Anne Wolf: „Ein ganz normaler Mörder“

Anne Wolf Ein ganz normaler Mörder Heyne

Mal wieder ein Krimi, der mit wenig Blutvergießen auskommt. Ein feiner, spannender und toller Roman.

Im Prolog wird eine Frau, Katinka, entführt. Sie geht fast jeden Tag joggen. Immer wie es die Zeit zulässt, sechs, acht oder über zehn Kilometer. Nach drei Kilometern hat sie ihre Lufttemperatur und ihr Tempo gefunden, so dass das Laufen wie von selbst geht. Sie spürt genau diesen Moment und schaut auf ihr Handy um die gelaufene Strecke mit ihrem Gefühl zu überprüfen. Als sie im Wald steht, hört sie Babygeräusche und findet einen Kinderwagen, in dem aber die Säuglingsrufe von einem im Wagen liegenden Smartphone kommen. Dann wird sie von hinten überwältigt und verliert das Bewusstsein.

Tammo Berg arbeitet bereits seit einem Jahr nicht mehr für die Kriminalpolizei Hamburg. Durch einen tragischen Unfall hat er sein Kind verloren und durch seine nicht behandelte Depression hat ihn auch seine Frau verlassen. Jetzt steht Jens, sein Vorgesetzter, vor seiner Tür. Jens will ihn als Freund besuchen und mit der Polizeiarbeit wieder ins Leben locken. Jens benötigt aber auch Tammos gute Fähigkeiten, die Mimik von Menschen zu lesen. Denn durch eine Krankheit in Kindertagen hat Tammo einen Großteil seines Gehörs verloren und benötigt Hörhilfen. Er hat dadurch aber gelernt sich auf seine anderen Sinne und besonders auf seinen Blick zu verlassen und kann daher gut in Menschen und deren Gesten lesen. Die Kriminalpolizei in Hamburg hat ein Problem und kommt nicht weiter. Der Fall hat auch eine Verbindung zu einem älteren, ungeklärten Fall und Jens möchte Tammo für diesen Fall zurückgewinnen. In einem Waldstück am Stadtrand wurde eine Frauenleiche in einem altmodischen Brautkleid gefunden und eine weitere Frau aus der Umgebung wird vermisst. Die Vermisste ist vom Joggen nicht wiedergekommen. Ihr Mann ist allerdings erst später zur Polizei gegangen, da er sich zu dem Zeitpunkt als Lehrer auf Klassenfahrt befand.

Tammos Interesse ist geweckt und er fährt in das Waldgebiet am Stadtrand von Hamburg. Doch fällt ihm auf, dass die verschwundene Frau wohl eine andere Route gelaufen war als angenommen, denn an dem Tag waren dort Holzfällerarbeiten. Ihr Mann zeigt auch wenig Reaktion und bleibt stets sachlich, fast schon gefühlskalt. Tammo vermutet, die Vermisste eventuell durch die gefundene Frauenleiche zu finden. Er geht davon aus, dass die beiden Fälle zusammenhängen und sie es hier mit demselben Täter zu tun haben. Er fährt nach Kiel, wo die Tote ursprünglich herkam und besucht deren Eltern.

Zwischenzeitlich ist Katinka ihrem Entführer ausgesetzt. Sie ist eingesperrt, bekommt Nahrung und Kleidung gestellt. Doch riecht die Kammer, in der sie eingeschlossen ist, nach Apfel. Sie traut sich nicht, ihren Entführer anzusehen, der sie regelmäßig aufsucht. Als sie fragt, was er will, antwortet er nur, sie soll bleiben, dann würde ihr nichts passieren. Auch weiß der Mann viel von ihr.  Er kennt ihren Namen, weiß von ihrem Kinderwunsch und hat Kontakt mit der im Heim lebenden Mutter. Dadurch hat er nicht nur Katinkas Leben in seiner Gewalt, sondern droht auch ihrer Mutter etwas anzutun.

Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Tote zuckerkrank war und ihr Insulin nicht genommen oder es nicht bekommen hatte. Da Tammo nicht mit seinem Freund und Vorgesetzten Jens über seine weitere Recherche gesprochen hat, wird dieser etwas in die Bredouille gebracht. Jens und das alte Team tragen Tammo dies aber nicht nach und hoffen, dass er bald wieder ganz dabei ist. Auch privat nimmt Tammo immer mehr Teil am Leben und fasst langsam den Mut, sich zu verändern. Nach und nach kann er seinen Schmerz loslassen.

Ein Krimi mit viel Gespür für seine Figuren. Der Fall ist abwechslungsreich und schneidet viele Themen an: unerfüllten Kinderwunsch, nicht gelebte Homosexualität und Trauerbewältigung. Die Handlung spielt in Hamburg, Schleswig-Holstein und sogar in Kiel, ist aber weit davon entfernt einer jener typischen regionalen Krimis zu sein, denn sprachlich und inhaltlich wird hier mehr geboten.

Danke an Anne Wolf für die liebe Danksagung. Ich durfte beim Schreibprozess das Manuskript einsehen und etwas am Buch mitwirken.

Anne Wolf Danksagung Hauke Harder

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Anne Tyler: „Launen der Zeit“

Anne Tyler Launen der Zeit Kein & Aber

Ein Roman über eine Frau, die im Laufe ihres Lebens viel zu oft durch andere Menschen bestimmt und gelenkt wurde und erst als sie erneut verheiratet ist und ihre Söhne erwachsen sind, kommt sie sich selbst Stück für Stück immer näher und erkennt, was sie möchte. „Launen der Zeit“ passt dahingehend, weil es die Passivität ausdrückt. Passiv den äußeren Umständen und Gegebenheiten gegenüber. Der originale Titel „Clock Dance“ ist dann aber doch etwas verspielter und aussagekräftiger.

Es ist die Geschichte einer Frau, die durch die Jahrzehnte ihre Passivität ablegt und ihr eigenes Leben findet. So beginnt der Roman 1967 als Willa Drake noch ein Mädchen ist, springt dann ins Jahr 1977 in ihre College-Zeit, erzählt danach von ihrer ersten Ehe im Jahr 1997 und der Hauptabschnitt spielt 2017, wo Willa sich frei und unabhängig macht.

Willa wächst in einer Familie auf, die nach außen hin wie eine amerikanische Durchschnittsfamilie wirkt. Doch ist ihre Kindheit durch die Aussetzer der Mutter geprägt, unter denen ihre jüngere Schwester noch viel mehr zu leiden hat. Ihr sorgender Vater ist es, der der ruhende Pol, der Anker innerhalb der Familie ist. Die Mutter wirkt überfordert und empfindet sich ihrem Mann gegenüber als moralisch unterworfen. Daher bricht die Mutter aus dem Familienidyll aus, weil sie das „Gandhi-Dasein“ ihres Mannes nicht aushält. Die Mutter verschwindet dann, manchmal nur wenige Stunden, oft aber für viele Tage. Dadurch wachsen die Mädchen in einem leicht verstörenden Umfeld auf. Als Willa das Elternhaus verlassen hat, um zu studieren, lernt sie Derek kennen. Als Derek ihre Eltern kennenlernen und ihnen unbedingt ihre Verlobung mitteilen möchte, kommt es bereits während des Fluges zu einer kleinen Katastrophe. Willa wird von ihrem Sitznachbarn bedroht und kann nicht handeln. Als sie aus dieser Situation doch ohne weiteren Schaden herauskommt, glaubt ihr keiner und alle spielen das Erlebte herunter. Nur ihre Mutter ist es, die ihr Glauben schenkt und sich aufregt, dass keiner handelt oder gehandelt hat. Auch die Verlobung löst bei der Mutter keine große Freude aus, da Derek Pläne für die Zukunft hat, die Willas eigene Karriere nicht berücksichtigen.

Willa und Derek heiraten und bekommen zwei Söhne. Derek ist ein aufbrausender Mann, der sich auch im Straßenverkehr nicht wirklich einzuordnen weiß und es kommt zu einem tragischen Unfall. Vorausgegangen war ein Streitgespräch, weil einer ihrer Söhne zumindest zeitweise nicht mehr zur Schule gehen möchte. Willa ist nun Witwe und wird von Schuldgefühlen geplagt. Ihre beiden Söhne werden erwachsen und sind recht unterschiedlich. Sie distanzieren sich immer mehr von ihrer Mutter. Willa lernt einen wohlhabenden aber auch sehr pragmatischen Mann kennen und heiratet erneut. Der Weckruf in ihrem Leben kommt durch eine Nachbarin von Denise, einer ehemaligen Freundin ihres Sohnes. Denise liegt mit einer Schussverletzung im Krankenhaus und es muss sich jemand um ihre Tochter kümmern. Die Nachbarin dachte, Willas Sohn sei der Vater. Auch wenn Willa keine wirkliche familiäre Bindung hat, reist sie dorthin um zu helfen. In dieser neuen Umgebung beginnt sie sich selbst wahrzunehmen. Sie genießt es, gebraucht zu werden. Das neue Umfeld, die Nachbarn, der Hund Airplane und das Kind von Denise beginnen Willas Leben durcheinanderzuwirbeln.

Ein feiner amerikanischer Roman über Passivität, Selbstverwirklichung und familiäre Bindungen und ein Buch, in dem man sich zügig wohl fühlt. Der letzte Abschnitt ist etwas gebremster, wird aber durch die spleenige Dorfgemeinschaft dennoch sehr lebendig erzählt. Ein Text über eine zweifelnde Frau, die sich selbst kennenlernen muss, um ihr eigenes Leben in die Hand nehmen zu können und sich dabei endlich als nützlich zu empfinden.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Christian Lorenz Müller: „Ziegelbrennen“

Christian Lorenz Müller Ziegelbrennen Otto Müller

Ein großangelegter Familienroman, der den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart spannt. Im Zentrum steht immer das Thema Flucht und es ist daher ein sehr politischer und aktueller Roman.

Der Roman beginnt mit der gebürtigen Kroatin Rosmarinka, die den Donauschwaben Raimund Quendler heiratet. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Dorfgemeinschaft in Sveti Ivan von den Partisanen bedrängt und um Tier- und Nahrung bestohlen. Das Landleben ist bereits sehr entbehrungsreich und von Armut geprägt. Als die Männer bei der Feldarbeit sind, kommen Titos Partisanen, setzen sich zu Rosmarinka in die Stube und futtern sich durch die Speisekammer. In Folge verlangen sie weitere Essensrationen, Zigaretten und Schnaps. Die fertigen Speisen versteckt Rosmarinka nun in der Bank vor dem Haus, wird aber nur anfänglich in Ruhe gelassen und die Gefahr schwebt weiterhin über dem Hof. Dies ist der Einstieg in den flickenartigen Roman, der weit ausholt und dabei die Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven und Mitteln erzählt. Nur anfänglich wirkt es sprunghaft und immer mehr verdichtet sich der ganze erzählerische Kosmos.

Es folgen die Stimmen von Arthur Mantler, der mit Valentia, der Enkelin von Rosmarinka, verheiratet ist. Arthur ist Historiker und erforscht die Geschichte des Balkans, die Flucht und den Holocaust. Er führt diverse Gespräche für eine Soundcollage, die die Emotionen der Zeit einfangen soll. Er und Valentia sind beruflich sehr eingespannt und leben oft getrennt, daher verlaufen ihre Gespräche via Skype. Anton, der Sohn von Rosmarinka, benutzt wiederum das Faxgerät, um mit seinem „Schwiegerfreund“ zu kommunizieren. Anton sollte es mal besser haben und sollte eigentlich mal Priester werden. Stück für Stück und Bild für Bild setzt sich langsam der ganze Roman zusammen und immer offensichtlicher und klarer wird die ganze Geschichte.

Rosmarinka und Raimund werden immer mehr bedrängt und fliehen letztendlich nach Österreich. Auch hier ist ihr Neuanfang erschwert und verlangt einige Entbehrungen. Jede folgende Generation erzählt nun die Geschichte mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln. Rosmarinka erzählt, während Anton faxt und Arthur die neueren Medien benutzt. Durch diese Sprünge und großartige Erzählweise bekommt der Roman etwas sehr Lebendiges. Das Familiäre erlebt die politische und europäische Geschichte: die Zeit der Ustascha-Diktatur, der Zerfall Jugoslawiens und die aktuellen Fluchtbewegungen der Syrer, Iraker und Afghanen, die durch den Osten Kroatiens ziehen.

Sehr bildreich, plastisch und wortgewaltig ist der Roman geschrieben. Durch das ganz genaue Hinsehen und Beschreiben bekommt das ganze Umfeld der Handlung eine Tiefe, die sich allein durch die Bilder im Leser einbrennen.

Ein Roman, der sich nicht gleich zu Anfang erschließt, dann aber immer mehr sein Spektrum eröffnet und damit die Charaktere und deren persönliche Geschichten immer erfahrbarer werden lässt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Karl-Heinz Ott: „Und jeden Morgen das Meer“

Karl-Heinz Ott Und jeden Morgen das Meer Hanser

Eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes einen Neuanfang in England versucht. Sie kommt aus der Gastronomiebranche und war Mitinhaberin eines Sterne-Restaurants am Bodensee und übernimmt nun eine einfache Gastwirtschaft in Wales. Beide Gewässer, das schwäbische Meer und die tatsächliche See, haben auf sie einen biographischen Einfluss. Als sie das gefragte Feinschmeckerhotel aufgeben muss, blickt sie von den Klippen von Abydyr wehmütig auf das Meer. Der Blick aufs Meer kann Sehnsucht, Aufgabe oder Schwermut beinhalten. Sie weiß noch nicht, was stärker ist, der Wille zu überleben oder der Wille aufzugeben. Das Meer bleibt gleichgültig. Mal stürzen die Brecher auf sie, die an der Küste steht, ein, mal liegt die See vor ihr ganz still. Das Meer kann an der Oberfläche toben, aber in der Tiefe ganz ruhig sein. Man weiß aber auch nie, was sich unter der vermeintlichen stillen See für gefährliche Strömungen verbergen.

Sonja hat mit ihrem Mann, Bruno, die Gastwirtschaft seiner Eltern übernommen. Beide haben in noblen Adressen gelernt und wollen nun aus dem dörflichen Haus ein Feinschmeckerrestaurant machen. Bruno hat lange als Saucier gearbeitet, hat dadurch sein Handwerk und seine Kunst perfektioniert und mit einer gehörigen Portion an Ehrgeiz bekommt er nun sogar einen Michelin-Stern. Es kommen Gäste von weit her, um bei Ihnen zu speisen. Doch mit der Sterneküche verwandelt sich auch die wirtschaftliche Situation. Man muss den Anforderungen der Gäste gerecht bleiben. Somit steigen die Kosten. Der gute Weinkeller und die edlen Zutaten verringern die Handelsspanne und lassen die Kosten explodieren. Die Kosten sind höher als die Gewinne und jegliche Renovierung können sie sich nicht leisten. Somit wird neben den noblen Gerichten auch immer mehr ländliche Küche angeboten, die mehr Umsatz generiert. Aber dadurch wird Bruno der Stern wieder aberkannt, der deswegen in eine schwere Depression fällt. Er lebte schon immer eher zurückgezogen und bleibt jetzt lieber trinkend im Weinkeller und gibt sich und die Küche immer mehr auf. Sonja hofft, neuen Ehrgeiz aus ihm herauskitzeln zu können. Auch die Einstellung auf einem Kreuzfahrtschiff, wo er den Starkoch mimt, kann nur während der Reise seine Flamme für das Kochen erneut entflammen. Als Bruno stirbt, schaltet sich Brunos Bruder, Arno, ein. Arno, ein unangenehmer und grapschender Mann mit einem stets falschen Lächeln, macht Sonja ein Angebot. Er würde alle Schulden übernehmen, verlangt aber, dass Sonja verschwindet.

Sie und Bruno hatten einen Namen, der nun, da alles weg ist, nichts mehr wert ist. Ihr Alter und ihre Geschichte machen es ihr schwer, irgendwo eine Anstellung zu bekommen.  Sie geht trotz aller Warnungen in das verregnete Wales, um dort eine Pension mit Barbetrieb zu übernehmen. Hier schaut sie aufs graue Meer und blickt zurück. Sie wünscht sich, bald nicht mehr vergleichen zu müssen und beim Anblick des Meeres nicht mehr das andere Gewässer zu vermissen.

Ein Roman, in dem Verzweiflung so schön ist. Ein wunderbares Buch über die Problematik der Sterneküche, die Risiken der Selbständigkeit und die Aufgabe der gelebten Leidenschaft. Melancholische und verzweifelte Figuren geben diesem Roman den Grundton, machen beim Lesen aber irgendwie sehr glücklich. Die Suche nach dem Sinn des Lebens kann trotz der aufbrausenden Probleme auch mal humorvoll werden. Feine Szenen und große Charakterisierungen im kleinsten Detail machen diesen Roman zu einem sehr besonderen.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Sascha Reh: „Aurora“

Sascha Reh Aurora Schöffling & Co.

Dieser Weg zur Morgenröte ist sehr überraschend und sehr unterhaltsam. Die Handlung spielt im tiefsten Winter auf Bornholm und ist fast schon eine erhellende Weihnachtsgeschichte und ein kleiner Aufruf gegen die Weinerlichkeit und für ein gradliniges Miteinander.

Ole ist Journalist für das Kopenhagener Dagbladet und hatte vor kurzem noch eine eigene Kolumne, die ihm jetzt entzogen wurde. Er hat privat und beruflich einige Enttäuschungen erlebt und hadert leicht verbittert mit seinem jetzigen Dasein. Nach außen mimt er den selbstbewussten und über allen Dingen stehenden Reporter und wirkt daher nicht selten arrogant. Er wird von der Redaktion degradiert und soll sich von Kopenhagen auf den Weg nach Bornholm machen. Ein kräftiger Schneesturm hat die eigentlich milde Insel überrascht und er soll über diesen verheerenden Wintereinbruch berichten. Sein erster Weg führt ihn zu einer Rettungsstelle, wo gerade ein Notruf von einer Schwangeren eintrifft. Die Wege sind alle unpassierbar und kein normaler Verkehr ist auf der Insel mehr möglich. Eric, der auch gerade in der Station ist, soll aushelfen und Ole, der eine Story wittert, fährt mit. Es ist aber keine normale Fahrt durch die verschneite Winterlandschaft.  Eric ist beim Heer und mit einem Schützenpanzer vor Ort. Mit dem Panzer geht es zu der Hebamme Tamara und dann weiter zu der schwangeren Frau, die laut Eric Aurora heißt.

Während der Fahrt nutzt Ole die Zeit, um den beiden Gespräche aufzuzwingen. Auch hat Ole einen Funkspruch mitangehört, der vermuten lässt, dass Eric nicht ganz erlaubt in den Besitz des Panzers gekommen ist und sogar seinen Vorgesetzten bedroht hat. Eric ist Techniker, der wie Ole degradiert wurde und anscheinend irgendetwas im Schilde führt. Auch Tamara erzählt nie die ganze Wahrheit und so wird die Fahrt immer abenteuerlicher und wendungsreicher.

Die Handlung spielt auf einer tiefverschneiten Insel in einem engen Panzer, der zu Weinachten auf dem Weg zu einer Schwangeren ist. Diese enge Handlung könnte beklemmend wirken, wenn da nicht dieser ständige Dialogwitz wäre. Der enge Innenraum des Panzers schafft Raum für ein tiefgründiges Kammerspiel, in dem es unter anderem um Männlichkeit und Gleichberechtigung, d.h. das Wechselspiel zwischen Mann und Frau, geht. Ein rasanter, kluger Lesespaß, der anhand einer kleinen überspitzten Momentaufnahme unsere Gesellschaft beleuchtet. Nach der dunklen Nacht auf Bornholm wird vieles in neuem Licht erscheinen.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Golnaz Hashemzadeh Bonde: „Was bleibt von uns“

Golnaz Hashemzadeh Bonde Was bleibt von uns Nagel & Kimche

Der Roman erzählt die Geschichte einer iranischen Frau, die nach Schweden geflohen ist und auf ihr Leben zurückblickt. Sie fragt sich in Bezug auf ihre Biographie und den nahenden Tod, was von uns bleibt, wenn wir gehen.

Der Roman beginnt in Schweden, die Erzählerin, Nahid, ist sechzig Jahre alt und hat gerade die Diagnose Krebs erhalten. Da die Krankheit weit fortgeschritten ist, ist eine Heilung auszuschließen. Sie möchte ihrer Tochter nun ihre Geschichte erzählen, um ihr Kraft und Wissen für das Leben zu schenken. Doch dies ist Nahid nicht möglich. Sie liebt ihre Tochter über alles, doch hat sie niemals die Mutterrolle ausfüllen wollen. Ihre erwachsene Tochter, Aram, erwartet nun selbst ein Kind und erst dadurch kommt es langsam zu zaghaften Annäherungen. Nahid ist innerlich verkrampft und leicht verbittert und kann ihren Gefühlen und Gedanken keinen Ausdruck geben und so klingt alles, was sie sagt, eher wie Belehrung oder Tadel.

Nahid kommt aus dem Iran und war der Stolz ihrer Familie. Sie hat in Teheran Medizin studiert, aber auch die islamische Revolution miterlebt. Sie lernt den charismatischen Masood kennen, der sich in linken politischen Kreisen bewegt. Sie verliebt sich in den marxistischen Revolutionär und beginnt auch, ihm und seinen Freunden zu helfen, wenn diese Flugblätter verteilen. Sie ist zwanzig Jahre alt als eine Katastrophe alle ihre Lebenspläne und die ihrer Familie durcheinanderwirbelt. Noora, Nahids vierzehnjährige Schwester, will unbedingt bei einer Aktion der linken Demonstranten mitmachen. Doch die Demo läuft gänzlich aus dem Ruder und die Studenten werden auf offener Straße gejagt und erschossen. Nahid gerät in Gefangenschaft und viele ihrer Freunde sind tot. Beim Verhör verschweigt sie ihren tatsächlichen Bezug zu dem Aufruhr und wird entlassen. Auch Masood konnte entkommen, doch Noora bleibt seitdem verschollen.

Als Nahid von Masood schwanger wird, entschließen sich beide zur Flucht. Sie gehen nach Schweden, denn Aram soll in einem freien Land aufwachsen. Doch greifen die Wurzeln der Vergangenheit tief und die innere Aufruhr ist mitgereist. Nahid erzieht ihre Tochter fast allein, denn Masood ist früh verstorben. Er war auch kein liebender Ehemann, sondern neigte sehr zu Gewaltausbrüchen.

Ein Roman, der langsam eine enorme Stimmung aufbaut. Die kurzen, knappen Sätze und Abschnitte entwickeln eine emotionale Wucht. Der Roman handelt von Entwurzelten, von der Suche nach einer neuen Heimat und der Sehnsucht nach Nähe. Die Geschichte einer Frau voller Optimismus, die im Laufe ihres Lebens diesen immer mehr verliert. Erst durch den Versuch, ihrer Tochter durch ihre Biographie die erkämpften Lebensweisheiten zu vermitteln, gelingt es ihr zu erkennen, was von uns wohl bleibend ist.

Golnaz Hashemzadeh Bonde wurde 1983 im Iran geboren und kam als Flüchtlingskind nach Schweden. „Was bleibt von uns“ ist ihr erster Roman auf Deutsch (Übersetzt von der Kielerin Sigrid C. Engeler)

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Carlos Gamerro: „Die 92 Büsten der Eva Perón“   

Carlos Gamerro Die 92 Büsten der Eva Perón Septime

Ein satirischer Gesellschafts- und Politikroman. Die Handlung spielt in den 1970er-Jahren in Argentinien. Ernesto Marroné kommt von einem Golfnachmittag nach Hause und sieht ein Che-Guevara-Poster an der Wand im Zimmer seines pubertierenden Sohnes. Jetzt beginnt er zu erzählen, denn ihm verdeutlicht das Poster, dass er über seine Vergangenheit bei der Guerilla nicht schweigen darf. Nicht das die Geschichte ein Geheimnis gewesen wäre. Auch ist die Geschichte des Landes keine gänzlich unbekannte. Die Handlung spielt in der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Die politische Situation ist fiebrig und das Land steht kurz vor einem erneuten Putsch. Die Montoneros, die argentinische Stadtguerilla, haben sich gebildet und verbreiten ihren Schrecken.

Der Held des Romans ist Ernesto Marroné, ein angestellter und karrierebesessener Einkaufsleiter. Er ist belesen und liest viele Manager- und Marketingwerke, die er zu Teilen sogar auswendig aufzusagen versteht. Er liebt den Vergleich von Marketing mit fernöstlichen Weisheiten oder mit Werken der Literatur. Er hat großen Spaß, wenn einer der Texte sich trotz reiner Wirtschaftsanalyse mit Shakespeare-Figuren oder -Zitaten schmückt. Besonders begeistert ist er von einem Werk, das sich auf Don Quijote bezieht. Der Vergleich des Kampfes mit den Windmühlen könnte auch gut zu den folgenden Ereignissen passen, die sich in Ernestos Leben abspielen.

Er ist Einkaufsleiter in einer großen Firma, hat aber seinen Blick schon viel weiter auf der Karriereleiter schweifen lassen. Dabei ist ihm auch erduldete Erniedrigung nicht zuwider, denn beim Vorstellungsgespräch zu seiner jetzigen Einstellung musste er sich wahrlich entblößen und sogar sein Hinterteil untersuchen lassen. Seitdem leidet er beständig unter Verstopfungen, die nur durch wahre Anerkennung seiner Person, seines Verstandes und Fleißes Erlösung findet. Doch sein wahres Abenteuer beginnt mit der Entführung des Generaldirektors des Bauunternehmens, für das Ernesto tätig ist. Entführungen sind keine Seltenheit zu dieser Zeit in Argentinien, doch diese Art irgendwie schon, denn die Entführer fordern kein Lösegeld, sondern sie verlangen, dass in jedem Raum der Firma Büsten von Eva Perón aufgestellt werden. Eva „Evita“ Perón, die verstorbene Präsidentengattin gilt weiterhin als Wohltäterin der Nation und ist ein Idol der kämpferischen Arbeiterklasse.

Ernesto Marroné, der trotz der Knappheit an Ressourcen ein guter Einkaufsleiter ist, wird beauftragt, die Büsten zu besorgen. Er berechnet, dass er genau 92 Büsten benötigt und sieht in seiner Aufgabe die Chance, in der Firma als Mitbefreier des Bosses großes Ansehen zu erlangen. Doch die Beschaffung wird immer schwieriger und Ernesto stolpert in immer bizarrere Situationen.

Ein satirischer Blick auf die argentinische Politik und Gesellschaft. Teilweise mit feinem, aber auch mit derbem Humor. Ein literarischer Lesespaß und politischer Schelmenroman.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes