Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio“

Ein Klassiker der amerikanischen Literatur, der viele Nachfolger inspiriert hat. Es wirkt wie eine Ansammlung von Erzählungen aus der Kleinstadt Winesburg in Ohio. Doch ist es ein Roman, ein Roman einer Stadt und ihren Charakteren. Man könnte von kubistischer Literatur sprechen, denn wir tauchen ein in ein Gesamtbild, das sich aus vielen kleineren Szenen zusammensetzt. Jedes Bild funktioniert für sich, baut aber doch ein großes Gemälde auf und es gibt eine Verbindung, ein Charakter, der beobachtet, erinnert und beschreibt. Es ist ein sprachlicher Realismus, der eine Kleinstadt belebt und das Stadtleben einer ganzen Gesellschaft einfängt. Ein Mensch, ein Autor, der sich erinnert und seine Gedanken an damals lassen die Menschen aus der Vergangenheit an ihm wie in einem Geisterzug vorbeiziehen. Dabei beinhaltet die vorbeiziehende Prozession groteske, schrullige und doch liebenswürdige Gestalten. Es ist ein wunderbares Kleinod der Literatur und es ist herrlich schön und melancholisch. Diese Ausgabe wurde von Eike Schönfeld übersetzt und durch ein Nachwort von Daniel Kehlmann ergänzt.

Der amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson (1876 bis 1941) hat mit seinem Werk „Winesburg, Ohio“ aus dem Jahr 1919 einen immerwährenden Klassiker geschrieben, der ein Wegbereiter der literarischen Moderne ist. Die Sprache ist verknappt, um Raum für eigene Empfindungen und Gedanken zu erzeugen. Die sprachliche Schlichtheit spiegelt das Inhaltliche wieder. Die Handlung und die Formulierungen spielen mit Wendungen und Wiederholungen, dort wo es mit dem gesamten Handlungsverlauf kunstvoll kooperiert.  

Am Anfang taucht ein Schriftsteller auf. Ein Verweis auf den wahren Autor, auf den auktorialen Erzähler oder ist es jene kommende Stimme, die alles ummantelt? Er ist bettlägerig und möchte hinausschauen können, doch die Fenster sind, bis ein Tischler kommt, zu hoch und seine Gedanken wandern zu seinen Träumen, Erlebnissen und Vorstellungen seines langen Lebens. Dabei ziehen viele Gestalten vor seinem geistigen Auge vorbei und er beginnt zu schreiben. Er beschreibt nun Wahrheiten, die jene Menschen, Wesen und Leute zu grotesken Gestalten machen. Somit tauchen wir ein in Augenblicke von vielen Charakteren, die alle Winesburg beleben. Am Ende steht die Abreise an und die Stadt Winesburg verschwindet mit den verstummenden Träumen der erzählenden Stimme. Doch zwischendurch lernen wir viele Perspektiven und Menschen kennen. Keiner ist wirklich glücklich oder im Leben angekommen. Zum Beispiel ein Arzt, der seine Gedanken auf kleine Zettel schreibt und diese dann zu kleinen Kügelchen zerknüllt, Menschen, die auf die Liebe hoffen, durch Missverständnisse ihre Arbeit verlieren und auf George Willard, ein Lokaljournalist, der bei seiner Mutter in deren heruntergekommenen Hotel wohnt und alle Geschichten sammelt. Somit ist er trotz der Vielfalt der einzelnen Geschichten ein Entwicklungsroman, der weniger die Hauptfigur George Willard reifen und wachsen lässt, dafür aber jene Stadt: Winesburg in Ohio. George fühlt sich gegen Ende der Kapitel erwachsen und Winesburg entwachsen. Mit seiner letztendlichen Abreise reisen die grotesken Gestalten mit, die nun auf dem Papier weiterhin die verlassene und traurige Stadt beleben.

Ein Buch voller Schönheit, Traurigkeit und Hoffnung. Eine besondere literarische Perle.  

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Jette Kötschau: „Dabei waren wir uns immer so nah“

Dieser Debütroman bindet uns durch viel Empathie an die Hauptfiguren und erzählt die Geschichte von Freundinnen, die sich mit dem Alltag voneinander immer weiter durch das Erwachsenwerden entfernen, aber stets die Sehnsucht nach der alten Nähe, der stillen Einvernehmlichkeit und der jugendlichen Leichtigkeit empfinden. Es ist der tiefe Blick in die Beziehungen einer Freundschaft und gleichzeitig wird der Weg in die bindende Erwachsenenwelt beschrieben. Wie kann Freundschaft, Familie, Partnerschaft, Kinderwunsch und der Lebenstraum in Einklang gelingen? 

Die Nähe schwindet mit dem Erweitern des persönlichen Umfelds, das sich im Alltag anhäuft. Die Verbindungen aus der Vergangenheit müssen mit den neuen Begegnungen und Situationen mithalten können, sonst driften alle Wege durch das individuelle Lebensumfeld auseinander. Die drei Charaktere im Roman bemühen sich, die Einigkeit, die Innigkeit und die Verbundenheit nach Verletzlichkeiten, Ungesagtem und sogar Neid wiederzufinden. Die Nähe und das Vertraute aus den jugendlichen Zeiten fehlen oft im erwachsenen Alter. Diese gilt es zu bewahren, mitzunehmen und aufzubauen. Es sind Henri, Merle und Katharina. Ihre Freundschaft findet sich beim Studium und ihre Nähe hält Schweigen aus, setzt beständiges Verständnis voraus und fühlt sich an, als wäre es eine Gemeinschaft für immer.

Jetzt sind sie Anfang dreißig und das Leben stellt sich ihren Träumen, alten Hoffnungen und Wünschen in den Weg. Sie haben weiterhin Kontakt, doch die täglichen Meldungen und Absprachen werden zu wöchentlichen und sie sehen sich nur noch selten. Katharina arbeitet in einer Buchhandlung und fühlt sich im Team sehr wohl. Doch langsam stellt sie ihre feste Beziehung zu ihrem Freund in Frage, der alles so belassen und genießen möchte, wie es ist. Ihr Kinderwunsch ist sehr groß und jedes Mal, wenn sie diesen anspricht, vermeidet er die tiefere Auseinandersetzung. Eine Unbeschwertheit findet sie bei dem ehemaligen Praktikanten und ihre Gefühlswelt gerät in Konflikte. Sie neidet heimlich Merles Leben, die bereits Mutter ist. Doch auch Merle hadert mit ihrer Situation. Sie ist rund um die Uhr für das Baby da, denn ihr Partner kümmert sich um den Hausbau und nimmt sich wenig Zeit für die kleine Familie. Merle trifft auf eine alleinerziehende Mutter und eine neue Nähe wächst, die sie an ihre Jugendfreunde denken lässt. Henri hat sich das Unabhängige und die vermeintliche Leichtigkeit bewahrt, denn sie macht noch gerne Partys und jobbt in einem Museum. Sie träumt von einem eigenen Kino und sucht nach Möglichkeiten und der passenden Immobilie. Ihre Beziehung zu ihrer Mutter ist stets etwas schwierig und wird vertieft, als ihre Großmutter ins Krankenhaus kommt und sie diese besuchen. Alle drei vermissen die Aussprache, die Nähe und die Freundschaft zu- und miteinander, denn das Trennende aus dem jetzigen Alltag tritt deutlicher hervor als das Verbindende. Doch die Gemeinsamkeiten sind immer da, nur nicht mit den wirklichen Gefühlen angesprochen worden. Daher droht die Gefahr, die alten Freundschaften zu verlieren. Gerade jetzt, wo die Freundschaft wichtiger wird, als damals, als alles leicht erschien.

Mit Hingabe werden die Figuren charakterisiert und ihre Gedanken und Empfindungen sind nachspürbar erzählt. Die Lebensentscheidungen und die Träume verändern sich, nicht zwingend aber die menschlichen Beziehungen, wenn wir ehrlich, empathisch und gesprächsbereit sind. Das Setting ist Köln, aber auch die Schleiregion und Jette Kötschau macht es uns leicht, die Hauptfiguren sofort zu mögen und dadurch neugierig auf den Handlungsverlauf zu werden.

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Heinz Liepman: „Das Vaterland“

Dies ist der erste deutschsprachige Exilroman und ist ein Grundumriss damaliger Ereignisse. Die Machtergreifung und die neue unbarmherzige Gesellschaft werden durch das Anlegen eines Fischdampfers in Hamburg verdeutlicht. Die Ereignisse sind aus Sicht der Mannschaft, die unterschiedlich ist und von der politischen Umstrukturierung nichts mitbekam, erzählt. Dabei benutzt Heinz Liepman Geschichtliches, Persönliches und Erlebtes. Alles muss nicht immer auf Hamburg bezogen sein, nicht alles muss chronologisch so geschehen sein, aber passiert ist alles. Gerade dadurch wird das Werk zu einem Höhepunkt der Exilliteratur, das leider bisher nicht die Aufmerksamkeit erhielt, wie es wünschenswert wäre, denn es sollte Pflichtlektüre sein. Die damalige Stimmung, die Wut, die Angst und das Mitläufertum werden spürbar und machen in der Aktualität besonders aufmerksam. Einen besonderen Stellenwert nimmt auch die systematische Diskriminierung, Entrechtung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Menschen im Roman ein, denen der Autor das Werk auch gewidmet hat. Durch ein sehr lesenswertes Vorwort von Heinz Liepman, das er in Paris 1933 schrieb, ein Nachwort von Wilfried Weinke und die in die Handlung eingebundenen Originalzitate wird das Buch wissenswert abgerundet.

Heinz Liepman (1905 – 1966)  hat nach einigen unterschiedlichen Tätigkeiten immer geschrieben und blieb der Literatur und dem Theater immer verbunden. Dadurch dass er stets gegen den aufkommenden Nationalsozialismus sprach und schrieb, wurden seine Werke verboten und verbrannt. Da er weitermachte und auch journalistisch tätig war, musste er nach der Machtergreifung fliehen und emigrierte über Frankreich und England in die USA. Sein Tatsachenroman „Das Vaterland“ erschien bereits 1933.

Am 28 März 1933 läuft der Fischdampfer Kulm, kommend von der See, in die Elbe ein. Am zweiten Weihnachtstag waren sie in See gestochen. Sie waren somit drei Monate weg und haben nichts von der Machtergreifung mitbekommen. An Bord sind unterschiedliche Männer mit unterschiedlichen politischen Einstellungen. Als der Dampfer den Heimathafen ansteuert, wird schon die Einfahrt in die Elbe durch ein ungutes Gefühl begleitet. Etwas ist anders. Sie sehen plötzlich die Hakenkreuz-Flaggen und sie retten einen Mann aus dem Wasser, der auf ein ausfahrendes Schiff hoffte, aber lieber in den Freitod geht als umzukehren. Die Besatzung legt in einem radikal veränderten Land an. Jedes Besatzungsmitglied erlebt nun seine Heimkehr anders. Einige können mit der Umstrukturierung und der herrschenden Gewalt nicht umgehen, andere finden darin ihre Bestimmung. Sie erleben zum Beispiel wie eine Frau, nur weil sie ihre Gedanken ausgesprochen hat, von der Streife niedergeschlagen wird, wie sie verfolgt werden, weil sie Presseerzeugnisse nachgefragt haben, die jetzt verboten sind. Sobald jemand aber über die Gräueltaten spricht oder sogar diese meldet, bringt er sich selbst in Gefahr. Es wird bereits gemahnt, stets lieber den Mund zu halten, denn sonst würde man in das nahegelegene Erziehungslager kommen. Dennoch gibt es auch viele Stimmen, die immer wieder betonen, es würde niemals so heiß gekocht, wie gegessen würde. Doch die Ereignisse und die Situationen werden für alle zu einem Kampf um Identität und ums Überleben.

Es ist eine Reportage, ein Pamphlet, ein Tatsachenbericht und ein Roman. Ein wichtiges Buch, das gelesen gehört. Ein Text der anschaulich macht, wie schnell Menschen sich verändern, anpassen und zu Tätern werden. Wie schnell eine Angst um sich greift, die mahnende Stimmen zum Verstummen bringt. Alles ein Blick in die Vergangenheit, die sich sehr schnell wiederholen kann, aber nicht darf!

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Wiebke Strank: „Wolkenhoch“

Ein ganz besonderes Kinderbuch über Freundschaft, über die Kraft der Imagination und über eine große Suche. Die Suche wird begleitet durch die Liebe, besonders durch die Liebe zur Literatur, denn in Büchern ist stets alles möglich und die Geschichten werden in uns lebendig und die Protagonisten werden Fernfreunde. Wolkenhoch ist diese Reise in die Stockwerke der Phantasie, in die Vorstellungskraft und zu den unterschiedlichen Mitmenschen. Das wolkenhohe Gebäude ist eine Metapher, aber auch ein reales Hochhaus, das in Kiel mit Blick auf die Förde und Schwentine steht. Das Haus hat ein wirkliches Vorbild. Doch ist es ein Bild und in diesem lebt Rock mit der Mutter, die lediglich Mutt, Abkürzung für Perlmutt oder Mutter, genannt wird. Rock ist nicht der richtige Name, aber für Rock ist es der wahre und Jule, das wohl coolste Mädchen der Welt, ist die einzige, die Rock mit dem richtigen Namen anredet.

Die Hauptfigur kann ein Junge oder ein Mädchen sein und ist unsterblich in Jule verliebt. Jule ist das genaue Gegenteil von Rock und immer wenn der Mut fehlt, taucht sie auf und unterstützt Rock. Doch traut sich Rock nicht, Jule anzusprechen und die Empfindungen zu gestehen. Doch ist Jule fast immer für Rock da, zumindest irgendwie dabei. Das Zentrum sind die Bücher, die Bibliothek mit der Bibliothekarin, die Rock stets das zu lesen gibt, was Rock gerade benötigen könnte. Rock liest sehr viel und inhaliert die Klassiker, gerade die von Shakespeare oder Hemingway. Besonders die Charaktere von Shakespeare tanzen um Rock und animieren dazu, die Realität bunter zu sehen, denn zum Beispiel Mutt ist nicht die sorgende Mutter, sondern oft muss Rock sich um diese kümmern.

Eines Tages ist ein neuer Name bei den Klingelschildern des Hochhauses aufgetaucht: G.Ott. Ein Gott oder ein Gabriel, Grischa oder Gunnar Ott? Oder ist Gott eine Frau? Wolkenhoch geht es nun hinauf, denn Rock macht sich auf die Suche nach dem neuen Nachbarn. Dabei gehen die Besuche zu den Hampels, zu Frau Lüders, einer Rock-WG, zu den Wunderlichs, zu Maracke mit seinen vielen Tieren und zu einem paradiesischen Apfelgarten. Es sind alles unterschiedliche Menschen, die Rock und Jule antrafen, aber keiner weiß genaues über jenen oder jene G. Ott. Aber irgendjemand muss doch etwas wissen?

Ein wunderbares, vielschichtiges und facettenreiches Kinderbuch (ab 11 Jahre), das eventuell erst am Ende seinen realen Anfang nimmt … Ergänzt wird das Werk durch die Bilder von Rán Flyenring und es ist ein Hochhaus voller Fantasie.

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Dima Albitar Kalaji: „An das Monster“

Diese Lyrik ist minimalistisch und besteht oft nur aus einer Zeile. Dadurch ist es wie ein Winterspaziergang auf weißem Papier und die Schrift wird der Fußabdruck. Dabei ist es die Leere, die den Raum einnimmt und durch das Wort eine Fülle erhält, die alles ausfüllt. Das Monströse ist das, was in oder außerhalb von uns, oft im Du, auf uns lauert. Bleiben wir beim Bild des Winterspaziergangs, der eine Klarheit schafft und das Helle, Blendende erspürt und durch den Weg Spuren hinterlässt, die vom abgelegten Schmutz der Füße liegen geblieben sind. In diesen Zeilen dreht sich die Leere zu Fülle, das Kopflastige wird verwurzelt und die Emotionen bekommen durch die poetische Fixierung eine Schwere.

Es ist eine zweisprachige Ausgabe und die Seiten füllen sich mit Ungesagtem, Gesagtem und Gefühltem. Es ist der erste deutsch-arabische Band von Dima Albitar Kalaji. Aus dem Arabischen von Kerstin Wilsch, Leila Chamaa und Dima Albitar Kalaji übersetzt. Das Monster hat viele Gesichter: Schwermut, Schlafmangel, Patriarchat, Ausgrenzung, Einsamkeit und Liebe. Das Persönliche und das Innenleben platzen in diesen ganz kurzen Zeilen hervor, nehmen kaum schriftlichen Raum ein, um dann uns, den Körper, Verstand und unseren Kosmos zu berühren, umzustülpen oder auszufüllen. Die Distanz zum Gesprochenen, Geschriebenen, Gelesenen und Gehörten hebt sich auf und wir empfinden mit. Das Leben in der Diaspora wird mit jeder Zeile deutlicher. Bleiben wir erneut beim Bild des Winterspaziergangs, denn die Verfasserin, das lyrische Ich lernte stets auf brüchigem Boden zu wandeln, metaphorisch auf dem Eis, das jederzeit brechen könnte. Doch sie kennt die Brüche, Risse und gefährlichen Stellen. Sie benennt in ihrer verknappten Sprache das, was nicht weggebrochen ist, das was uns im Leben trägt. Oft ist es erneut ein Du.

Trauer, Verlust und Wehmut stehen neben Mut, Liebe und Vertrauen. Die Leere erfüllt das ganze Herz und verklärt dabei nichts. Die Lüge wird ausgesprochen durch das ausgewählte Du und die Traurigkeit fällt auf uns herab wie Regen, der nicht fällt. Die Wahrheiten sind in der monströsen Betrachtung oft die Hälfte der ganzen Lüge. Letztendlich ist dies ein Versuch, die Umstände, die Welt, die Menschen und sich selbst in diesem Raum zu begreifen. Das erzählende Ich stellt die Frage: „Wie kann das, was ich bin, so weit entfernt sein von dem, was ich bin?“. Licht taucht aber immer auf und zeichnet die Dunkelheit weg, um das Leben mit Illusionen zu würzen. Diese Gedichte bekommen eine Stimme, die in uns zu zittern beginnt, immer wenn wir diese lesen.

Eine Sammlung an Gefühlen, Gedanken, die in kurzen prägnanten Worten dem Fremden Vertrauen schenken. Lyrik ist die Kunst, das Wesentliche stehen zu lassen, alles andere, das Beiwerk zerfällt. In dieses Buch kehren wir oft heim, um den und unseren Monstern entgegenzutreten.

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Lou A. Probsthayn: „Junge Männer mit leeren Bierflaschen“

Diese Kurzgeschichten sind verrückt, tiefgründig und humorvoll. Es sind Geschichten über irgendwie alles und nichts. Ganz einfach und doch ganz schwer. Das Umfangreiche lauert lakonisch in der Kürze. Die knappen Beobachtungen öffnen dabei ganze Horizonte, die unsere Wahrnehmungen verändern können. Es sind Wortspielereien, die zuweilen treffsicher einen ganzen Kosmos verrücken. Es sind Texte, in denen wir uns festleben können.

Der Hamburger Verleger und Autor Lou A. Probsthayn ist stets für einen literarischen Quickie zu haben. Sein Verlag verlegt jene Quickies von bekannten und unbekannten Größen. Er selbst begründete Lesereihen und gründete seinen Verlag „Literatur Quickie“, der ausschließlich Kurzgeschichten publiziert. Gegenwärtig und nebenbei schreibt er selbst und beglückt uns mit seinem zarten, zynischen und lakonischen Sprachsound, der uns über Krankheiten, Körper, Vergänglichkeit, Angst und Freundschaft erzählt. Sein literarischer Zugang ist stets ernst und schonungslos und mit einem Humor versehen, der das Alltägliche oder das Drama in eine Schräglage versetzt, die uns über uns schmunzeln lässt. Alles regt an, sich weitere Gedanken zu machen. Manchmal steht am Ende eines Textes eine Ratlosigkeit im Raum, die aber eine weitere Beschäftigung verursacht. Manches ist auch herrlich verrückt. Anderes wiederum liebevoll und aus dem wahren Leben geschöpft. Nichts ist hier vorhersehbar oder selbstverständlich.

Der Reigen wird mit Ansgar eröffnet, der mit dem Hund spazieren geht. Ansgar ist tüddelig und alles muß ihm gesagt werden und der Weg anhand von Klebezetteln angezeigt werden. Doch sein ewiges „Stimmt“ hilft ihm nicht und letztendlich verliert sich einer auf dem Weg. Es geht dann weiter mit Panikattacken, Pizza bestellen oder geschnittenem Brot. Ein leeres Paket, das vom Absender an sich gesendet wurde. Alles ist normal, wenn es nicht durch die Kommunikationsschwäche der Charaktere oder die Probleme eine ganz andere Perspektive erhält. Die Verletzlichkeit des Menschen wird durch das Körperliche oder den Krieg gesteigert und doch versteht es Lou Probsthayn stets Linderungen anzubieten.

Die Erzählungen sind immer unterhaltsam, unangestrengt und herzlich. Das stille Drama im Leben findet Erleichterung durch Literatur und diese Texte lassen uns etwas mehr vom Leben verstehen und wir fühlen uns oft verstanden, auch wenn einiges unverstanden ist, das erst in uns rumoren, reifen oder wachsen darf. Die Neugier auf Menschen, auf das Unbekannte des nachbarigen Nachbarn treibt uns um. Letztendlich haben wir die Texte ausgetrunken und die leeren Flaschen sammeln sich in unserem verdrängten Umfeld. Durch diesen Blick auf Andere und Anderes minimieren wir unsere Belanglosigkeit, die Abstumpfung und die Empathie wächst.

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Tara Sullivan: „The Bitter Side of Sweet“

Ein spannendes Jugendbuch, das uns von realen Verhältnissen auf einer Kakaoplantage erzählt. Es ist die erschütternde Geschichte von moderner Kindersklaverei und die drei Protagonisten stehen als fiktive Charaktere für viele, die ähnliches Leid erleben. Es ist ein berührendes und unglaublich spannendes Buch ab 14 Jahren, aber es ist ein Werk, das für alle eine Bereicherung ist. Es ist für einige Preise und sogar zweifach für den Deutschen Jugendpreis nominiert.

Die wirkliche bittere Seite der Süße im Leben. Schokolade ist für uns die wohl wichtigste Süßspeise. Die Kakaobohne war und ist so bedeutend, dass sie sogar einst als Zahlungsmittel eingesetzt wurde. Heute denken wir selten über deren Herkunft nach, dabei ist der Weg der Frucht lang und der Preis sehr hoch. Die Bohne wird erst bei der Weiterverarbeitung zu einem teuren Gut, dabei verdienen die kleinen Landwirte kaum etwas damit. Fast 70 Prozent der Kakaobohnen werden in Afrika angebaut, davon der größte Anteil an der Elfenbeinküste.

Amadou und sein kleiner Bruder Seydou lebten auf dem Hof des Großvaters. Doch seit zwei Jahren sind sie auf einer Plantage an der Elfenbeinküste tätig. Sie hatten gehofft, lediglich für eine Saison dort arbeiten zu müssen, um dann endlich zurückzukehren. Doch sollen sie Schulden abarbeiten, die sie gar nicht überblicken können. Amadou zählt seitdem nur, was wirklich zählt und das wird täglich geringer. Seine Hoffnungen schwinden und der tägliche Schmerz und die Pein werden alltäglich. Er ist gerade 15 Jahre alt und versucht das Negative von seinem jüngeren Bruder, der gerade 8 Jahre alt ist, fernzuhalten. Jeden Tag sollen sie Kakaobohnen ernten. Sie sind in kleine Gruppen eingeteilt und werden ständig beobachtet. Sie müssen ein tägliches Soll erfüllen und liegt dieses darunter, werden sie mit Schlägen und Essensentzug bestraft. Daher gibt Amadou oft Seydou von seiner Ernte ab und hält fast immer seinen Kopf hin. Eines Tages wird Khadija ins Lager gebracht. Es ist ungewöhnlich, dass ein Mädchen dort ankommt und sie scheint auch von vermögenderen Eltern zu kommen, denn sie hat Schulbildung und wirkt ganz anders. Warum ist sie hier? Sie ist wild und voller Wut und lässt sich nicht alles gefallen und versucht auch gleich am Anfang zu fliehen, was leider den Brüdern zum Verhängnis wird. Amadou kennt diese Aufwallungen und beobachtet Khadija und meint, sie wird lernen sich anzupassen. Denn auch er hatte es mal versucht zu fliehen, doch die Strafen werden immer fieser. Doch er und Khadija kommen sich näher und sie weckt in ihm den Widerstandsgeist und gemeinsam wagen sie, für die Freiheit zu kämpfen.

Ein tolles Buch, das uns durch seine realitätsnahen Schilderungen die Augen öffnet. Ein wichtiges, spannendes und nachwirkendes Buch. Aus dem Englischen wurde es von Jessika Komina und Sandra Knuffinke übersetzt. Ferner wird es durch ein Glossar und ein lesenswertes Nachwort ergänzt.  

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Arne Rautenberg: „19 Türen“

Unser Wohnraum hat einige Türen, die als zimmertrennende Portale eingesetzt sind. Erweitern wir diese Räumlichkeiten durch die Kraft der Imagination, werden es immer mehr Türen und Arne Rautenberg hat diese für sich bestimmt, entworfen, reduziert und durchgängig gestaltet. Durch sein kreatives Denken und Schreiben verlassen wir mit ihm das Gewöhnliche und erkunden die Räume hinter der Vernunft, der Realität und nehmen unsere Sinne und Emotionen mit, die durch die jeweiligen Portale ins Strudeln geraten. Dabei staunen, schmunzeln und grübeln wir. Lyrik ist immer das Verbleibende, das was aus dem Klotz der Umschreibungen herausgemeißelt wurde und wie ein kristallines Zentrum als Prisma der Wahrheiten, Spiele und Vorstellungen bestehen bleibt. Die Lyrik arbeitet in uns subtil weiter und macht die von fremder Hand fixierten Empfindungen zu unseren, die unsere Wahrnehmung bewusst oder unbewusst zu verändern vermögen.

Türen sind Übergänge und durch das Lesen treten Dinge, Tiere, Menschen, Dichter, Künstler, Freunde, Widersacher in unsere Wahrnehmung. Durch das Lesen treten diese Sachen, Wesen und Charaktere aber auch wieder hinaus. Beide Richtungen sind möglich. Somit entsteht ein Strom aus Gedanken und Gefühlen, die uns beschäftigen. Mit Arne Rautenberg machen wir uns aber auf die Suche nach einer Tür, mit der wir den Raum verlassen möchten und Form und Zweck heben sich auf. Wunder und Überraschungen lauern hinter den Türen. Ein Kreiselspiel beginnt, in dem Sprache zur Emotion, zum Witz oder zum Gedanken wird. Alles blitzt auf, hallt nach oder grummelt im Hintergrund leise weiter. Das Labyrinth aus Räumen und Türen durchwandern wir chronologisch, im Suchdurchlauf oder in ewiger Rückkehr. 

Arne Rautenberg ist ein Lyriker aus Kiel, der mit Sprache und Schrift spielt. Die Zeilen werden nicht selten selbst zum gesetzten Bild. Natur ist Bestandteil und tanzt um Ironie und Menschlichkeit. Das Menschliche kann toxisch sein, erhellend oder sogar liebevoll. Aber es gibt auch die Mogs, Menschen ohne Gnade, die sich in Überholwut präsentieren. Aber genauso lachen wir über Ereignisse, Form- und Sprachwitz. Gedichte, die uns wie kurz vor dem Einschlafen überkommen und den Traum verändern.

Unbedingt ratsam ist es, sich den Zugang zu den Türen durch das Buch, das somit ein Universalschlüssel für die eigenen und fremden Räume ist, zu beschaffen. Nichts wie hinein und hindurch und sich auf Wunder einlassen.

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Nassir Djafari: „Tausend Fenster“

„Tausend Fenster“ ist der vierte Roman von Nassir Djafari und behandelt wieder seine großen Themen: Exil, Fortgehen, Flucht und die politische, gesellschaftliche und familiäre Verbunden- und Zerrissenheit. Seine Werke sind tolle, zugängliche Prosa, die eine menschliche Aktualität hat und gerne von einer breiteren Leserschaft erfasst werden sollte. Die Handlung nimmt einen sehr fesselnden Verlauf und die Spannung steigert sich gleichzeitig mit der Empathie zu den Figuren.

Djafari wurde 1952 im Iran geboren und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Nach seinem Studium ist er aktiv für die internationale Entwicklungszusammenarbeit tätig und durchdringt dadurch die Fragen um Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Er schreibt über das Fortgehen und Ankommen, das Leben zwischen den unterschiedlichen Kulturen und den Spannungsfeldern der Politik, der Umbrüche und der Familie. In seinem neuen Roman geht es nicht um den Iran, sondern um die Tschechei und dieser spielt im Jahr 1972, nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings. Die Handlung wechselt fast mittig die Perspektive und das Bild vervollständigt sich. Denn gleich am Anfang wird ein Spannungspunkt gesetzt, der uns regelrecht an die Geschichte fesselt.

Pavel Horak ist mit Jana verheiratet und als Journalist tätig. Durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche gerät er in den Fokus, verliert seine Arbeit und wird drangsaliert. Letztendlich darf er nur noch bei der Müllbeseitigung tätig sein. Der Fluchtgedanke ist ein täglicher Begleiter und die Absichten verfestigen sich. Ein Schleuser ist bezahlt und der Plan steht. In einem umgebauten Auto soll es über die Grenze nach Westdeutschland gehen. Der Fahrer wird erst Pavel transportieren und dann zurückkehren, um Jana zu holen. Pavel steigt ein, beziehungsweise  klettert in den entsprechenden kleinen Hohlraum und schafft es nach Nürnberg. In einem Hotel wartet er nun auf die Ankunft seiner Frau. Das Warten ist er gewöhnt, doch die Anspannung nimmt zu, ob die Flucht auch Jana gelingen wird. Nach einem kurzen Spaziergang, um die Nerven zu beruhigen, kehrt er zum Hotel zurück und sieht den umgebauten Wagen vorfahren. Eine Frau steigt aus. Aber es ist nicht Jana.

Pavel zieht wie geplant weiter nach Frankfurt zu Bekannten, die bereits vor langer Zeit umgesiedelt sind. Die Angst um Jana treibt Pavel um, denn was ist seiner Frau passiert? Wurde die Flucht vereitelt? Wollte sie gar nicht mit und wer ist die fremde Frau? Der Schleuser verspricht zu helfen und eine Zeit des Wartens bricht erneut an und Pavel beginnt, gedanklich sein Leben zu durchdringen. Der Perspektivwechsel kehrt dann zu Jana, die von ihrer Ehe mit Pavel erzählt und von ihrer starken Bindung zu ihrer aufmüpfigen Schwester, die immer wieder in Schwierigkeiten steckt.

Diese Literatur verdeutlicht die politische und gesellschaftliche Enge, die Menschen zur Flucht zwingt. Durch die sofortige Spannung will man einfach erfahren, was passiert ist. Die Handlung baut sich großartig erzählt auf, denn durch die Erinnerungen und den Perspektivwechsel wird letztendlich alles stückweise aufgeklärt und nachvollziehbar beschrieben. Der Titel „Tausend Fenster“ ist ein Schlager, der von Udo Jürgens komponiert und vom tschechischen Sänger Karel Gott gesungen wurde und handelt von der Anonymität und Einsamkeit in den Städten. Es sind die Fenster, die Möglichkeiten zeigen, Schutz geben, aber auch Privates öffentlich machen können. So auch der Roman, er zeigt an persönlichen und individuellen Schicksalen das öffentliche Leben, das durch Politik oder Gesellschaften zu Umbrüchen gezwungen und getrieben wird.

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Monika Geier: „Ein schönes Kind“

Gute Kriminalromane leben neben der Figurenzeichnung vom Setting. Von der Landschaft, der Umgebung, den Städten und besonders von den Gebäuden. Alles sollte mit Leben erfüllt sein, damit wir uns beim Lesen binden, finden und verlieren können. Wenn die Natur und die Häuser ein Eigenleben entwickeln, bekommt die Handlung etwas Unerwartetes und Unheimliches.

Das Setting steigert, gut eingesetzt, die gespannte Erwartung. Dies wusste und perfektionierte im Film der Altmeister Alfred Hitchcock und in der Literatur Arthur Conan Doyle und natürlich Agatha Christie. Besonders Letzte blitzt in literarischer Ehrverneigung im Roman „Ein schönes Kind“ von Monika Geier auf. Der Krimi als literarisches Werk verzerrt die Wirklichkeiten, um diese unterhaltend wahrhaftig spürbar zu machen. Dabei wird das Alltägliche in der Sprache und durch die Handlung zu einer Abbildung, die unsere Sicht zu verschieben vermag. Der Alltag wird genussvoll aus den Fugen gerissen und das Einfache verbirgt die kunstvolle Suche nach Wahrheiten. Der Krimi baut sich aus vielen Sedimenten zusammen, die aufeinander aufbauen und sich vermengen. Erst durch das Erspüren und Ausgraben verdeutlichen sich die Zusammenhänge. Dies passiert ganz subtil im Roman von Monika Geier. Ein Spiel aus Wahrnehmungen. Ein Verwirrspiel, das den Grusel, den Humor und die Spannung mit einbindet.

Marlie hat eigentlich einen Traumjob erhalten. Sie ist eine Architektin, die als Szenebildnerin für einen Fernsehsender eingestellt wird. Eine neue Serie soll produziert werden und der Kameramann und der Autor haben jeweils bestimmte Vorstellungen vom Setting. Marlie, die weiß, was sie kann, wird doch durch ihre Selbstzweifel gebremst. Denn der Kameramann versucht, sie zu manipulieren, da er durch nahe Verwandtschaft meint eine Location gefunden zu haben. Doch ist diese zu schattig, zu düster und überhaupt nicht geeignet. Denn die Vorgabe laut Skript ist eindeutig. Ein Gebäude wird gesucht, in der Serie „Villa Rosa“ genannt, das heiter, ansprechend, freundlich und gemütlich sein soll. Am besten mit einem Brunnen. Marlie gerät mit dem Kameramann aneinander und bricht alleine auf, um eine geeignete Villa in der Nähe zu finden. Sie durchstreift die Pfalz auf der Suche nach der besten Location und wird sehr schnell fündig. Ihre Bilder begeistern auch die Produzenten. Der perfekte Drehort. Doch alte Häuser haben ihre Geschichten. Es sind tiefe verborgene und manchmal auch tödliche Geheimnisse.

Dieser Krimi bietet erstklassige Unterhaltung und hat genügend Suspense, um immer wieder zu überraschen. Schräge und sympathische Figuren bevölkern das ganze Setting. Mit Spannung und Situationskomik wird ein cineastisches Bild aus Licht und Schattenspielen eingefangen. Ein wirklich  schöner Krimispaß.

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