Denise Mina: „Die große Hitze“

Ein großer amerikanischer Detektiv ist zurück. Wie einst Sherlock Holmes oder Miss Marple ganze Heerscharen an ermittelnden Klugköpfen inspirierten, ist es Philip Marlowe, der als Figur eine gute Figur in den etwas anderen, den hardboiled Krimis machte und ebenso viele Nachfolger erweckte. Ein Mann, ein Detektiv, der das Gesetz, die Moral und das Rechtsempfinden dem eigenen Ermessen anpasst. Marlowe ist der Prototyp des harten, unbestechlichen und grüblerischen, wenn nicht sogar sentimentalen Einzelgängers. Frauen kommen vor, sind aber kurze Wegbegleiterinnen. Er trinkt, raucht und ist wortgewandt, aber auch barsch in seinen Formulierungen, die oft in sehr witzigen Pointen münden. Sein literarischer Vater ist der amerikanische Schriftsteller Raymond Chandler (1888 in Chicago geboren und 1959 in Kalifornien verstorben), der als Pionier der amerikanischen Hardboiled-Geschichten gilt. Auch in der Filmwelt gibt es einige klassische Adaptionen.

Die Königin der Noir-Literatur Denise Mina wandelt nun auf Chandlers Spuren. Als junge Frau versuchte sie einige Jobs, um dann in Glasgow Jura zu studieren. Sie begann, Kriminalromane zu schreiben und erhielt für ihre Romane zahllose Preise. „Die große Hitze“ ist ein autorisierter Philip-Marlowe-Roman. Es macht unglaublich Spaß, diese Welt neu zu betreten. Jetzt aus der Feder einer Frau, die dem hartgekochten Kerl neues Leben einhaucht. Mit sehr viel Hingabe zu den Originalromanen und Erzählungen lässt Mina etwas Neues im alten Gewand erscheinen. Mit sehr viel Respekt nähert sie sich der Ikone an und tanzt zwischen Pulp-Fiction und Literatur. Die auferstandene Welt des Philip Marlowe ist ein Gesellschaftsbild und eine wunderbare Zeitreise in das Los Angeles des Jahres 1938. Der Krimi lebt von seinem Sprachwitz und den erzeugten Bildern. Ein Detektiv, der mit trockenem Humor schlagfertig durch die Szenerie wandelt und sehr viel bereits erlebt und gesehen hat. Er ist mit vielen bekannt und gleichermaßen beliebt oder unbeliebt. Er ist jemand, der auch mal ein Auge zuzudrücken versteht, aber auch nicht aufhört, über Fälle nachzusinnen, wenn sie polizeilich gelöst zu sein scheinen, er aber weiterhin ein ungutes Gefühl hat. Er hat seine Prinzipien und bleibt diesen meist treu, es sei denn, die Neugier übertrumpft die vernünftige Routine. Er hat gerade einen Fall beendet, den er im Kopf aber noch nicht wirklich beenden kann. Etwas stimmt nicht und er geht den Fall, der sich in der Filmwelt abgespielt hat, immer wieder durch. Doch die Hitze macht ihm zu schaffen. Da kann das Fläschchen Stimmungspolitur auch wenig Abhilfe schaffen. Dann bekommt er einen Anruf und ein neuer Fall lockt in die abgehobene Welt eines millionenschweren Patriarchen, dessen verschwundene Erbin er suchen soll.

Die Zeit und das Setting werden sehr lebendig und mit dem ersten Satz sind wir sofort in der Marlowe-Welt. Die Dialoge sind scharfzüngig, fiebrig, voller Pointen und erzeugen eine Wohlfühlatmosphäre im schattigen Hollywood. Der Roman ist bildreich und voller Witz und eine faszinierende Neubelebung der Werke von Chandler, die hier eine tolle Erweiterung erhalten. Eine amerikanische Geschichte aus Schottland, die

 als Gesellschaftsstudie und als unglaublich toller, fast schon sinnlicher Lesespaß erfasst werden kann. Übersetzt wurde der Roman von der Verlegerin Else Laudan.

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