Archiv der Kategorie: Erlesenes

Marion Poschmann: „Laubwerk“

Natur verliert immer mehr sein romantisches Bild. Die Naturbetrachtung verlagert sich durch Umweltschäden, Klimawandel, Raubbau, Städteplanung und Bebauung. Was macht das mit uns und unserem Umfeld? Was entsteht da für ein inneres und äußeres Bild? „Laubwerk“ schaut hin, erzählt und zeigt auf, wie wir mit unseren Stadtbäumen umgehen.

Wortmeldung ist der Literaturpreis für kritische Kurztexte. Dies Jahr erhält ihn Marion Poschmann mit ihrem Essay „Laubwerk“. Gerade kurze Texte verstehen es, in ihrer Knappheit punktuell das zu beleuchten, was sich aus dem Blickwinkel verschoben hat. Das Büchlein beinhaltet den Text und wird umgarnt von einem Vorwort, einem Gespräch zwischen Sandra Poppe, Katja Schaffer und Marion Poschmann und der Laudatio von Christine Lötscher. Ergänzend wurden Abbildungen aus Meyers Großes Konversations-Lexikon aus dem Jahr 1905 verwendet. Somit ist dieses Buch ein lesenswertes, schönes und wachmachendes Werk.

Es ist ein Aufruf, die Welt wieder zu romantisieren und alles Lebendige mit Respekt und Freundlichkeit zu behandeln. Das Laubwerk ist meistens gewöhnliches Beiwerk beim Spaziergang. Dabei gibt es stets so viele Facetten und Farbabstufungen. Die Hauptfarben sind Grün, Gelb, Orange und Rot. In den Neuenglandstaaten, Kanada und Japan löst die Laubverfärbung einen begeisterten Tourismus aus. Bei uns ist es eine gewöhnliche Verschönerung des Jahreswechsels. Wir machen daraus nicht viel Aufhebens, sondern nehmen das Naturschauspiel gewöhnlich einfach hin. So auch der Baum am Wegesrand. An den Alleen und besonders im Stadtbild. Welchen Raum gewähren wir dem Baum in unserem Lebensumfeld? In den Städten meist eine kleine Insel. Dabei ist ein Baum stets im wahrsten Sinne, tief in unserem Leben verwurzelt. Die Stadtplanung sucht auch nicht nach Lösungen für den Baum, sondern sucht meist nach Pflanzen, die sich an unsere Vorgaben gewöhnen könnten. Scheitern wir erneut an unserer begrenzten Weltsicht? Zeigt nicht die aktuelle Betrachtung der Bäume unser fragiles Zusammenleben mit der Natur?

Ein wichtiges, schönes und sehr, sehr lesenswertes Buch.

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Daniel Breuer: „Grand Mal“

Als „Grand mal“ bezeichnet man einen epileptischen Anfall, der in mehreren Phasen verläuft. So auch der Roman, der durch seinen Aufbau, die Figuren und die Handlung ebenfalls durch mehrere Ebenen verläuft. Wir erleben die Ursache, den Verlauf und am Ende kommt der Hauptcharakter erschöpft zu sich. Doch was ihm auf seinem Weg alles zustößt, lässt sich kaum inhaltlich in Gänze wiedergeben. Es ist ein poetischer, irrer, witziger und toller Leseritt, der stets tiefgründiges vermittelt und anspruchsvoll geschrieben ist.

Die Handlung, die in Chile angesiedelt ist, umspannt einen Zeitbogen, der in den 90er Jahren seinen Anfang nimmt und bis in die Gegenwart greift. Vordergründig sind es zwischenmenschliche Beziehungen und Freundschaften, die sich bilden oder mehr oder weniger notgedrungen verbinden. Diese Schicksale sind mit kulturellen Eigenheiten verbunden und das Werk zelebriert somit die Einigkeit einer globalen Weltsicht.

Daniel Breuer wurde 1977 in Teheran geboren, wuchs in Santiago de Chile, Istanbul und Brüssel auf und lebt in Berlin. Sein Werdegang vom Leser zum Schreiber ist geschmückt mit Diversität im Berufsleben. All dies spiegelt sich in seinem Text wieder.

„Nach 19 Jahren kommt Hugo Pfohlen doch noch mal zurück.“ So lautet der erste Satz nach den vorangegangen Zitaten. Dieser Satz mit dem kulturellen Cross-Over Namen eröffnet die folgende Reise. Der Hauptcharakter trägt einen Namen wie Tonio Kröger von Thomas Mann und ist somit bereits eine kleine Metapher. Er und seine drei mitreisenden, Nelly, Irene und Maria, fahren zu einem Haus, von dem er selbst erst vor einigen Wochen erfahren hat. Sein bisheriges Leben hat ihn hier hingetrieben und die drei Frauen mitanschwemmen lassen. Als er dort ankommt, weiß er bewusst oder unbewusst, dies ist der Ort seines Showdowns. Er sucht einen Ort, um seine existentiellen Sorgen endlich hinter sich zu lassen. Hier möchte er, in eigentlich unpassender Umgebung, ein Nagelstudio eröffnen. Die Frauen, die mit ihm in das Haus ziehen, wollen dort mit ihm arbeiten. Die eine kennt er schon länger. Als er noch vom Verkauf von selbstgebrautem Hustensaft lebte, entstand diese Beziehung, die in sich eine Art der Liebe verbirgt. Eine Frau ist der anderen einst über den Weg gelaufen und langsam wuchs die jetzige Gemeinschaft. Hinzu kommt noch ein iranischer Mediziner, der von Hugos Epilepsie weiß und stets hilfreich zur Seite steht. Also geht es immer um Freundschaft. Aber auch um den Aufbau des Studios, die jeweilige Vorgeschichte und den Weg bis hierher. Es sind die Wünsche und Sehnsüchte, die die Figuren antreiben. Doch sind sie Außenseiter, die bemüht sind, Normales in ihrem verrückten Alltag zu verankern. Dies mit Hilfe eines Goldfisches und der Einrichtung des Hauses und ihres neuen Lebensumfeldes. Auch erleben sie leicht Morbides oder fordern dies sogar heraus. Als Beispiel sei der Besuch von Hahnenkämpfen erwähnt. Auch durch die Wahl der Lage ihres Nagelstudios macht die Gruppe sich nicht überall beliebt.  

Es ist somit ein Roman voller Lebensentwürfe, die fern des Gewöhnlichen verlaufen. Es sind die Versprechungen, die das Leben macht, die unsere Helden letztendlich scheitern oder wachsen lassen. Der äußerliche Widerstand geht oft einher mit den inneren Barrikaden und es ist im Leben häufig wichtig, diese abzuschütteln.

Ein aberwitziger, kluger und ungewöhnlicher Lesespaß. Das Schöne ist im Unvollkommenen (gilt auch andersherum) verborgen und gilt entdeckt zu werden.

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Susann Pásztor: „Die Geschichte von Kat und Easy“

Ein warmherziges Buch, in dem Freundschaft, Liebe, Neid, viel Musik und die wunderschöne Insel Kreta im Mittelpunkt stehen. Es geht um zwei Mädchen, die im Jahr 1973 beste Freundinnen waren. In der Gegenwart, fast fünfzig Jahre später, treffen sie sich nach vielen Jahren erstmalig wieder und erleben eine gemeinsame Zeit auf Kreta. Neben den Erlebnissen vor traumhafter Kulisse an der Südküste Kretas beginnen sie auch über die Wunden und die Geschehnisse zu sprechen, die ihrer Freundschaft ein trauriges Ende bereiteten.

Das Buch erzählt die Geschichten stets im Wechsel. Die Erzählerin ist Kat, die zu Easy nach Agios Ioannis reist. Dort besitzt Easy ein altes Haus mit Meerblick. Agios Ioannis ist ein kleines, ruhig gelegenes Dorf in der Nähe von Phaistos. Die jungen Jahre, die Kat und Easy erlebten, werden aus der olympischen Erzählperspektive erzählt. Somit wechselt die Perspektive von einer persönlichen zu einer distanzierten Sichtweise. Die Autorin versteht es, den Charakteren sehr viel Leben einzuhauchen und schreibt stets mit enormer Empathie für die Figuren. Die Handlung in den Kulissen der deutschen Dörflichkeit und Kreta werden glaubhaft, humorvoll und erlebbar beschrieben. Neben den Charakterisierungen und der Landschaftsmetaphorik ist die Entwicklung der Frauen untermalt von der Rockgeschichte, die in den siebziger Jahren ihren Anfang nahm. Besonders rückt dabei Deep Purple, verdienterweise, in den Vordergrund. 

Kat hat, ohne es wohl selbst zu spüren, eine enorme Macht über ihr Umfeld. So hat sie auch Einfluss auf ihre Freunde. Besonders auf Isi, die sie stets Easy nennt. 1973 soll ihr Jahr werden. Sie haben Pläne, was sie alles erleben, austesten und endlich abhaken möchten. Dies wollen sie gemeinsam machen. Zumindest schwören sie es sich in jener Silvesternacht im Jugendtreff. Die Liebe ist es, die ihnen am meisten fehlt. Beide haben eine andere Vorstellung vom Liebesleben der Anderen. Schwierig wird es auch in Folge, als sie sich beide in den etwas älteren Fripp verlieben. Die Freundschaft wird auf die Probe gestellt und durch einen tragischen Wendepunkt findet diese ein abruptes Ende.

Kat ist ein erfolgreicher Onlinecoach und Beraterin. Mit Ihrem Blog hat sie vielen Menschen bereits helfen können. Durch ihre Aktivitäten wird sie von Easy gefunden, die sie kontaktiert. Der Kontakt verläuft auf zwei Ebenen. Zum einen virtuell durch Brief, Kommentar und Postings leicht anonym und dezent versteckt hinter den jeweiligen Benutzernamen. Aber auch im realen Leben. Easy lädt Kat ein, sie auf Kreta zu besuchen. Die beiden Frauen erleben eine gemeinsame Zeit und tänzeln um die Themen, die sie eigentlich ansprechen wollen. Ablenkung finden sie durch die netten Nachbarn und die wunderbare Landschaft. Das Osterfest, das auf Kreta stets groß gefeiert wird, ist der Anfang des Aufbrechens der inneren Mauern. Was passierte damals? Was hat die beiden Freundinnen so verletzt, dass ihre Freundschaft fast ein halbes Jahrhundert ruhte? Was ist mit Fripp passiert?

Im Zentrum steht die Freundschaft. Aber es geht auch um Missverständnisse, Eifersucht und das Erkennen, das die kleinste Beeinflussung enorme Wirkung haben kann, zumindest in der Betrachtung der eigenen Biographie. Somit ist es auch die Geschichte um die Kunst des Verzeihens, des Loslassen und das Akzeptierens.

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Yanick Lahens: „Sanfte Debakel“

Eine literarische Reise, die stets das Gefühl einer fiebrigen Hektik verbreitet und über der auch etwas Bedrohliches, wenn nicht sogar der Tod selbst mitschwingt. Der Alltag und die Flucht aus diesem sind durchdrungen von Poesie, Sinnlichkeit und Musik, das heißt der gesellschaftliche Blues wimmert beständig und wohlklingend mit. In diesem Buch ist es die Sprache, die den Rhythmus schlägt und somit einen Takt für den Verlauf der spannenden Handlung vorgibt.

Auch wenn man anhand der Inhaltsangabe einen kriminalistischen Plot erwarten könnte, wird man doch viel umfangreicher von diesem kurzweiligen Roman mitgerissen. Es ist ein spannender Haiti-Roman, der in der Kürze ein umfangreiches Portrait des Landes und der Menschen beschreibt. Die Figuren sind getriebene und versuchen aus dem Umfeld oder der Lebenssituation zu flüchten. Doch verlaufen diese sanften Debakel oft in Niederlagen.

Port-au-Prince wird in diesem Werk als eine Stadt voller Korruption beschrieben. Die Machtspiele sind gut geschmiert von Menschen eingefädelt worden, die davon weitreichend profitieren. Wer sich Ihnen in den Weg stellt, wird bedroht oder gänzlich zum Schweigen gebracht. So auch der Richter Raymond Berthier, der sich nicht auf diese Spiele einlassen will und sich damit Feinde gemacht hat. Er schreibt an seine Frau, denn auch seine Familie wurde indirekt bedroht und er ahnt das unausweichliche Ende seines Lebens. Sechs Monate nach seiner Ermordung versucht seine Tochter Brune das Drama zu verarbeiten. Ihr Traum ist es, Sängerin zu sein und sie versucht den Schmerz und den Verlust durch die Musik zu kompensieren. Ihr Onkel möchte durch seine Vernetzungen Einblick in den damaligen Vorfall erhalten und der Anwalt Cyprien möchte Karriere machen. In diesem Umfeld bewegen sich unter anderem noch ein revolutionärer Straßenkämpfer und ein französischer Journalist. Alle Figuren kreisen umeinander und enthüllen immer mehr ihr eigenes Innenleben. Durch sie wird die Gesellschaft erlebbar. Langsam werden auch die ganzen Zusammenhänge deutlich.

Die Nichtexistenz der Machlosen wird beleuchtet und durch diesen Text in Frage gestellt. Das pulsierende Leben in Haiti und besonders in Port-au-Prince wird in einem fiebrigen Leseblitz farbenfroh beleuchtet. Ein Buch, das durch die Poesie, Musik und die Sprache lebendig wird.

Yanick Lahens wurde 1953 in Port-au-Prince geboren. Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium lehrt sie selbst und interessiert sich beständig für die traditionelle Kultur Haitis, was sich in ihren Werken widerspiegelt. Übersetzt wurde das Buch aus dem Französischen von Peter Trier.

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Amanda Cross: „Die letzte Analyse“

Ein richtig toller, literarischer Krimi aus dem Jahr 1964. Eine Literaturprofessorin glaubt an die Unschuld eines befreundeten Psychoanalytikers und beginnt zu ermitteln. Somit ist der Roman voller literarischer Anspielungen, psychologischer Raffinesse und gewürzt mit viel Charme und Humor. 

Die Handlung spielt in den sechziger Jahren in New York und beginnt mit einem Gespräch, in dem es um Freud geht. Die Psychoanalyse hat mit ihm begonnen, aber wohl auch mit ihm geendet, denn immer noch kreisen alle Analysen um seine Erkenntnisse. In diesem Gespräch sagt Kate Fansler ihrem Freund, dass sie ihn einer ihrer Studentinnen empfohlen hätte. Die schöne und junge Studentin Janet Harrison hatte ihre Professorin nämlich gebeten, ihr einen Psychoanalytiker zu nennen. Da Kate vor langer Zeit eine Beziehung mit Dr. Emanuel Bauer hatte und immer noch ein freundschaftliches Verhältnis mit ihm und seiner Familie pflegt, hatte sie Janet Harrison seine Adresse in Manhattan genannt.

Sieben Wochen später wird Kate von einem Polizisten aufgesucht und befragt. Denn Janet Harrison wurde ermordet. Sie wurde auf der Couch in der Praxis von Dr. Emanuel Bauer erstochen. Die Polizei verdächtigt sofort Emanuel, jedoch fehlen Beweise, die eine zügige Inhaftierung rechtfertigen würden. Kate, die von der Unschuld ihres Freundes überzeugt ist, sucht diesen auf und möchte den Fall klären, denn sie befürchtet, die offiziellen Ermittlungen gehen lediglich in eine Richtung. Man sucht Beweise für den bestehenden Verdacht, ohne ein Motiv gefunden zu haben. Kate beginnt zu ermitteln und stützt sich dabei stets auf ihr belesenes Wissen. Die Tat könnte perfide eingefädelt sein, denn wenn Emanuel die Wahrheit sagt, wurden Termine abgesagt, auch der der Ermordeten und er war zu der Tatzeit nicht in seiner Praxis. Dies belegen auch Anrufe, die zentral eingegangen sind, um die Termine kurzfristig abzusagen. Aber doch sind Emanuels Fingerabdrücke auf der Tatwaffe und warum sollte die Leiche auf seiner Couch liegen? Warum gerade sollte er einen Mord in seiner Praxis mit seinem eigenen Küchenmesser begehen? Kate erhält bei ihrer Fallanalyse Unterstützung unter anderem durch den stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt Reed Amhearst.

Der Roman lebt von seinem Charme der Zeit, also der 60er Jahre in New York. Die Dialoge sind klug, ironisch und sehr gekonnt formuliert. Die ganze Handlung ist toll und glaubhaft inszeniert und führt zu raffinierten Schlussfolgerungen. Es ist ein literarischer Lesespaß und ein Krimi, der sehr unterhaltsam und ohne Gewalt und Action-Szenen auskommt. Ein richtig schöner, guter und klassischer „Whodunit“ mit Witz und Charme.

Amanda Cross, eigentlich Carolyn Gold Heilbrun (1926 – 2003), war eine feministische Literaturwissenschaftlerin. Sie veröffentlichte wissenschaftliche Schriften, aber auch unter ihrem Pseudonym Krimis um die Literaturprofessorin und Amateurdetektivin Kate Fansler. Übersetzt wurde diese Wiederentdeckung aus dem Amerikanischen von Monika Blaich und Klaus Kamberger.

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Christian Schnalke: „Die Fälscherin von Venedig“

Ein opulenter historischer Spannungsroman. Christian Schnalke, der auch als Drehbuchautor tätig ist, versteht es, den Lesestoff szenisch und cineastisch umzusetzen. Ein Roman, der zu Lesestunden einlädt, in denen man in der Zeit und Geschichte reist und dabei gänzlich das persönliche Umfeld vergessen kann. Trotz der Fülle und des Umfangs, wird der Bogen niemals überspannt und die Handlung hat nichts Verklärendes. Es geht um Macht, Gier, Liebe und ganz viel Kunst. Die Kulisse ist das Venedig des Jahres 1818 mit all seiner Pracht. Aber neben dieser leuchtenden und prachtvollen Vorstellung der Lagunenstadt, wird auch die bröckelnde und dunklere Seite der damaligen Welt sehr lebendig.

Franz Wercker, eine Figur, die bereits in dem Roman „Römisches Fieber“ die Hauptfigur war, träumt von einer Karriere als Schriftsteller. Der junge Deutsche wird auf seiner Italienreise von der Kirche zu Unrecht wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt. Doch wird ihm die Möglichkeit der Begnadigung geboten. Er soll in Venedig gestohlene Kunst und deren Diebe ausfindig machen. Bei einer Rückführung von napoleonischer Beutekunst sind diverse Meisterwerke stibitzt worden. Franz Wercker soll diese Werke finden. Fortan nennt er sich Robert von Stagard und quartiert sich als Kunsthändler getarnt in dem von Österreich beherrschten Venedig ein.

Er mimt seine Rolle, bangt aber durch seine Unwissenheit aufzufallen und somit seine Chance der Begnadigung zu verspielen. Er taucht ein in die Kunstwelt und sucht Künstler, Sammler und Kunsthändler auf. Da er sich ebenfalls als ein Händler ausgibt, wird er als Konkurrenz misstrauisch beobachtet. Doch um den Schein zu wahren, kauft er auch wenige Gemälde und sucht Galerien auf. Dabei trifft er auf einen namhaften Kunsthändler, der sich kurz darauf das Leben nimmt. Da Franz, der zugegen war, ihn aus den Fluten, aber ihm nicht das Leben retten konnte, wird er erneut des Mordes verdächtigt. Doch bekommt er Hilfe und verstrickt sich dabei immer mehr in der dubiosen Kunstwelt und meint auch kurzweilig, eines der gesuchten Werke gesehen zu haben. Doch lenkt er damit auch die Aufmerksamkeit auf sich. Unterstützung erfährt Franz durch eine geheimnisvolle deutsche Malerin, Irma, die ebenfalls in Venedig verweilt.

Ein weiterer Handlungsstrang ist mit Clara, der Frau von Franz, angelegt. Sie weilt in Deutschland bei gutsituierten Menschen und Freunden und verkehrt im Umfeld von Goethe. Sie begibt sich auf die Suche nach Franz, der immer mehr als vermeintlicher Kunsthändler in die Geschichte rund um den Kunstmarkt eingetaucht ist und sogar selbst in arge Bedrohung gerät.

Der Roman erzeugt sofort Bilder und man wandelt mit den Figuren durch die damalige Kulisse. Farbenfroh wird die Geschichte um Franz und die damalige Kunstwelt erzählt. Ein historisches Werk, das neben der Spannung auch für etwas Bildung sorgt. Neben den schönen und prächtigen Prunkbauten stehen in diesem Roman auch die Gebäude und Werke, an denen der Putz und die Farbe abbröckeln. Ein kluger und unterhaltsamer Schmöker im wahrsten und positiven Sinne des Wortes. 

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Björg Björnsdottir: „Der sechste Wintermonat“

Lyrik ist stets etwas ganz persönliches. Auf minimalstem Raum birgt diese Literatur viel Spielraum und die Größe entfaltet sich beim Lesen oder Rezitieren. Der Lyrikband der isländischen Journalistin und Schriftstellerin Björg Björnsdóttir ist ein Zyklus von Gedichten über Einkehr, Trauer und Neubeginn und voller Verbundenheit zwischen Mensch und Natur. Die Natur als Metapher der persönlichen Innenschau. Die Bilder wachsen und bilden einen Kanon, der durch die Sprachgewalt pure Leselust verbreitet und zu einem Nachsinnen einlädt.

Beim Lesen wandern wir durch eine Seelenlandschaft im Einklang mit dem Jahresverlauf. Es sind Gedichte, die die alten isländischen Monatsnamen im Titel tragen. Übersetzt wurde das Werk von  Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Das Buch selbst ist ein Erlebnis und ein handwerkliches Kunstwerk. Gesetzt wurde das Werk mit einer Linotypen-Setzmaschine und gebunden nach der offenen, japanischen Art. Das wunderschöne und bibliophile Werk wird ergänzt durch eigens für das Werk geschaffene Graphiken, d.h. Radierungen und Linolschnitte von Jón Thor Gíslason.

Zur Entstehung des Werkes hat Wolfgang Schiffer hier einen schönen Einblick gegeben:

„Vom Buch übers Manuskript zu einem neuen Buch“

Ein Werk, das man immer wieder in die Hand nehmen wird. Es chronologisch durchwandert oder willkürlich oder gezielt besucht. Eine Reise, die durch die Naturbilder von einer schmerzenden, eingekehrten Seele erzählt, die eine Stille in den Schatten findet, um dann im Licht die Sanftheit des Augenblicks zu erfassen. Doch keimt im Sommer auch wieder ein Winter, der in einem „Und dennoch“ verklingt…. Ein Kunstwerk.

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Katja Kettu: „Die Unbezwingbare“

Ein Buch, das begeistert und inhaltlich vieles bietet. Eine mystische Ebene trifft auf die brutale Realität und wir tauchen beim Lesen ein in eine spannende Spurensuche. Anfänglich ist es die Sprache, die fast schon verzaubert, dann wächst der Handlungsverlauf an zu einer nervenaufreibenden Spannung, die eine Wirklichkeit beherbergt, die einen das Grausen lehrt.

Katja Kettu zählt zu den wichtigen Autorinnen Finnlands. Ihr bisher größter Erfolg war der mehrfach ausgezeichnete Roman „Wildauge“. In „Die Unbezwingbare“ steht im Mittelpunkt Lempi, eine Frau, die sich auf eine Rückreise begibt und die Vergangenheit zu klären versucht. Ihre Eltern sind die Ojibwe Rose und der Finne Ettu. Somit geht es auch um die Geschichte der europäischen Auswanderer und ihre Beziehungen zu den Urvölkern Nordamerikas. Rose Feather war eine wilde und freie Frau und sie liebte ihren Mann, Ettu, und ihre Tochter Lempi sehr. Sie lebten in einem Ojibwe-Reservat.

Vor fünfundvierzig Jahren ist Rose spurlos verschwunden. Ettu hat seitdem viele Vermisstenanzeigen gestellt. Doch waren diese bisher erfolglos und erhielten auch wenig Gehör. Ettu, selbst auch oft verdächtigt, verliert darauf hin langsam seinen Glauben und Verstand. Lempi hatte das Reservat verlassen und war in ein Internat gezogen. Stets hat sie mit ihrer Identität zu kämpfen. Sie wird weder bei den Finnen noch bei den Ojibwe gänzlich angenommen. Dies erlebte sie bereits zu Schulzeiten und musste sich stets behaupten. Im Reservat war sie zu weiß, außerhalb nicht weiß genug.

Rose wird weiterhin vermisst und jetzt ist erneut ein Mädchen verschwunden. Ettu scheint sich zu erinnern und er bittet Lempi zu kommen. Somit kehrt Lempi in das Reservat in Minnesota zurück. Lempi schreibt Briefe an Jim Graupelz, den sie seit ihrer Jugend kennt. Ettu übergibt Lempi Briefe von Rose, die sie nun erstmals liest. Als damals immer wieder Mädchen im Reservat verschwanden, wollte Rose dem Verbrechen auf die Spur gehen. Doch stieß sie dabei auf Widerstand und verschwand dann ebenfalls spurlos.

Es ist ein Roman, der sich gänzlich im Leser entfaltet. Durch die poetische Sprache und den Handlungsverlauf vertieft man sich zügig im Text. Es geht um Identität, Gewalt und Missbrauch. Ein Werk, dem man sich aber öffnen muss und bei dem man sich ganz auf den Stil und die weitere Entwicklung einlassen sollte. Durch die Briefe von Lempi und Rose springt die Erzählperspektive zwischen 2018 und 1973. Neben den Themen der Unterwerfung der amerikanischen Urbevölkerung, also dem Rassismus, geht es um Ideale, Hass und Feminismus.

Ein wunderbar geschriebener Roman, der aber innerhalb der poetischen Sprache eine nackte Brutalität, die aus Realität geboren ist, verbirgt. Ein wichtiges und mehr als lesenswertes Werk. Aus dem Finnischen übersetzt von Angela Plöger.

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Amy Waldman: „Das ferne Feuer“

Eine packende Geschichte über aktuelle Themen und Zeitgeschichte. Ein Roman, der es versteht, einen leicht journalistischen Ton in Literatur zu verwandeln. Dabei werden große Fragen aufgeworfen. Fragen über die Moralisierung, die naive Gläubigkeit durch die schnell wandelbare Medienwelt, Offenheit gegenüber fremden Kulturkreisen und Religionen. Dabei kann es zu Verwirrung führen, die, sofern sie öffentlich gemacht wird, katastrophal sein kann.

Amy Waldman, amerikanische Journalistin und Autorin, erzielte mit ihrem Debütroman „Der amerikanische Architekt“ große Erfolge. „Das ferne Feuer“ beschreibt allein durch den Titel eine Distanz, die durch Verständnis und Leidenschaft versucht wird zu überbrücken. Doch was ist, wenn die Bilder, die man von fremden Ländern und Kulturen hat, von Vorurteilen und falschen, eventuell manipulierten Bildern und Geschichten geprägt sind?

Der Hauptcharakter ist Parvin Schams, die in erster Generation Amerikanerin ist. Ihre Eltern sind aus Kabul in die USA geflohen. Sie ist eine ehrgeizige Berkeley-Studentin und kennt die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen. Als sie eines Tages per Zufall das Buch „Mutter Afghanistan“ findet und liest, entflammt in ihr ein Feuer. Das Buch, das sie mehrfach liest, ist eine Mischung aus Selbsterfahrungsbericht und abenteuerlicher Aufklärung. Ein Arzt berichtet über die medizinischen Missstände des Landes und besonders über die Rolle der Frau in Afghanistan. Er hat eine Klinik und eine Stiftung gegründet. Die Klinik hat der Arzt nach einer Frau benannt, die trotz seiner damaligen Hilfsversuche im Kindsbett verstorben ist. Parvin ist von diesem Bericht so berührt und fühlt sich so sehr angesprochen, dass sie den Arzt kennenlernen möchte. Auf einem Vortrag erlebt sie ihn und sieht, wie er durch kleine Starallüren auffällig ist, stellt dies bei ihm aber nicht in Frage. Auch, als sie mit ihrer Professorin über ihren Plan redet, aufgrund des Buches nach Afghanistan zu reisen, versucht die Professorin, die naive Leidenschaft abzumildern. Das Buch ist aus deren Sicht eine verkitschte Meinungs- und Machtmanipulation.

Parvin reist und will für die Stiftung tätig sein oder zumindest über diese schreiben. Als sie in dem ärmlichen Dorf eintrifft, in dem die weiß strahlende Klinik fast wie deplatziert wirkt, verschleiern sich die Perspektiven. Die Familie, die sie beherbergt, war auch bereits für jenen Arzt Gastgeber. Doch waren seine Berichte über diese Familie viel freundlicher und herzlicher, als Parvin nun dort aufgenommen wird. Immer mehr stößt sie auf Ungereimtheiten. Der Bericht, der sie zu ihrer Reise veranlasst hatte, scheitert an der vorgefundenen Realität. Auch die Klinik wird nur wöchentlich von einer Ärztin genutzt. Aber nicht als Klinik mit vollfunktionsfähigen Operationssälen. War der Arzt und der Gründer der Stiftung ein Hochstapler?

Nicht nur das Buch des Arztes hat großen Einfluss der amerikanischen Sicht auf Afghanistan, sondern auch in Folge was Parvin beschrieben hat. Dies kann in dieser krisengeplagten Region zu einer Katastrophe führen.

Welchen Einfluss haben die Medien auf den Blick auf unsere Welt? Wie weit kann man sich von subjektiven Berichten leiten lassen? Es kann nicht gut sein, wenn man stets von der eigenen Weltsicht die andere erschließen möchte. Gutgläubigkeit ist grundsätzlich gut, wenn die Menschheit friedlich und sorgsam miteinander umgeht. Sobald aber Gier ein Motivator ist oder Machtspiele ausgetragen werden, kann Gutgläubigkeit gelenkt und sogar manipuliert werden. Es gibt viel in diesem packenden und umwerfenden Roman zu entdecken. Ein Blick auf uns und unsere Welt in einem sachlichen und dennoch einfühlsamen Ton, der zu begeistern versteht. Jede Perspektive bekommt hier Glaubwürdigkeit. Übersetzt wurde das Werk aus dem Englischen von Brigitte Walitzek.

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Gäste im Leseschatz

Weiter geht es mit unseren unglaublich tollen Gästen auf Leseschatz-TV (YouTube).

Es sind folgende Gäste seit den vergangenen Tagen bei uns neu zu sehen:

Dana Grigorcea, Wolfgang Schiffer, Rolf Lappert, Eva Ladipo, Angélique Mundt, Anja Goerz, Mathijs Deen, Julia Rothenburg, Sonja Rüther und Horst Eckert.

Viele weitere waren bereits bei uns zu Gast und es werden noch weitere folgen!

Link zu den Videos:

https://www.youtube.com/c/BuchhandlungAlmutSchmidtOHG/videos

Danke an alle Gäste!

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