
Ein Klassiker der amerikanischen Literatur, der viele Nachfolger inspiriert hat. Es wirkt wie eine Ansammlung von Erzählungen aus der Kleinstadt Winesburg in Ohio. Doch ist es ein Roman, ein Roman einer Stadt und ihren Charakteren. Man könnte von kubistischer Literatur sprechen, denn wir tauchen ein in ein Gesamtbild, das sich aus vielen kleineren Szenen zusammensetzt. Jedes Bild funktioniert für sich, baut aber doch ein großes Gemälde auf und es gibt eine Verbindung, ein Charakter, der beobachtet, erinnert und beschreibt. Es ist ein sprachlicher Realismus, der eine Kleinstadt belebt und das Stadtleben einer ganzen Gesellschaft einfängt. Ein Mensch, ein Autor, der sich erinnert und seine Gedanken an damals lassen die Menschen aus der Vergangenheit an ihm wie in einem Geisterzug vorbeiziehen. Dabei beinhaltet die vorbeiziehende Prozession groteske, schrullige und doch liebenswürdige Gestalten. Es ist ein wunderbares Kleinod der Literatur und es ist herrlich schön und melancholisch. Diese Ausgabe wurde von Eike Schönfeld übersetzt und durch ein Nachwort von Daniel Kehlmann ergänzt.
Der amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson (1876 bis 1941) hat mit seinem Werk „Winesburg, Ohio“ aus dem Jahr 1919 einen immerwährenden Klassiker geschrieben, der ein Wegbereiter der literarischen Moderne ist. Die Sprache ist verknappt, um Raum für eigene Empfindungen und Gedanken zu erzeugen. Die sprachliche Schlichtheit spiegelt das Inhaltliche wieder. Die Handlung und die Formulierungen spielen mit Wendungen und Wiederholungen, dort wo es mit dem gesamten Handlungsverlauf kunstvoll kooperiert.
Am Anfang taucht ein Schriftsteller auf. Ein Verweis auf den wahren Autor, auf den auktorialen Erzähler oder ist es jene kommende Stimme, die alles ummantelt? Er ist bettlägerig und möchte hinausschauen können, doch die Fenster sind, bis ein Tischler kommt, zu hoch und seine Gedanken wandern zu seinen Träumen, Erlebnissen und Vorstellungen seines langen Lebens. Dabei ziehen viele Gestalten vor seinem geistigen Auge vorbei und er beginnt zu schreiben. Er beschreibt nun Wahrheiten, die jene Menschen, Wesen und Leute zu grotesken Gestalten machen. Somit tauchen wir ein in Augenblicke von vielen Charakteren, die alle Winesburg beleben. Am Ende steht die Abreise an und die Stadt Winesburg verschwindet mit den verstummenden Träumen der erzählenden Stimme. Doch zwischendurch lernen wir viele Perspektiven und Menschen kennen. Keiner ist wirklich glücklich oder im Leben angekommen. Zum Beispiel ein Arzt, der seine Gedanken auf kleine Zettel schreibt und diese dann zu kleinen Kügelchen zerknüllt, Menschen, die auf die Liebe hoffen, durch Missverständnisse ihre Arbeit verlieren und auf George Willard, ein Lokaljournalist, der bei seiner Mutter in deren heruntergekommenen Hotel wohnt und alle Geschichten sammelt. Somit ist er trotz der Vielfalt der einzelnen Geschichten ein Entwicklungsroman, der weniger die Hauptfigur George Willard reifen und wachsen lässt, dafür aber jene Stadt: Winesburg in Ohio. George fühlt sich gegen Ende der Kapitel erwachsen und Winesburg entwachsen. Mit seiner letztendlichen Abreise reisen die grotesken Gestalten mit, die nun auf dem Papier weiterhin die verlassene und traurige Stadt beleben.
Ein Buch voller Schönheit, Traurigkeit und Hoffnung. Eine besondere literarische Perle.
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