Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“

Sebastian Barry Tage ohne Ende Steidl

Ein außergewöhnlicher Western. Außergewöhnlich nicht allein deswegen, weil ein irischer Schriftsteller einen geschrieben hat, sondern auch, weil er großartig erzählt ist. Ein lyrischer Western, der aus der Sicht des irischen Einwanderers Thomas McNulty erzählt wird. Er ist alt und blickt auf sein Leben zurück. Er erzählt raubeinig, roh und geradeheraus. Er erzählt sein Abenteuer, seine Liebe und viel über den Krieg, der überall und gegen jeden geführt wurde. Krieg gegen die Indianer und der Unionisten gegen die Konföderation. Alles ist Kampf, auch das Überleben. Doch hat Thomas eine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die gerade bei seiner Liebe zu John Cole zur Geltung kommt. Ein homosexuelles Westernpaar gab es bereits bei Annie Proulx, doch ist diese in „Tage ohne Ende“ fast unbemerkt nebensächlich.

Als er Missouri erreicht, ist er noch ganz jung. Er ist mit seiner Familie vor der Hungersnot in Irland geflohen. Er überlebt die Überfahrt, die Fieberhütten und reist von Kanada schließlich nach Missouri. Seine Rettung ist das Finden eines guten Freundes. John Cole, auch fast noch ein Kind, ist ebenfalls auf Wanderschaft. Bei einem Wolkenbruch begegnen sich beide unter einer Hecke und gehen seitdem stets gemeinsame Wege. Einem Anschlag folgend: „Saubere Jungs gesucht“ finden sie ihren ersten Job. In einem Saloon, der von Bergarbeitern aufgesucht wird, treten sie als Tanzmädchen auf. Denn das Leben ist überall schmutzig und scheußlich. Die groben und einfachen Bergarbeiter, von denen nur wenige mehr als Dreck finden, sind die Jungs eine gelungene Abwechslung. Doch werden aus den Jungs immer mehr Männer und besonders für John Cole, der immer größer wird, wird es immer schwieriger in Frauenkleider zu schlüpfen, um das weibliche Geschlecht zu mimen. So verlassen die beiden das Örtchen Daggsville und wollen sich bei der Armee melden. Nach der Ausbildung geht es auf den Oregon Trail in Richtung Kalifornien. So stolpern die beiden in Feldzüge gegen die Indianer und in den amerikanischen Bürgerkrieg. Neben der Jagd und den Kämpfen finden Thomas und John immer mehr zueinander. Im Gemetzel oder bei der Hungersnot geht es für beide immer ums einfache Überleben. Thomas bleibt stets ein Optimist und das große Glück finden sie in ihrer indianischen Adoptivtochter.

Ein amerikanischer Roman von einem großen Schriftsteller aus Irland. Die Geschichte Nordamerikas mal ganz anders und literarisch erzählt. Ein unterhaltsames, fast schon unvergleichliches Leseerlebnis in der Westernliteratur.  Besonders auffallend ist die rohe, faszinierende Sprache des Helden, der uns einen Blick in seine Seele und in die von Amerika gewährt.

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Donatella Di Pietrantonio: „Arminuta“

Donatella di Pietrantonio Arminuta Kunstmann

Ein Roman, der einen durch die Gestaltung direkt anschaut und sich dann beim Lesen mit einer enormen Kraft entwickelt. Die Erzählerin ist ein junges Mädchen, die in jenem Dorf, in dem sie erwachsen wird Arminuta, die „Zurückgekommene“,  genannt wird. Sie hat zwei Familien, für sie sind es zwei Elternpaare und es beschäftigt sie die Frage, warum sie zu ihren leiblichen Eltern zurückgeschickt wurde? Wer ist ihre Mutter? Die, die sie geboren hat, oder die, bei der sie aufgewachsen ist? Ein feiner italienischer Roman, der die Fragen nach der Identität und der Kluft, die zwischen Menschen durch Armut entstehen kann, stellt. Die Frage nach Zugehörigkeit beschäftigt das Mädchen lange, aber keimen in ihr auch Schuldgefühle. Da sie zwei Mal weggegeben wurde, sucht sie die Ursachen und Fehler bei sich selbst.

Der Roman beginnt mit dem prägenden Satz: „Als Dreizehnjährige kannte ich meine Mutter nicht mehr.“ So beginnt ihre Geschichte. Sie wuchs bei ihren Eltern wohlbehütet auf. Sie wohnte in einem kleinen, sauberen Haus an der See. Ihr Vater, ein Carabiniere, bringt sie eines Tages mit einem kleinen Koffer und einer Tasche, die lieblos gepackt wurde, zu einer ihr unbekannten Familie in einer kleinen Wohnung. Bereits der erste Eindruck ist ein verwahrloster, muffiger und ranziger. Ihre echten Eltern wollten sie wieder haben, mehr wird ihr nicht erklärt. Der Abschied von ihrer Mutter, bei der sie bisher gelebt hatte, war bereits lieblos und die Ankunft in der neuen Familie reißt ihr noch mehr den Boden untern den Füßen weg. Niemand scheint sich zu freuen, keiner scheint auf sie gewartet zu haben. Nicht einmal an ein Bett für sie wurde gedacht. Sie ist verzweifelt und fühlt sich jetzt also zum zweiten Mal abgeschoben, aber sie nimmt es dennoch hin und versucht sich irgendwie einzuleben. Nur fehlt ihr das Verständnis.

Die neue Umgebung und Familie stehen ganz im Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben. Die Wohnung und die Geschwister sind schmutzig, kennen z.B. keine Eiscreme und leben von der Hand in den Mund. Das Gefühlsleben wird in der neuen Familie niemals thematisiert und sie wird eher verächtlich in den Familienkreis aufgenommen. Sie wird als verwöhnt und arrogant wahrgenommen, wobei sie gerade dies nicht ist. Sie sucht die Nähe, auch wenn ihre jüngere Schwester, mit der sie das Bett teilen muss, dieses einnässt. Zu dieser Schwester kann sie die erste freundschaftliche Beziehung aufbauen. Die sehr körperlichen Jungs, die sich pubertär verhalten, erzeugen eine große Distanz, bis sich doch auch hier eine Verbindung herauskristallisiert.

Ihre ersten Eltern, die Eltern vom Meer, haben sie niemals ganz aus den Augen verloren und unterstützen sie, wenn es geht. Auch gleich am Anfang, als sie einen Brief geschrieben hat, wird ein Etagenbett angeliefert, das von ihren ersten Eltern bezahlt, von der neuen Familie ohne viel Kommentar einfach hingenommen wird und diese in der Annahme des verwöhnten Kindes bestärken. Letztendlich wird es die Bildung sein, die sie aus der ungebildeten Welt erlöst.

Ein ergreifender Roman, der viele Facetten des Lebens beleuchtet. Die Mutterliebe und die Frage nach der örtlichen, zufälligen Geburt, die entscheidet, ob ein Kind in Armut oder im Wohlstand aufwachsen kann und darf. Gibt es überall eine Chancengleichheit? Ein schöner, trauriger, und bewegender Roman, der auch von Michela Murgia (Autorin von u.a. „Accabadora“ und „Chirú“) hochgelobt wird. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die eine Heldin benennt, die ihren Platz im Leben sucht.

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Dennis Lehane: „Der Abgrund in dir“

Dennis Lehane Der Abgrund in Dir Diogenes

Dennis Lehane zählt für mich zu einem der besten Autoren für gut gemachte Spannungsromane. Besonders seine Charakterisierungen sind herausragend. Mit wenigen Skizzen werden die Figuren plastisch und im Leser sehr lebendig. Seine Romane sind Psychothriller oder Mafiaromane, die auch schon oft verfilmt wurden (u.a. „Mystic River“, „Shutter Island“, „Thr Drop“ und „Live by Night“). Ferner hat Lehane für drei Episoden der Serie „The Wire“ die Drehbücher geschrieben.

„Der Abgrund in Dir“ lebt,  wie in Lehanes Werken üblich, vom Aufbau der komplexen Charaktere und die Spannung wird regelrecht ab der Mitte des Buches angezogen. Bis dahin ist es ein literarischer Text, der lediglich durch den Prolog den Hinweis auf den eigentlichen Thriller gibt. Die Heldin ist voller Ängste und Zweifel und verheddert sich in ihrer Karriere als Journalistin. Nebenbei ist sie stets auf der Suche nach ihrem Vater und findet dabei Unterstützung von einem Mann, der sich anfänglich im Hintergrund hält, sich dann aber immer mehr zeigt und es zu einer Liebesgeschichte kommt. Hass geboren aus Unwissenheit und Liebe liegen nah beieinander und können jenem, der es fühlt, den Magen umdrehen. Denn gleich der erste Satz im Roman lautet: „An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.“ Der Spannungsbogen ist somit gleich im Anfang aufgebaut, denn warum macht Rachel dies und was oder wer hat sie zu diesem Mord getrieben?

Rachel Childs wurde in West-Massachusetts geboren. Sie wächst in einer Welt der Cafés und Frühstückpensionen auf, die sich immer mehr in Bars und Kneipen verwandeln. Oft blickt Rachel auf einem Barhocker sitzend in den gegenüberliegenden Spiegel und sieht sich selbst vis-à-vis. Sie wandert gedanklich zurück und sieht letztendlich in die Augen ihrer Eltern im eigenen Spiegelbild. Ihr Vater heißt James, hat dunkles gewelltes Haar und ist oder war als Lehrer tätig. Sonst weiß sie nichts über ihn. Ihre Mutter schweigt sich aus. Zu Rachels eigenem Schutz, wie sie behauptet. Die Mutter lebt ein fast schon scheinheilig zu nennendes Leben, denn sie hat einen psychologischen Ratgeber geschrieben, der ein Bestseller wurde, an den sie sich selbst aber nicht gänzlich halten mag. Rachel ist durch den fehlenden Vater von Verlustängsten geplagt, die durch den tragischen und tödlichen Unfall der Mutter verstärkt werden. Sie setzt alles daran, ihren Vater zu finden. Sie sucht eine Detektivkanzlei auf und lernt Brian kennen. Brian macht ihr wegen den sehr geringen Angaben, die sie über ihren Vater zu berichten weiß, wenig Hoffnung. Er rät ihr auch von einer beauftragten Suche durch eine Kanzlei ab, die letztendlich nur Geld kosten würde, aber den Vater wohl niemals ausfindig machen würde.

Rachel ist als Journalistin tätig und bekommt die Chance für die großen Fernsehsender tätig zu werden. Als sie eine Reportage auf Haiti drehen soll, vermasselt sie die erste und auch die zweite Chance, die ihr die Sender gegeben haben, durch ihre ersten öffentlichen Panikattacken. Auch ihre erste Ehe scheitert an ihrer inneren Zerrissenheit. Sie bekommt stets seelischen Beistand durch die Schreiben von Brian, den sie für die Suche nach ihrem Vater kontaktiert hatte. Als es zu einem wohl nicht ganz zufälligen Treffen kommt, entsteht eine starke Verbundenheit und sie heiraten. Nun hat Rachel eigentlich alles, was sie sich erträumt hatte. Einen liebevollen Ehemann, ein gutgestelltes Leben und ihre Panikattacken werden immer weniger. Doch bleibt die Angst vor dem Verlust und die Furcht, verlassen zu werden. Brian ist ein guter Ehemann, ein Freund und ein guter Zuhörer. Doch was weiß Rachel von ihm? Brian, der mit seiner Familie gebrochen zu haben scheint, aber das Familienunternehmen führt, ist oft dienstlich unterwegs. Als er in London sein sollte, meint Rachel ihn aber in der Stadt gesehen zu haben. Ein Doppelgänger oder ist er es und belügt er sie? Sie beginnt Fragen zu stellen und ihr Leben wird erneut eine Farce aus Lügen und Betrug.

Ein Roman, der durch seine vielschichtigen Figuren und die Stimmung lebt. Die Spannung wird ganz langsam aufgebaut und steigert sich ab der Mitte immer mehr. Vorher nimmt Lehane sich die Zeit, um seine Figuren und die Handlung weitreichend aufzubauen. Ab und zu blitzen Erinnerungen an seine anderen Werke auf. Die Dunkelheit in der Psyche geht einher mit den Beschreibungen der dämmrigen und verregneten Umgebungen. Wohl der langatmigste Lehane, der mehr auf den Figuren, dem Setting und der Geschichte aufbaut als auf Action und pure Spannung.

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Juan Gabriel Vásquez: „Die Gestalt der Ruinen“

Juan Gabriel Vásquez Die Gestalt der Ruinen Schöffling

Ein Roman, für den man Zeit benötigt, der aber vieles in sich vereint und sehr spannend und lehrreich zu lesen ist. Gleich den Romanen „Macht und Widerstand“ von Ilija Trojanow, „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin oder „Augustus“ von John Williams wurden hier Realität, Geschichte und Literatur vermischt, um daraus ein großes Werk zu erschaffen. Gleich Trojanow und Wodin bedient sich Vásquez der Wirklichkeit anhand von zum Beispiel Dokumenten und realen Episoden, die er in den Text einfließen lässt. Vásquez, der auch selbst als literarische Figur in „Die Gestalt der Ruinen“ auftaucht, überlässt es den Lesern, die Übereinstimmung mit dem Werk und dem realen Leben in eigener Verantwortung zu suchen und zu finden.

Vásquez versteht es erneut, fast schon einen Politthriller in sein komplexes Werk einzubetten. Gleich seinem Vorgänger „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ ist die Handlung tief mit der Geschichte Kolumbiens verknüpft. „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ schildert ein packendes Panorama über die schmutzige Geschichte des Landes, den berüchtigten Drogenhandel und die endlose Gewalt der 90er Jahre. Mit „Die Gestalt der Ruinen“ wird der Mord am aussichtsreichen Kandidaten für die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Jahr 1948 zentralisiert.

Jorge Eliécer Gaitán hatte sich als Anwalt einen Namen gemacht. Viele sahen in ihm eine große Hoffnung für Kolumbien, als er für die anstehenden Präsidentschaftswahlen kandidierte. Er hatte in der Unterschicht ein großes Ansehen, da es so wirkte, als könne er die Armut erfolgreich bekämpfen. Am 9. April 1948 wurde Gaitán von einem Attentäter erschossen. Danach kam es im Land zu großen Unruhen und stürzte Kolumbien in eine bis heute anhaltende Krise.

Juan Gabriel Vásquez beschreibt in seinem Roman das 20. Jahrhundert Kolumbiens. Die Hauptfigur ist er selbst als sein literarisches Abbild. Der Roman beginnt mit dem Versuch den Anzug Gaitáns aus einem Museum zu stehlen. Es ist der Anzug, den der Politiker am Tag seiner Ermordung getragen hatte. Carlos Carballo, der den Versuch unternommen hatte, den Anzug an sich zu bringen, ist ein seltsamer Mann, der nun durch diesen merkwürdigen Museumsbeuch für Schlagzeilen sorgt. Warum hat er den Anzug entwenden wollen? Hinter seiner Tat verbirgt sich seine Überzeugung von einer Verschwörung. Er ist fast wie besessen von seiner Suche nach der Wahrheit hinter der Ermordung Gaitáns, die Parallelen zum Attentat auf John F. Kennedy aufweist. Vásquez ist mit Carballo bekannt, der den Autoren dazu bringt, sich ebenfalls den Geschehnissen zu widmen. Durch die Recherchen zu diesen und weiteren Attentaten vermischen sich Geschichte, Verschwörungstheorien und Literatur.

Ist Geschichte ein Produkt von Zufällen? Obliegt diese stets der eigenen Interpretation und Deutung von Ereignissen? Ist die politische und menschliche Entwicklung eine Kette von irrationalen Taten, zufälligen Ereignissen und unvorhersehbaren Möglichkeiten? Oder ist die Geschichte ein gesteuerter Schau- und Spielplatz voller Schatten und unsichtbarer Hände?

Der Roman ist komplex, vielschichtig und großartig geschrieben. Selten ist ein Roman, der geschichtliches Wissen vermittelt, gleichzeitig so spannend und anspruchsvoll geschrieben. Es ist wohl Vásquez bisheriges Hauptwerk, denn er hat viele Jahre an diesem Buch gearbeitet und auch viel von seinem Wissen und Leben eingearbeitet. Ferner lebt der Text von den Bezügen und Zitaten aus der Welt der Literatur. Ein zeitaufwendiges Leseerlebnis, das die Realität und Wahrheit durch die Kunst der Literatur beleuchtet.

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Buchblog-Award: BUBLA18-FINALIST: LESESCHATZ

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#BUBLA18 – LESESCHATZ IST UNTER DEN FINALISTEN

Danke an alle, die mich nominiert haben! Ich freue mich unglaublich, denn mein Leseschatz hat es in die Kategorie „Allesleser“ geschafft. Aus einer Anzahl von ~700 Buchblogs bin ich nun einer der nominierten Finalisten!

Ich danke allen, die mir Ihre Stimme gegeben haben, also mögen, was ich in und für die Welt der Bücher so mache! Danke, danke, danke! Ich bin wirklich etwas sprachlos und kann meine Freude nicht wirklich fassen…

45 Blogs stehen im Finale des Buchblog-Award 2018!  #BUBLA18 – DIE FINALISTEN

„Hier stellen wir Euch Hauke vor, der mit seinem Blog Leseschatz in der Kategorie Allesleser nominiert ist.“  BUBLA18-FINALIST: LESESCHATZ

Danke an das Buchblog-Award-Team, an alle, die mich lesen, die für mich die Daumen drücken

Danke und herzliche Grüße aus der Buchhandlung Almut Schmidt, Ihr und Euer Hauke

 

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Néhémy Pierre-Dahomey: „Die Zurückgekehrten“

Pierre-Dahomey Die Zurückgekehrten Nautilus

Ein Roman über Menschen, deren Flucht scheitert, die in einer äußeren Siedlung auf Haiti stranden und deren Tochter ein besseres Leben in Frankreich winkt, die aber ebenfalls Jahre später auch zurückkehren wird.

Der Autor Néhémy Pierre-Dahomey wurde in Port-au-Prince auf Haiti geboren und lebt in Paris. Dies ist sein Debütroman, der unter dem Titel: „Rapatriés“ in Frankreich mehrfach ausgezeichnet wurde. Es ist die bewegende Geschichte von Belliquese Loussaint, die Belli genannt wird und ein ärmliches Leben führt. Sie möchte, wie viele andere, der Armut entkommen und fliehen. Doch die Schiffspassage Richtung USA endet in einer Katastrophe. Die Menge der Flüchtlinge auf dem Boot konnte noch durch zähe Verhandlungen seitens des Kapitäns minimiert werden, doch durch starken Gegenwind gerät das unzuverlässige Boot außer Kontrolle. Als nur noch die Brücke des Schiffes so tut, als könnte sie den Wellen trotzen, verliert Belli ihren Sohn in den Fluten. Diese illegale Überfahrt endet mit einem gescheiterten Schiffbruch und der Rückkehr nach Haiti. Sie findet eine Unterbringung in Rapatriés, einer Siedling am äußersten Rand von Port-au-Prince. Hier stranden alle Gescheiterten. So auch Belli mit ihrem Gefährten Néné und ihren verbliebenen Kindern.

Belli versucht in ihrem Unglück, etwas Neues für sich und die Kinder zu erschaffen. Doch ist sie in diesem Elendsviertel fast auf sich allein gestellt, denn ihr Mann, Néné, ist alles andere als zuverlässig und treu. Die Tochter Marline stirbt an Tuberkulose und entfacht eine familiäre Katastrophe und seelische Leere. Belli erhofft sich später für ihre beiden Töchter, Belial und Luciole, eine bessere Zukunft und gibt sie in eine Kinderkrippe und auch zur Adoption frei. Belial, das Mädchen, das längere Zeit namenlos war und sich selbst den Namen gegeben hat, der bei vielen durch einen möglichen dämonischen und biblischen Bezug verstörend wirkt, wird von ihrer neuen Mutter nach Frankreich mitgenommen. Luciole kommt in Nordamerika zu einer neuen Familie.

Als junge Frau wird Belial nach Haiti zurückkehren und ihre Mutter suchen, die ebenfalls versucht hatte sie aufzufinden. Doch die Zeit hat vieles verändert und die Schicksale mehrfach herausgefordert.

Ein Roman über eines der ärmsten Länder dieser Welt.  Es ist die Geschichte von Einzelschicksalen, die für vieles Leid auf dieser Welt stehen. Die Not, die Entbehrungen, das Scheitern auf der Flucht und die Not dieser Familien stehen im Mittelpunkt dieses vielschichtigen Romans. Ein wahrer, schmerzvoller und tiefgründiger Roman, der trotz der Schwere auch eine Leichtigkeit in sich birgt. Ein kraftvoller und wichtiger Text, der hoffentlich dazu beiträgt, unsere Welt in eine bessere zu verwandeln.

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Maruan Paschen: „Weihnachten“

Maruan Paschen Weihnachten Matthes Seitz

Warten auf Weihnachten. Ist das ersehnte Fest endlich da, wartet man auf die Bescherung, die meistens nach dem Festschmaus zelebriert wird. Nach dem Auspacken (hoffentlich ein Buch!) freut man sich schon auf die Geschenke im kommenden Jahr. Jede Familie hat zu diesem großen Festtag ihre eigene Tradition entwickelt, die über Jahre hinweg gepflegt wird. Die Paschens treffen sich zum gemeinsamen Fondue-Essen. Gleich dem Reiz dieses Essens, werden genussvoll die verschiedenen Charaktere, Handlungen und literarischen Gattungen auf den Tisch gedeckt und mit vielen leckeren, süßen und scharfen Saucen gewürzt. Die Beilagen sind gleich den Ideen und Metaphern sättigend, aber stets verführerisch und man nascht immer weiter.

Der Beginn ist ein Autokonvoi durch die norddeutsche Winterlandschaft. Das Ziel ist ein See, um dort gemeinsam zu feiern. Es sind die fünf Onkel, die Mutter und der erzählende Sohn. Der Ich-Erzähler ist Maruan Paschen. Auch wenn es der Lebensraum und der Name des Autors ist, beginnt man als Leser doch an einer autobiografischen Erzählung zu zweifeln. Es ist ein moderner Familienroman.  Etwas wirr und die Erzwählweise verlässt viele übliche Rahmen. Aber gerade das ist der größte Reiz an diesem Text. Der Erzähler erzählt die Handlung einem Dr. Gänsehaupt während einer Therapiesitzung. Im Verlauf dieses Gespräches erfährt man auch ziemlich am Anfang, dass am Ende der Weihnachtsfeierlichkeiten seine ganze Familie tot sein wird.

Das Familienfest nimmt seinen unterhaltsamen Verlauf. Dieser Verlauf ist ironisch, bizarr, tiefgängig und komisch. Immer steht im Vordergrund das, was eine Familie mindestens an Weihnachten zusammenhält. Wenn dies nicht gelingen sollte, könnten Fesseln hilfreich sein. So wird auch das Fondue bei den Paschens stets in Handschellen zu sich genommen. Dies kann natürlich auch, sofern man in jungen Jahren Mädchen, d.h. Frauen, kennenlernen möchte, verstörend wirken, wenn man dies als selbstverständliche Weihnachtstradition ansieht und darüber erzählt. So drehen sich die Gespräche am Esstisch um das Erlebte und man erfährt immer mehr aus den verschiedenen Perspektiven und den jeweiligen Leben. Der Weihnachtsbaumklau, die wenige Minuten andauernde Liebesbeziehung in einem Kaufhaus, Onkel Tarzan, der zu allem eine Meinung hat und diese vehement vertritt. Die Krankheit der Mutter und viele weitere Anekdoten. Die Fragen des täglichen Lebens und Miteinanders werden beleuchtet. Das Treffen der Generationen, nicht nur innerhalb der Familie, wird wie folgt beschrieben: Heute kennt jeder den Preis, aber nicht mehr den Wert einer Sache. Auch die Schnelllebigkeit und das globale Reisen werden anhand von Goethes Reiseverhalten kommentiert.

Mit dem weiteren Verlauf wird das Tischtuch wohl gleich dem Handlungsstrang immer bunter. Dabei ist es kein reiner humoristischer Roman, sondern ein kluger Text mit aberwitzigen Ideen und Formulierungen.  Ein Buch, das unterhält und unglaublichen Spaß macht. Man fragt sich auch immer mehr nach dem Kern einer Wahrheit des Erzählers. Wer ist Dr. Gänsehaupt wirklich, gibt es ihn und die Familie überhaupt? Wie kommt es zu der angekündigten Auslöschung der Familie und was ist überhaupt mit dem Vater des Erzählers? Diese Unklarheiten bilden den Spannungsbogen über diesen mäandernden, aber nie zu sehr überbordenden Roman. Ein Roman und sein Autor, der sich überall seine Freiheiten nimmt, die man sich nur auf dem Papier nehmen kann. Das Absurde und Nebensächliche macht Weihnachten zu einem Fest, das gerne täglich so gefeiert werden dürfte.

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