin unerforschten Krankheit Malaria. Daher ist es fraglich, ob alles, was er in Folge erlebt, sich tatsächlich so zugetragen hat. Er strandet auf seiner Reise ebenfalls auf der vor Bombay liegenden Insel Elephanta. Die Insel ist heutiges Kulturerbe.

Es treffen also Meister Musa und Carsten Niebuhr aufeinander. Sie warten auf Rettung und begeben sich zusammen auf Erkundung der jeweils anderen Kultur. Persisches Wissen trifft auf die Errungenschaften der frühen Neuzeit. Geschichten treffen auf Mystik und Poesie.

Mit feiner Ironie und ganz viel Poesie ist dieser Roman ein Eintauchen in eine reale und doch fantastische Welt. Die wissenschaftliche „Arabische Reise“ als Ideengrundlage von Europäern, die in die Ferne reisen, um eigentlich doch nur ihre Geschichten belegt zu finden und doch dann auf mehr gestoßen werden. Ein Warten auf Rettung zweier Menschen unterschiedlicher Kulturen, die sich nicht nur über Sternbilder unterhalten. Wie es endet steht wahrlich in den Sternen.

Ein Roman, der mit Historischem spielt und daraus eine eigene Kunst macht. Das Buch ist eine kluge und unterhaltsame Lesereise.

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Paolo Maurensig: „Der Teufel in der Schublade“

Paolo Maurensig Der Teufel in der Schublade Nagel & Kimche

Paolo Maurensig hat endlich ein neues Werk geschrieben. Der Text ist eine Schachtel in einer Schachtel und kommt als Fabel nicht an Goethe vorbei. Ein Protagonist, der mephistophelisch eine Dorfgemeinschaft aufwiegelt und sich dabei schlau empfindet wie jenes Fabeltier Reineke Fuchs. Eine aberwitzige Erzählung, die uns hier im Roman als eine eigene Geschichte aufgetischt wird. Was passiert wenn der Leibhaftige seine Giftpfeile in unser aufgeblähtes Ego schießt und dabei unseren Ehrgeiz und die Eitelkeit bis zum Ende ausreizt?  Ist der Hass ansteckend und kann er sich wie eine Tollwut verbreiten?

Paolo Maurensig begeisterte vor Jahren mit „Die Lüneburg-Variante“, „Spiegelkanon“, „Der Schatten und die Sonnenuhr“ und „Sommerspiel“. Werke, die alle einen tiefen Eindruck hinterlassen haben und in die Weltliteratur gehören. Durch „Der Teufel in der Schublade“ ist ein neues, kurzweiliges Meisterwerk erschienen und lässt hoffen, dass das Gesamtwerk in Kürze wieder verfügbar gemacht wird. Aus dem Italienischen wurde es von Rita Seuß übertragen.

Der eigentliche Erzähler taucht nur kurz auf, denn dieser findet ein Manuskript, das ihm anonym zugespielt wurde. Auch in diesem Text ist der Protagonist nur jemand, dem die eigentliche Geschichte von einem Geistlichen erzählt wird.

In einem Dorf, das der Einfachheit halber nur „Dichtersruh“ genannt wird, logierte vor rund 200 Jahren Johann Wolfgang von Goethe. Seitdem fühlt sich jeder Mensch dort zum Schreiben berufen. Doch ist von den Menschen aus dem Dorf noch nichts veröffentlicht worden. Dennoch geben die Bewohner nicht auf und versenden fleißig ihre geistigen Ergüsse an die Verlage. Eines Tages kommt ein Luzerner Verleger in das Dorf. Eigentlich sind Neuankömmlinge ungern gesehen und Neuansiedelungen mehr als unerwünscht. Aber als sich jener Dr. Fuchs als bedeutender Verleger vorstellt, bricht jedes Eis und alle Dämme. Ihm wird ein Verlagshaus in Aussicht gestellt und als Interimslösung Räumlichkeiten des Rathauses. Nur der Geistliche ahnt, nicht nur durch seine beständige Angst vor Füchsen, wen sich hier seine Gemeinde eingeladen hat. Er sieht in ihm den Teufel. Die Schreibwelt in Dichtersruh wird von Dr. Fuchs noch mehr angestachelt. Schnell ist die Idee eines Literaturpreises entstanden. Das ganze Dorf ist in Aufregung und alle reichen ihre Manuskripte ein. Doch das Gremium versendet bisher nur Absagen. Dies spaltet die Gemüter und die ganze Dorfgemeinschaft. Als dann auch noch ein Oberhaupt der Kirche stirbt, werden die Bewohner unruhig und wenden sich an den Pater, der von vornherein vor dem Teufel gewarnt hatte. Kann dieser das Dorf vom Leibhaftigen befreien?

Das Bedrohliche ist in uns selbst. Der Hass, der Neid und die Missgunst verwandeln uns und können sich wie eine Seuche ausbreiten. Paolo Maurensig spielt gekonnt mit der Literatur, mit den Figuren und letztendlich mit uns, seinen Lesern.  Der Roman ist ein tolles Spiel auf mehrdimensionaler Ebene.

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Michael Engler: „Wilhelms Pilz“

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Nach „Wo, zum Teufel, liegt Memmingen“ und „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“ hat der probsteier Surrealist Michael Engler nun ein weiteres Prosawerk veröffentlicht. Es ist wieder ein typischer Engler. Mit Christopher Ecker wohl auch einer der unbekannteren Autoren aus Kiel, die aber durch ihre Kunst entdeckt gehören. Beide schreiben herausfordernde Literatur, die Grenzen überschreitet und das Phantastische und Surreale einbezieht. Bei Engler weht auch gerne ein ganz kleiner Hauch Bukowski und ganz viel Witz durch die Texte. Das Pendel bei der Erzählung schwingt zwischen derbem Philosophischen und klugem Humor.

Die Wanderschaft des Protagonisten wird unter- und später abgebrochen, um das körperliche Fortkommen in der Landschaft in einen Seelentrip zu verwandeln. Er lernt zu erkennen, dass eventuell sein erhobener Blick auf sein Umfeld seinem egozentrischen Individualitätsdrang entwachsen ist und den Menschen nicht gerecht wird.

Wilhelm will von Krokau nach Krakau wandern. Auf diesem Weg macht er bei der Familie seiner verstorbenen Frau Halt. Ein Geburtstag soll gefeiert werden. In dieser Gesellschaft ist er als Witwer eher ein Zaungast. Da er vor den anderen Gästen eingetroffen ist, entschwindet er, nachdem er Pudding genascht hat, aus der Biedermeier-Welt in die Natur und findet zufällig einen Pilz. Dieser Pilz steht plötzlich da, blau und anziehend für Wilhelm. Er hadert, diesen zu pflücken. Erst sind es die eventuellen Förster, die ihn beim Pilzklau erwischen könnten, dann das schlechte Gewissen gegenüber der Natur. Doch steckt er den Pilz schnell ein. Als er etwas vom Pilz unbewusst abgeschabt hat und unüberlegt und spontan die Finger ableckt, merkt er bereits die Wirkung des eukaryotischen Lebewesens. Auf der Geburtstagsfeier streut er von den anderen Gästen unbemerkt wenige Anteile auf die ausgelegten Schnittchen und die Familienfeier läuft aus dem Ruder.

Später, als er seine Wanderung Richtung Krakau fortsetzen möchte,  bekommt er einen ungewollten Mitwanderer, der trotz seines Greisenalters Wilhelm viele Wege aufzeigen kann und seine Wahrnehmung nicht nur mit Hilfe des Pilzes zu erweitern versteht. Die Reise schlägt das Ruder herum und das Ende ist für Wilhelm eine kleine Erkenntnis.

Ein schön durchgeknallter Lesespaß mit humorvollem Tiefgang. Das Surreale und Traumwandlerische ist nicht wie bei dem vorherigen Werk „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“ der Höhe-, sondern der Wendepunkt. Ein feiner, surrealer und typischer Michael Engler-Text. Diesmal ist das Büchlein mit einem kleinen Klapp-Cover auch ein haptisches und visuelles Erlebnis.

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