Archiv der Kategorie: Erlesenes

Ketil Bjørnstad: „Emma oder Das Ende der Welt“

Ketil Bjornstad Emma oder das Ende der Welt Osburg Verlag

Das freie, ungezwungene Kinderlachen verstummt und den Eltern passiert wohl das schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Ihr Umgang mit der Trauer und der Wut liest sich spannend und berührt sehr. Ein wunderschön trauriges Buch um die Frage, wie lebt man mit einem großen Verlust und wird nicht von Trauer, Wut und Schuldzuweisungen aufgezehrt.

„Es passiert, aber es passiert nicht uns, denke ich.“

Aslak und Hanne Timbereit sind beide im Literaturbetrieb tätig. Sie ist eine Schriftstellerin und er Verlagslektor. Sie haben sich, wie für Autoren und Verlagsleute üblich, auf einem Literaturseminar kennengelernt. Hanne war noch recht jung und fiel durch ihre ungezwungene, temperamentvolle Art auf. Sie hatte gerade ihren ersten Roman veröffentlicht und die Kritiker sahen in ihr eine neue, große Stimme Norwegens. Die beiden heirateten und bekamen ein Kind, Emma, das nun, fünfzehn Jahre später, neun Jahre alt ist. Doch die Ehe war bereits kurz nach der Geburt von Emma gescheitert. Sie leben getrennt, er weiterhin als Verlagsangestellter in der Stadt und sie als Autorin mehr der Natur zugewandt. Es sind Ferien und Emma, die bei Aslak ist, freut sich, nicht in die Schule zu müssen. Denn dort wird sie regelrecht gemobbt. Sie soll die Ferien bei der Mutter verbringen und da Hanne schwer beschäftigt scheint und Emma nicht abholen kann, soll Aslak sie bringen und nach dem Besuch auch wieder abholen. Es ist geplant, dass er mit ihr von Oslo in den Norden fliegt und dann gleich wieder zurück, sie also lediglich abliefert. Am Flughafen werden bereits einige Flüge gecancelt, da ein starker Sturm aufkommt. Doch ihr Flug, der mit Zwischenstopps verläuft, startet wie geplant. Der Flug verläuft unruhig und die Nervosität breitet sich nicht nur bei den Passagieren aus. Auch der Pilot und die fliegende Copilotin haben mit dem Unwetter zu kämpfen. Durch die sehr harte Landung, die eher einer Bruchlandung gleicht, stirbt Emma. Die Crew hatte den Gurt bei ihr vor dem Start geprüft, doch wird sie durch den Aufprall nach vorne geschleudert. Alle anderen überleben das Flugzeugunglück. Auch Aslak, der neben seiner Tochter sitzt.

Aslak und Hanne drohen an dieser Tragödie zu zerbrechen. Aus der erstmaligen Starre und Hilflosigkeit wird spätere Verzweiflung und Wut. Erstmals versucht das gescheiterte Paar wieder näher aneinander zu rücken und Hanne kommt nach Oslo. Doch wie leben sie nun weiter? Sie erkennen, dass die Existenz an einem dünnen Faden hängt und das Schicksal gnadenlos und unberechenbar ist. In ihrer Trauer suchen sie Schuldige. Schuldige, die ihnen und ihrer Familie das Schlimmste angetan haben. Sie wollen jemanden zur Rechenschaft ziehen und verlieren gänzlich den Halt. Hanne verrennt sich in den Schuldzuweisungen gegen das Flugpersonal. Hätte der Flug nicht aufgrund der Wetterbedingungen abgesagt werden müssen? Wurde der Kontrollgang durch die Kabine mit dem Überprüfen der Sicherheitsgurte korrekt durchgeführt? Hanne beginnt, die Pilotin auszuspionieren und schreckt auch nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden. Aslak hadert mit den Seelenqualen seiner Tochter. Er weiß, wie sehr sie in der Schule gelitten hatte und er versucht, dort die Schuldigen zu finden. Emma war dennoch immer sehr tapfer gewesen. Neben dem grauen Schulalltag musste  Emma auch lernen, sich mit der Trennung der Eltern zu arrangieren. Die jetzige Suche von Aslak und Hanne nach Schuld sowie Vergeltung wird immer chaotischer, bis Aslak begreift, dass er einen Schlussstrich ziehen muss.

Ein einfühlsamer, dramatischer Roman um die Trauer, die erst durch das Zulassen können erfahrbar wird, und der zeigt, dass durch das innere Verbittern nur eine verzögerte Trauerbewältigung machbar ist. Ein Roman über ein bedrückendes, trauriges Thema. Doch versteht es Ketil Bjørnstad in seinem ihm eigenen Ton und Leichtigkeit, die Schwere etwas zu mindern. Ein schönes, trauriges Buch, das neben der Trauer leise Hoffnung und etwas Humor erklingen lässt.

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Ece Temelkuran: „Stumme Schwäne“

Ece Temelkuran Stumme Schwäne Hoffmann und Campe

Der Schwan ist ein Sinnbild des Lichts, der Reinheit und der Poesie. Doch sind es stumme Schwäne und dann sollen ihnen noch die Flügel gebrochen werden. Dies ist das zentrale Bild des Romans von Ece Temelkuran und verbirgt einen Bezug auf die historischen Ereignisse. Das traurige Bild der gebrochenen, edlen und stummen Vögel, die nicht mehr wegfliegen können ist ein Symbol der Freiheitsberaubung. Der Roman spielt 1980 und die Türkei steht kurz vor einem Militärputsch. Die Geschehnisse werden aus wechselnden Perspektiven, meist aus den Augen der beiden Kinder Ayses und Ali erzählt. Es ist ein Roman, der Historisches aufzeigt, aber stets den Bezug zur aktuellen Situation im Leser heraufbeschwört. Die komplizierte und polarisierende Gesellschaft, voller Feindseligkeiten wird durch die Kinderperspektive sehr lebendig. Es geht um diese beiden Kinder, die versuchen die Schwäne vor einer autoritären Regierung zu schützen und nebenbei die ganze politische Situation des Bürgerkriegs der Türkei erleben.

Auf den Spuren zweier Familien in Ankara erfahren wir viel über die Geschichte der Türkei. Doch ist es kein historischer Roman, sondern ein Einblick in die Gesellschaft und die Zeit durch die Augen der Kinder. Dieser Kunstgriff erlaubt es uns, in eine noch nicht voreingenommene oder von Erwachsenen geprägte Weltsicht einzutauchen. 1980 war die Republik der Türkei geprägt durch fehlende politische Stabilität. Daraus resultierten wirtschaftliche und soziale Probleme, die Streiks und Gewalt provozierten. Es wurden Menschen gefangen genommen, gefoltert und auf den Straßen kam es zu brutalen Kämpfen zwischen den Nationalisten und den Linken. Die Autorin war damals selbst ein Kind und hat diese Zeit erlebt, die heute wieder oder noch sehr aktuell ist. Ece Temelkuran verlor durch ihre politische Haltung eine Stelle als Redakteurin und zählt heute zu den bedeutendsten türkischen Autorinnen.

Wir lernen die Familien Bakar und Akgün und besonders deren Kinder kennen. Ali Akgün lebt mit seiner Familie in Armut. Durch einen Brandanschlag gelangen sie immer mehr in das Elend. Als Seine Mutter aber anfängt putzen zu gehen, lernt er Ayse kennen. Seine Mutter reinigt das wohlhabende Haus der Familie Bakar und er selbst verbringt seine Zeit mit Ayse und freundet sich mit dieser an. Seit er mal in einen Brunnen gestürzt war, ist er ein schweigsamer, introvertierter Junge geworden. Er ist sehr sensibel und sehr intelligent. Ayse ist dagegen noch sehr kindlich und naiv. Sie sieht vieles als eine Art Spiel an und versteht von den mitgehörten Gesprächen ihrer linksorientierten Eltern sehr wenig. Denn die Eltern verheimlichen den Kindern nichts, gehen diese doch davon aus, dass die Kinder es wohl nicht ganz verstehen. So bekommen die Beiden die Unterhaltungen und Treffen der Erwachsenen, die auch mal als Verlobungsfeier getarnt werden, mit. Diese Gespräche und die wachsende Gewalt prägen immer mehr die Welt und das Umfeld der Kinder. Trotz der unterschiedlichen Lebensweise fühlen sich Ayse und Ali sehr vereint. Ihre weltoffene Sicht ist belebt durch Kinderspiel und -wunsch. Sie wirft Kichererbsen in die Fenster des Gefängnisses, weil sie es als ein Spiel ansieht und er hat immer Bänder bei sich, die ihn beruhigen oder als Handwerkszeug oder Geschenk dienen. Ihre Verwandlung, d.h. ihr Verstehen, wächst mit dem Wunsch, ihre Schmetterlinge in das Parlament zu schmuggeln. Als dann der Befehlshaber der Armee die Schwäne aus dem Schwanenpark in seinen privaten Garten bringen lassen möchte, wollen die Kinder eingreifen und handeln, weil den Tieren auch, damit sie nicht entkommen können, die Flügel gebrochen werden sollen.

Der Roman ist voller Bilder und Erzählerstimmen, die uns die Geschichte der Türkei näher bringen und verstehen lassen. Der Schrecken des Sommers von 1980 und der Bürgerkrieg sowie der Militärputsch werden erlebbar. Der Bezug zum Putsch von 2016 ist ersichtlich und die Abläufe scheinen ähnlich. Die Angst der Menschen vor der Gewalt, vor dem falschen Wort ist weiterhin von aktuellem Belang. Man kann nur wünschen, dass es immer kindliche Seelen geben wird, die sich für gebrochene Schwäne einsetzen werden.

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Mala Laaser: „Karl und Manci“

Karl und Manci Mala Laaser FünfZweiVierNeun

Die Novelle „Karl und Manci“ von Mala Laaser ist der Auftakt einer kleinen Buchreihe, die in Vergessen geratene Autoren und ihre Werke wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Mala Laaser ist sehr unbekannt, gehört aber zu den jungen Talenten aus der Zeit der Weimarer Republik. Ihr Werk ist wie bei vielen ihrer Generation vergessen, verschollen und durch den Nationalsozialismus unterbrochen und für immer beendet worden. Die Novelle „Karl und Manci“ beinhaltet die wichtigsten Merkmale der Literatur dieser Zeit, der Neuen Sachlichkeit. Diese Literatur ist schlicht, fast schon nüchtern und spiegelt die Gesellschaft. Die Figuren und ihr Handeln wirken auf den ersten Blick distanziert und doch ist alles, trotz der Kürze des Textes, fein detailliert und realistisch beobachtend. Es ist eine Gesellschaft, die den Ersten Weltkrieg verarbeitet und um ihre Existenz ringt. Das Leben in den Städten birgt die Quelle vieler sozialer Probleme und spätestens durch den Aufstieg des Nationalsozialismus wird auch die Kunst hoch politisch.

Bislang wurde die vorliegende Novelle ausschließlich in vier Teilen in einer Publikation der CV-Zeitung des Central Verbands deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht. Der Text hat etwas kurzweiliges, wenn nicht sogar etwas sehr schlichtes, doch entfaltet sich beim Lesen und bei der Reflektion des Erzählten eine Tiefe. Es beginnt mit einer Aussage und endet mit einer Frage. Die Aussage stellt fest, dass wir es alle wissen, dass die Zeit gleich einem Spaten gewaltig den Boden umgegraben hat. Aus der Fülle an Geschicken und Geschichten soll uns das Schicksal zweier Liebender dargelegt werden. Doch die schlichte Romanze im Ton der damaligen Zeit zerfällt durch das Wechselspiel von Scham und Eitelkeit, um dann doch die Protagonisten in Vertrautheit zueinander finden zu lassen. Die letzte Frage des Textes verklingt süß und doch regelrecht bitter.

Die Liebe von Karl und Manci hatte es anfänglich schwer. Professor Brinkmann, Karls Vater, hat verbindliche Pläne für seinen Sohn und da ist die Liebe zu Manci nicht eingeplant. Seine Überzeugungsrede verschifft Manci nach Ägypten, wo sie durch den Professor als Laborantin eine Einstellung erhält. Als Karls Vater stirbt, nimmt dieser auch seine Pläne mit in sein Grab. Mit dem Einverständnis der Mutter löst Karl alle seine Versprechen und Gelöbnisse auf und bittet Manci heimzukommen. Als diese eintrifft, weicht die Wiedersehensfreude ein Stück weit der Erkenntnis, dass die unbekümmerten Zeiten von damals vorüber sind. Noch plagen Karl auch keine Zukunftsängste, er schmiedet Hochzeitspläne und es keimt neben der Liebe in ihm der Besitzerstolz ihr gegenüber. Er will sie in der Heimatstadt ankommen und sich in Ruhe nach einer Einstellung umsehen lassen. Bald soll sie aber, nach seinem Plan, mit ihm in einer eigenen Praxis tätig sein. Doch die Nöte werden immer größer. Er ist zu eitel, um nach einer aus seiner Sicht niederen Tätigkeit Ausschau zu halten. Manci ist es, die nun als selbstbewusste Frau auftritt. Durch einen Schwächeanfall gewinnt sie Freunde und eine Anstellung. Auch Karl bekommt immer mehr die Massenarbeitslosigkeit zu spüren. Die wirtschaftliche Lage der Zeit lässt ihn auf einen Mann treffen, der Kurse anbietet und seinen jüdischen Schülern, sofern er sie auserwählt hat, Arbeit vermittelt. Karl lernt, dass Geld nicht stinkt und es ihm egal zu sein hat, womit er sein Lebensunterhalt verdient. So finden beide in ihren neuen Funktionen ihr kleines Glück. Doch das private Glück muss noch gefunden werden, denn trotz des Vertrauens zueinander verschweigen sie sich gegenseitig ihre Entscheidungen aus Angst vor Missverständnissen.

Dieser Text, der seicht und kühl wirkt, birgt in sich eine kleine Fülle, der man durch erneutes Lesen oder dem Nachsinnen immer mehr Raum gibt. Die Novelle hat eine Leichtigkeit, in der aber ständig ein feiner, melancholischer Unterton zu hören ist, der uns immer genauer hinhören lässt. So entfaltet sich in der Darstellung der Liebesgeschichte und des ganz persönlichen Schicksals von Karl und Manci ein politisches und sozialkritisches Panorama der damaligen Zeit.

Die Ausgabe hat ein Nachwort von Birgit Böllinger (Sätze & Schätze)

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Zia Haider Rahman: „Soweit wir wissen“

Zia Haider Rahman Soweit wir wissen Berlin Verlag

Ein Koloss von einem Buch, in dem es um das große Ganze geht. Doch was ist das große Ganze überhaupt? Was treibt uns Menschen an und was macht uns aus? Ist unsere Biographie mehr durch die persönliche Herkunft oder das kulturelle Umfeld geprägt? Was passiert, wenn die uns bekannte Welt auseinanderbricht? Sei es durch naturwissenschaftliche Errungenschaften, durch religiösen Fanatismus oder durch Kriege. Der Roman spannt den Bogen über diese großen Themen. Eine Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Es geht um Geopolitik, Philosophie, Migration und die Finanzkrisen. Das Buch will viel und spannt eine Brücke, durch die alle Themen irgendwie miteinander verbunden werden. Denn in der Mathematik, der Geschichte, der Wissenschaft und in der Religion gibt es Behauptungen, die wir lediglich glauben können. Jedes System birgt Lücken und wir können diese nur mit unseren Erfahrungen füllen. Es bleibt aber immer noch eine klaffende Lücke, soweit wir wissen…

Diese Lücken tauchen auch in dem vorliegenden Werk auf. Doch sind es Kunstgriffe, die uns zusammen mit den Protagonisten abschweifen und stets viel erfahren lassen. Die Sprünge im Handlungsverlauf wirken chaotisch und schaffen dann doch wieder den Bezug zum Inhalt des Werks, gleich Fraktalen. So sind es gerade die Brüche, die einzelnen Episoden aus dem Leben der Figuren, die diesen großen Bildungsroman zusammenhalten.

Im Zentrum steht die Geschichte der Migration, die vom Erzähler, dem Freund des eigentlichen Helden, aufgezeichnet, zusammengetragen und mit Marginalien ergänzt wird. Im Jahr 2008 steht Zafar abgerissen und erschöpft vor der Tür des Freundes in London. Der aus Pakistan stammende Erzähler hat gerade seine Arbeit als Banker verloren. Seine Frau hat ihn verlassen und er hat somit genügend Zeit für Zafar, den er anfänglich gar nicht wiedererkannt hatte, als dieser nach einigen Jahren unerwartet vor seiner Tür steht. Durch die Finanz- und Ehekrise hat der Erzähler, der lange gut gelebt hatte, alles verloren und widmet sich nun der Biographie seines Freundes und reflektiert sein eigenes Leben.  Zafar stammt im Gegensatz zum Erzähler aus armen Verhältnissen aus Bangladesch. Durch lange, sprunghafte Gespräche und Notizen baut sich langsam das große Ganze auf. Die Kindheit Zafars in einfachen Verhältnissen, dann die Liebe zur Mathematik, die keine Grenzen kennt, lediglich eine Sprache ist, die nur benennt, sofern es sich mit Fakten belegen lässt. Doch die Naturwissenschaft hat auch ihre Grenzen und Zafars Leben ist geprägt von Entfremdung, der Suche nach Stabilität und dem ewigen Scheitern. Das Scheitern der Migration sowie im Beruf und der Liebe. Zafars Liebesgeschichte mit Emily wird ein ohnmächtiges Spiel, in das sie ihn verwickelt und das ihn krank werden lässt. Der psychische Verfall eines Mannes geht einher mit den Geschehnissen des 21. Jahrhunderts. Die Entfremdung und die Einsamkeit als große Gleichung in diesem Roman voller Erkenntnis und Täuschung. Beide Helden sind intelligent und scheitern doch.

Es ist ein Roman über viele Ereignisse am Beispiel einzelner. Ein Debütroman, der viel zu sagen hat und von detaillierten Charakteren belebt wird. Ein Buch, das mit Wissen spielt und ganz nebenbei die großen Fragen zur Weltpolitik, Kultur und  den wichtigen Schlüsselthemen der Gegenwart aufwirft.

Zia Haider Rahman hat ein sehr umfangreiches Werk geschaffen, das uns gleich den Protagonisten hinhören lässt und viel zum Nachdenken, Nachforschen und Nachfühlen bietet. Der Text hat etwas Verkopftes und ist dennoch ein kunstvoll gewebter Stoff aus vielen bunten Flicken, die aus allen menschlichen Errungenschaften der Wissenschaft, Kunst, Religion und Philosophie bestehen.

Der Roman, der sich zwischen Bangladesch, London und New York bewegt, gewinnt an Glaubwürdigkeit und Tiefe durch die Biografie Zia Haider Rahmans. Der Autor wurde gleich seinem Helden im ländlichen Bangladesch geboren. Nach dem Befreiungskrieg 1971 kam er noch als Baby nach London. Rahman konnte seine einfache schulische Ausbildung dank eines Begabtenstipendiums in Oxford fortsetzen und komplettierte sie in München, in Cambridge und in Yale. Er hat als Investment Banker, später als Anwalt gearbeitet. Seit ein paar Jahren arbeitet Rahman als Anwalt für Menschenrechte und kämpft vor allem gegen Korruption. So birgt das vorliegende Buch wohl viele autobiografische Züge.

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Leseschatz-TV

Es gibt wieder neue Leseschatz-TV Beiträge:

Unbenannt

Zu Haukes Filmchen: Peter Berthold „Unsere Vögel“ – Haukes kleiner Aufruf, Leseschatz des Frühjahrs 2017: Iris Wolff: „So tun, als ob es regnet“, Leseschatz-TV: Spannungsliteratur, Leseschatz-TV: Patry Francis: „Die Schatten von Race Point“, Leseschatz-TV: Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, Leseschatz-TV: Marie Lu: Young Elites – Die Gemeinschaft der Dolche

Siehe: Leseschatz-TV, auf unserer Homepage oder auf YouTube

 

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Richard Russo: „Ein Mann der Tat“

Richard Russo Ein Mann der Tat Dumont

Ein großer Roman über das amerikanische Idyll, in das langsam das Chaos einsickert. Die Handlung spielt in einer Kleinstadt, die im Bundesstaat New York liegt, und hält die Ereignisse des Feiertagswochenendes um den Memorial-Day fest. Innerhalb dieser überschaubaren Zeitspanne versteht es der Pulitzer-Preis-Träger Russo einen ganzen Kosmos an besonderen Geschehnissen entstehen zu lassen und wendet sich voller Zuneigung allen seinen Figuren zu. Der Genuss des Buches liegt gerade in der Fülle der Charakterisierungen und der Liebe zum Detail, die trotz der Dicke des Werkes niemals ausufert oder seicht mäandert. Als Leser ist man schnell dieser Kleinstadt und ihren Bewohnern verfallen und man verbringt gerne seine Zeit mit den bodenständigen, skurrilen, zweifelnden und allen weiteren handelnden Protagonisten.

North Bath hat den Aufschwung verpasst und vieles versiegt in der gebeutelten Landschaft: die Quellen, die Investoren und die Steuereinnahmen. Lediglich der Bürgermeister hält tapfer fest an seinem Glauben an seine Stadt. Doch die Einwohner werden Zeuge, wie die Nachbargemeinde ihren Aufschwung erlebt, während North Bath immer mehr kränkelt. Die Industrie und mit ihr auch der Immobiliensektor brechen im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Ferner breitet sich ein übler Gestank aus, der den Menschen zu schaffen macht und an die Erblast vorangegangener Planungen und Kommerzialisierungen erinnert.  Der letzte Zufluchtsort ist allabendlich, sofern man erwerbstätig ist, sonst wohl schon eher, die Gastronomie, sprich der Imbiss und die Bar, in der es schales und billiges Bier zu trinken gibt.

Die Handlung beginnt mit einer Beerdigung. Ein angesehener Richter ist verstorben und wird beigesetzt. Es treten die Menschen an sein Grab, die ihm, gewollt oder gefühlt erzwungen, die letzte Ehre erweisen möchten. Unter ihnen der Polizeichef Douglas Raymer. Seine Selbstzweifel lassen ihn am Grabe nicht nur metaphorisch schwanken. Seit der Schule hadert er mit sich und durch seine Lehrerin angetrieben ist er schriftlich sowie gedanklich immer auf der Suche nach seinem wahren Ich. Seine polizeiliche Laufbahn stellt er ebenfalls in Frage und wurde darin auch durch einige Missgeschicke seinerseits bestärkt. Auch der Verstorbene hat in Raymer nicht die vorbildliche Führungsfigur gesehen, die man üblicherweise von einem Polizeichef erwartet hätte. Daher ist Raymers Anwesenheit während der Beerdigung eher ein pflichtvolles Erscheinen. Gedanklich ist er ganz woanders. Er fühlt sich zu seiner farbigen Kollegin hingezogen, hat aber den Verlust seiner Ehefrau, Becka, noch nicht ganz verarbeiten können. Becka war dabei, ihn zu verlassen. Er hatte schon immer geahnt, dass seine Frau etwas Besseres verdient hatte und alle in seinem Umfeld gaben ihm das Gefühl, dass es ein Wunder war, dass Becka überhaupt ihn geheiratet hatte. Becka verliebte sich in einen anderen Mann und an dem Tag, als sie Raymer verlassen wollte, machte sie einen ungeschickten Hüpfer von der Treppe und verstarb. Im Fahrzeug fand der Polizist die erste Spur zu dem Mann, der ihm seine Frau genommen hatte. Unter dem Sitz verkeilt lag eine Fernbedienung für ein Garagentor. Sein Plan war es nun, alle Tore in der Ortschaft auszutesten, doch durch einen Schwächeanfall fällt Raymer in das offene Grab des Richters und verliert nicht nur erneut das Ansehen, sondern auch das einzige Beweisstück.

So breitet sich langsam, während der Feierlichkeiten zum Memorial-Day, das Chaos in der Ortschaft aus. Die Besitzerin des Lokals führt privat einen kleinen Krieg mit ihrem Mann um den verbleibenden Wohnraum. Er organisiert Garagenverkäufe, d.h. private Flohmärkte und sammelt alles, was er noch meint reparieren und in Geld umwandeln zu können. Dies ist eher sein Hobby, das allerdings so weit geht, dass bald schon das Gartengewächs einem riesigen Schuppen weichen muss. Dann ist da noch ein ehemaliger Sträfling, der seine Liste abarbeitet. Seine handschriftliche Liste umfasst fünf Namen, an denen er sich rächen möchte. Als weitere Figur taucht ein alternder und kränklicher Bauunternehmer auf, dessen Gebäude eines Tages einfach eine Wand nicht mehr halten kann. Es sind Gelegenheitsarbeiter, einfache Handwerker, Handlanger oder Staatsdiener, die durch ihre ausgewählte Sprache dem Proletariat entkommen möchten. Es sind Wendungen und Ereignisse, die von den Protagonisten herbeigeführt werden oder in deren Leben treten, die an diesem Wochenende aller Leben beeinflussen. Besonders steht im Vordergrund die Suche nach der Fernbedienung und dem eigentlichen Besitzer, die den Suchenden auch vor einer Grabschändung nicht zurückschrecken lässt. Das ausufernde Alltagsdrama innerhalb dieser Kleinstadtidylle wird noch durch eine entlaufene Kobra verstärkt.

Das Buch nimmt den Leser in seinen Bann und durch die Liebe zum kleinsten Detail, das stets zwischen Drama und Komik schwankt, wird die Lektüre, gerade durch das großartige Personal, zu einem großen amerikanischen Roman. Der Roman beinhaltet die persönlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen im Mikrokosmos des Bürgerlichen in der Randregion des Staates New York. Richard Russo erzählt tiefgründig, unterhaltsam und in einem klugen Ton über das menschliche Miteinander, das durch die Revierkämpfe der Egos, die Einflüsse aus dem Umfeld und die hineingesteigerten Nichtigkeiten scheitern kann. Die Handlungsstränge verdichten sich gleich den Gerüchen nach schalem Bier, Klosteinen und dem industriellen Erbe, das nicht nur die Landschaft verpestet.

Ein Buch, in dem man sich zügig zuhause fühlt und sich mit den Bewohnern der Stadt, d.h. den Figuren des Romans, anfreundet und das man ungern wieder verlässt.

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Siehe auch die Besprechung auf: AstroLibrium

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Graham Swift: „Ein Festtag“

Graham Swift Ein Festtag dtv

Die Novelle von Graham Swift ist ein Aufruf für die Kunst, die Literatur und die Sinnlichkeit. Der Text spielt am Mothering Sunday, heute zum Muttertag verkommen, am 30. März 1924. Es ist ein Tag, der für Jane Fairschild eine Tragödie beinhaltet, aber auch eine Freiheit und Liebe offenbart, die sich entfalten wird, so dass ihr als alte Frau, am Lebensende, immer noch jener Tag zu denken geben wird.

Sie wurde 1901 geboren und arbeitet als junge Frau als Dienstmädchen in Südengland. Es ist die Zeit, als noch mehr Pferde als Autos die Menschen bewegten. Aber der Umbruch steht bevor. Die männlichen Bediensteten verschwinden und der Krieg raubt den Familien die jungen Männer.  Als Hausangestellte ist man dem Haus und dem Dienstherrn verpflichtet und geniesst wenig Freizeit. Auch die eigenen Geburtstage sind mit schwerer Arbeit erfüllt. Lediglich am Mothering Sunday bekommt man frei, um den Tag mit der Familie, besonders der Mutter verbringen zu können. Dieser Tag soll Jane als ein Geschenk erscheinen. Ihr Dienstherr ist gut und bemerkt in ihr die Freude am Lesen und unterstützt sie darin. In ihrer freien Zeit durchstreift sie mit ihrem Fahrrad die Natur und liest sehr viel. Doch kennt ihr Herr nicht die ganze Wahrheit. Oft ist sie nicht draußen, um zu lesen, sondern die zweiundzwanzigjährige Jane hat eine heimliche Liebschaft mit dem Erben der Nachbarsfamilie. Anfänglich treffen sie sich in den Büschen und er, Paul Sheringham, steckt ihr einige Münzen zu. Diese Prostitution wandelt sich aber zu Liebe und sie empfindet sich als frei, wenn sie bei ihm ist. An diesem Muttertag sind alle ausgeflogen und die Bediensteten sind zu ihren Familien gereist. Paul ruft bei ihrem Dienstherrn an und, da sie es ist, die die Gespräche entgegenzunehmen hat, kann er sie persönlich und heimlich einladen. Der Anruf ist knapp und deutlich, heute solle sie durch den Haupteingang zu ihm kommen. Sie beendet das Gespräch, als sei falsch verbunden worden und radelt kurz darauf ihrer Liebe entgegen. Das erotische Abenteuer befreit sie und gänzlich nackt beobachtet sie, wie er sich erneut einkleidet, denn er hat eine weitere Verabredung mit seiner Verlobten in der Stadt. Jane weiß, dies ist wohl ihr letztes Treffen, denn in zwei Wochen wird er heiraten. Doch hat er sie erwählt und zeigt sich ihr gänzlich entblößt. Sie geben sich zum Letzen Mal dem anderen hin, ohne Scheu oder Scham. Seine Verlobung wirkt inszeniert und scheint ihn ebenfalls zu verstimmen. Als er losgefahren ist, bleibt sie noch eine Weile allein im fremden Herrenhaus und wandelt gänzlich nackt durch die Räume, nichts ahnend, dass gerade währenddessen das Schicksal ihr Leben verändern wird.

Jahre später blickt sie als Autorin auf diesen Moment zurück. Sie versteht die Tiefe des erlebten Augenblicks, des geschenkten Moments, der in sich die Tragödie verbarg. Doch gerade solche Erlebnisse schaffen Stoff, der die Kunst und die Literatur belebt. Dieser eine Tag war es, der Jane zur Schriftstellerin werden ließ.

Ein kleines, tiefgängiges Buch, das voller Atmosphäre ist. Wir tauchen ein in die Welt, die an „Downton Abbey“ und an  Mercè Rodoredas: „Der Garten über dem Meer“ erinnert. Es ist ein Aufruf zum Leben mit all seiner Intimität und Leidenschaft. Aber auch ein kleiner Klagetext über den Verlust. Verlust  der Zeit und der Liebe. Ein bewegendes kleines Stück Literatur.

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