
Eine Spurensuche die ganz genau nachspürt und uns zeigt, wie sehr uns das Erzählte prägt. Ein autobiographisch gefärbter Debütroman über eine jüdische Familie und über das Erfüllen der Begriffe von Heimat und Ankommen. Der Roman ist ein sprachliches Fest und beinhaltet eine poetische, sinnliche, langwierige und Grenzen überschreitende Suche. Alles, was uns im Leben prägt und den Verstand und die Emotionen füllt, erwächst in Geschichten. Wie eine Zwiebelhaut überlagert das Erzählte das vorherige Gehörte und das, was im Kern in uns schlummert und zart wächst. Erzählungen, die uns kleiden und uns unsere Identität schenken. Wie Kleidung, die schützt, wärmt und abgelegt werden kann. Doch was ist denn dann das Innerste? Dieser Frage geht die Autorin nach und kleidet das Gehörte in eine malerische Sprache.
Anna, die Autorin und das erzählende Ich, besucht die nahe und ferne Verwandtschaft, Freunde und Wegbegleiter und zeichnet diese Gespräche mit einem Aufnahmegerät auf. Diese Tonaufnahmen überträgt sie in ihre Literatur. Das wechselnde Umfeld und der jeweils persönliche Klang weben eine Flickendecke, die jeweils ein einzelnes Bild beschreibt, aber im Zusammenhang ein verbundenes Familienstück präsentiert. Die Befragungen, die in einer Selbstreflektion münden, verschlagen die Suchende an mehrere Orte.
Anna Schapiro verbrachte ihre Kindheit in Moskau. 1992 wanderte ihre Familie als jüdische Flüchtlinge nach Deutschland aus. Später wurde sie an der Hochschule für Bildende Künste Dresden aufgenommen und sie ist seitdem eine bildende Künstlerin und Publizistin. Sie beschäftigt sich als Künstlerin, Autorin und als Herausgeberin mit Positionen der jüdischen Gegenwart.
Ihr Debütroman trägt nun den Titel „Fühlen Sie sich wie zu Hause, aber vergessen Sie dabei nicht, dass Sie zu Gast sind“ und zeigt durch diesen ironischen Ausspruch bereits die Diskrepanz zwischen Flucht, Ankommen, Gastfreundlichkeit und Abweisung. Viele Themen, Erlebnisse und Emotionen werden in dem Roman durch die Stimmen aufgegriffen, angedeutet und behandelt. Es ist immer die Erfahrung der Ausgrenzung und Migration. Die Sprache des Romans zeigt aber auch die Sprachlosigkeit, die Mehrsprachigkeit der Kulturen und ihre individuellen Lebensansätze. Viele haben nicht aufgehört trotz der dramatischen Vergangenheit das Schicksal an- und auszulachen. Durch den Wohnort der Autorin und das erzählende und sammelnde Ich kommt immer die Schwierigkeit mit dem Verhältnis der deutsch-jüdischen Vergangenheit und Gegenwart zur Sprache. Die Geschichte hat nie geendet und das Erlebte prägt uns bis heute und darf niemals ungehört werden. Alles beginnt auf der Beerdigung der Großmutter und Anna möchte endlich das Unerzählte hören. Sie reist nach New York, Boston, Arad und Haifa und sitzt in fremden Wohnzimmern oder Küchen und verwandelt das vorerst Fremde zu ihrer eigenen Geschichte. Die Erzählungen tragen dazu bei, eine große Sicht zu erhalten. Es sind Stimmen über das Leben, das Überleben und das Weiterleben.
Dieses Buch ist im Kern die Suche nach einer jüdischen Familiengeschichte und doch wird daraus mehr. Durch das Eintauchen in die jeweiligen Alltagssituationen auf der Reise tauchen wir in eine Gegenwart ein, die dann durch das Anvertraute die damaligen Schrecken offenlegt. Diese Suche nach den Bausteinen der Familie sind Wege aus und in die Menschlichkeit. Menschsein bedeutet viele Seiten des Grauens und der Schönheit. Die Grenzen gehen dabei durch Länder und durch uns selbst. Doch können wir anhand von Literatur uns immer mehr verstehen, verbinden und Obhut schenken.
Ein Debütroman, der sofort zu begeistern versteht und sich dann anhand der Berichte weiter aufbaut. Somit wechselt der Sprachklang mit Raum und Zeit. Viele Motive sind dabei nicht neu, werden aber ganz anders angegangen. Durch das aufgesuchte Alltägliche kommt eine Leichtigkeit hinzu. Die Wandelbarkeit wird durch die unterschiedlichen Perspektiven verdeutlicht, die auch andere Sichtweisen auf vorherige Charakterisierungen zulassen. Am Ende steht der Kern jener angezogenen Schichten der Erzählungen und fragt lyrisch nach dem eigenen Ich. Es ist der Weg einer Suche zum Standpunkt im Leben.
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