Iris Wolff: „Leuchtende Schatten“

Iris Wolff schreibt Romane, die aus stillen Bildern wachsen und uns durch eine wunderschöne Sprache an die Lebenswege der Charaktere heranführen. Hauptaugenmerk liegt immer auf der Freundschaft, Liebe und einem Zugehörigkeitsgefühl. Die Figuren, die Iris Wolff erschafft, ob Haupt- oder Nebencharakter, sind stets alle von Bedeutung. Es sind literarische Reisen, die uns zu bestimmten Erinnerungsmomenten der Protagonisten geleiten. Anhand des Handlungsverlaufs wird die Frage aufgeworfen, was von der Geschichte, der familiären Vergangenheit den Einzelnen prägt. Gibt es eine Freiheit, ein Losgelöstsein von der Historie? Die persönliche Geschichte und Familie der Autorin ist dabei immer auslösend für die Romanwelt. Iris Wolff wurde 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen geboren. Die Familie wanderte nach Deutschland aus und 2012 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Halber Stein“. „Leuchtende Schatten“ ist ihr zweites Werk, das nun durch den Verlagswechsel erneut in einer Taschenbuchausgabe erschienen ist. Es folgten „So tun, als ob es regnet“, „Die Unschärfe der Welt“ und „Lichtungen“, die allesamt Leseschätze sind. Vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der Geschichte des 20. Jahrhunderts spielen die Romane. Es sind feinfühlige Werke und die Sprache schwebt förmlich durch die ganzen Geschichten. Durch die poetischen Schilderungen und Charakterisierungen werden die Figuren sehr nahbar und lebendig. Mit deutlichen Bildern und einer klaren Sprache erleben wir die Verknüpfungen von Familien und deren Begegnungen in einer politisch wandelbaren Zeit.

„Leuchtende Schatten“ lässt uns ganz zart eintauchen in eine Welt, deren Wandel ganz subtil beginnt. Ganz behutsam wird alles aufgebaut, um dann den Protagonisten ihre Geheimnisse und Geschichten zu entlocken. Es spielt vor dem politischen Hintergrund des Wandels, des Krieges und des Zusammenbruchs Siebenbürgens. Dabei ist das Weltgeschehen Begleiter und Auslöser der Handlung, doch zeigt sich die Auswirkung hierbei im Privaten und Individuellen. Die Hauptthemen kreisen um die Gefühlsmomente des Schützenwollens und des selbst Schutz benötigen, Lieben möchten, aber Verlust ertragen lernen und Freundschaft halten, aber nicht binden können.

Ella wächst in ärmeren Verhältnissen auf und die Familie lebt eng zusammen. In der Schule beobachtet sie die neue Klassenkameradin, die jeden Tag ein neues Kleid trägt und wohl gerade in eine der Villen eingezogen ist. Es ist Harriet und Ella fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Ella ist eine Träumerin und still verliebt. Eine freundschaftliche Liebe empfindet sie auch sofort für Harriet. Während eines Badetages am See kommt es zu einem Unfall. Harriet geht übermütig schwimmen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich und gerät dabei in Gefahr. Ella, die sofort reagiert, kann Harriet das Leben retten. Dies ist der Anfang einer Freundschaft, die sich für beide immer sehr vertraut anfühlt. Doch Harriet verschweigt etwas und ein Geheimnis umgibt sie. Durch die politischen Ereignisse der Jahre 1943 und 1944 wird die Welt für Ella und Harriet eine andere. Tiefgreifende Veränderungen, Verluste und die bisher unausgesprochene Vergangenheit beenden das Kindliche.

Familie und Freundschaft als Zeugen der Ereignisse. Das Persönliche steht dabei in dieser Literatur immer vor dem Weltgeschehen, das als Kulisse im Hintergrund die Welten verändert. Welten, die auf die Figuren einwirken und verwandeln. Die Charaktere wachsen an den individuellen Gegensätzen. Das zerstörerische Umfeld bahnt sich hierbei seinen Weg in das zarte Innenleben. Fluchträume und Identitätsbereiche sind dabei immer ein Kern der Entwicklungen. Alles wird eher durch eine Gefühlslandschaft beschrieben, die eine Leichtigkeit mitbringt, die aber nicht immer mit einer Leichtigkeit zu erfassen ist. Denn einiges wird in die Handlung wie nebenbei eingeflochten, ganz leise zeigen sich die Veränderungen. Die Werke sind von Harmonie und Schönheit getragen, die aber nicht zwingend Harmonie und Schönheit zeigen. Der Wunsch nach Freiheit und Liebe wird in jeder Szene spürbar und nimmt uns auf wunderbare Weise gefangen.

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„Der Name der Rose“ von Umberto Eco & Milo Manara

Der Roman, der vielen bekannt ist und immer noch zu faszinieren versteht, wurde erneut adaptiert. Der italienische Comic-Künstler Milo Manara hat ein Graphic Novel erschaffen. Er hat den weltbekannten Roman sehr atmosphärisch und bildgewaltig zu neuem Leben erweckt. Neben der wunderbaren Verfilmung kann nun ein neuer Zugang zum Werk gefunden werden. Film und Comic-Kunstwerk leben vorrangig durch das visuelle Erzählen und deuten dabei viel, aber nicht im Ganzen die Detailliertheit und Themenfülle des Romans an. Denn auf den ersten Blick mag es wie ein mittelalterlicher Krimi wirken. Doch bilden die rätselhaften Morde in einem Kloster nur den Rahmen für die Vielfältigkeit der Lesbarkeit des komplexen Werkes. Umberto Eco hat sein Wissen in sein literarisches Werk einfließen lassen und tat auch so, als würde er sich auf ein gefundenes und wieder verschollenes Manuskript beziehen. Somit ist eine der Figuren der fiktive Auslöser der Schrift, die Eco gefunden, zügig übersetzt und er später anhand seiner Notizen das Erlebte des damaligen Novizen wiedergibt. Das Buch ist voller Geheimnisse und benutzt philosophische Wendungen, die sich immer um das geschriebene Wort drehen. Eine Bibliothek, die bewahrt und behütet wird und als Labyrinth angelegt wurde, ist das Zentrum. Zwei Charaktere, die mit ihrer Weltsicht aufeinander prallen, einer, der Altes bewahren möchte und das Vergnügliche missachtet und der andere, der stets das Neue sucht und den Dingen auf den Grund geht. Letztendlich ist es nur der Name, der Name der Rose. Aber die Rose bleibt eine Rose mit ihrem Duft und ihren Dornen, auch wenn sie anders hieße. So auch der Mensch, der in einem Gotteshaus doch nur ein Mensch ist.  

Der Franziskaner William von Baskerville hat einen umfangreichen Auftrag erhalten. Er war bereits bei einigen Inquisitionsverfahren beteiligt, hat aber fast immer den Menschen vorgezogen und erwirkte dadurch viele Freisprüche. Er ist ein ganz genauer Beobachter und ein kluger Zeichenleser. Hierbei hat Eco ein figürliches Denkmal der Detektive von Doyle oder Christie erschaffen. Ihm zur Seite steht sein Novize Adson von Melk. Kaum im Kloster eingetroffen, werden sie mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert, der nicht der letzte bleiben soll.

Das Werk streift theologische, philosophische und kulturelle Themen und öffnet einen ganzen Fächer an Gedankenwelten. Der Text beinhaltet die Lebensphilosophie des Mittelalters, die Frage nach den wahren Lehren wie die der Enthaltsamkeit, der Armut oder der Lust und dem Spaß, den Leben uns bereiten kann.

Diese Graphic Novel schenkt dem Werk neue Bilder, einen neuen Zugang und ist ein stimmungsvolles, tiefgründiges Kunstwerk. Aus dem Italienischen wurde der Text von Adelaide da Controguerra übersetzt und die Kolorierungen stammen von Simona Manara.

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Julia Rothenburg: „Raus bist du noch lange nicht“ 

Es geht um Lebensräume, Freundschaften und um das Miteinander. Freundschaften, die in Kindertagen entstehen, haben andere Bedingungen, sie sind zusammen gewachsen. Die Bekanntschaften, die wir im Leben sammeln, lernen sich rückblickend kennen. Durch das Erzählen, den rückwärtsgerichteten Blick, lernen wir uns besser kennen. Dies ist die Stärke in dem neuen Roman von Julia Rothenburg, denn die Ereignisse bauen sich kontinuierlich und durch die Rückblicke auf. Die Autorin schaut immer tief und feinfühlig in ihre Figuren und belebt diese durch ihre feine Sprache. Sie versteht es erneut, anhand der Charaktere Innenleben zu zeigen, die alltäglich sind und doch sich dem Gewöhnlichen durch die Wortkunst entheben. Ferner ist sie dabei eine ganz genaue Beobachterin von Stimmungen und lässt uns diese mitfühlen. Subtil und deutlich, schonungslos und doch auch ganz zart geht sie dabei vor. Der Roman baut sich langsam auf und erzeugt durch die verschiedenen Ebenen verzwickte Tiefen, die unsere Beziehungen prägen. Julia Rothenburg schaut mit ihren Werken immer auf das menschliche Gefüge und auf das Zusammenleben. Sie schöpft ihre Betrachtungen aus dem Kleinen, doch geht es dabei nicht um Befindlichkeiten, sondern stets um feine Bilder des sozialen Lebens.

Alice hat gerade versucht, für sich Grenzen zu ziehen und wahre Worte zu finden. Nachdem sie diese ausgesprochen hat, geht sie in der Kneipe, wo ein Treffen stattgefunden hat, auf die Toilette. Sie zieht sich erneut zurück und beginnt zu rekapitulieren und es vergeht eine Weile, bis sie das Bar-WC verlässt. Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft, die sich aus alten Schulfreundinnen, Studienkolleginnen und ganz neuen Bekanntschaften gründete. Sie arbeitet als Erzieherin und hat nach einer nicht guten Erfahrung nun eine neue Stelle in Berlin gefunden. Die WG ist ihr erster Anker und das Zusammenleben wächst langsam zusammen. Es sind Mo, Reike und Yv, die nun mit Alice zusammen wohnen und Raum im Leben einnehmen. Die verkürzten Rufnamen sind hierbei wie die Spitzen von Eisbergen, die erst beim weiteren Betrachten ein Ganzes offenbaren. Es entsteht eine Enge und Nähe, die freundschaftlich, aber auch manipulierend, vereinnahmend und bestimmend sein kann. Durch den Rückblick erfahren wir, dass etwas besonders in der Beziehung zu Yv passiert sein muss. Yv, die gleich am Anfang, beim gemeinsamen geplanten, aber nicht gemachten, Möbeleinkauf oder der Einweihungsparty ihre emotionale Unsicherheit zeigt. Etwas ist damals zerbrochen und Alice hat sich eine eigene Wohnung gesucht.

Auf der Arbeit kommt eine Kollegin zurück, die eine Zeit in Frankreich tätig war. Diese Kollegin, Christin, ist ihr sofort sympathisch und die Arbeit in der Kita lässt sie zusammenwachsen. Doch ist Christin nicht immer ehrlich und Alice befürchtet, alten Mustern erneut zu verfallen. Sie geht auf Distanz, um nicht alte Wunden zu öffnen. Gerade jetzt, wo es in ihrer Beziehung zu ihrem Freund durch die Räumlichkeit und die individuellen Entwicklungen auch zu Spannung kommt und Mo und Reike sie erneut in ihre Wohngemeinschaft einladen, weil ein Zimmer wieder frei geworden ist. Alice muss sich entscheiden und selbst für sich abgrenzen, wie weit sie Menschen an sich heran lassen möchte und kann.  

Mit viel Empathie und einer einfühlsamen Sprache tastet sich die Autorin an ihre Figuren und die Handlung heran. Durch die Zeitebenen und die sich aufbauende Handlung setzt sich ein psychologisches Bild zusammen. Die Themen um das Miteinander werden dabei nicht verklärt oder trivialisiert. Dieser Roman lebt von der Sprache und den Bindungen, die wir zu den Figuren eingehen.

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Ota Pavel: „Der Tod der schönen Rehböcke“

Eine Wiederentdeckung, deren Entstehungsgeschichte bereits skurril ist. Pavel erzählt aus seiner jüngeren Sicht über seinen Vater, der stets versucht, aus den Situationen das Beste zu machen. Es sind Episoden, die an den Humor der Küsse von Roald Dahl erinnern. Es ist die Geschichte eines Vaters, der bemüht ist, sich niemals unterkriegen zu lassen, auch wenn die Nationalsozialisten kommen.

Ota Pavel (ursprünglich Otto Popper) wurde 1930 geboren. Er war Journalist, schrieb für den Prager Rundfunk Sportreportagen und reiste um die ganze Welt. Seine Reportagen schrieb er zuweilen literarisch und märchenhaft. Als er von den Olympischen Winterspielen in Innsbruck berichten sollte, begegnete ihm der Teufel, der befahl, ein Feuer zu legen, was Pavel auch in die Tat umsetzte. Er kam in eine Psychiatrie und der behandelnde Arzt empfahl ihm, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Das Resultat ist „Der Tod der schönen Rehböcke“. Eine Hymne oder ein Märchen an oder für den Vater. Zumindest ist es ein herrlicher Text, der uns Hoffnung schenkt, dass es immer Lichtblicke oder etwas zu erreichen, zu tun gibt, auch wenn es der Familie finanziell schlecht geht, wenn es um einen dunkler wird oder sogar die Nazis kommen. „Der Tod der schönen Rehböcke“ wurde ein großer Erfolg und ist bereits in verschiedenen Ausgaben verlegt worden. Dies ist die bibliophile Ausgabe, die aus dem Tschechischen von Elisabeth Borchardt übersetzt wurde. Pavel starb 1973 und wurde neben seinem Vater auf den jüdischen Friedhof in Prag beerdigt.

Es sind Geschichten der Familie Popper, die im Vorkriegs-Tschechien lebt. Erzählt wird alles aus der Sicht des jungen Sohnes. Der Vater, Leo Popper, ist ein Optimist und ein einfacher, naiver Mann. Er hat eine Schläue, die sich nicht aus der Bildung nährt. Doch hat er Charme, Geduld und ein raffiniertes Wesen, wenn es um seine Zwecke geht. Doch glaubt er auch immer an das Gute, das sich dann aber auch gerne vor ihm versteckt. Er liebt es zu fischen und erwirbt einen Fischteich, der einen reichen Fang vorgaukelt und der Verkäufer des Teiches sich aber nicht bewusst war, an wen er geraten ist, denn Leo ist ein begnadeter Verkäufer der schwedischen Firma Elektrolux. Da er einen leeren Teich gekauft hatte, bekommt später der Teichverkäufer ebenfalls eine bestellte Leerverpackung. Der Vater hat die Gabe, Menschen etwas schmackhaft zu machen, Staubsauer zum Beispiel, auch in Regionen, wo noch kein Strom verlegt ist. Somit wird er ein Vorzeigeverkäufer, der aber auch über seine Grenzen schlägt. Um der Familie, besonders der Frau des Chefs näher zu kommen, verrennt er sich auch in die Kunstwelt und bedroht letztendlich seine Familie mit Ruin. Seine Ideen als Karpfen- oder Kaninchenzüchter schlagen fehl. Aber er gibt niemals auf und lässt sich nicht unterkriegen. Als es für seine jüdische Familie auch politisch bedrohlich wird, möchte er, als der Befehl der Deportation kommt, noch ein gutes Mahl servieren. Er benötigt Rehböcke. Trotz der Niederlagen, der Weltpolitik und der Lebenssituationen schlägt sich die Familie durch und überlebt.

Es sind mehrere Episoden, die wohl auf die Kindheit von Pavel schauen, diese aber literarisch verzaubern. Trotz der Ernsthaftigkeit ist dieses Werk unglaublich humorvoll und liebevoll. Das Buch ist eine positive Therapie für jede Lebenssituation.

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Eeva-Liisa Manner: „Promenadenmusik für kleine Flusspferde und andere Etüden“

Diese Literatur ist traumhaft und wirkt aus der Zeit gefallen. Schöpferisch ist hierbei die Sprache. Die Natur und der Raumklang treten spürbar hervor. Der Mensch bewegt sich in seinem individuellen Umfeld und ist in einigen Texten ein Störfaktor. Tiere als Boten, Begleiter oder Metaphern beleben oft die Szenerien. Alles wirkt in uns wie beim Erwachen, in dem Moment, wenn das Phantastische die Realität berührt und wir noch kurz im Dazwischen verweilen. Es ist eine Literatur, die über den Verstand aufgenommen, dann aber über den Verstand hinaus erfasst wird. Die Autorin spielt mit Welten, die getrennt sind durch individuelle Wahrnehmungen und die gemeinschaftliche Realität. Immer wenn wir von Wahrheiten sprechen, also in der Mehrzahl, kann diese Wahrheit nur eine Halbe sein. Wir durchdringen die Welt durch Reduktion, durch formelle Fixierung und teilen diese dadurch in immer kleinere Stücke. Die mathematische Zahl steht dann unserem poetischen Empfinden gegenüber. Eeva-Liisa Manner macht unsere Welt durch ihre Werke wieder weiter, lyrischer und schöner.

Eeva-Liisa Manner (1921–1995) wurde in Helsinki geboren und verfasste Lyrik, Theaterstücke, Kurzprosa und schuf bedeutende Übersetzungen. 1951 veröffentlichte sie „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“, das autobiografische Wahrnehmungen beinhaltet. Alles wird in dem Kurzroman „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ aus der kindlichen Perspektive erzählt und erhält dadurch zuweilen Märchenhaftes. Ferner ist die Musik immer ein Klangraum ihrer Werke. Als Sinnbild für Freiheit, für den Lebensweg oder als Harmonie innerhalb der lauten Welt. Dies ist auch in ihren Erzählungen stets der Fall. „Promenadenmusik für kleine Flusspferde und andere Etüden“ bietet in der Deutschen Übersetzung von Maximilian Murmann eine umfangreiche Auswahl an Manners Kurzprosa. Der titelgebende Band wurde durch vier weitere Erzählungen ergänzt. Alle Texte erschienen zwischen den Jahren 1957 und 1966.   

Die Texte durchzieht eine sprachliche Membran, die sich durchlässig zwischen Traum und Hellsichtigkeit befindet. Sprache und Musik geben den Takt vor und die Etüden verwandeln sich in Promenadenmusik. Doch stellt sich die Frage, was hierbei Etüden, also Lehrstücke sind? Wer lehrt wen? Denn dass die Autorin übt, ist durch die Dichte ihrer Kunst wohl nicht gemeint. Somit sind es Stücke, die uns, die Lesenden, wachsen lassen. Ein Wachsen durch das Empfinden. Die beschriebenen Welten sind wandelbar und doch auch sehr real. Es gibt auch Momente, die beides beinhalten können. Somit sind diese Texte auch gesellschaftskritisch. Ihr Blick ist dabei immer ein gesamter. Sie schaut dabei auf die Schönheit der Natur, auf die Intelligenz der Tiere und auf den zerstörerischen Willen der Menschen. Neben den Fiebertraumwelten, der Düsternis und der Enge gibt es sehr viel Helligkeit, Humor und Zuspruch. Ihre kurzen Einblicke sind immer vieldeutig und berauschen sehr. Die Sprachbarrieren innerhalb der Tier- und Menschenwelt zeigen das individuelle Verstummen durch einen inneren Klang. Einen Klang, der durch diese Literatur in Schwingung gerät und unsere Welt erkennbar macht.

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Ulf Erdmann Ziegler: „Mann ohne Kind“

Der neue Roman von Ulf Erdmann Ziegler handelt von einer ungewöhnlichen Beziehung und vom vermissten Vaterglück. Dabei streift Ziegler die Tabuthemen gleichsam zart wie die Verweise auf Literatur und Film. Es ist eine Freundschaft zwischen einer gerade noch Schülerin und einem älteren Mann. Dabei bleibt der Status eines Vaters zu einem Kind bestehen. Eine Verbindung, die ihm seine Grenzen zeigt und die Welt auf den Kopf stellt, denn letztendlich zeigt die gemeinsame Zeit, wer sich kindlich verhält. Der Lolita-Gedanke drängt sich auf, doch diese Grenze wird nicht durchbrochen. Es ist die Zeit, die sie, das Mädchen, mit dem wahren Vater vermisste und er, als älterer Mann, der einem Kind Fürsorge schenken möchte, nun gefunden zu haben scheint. Zeit ist dabei auch der Kernpunkt der Handlung. Zeit, die man jemandem schenkt und zuhört. Beim Zuhören kommen meist die besten Gedanken. Dies erinnert an „Momo“ von Michael Ende und schon taucht sie auf, die Schildkröte, die hier als Wasserschildkröte ständig in ihrem Element döst. Miki heißt das Mädchen und taucht wie Momo plötzlich auf. Sie ist vaterlos, denn dieser ist verstorben und sie und ihre Mutter kommen zu einem Kolleg nach Berlin. Miki soll das Jahr zur Schule gehen, doch verweigert sie sich dieser und schwänzt oft den Unterricht. Ole lebt mit seiner Frau Dolly im selben Gebäude, das durch einen Anbau erweitert wurde und dadurch unterschiedliche Höhen aufweist. Diese erlauben Mikis Besuch durch das Küchenfenster in Oles Wohnraum. Alles wirkt in diesem Roman verspielt, die Räumlichkeiten und die Namen. Miki klingt wie das Mädchen mit den Stundenblumen, Dolly erinnert an das biologische Experiment und die räumlichen Differenzen werden durch unterschiedliche Ebenen und global durch Japan und Deutschland angedeutet. Miki und ihre Mutter Haruko stammen aus Japan und ihr Weg führt über Berlin, Frankfurt zurück nach Tokio. Alles dreht sich um Schutzräume, die aber auch Intimes zu verbergen wissen. Ole bleibt immer der Mann, der in sich den Vaterersatz für Miki sieht und dadurch seinen Vaterwunsch zu erfüllen versucht.

Ole merkt mit Ende Fünfzig, dass ihm, trotz der erfüllten Liebe zu Dolly, etwas im Leben fehlt. Dann taucht Miki auf, die vierzig Jahre jüngere Tochter einer Japanerin und eines Deutschen. Das Schulmädchen rückt seit dem zufälligen ersten Treffen immer wieder in sein Bewusstsein. Da sie auch entschließt, die Schule nicht mehr zu besuchen und bei ihm durch ihre häufigen Schmerzen einen Beschützerinstinkt erweckt, verbringen beide viel Zeit miteinander. Ihre Gespräche tun beiden sehr gut, doch keimt auch immer das ungute Gefühl, wie weit diese ungleiche Beziehung für sie und für das Umfeld noch duldsam ist. Doch die Zeit endet und er beginnt diese Geschichte aufzuarbeiten. Er schreibt, als Miki wieder in Tokio ist. Ole kennt Japan, war bereits dort und freut sich, als er von Miki eingeladen wird. Diese Reisen, es werden zwei, möchte er auch alleine ohne Dolly machen und zieht in die Familie von Miki ein. Dabei fokussiert er meist sich und achtet weniger auf die gesellschaftlichen und generationsbedingten Umbrüche. Er schläft in jenem Zimmer, in dem auch Mikis Wasserschildkröte lebt. Die Schildkröte und Ole haben in sich eine Bestimmung, sie erwarten Miki. Hiermit ist erneut das Bild von Michael Ende in den Bezug genommen. Denn Kassiopeia, Momos Weggefährtin mit dem stündlichen Blick in die Zukunft, verlässt in einer Szene Momo. Als Momo fragt, wohin sie gehe, antwortet das sprechende Tier, sie würde sie suchen. Um diese Szenerie von Ende hat Ziegler sein zentrales Bild gebaut. Aber auch Humbert von Vladimir Nabokov taucht namentlich kurz auf. Somit ist der Roman um den Ich-Erzähler mit vielen literarischen Anspielungen versehen. Ein Mann, der es bereut, nie Vater geworden zu sein, trifft auf eine vaterlose junge Frau. Dabei entsteht eine merkwürdige Liebesgeschichte, die zwischen einem älteren Mann als Vater und einem Schulmädchen als Kind entsteht. Da sie sich dem System, besonders dem Schulsystem, zu entwinden versucht, gerät er als älterer Mensch mit seiner bisherigen Lebensrolle an seine Grenzen. Das kurze Glück, als sie in Japan als Vater und Tochter angesehen werden, verdampft als er lediglich den Wunsch nach Staus und Freundlichkeit erkennt. Eine Beziehung, die sich aber nicht auf das Körperliche, sondern auf Fürsorge, Dasein und Zuhören stützt.  

Ein Roman, der Grenzen benennt und auflöst, uns in einem merkwürdigen Gefühl abholt und bis zum Ende zum Nachsinnen und Nachfühlen einlädt. Die Geschichte verbindet Welten, zwischen Jung, Alt und zeigt die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Japan. Ein Werk über Sehnsüchte, Schmerz und Melancholie. Aber immer wieder ist es die Zeit, die wichtig ist, um uns gegenseitig zu sehen, zuzuhören und dann auch sich lösen zu können. Zumindest von den Erwartungen an andere und an das Schicksal. Dieser Roman entfaltet sich beim Lesen und keimt in uns weiter, wenn das Ende erreicht ist. 

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Ute Cohen: „Willents Brut“ und die Trilogie

Ute Cohen schreitet ihren vorangegangenen Weg zu Ende. Es ist eine Roman-Trilogie, deren Titel sich neben ihren anderen Werken thematisch zusammenfassen lassen. Woher stammt die Gewalt, die unterschwellig, offensichtlich oder ganz leise unsere Gesellschaft und unser Privatleben berührt, verändert oder zerreißt? Ute Cohen schaut genau hin, hört ganz genau zu und scheut sich nicht, das, was sie selbst erleben musste, in Literatur zu verwandeln.

Ute Cohen ist Schriftstellerin, Publizistin und Moderatorin. Ihre Werke befassen sich mit gesellschaftlichen Strukturen, Umbrüchen und gewaltvollen Aushöhlungen. Sie liebt und lebt für die Kultur und neben dem Blick in das Dunkle, zeigt sie Wege daraus, vertieft sich auch gerne mit den Genüssen. Sie scheibt Romane und Sachbücher, die alle eine Freiheit suchen. Eine Freiheit, die geschmackvoll sein darf, aber uns auch einen Kloß im Halse zubereitet. Denn ihre Romane sind selten wohltemperierte, sondern geistige und seelische Herausforderungen. Sie schaut gerne in die gesellschaftlichen Abgründe, um uns das Verdrängte zu zeigen und nicht um zu provozieren, sondern uns empathischer, verständnisvoller und aufgeweckter zu machen.

Jetzt ist frisch „Willents Brut“ erschienen. Es ist ein Roman, der für sich alleine steht, aber mit „Satans Spielfeld“ und „Poor Dogs“ die sogenannte „Trilogie der Gewalt“ abrundet. Alle Bücher sind eigene Betrachtungen und Geschichten. Eine ganz persönliche, eine in der abgehobenen Gesellschaftsklasse und ein Blick in das Familiäre und den Versuch, der häuslichen Gewalt zu entkommen. Der neue Roman ist ihr literarisches Glanzstück, denn es ist sehr sinnlich und poetisch geschrieben. Das Sinnliche muss dabei nicht immer schön sein, denn wir erleben auch den Verfall und den Abgrund. Sprachlich ist es wunderschön zu lesen, offenbart aber keine heile und schöne Welt. Es ist die Geschichte von Arne Willent, der mit seinen Geschwistern Volkhart, Franz und Hanne in der Zeit des Aufbruchs und der gesellschaftlichen Veränderungen aufwachsen. Die äußerliche Veränderung muss nicht zwingend die persönliche Entwicklung sein und der Mensch bleibt oft in seinem Rahmen verhaftet. So der Vater und die nicht handelnde Mutter. Die Kinder werden in eine postfaschistische Welt hineingeboren und die Sechzigerjahre sollten eine Schwelle zum Aufschwung sein. Der Vater begann im Norden als Knecht, doch wurzelt sein Wesen stets in der südlichen Landregion. Sein Verständnis für Landwirtschaft und die Lebensmittel sind wie seine Wesenheit begrenzt und doch von sich sehr überzeugt. Sein wirtschaftlicher Erfolg mit einer Gaststube und die gesellschaftliche Anerkennung baut er auf dem Rücken seiner Familie auf. Er neigt zur Gewalt und nutzt die Kinder aus, missbraucht und schlägt diese. Arne, ein Junge mit verschiedenfarbigen Augen, sieht und erlebt einiges, bis er und seine Geschwister den Ausbruch wagen. Die Mutter nimmt alles als gottgegeben hin, bleibt obrigkeitshörig und schweigt zu der Gewalt. Die Jugendlichen können entkommen und fliehen aus ihrer Vergangenheit, doch das Gift in ihnen sucht sich das Entsprechende in Rausch und Betäubung.

Dieser Romanzyklus beginnt mit „Satans Spielfeld“, das persönlichste Buch von Ute Cohen, denn hierin verarbeitet sie ihre eigene Geschichte. Es ist ein Roman, der uns durchschüttelt. Die Protagonistin, Marie, lebt in der Provinz der 1970er Jahre. Sie ist zwölf Jahre alt und sie erlebt gerade die Körperlichkeit. Das Elternhaus und die Umgebung sind von Streitigkeiten und Tristesse geprägt. Sie lernt zwei Schwestern kennen und es entsteht eine Freundschaft. Diese Familie lebt Marie eine Leichtigkeit vor. Doch der Vater, ein reicher Bauunternehmer und eine feste Größe in der Politik, verführt Marie, vergewaltigt und schwängert sie. Sie ist sein Besitz und sein satanisches Spielfeld ist eröffnet.  Ein Buch, das uns das reale Grausen lehrt. Ein wichtiges Werk, aber ein Kraftakt, es zu lesen. Aber welch ein Kraftakt war es, dies zu schreiben?

Mit „Poor Dogs“ tauchen wir in die Machtverhältnisse und Spiele der Wirtschaft ein. Es sind Menschen, die hier in den Vordergrund rücken, die den Bodenkontakt verloren und jegliche Grenzen überschritten haben. Die ethischen und gesellschaftlichen Grundsätze gelten nicht für diese Charaktere. Jegliche Moral wird hier außer Kraft gesetzt. Was sind das für Menschen, die mit riesigen Geldsummen jonglieren? Menschen, die meinen Macht zu besitzen und diese in allen Facetten missbrauchen.  André und Eva arbeiten für eine Unternehmensberatung und alles scheint ihnen möglich zu sein. Liebe und Leben werden nach Business-Modellen ausgerichtet. In der Welt ihres Hardcore-Kapitalismus ist alles auf Nutzenmaximierung ausgerichtet. Sie leben und handeln immer mit dem Gedanken an die Gewinnmaximierung. Auch im Privaten. Liebe ist nur ein Begriff und die Beziehungen und die Ehe sind Modelle der sexuellen Grundversorgung. Die Figuren handeln kühl, berechnend und immer nur mit dem eigenen Vorteil im Blick. Politisches und sozial korrektes Handeln verdrängen sie immer mehr. Ein triefend böser Roman, der in sich eine Spannung aufbaut, die eine überspitzte, aber leider wohl auch realistische Welt aufzeigt.

Ute Cohen verdanken wir die unvergessliche Einsicht, die uns Schmerzen bereitet, sprachlos und betroffen macht. Es ist eine Herausforderung, es zu lesen. Aber es sind wichtige Romane einer wichtigen Stimme. Wir können unsere dunkelsten Seiten der Gesellschaft nicht ausblenden, wollen wir sie verstehen. Wir müssen es sehen, um es zu verändern. Somit lohnt es sich sehr, die kraftvollen, persönlichen und sehr poetischen Werke von Ute Cohen zu lesen. Bücher als Aufforderung zum Hinsehen und nicht mehr zu schweigen.

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Anna Schapiro: „Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind“

Eine Spurensuche die ganz genau nachspürt und uns zeigt, wie sehr uns das Erzählte prägt. Ein autobiographisch gefärbter Debütroman über eine jüdische Familie und über das Erfüllen der Begriffe von Heimat und Ankommen. Der Roman ist ein sprachliches Fest und beinhaltet eine poetische, sinnliche, langwierige und Grenzen überschreitende Suche. Alles, was uns im Leben prägt und den Verstand und die Emotionen füllt, erwächst in Geschichten. Wie eine Zwiebelhaut überlagert das Erzählte das vorherige Gehörte und das, was im Kern in uns schlummert und zart wächst. Erzählungen, die uns kleiden und uns unsere Identität schenken. Wie Kleidung, die schützt, wärmt und abgelegt werden kann. Doch was ist denn dann das Innerste? Dieser Frage geht die Autorin nach und kleidet das Gehörte in eine malerische Sprache.

Anna, die Autorin und das erzählende Ich, besucht die nahe und ferne Verwandtschaft, Freunde und Wegbegleiter und zeichnet diese Gespräche mit einem Aufnahmegerät auf. Diese Tonaufnahmen überträgt sie in ihre Literatur. Das wechselnde Umfeld und der jeweils persönliche Klang weben eine Flickendecke, die jeweils ein einzelnes Bild beschreibt, aber im Zusammenhang ein verbundenes Familienstück präsentiert. Die Befragungen, die in einer Selbstreflektion münden, verschlagen die Suchende an mehrere Orte.

Anna Schapiro verbrachte ihre Kindheit in Moskau. 1992 wanderte ihre Familie als jüdische Flüchtlinge nach Deutschland aus. Später wurde sie an der Hochschule für Bildende Künste Dresden aufgenommen und sie ist seitdem eine bildende Künstlerin und Publizistin. Sie beschäftigt sich als Künstlerin, Autorin und als Herausgeberin mit Positionen der jüdischen Gegenwart.

Ihr Debütroman trägt nun den Titel „Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind“ und zeigt durch diesen ironischen Ausspruch bereits die Diskrepanz zwischen Flucht, Ankommen, Gastfreundlichkeit und Abweisung. Viele Themen, Erlebnisse und Emotionen werden in dem Roman durch die Stimmen aufgegriffen, angedeutet und behandelt. Es ist immer die Erfahrung der Ausgrenzung und Migration. Die Sprache des Romans zeigt aber auch die Sprachlosigkeit, die Mehrsprachigkeit der Kulturen und ihre individuellen Lebensansätze. Viele haben nicht aufgehört trotz der dramatischen Vergangenheit das Schicksal an- und auszulachen. Durch den Wohnort der Autorin und das erzählende und sammelnde Ich kommt immer die Schwierigkeit mit dem Verhältnis  der deutsch-jüdischen Vergangenheit und Gegenwart zur Sprache. Die Geschichte hat nie geendet und das Erlebte prägt uns bis heute und darf niemals ungehört werden. Alles beginnt auf der Beerdigung der Großmutter und Anna möchte endlich das Unerzählte hören. Sie reist nach New York, Boston, Arad und Haifa und sitzt in fremden Wohnzimmern oder Küchen und verwandelt das vorerst Fremde zu ihrer eigenen Geschichte. Die Erzählungen tragen dazu bei, eine große Sicht zu erhalten. Es sind Stimmen über das Leben, das Überleben und das Weiterleben.

Dieses Buch ist im Kern die Suche nach einer jüdischen Familiengeschichte und doch wird daraus mehr. Durch das Eintauchen in die jeweiligen Alltagssituationen auf der Reise tauchen wir in eine Gegenwart ein, die dann durch das Anvertraute die damaligen Schrecken offenlegt. Diese Suche nach den Bausteinen der Familie sind Wege aus und in die Menschlichkeit. Menschsein bedeutet viele Seiten des Grauens und der Schönheit. Die Grenzen gehen dabei durch Länder und durch uns selbst. Doch können wir anhand von Literatur uns immer mehr verstehen, verbinden und Obhut schenken.

Ein Debütroman, der sofort zu begeistern versteht und sich dann anhand der Berichte weiter aufbaut. Somit wechselt der Sprachklang mit Raum und Zeit. Viele Motive sind dabei nicht neu, werden aber ganz anders angegangen. Durch das aufgesuchte Alltägliche kommt eine Leichtigkeit hinzu. Die Wandelbarkeit wird durch die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlicht, die auch andere Sichtweisen auf vorherige Charakterisierungen zulassen. Am Ende steht der Kern jener angezogenen Schichten der Erzählungen und fragt lyrisch nach dem eigenen Ich. Es ist der Weg einer Suche zum Standpunkt im Leben.

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Mirko Bonné: „Kanzlerkino“

Eine gläserne Zeitreise, die uns in Privates, Politisches und in die Räume dazwischen einlädt. Alles wird gläsern durch die Architektur und das Miteinander und durch das Offensichtliche wird wiederum viel überschattet und das, was im Verborgenen schlummert, treibt die Handlung an. Mirko Bonné siedelt seinen Roman in den Umbruchzeiten der Wiedervereinigung an und spielt räumlich mit dem Übergang von der Bonner zur Berliner Hauptstadt. Alles dreht sich um den Bundeskanzler und seine Ehefrau. Doch sind dies literarische Figuren, die mit den damaligen nur bedingt etwas gemeinsam haben. Der Kanzler ist ein Freund von Kinofilmen und Bonné lässt den Roman cineastisch wirken und sich szenisch aufbauen. Eine Inszenierung, die durch die Kulisse, Statisten und Hauptfiguren weite Schatten aus der Literatur in die Realität wirft. Denn die Vergangenheit hat nie aufgehört.

Die Romane von Mirko Bonné sind stets ein Refugium, in dem man länger verweilen möchte. Er verwebt Historisches in seine Geschichten und verweist dabei stets auf die Gegenwart. Seine Werke beginnen meist leise, um dann aufzubrausen und Brücken aufzubauen, die uns, die Zeiten und die Ereignisse verbinden. In „Kanzlerkino“ tauchen Menschen auf, die reale Namen tragen, aber auch verwandelte Persönlichkeiten, die doch auch erkennbare Vorbilder haben. Auch das Kanzlerehepaar, das wir alle erlebt haben und die sich im Lauf der Zeit in unserem Blick immer wieder verwandelt haben. So auch die literarischen Charaktere, die hier als Ehepaar Breugel die Szenerie betreten.

Bonné setzt bewusst diese Zeit ein, um auch eine Kommunikation und Berichterstattung zu verwenden, die noch selbst Zeit in Anspruch nahm. Es gab keine sofortigen Reaktionen, denn die Korrespondenz erfolgte persönlich oder in Briefform. Trotz des Wandels bleiben auch einige Charaktere in ihrer Rolle als Stasibeobachter hängen und beschatten weiter, um dann selbst zum Beobachtungsobjekt zu werden. Ob schattige oder lichtvolle Figuren, sie ergreifen uns auf ihre Weise jeweils ganz besonders.

Bernd Vomturm ist Glasspezialist und macht durch sein Wissen Karriere und darf im Umfeld der Bonner Politik aufsteigen. Er stammt aus der DDR und ist, wie sein Vater, als Architekt tätig. Er ist ein Lebemann und Tausendsassa. Er schreibt seinem damaligen Freund, Lutz Reinmar, der durch diese Schreiben angestoßen und abgestoßen wird. Der letzte Kontakt ist lange her und warum meldet sich Vomturm plötzlich und hatte er nicht damals auch Kontakt zu seiner Frau? Reinmar war damals im Überwachungsstaat unter anderen auf den Freund angesetzt. Vomturm ist für die Glasfassaden des Kanzlerbungalows verantwortlich und soll beim Umzug nach und Umbau in Berlin mitwirken. Dabei erhält er Einblicke in das Umfeld der Politik und in das Private des Kanzlerehepaars. Die Kanzlergattin wünscht sich eine alte, d.h. jüngere Version ihres Mannes zurück und leidet an einem gesundheitlichen Problem, denn sie benötigt stets mehr Licht. Somit wächst die ganze Handlung und es strahlt immer mehr Licht, das wiederum Schatten von Ost nach West erzeugt. Mirko Bonné spielt und verdreht Damaliges, um daraus seine Geschichte zu machen. Aus gesundheitlichen Gründen mehr Licht zu benötigen und nicht, wie beim Vorbild, lichtvermeidend zu leben, erzeugt ein simples, aber ein großartiges Bild. Der ganze Roman liest sich anfänglich aus einer distanzierten Neugier, die dann wächst und uns immer mehr Teil des Ganzen werden lässt.

Dieser Roman öffnet viele Fenster und belebt eine Zeit, die wohl viele miterlebt haben und schafft einen Durchzug, der bis zu uns lüftet. Die politische Kulisse ist keine belehrende, keine missmutige, sondern ein Versuch, die Brüche und die Räume dazwischen literarisch zu erfassen. Mit Hingabe, Humor und Raffinesse wird hier ein Kinosaal belebt, der aus Schauspielern und wahren Persönlichkeiten gefüllt wird. Dabei verwebt die Handlung Historisches und fast schon Kriminalistisches mit einem Ensemble, das uns berührt. Bonné liebt es erneut, mit Licht und Schatten zu spielen. Wunderlich ist lediglich, warum dieser Buchschatz es nicht zur Bewertung zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Denn er vereint doch irgendwie alles, die Literatur, die Geschichte und das menschliche Miteinander.

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Salih Jamal: „Suki“

Ein Roman, der zeigt, wie wichtig Nähe und Verlässlichkeit sind. Der neue Roman von Salih Jamal spielt erneut mit Zwischenmenschlichkeit und schöpft sein Ideenreichtum aus dem Beobachten, dem Zeitgeschehen und den Inspirationen der Literatur. Es ist die Geschichte von Suki, die immer im Dazwischen wandelt, wie der junge Parzival, der nicht nur dem Namen nach stets mitten hindurch preschte. Denn „Suki“ ist eine Weihnachtsgeschichte, eine Liebesgeschichte, die es nur nicht wirklich weiß und beinhaltet wie bei dem Parzival eine Suche. Das Ergebnis ist das Mitgefühl und die Gabe, für jemanden da zu sein und zu bleiben.

Salih Jamal verbirgt in seinem Werk oft Anspielungen auf die Werke der Weltliteratur. „Suki“ ist trotz der Fülle ein leichter Roman, der auch für junge Leser geschrieben wurde und sich besonders als Schullektüre eignet. Der Roman erzeugt einen Raum der Stille, denn es geht um Pausen im Lärm der Zeit und er gibt keine Antworten, denn diese liegen stets in uns. Der Name Suki stammt aus dem Japanischen und bedeutet mögen, gern- oder liebhaben. Auch die Aussprache, wie es am Ende des Buches erklärt wird, beinhaltet einen nichtmitgesprochenen Buchstaben, der nur angehaucht wird. So ist auch die ganze einfühlsame Lektüre zu verstehen.

Die sechszehnjährige Suki wächst bei ihrer Großmutter in Berlin auf. Ihr Vater ist nach dem kurzen Flirt wieder nach Japan verschwunden und die Mutter hat daraufhin ein neues Leben mit einer anderen Familie begonnen. Suki spielt somit im Leben ihrer Eltern keine große Rolle und hat eine enorme Sehnsucht nach Nähe und Bindung, doch fürchtet sie sich gleichermaßen davor. Die Verlustangst und das fehlende Vertrauen steigern sich im Schultag durch die Klassendisharmonien und die Weltkrisen. Sie sucht eine innere Wärme, die sie durch den Konsum von Zucker zu überbrücken versucht. In der Schule hat sie eine Freundin, die ebenfalls eher am Rande der Gruppendynamik steht. Den Halt kann Suki lediglich bei ihrer Oma finden, die versucht für sie ein Heim zu schaffen. Doch die Räumlichkeiten sind drinnen wie draußen immer durch etwas Künstliches geprägt. Neonlicht wirft seine Schatten auf die winterliche Großstadt. Die Handlung ereignet sich an wenigen Tagen um Weihnachten und Neujahr.

Die verletzliche und trotzige Suki fällt in der Schule durch ihren persönlichen Zwischenruf zu Kafkas „Die Verwandlung“ auf. Ihre Lehrerin Anna Fischer wirkt ebenfalls in ihrer Lebenssituation verloren und kann in Suki etwas erkennen. Sie empfindet sich auch nicht als Mensch, die retten möchte oder kann, aber sie kann da sein. Durch einen Unfall stoßen beide zusammen und Frau Fischer bringt Suki in die Klinik. Doch es ist nichts, was wenige Stiche nicht beheben können und doch hat dieser Wendepunkt die beiden Frauen zueinander geführt. Frust und Unverständnis führen zu einer Emotionsverwirrung, deren Entladung sich in einem spontanen Steinwurf zeigt. Suki beobachtet ihre Lehrerin auf dem Friedhof und möchte verstehen, was in ihr vorgeht. Doch ist es wiederum die Lehrerin, die fragt: „Was fehlt Dir?“. Es entsteht zwischen den beiden eine Zerbrechlichkeit und Nähe. Beide erfahren, wie wichtig es ist, dass jemand bleibt.

Somit ist Suki eine moderne Parzivalgeschichte, die den Fischerkönig (Anna Fischer), die Bluttropfenszene und die Gralsfrage beinhaltet. Doch ist es nicht ganz so pathetisch und ritterlich, denn die Rettung und das Finden ist immer ein leichter Weg, den wir leider oft nur übersehen. Die Trauer, die in den Figuren ist, wird erfahrbar, hat aber nicht immer ein erklärendes Warum anzubieten. Somit liegt das Erkennen, die innere Umwandlung der Kälte in der Mitmenschlichkeit. Die Empathie und die Wahrnehmung sind genug, um das Gegenüber zu erfassen, doch bedarf es Geduld und Standhaftigkeit, um auch die Bindungen zu halten. Gerade in der Gegenwart sind somit solche Texte von Bedeutung und können, besonders für jüngere Lesende, eine große Bereicherung sein. Der Mangel an wahren Begegnungen ist das Fundament unserer Vereinsamung und ein einfaches Händehalten oder Bleiben ist oft bereits genug. Das was in der Handlung passiert, geschieht oft im Leisen, im Ungesagten und Unsichtbaren. Dennoch ist der Bilderreichtum groß und es gibt vieles in diesem Märchenbrunnen zu finden.

Salih Jamal hat erneut einen Roman geschrieben, der durch seine Bildkraft wirkt. Seine Themen sind zeitlos und hochaktuell. Trotz des Blicks in die Gegenwart und in das Zeitgeschehen, verbindet Jamal seine Betrachtungen mit alten klassischen Werken, wie bei Suki mit Wolfram von Eschenbach, Franz Kafka oder Erich Kästner.

Danke, daß ich Wegbegleiter des Romans sein durfte und ebenfalls erneut auf der Rückseite zitiert werde. 

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