Martin Spieß: „Weit weg von Zuhause“

Ein Roman über Vergebung, die erst durch Distanz den wahren Schmerz erkennen lässt. Der Text beschäftigt sich ferner mit Rache und Liebe. Rachegedanken können nur bedingt eine heilende Wirkung erzeugen und in die Tat umgesetzt kann Vergeltung nicht mehr rückgängig gemacht werden. Leben schenken ist somit gleich unveränderbar wie Leben nehmen. „Weit weg von Zuhause“ handelt von der Ich-Erzählerin Judith die in einer Kanzlei als Anwältin tätig ist. Sie bekommt unerwartet Besuch von einem Freund, Justus, den sie lange nicht gesehen hatte. Die Zwillingsschwester von Justus, Emma, ist tot und Judith und er stellen sich auf der Fahrt zum Klinikum und Krematorium ihrer gemeinsamen Vergangenheit, dem Trauma und ihrer damaligen Liebe.

Mit vierzehn Jahren, während der Schulzeit, sind die drei, Judith, Justus und Emma eine eingeschworene Clique. Sie verbringen viel Zeit miteinander. Sie lieben es, Filme zu sehen und in einer Bushaltestelle abzuhängen. Die Bushaltestelle, ein Ort, der einen eigentlich ankommen oder abfahren lässt, ist eine Zuflucht für Justus und Emma. Judith erkennt nicht, dass Justus und Emma sich nicht trauen nachhause zu gehen und deshalb im Wartehäuschen mit ihr verweilen. Judith und Justus verlieben sich ineinander. Für Judith bricht eine wunderschöne Zeit an und die Welt liegt ihr zu Füssen. Doch die Welt zerbricht. Eines Tages sind Justus und Emma einfach weg. Ohne etwas zu sagen, sind sie gegangen. Judith erhält keine Erklärung, die Trost spenden würde. Daher will auch sie später weit weg von zuhause sein. Sie studiert und wird Juristin in einer Stadt.

Zwanzig Jahre später taucht Justus plötzlich auf. Judith sucht stets einen Therapeuten auf, weil sie eine innere Leere empfindet und depressiv ist. Sie entscheidet Privates oft lediglich per Münzwurf und ließ einen Therapeuten in der Vergangenheit näher an sich heran. Doch war es niemals die große Liebe, die sie einst mit Justus erlebte, der nun wieder aufgetaucht ist. Emma hat sich das Leben genommen, ausgerechnet auf einer Bank vor einem Klinikum in ihrer aller Provinzheimat. Justus soll den Leichnam identifizieren und die Abholung organisieren. Er bittet Judith mitzukommen.

Was hat Emma in den Tod getrieben und warum sind sie und Justus damals klangheimlich verschwunden? Judith und Justus müssen sich wieder annähern und durch ihre gemeinsame Geschichte, die sich nun durch Erinnerungen und Erzählungen langsam aufbaut, werden der Schmerz, die Trauer und die Wut immer deutlicher. Eine Wut, die sich gänzlich zeigt, als der Stiefvater von Justus und Emma beim Klinikum auftaucht und Justus Mordgedanken hegt.

Judith erkennt stückweise immer mehr das ganze Drama und erinnert sich an früher, wo sie viele Misshandlungen übersehen hatte und missverstehen wollte. Im Mittelpunkt steht ein Schmerz, der größer ist als die Liebe. Denn Justus wollte, trotz der Liebe, weit weg von zuhause sein. Ein Schmerz, der einen unbehandelt zum Mord treiben kann.

Martin Spieß schreibt einfühlsam und dennoch mit einer Leichtigkeit, die einem oft auch ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert. Wie bei „Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“ (Siehe auch hier im Leseschatz) zitiert Martin Spieß vieles aus Filmen und Serien. Auch Musik- und Hörspielanspielungen werden passend mit eingestreut und zeigen das weitgestreute Interesse des Autors, der auch als Comedian und Musiker (Vorband) tätig ist. Es sind Sätze, die zuweilen Tiefes mit einer Einfachheit kaschieren. Die Figurenzeichnungen sind glaubhaft gelungen und die Dialoge sind authentisch.

Ich möchte mich für die Danksagung im Buch bedanken und es war mir eine Freude, Martin Spieß bei der Verwirklichung dieses Buches begleiten zu dürfen.

Siehe auch Martin Spieß zu Gast auf Leseschatz-TV

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James Sallis: „Sarah Jane“

Dieser spannende Text ragt über einen typischen Kriminalroman hinaus und ist ein dunkles, philosophisches und psychologisches Werk über eine Frau, die sich im Leben nicht finden kann. Die Protagonistin reibt sich am Rande der Gesellschaft auf, um später in der Mitte des Landes, in einer Kleinstadt, sich selbst und den eigenen Dämonen gegenüberzutreten.

Sarah Jane schreibt als Kind Tagebuch. Sie fixiert ihre Gedanken in Collegeblöcken. Später greift sie das Texten wieder auf, um die Beschreibung ihres Lebens auszuloten. Sie ist als Jugendliche von der Hühnerfarm der Eltern abgehauen. Das Elternhaus war kein behüteter und schöner Ort. Sie gerät in kriminelle Machenschaften und kann nur durch den Militärdienst einer Haftstrafe entkommen. Nach dem Einsatz ist sie verwundet und traumatisiert und versucht als Köchin Fuß zu fassen. Als sie sich als Polizistin bewirbt, wird sie durch ihre authentische Art sofort eingestellt. Später findet sie sich sogar in der Position als diensthabender Sheriff wieder, da der vorherige verschwunden ist.  Auf der Suche nach ihm wird auch deutlich, dass dieser viele Geschichten und Geheimnisse verborgen hielt.

Die Polizeiarbeit steht Sarah Jane gut. Sie erkennt schnell die einfachen und umfangreichen Zusammenhänge und ist für die Gemeinschaft eine Stütze. Sie, die auch oft an die falschen Männer gerät, ist handgreiflich geworden. Ihre Tat und die vorherigen Geschichten ziehen immer engere Kreise um ihr jetziges Leben und Kollegen und das FBI werden hellhörig.

Sprunghaft und nicht immer zu Ende erzählt werden die Szenen zusammengesetzt. Wie steht sie in Verbindung zu dem alten Mord, was wusste der tote Pryor Mills und in welchem Zusammenhang steht dabei das Verschwinden des vorherigen Sheriffs?

Kann ein Neuanfang gelingen? Der Roman, der mehr erzählt als ein Spannungsroman, stellt die Fragen nach Schuld und Sühne. In der Tradition der großen amerikanischen Erzähler wird innerhalb dieses kleinen Werkes ein großes Potpourri an gesellschaftlichen Themen behandelt. Gleich der Hauptfigur ist der Text rastlos, ergreifend und begeistert durch seinen besonderen Sound. Aus dem Englischen übersetzt von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger.

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Gérard Scappini: „Ankunft in der Fremde“

Scappini kommt im dritten Band an. Aus der Fremde wird Heimat und er ahnt am Ende seinen kommenden Weg. „Ankunft in der Fremde“ ist sein dritter Lyrik-Roman in dem sein Alter Ego, Pascal, seine persönlichen Erinnerungen festhält. Es ist der Werdegang eines jungen Franzosen in Deutschland. Pascal ist Scappini, doch durch die Kunstfigur, gleich Martin Schlosser als Gerhard Henschels Alter-Ego-Figur, kann sich der Autor etwas von dem eigenen Charakter distanzieren und sich mehr Freiheiten erlauben. 

Gérard Scappini wurde 1947 in Toulon geboren. 1966 kam er nach Deutschland, um seinen Militärdienst zu absolvieren und blieb danach in Freiburg. Er studierte Ethnologie, gründete eine Buchhandlung und reiste viele Jahre als Verlagsvertreter.

In „Ankunft in der Fremde“, mit dem Untertitel „Von Toulon nach Freiburg“, werden die Jahre 1966 bis 1967 betrachtet. Im Mittelpunkt steht Pascals Militärdienst im Französischen Heer in Freiburg. Somit ist es ein Zeitzeugnis mit einem ungewöhnlichen Blickwinkel auf die Deutsche Geschichte. Auch ist es ungewöhnlich, weil es erneut lyrische Prosa ist. Die Gedichte, es sind wie in den zwei vorherigen Werken genau 57, sind bodenständig und geben lediglich einen Rhythmus vor. Beim Lesen verliert sich immer mehr der Blickwinkel auf die Lyrik und der Inhalt erschließt sich romanhaft. Durch das Sprachbild und den eigenen Klang macht der Text etwas mit dem Lesenden und es wird etwas ganz Eigenartiges und Besonderes daraus.

Pascal weiß nicht, was er vom Leben erwartet. Auch möchte er nicht wissen, was das Leben von ihm zu erwarten hat. Er ist noch zu jung, um sich selbst zu erfassen. Er verlässt seine Heimat in Südfrankreich und tritt seinen Militärdienst in Freiburg an. Mit Deutschland verbindet er vorerst nur drei Namen: Goethe, Hitler und Beckenbauer. Während der Grundausbildung findet er Freunde, doch sein tatsächliches Umfeld kann er anfänglich nur durch die Kaserne erahnen. Seine Leidenschaft, des Rugbyspiel, behält er bei und organisiert Spiele in der wenigen Freizeit. Die große Freiheit erlebt er nach der Grundausbildung, als er als Chauffeur eingesetzt wird. Er erlernt mit einem Liliput-Wörterbuch langsam die Deutsche Sprache und knüpft zaghaft Kontakte und verliebt sich. Sein Blickwinkel fällt dabei auf das damalige junge Leben in Wohngemeinschaften, den Beatclubs und der unbändigen Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer. Sein Heimaturlaub ist etwas holprig und geschmückt mit unverständlichen Lügengeschichten und in ihm keimt die Ahnung, dass er seine Zukunft in Freiburg suchen wird. Er weiß zwar noch nicht, was er mit sich nach dem Militärdienst anfangen soll, bekommt aber unerwartete Entscheidungshilfe, zumindest was seine Heimatwahl betrifft.

Mit seinen 57 Gedichten schlägt Scappini Bögen um seine persönlichen Erinnerungen. In „Ankunft in der Fremde“ ist es das geringste Zeitfenster, aber mit der größten Entwicklung des Hauptcharakters. Es ist ein interkultureller und poetischer Text. Eine persönliche Lyrik, die sich dem Leser nicht verschließt und mit keinerlei Metaphorik und Sinnbildern den Inhalt verschleiert.

Durch die verknappte, aber schöne und rhythmische Sprache sind die Werke von Scappini eine kurzweilige, aber lohnenswerte Reise in die Lyrik. Ein ganz besonderer Entwicklungsroman vor historischer Kulisse.

Siehe auch:

  • Gérard Scappini: „Ungeteerte Straßen. Eine Kindheit in Frankreich“ –  Leseschatz-Beitrag
  • Gérard Scappini: „Am anderen Ende der Stadt. Eine Jugend in Frankreich“- Leseschatz-TV-Beitrag

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Nina Bouraoui: „Geiseln“

Der Begriff Geisel als Anspielung auf den Handlungsverlauf, aber auch als Bild des Kontrollverlustes, der Machtverhältnisse und des Missbrauchs. Der kurze, aber unglaublich intensive Roman war ursprünglich als Theaterstück geschrieben worden und 2015 uraufgeführt. Das Schicksal der Heldin verbindet sich seitdem beständig mit unserer chaotischen Welt und somit war es der Wunsch der Autorin, diese Geschichte in einer Romanversion zu veröffentlichen. Aus dem Französischen von Nathalie Rouanet.

Das schmale Buch beinhaltet viel Emotion, die erst gezügelt, dann explosionsartig aus den Zeilen herausplatzt. Die Erzählweise erinnert an die Werke von Deborah Levy, Annie Ernaux und Delphine de Vigan.

Es beginnt während eines Verhörs. Eine Frau, die Heldin, Sylvie Meyer, berichtet sachlich, wer sie ist und wie es zu jenem Gewaltausbruch kam, der sie sich nun rechtfertigen lässt. Sie ist dreiundfünfzig Jahre alt, ist Mutter zweier Kinder und lebt seit einem Jahr getrennt von ihrem Mann. Sie arbeitet in der Produktionskontrolle bei Cagex, einem Gummiunternehmen. Bisher war ihr Leben ein unauffälliges, fast schon ein stilles und fleißiges. Sie nimmt alles meist mit einer resignierten Hingabe auf. Sie schweigt größtenteils und schluckt den Schmerz, der ihr zugefügt wird. Ein Schmerz, der sich langsam in ihr losbricht. Es beginnt mit dem Auszug ihres Mannes. Nach vielen Jahren Ehe geht er einfach und lässt Sylvie mit den Kindern allein. Sie nimmt es schweigend hin, klagt und kämpft nicht um ihre Liebe und ihr bisheriges Leben. Diese innere Leere füllt sie nun mit ihren Erinnerungen und der Arbeit. Sie mäandert während ihres Berichtes durch ihre Vergangenheit und die Gegenwart im privaten sowie im beruflichen Umfeld.

Der Chef des Unternehmens sieht in Sylvie eine Vertraute. Sie ist eine der Vorarbeiterinnen, die die untergestellten „Bienen“ beobachten, denunzieren und entlassen soll. Der Firma geht es durch die Finanzkrise nicht wirklich schlecht, aber die eigenen Interessen des Vorgesetzten haben die Kapitalkraft des Unternehmens in Schräglage gebracht. In Sylvies Erinnerung ist es ein roter Punkt, ein Kirschfleck auf ihrer Kleidung, der ihre Gefühlswelt in Aufruhr bringt. Sie droht an ihren bisher geschluckten Emotionen zu ersticken und es kommt zu einer Eskalation. Das Kaleidoskop der Innenschau von Sylvie geht noch tiefer in ihre Vergangenheit und weitere Gewalt, die ihr angetan wurde, wird sichtbar.

Das Buch wurde mit dem Prix Anaïs Nin ausgezeichnet und ist ein großartiges und beunruhigendes Portrait einer Frau, die den feministischen Aufstand verkörpert. Es ist der Bericht einer Befreiung der inneren und äußeren Geiseln.

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Alain Damasio: „Die Flüchtigen“

Dieser Roman fordert den Leser im positiven Sinne heraus. Der Umfang minimiert sich in der Wahrnehmung zügig, denn die Visionen und Handlungen verstehen zu fesseln. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Dieser phantastische Realismus spielt in einem nahen zukünftigen Frankreich. Die Technologien beherrschen den Alltag. Doch gibt es auch eine Lücke, etwas ist aus dieser digitalen Überwachung entschlüpft. Neben der visuell geprägten Welt gibt es Leben, das sich wie etwas Flüchtiges im versteckten Klangraum aufhält.

Das Setting erinnert an Klings Zukunftsvision aus „QualityLand“ oder „The Circle“ von Eggers. Die Menschen werden stets kontrolliert und überwacht. Fast jeder trägt einen Ring, der die Funktion des heutigen smarten Apparats ablöst, der einst lediglich zum Telefonieren gedacht war. Nicht der Kunde bewertet hier zum Beispiel eine Lokalität, sondern der Gast wird vom Personal mit Punkten versehen. In einem Café sitzt der Mensch allein vor seiner digitalen, meist visuellen Arbeit. Miteinander sprechende Gäste werden gleich heutigen Rauchern abgesondert. Dies nur als ein kleines Beispiel der zuweilen auch humorvoll durchdachten Dystopie.   

Die Handlung beginnt wie ein Familiendrama. Eines Morgens finden Sahar und Lorca das Bett ihrer Tochter Tishka leer vor. Fenster und Türen waren verschlossen. Das kleine Mädchen hat vorher mit ihrem Vater über die sogenannten „Flüchtigen“ gesprochen. Haben diese Wesen das Kind entführt? Gibt es diese Wesen überhaupt? Sahar ist skeptisch und wimmelt diese Theorie als esoterischen Mythos ab. Lorca glaubt daran. Ihm ist auch jedes Mittel recht, um seine Tochter zu finden.

Lorca ist dem System gegenüber sehr kritisch eingestellt. Die Wirtschaft bestimmt und durchdringt alles. Die Städte sind von gigantischen Konzernen aufgekauft und nach dem jeweiligen Sponsor umbenannt worden. Die Bewohner leben in Bezirken und Bereichen entsprechend ihres finanziellen und gesellschaftlichen Standes. Lorca will sich dem entziehen und trägt auch selten den Überwachungsring. Er schließt sich einer Einheit an, die jene „Flüchtigen“ jagen. Das Unverständliche und Lebendige wird mal wieder gejagt und getötet. Was sind die Flüchtigen? Da keiner sie bisher gesehen hat, denn die Wesen versteinern, wenn sie in den menschlichen Blick geraten, bleibt ihre wahre Gestalt ein Mythos. Sollten diese Lebensformen merken, dass sie in den Blickfang geraten, werfen sie Körperteile ab, um zu entkommen. Je mehr Lorca über diese Wesen erfährt, umso stärker wird sein Glaube. Er ist sich sicher, seine Tochter ist bei den Flüchtigen. Je weiter er kommt, desto fragwürdiger wird sein Handeln. Sind die Flüchtigen ein logischer und konsequenter Schritt, um aus dem Überwachungs-Kapitalismus zu entkommen?

Der ganze Roman entfaltet sich aus verschiedenen Perspektiven. Gleich am Anfang wird die Besonderheit der Sprache deutlich. Jeder Charakter hat seine eigenen Satz- und Sonderzeichen (oder auch fehlende Zeichen). Somit wird erst durch diese Besonderheit meist deutlich, wer gerade erzählt. Auch verändert sich stets das Klangbild in Bezug auf die Flüchtigen. Der Text begeistert und man gerät in einen Leserausch, der bis zum Ende anhält. Wenn man sich auf das Buch einlässt, wird man sehr belohnt. Handlung und Sprache hinterlassen Gedankenbilder. Erneut ist hier die tolle Übersetzungsarbeit von Milena Adam zu nennen. Um es kurz zu machen, dieser Roman ist phantastisch gut.

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Eduardo Lago: „Brooklyn soll mein Name sein“

Ein wunderbarer Roman, der anfänglich wirkt, als würde man durch schöne Gassen, verwinkelte Straßenzüge und diverse Seitenwege durch ein städtisches Labyrinth wandeln. Diesen Irrgarten betritt man sofort gerne und schaut erstaunt in jedes neue Bild, das sich einem offenbart. Je tiefer man hineingewandert ist, wird deutlich, dass es der Weg ist, der hier von Bedeutung ist. Das Labyrinth ist keines, denn alles mündet kunstvoll ineinander und die Wege haben dieselben Ziele oder Quellen.

Der Roman ist wunderbar geschrieben, voller lebendiger Charaktere und einer Handlung, die einen nicht so schnell wieder loszulassen vermag. Der sehr talentierte Autor hat sich wohl dezent selbst in der vorliegenden Geschichte verewigt. Denn er und die Hauptfigur haben einiges gemeinsam. Eduardo Lago wurde in Madrid geboren und arbeitet als Professor für Literatur an einem College nahe Manhattan. Das vorliegende Werk wurde aus dem Spanischen von Guillermo Aparicio und Carlos Singer übersetzt.

Es sind vorrangig Lebensbilder, die sich zu einem Ganzen vereinen. Eine fiktive Kneipe in Brooklyn ist ein zentrales Bild. Das Oakland ist Treffpunkt der Gesellschaft. Boxer treffen auf Seeleute oder gescheiterte Existenzen trinken mit Literaten. Die Kneipe als Bild und Ort der Heimatsuche. Der Autor, Lago, verweilte selbst gerne in einer solchen Bar und schrieb unzählige Hefte voll mit Szenen, Ideen und Geschichten. Einige davon finden ein Heim in „Brooklyn soll mein Name sein“. Gal Ackermann, die Hauptfigur im Roman, schreibt ebenfalls wie besessen. Er füllt hunderte Notizhefte an seinem Stammplatz am Kapitänstisch im Oakland. Diese Tagebucheinträge und Geschichten sind ergänzende und großartige Fragmente des Handlungsverlaufs. 

Gal Ackerman ist tot und wird auf Wunsch auf einem dänischen Friedhof am Meer beigesetzt. Kurz vor seinem Tod hat er mit einem Freund einen Pakt geschlossen. Gal hat den Roman seines Lebens in seine Hefte geschrieben. Néstor Oliver Chapman, kurz Ness genannt, ist Journalist und wird nun zum Testamentsvollstrecker von Gal Ackerman. Ness soll die Notizen ordnen, vereinen und sogar beenden. Es ist ein bunter, vielschichtiger Roman. Ein Brooklyn-Roman, der in Wahrheit nur ein Ziel hat, Gals große Liebe, Nadja Orlov, zu erreichen, die vor Jahren verschollen ist. Somit beginnt die Reise durch Welten und Zeiten und Ness sichtet und liest Gals Literatur, entfächert Gals Existenz, trifft dabei auf Weggefährten und entschlüsselt Gals Geheimnis.

Ein Roman über einen Roman, der faszinierende Lebensbilder in den Mittelpunkt stellt und eine Liebeserklärung ist an das Leben und die Literatur. Brooklyn erwacht ebenfalls zum Leben und mit dem Ort ein Reigen an Figuren, die fiktiv sind, aber auch wahre Bezüge haben.

Ein Text, der tief schaut und dabei niemals überfüllt ist. Feinfühlig und mit viel erzählerischem Können wurde das Werk verfasst. Alle Lebensthemen sind hier vereint: Liebe, Freundschaft und Einsamkeit. Ein großer spanisch-amerikanischer Roman. Es ist ein Fest, diesen Roman zu lesen.

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Tomas Blum: „Wofür wir uns schämen“

Eine Geschichte über das innere Wachsen. In der Anonymität einer Gruppe kann der denkende und fühlende Mensch sich nicht lange verbergen. Das Wahre, das was tief im Inneren verborgen ist, wird meist vor der Gemeinschaft versteckt. Das Gefühlsleben wird in der erfolgsorientierten Gesellschaft meist als unangenehm wahrgenommen. Die Scham als innerer Schutzraum kann notwendig sein, aber auch ein Hindernis für das eigentliche Wachsen bedeuten, wenn sie einen zu sehr hemmt, sich dem Gegenüber zu öffnen. Die Charaktere bleiben vorerst namenlos und der Ich-Erzähler spricht ab und zu jemanden direkt an. Somit vermengen sich Wahrnehmung, Wahrheit und Erinnerung. Das Verborgene, das Schamhafte wird langsam herausgearbeitet. Ferner geht es um die selbstgewählten oder auferlegten Rollenbilder, die uns prägen und seit der Kindheit unbewusst oder bewusst antrainiert wurden.

Der Erzähler, Gregor, ist Teamleiter in einer Agentur. Die Kunden sind angesehene Auftraggeber aber dennoch kränkelt das Kreativunternehmen und steht kurz vor der Insolvenz. Gregor will mit seinem Team den hoffentlich rettenden Auftrag umsetzen. Die Geschäftsleitung suggeriert ihm einen erhofften Karrieresprung. Das Team bleibt im Text eine undefinierbare Gruppe, aus der sich der Erzähler abhebt. Er wirkt wie ein Mensch, der in der Rolle des Teamleiters aufgeht. Einige Kollegen fürchten seinen scharfen Verstand und seine kreative Kritik. Doch innerlich ist er zerrissen und hadert mit sich. Das Berufsleben ist es nicht, was ihn erfüllt. Doch auch sein Privatleben ist in Schieflage geraten. Seine Ehe ist gescheitert und in der Vergangenheit muss er unter depressiven Schüben gelitten haben und von einer Abhängigkeit gelähmt gewesen sein.

Sein Innenleben beginnt, sich immer mehr ins Außen zu kehren, als ihm eine Kollegin auffällt. Diese bleibt auch bis zum Ende namenlos. Doch erkennt er in ihr das rothaarige Mädchen aus seiner Vergangenheit. Es gab eine Geschichte, die er auf Geheiß seines Vaters lange verschwiegen hatte. Sein Vater war Mediziner und wurde eines Tages zu jenem rothaarigen Mädchen gerufen. Gregors Elternhaus war nicht der wärmende kindliche Ort und das Umfeld war stets auf das äußere Erscheinungsbild geprägt. Die Erinnerungen an den Tag in der Kindheit wachsen und nehmen immer mehr Raum ein. Ist die Kollegin das Mädchen von früher? Haben sie eine gemeinsame Vergangenheit?

Es entsteht eine Beziehung, denn beide scheinen sich immer mehr zu mögen. Er soll sie laut der Chefetage in sein Team integrieren. Sie kommt ihm zuvor und fragt, ob er Lust hat, mit ihr in einen Club zu gehen, in dem man nur als Paar hereingelassen wird. Hier ist die Polarisierung der Geschichte verdeutlicht. Das anonyme Arbeitsumfeld und das nackte, schamhafte Privatleben. Das körperliche und das seelische Nacktsein kristallisieren sich zwischen den Beiden heraus. Es entsteht eine Liebesgeschichte mit einer Vergangenheit in der erfolgsorientierten Gesellschaft. Als er sie direkt auf die alten, dramatischen Geschehnisse anspricht, explodiert die Handlung regelrecht.

Ein erlebtes Gefühlsleben und ein fürchterliches Drama in der Kindheit machen aus zwei namenlosen Typen Menschen, die die Liebe suchen und innerlich wachsen und sich gegenseitig erkennen.

Das Buch weckt von der ersten Seite ein großes Interesse an den Figuren, der Liebesgeschichte und dem Drama im Verborgenen. Eine Aufforderung, das Lebendige zu fühlen und zuzulassen. Die Rollen, die wir uns geben, sind meist nur Schutzräume, die nicht immer von Nutzen sein müssen. Ein sprachlich und inhaltlich überzeugender Debütroman.

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Andreas Pflüger: „Ritchie Girl“

Der Autor pflügt durch die Geschichte und hat damit einen spannenden und bewegenden Roman geschrieben. Andreas Pflüger feierte nach „Operation Rubikon“ große Erfolge mit seiner preisgekrönten Krimireihe um die blinde Ermittlerin Jenny Aaron. Erneut ist die Heldin in seinem neuen Roman eine kluge Frau. Andreas Pflüger schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher und Romane. Mit „Ritchie Girl“ hat er wohl seinen bisher besten Roman veröffentlicht. Erneut wirft er einen in die Szene hinein und wandert mit der Kunstfigur Paula Bloom durch die Zeit und die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und begegnet dabei bekannten historischen Persönlichkeiten. Der Roman ist großartig recherchiert und cineastische Unterhaltung mit ganz viel Bildung.

Der Titel ist eine feministische Antwort auf die sogenannten Ritchie Boys, die im Camp Ritchie (offizieller Name: Military Intelligence Training Center) von der US Army ausgebildet wurden. Dies waren in der Regel junge Deutsche, die in der US-Armee den Kampf gegen die NS-Diktatur aufnehmen wollten. Paula Bloom ist als Deutsch-Amerikanerin ein Ritchie Girl. Sie ließ sich nach ihrer Übersiedelung in die USA im Camp ausbilden.

Wir lernen sie gegen Ende des Krieges kennen, als sie sich auf hoher See mit noch unbekanntem Ziel befindet. Sie landet in Italien, wo sie für weitere Verhandlungen miteingesetzt wird. Während dieses kurzen Aufenthaltes, wo sie unter anderem Mussolinis Leiche zu sehen bekommt, wird sie durch eine Mine schwer verletzt. Danach kehrt sie als amerikanische Besatzungsoffizierin in das zerstörte Deutschland zurück. Nahe Frankfurt kommt sie in das Camp King, wo sie einige Weggefährten wiedertrifft.

Während in Nürnberg über die Hauptkriegsverbrecher gerichtet wird, arbeitet man wieder in dem Camp mit einigen Nazi-Tätern zusammen. Viele sollen im Camp der U.S. Army verhört und eingesetzt werden, weil der kalte Krieg gemeinsame Feindbilder suggeriert. Paula hadert mit diesem geschichtlichen Zynismus und kann es nicht gutheißen, dass Pragmatiker das Sagen übernehmen. Paulas Hauptaufgabe wird ihr schnell nach ihrer Ankunft im Camp übertragen. Sie soll herausfinden, ob Johann Kupfer, ein Jude aus Österreich, tatsächlich der sogenannte Spion „Sieben“ war. Nebenbei sucht sie auch nach ihrer persönlichen Liebe und ihrem neuen Halt im Leben.

Ein Roman, der spannende Geschichtsstunden beinhaltet. Nach der Krimi-Reihe ist es erneut eine Heldin, die nach einem Unfall in die Haupthandlung gerät. In „Ritchie Girl“ ist es eine Frau, die beide Seiten des Krieges kennt und persönlich erlebt hat. Der ganze Handlungsverlauf ist toll komponiert und szenisch umgesetzt. Zeitgeschichte wird hier zur unterhaltsamen Lehrstunde mit enormer Spannung. Nicht nur die Dialoge beweisen den Witz und die Raffinesse des Autors. Pflüger versteht es, packende, kluge und tolle Bücher zu schreiben. 

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Lydia Sandgren: „Gesammelte Werke“

Ein Werk zum gänzlichen Versinken und zum Entflammen der Liebe zum Buch. Ein umfangreicher Roman über Kunst und Literatur, der belebt wird durch authentische Charaktere.

Die Figurenzeichnung und der Handlungsverlauf schaffen eine enorme Sogkraft und das Buch ist inhaltlich ein bildender Entwicklungsroman. Wer somit Lust hat, sich mit einem dicken Buch in eine gemütliche Leseecke zu verkriechen und dafür richtig gute Unterhaltung sucht, wird mit diesem Werk viel Freude haben. Der Umfang minimiert sich zügig, wenn man in die Welt eingetaucht ist, die man dann auch ungern wieder verlässt.

Der Roman ist ein Debütroman, der das Lesen in den Mittelpunkt stellt. Die Göteborger Autorin, Lydia Sandgren, geboren 1987, studierte Psychologie, Literaturwissenschaften und Philosophie. Mit Anfang zwanzig begann sie, „Gesammelte Werke“ zu schreiben, dass knapp zehn Jahre später gefeiert und bereits mit dem August-Preis 2020 ausgezeichnet wurde. Aus dem Schwedischen wurde der Roman von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig übersetzt.

Der Göteborger Verleger Martin Berg lebt für seine Bücher und liebt es, schöne Werke herauszubringen. Doch die Geschäfte laufen nicht mehr ganz so gut und seine Verlagspartner setzen bereits oft ihre eigenen Ideen und Sortimentsvorstellungen durch. Seine eigenen Romanprojekte bleiben vorerst unvollendet. Privat steckt er ebenfalls in einer Krise, denn seine Frau, Cecilia, ist vor Jahren einfach spurlos verschwunden und hat ihn mit den beiden Kindern allein gelassen. Sein Sohn, der gerade seinen Geburtstag gefeiert hat, entdeckt langsam seine Unabhängigkeit und wird erwachsen. Er bekommt, wie sein Vater damals, ein Gespür für den Reiz der Kultur und möchte diese gänzlich erleben. Martin würde gerne seine Tochter, Rakel, die auch eine Zeit in Deutschland studiert hat, in das Verlagswesen einbeziehen. Als ihm durch eine befreundete Kollegin ein deutschsprachiges Werk angeboten wird, das in das Profil von Martins Verlag passen würde, übergibt Martin Rakel, die gut Deutsch spricht, diesen Roman, damit sie ihn lesen und beurteilen kann.

Martins Erinnerungen wandern oft in seine Vergangenheit, als er wohlbehütet aufwuchs und bereits in der Schule seine Liebe zur Literatur, Kunst und Philosophie entdeckte. Besonders durch seine Freundschaft zu Gustav, der sein malerisches Talent früh fand und auslebt. Doch scheint es einen Bruch gegeben zu haben, der die innige Freundschaft erkalten ließ.

Das Buch wird dem Titel gerecht, denn die gesammelten Werke sind letztendlich welche, die sich stückweise entfalten. Die Perspektiven und Geschichten bauen sich langsam auf und entfalten ein enormes Interesse beim Lesen. Denn Rakel findet zum Beispiel in einem Familienfundus ein Gemälde, das ihre Mutter darstellt und gemalt wurde von Gustav. Auch meint sie in dem Roman, den sie für ihren Vater lesen soll, ihre Mutter erlesen zu haben und begibt sich auf die Suche.

Im Mittelpunkt stehen die Freundschaft und die Liebe. Die besondere Freundschaft zwischen Martin und Gustav seit der Schulzeit, dem Studium und ihrer Zeit in Paris. Ferner die Beziehung zu Cecilia, die plötzlich verschwand und letztendlich ein wichtiges Puzzleteil wird.

Durch die Handlung, die Perspektiven und toll erzählten Geschichten wandert man durch die Seiten ohne zu merken, dass das dicke Buch sich leider auch irgendwann dem Ende nähert. Alles ist sehr dynamisch, spannend und einfühlsam geschrieben und beschrieben.

Wer das Lesen liebt, wird „Gesammelte Werke“ lieben.

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Dorothy Gallagher: „Und was ich dir noch erzählen wollte“

Der neu gegründete aki Verlag hat im ersten Programm fünf Frauenleben in den Mittelpunkt gestellt. Wir können das Leben von anderen nicht gänzlich kennen und schon gar nicht im großen Umfang verstehen. Diese schöne Buchreihe lädt nun ein, genauer hinzuschauen. Der erste Blick fällt auf Dorothy Gallagher. Sie wurde 1935 als Tochter russisch-jüdischer Emigranten in New York geboren.

Sie schrieb Artikel über das glamouröse Amerika, um sich auf finanzielle Füße zu stellen. Bevor sie sich selbständig machte, war sie Redakteurin beim Magazin Redbook und schrieb unter anderem für die New York Times. Sie hat auch einige Bücher geschrieben. Unter anderem die Biographie des italienisch-amerikanischen Anarchisten Carlo Tresca, die in dem vorliegenden Werk auch eine Bedeutung erhält. In „Und was ich dir noch erzählen wollte“ spricht sie aus dem Herzen ihren verstorbenen Mann an und erzählt, was sie ihm persönlich erzählen wollte. Der Text ist somit ein bewegendes Dokument an mäandernden Erinnerungen, voller Tiefgang und Geschichten. Sie verwebt mit dem Buch ihre Gegenwart mit der Vergangenheit, von der sie sich nicht lösen mag, sich aber dennoch stückweise verabschiedet.

Ihr Mann, Ben Sonnenberg, Publizist und Verleger, starb 2010. Er litt an Multipler Sklerose, die seinen Körper, aber nicht seinen Geist lähmte. Dorothy Gallagher blickt auf ihr Leben mit ihm, auf die Zeit und die Leere, die er nun hinterlassen hat. Sie hat es in der gemeinsamen Wohnung nicht mehr ausgehalten und ist umgezogen. An ihrem neuen Lebensabschnitt lässt sie in Worten eingefangen die Leser teilhaben. Sie schreibt es aber für ihren Mann und unterbricht ihre eigentliche Arbeit an einem Buch. Sie kommt in einen Schreibfluß und fängt ein, was sie noch sagen wollte. Dies bewegt und fasziniert sehr. Ihre Gedanken und Erinnerungen sind nicht sentimental, sondern schön und tröstlich.

Sie blickt auf ihren Alltag in New York, sie erzählt von ihren Hunden und der Katze. Sie erinnert sich an ihre ersten Schreiberfahrungen und die geliebte Schreibmaschine. In den Brennpunkt ihres Fokus stellt sie stets ihre Erinnerung an ihren Mann, der ihr sehr fehlt. Das Werk ist eine zarte, tiefgründige Liebeserklärung. Dabei beschreibt das Buch keine reine Liebesbeziehung, sondern ist auch ein Zeitdokument mit der ganzen Würze des Lebens. Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Baark

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