Devika Rege: „Die rastlosen Jahre“

Der Roman besteht aus der Architektur des Lebens. Eine universelle Architektur, die anhand der Figuren einen gegenwärtigen Blick zwischen Ost und West wirft und in seiner Struktur, seiner Aussage und der Handlung als wichtiger Baustein der Gegenwartsliteratur gelesen gehört. Dieser Roman verbindet Wissen mit Emotion, Sachlichkeit mit Leben und Kunst mit dem scheinheiligen Wesen der Jetztzeit. Der Roman ist voll von Geschichten, Ideen und politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und Brüchen, dass wir in einen regelrechten Lesestrudel gerissen werden.

Devika Rege entwirft ein Panorama des modernen Indiens. Es sind anfänglich drei Erzählstimmen, zu denen sich weitere hinzugesellen. Am Ende spricht das Fragezeichen, das die Stimme der Autorin zu kaschieren versucht. Devika Rege wurde in Pune, Indien, geboren und lebt dort. Sie studierte an der University of Mumbai und absolvierte den Iowa Writers’ Workshop. „Quarterlife“, so der Originaltitel, ist ihr Debütroman. Aus dem Englischen wurde das Werk von Barbara und Stefan Weidle übersetzt.

Die Handlung ist weitgefächert und die Ideen sprudeln geradezu aus den Seiten heraus. Ein Werk, zu dem der Vergleich zu „Der menschliche Makel“ von Philip Roth gleichberechtigt neben der Bhagavad Gita genannt werden könnte. Viele Welten vereinen sich und zeigen die Strömungen und Lebenswege, die in Indien, aber auch in die ganze Welt greifen. Ein Werk, das herausfordert, begeistert und uns fühlen und lernen lässt. Eine großartige Auseinandersetzung mit Kultur, Politik und der Gesellschaft unserer Zeit.

Es sind Naren, Amanda und Rohit die dem Anfang ihre Stimme geben. Mit einem Unbehagen beginnt das Werk und transformiert sich bis zum Loslassen. Dabei tauchen wir tief ein in Amandas Weg zu sich selbst, Narens Weg zur Freiheit und Rohits Weg zur Identität. Alle drei sind in einer globalen Welt aufgewachsen, doch die internationalen Versprechen werden brüchig. Ihre Freundschaft, Begehren und Zugehörigkeiten bringen sie zueinander und voneinander weg. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegensätze werden durch die Charaktere sehr verdeutlicht. Die Polarisierungen verunsichern und verhärten sich zugleich.

Naren und Amanda sind zusammen in Indien eingetroffen und treffen auf Rohit, Narens Bruder, der in Mumbai lebt. Naren war mehrere Jahre an der Wall Street tätig. Jetzt kehrt er zu seiner Familie zurück. Amanda, eine Amerikanerin, bekommt ein Stipendium und arbeitet für eine NGO in einem Slum. Rohit gerät immer mehr in den erstarkenden Hindu-Nationalismus, der die Kultur, Wirtschaft und das Land enorm prägt. Amandas Vergangenheit und ihr Weg nach Indien öffnen ihr eine neue Weltsicht und alle drei wollen ihren Platz im Leben und in der Welt finden. Rohit macht sich auf eine Reise zu den Wurzeln und will cineastisch das Gesehene und Erlebte sichtbar machen. Auch Amanda hält ihre Erlebnisse fest. Naren hat eine profitable Stelle als Unternehmensberater bekommen und seine Machenschaften greifen in höhere Kreise der Politik und Wirtschaft ein. Es entsteht eine große Momentaufnahme zwischen den Extremen. Mit dem Kapitel „Stillstand“ geht eigentlich das Gegenteil in den Roman ein und weitere Stimmen vermehren die Ebenen. Ein Wirbel aus Ereignissen und Eindrücken wirkt auf die Handlung und Figuren ein und es steigert sich immer mehr und in einer Festnacht eskaliert es.

Ein kolossaler Roman, der als Debütroman in den Kanon der Weltliteratur wandert und einen großen Eindruck hinterlässt. Dieses Spiel aus Konflikten der Gegenwart zeigt, das jegliches Handeln oder Einwirken stets politisch ist und sich auf die Kultur und Gesellschaft ausdehnt. Das Buch ist ein literarisches Füllhorn. Sehr lesenswert.

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