Andreas Fischer: „Böll kam nicht bis Troisdorf“

Diese Erzählung ist ein Potpourri an Erlebnissen auf dem Weg zum Erwachsenwerden und ist geprägt durch den Drang des Schreibens. Es ist ein autofiktionaler Text, der aus der Ich-Perspektive erzählt ist. Das gibt dem Erzählten sehr viel Kraft. Wie im Buch der Charakter Salzgraf sagt, gibt es nichts Spannenderes als einem Menschen zu lauschen, der offen und ehrlich von sich selbst spricht. Wenn das erzählende Ich sich öffnet und seine Gefühle zulässt und wir uns ebenfalls dem Text gegenüber öffnen, verbinden sich dadurch Welten. Diese Erzählung verbindet ferner sehr viel Humor mit Reflektionen und gewährt einen Einblick in damalige Zeiten und in die Welt der Schreibenden. Der Inhalt und der Sprachklang sind geprägt durch einen herrlichen melancholischen Witz.

Die Behauptung des Titels, so räumt der Autor später ein, ist wohl nicht ganz richtig, zeigt aber dennoch eine Sehnsucht nach Sichtbarkeit. Denn Andreas, ein junger Mann, möchte Schriftsteller werden und sucht einen Mentor. Zu seiner Zeit fällt ihm die Wahl nicht schwer, wen er gerne dazu bestimmt hätte. Heinrich Böll prägt die Literaturwelt und wohnt nur wenige Fahrminuten von Andreas entfernt. Überzeugt auf Wohlwollen zu treffen, muss er nur wenig Mut aufbringen und sendet einen Brief mit einer frisch verfassten Kurzgeschichte ab. Er schreibt über den Verlag mit der Bitte um Weiterleitung und erhält lediglich nach einiger Zeit eine Schmuckausgabe von Bölls Werken. Diese verschmäht Andreas nun lange, bis er sie sogar irgendwann nach einem Umzug entsorgt. Das Geschenk vom Verlag ist mit keinerlei Antwort oder Begleitschreiben versehen und die Enttäuschung gärt in Andreas, der aber nicht aufgibt, an sich zu glauben. Er schreibt weiter und besucht ein Autorenkollektiv und nimmt an einem Schreibkurs bei Frieder Salzgraf teil. Der Schriftsteller Salzgraf ist gerade nach Troisdorf gezogen und mit Böll bekannt. Somit schließt sich zumindest ein ganz kleiner Kreis. Andreas und Salzgraf werden Freunde, jedoch kann Andreas bei Salzgraf ein verstörendes Verhalten beobachten und es entfaltet sich ein persönliches Drama.

Andreas, der nun in diesen Erinnerungen gräbt, verarbeitet das Damalige, während er es literarisch fixiert. Es ist das Jahr 2025 in Troisdorf und er ist 64 Jahre alt. Seine Kapitel fädeln sich nun ab 1967 auf einem Zeitstrahl auf und wir verfolgen ihn beim Erlernen des Alphabets bis zur Weitergabe des Erlernten und dem wachsenden Drang, Geschichten zu verfassen. Dabei streift er die damalige Medienwelt.

Diese autofiktionale Erzählung verbindet ganz Persönliches mit den Ereignissen und Stimmungen der 1980er Jahre. Es sind die Träume und die Wirklichkeiten eines jungen Mannes, der Schriftsteller werden möchte und wird. Es geht um Freundschaften und Liebe. Ein sehr einfühlsamer und humorvoller Text, der viel Vergnügen bereitet.

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Amélie Nothomb: „Die unmögliche Rückkehr“

Amélie Nothomb kreist stets um ihren Ursprung, der für sie in der Ferne liegt. Es ist eine Heimat, die weggedriftet ist. Jeder Ortswechsel ist stets mit einer Verwirrung verbunden und dieses Gefühl der Deplatzierung ist ihr wohlvertraut. Diesem Gefühl spürt und reist sie nach. „Die unmögliche Rückkehr“ ist somit kein wirklicher Roman, sondern ein Reisebericht der besonderen Art. Sie versucht anzuknüpfen und diese Rückkehr wird für sie zu einem Rausch. Die Erinnerung und die Wieder- oder Neuerkundung stellen die Frage, ob eine Rückkehr überhaupt möglich ist. Sie schlüpft in ihr junges Ich und schaut mit ihren erwachsenen und belebten Augen auf das Land der aufgehenden Sonne. Sie entdeckt das Land wieder und mit einem ganz anderen Blick.

Als belgische Diplomatentochter wurde sie 1967 in Kobe geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Japan und Fernost. Als Studentin war sie ebenfalls länger in Japan, um später ihre Lieblingsstadt Paris zu entdecken. Ihre Romane werden weltweit gefeiert und sie hat diverse Preise erhalten. Gegenwärtig lebt sie in Brüssel und Paris. Japan ist in ihr ein ständiger und literarischer Sehnsuchtsort. Doch seit ihrer Kindheit und den vielen Umsiedelungen durch die Tätigkeit der Eltern hat sie sich eine Sesshaftigkeit gewünscht und sich auferlegt. Reisen mag sie nicht besonders, schon gar nicht zum reinen Vergnügen. Eine gute Freundin hat gerade einen Bildband veröffentlicht und dadurch zwei Flugtickets gewonnen. Der Zielort darf selbst bestimmt werden. Pep möchte nach Japan und Amélie soll mit, als Freundin, als Reisebegleitung und als landeserfahrene Führerin. Ein Unbehagen macht sich in Amélie breit und die Pandemie verzögert das Vorhaben, das dann aber doch letztendlich gelingt, zu unserer aller Glück. Denn bereits als der Flug in den Sinkflug geht und die Landmasse ersichtlich wird, freut sich Amélie. Sie war lange nicht mehr hier und ihre Wahrnehmung hat sich verändert. Sie erlebt alles neu und nimmt uns mit ihrem Text mit. Eine Reise, die zu einer ganz persönlichen wird und uns regelrecht an die Hand nimmt, mitreißt und begeistert. Dabei wird alles zu einem Abenteuer, das uns das Fremde, das Schöne und das Tiefgründige zeigt und es ist stets mit viel Hingabe und Humor geschrieben. Pep, die zum ersten Mal in Japan ist, nimmt neben der Japankennerin unsere Rolle ein, die das Land, die Städte und die Kulturen zum ersten Mal erlebt. Wir staunen, wir geraten ins Wundern und möchten selber sehen und schmecken. Denn die beiden Frauen testen und essen Länderspezifisches, sehen sich Sehenswürdigkeiten an und taumeln durch die belebte und erlebte Kultur. Amélie kennt den Sprachgebrauch und muss ihre Freundin, für die sie übersetzt oder dolmetscht, oft bremsen und stets in die jeweilige Gebräuchlichkeit umdenken.

Ein wunderbares Buch. Dieser literarische Reisebericht weckt eine enorme Sehnsucht, Japan selbst zu erleben. Die Verwebung von Selbstreflexion und Reisen geben dem Buch eine Tiefe und der besondere Blick, der oft Humor besitzt, erzeugt trotz der Kürze des Textes eine längere Verweildauer. Aus dem Französischen wurde das Werk von Brigitte Große übersetzt.

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Malin Thunberg Schunke: „Tödliche Felder“

In den Romanen von Malin Thunberg Schunke ist das zentrale Organ Eurojust. Dies ist eine Behörde der Europäischen Union für justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen mit Sitz in Den Haag. Hier werden grenzüberschreitende Strafverfolgungen koordiniert. Die Autorin führt somit die  Grundidee von Arne Dahl weiter und hat eine Krimireihe geschrieben, die an die Filmserie „Crossing Lines“ erinnert. „Tödliche Felder“ ist der zweite Band, kann aber gut ohne Vorkenntnisse des ersten Falls gelesen werden. Wenn es Überschneidungen oder Fortführungen gibt, werden diese nebenbei verständlich eingearbeitet.

Malin Thunberg Schunke weiß, worüber sie schreibt. Die Autorin ist Privatdozentin für Strafrecht und hat als Staatsanwältin gearbeitet. Sie wurde in Schweden geboren, lebt jetzt mit ihrer Familie in Hannover und auf Sardinien. Sie hat mehrere juristische Fachbücher geschrieben und 2019 ihren Debütroman „Ein höheres Ziel“, den ersten Fall um Eurojust, veröffentlicht. Die Besonderheiten sind dabei die unterschiedlichen Rechtsstaaten. In den Büchern werden Missstände, Unmenschlichkeiten, Korruptionen und Ungerechtigkeiten aufgedeckt. Die Charaktere stammen aus unterschiedlichen Ländern und auch die Handlungsorte sind europäisch verstreut.  „Tödliche Felder“ spielt vorrangig in Italien und deckt die Machenschaften der industriellen Landwirtschaft, die Arbeitsbedingungen und das darin verwobene Netzwerk des Organisierten Verbrechens auf. Besonders in den Fokus rückt dabei das italienische rote Gold, die Tomatenernte. Doch wird hier tief gegraben und es kommen noch weitere Sümpfe des Verbrechens ans Tageslicht. Durch die kürzeren und in den Perspektiven wechselnden Kapitel baut sich die Handlung sehr bildreich auf und anhand der wachsenden Charaktere wird der Spannungsbogen aufrechterhalten, wenn nicht sogar kontinuierlich gesteigert. Aus dem Schwedischen wurde der Roman von Stefanie Werner übersetzt und herausgegeben von Jürgen Ruckh.

Ein internationales Ermittlungsteam wird unter der Leitung von Fabia Moretti und Esther Edh gegründet, weil Saisonarbeiter aus Polen und Rumänien in der Nähe von Neapel verschwunden sind. Die Anfragen der betroffenen Länder in Italien blieben bisher unbeantwortet und Eurojust versucht einzugreifen. Einige aus dem Team finden den Aufwand übertrieben und verstehen nicht, warum sie als größer angelegte Behörde überhaupt agieren sollten. Was einige nicht ahnen,  Italien hat eine Spur verfolgt, die jenen Hof „Ecolofruit“ einbindet, auf dem die Verschwundenen tätig waren. Ein Oberhaupt der Mafia, das in vielen wirtschaftlichen Bereichen einwirkt, aber dem bisher nichts Belastendes bewiesen werden konnte, finanziert genau jenen Hof. Der Polizist Corrado Sanna schleust einen jungen Polizisten undercover auf den Hof ein. Da dieser Polizist sehr unerfahren und die Aktion sehr gefährlich ist, trifft diese Entscheidung nicht überall auf Befürwortung. Tommaso, der verdeckte Ermittler, trifft auf unmenschliche Arbeitsbedingungen während der Tomatenernte. Auf dem Hof herrscht ein ängstliches Schweigen, dennoch kann Tommaso einiges wahrnehmen, leider nicht genug und er trifft falsche Entscheidungen und missachtet manche Vorgaben auf allen Seiten und ein spannendes Spiel innerhalb des ländlichen Verbrechersyndikats beginnt.

In einem Dorf ganz in der Nähe lebt derweil eine Mutter, die ihren sehr jungen Sohn jede Nacht losschickt, um einem Mann, der in einer Baracke festgehalten wird, Essen zu bringen. Er soll mit dem, wie ihm erzählt wird, Verbrecher nicht sprechen, doch dieser spricht zu ihm und alles verstrickt sich und hat weitere Folgen, die sich mit dem ganzen Fall verbinden.

In Stockholm bahnt sich ebenfalls eine Krise an. Diesmal beginnt diese im privaten Umfeld von Esther Edh, die eine unharmonische Beziehung zu einem Mann pflegt, der seine eigenen und düsteren Pläne schmiedet. Auch innerhalb von Eurojust kommt es zu Unstimmigkeiten bezüglich der Vorgehensweise zum Fall in Italien und zum vorherigen, der nun Klagen nach sich ziehen könnte.

Ein Kriminalroman, der mehr mit Wahrheiten spielt und das Idyllische eines skandinavischen Romans gänzlich außen vor lässt. Dennoch die länderspezifischen Gewohnheiten, Kulturen und sogar die Kulinarik einbindet. Das Unheimliche dieser Serie ist das Authentische und das Grauen macht hier enorm viel Spaß. Eine Krimireihe, die begeistert.

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Dana Polz: „Die absonderliche Besessenheit des Fräulein Grisell“

Eine Novelle, die sofort eine Stimmung erzeugt, die an klassische, aber auch moderne Gruselerzählungen erinnert. Ein Spiel zwischen Käufer und Verkäufer, Dieb und Gaunerin, Noblesse und Armut. Die Novelle bezieht sich auf Gustav Meyrink, dessen Wohnsitz hier Raum gibt und sich die phantastische Welt hieraus Raum bricht. Die Verbindung zu den Klassikern der Gothic Novel und der phantastischen Literatur ist gegeben. Ferner die Offenlegung des Spießbürgertums und die daraus erwachsende Surrealität. Doch erzeugt Dana Polz etwas Eigenes und erzählt mit einem umgangssprachlichen Sprachklang ihre Geschichte, die dialoglastig geschrieben ist. Der Text übt eine Faszination aus, lässt uns gruseln und sogar schmunzeln. Vorrangig geht es bei der kleinen und einfachen Geschichte um den Ausgleich von Ordnungen.

Der Juwelier Severin Bukolic mag die Menschen nicht sehr. Er mag sie als Objekt, als Träger seiner Kunstwerke. Hierbei liegt seine wahre Bestimmung, das Erkennen, wen was kleidet. Kunden, die sich etwas selbst aussuchen, werden bei ihm oft enttäuscht, denn er verkauft nur etwas, was er passend für die Person auserwählt hat. Es muss für Ihn stimmig sein und sobald dies in Schräglage mit der Vision des Charakters und der echten Persönlichkeit gerät, verkauft er lieber nichts. Seine Angestellten wissen von seiner Besessenheit. Doch eines Tages betritt das Fräulein Grisell sein Atelier und bewundert seine Werke in der Amethysten-Auslage. Dieser Stein ist fordernd, eigenwillig, schonungslos und passt nicht zu dem Erscheinungsbild von Grisell. Daher verkauft er ihr nichts, wobei sie alles haben will. Als er etwas anderes zeigen möchte und kurz abgelenkt ist, ist sie mit dem Schmuck verschwunden, hat aber Geldbündel liegen gelassen. Severin empfindet es, trotz der eigentümlichen Bezahlung, als Diebstahl und mit der Hilfe eines Detektivs gaunert er sich den Schmuck zurück. Der Bestohlene wird ein Dieb und ein Kreis schließt sich aus immer mysteriöseren Erlebnissen.

Severin, der sich krebskrank empfindet, hat eigentlich nichts mehr zu befürchten, doch der wuchernde Kern ist einer ganz anderen Natur und diese findet er erst durch weitere Begegnungen mit Grisell und ihrem merkwürdigen Umfeld, in dem auch Tote zu sprechen scheinen. Der Schmuck wandert zwischen den Beiden und das Strahlen der Edelsteine verändert die jeweilige Sicht und wer letztendlich wen beklaut, gerettet oder sich mit Schuld beladen hat, bleibt im Spektrum der Erscheinungen.  

Eine kurzweilige und unterhaltsame Novelle, die trotz der umgangssprachlichen Dialoge viel Charme besitzt.  

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Devika Rege: „Die rastlosen Jahre“

Der Roman besteht aus der Architektur des Lebens. Eine universelle Architektur, die anhand der Figuren einen gegenwärtigen Blick zwischen Ost und West wirft und in seiner Struktur, seiner Aussage und der Handlung als wichtiger Baustein der Gegenwartsliteratur gelesen gehört. Dieser Roman verbindet Wissen mit Emotion, Sachlichkeit mit Leben und Kunst mit dem scheinheiligen Wesen der Jetztzeit. Der Roman ist voll von Geschichten, Ideen und politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und Brüchen, dass wir in einen regelrechten Lesestrudel gerissen werden.

Devika Rege entwirft ein Panorama des modernen Indiens. Es sind anfänglich drei Erzählstimmen, zu denen sich weitere hinzugesellen. Am Ende spricht das Fragezeichen, das die Stimme der Autorin zu kaschieren versucht. Devika Rege wurde in Pune, Indien, geboren und lebt dort. Sie studierte an der University of Mumbai und absolvierte den Iowa Writers’ Workshop. „Quarterlife“, so der Originaltitel, ist ihr Debütroman. Aus dem Englischen wurde das Werk von Barbara und Stefan Weidle übersetzt.

Die Handlung ist weitgefächert und die Ideen sprudeln geradezu aus den Seiten heraus. Ein Werk, zu dem der Vergleich zu „Der menschliche Makel“ von Philip Roth gleichberechtigt neben der Bhagavad Gita genannt werden könnte. Viele Welten vereinen sich und zeigen die Strömungen und Lebenswege, die in Indien, aber auch in die ganze Welt greifen. Ein Werk, das herausfordert, begeistert und uns fühlen und lernen lässt. Eine großartige Auseinandersetzung mit Kultur, Politik und der Gesellschaft unserer Zeit.

Es sind Naren, Amanda und Rohit die dem Anfang ihre Stimme geben. Mit einem Unbehagen beginnt das Werk und transformiert sich bis zum Loslassen. Dabei tauchen wir tief ein in Amandas Weg zu sich selbst, Narens Weg zur Freiheit und Rohits Weg zur Identität. Alle drei sind in einer globalen Welt aufgewachsen, doch die internationalen Versprechen werden brüchig. Ihre Freundschaft, Begehren und Zugehörigkeiten bringen sie zueinander und voneinander weg. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegensätze werden durch die Charaktere sehr verdeutlicht. Die Polarisierungen verunsichern und verhärten sich zugleich.

Naren und Amanda sind zusammen in Indien eingetroffen und treffen auf Rohit, Narens Bruder, der in Mumbai lebt. Naren war mehrere Jahre an der Wall Street tätig. Jetzt kehrt er zu seiner Familie zurück. Amanda, eine Amerikanerin, bekommt ein Stipendium und arbeitet für eine NGO in einem Slum. Rohit gerät immer mehr in den erstarkenden Hindu-Nationalismus, der die Kultur, Wirtschaft und das Land enorm prägt. Amandas Vergangenheit und ihr Weg nach Indien öffnen ihr eine neue Weltsicht und alle drei wollen ihren Platz im Leben und in der Welt finden. Rohit macht sich auf eine Reise zu den Wurzeln und will cineastisch das Gesehene und Erlebte sichtbar machen. Auch Amanda hält ihre Erlebnisse fest. Naren hat eine profitable Stelle als Unternehmensberater bekommen und seine Machenschaften greifen in höhere Kreise der Politik und Wirtschaft ein. Es entsteht eine große Momentaufnahme zwischen den Extremen. Mit dem Kapitel „Stillstand“ geht eigentlich das Gegenteil in den Roman ein und weitere Stimmen vermehren die Ebenen. Ein Wirbel aus Ereignissen und Eindrücken wirkt auf die Handlung und Figuren ein und es steigert sich immer mehr und in einer Festnacht eskaliert es.

Ein kolossaler Roman, der als Debütroman in den Kanon der Weltliteratur wandert und einen großen Eindruck hinterlässt. Dieses Spiel aus Konflikten der Gegenwart zeigt, das jegliches Handeln oder Einwirken stets politisch ist und sich auf die Kultur und Gesellschaft ausdehnt. Das Buch ist ein literarisches Füllhorn. Sehr lesenswert.

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Bela Chekurishvili: „Margo ist fort“

Diese Lyriksammlung von Bela Chekurishvili verankert sich, löst sich und blickt dann zurück. Gleich den zwei Raben aus der Mythologie. Einer sitzt der Erzählstimme auf der Schulter und schaut in das gegenwärtige Umfeld und einer ist fortgeflogen. Beide berichten, was sie sehen. Bela Chekurishvili ist ebenfalls fortgegangen und in ihren Betrachtungen, Gedanken und Emotionen wandert sie zwischen den Welten. Sie bemisst den Abstand inmitten der verlassenen Heimat und dem gewählten Exil.

Bela Chekurishvili wurde 1974 in Georgien geboren. Sie studierte georgische Philologie an der Universität Tbilissi und Germanistik und Komparatistik an der Universität Bonn. Sie war langjährig als Kulturjournalistin sowie als Lehrerin tätig. Sie lebt als freischaffende Autorin und Übersetzerin in Berlin und Köln.

Ihre Gedichte sind sehr bodenständig und erzählen poetische Geschichten. Diese wurden von Norbert Hummelt übersetzt. Wobei eine lyrische Übersetzung mehr eine Nachdichtung ist. Die Texte zeigen uns die Bedeutung des Gedichts. Die Wirkungskraft des Wortes. Das aufgeschriebene Wort vermehrt sich durch das Druckmedium und wird zu einem gehörten Klangraum und die Bedeutung variiert und vervielfältigt sich. Die Tinte gibt dem Gesagten Unsterblichkeit und das Wort vergeistigt sich und wird wie Wein genossen, der ebenfalls durch die Anbauregion und die Quelle das Wesen des Umfeldes transportiert und von uns inhaliert werden kann. Ein Gedicht muss kein verkopftes Werk sein, kein Grabspruch, sondern einfach durch Klang, Reim und Inhalt uns berühren.

Ein Federkiel verwandelt Hymnen zu etwas Althergebrachtem und erneut rennt zum Beispiel Lola durch Berlin und im Finale bleibt die Frage nach der wahren Liebe. Ein Stoffbeutel erlangt große Bedeutung und die Gegenstände sind es, die unsere Erinnerungen binden. Wir schauen in unbekannte Gesichter und lernen, dass wir nicht alle Hoffnung fahren lassen sollten. Immer wieder ist da auch die Angst.  Die Angst vor Verlust hat dabei mehr Gewicht als jene vor der Gewalt und die härteste Strafe entpuppt sich als jene, plötzlich ein Geheimnis alleine bewahren zu müssen. Neben den menschlichen Betrachtungen sind dann noch die aus dem Tierreich. Gedichte, die im Insektarium zusammengefasst sind.

Diese Gedichte sind leicht lesbar und verständlich. Lyrik ist die kürzeste Form, um ein Ganzes emotional mit Worten zu bekleiden, damit wir das Gesagte nachempfinden können. Ein Fortgang schützt nicht vor dem Verlassen und der Einsamkeit in der Gesellschaft. Diese Lyrik trotzt den alltäglich gewordenen Widrigkeiten und erzählt darüber, was es zu bewahren gilt.

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Ulrike Sabine Maier: „Hinter tausend Stäben“

Ein Roman, der vieles heraufbeschwört und zeigt, dass das Hervorgebrachte niemals wirklich geendet hat. Durch die vielschichtige Handlung, die bis in unsere Gegenwart greift, werden die Charaktere und die Geschichte sehr lebendig. Der Erzählstil ist zugänglich und die Erzählebene wechselt in den Zeiten, um aufzuzeigen, wie aktuell die damaligen Ereignisse heute noch oder wieder sind. Der Roman verarbeitet die reale Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, ihr liebloses Familienverständnis und ihren Kampf für die Freiheit. Der Titel stammt aus dem Gedicht „Der Panther“  von Rilke und bezieht sich auf die Handlung, denn es ist das hinter Gittern gefangene Tier, das die Freiheit nur durch die Stäbe erahnt und müde wird. Das Gefühl der Vereinsamung innerhalb der gesellschaftlichen Mauern und der Wunsch nach Freiheit des inneren Wesens sind die Hauptmerkmale des beschriebenen Frauenlebens in extremen Zeiten und Umständen.

Die Kinder von Luise haben bisher wenig von ihrer Mutter über die eigene Familie erfahren. Das ändert sich im Jahr 2016, als diese bei Luise Fotos finden und Luise sich auf die Spurensuche begibt, um endlich Antworten zu erhalten, warum sie eine lieblose Kindheit hatte. Sie versucht für ihre Kinder eine innere Versöhnung zu finden. Ihre Mutter, Inge, hat das Muttersein niemals erfüllen können und Luise bei Freunden, fernen Verwandten oder in Heimen aufwachsen lassen.

Inge wird streng erzogen und fürchtet sich vor den Gefühlsausbrüchen ihres Vaters. Eine innere Wut, die sich wie ein explodierendes Tier aus dem Innersten befreit, wütet und sich aber auch schnell wieder bezähmt. Dieses innere Tier wächst auch in ihr und mit ihrem Erwachsenwerden gewinnt diese innere Zerrissenheit immer mehr an Stärke, die sie aber lernt zu bändigen. Es sind die Jahre des wachsenden NS-Regimes und ein Unwohlsein, eine Unsicherheit und ein gegenseitiges Misstrauen breiten sich aus. Mit der Machtübernahme verändert sich das gesellschaftliche Miteinander und Inge ahnt den Schrecken, der sich immer mehr ausbreitet. Ihre erste große Liebe muss mit seiner jüdischen Familie auswandern und die Angst vor dem ausufernden Machtgefühl der Mitläufer wächst. Diese Angst vor dem Regime breitet sich in der Kunstszene aus, die Inge sehr schätzt. In der Kunst, besonders in der Musik, kann sie ihre Freiheit finden. Es ist gerade die Kunst, die sie bewundert, die verboten wird. Inge geht oft den Weg entgegen der gängigen Gewohnheiten und sie beginnt, Medizin zu studieren. Das entspricht nicht dem damaligen Frauenbild und sie muss sich überall behaupten. Ihre Verzweiflung und Wut wachsen mit dem Schrecken des NS-Regimes und dem beginnenden Krieg. Sie wird ungewollt schwanger und die Ehe mit dem Vater des Kindes hält nicht lange. Sie muß viel arbeiten und kann keine Verbindung zu der eigenen Tochter aufbauen. Während der Ausbildung lernt sie die perfiden Machenschaften der Medizin, Politik und Machthaber kennen. Sie findet Halt in der Musik und lernt die Pianistin Elly Ney kennen. Während die Angst vor der Gestapo immer greifbarer wird, freundet sie sich mit Alex Schmoerll an und unterstützt den Widerstand der Weißen Rose. Die inneren und äußeren Zustände der damaligen Zeit prägen Inge und ihre Tochter Luise. Die Geschichte hat nicht aufgehört.

Der Roman lässt uns die Dunkelheit der damaligen Zeit nachspüren und verbindet die Vergangenheit sehr gekonnt mit unserer Gegenwart. Die Figurenzeichnung ist sehr nahbar und wir verbinden uns zügig mit den Charakteren. Die Verletzlichkeit, die Sorgen, Ängste und die Wut werden regelrecht spürbar beschrieben.

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Isabella Breier: „Kosmo“

Literatur kann die ganze Welt sein und Kosmo ist der Ort, der Weltenraum, in dem wir versuchen unsere eigene Ordnung zu finden. Mit jeder Geschichte und jedem Erlebnis, ob erzählt, gelesen oder erlebt, wird unsere Erinnerung, unser Wissen erweitert und unsere Sicht überschrieben oder verändert. Wozu benötigen wir also eine wissensspeichernde und künstliche Intelligenz, wenn wir bewusstseinserweiternde, kunstvolle literarische Intelligenzen haben? „Kosmo“ ist eine Verneigung vor der Bedeutung unserer Wahrnehmung und Phantasie. Der Roman spielt und vermengt die literarischen Genres. Ein grotesker Bericht aus einem fiktiven griechischen Ort einer äußerst unzuverlässigen Erzählerin. Der vorliegende Text ist der geordnete Untersuchungsbericht, den die Erzählerin ihrem Kündigungsschreiben beifügt, und ist das Resümee ihrer Spezialreise.

Isabella Breier hat viel Freude am Formulieren und am Erzählen. Ihr Roman ist ein komplexer, kosmischer Spaß, der uns aber auch zu fordern versteht. Der Vergleich zu den Werken von Dietmar Dath drängt sich auf, denn die Weltenschöpfung und Durchdringung durch Sprache ist hierbei ähnlich. Sprachforschung und Erinnerungsbilder sind in beiden Werken der verwendete Kosmos. „Kosmo“ ist ein unterhaltsamer Leseritt durch Raum und Zeit und hat eine Struktur, die mit vielen Themen und Gedankenspielereien einen Nährboden an komplexen Besonderheiten darstellt. Literatur, die unsere gefühlte Weltsicht anregt, umschreibt oder erweitert. Das Buch wird zur Erinnerung und das, was im Roman Beständigkeit hat, ist jene Aussage: „Mit jeder Erinnerung einer Erinnerung ändert sich dieselbe zumindest ein bisschen“.

Unsere Kopfwelt und der Gefühlshaushalt sind jeweils ein flüchtiges Konstrukt. Diese meist unrettbare Flüchtigkeit soll gerettet und umfassend kontextualisiert werden. Die Ich-Erzählerin Chave ist noch eine Angestellte des „Anamnisis Institut“ als eine Einheit des Hybridkollegs. Sie ist eine langjährige Expertin der „Temporary Eternal Collection“ und eine enorme Besserwisserin. Sie ist strukturiert und ihr Leben ist dem Archivieren gewidmet. Privates erlebt sie geplant. Trinken und Feiern ganz nach Plan und die Lebenspartner, es sind drei, je nach Stimmung. Einer für die Leidenschaft, einer zum Kuscheln und einer als guter Freund.

Das Buch, ihre Textsammlung, beginnt mit ihrem Kündigungsschreiben an das Institut mit beigefügtem Bericht ihrer Expedition. Diesen Bericht hatte sie noch versprochen und gibt diesen geordnet mit Glossar und Inhaltsangabe ab. Ihr Text ist länger geworden als wohl erwartet. Es war ein Minimum besprochen, nicht aber eine obere Grenze. Somit hat sie alles gegeben und den eigenen Text durch Marginalien ergänzt.

Die Handlung spielt in einer näheren Zukunft und nachdem Chave eine Datei „Gespensterprotokolle“ zugespielt bekommt und die Urheberin verschwindet, begibt sich Chave im Jahr 2048 auf eine Reise quer durch die Zeit. Ihr Reiseziel ist die zauberhafte und sich beständig verändernde griechische Ortschaft Kosmo.  Das vorliegende Buch ist somit Chaves Bericht ihrer Investigationsexpedition. Ein Wimmelbild an verstörenden, stürmischen Geschichten in Geschichten. Somit wächst ein Werk über die Bedeutung des Erzählens, der Sprache und des Erinnerns. Aufzeichnungen aus Traumlandschaften, die fraglich sind und doch einen wahren undurchdringlichen Geschichtenbusch in uns verpflanzen.

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Matthias Hornschuh: „Wir geben uns auf“

Geben wir freiwillig unsere Kultur auf? Kultur ist ein weitgefasster Begriff. Er beinhaltet unsere speziellen kulturellen Einflüsse und besteht aus den von Menschen geschaffenen Ideen, Kreationen, Lebensweisen und Werken, die uns prägen.  Was ist uns die Kunst und die Kultur wert? Die Pandemie und die jetzigen, schnellen technischen Entwicklungen waren und sind ein Beschleuniger der negativen Wertschätzung. Meist wird auch das fertige Produkt bewertet und sogar mit ähnlichen Werken verglichen. Selten wird der Entstehungsprozess berücksichtigt. Selten die Mitwirkenden am fertigen Objekt. Oft wird zum Beispiel im Buchhandel das Druckmedium von Kunden aufgrund des Materialwerts bewertet.

Matthias Hornschuh hat ein faktenorientiertes Werk verfasst. Es liest sich als Kritik, bietet aber auch viele Lösungsansätze an. Das Buch „Wir geben auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit“ ist eine für uns alle lohnenswerte Lektüre. Denn für das kulturelle Ausmaß der Entwicklung der künstlichen Intelligenz und ihrer Auswirkung ist der Text eine gelungene Zusammenfassung. Künstliche Intelligenz ist bereits in der Begrifflichkeit falsch, denn in Wahrheit bleibt nur das Künstliche standhaft. Denn es gibt keine künstliche Intelligenz ohne menschliche Intelligenz. Die Entwicklungsphase und der Lernprozess jener KI basiert auf dem zugespielten Wissen unserer Kultur. Die eingespeisten Texte, Werke, Klänge und Ideen sind menschliche Kreationen. Meist ohne Wissen oder Vergütung der Schöpfenden. Kulturschaffende, Künstler und Kulturorte leben oft von der Hand in den Mund. Nun wird diese Arbeit fremdverwertet ohne Berücksichtigung des Urheberrechts. Kultur sollte uns allen zugänglich sein, aber Kultur kann nur entstehen, wenn wir die Schöpfenden leben lassen. Auch der Begriff  „Denkprozess“ bei Verwendung der KI ist irreführend, denn eine künstliche Intelligenz ist nicht kreativ oder hat keine emotionale Intelligenz, um Sachverhalte richtig zu ordnen. Sie sucht lediglich ihre Speicher nach möglichen Antworten ab. Wenn diese sich selbst lehren und keine Kontrolle mehr besteht, verselbständigt sich die Wahrheit. Auch der Missbrauch ist erleichtert. Schnell können Musik, Bilder oder Texte Verwendung finden, die abgeändert oder in anderer Sachlage eine verfremdete Realität erzeugen. Wer benutzt letztendlich wen? Wir die KI oder diese bereits uns?

Die großen Erzeuger der KI geben enorm viel Geld aus und verwenden unglaublich viele Ressourcen, haben dann aber nicht die Mittel, die kreativen Menschen, die Kulturträger, Künstler zu bezahlen, deren Werke sie einfach verwendet haben? Es benötigt wieder eine Wertschätzung gegenüber der Kunst und der Kultur. Der Weg zur Kunst muss uns etwas bedeuten. Laut Nina George reproduziert KI das Wahrscheinlichste, während Literatur vom Unwahrscheinlichsten erzählt.

Das Buch von Matthias Hornschuh zeigt die volkswirtschaftliche und existentielle Bedeutung geistigen Schaffens. Es ist die Kultur, die unsere menschliche Grundlage ist. Diese dürfen wir uns nicht nehmen lassen und sie ist kein überflüssiger Luxus. Die Debatte über die KI ist voller Missverständnisse, Denkfehler und stets zwiegespalten. Sobald eine Kritik genannt wird, wird oft jene Kritik als Fortschrittsverweigerung tituliert. Doch müssen wir immer und schnell jeden Fortschritt mitmachen und gutheißen, gerade wenn es auf Kosten der Menschlichkeit, Kreativität und Kultur geht? Wir sollten kein kopfloser Schwarm werden, der gerade noch zu schwimmen versteht, aber sein Ziel nicht mehr kennt. Wir benötigen künstlerische Ruheräume. Auch will keiner die Entwicklung stoppen, geht wohl auch kaum, doch wäre ein behutsamerer Umgang wünschenswert.

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Marie-Louise Monrad Møller: „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“

Dieser Roman pendelt zwischen den Bergen, den Meeren und verwebt Einfachheit mit Tiefgang, Poesie mit Leichtigkeit. Marie-Louise Monrad Møller ist Kunsthistorikerin und hat Literarisches Schreiben studiert. Sie hat bereits Kurztexte veröffentlicht. „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ ist ihr Debütroman. Die in Dänemark geborene Autorin ist zwischen Flensburg und Schleswig aufgewachsen und hat ein autofiktionales Familienporträt geschrieben. Es geht vorrangig um den Umgang und die Beziehungen innerhalb der Familie.

Mit einer zugänglichen Sprache werden die nordischen Landschaften und die Gefühlswelt der Erzählerin sehr lebendig. Die Erzählerin ist angehende Schriftstellerin, die noch studiert. Sie ist noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Sie schreibt und erzählt und spricht jemanden mit Du ganz direkt an. Das Du ist die Mutter, die im Sterben liegt. Ihr Alltag, den sie gerade selbst zu strukturieren versuchte, wird durch den Anruf ihrer Mutter gänzlich zersprengt. Sie reist zurück in den Norden, nach Schleswig-Holstein, nahe der dänischen Grenze. In der norddeutschen Heimat kommen die ganzen Erinnerungen zurück. An ihre Geschwister, Malte und Lotti, und ihren Vater, den dänischen Musiker, der oft unterwegs ist. Besonders verweilen ihre Gedanken bei der Mutter, die als Pastorin für alle ein Gehör und Zeit hatte, außer für die eigene Familie. Sie lebten im Pastorat mit einem schönen Garten. Doch das kleine familiäre Paradies ist durch Verwahrlosung geprägt. Die Mutter ist der Mittelpunkt und somit steht alles in ihrem Schatten. In der Gemeinde ist sie sehr angesehen und ist für alle erreichbar. Die Sorgen anderer stehen vor den Bedürfnissen der eigenen Kinder. Diese müssen oft selbst sehen, wie sie zurechtkommen und werden beim Einkauf auch gerne mal im Einkaufszentrum vergessen. Auch als die Mutter die Pastorenstelle aufgibt und in einer Klink als Seelsorgerin anfängt, ist der Auszug aus dem Pastoratsgebäude kein geplanter und für die Kinder ein sehr überraschender. Durch die Krebsdiagnose verliert die Mutter ihre Kraft und plant nun bereits ihre eigene Beerdigung. Mit viel Hingabe und Humor beschreibt die Erzählerin ihre Erlebnisse und Erinnerungen um das damalige und heutige Elternhaus. Das Drama der sterbenden Mutter ist lediglich der Auslöser und steht nicht als emotionaler Koloss im Text, sondern im Mittelpunkt steht das Leben miteinander und ist letztendlich auch eine Liebeserklärung. Das Aufwachsen in einem Elternhaus, das die Kinder allein lässt und ihnen doch bei den Erziehungsmaßnahmen und im überschneidenden Alltag sehr kontrolliert und streng begegnet. Gerade als Teenagerin muss sie ihren Weg zwischen Freiheitsdrang und Zugehörigkeit finden. Die Mutter lässt dabei wenig Spielraum und hat wenig Nächstenliebe für die eigene Familie übrig. Doch ist ihre Liebe eine ganz andere und somit zeigen sich die Familienbande auf ganz anderer Ebene. 

Es geht um die Frage, was man fühlen darf, soll oder kann. Darf man feiern oder reisen, wenn die Mutter stirbt? Darf man sein eigenes Leben vor das der anderen stellen, auch wenn gerade die Bedürftigkeit sehr groß ist? Gerade wenn die Mutter eine Rolle ausfüllt, die immer für andere ausgefüllt war und wenig Raum für das enge Umfeld hat. Die öffentliche und die private Wahrnehmung der familiären Ereignisse, die durch die Funktion der Mutter einen größeren Umkreis beeinflusst. Der Verlust des Miteinanders und die Empathie für das Gegenüber, das angesprochene Du, können hier innerhalb einer Familie nachempfunden werden. Aber eine Familie ist die kleinste Gruppe unserer ganzen Gesellschaft und somit berühren diese Gedanken uns alle. Der Roman hat etwas Einfaches, sogar Nüchternes und verweilt dennoch oft in Tiefe mit einer sinnlichen und poetischen Sprache.  

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