
Das Buch inspirierte zur Serie „Etty“ und es lohnt sich die Vertiefung in die Quelle zu dieser großartigen Verfilmung. Die Grundlage der Arthouse Mini-Serie sind die Schriften von Etty Hillesum (1914 – 1943). Die Briefe und Auszüge ihrer Tagebücher wurden schon oft publiziert und das Buch: „Ich will die Chronistin dieser Zeit werden“ beinhaltet sämtliche Tagebücher und Briefe. Diese Schriften sind ein Zeitdokument, Sinnsuche und vor allem große Literatur.
Bekannter sind die Tagebücher von Anne Frank, die ebenfalls die dunkle Zeit authentisch beschreiben. Etty Hillesum war erwachsen und eine gebildete, belesene junge Frau, die Schriftstellerin werden wollte und somit einen ganz anderen Zugang und Blick hatte. Sie beschreibt ihre spirituelle und emotionale Entwicklung in dem von den Nazis besetzten Amsterdam. Die Serie, die gerade im Gespräch ist, erzeugt diese Welt mit ihrer Beklemmung, die durch das Umfeld immer mehr die Menschlichkeit vernichtet. Die Verfilmung zeigt Etty, gespielt von Julia Windischbauer, in einer Szenerie, die auf die historischen Kulissen verzichtet, um einen zeitlosen Bezug zu erzeugen. Dadurch wird die Geschichte Gegenwart und die Mechanismen werden greifbar und spürbar.
Etty Hillesum entstammte einer jüdischen Familie. Ihr Vater war Gymnasiallehrer und ihre russische Mutter war vor Pogromen in die Niederlande geflüchtet. Etty studierte an der Universität Amsterdam, solange es ihr während der deutschen Besetzung möglich war. Etty lernte 1941 den deutschen Emigranten Julius Spier kennen. Er war ein Psychoanalytiker, der auch andere Methoden, wie das Handlesen, einbezog. Etty ging bei ihm in Therapie und war anfänglich angezogen und abgestoßen zugleich. Doch ihre Beziehung vertiefte sich und wohl auch seinetwegen fing sie an, ihre Tagebücher zu schreiben. Somit sind in den Jahren 1941 bis 1943 elf Hefte entstanden und einige Briefe. Zum Glück konnten alle Hefte, bis auf das siebte, und viele Briefe gerettet werden. Diese literarischen, philosophischen Betrachtungen der Umstände, Empfindungen und Gedanken sind ein mehr als lesenswertes Werk. Es macht die Zeit und ihre Entwicklung spürbar. Sie wollte Autorin sein. Dann eine Chronistin und sie hatte den Wunsch, das Denken zu verändern. Hoffnung und Licht zu bringen.
1942 erwartete sie wie alle den Aufruf, sich in das Lager Westerbork zu begeben. Durch eine Einstellung beim Judenrat in Amsterdam verzögerte sich dieser Befehl. Doch diese Bürotätigkeit, die den Besatzern zuspielte, konnte sie nicht lange nachgehen. Sie wollte sehenden Auges das Grauen erfassen, um helfen und um darüber berichten zu können. Sie meldete sich freiwillig für die soziale Arbeit im Lager Westerbork. Dort unterstützte sie hauptsächlich die schwächeren Menschen und konnte in ihren Briefen darüber berichten. Sie durfte anfänglich sogar noch pendeln, wurde dann aber wie auch ihre Familie endgültig in Westerbork untergebracht. Viele bezeichneten sie dort als leuchtende Person. Doch wurde sie ermordet. 1943 wurde sie mit ihrer Familie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert.
Ihre Sprache, ihr Werdegang und ihre Innenschau sind ergreifend. Das, was sie schildert, ist menschlich innerhalb der Unmenschlichkeit. Diese Ausgabe gehört zur Pflichtlektüre und es sollte uns alle zum darüber sprechen anregen. Dank der gelungenen Filmadaption kann Etty erneut entdeckt werden. In der Verfilmung wird das tatsächlich fixierte Wort von Etty oft zitiert und erzeugt einen Einstieg in das Gesamtwerk, das die Schauspielerin für die Vorbereitung auf die Rolle mehrfach gelesen hat. Das sollten wir alle auch tunlichst machen. Die Übersetzungen stammen von Christina Siever und Simone Schroth. Herausgeber sind: Klaas A. D Smelik und Pierre Bühler.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV








