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Salih Jamal: „Das perfekte Grau“

Ein Roman über Flucht, Heimkommen und Freundschaft. Freundschaft kann wie ein Zuhause sein. Jeder Freund, der fehlt, wird zu einem abgebrochenen Stück Heimat. So ist auch jede Flucht ein Abbröckeln der Persönlichkeit. Mit jedem versuchten Weggang bleibt immer etwas von einem selbst zurück. Bei jedem Neuanfang wird aber auch das Leben stets ein Stück größer.

Salih Jamal ist vernarrt in Bücher und Literatur und dies zeigt sich in seinen Werken. Er beschreibt und durchdringt vieles. Er kleidet seine Gedanken in Worte, die sich wie eine Haut um den Inhalt legen. Hier und dort durchbricht das Beschriebene den Panzer und lässt Blicke in das Seelenleben der Protagonisten und des Autors erahnen. Salih Jamal schreibt mal zart, mal deftig, aber stets wortgewaltig. Er wirkt durch seinen Text wie ein feinfühliger und emotionaler Denker, der einiges in seinen gewaltigen Wortausbrüchen verkleidet. Das beschriebene Grau ist ein Farbspiel, das die Nuancen des Lebens darstellt. Zwischen Weiß und Schwarz gibt es unfassbar viele Abstufungen. Goethe schrieb am farbigen Abglanz hätten wir unser Sein. Salih Jamal vermutet, dass es eventuell nicht die Farben sind, sondern die Schatten, die uns prägen.

Es ist die Geschichte von Ante, den alle, in Bezug auf „Die göttliche Komödie“, Dante nennen. Er ist ein Getriebener. Er flieht vor sich selbst. Wobei er erkennt, dass diese Flucht unmöglich ist. Er ist bei seiner Flucht vorerst in einem Hotel gestrandet. Dort trifft er auf Rofu, der aus Afrika gekommen und ebenfalls im Hotel tätig ist und auf Mimi, die aus England stammt. Mimi hat ein dunkles Geheimnis und hat ferner eine enorme Anziehungskraft auf Dante. Eines Tages stößt Novelle zu ihnen. Sie ist noch sehr jung und wie alle anderen innerlich verletzt und gebrochen. Die Charaktere sind wie das Hotel renovierungsbedürftig und sie versuchen, ihre Risse zu kaschieren.

Novelle erzählt auf einem Ausflug mit einem Boot ihre dunkle Geschichte. Sie war ein Opfer und ist seitdem sehr verletzt, introvertiert und sehr reizbar und launisch. Aber auch Mimi zeigt plötzlich ihre Wandlungsfähigkeit. Als zwei neue Gäste im Hotel eintreffen, meint sie, in diesen Polizisten zu erkennen, die sie womöglich suchen, denn sie hat mit einem Pilzgericht ihren Mann vergiftet. Dante, Rofu und Novelle helfen Mimi und geraten damit auch in eine Auseinandersetzung und müssen erneut verschwinden. Diesmal gemeinsam. Sie klauen ein Boot und eine neue Flucht beginnt und somit ihre Geschichte. Eine Flucht vor den inneren und äußeren Dämonen. Doch wird ein Flüchtender, ein Getriebener jemals irgendwo gänzlich ankommen können?

Ein wunderbarer Roman, der Grobes neben einer Zartheit duldet. Die Figuren strahlen eine gewisse Faszination aus, die neben dem Handlungsverlauf eine große Spannung aufbauen. Salih Jamal lässt durch seinen eigenen Text die Welt der Literatur durchscheinen. In „Das perfekte Grau“ lebt unter anderem immer wieder der Geist von Philippe Djians „Betty Blue“ auf.

Der Autor und sein Werk haben das Potential zum Kult!

Danke an den Autor und den Septime Verlag für mein Zitat auf der Rückseite des Buches

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Shahriar Mandanipur. „Augenstern“

Shahriar Mandanipur ist ein bekannter und ausgezeichneter iranischer Autor. „Augenstern“ ist ein großer Liebes- und Gesellschaftsroman.

Am Anfang lernen wir Amir kennen, der seinen Blick in die Natur schweifen lässt. Dabei strömen die Gedanken auf ihn ein. Amir ist traumatisiert durch den Krieg und die Verwundungen an Körper und Seele. Er versucht den Verbleib seines rechten Armes und den Verlust seiner großen Liebe im Leben zu rekonstruieren. Seine Erinnerungen bestehen aus zerfetzten Bildern. Immer wieder träumt er von einer mysteriösen Frau und dem Besuch eines Basares. Reflexartig sucht seine verbliebene Hand seinen Ring.

Die eigentlichen Erzähler des Romans sind die Schreiberengel. Gemäß islamischer Tradition schreiben sie die guten und die schlechten Taten auf. Sie sitzen auf den Schultern und halten Zwiesprache über das Vergangene aus Amirs Leben. Auch dieser meldet sich selbst zu Wort, erinnert sich, will seine Gedanken fixieren und eventuell bei den Notizen der Schreiberengel einlenken.

Früher war Amir ein Lebemann und er liebte sein freizügiges Leben. Davon ist lediglich das alte Cabriolet übrig, mit dem er zu Zeiten des Schahs noch Aufsehen erregte. Nun ist er von der iranisch-irakischen Front zurückgekehrt und hat Probleme, seine Innen- mit der Außenwelt in Verbindung zu bringen. Er lebt in Erinnerungen oder in irregeleiteten Fantasien. Etwas möchte aus seinem Unterbewusstsein hervorbrechen. Was ist das für eine Geschichte mit seinem Verlobungsring? Wo ist die Frau, die er so geliebt hat? Wissen seine Mutter und seine Schwester, die auch ihre persönliche Geschichte hat, mehr?

Seine Erinnerungen, die guten und die schlechten, vereinen sich zu einem persönlichen Schicksal. Diese gedankliche Reise hat etwas Märchenhaftes. Auch die früheren Aufzeichnungen der Schreiberengel bleiben für uns nicht verborgen und somit baut sich Stück für Stück die ganze Geschichte auf. Es ist die Geschichte Amirs und die Geschichte der Region. Gewalt, Krieg, Manipulation und Lügen bilden die eine Seite. Aber es gibt auch noch den anderen Schreiberengel, der zu berichten weiß. Es ist die Suche nach der großen Liebe. Amirs Körper und Unterbewusstsein haben das Wissen in sich, er muss es nur selbst freilegen.

Das Erzählkonstrukt ist eigenwillig und aufwendig durchdacht. Amirs Geschichte wird immer vielschichtiger. Im Krieg hat Amir sich mit Schuld beladen und letztendlich wirft ihn die Verwundung durch die Granate zurück. Zurück in sein wohlhabendes Elternhaus. Zurück in seine verlorenen Erinnerungen. Viele Stimmen und Stimmungen werden im Roman eingefangen. In der persönlichen Tragödie der Figur gibt es stets Verweise auf die Entwicklung eines zerrütteten Landes. Der Text lebt durch die Naturbeschreibungen, das Darlegen der Kriegsgeschehnisse, die groben und sinnlichen Beobachtungen des Zwischenmenschlichen und letztendlich von der Liebe. Ein Roman voller Miniaturen, die stets den Blick auf das Große werfen.

Ein abwechslungsreicher Roman, der neben Tragischem auch viel Humor beweist. Ein Roman, der uns ein bisschen mehr unsere Welt erklärt. Übersetzt wurde das Buch aus dem Englischen von Regina Schneider. 

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Colum McCann: „Apeirogon“

Ein Roman, der begeistert und auch, will man ganz eintauchen, vom Leser etwas mehr verlangt. Man liest und möchte immer mehr erfahren und nebenbei selbst recherchieren. Trotz der erlesenen, dunklen Geschichten birgt alles stets einen Keim der Hoffnung von Menschlichkeit und Frieden.

Man spürt auf jeder Seite, dass Colum McCann Schriftsteller und Journalist ist. Er macht aus einer gehörten und wahren Geschichte etwas Eigenes, etwas Großes. Man möchte von einem Meisterwerk sprechen. Er lernt die beiden Protagonisten kennen und lauscht tief gerührt deren Geschichten. Lange hat er dann an den Themen gearbeitet, diese emotional verdaut, weiter recherchiert und letztendlich einen Roman geschrieben. Ein Roman, der auf Wahrem beruht, aber immer Fiktives zulässt. Der Inhalt und das literarische Werk bauen sich immer tiefgründiger auf und zeigen, es gibt immer viel mehr Möglichkeiten, Sichtweisen und Seiten als man denken oder anfänglich sehen möchte. Dies erklärt den Titel. Apeirogon ist eine zweidimensionale geometrische Figur mit einer gegen unendlich gehenden Zahl an Seiten.

Der Roman handelt von Rami Elhanan und Bassam Aramin. Beide Männer sind Familienmenschen und Väter. Ihr Leben ist symmetrisch und asymmetrisch und sie werden Freunde. Beide benötigen aber zum Beispiel für dieselbe Wegstrecke unterschiedliche Fahrtzeiten. Rami ist Israeli und Bassam ist Palästinenser. Der Roman beginnt mit einer Motorradfahrt und als Leser fährt man mit und taucht ein in einen Text, der sich immer weiter auffächert. In der Mitte stehen die beiden Männer und der ganze Palästinakonflikt wird in seiner Komplexität immer deutlicher. Die Lesereise startet in Jerusalem, Bait Dschala über diverse Checkpoints, Ortschaften, Siedlungen und politischen sowie familiären Zusammenkünften. Es ist ein Reigen aus Schmerz, Verlust und der Frage nach Menschlichkeit. Rami und Bassam schildern den Verlust ihrer Töchter. Smadar, Ramis Tochter, wurde 1997, als sie dreizehn Jahre alt war, von einem palästinensischen Selbstmordattentäter getötet. Abir, Bassams Tochter, gerade zehn Jahre alt, wird 2007 von einem Gummigeschoss eines israelischen Polizisten getötet. Hiermit baut sich die persönliche Geschichte der Protagonisten auf. Es werden in Folge immer neue Seiten und Facetten aufgeblättert und letztendlich entsteht ein literarisches, kunstvolles Gebilde.

Der persönliche Schmerz und Verlust schnüren einem die Luft weg und die Beschreibungen sind bildhaft und voller Empathie. Detail- und faktenreich ist der Text aufgebaut und berührt und bildet ungemein. Der Bogen spannt sich über den Palästinakonflikt bis zum Holocaust. Auch wenn es ein Werk von McCann ist, versteht er sich selbst zu reduzieren und Bassam und Rami kommen selbst zu Wort. Es ist ein Buch, das den menschlichen Schmerz, den Verlust einfängt und stets die Frage nach der Möglichkeit eines friedvollen Miteinanders stellt. Ein Kampf um Frieden. Kampf und Frieden hier vereint zeigen die Vielschichtigkeit des menschlichen Lebens.

Es gibt, wie bei dem Apeirogon, in der Betrachtung der Zweidimensionalität immer viel mehr Seiten. Im Leben und in der Welt gibt es Grenzen, die erkannt, überwunden und gelöst gehören. Grenzen, die ein Vogel von oben im Überflug nur belächeln kann.

Colum McCann versetzt sich gekonnt in seine Figuren und schöpft aus deren wahren Erlebnissen. Er hat ein großartiges Buch geschrieben. Das Buch wurde aus dem Englischen übersetzt von Volker Oldenburg.

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Clare Carlisle: „Der Philosoph des Herzens“

Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard

Wenn ein Buch in die Jetztzeit passt, dann wohl das lesenswerte und lehrreiche Werk „Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard“ von Clare Carlisle. Ein Buch zum Lesen in Zeiten der Umbrüche und Krisen.

Der Text bildet einen mehr als gelungenen Einstieg in die Welt des sogenannten Sokrates von Kopenhagen. Clare Carlisle ist Dozentin für Philosophie und Theologie am King´s College in London. Regelmäßig schreibt sie über Literatur und Philosophie und das vorliegende Buch verbindet genau diese beiden Schwerpunkte nachvollziehbar und gut verständlich. Es macht sehr viel Spaß, sich literarisch und gedanklich mit dem Philosophen Kierkegaard zu beschäftigen. Die Autorin geht dabei nicht chronologisch, sondern teilweise bewusst in der Umkehr vor. Dabei stellt sie das Werk neben das Leben der schillernden Persönlichkeit. Das literarische Schaffen von Kierkegaard ist stets verbunden mit seinen persönlichen Lebenssituationen.

Im Zentrum steht immer die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die Frage nach dem Leben und der eigenen Existenz stellt Kierkegaard aber niemals rein verstandesmäßig, sondern hört dabei stets auf seine Emotionen und ist somit einer der voranschreitenden Denker mit Herz. So möchte ihn uns jedenfalls Clare Carlisle vermitteln. Aus dem Englischen übersetzt wurde dieses Werk von Ursula Held und Sigrid Schmid.

Der Text beginnt im Mai 1843 und der im Mai 1813 geborene Søren Aabye Kierkegaard befindet sich auf der Rückreise nach Kopenhagen. Er verweilte erneut in Berlin, einer Stadt, die ihn immer wieder gedanklich beflügelt. Doch seine Heimat ist Kopenhagen und somit reist er beschwerlich zurück. Hat aber, wie immer, seine Taschen mit Manuskriptseiten gefüllt, die auf seine Leser warten. So lernen wir Kierkegaard als einen Denker, einen im Wohlstand lebenden Dandy kennen, der aber alles in seinem Umfeld und besonders alles in seinem persönlichen Innenleben reflektiert und beleuchtet. Besonders hadert er mit seinem Liebesleben und der von ihm gelösten Verlobung mit Regine Olsen. Er akzeptiert vom Verstand her, dass man sich einer wandelnden Welt anpassen muss, nur das Herz zweifelt daran. Kierkegaard stürzt sich in seine Gedankenwelt als fühlender und gläubiger Mensch. Die Theologie und die gehörten Predigten sind ein häufiger Bestandteil seiner Gedankenwelt, die sich immer um das Menschsein dreht. Ein Mensch, der voranschreitet, aber den Weg nur gänzlich im Rückblick betrachtend versteht. Leben wird durch die Gesellschaft und die Selbstwahrnehmung geprägt, aber die Außenwirkung entspricht nie der inneren Wahrheit. Somit ist der ehrliche Blick ins Herz vonnöten, um uns als Mensch besser verstehen zu lernen.

Ein Buch, das nicht als Biographie verstanden werden kann, sondern eher als umfangreicher Einblick in die Persönlichkeit, das Leben und das Schaffen des bedeutenden Philosophen, der viele Denker beeinflusst hat. Ein Werk, das die Literatur des Philosophen näher bringt und in den Kontext der Zeit und Umgebung der Entstehung stellt. Man taucht ein in die Gefühls- und Gedankenwelt und versinkt in diesem fesselnden Buch.

Ein lesenswertes, aufschlussreiches und gut geschriebenes Werk, das als Einstiegsdroge wirken kann und eine gute Sucht erzeugt. Ein gelungenes Leseabenteuer und eine Bereicherung.

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Xaver Bayer: „Geschichten mit Marianne“

Das Buch hat den Österreichischen Buchpreis 2020 gewonnen und ist eine Spiegelung und Verrückung der Gegenwart. Alles beginnt alltäglich oder vertraut bis sich das Grauen einstellt. Es ist stets eine vertraute Zweisamkeit, in der Belangloses erledigt, ein Ausflug gemacht, der Nervenkitzel oder ein Abenteuer gesucht wird. Immer kommt es zu einer gruseligen Wendung. Es sind 20 Geschichten, die trotz der Vorgeschichten stets bei null anfangen, als würde eine Reset-Taste gedrückt.

Vergleichbar wäre „Geschichten mit Marianne“ mit Michael Endes „Spiegel im Spiegel“, in dem sich auch ein Labyrinth aus surrealen Erzählungen aufbaut. „Geschichten mit Marianne“ ist eine Parabel, die am Ende einen Bogen zu allem Vorangegangenen schlägt. Am Ende schließt sich der Reigen und der Erzähler, der mit Marianne diverse Horrorgeschichten erleben musste, steht erneut am Anfang aller Erlebnisse, um sich dann zu fragen, ob alles Traum oder wahrer Wahn war.

Ein anderer Vergleich drängt sich ebenfalls dezent auf. Der König der Horror- und Gruselliteratur, Stephen King, beginnt auch gerne mit alltäglichen Situationen, um die Protagonisten dann in den Horror stürzen zu lassen. Die Geschichten von Xaver Bayer lassen die Figuren und mit ihnen den Leser taumeln. Das Grauen entsteht meist durch einem Mitgerissen werden und den Verlust der Souveränität. Der Wendepunkt entsteht eventuell aus einem Test, als Spiel oder auch durch den bizarren Einfluss des Umfeldes. Mal macht man sich auf, um bei einem Fest mitzumachen, das gänzlich aus dem Ruder läuft, um dann letztendlich bierlaunig mit blutigen Händen ein Ende zu finden. Auf der Suche nach Einweckgläsern muss der Erzähler im Keller im Schlamm tauchen oder wird sogar bei einem Floatingbad in einen Mikrokosmos gespült. Auch seiner Begleitung, Marianne, die stets dabei ist, geschieht Dubioses. Sie verschwindet nach einem diabolischen Zirkusbesuch oder wird erschossen, nachdem sie ein großartiges Menü zubereitet hat und beide in romantischer Stimmung den Terror vor ihrem Wohnhaus beobachten, um dann selbst zur Waffe zu greifen. Auf der Suche nach dem Buch „Das Schloss“ von Kafka gerät der Erzähler von Marianne gelenkt in ein ominöses Gebäude auf hoher See. Dies sind nur einige Beispiele der Geschichten.

Ein moderner, grotesker und berauschender Roman. Man erliegt jeder einzelnen Geschichte und will immer mehr von dem Erzähler und Marianne hören. Kontrollverlust, die Ängste und das Ungeheuerliche werden literarisch beleuchtet und in Häppchen serviert. Xaver Bayer versteht es, den Bogen nie gänzlich zu überspannen. Mit guter Sprache, Stimmung und Ironie wird man an den Text gefesselt und erblickt das persönliche Umfeld neu. Ein verrücktes, unglaublich tolles und gruseliges Buch. 

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Sylvia Townsend Warner: „Lolly Willowes“

Ein verhext gutes Werk, das den Ruf nach Freiheit in den Vordergrund stellt und sich mit den gesellschaftlichen Einschränkungen der Frau befasst.

Ein schöner, schräger Lesespaß, der als Meilenstein der feministischen Literatur gilt. Als der Roman 1926 in England erschien war er eine Sensation und weckte unter anderem bei Virginia Woolf und David Garnett großes Interesse an der Autorin. Diese Ausgabe wurde aus dem Englischen von Ann Anders übertragen und mit einem lesenswerten Nachwort von Manuela Reichart ergänzt.

Die Hauptfigur, Laura Willowes, genannt Lolly, befreit sich aus familiären und gesellschaftlichen Zwängen und findet ihre feminine Selbstbestimmung. Auch der Teufel, der im Untertitel als liebevoller Jägersmann bezeichnet wird, bringt seine Macht ins Spiel. Es könnte jener Jägersmann sein, der bereits im „Freischütz“ und später als „Black Rider“ seinen Auftritt hatte.

Laura Willowes wächst in einem beschaulichen, fast biederen Umfeld auf dem Land auf. Die Traditionen werden in der Brauereifamilie ernst genommen und gepflegt. Laura ist klug, wissbegierig und ihrem Vater sehr verbunden. Als dieser stirbt, zieht sie zu ihrem Bruder und dessen Frau nach London. Mit dieser räumlichen Veränderung beginnt auch jene langsame Besinnung von Laura, die jetzt stets Lolly genannt wird. Sie mimt die gute Tante und wirkt genügsam. Verehrer gab es, waren aber in Lollys Leben nie von Bedeutung. Dennoch sind es oft die Anderen und besonders die Männer, die Lollys Leben beeinflussen und bestimmen. Nach Jahren der Einschränkungen sehnt sie sich nach Selbstbestimmung und Freiheit. Sie beschließt, alleine zu wohnen und zieht weg von ihrer Familie. Vorher wurde sie als unverheiratet bemitleidet und als naive Tante belächelt. Bei gesellschaftlichen Feiern, als sie in die Konversation einstieg, wurde sie selten, wenn nicht sogar kaum, verstanden. Durch ihren Umzug stößt sie erneut auf Unverständnis.

In ihrer neuen Freiheit genießt sie das ungehinderte Leben und streift durch die Natur, die schon seit ihrer Kindheit eine enorme Anziehungskraft auf sie hat. Als ihr Neffe sie aufsucht, befürchtet sie eine erneute Einengung und ihr kleines Geheimnis offenbart sich. Dieses Geheimnis ist ihre Berufung zur Hexe. Ein teuflischer Pakt bringt ihr und ihrer Katze letztendlich die ersehnte Freiheit. 

Ein satirischer und zauberhafter Roman. Die Geschichte beginnt geruhsam und bietet eine genau beobachtete Gesellschaftsstudie. Dabei ist der mephistophelische Schalk spürbar und steigert sich über einen zarten zu einem fast schon bösen, aber stets guten Humor. Sylvia Townsend Warner beweist in ihrem Debütroman ihr großes Talent als Schriftstellerin. Besonders im dritten Teil des Romans wird die Naturbeschreibung mit ihren Metaphern sehr poetisch. Ein Roman über Freiheit und Emanzipation, der bisher nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt zu haben scheint.

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Zwei Mal Crane

Stephen Crane war in den 1890er Jahren ein Wunderkind der amerikanischen Literatur. Gerne wird er zurückblickend durch sein Auftreten und seinen Hang zum Skandal mit James Dean oder sogar mit Elvis verglichen. Er war neugierig auf die Welt und las beständig in dieser, um die von ihm gesehene Welt in Literatur zu verwandeln. Sein Blick galt dabei stets den einfachen Menschen. Seine Romanfiguren sind authentisch und nahbar. Er bereitete einen Umschwung in der Literatur vor, den viele nach ihm weiterverfolgten.

Sein erfolgreichstes Werk ist „Die rote Tapferkeitsmedaille“, das im Dezember 1894 erstmalig als Fortsetzung erschien. Damals war dies eine Sensation. Es sollte die Sicht auf den Krieg radikal verändern. Dabei ist es unwichtig, welche historische Schlacht beschrieben wird. Es ist unwichtig, wann und wo der Krieg seine Opfer forderte, denn die Opfer sind es, die zum ersten Mal Beachtung fanden. Vorher war die Berichterstattung einer Schlacht, eines Krieges stets auf das Taktische beschränkt. Der Verlauf und die Wendungen eines Krieges wurden vorher aus der Sicht der Befehlsgewalt, des Klerus oder des Adels fixiert. Crane lässt nun den Soldaten mit all seinen Zweifeln und Ängsten sprechen. Dabei erlebt man als Leser hautnah, was es bedeutet, ein kleiner Teil einer großen Schlacht zu sein und aus der Sicht der Befehlsgewalt lediglich ein Bauernopfer darzustellen. Die Angst, die Zufälligkeit und die Sinnlosigkeit eines Krieges werden durch die Betrachtung eines Mannes, der nur als sogenanntes Kanonenfutter seine Aufgabe findet, immer deutlicher. Crane schildert ganz genau die Nöte, die Empfindungen und die Sorgen eines fiktiven Soldaten. Dabei war er gerade erst 22 Jahre alt und wurde nach dem Bürgerkrieg, den er beschreibt, geboren. Stephen Crane schuf seine Literatur aus seiner Vorstellungskraft und seinen eigenen Empfindungen. Für Ernest Hemingway war „Die rote Tapferkeitsmedaille“ das beste Buch der amerikanischen Literatur und wird bis heute in den amerikanischen Schulen gelesen.

Es ist Henry Fleming, der den Wunsch verspürt sich der Armee anzuschließen. Er sieht den Krieg noch als etwas Heroisches an und vergleicht es mit den Beschreibungen von Homer. Er gibt seinem Drang nach und lässt sich bei der Kompanie eintragen, die im naheliegenden Städtchen zusammengestellt wird. Dies ist ein Trupp von Jungspunden, die sich voller Tatendrang wägen und sich verbal gegenseitig anstacheln, ermutigen oder den Mut des anderen in Frage stellen. Die Kompanie wird herumgeschickt und wartet auf ihren Befehl zum Kampf. In dieser Zeit wachsen in Henry Zweifel an seinem Handeln und seinem Mut. Wird er das Frontleben aushalten können oder wird er, wie viele andere, wegrennen, wenn er unter Beschuss gerät? Wird er seinen Mut finden, wenn die todesbringende Maschinerie des Krieges in seinem Umfeld loslegt? Als er an die Front gerät, wird er von seinen Ängsten geleitet und taumelt nach seinen ersten Fronterlebnissen durch die Szenerien. Es wirkt später, in einer weiteren Schlacht, als würde er seinen Mut finden. Doch ist es Mut oder der Verlust von Hoffnung, der ihn handeln lässt? Eine psychologische Sicht auf ein Individuum im Kriegsgeschehen. Dieser Roman war Wegbereiter für zum Beispiel Remarques „Im Westen nichts Neues“. In dieser Ausgabe befindet sich noch die Kurzgeschichte „Der Veteran“, in der Henry Fleming als alter Mann auftaucht. Beide Übersetzungen stammen von Bernd Gockel. Abgerundet wird das Buch mit einem lesenswerten Nachwort von Thomas Schneider und einem Crane-Portrait von Rüdiger Barth.

Andreas Kollender erweckt gerne schillernde und historische Persönlichkeiten in seinen Werken zum Leben. Nach Fritz Kolbe („Kolbe“), Ludwig Meyer („Von allen guten Geistern“) und Carl Schurz („Libertys Lächeln“) widmet er sich in „Mr. Crane“ dem Leben von Stephen Crane. Kollender haucht  mit einer Leichtigkeit den Figuren in seinen Romanen Leben ein und macht die damalige Zeit erfahrbar. Es ist die Krankenschwester Elisabeth, die uns in Episoden des früh verstorbenen Autors springen lässt. Im Sommer 1900 wird Stephen Crane im Tuberkulose-Sanatorium Badenweiler behandelt. Es sind nur noch wenige Tage, die ihm bleiben. In diesen Tagen kommen er und die Krankenschwester sich näher. Viele Jahre später wird sie durch einen neuen Patienten an diese Zeit erinnert und beschwört ihre Erinnerungen an Stephen Crane herauf. Bevor Crane dort Patient wurde, war Elisabeth begeisterte Leserin seiner Werke und identifizierte sich sehr mit einer der Figuren, die auch wie sie an körperlichen Entstellungen durch Verbrennungen litt. Stephen Crane hat keine Scheu, den Menschen, der ihm gegenüber steht, genau zu beobachten und diesen unverblümt in ein Gespräch zu verwickeln. Er wollte auch stets mit seinen Werken provozieren und war neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch Reporter, Kriegsberichterstatter und Abenteurer. Nun liegt Crane in Badenweiler im Sterben und sein behandelnder Arzt, Dr. Fraenkel, kann nur noch sein Leiden mindern. Crane bekommt hohes Fieber und fantasiert. Dennoch schildert er Elisabeth von seinen Leben als Schriftsteller. Fraglich, ob alles der Wahrheit entspricht. Die Gefühlswelt von Elisabeth und Crane gerät innerhalb der wenigen Tage in ein Durcheinander und für Elisabeth wird diese Zweisamkeit einen bleibenden Eindruck hinterlassen.  

In dieser Kombination sind beide Bücher unglaublich spannend und bieten ein großes Lesepanorama. Als Leseempfehlung wäre diese Reihenfolge für den Einstieg empfehlenswert: Erst das Crane-Portrait von Rüdiger Barth, dann die „Die rote Tapferkeitsmedaille“ und „Der Veteran“ lesen, um sich dann dem Roman von Andreas Kollender zu widmen.  

Post vom Verleger

Beide Bücher sind mehr als lesenswert und „Die rote Tapferkeitsmedaille“ von Stephen Crane ist ein Klassiker und gehört zu den wichtigen Werken der Antikriegsliteratur. Andreas Kollender macht es erneut möglich, Interesse an einer historischen Figur zu erzeugen und unterhält und bildet somit gleichermaßen. Handwerklich gelingt es Andreas Kollender meisterhaft, Zeit und Figuren einzufangen und literarisch festzuhalten.

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Richard Middleton: „Das Geisterschiff“

Richard Middleton schreibt großartige Geschichten und aus allen diesen scheint auch stets der Autor selbst zu blicken. Er schreibt über Außenseiter, Landstreicher und sogar über Geister. Seine Texte strahlen von einer Schönheit und werden von einer feinen Melancholie getragen.

Richard Middleton wurde 1882 in Staines geboren. Da er nicht die Universität besuchen durfte, lebte er in London als Angestellter und litt unter seinem beruflichen Alltag. Er begann zu schreiben und publizierte in diversen Zeitungen. Er lebte später ein freies, aber auch armes Künstlerleben. Er wurde immer depressiver und hatte ein Schmerzleiden. Er begann 1911 Selbstmord, den er einem Freund gegenüber als ein neues Abenteuer deklarierte. Erst nach seinem Tod wurde sein schriftstellerisches Schaffen erkannt und gewürdigt.

Nun ist in der bibliophilen Reihe „Nocturnes“ von Steidl „Das Geisterschiff“ in der Übersetzung von Andreas Nohl erschienen. Diese Ausgabe in schöner Ausstattung beinhaltet dreizehn Geschichten. Es sind trostlose Geschichten, die aber wunderschön sind. Es sind melancholische Storys, die auch zuweilen hintergründigen Witz beweisen. Seine Erzählungen handeln meist von armen Menschen, zum Beispiel von einem Schüler, der in ein neues Internat kommt, von einem Sarghändler und von einem Polizisten. Auf der Landstraße nach Brighton begegnen wir einem Landstreicher und die Auftaktgeschichte, die dem Buch auch den Titel gibt und dem Genre der sogenannten Gothic-Fiction zugeordnet werden kann, ist wohl auch seine bekannteste. Ein feiner Einstieg in das Werk von Richard Middleton.

Das Geisterschiff wird durch einen Sturm nach Fairfield geweht. Es ist ein Dorf in dem sich die Lebenden und die Toten treffen. Auffallend ist der Umgang untereinander und doch steht sich jeder dabei am nächsten. Eigenwillig ist der Umgang mit den Geistern, die dort leben, trinken und wirken. Nach einem Sturm steht ein Piratenschiff auf dem Rübenacker. Es ist aber kein gewöhnliches Piratenschiff, sofern man überhaupt von gewöhnlich sprechen kann, es ist ein Geisterschiff. Es sind keine Piraten, die Übles wollen, sondern sie sind einfach dort gestrandet und bleiben bis ein Wind sie weiterweht. Die Dorfgemeinschaft kennt sich aus mit Gespenstern und ist weniger erschrocken, sondern genießt mit der angelandeten Seemannschaft deren besonderen Rum, der in Strömen ausgeschenkt wird. Diese Versuchung schmeckt aber nicht jedem Geist oder Mensch. Was am Ende übrigbleibt, das darf wohl verraten werden, sind Rüben mit Rumgeschmack.

Ein Geistermärchen als gelungener Auftakt für die weiteren zwölf Geschichten. Ein großartiges Lesevergnügen, das es möglich macht, Richard Middleton endlich kennenzulernen.

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Katrin Seddig: „Sicherheitszone“

Katrin Seddig macht das Politische familiär und beobachtet, wenn gesellschaftliche Unruhen sich auf die Straße bewegen und zu eskalieren drohen. Was passiert im kleinen menschlichen Umfeld, am Beispiel einer Familie, wenn diverse Meinungen, Gedanken und Lebensansichten gelebt werden und sich auf offener Straße begegnen. Der Roman hat als Mittel- und Wendepunkt den G20-Gipfel in Hamburg, ist aber viel mehr als eine Beobachtung oder Auseinandersetzung mit der damaligen Eskalation. Familie als Bild des Zusammenhalts kann durch persönliche Wendungen, aber auch durch äußere Umstände ins Bröckeln geraten.

Ein Familienroman, der besonders durch die Figuren fesselt. Diese wachsen einem mit jeder Seite mehr ans Herz. Mit diesen wenigen Charakteren kristallisiert sich ein komplexes Gesellschaftsbild heraus. Die Familie vertritt unterschiedliche Bewegründe und Meinungen. Sie werden durch private Veränderungen und besonderes durch den anstehenden Gipfel mit existentiellen Fragen konfrontiert. 

Es ist die Familie Koschmieder, die in Hamburg-Marienthal wohnt. Die Großmutter, Thomas Mutter, ist als Flüchtling von Ostpreußen nach Hamburg gekommen. Thomas wohnt neuerdings in der ausgebauten Wohnung über der Garage. Er meint, sich neu verliebt zu haben, traut sich aber nicht, einen gänzlichen Schlussstrich zu ziehen, lässt sich sogar von seiner Frau noch die Hemden bügeln. Imke, die jüngste Tochter, geht noch zur Schule und stößt als Teenager in die Gruppe „Jugend gegen G20“. Dabei kommt es hier vorerst auf ein Dagegen an. Die ersten Treffen sind spielerisch und nicht jeder weiß, wogegen man wirklich ist und warum. Alexander, ihr Bruder, ist Polizist und hat demnach seine eigene Meinung und steht zu seiner Pflicht. Natascha beobachtet ihren Mann, der noch auf demselben Grundstück wohnt, aber nicht mehr in denselben Räumen. Je näher der Gipfel, der bundesweit für Schlagzeilen sorgen wird, an das familiäre Geschehen rückt, desto klarer werden die Linien, die Brüche und Standpunkte. Die Gewalt auf der Straße eskaliert und die Familie gerät frei- oder unfreiwillig in diesen Strudel.

Es sind die Charaktere, die diese Geschichte mit Leben füllen und glaubhaft werden lassen. Wir alle kennen die Bilder des Gipfels, der Demonstrationen und der ausbrechenden Gewalt. Doch nun ist eine literarische Familie aufgetaucht, die sich genau in die Mitte dieses Wirbels setzt. Die rebellierende Tochter und der einfühlsame Bruder als Polizist als ein Beispiel dieser Gegenbilder und gesellschaftlichen Stellungen. Dabei ist dieser Roman viel komplexer als dieses Beispiel und beschreibt die Menschen nahbar. Sehr einfühlsam und umfangreich werden die Protagonisten aufgebaut und dem Leser immer vertrauter. Dies ist eine der großen Stärken dieses Romans, der begeistert und die neueste Geschichte ohne Wertung erfahrbar macht.

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Élisabeth Filhol: „Doggerland“

Der Mensch wird an seine Grenzen gestoßen, wenn er sich der Natur erhaben empfindet, diese zwar verstehen möchte, aber auch beständig ausbeutet. Ein Sturm als Metapher einer Urgewalt, die uns zeigt, wie wenig nötig ist, um unseren persönlichen Lebensraum zu verwandeln. Auch wenn das Leben der Protagonisten in dem Roman von Elisabeth Filhol wenig auf den Kopf gestellt wird, wird man als Leser Zeuge von Naturschauspielen, Wissenschaft und der Suche nach alternativen Energien. Die Wissenschaft im Roman zeigt auch den Drang, die Natur zu begreifen um dann auch letztendlich ins Wirtschaftliche zu greifen, um zu bestehen. Dieser Klima-Roman ist an der Nordsee angesiedelt. Die Rekonstruktion jenes Doggerlands, jenes versunkenen Landes, das während der letzten Kaltzeiten England mit Kontinentaleuropa und Skandinavien verband. Stellenweise ist das Meer über der Doggerbank nur 13 Meter tief und daher im Sturm ein gefährliches Gewässer durch die sich auftürmenden Wassermassen. Dieser Sturm ist der rote Faden im Roman. Es ist das Sturmtief Xaver.  Ein schwerer Sturm mit Orkanböen, der über das nördliche und östliche Mitteleuropa zog und große Schäden verursachte. Ein Wissenschaftsroman, der mit glaubhaften und tiefgründigen Figuren bestückt ist, aber auch nebenbei ungemein bildet. Man lernt viel über die Entstehung der Kontinente, Tektonik und Wetterforschung.

Die Bruchlinien zwischen den Kontinenten und den Charakteren kommen zu Tage. Dabei wird unter anderem der Spagat zwischen der Erforschung und der Ausbeutung der Natur verdeutlicht. Das Doggerland, das Atlantis der Nordsee, versank vor circa achttausend Jahren. Es war besiedelt und der Mensch lebte wohl im Einklang mit der Natur. Margaret ist Geologin und erforscht seit ihrem Studium das Doggerland. Sie lebt in Aberdeen und ist mit Stephen, der sich um Offshore-Windparks kümmert, verheiratet. Ferner hat sie einen Bruder, der als Meteorologe vor dem aufbrausenden Sturmtief Xaver warnt. Es ist Dezember 2013 und Margaret und ihr Mann sind zu einem Kongress in Dänemark eingeladen. Auf der Gäste- und Rednerliste steht auch Marc. Marc hat eine Vergangenheit mit Margaret und kennt sie aus dem Studium. Doch war er verschwunden und sie hatten jahrelang keinen Kontakt mehr. Er ist als Ingenieur für Ölfirmen tätig. Jetzt könnten sie sich erstmals wiedersehen, doch am Vorabend der Abreise wird Warnstufe Rot ausgerufen. Xaver nährt sich dem Festland ungebremst. Aber es ist nicht nur der Sturm, der Vergrabenes aufwühlt. Gleich Verdrängtem, das sich im Unterbewusstsein eingelagert hat, kommen die Erinnerungen an die Oberfläche.

Ein Entwicklungsroman und ein Werk über Erdgeschichte sowie die unbändige Kraft der Natur, die uns jederzeit zeigt, wie abhängig wir von dieser sind. Mal tritt hier die Naturgewalt als Lüftchen auf, mal als Sturm, der eine Sintflut verursachen kann. Der tiefe Blick in uns und gleichzeitig der Blick in und auf die Welt, in der wir leben. Eine lohnenswerte Lektüre, die nicht durch einen Spannungsbogen überzeugt, aber durch die Charaktere, die Handlungsentwicklung und das aufgestaute Wissen, das man den Zeilen entnimmt, erlesene Stunden verspricht. Aus dem Französischen wurde der Roman von Cornelia Wend übersetzt.

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