Ben Rakidzija: „Briefe aus meinem Garten“

Bücher können jeden Urlaub ersetzen und uns einladen, zu Entschleunigung und den Moment sowie das Umfeld genauer zu erfassen. „Briefe aus meinem Garten“ sind Erzählungen und Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung und den brieflichen Bezug etwas ganz Besonderes darstellen. Briefe sind innerhalb der Literatur stets eine Quelle an sprachlichen Bindungen, Übermittlungen und des informellen, sowie gefühlvollen Austauschs. Diese wurden durch den elektronischen Mailversand abgelöst und mit dem medialen Fortschritt weiter verkürzt. Sogar durch das Verwenden von kleinen Symbolträgern für Gedanken oder Emotionen noch mehr bagatellisiert. Daher ist der Brief eine wunderbare Rückbesinnung auf die Zeit, die uns diese beim Verfassen oder Erfassen schenken. Die Handlung gaukelt einen Fund vor, der nahe Pula im Jahr 1937 gemacht worden sein soll. Die darauffolgenden Briefe und Erzählungen, die auf das Jahr 1889 datiert sind, sollen in einer bäuerlichen Schublade gefunden worden sein. Somit spielt die Rahmenhandlung zur Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Ben Rakidzija lebt als Hotel-Philosoph, Mittagsschläfer und Schriftsteller in den südlichen Ländern Europas. Seine „Verteidigung des Mittagsschlafs“ wurde bereits gefeiert und nun erweitert er unseren Horizont durch eine fast schon sinnliche Zeitreise. Der deutsch-kroatische Autor bedient sich eines Vorbildes „Briefe aus meiner Mühle“ von Alphonse Daudet. Briefromane sind in der Literatur keine Seltenheit und erzeugen einen Wunsch nach Realität innerhalb der fiktiven Träumereien. Der beschriebene Garten ist mitten in Istrien. Er beherbergt zwei Olivenbäume, dazu viel Rosmarin und Lavendel. Auch Tiere sind hier zuweilen gerngesehene Gäste, wie ein Kätzchen, Igel, ein diebischer Ziegenbock und ein eigenwilliger Esel. Die Landschaft und die dortigen Düfte erinnern an das Mediterrane und doch wird der Vergleich zur Provence gleich zum Anfang abgelehnt, denn die französische Region würde vor Neid zerplatzen. Es ist ein Gelegenheitsdichter, der bei einem Makler ganz spontan und zur eigenen Überraschung jenen Garten kauft. Bei der Anreise fragt er sich, ob es den Garten wie beschrieben überhaupt gibt. Bei der Ankunft erkennt er, dass er das Geschäft seines Lebens getätigt hat. Hier in einer Hängematte liegend schreibt er, was er denkt, erlebt oder ihm zugetragen wird. Die zugetragenen Geschichten können auch von sonderbarem Ursprung sein. Alles hat etwas wunderbar Altertümliches, Schönes und Besinnliches. Es sind heitere und stets positive Betrachtungen, die auch in bedrückenden Umfeldern, wie dem Krieg, keimen, aber dann immer lebensbejahend sind. Wie der Soldat, der verwundet einen Freund bittet, seiner sterbenden Mutter Briefe in monatlichen Raten zukommen zu lassen, damit diese ihren Kummer verliert. Es gibt eine Begegnung mit einer Untoten oder einer Kameliendame. Auch ein Trinker taucht auf, Feenspeise oder ein an einem Spinnennetz schwebender Rosmarinzweig, der einen Jungen gottesfürchtig werden lässt.

Diese Texte haben alle sehr viel Charme und erlauben uns die dortige Fauna und Flora durch die schöne Sprache sinnlich mitzuerleben. Eine eigenwillige, besondere und ergreifende Zusammensetzung. Hier trifft Poesie auf Witz, Geschichten auf ländlichen Flair. Das Buch ist ein sommerlicher und schriftlicher Urlaub, der durch Abdrucke von Gemälden im Buch begleitet wird.

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