Abdelwahab Meddeb: „Das Licht von Marrakesch“

Abdelwahab Meddeb war ein tunesisch-französischer Autor, Dichter und Intellektueller. Er wurde 1946 in Tunis geboren und verstarb 2014 in Paris. Er suchte stets die Verbindungen zwischen Erleben und Bewahren und seinem analytischen und auch kritischen Blick auf die Kultur in Orient und Okzident. Sein Interesse galt den aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignissen.  Er lebte in Paris und in Spanien und hat über vierzig Jahre Marrakesch zu allen Jahreszeiten besucht. Treue Begleiter waren stets seine Notizhefte, in denen er seine genauesten Beobachtungen, Stimmungen und Wahrnehmungen aufgeschrieben hatte. Seine Ehefrau Amina Meddeb hat sich der Herausforderung gestellt, alle Notizen und Texte zu sichten und zusammenzustellen. Um eine lesbare Ausgabe herauszubringen, war eine lange Vorbereitung und tiefgründige Arbeit notwendig. Herausgekommen ist ein lesenswerter Bericht, der weit über den eines Reiseberichts hinausgeht. Es ist die Darstellung einer Welt voller Hinwendung und Licht und die intelligente Beschäftigung mit dieser. Mit sprachlicher Kraft wird das Erlebte und Gesehene präzise fixiert. Die Übersetzung stammt von Beate Thill.

Das Buch ist eine Einladung, gedanklich mitzureisen. Durch die Notizen erleben wir alles mit und nehmen die Kultur auf, machen Begegnungen mit Menschen und betrachten deren Leben, Architektur und das Umfeld. Eine Sinnesreise, die Farben, Licht, Klänge und Gerüche miteinbezieht. Spaziergänge durch Landschaften, Gedanken und Wahrnehmungen. Ein Werk voller Zusammenhänge und von enormer Vielschichtigkeit. Ein Werk auf dem Weg zur Harmonie und dem Wunsch nach Menschlichkeit und Einheitsgedanken. Auch auf die Einwirkungen der unterschiedlichen Religionen und kulturellen Einflüsse wird eingegangen und es entsteht ein schwingender Eindruck der Stadt als belebtes und stets wandelbares Zentrum. Das Buch zeigt die Herzensangelegenheiten des Autors und jetzt die der Herausgeberin, diese Schriftwelten für uns zu bewahren und uns in die Hand geben zu können.

Eine poetische Reise durch eine einzigartige Stadt. Ein Bericht, der es uns ermöglicht mitzugehen und alles zu erfassen, ohne den Weg zu beschreiten. Dabei entsteht etwas in uns und lässt einen bleibenden Eindruck zurück. Ein Wunderhorn, eine Fülle an Eindrücken, Lebensmomenten und Atmosphären. Der Blick richtet sich auf Natur, Tier und Mensch. Dabei steht immer das Interesse am Zusammenleben, an den Veränderungen und der Kultur im Mittelpunkt. Alles stets mit ganz viel Intensität und Freude beschrieben.

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Maya Arad: „Kinderwunsch“

Die Wünsche, die Lebensträume und die Realität spielen in diesem Roman eine besondere Rolle. „Kinderwunsch“ ist die Geschichte der 39-jährigen Idit aus Tel Aviv, die einen enormen Kinderwunsch verspürt und ihre Zeit verrinnen sieht. Ihre romantischen Träume und Vorstellungen von Familie verblassen immer mehr und ihre Bemühungen führt sie zu unterschiedlichen Modellen, über Co-Elternschaft zu komplexen Adoptionsverfahren. Die Familienplanung ist der rote Faden, der aber durch das Personal und den jeweiligen Charakterblick einen großen gesellschaftlichen Raum öffnet. Es ist ein komplexer Roman, der sich mit einer Leichtigkeit entfaltet und durch die unterschiedlichen Betrachtungen immer auch Gegenpole zu den individuellen Empfindungen stellt. Es ist ein fesselndes Buch mit einem enormen Suchtfaktor und ein Spiel aus Fantasie, Wunsch und Wirklichkeit.

Die israelische Schriftstellerin Maya Arad lebt in Kalifornien und wurde bereits 2025 in den USA mit dem Jewish National Book Award ausgezeichnet. „Kinderwunsch“ ist das erste ins Deutsche übersetzte Werk von ihr. Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht übersetzt.

Idit ist eine 39-jährige Lehrerin. Sie hätte eigentlich bereits ihren Doktortitel machen können, doch hat sie den Weg wegen Empfindlichkeiten, Missverständnissen und dezenten Karrierekämpfen abgebrochen. Sie ist eine verträumte Leserin, liest gerne englische Klassiker und träumt von der einen, großen und wahren Liebe. Sie unterrichtet junge Frauen in Literatur und versucht, das Leben mit Ihren Ansprüchen zu erfüllen. Dabei steht sie sich oft selbst im Weg. In ihr regt sich schon lange der Wunsch nach einem eigenen Kind. Doch der richtige Mann ist ihr noch nicht begegnet. Ihr Traummann lässt auch wenig realen Spielraum zu und somit hatte sie bisher auch kaum ernst zu nehmende Beziehungen. Sind ihre Ansprüche an das Leben, an einen Mann und an das Glück ungerechtfertigt?

Es tauchen noch weitere Charaktere im Umfeld von Idit auf. Es sind Wegbegleiter, Begegnungen oder Freunde. Zum Beispiel die Freundin und Kollegin Anat, die mit ihrem Mann Yoni bereits eine Familie gegründet hat. Anat versucht, trotz der warnenden Stimme von Yoni, Idit zu verkuppeln. Yoni hat einen abgrenzenden Blick auf Idit. Auch der Mann, der nun durch ein Abendessen unter Freunden in das Leben von Idit tritt, hat ganz andere Ziele und Beweggründe. Doch Idit weigert sich, diese zu sehen und steigert sich in ihre Traumvorstellung hinein. Hiermit beginnt Idits großer Weg, denn nach den ganzen missglückten Treffen und gescheiterten Co-Elternschaft-Ideen kämpft Idit sich durch ein Adoptionsverfahren. Doch verrennt sie sich erneut? Ist ihre Vorstellung von Mutterschaft noch ein reales und selbstreflektiertes Bild? Letztendlich bildet sich die Frage, was ein erfülltes Leben überhaupt ausmacht? Wie weit hängen unsere Lebenswege mit unseren Träumen und Mitmenschen zusammen? Kann es gelingen, eine Realität aus den Vorstellungen und dem tatsächlichen Umfeld zu erschaffen? Können wir uns von den Träumen und Mitmenschen abhängig oder unabhängig machen, um ein gutes Leben zu finden? 

Dieser Roman ist voller Leidenschaft und Hingabe zu dem Wechselspiel zwischen den Figuren. Wir werden von der Handlung, den Dialogen und den Gedanken regelrecht mitgerissen. Es ist ein Roman, der Wege aufzeigt, seinen Weg zum Glück zu definieren und eventuell zu finden. Intelligent werden Perspektiven und Lebensmodelle formuliert. Die Charakterisierungen sind groß angelegt und variieren mit dem Blick zwischen den Figuren. Somit ist es wirklich ein Spaß in diese gesellschaftliche Studie aus Realität und Vorstellungskraft einzutauchen.  

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Rafael Mantovani: „Der Himmel wurde leider schon großteils verspeist“

Lyrik muß nicht immer verkopft oder schwer zugänglich sein. Lyrik kann auch einfacher sein und durch die reduzierte Sprache Geschichten erzählen. Alltagslyrik, die körperlich ist. In den Gedichten von Rafael Mantovani ist der Alltag aber kein gewöhnlicher. Alles ist anders und doch bekannt oder nachzuempfinden.

Diese Lyriksammlung ist voller Selbstironie. Sie sucht sprachlich nach Halt und Orientierung. Es ist eine melancholische und humorvolle Innenschau eines erzählenden Ichs. Es philosophiert, spürt nach und macht sich Gedanken über Männlichkeit, Liebe, Körperlichkeit, Fremdsein und über Kühlschränke, Hundefutter, Milchstraßen und Salz und Zitronen. Dabei haben das Umfeld des schreibenden und des erzählenden Ichs oder die Zeiten der Pandemie einen Einfluss auf das Geschriebene.

Es sind sehr körperliche Zeilen. Ein Körper aus Sprache und Klang. Ein Körper, der den Himmel verspeist hat. Himmel als etwas Leichtes, etwas Fernes oder als ein Bild unserer Hoffnungen. Diese Gedichte sind gefühlte Empfindungen, kluge Spielereien und erzeugen einen intimen Einblick in eine Seelenwelt, die wiederum eine neue Männlichkeit beinhaltet.

Das Liebesleben des erzählenden Ichs, das oft aus Hoffnung besteht, wird betrachtet. Liebe aus Sehnsucht nach Nähe und Körperlichkeit. Die Stimme, die viel ins Innenleben schaut, wirft aber auch den Blick ins Umfeld, zum Gegenüber und auf bestimmte Situationen. Das Du taucht auf, das wiederum dem Erzähler gleich zu sein scheint. Zumindest ist es sauer, weil es jemanden an der Seite nicht gibt. Daher kann man dieser fehlenden oder unbekannten Person auch nicht böse sein. Aber es hindert uns zumindest auch keiner daran, ungehalten zu sein. Die Betrachtungen verwenden zuweilen ein Skalpell, das Ideen, Gefühle und das Fassbare freilegt.

Diese Anthologie ist eine Auswahl aus zwei Werken des Autors. Ausgewählt und aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Christiane Quandt. Ein vielschichtiges Bild von persönlichen Ausnahmegedanken.

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Judith Fanto: „Der Betrachter“

Nach „Viktor“ hat Judith Fanto erneut einen historischen Roman geschrieben. Er handelt von Freunden, die sich seit Kindheitstagen kennen, und davon wie diese innige Freundschaft durch den Nationalsozialismus zerstört wird.

Hermann, der Manno genannt wird, ist der Betrachter. Er ist ein stiller Beobachter, der alles ganz genau aufnimmt und innerlich verarbeitet. Doch agiert er selten, er handelt oft nicht, sondern wirft seinen Blick auf die Ereignisse. Er ist ein talentierter Zeichner, der das Gesehene ganz genau wiedergeben kann, aber es mangelt ihm an Fantasie, daher wird er später kein Künstler sondern ein Restaurator. Jemand, der Altes und Kunstvolles repariert, bewahrt und wieder glänzen lässt. Im Gegensatz zu einem seiner damaligen Freunde, der gefühlvoll mit Düften arbeitet, diese sammelt und verwandelt. Die Handlungsorte sind die niederländische Kleinstadt Haarlem und Wien. Die Handlung wird durch einen Brief, den Hermann 1948 erhält, ummantelt. Der Brief löst eine Kette von Erinnerungen aus und der Blick wandert zurück in die Vergangenheit, die sich hauptsächlich in Wien abspielt, in der Metropole, die gerade den Zusammenbruch der Monarchie und den aufkommenden Nationalsozialismus erlebt.

Die Mutter von Hermann arbeitet als Dienstmädchen bei führenden Schiffsbauern in den Niederlanden. Als sie ihre Dienstherren auf eine Kur begleitet, trifft sie auf einen Unteroffizier der österreichischen Armee, der sie schwängert und deswegen auch heiraten muss. Als die Großmutter und kurz darauf auch noch die Mutter stirbt, holt Hermanns Tante ihn nach Wien, um sich um seine Erziehung zu kümmern. Die Tante ist aber nicht die liebende Frau, sondern eine herrische und exzentrische Dame, die als Kurtisane in höheren Kreisen verweilt. Manno lernt die Sprache und die Gewohnheiten und kann sich dank eines Hauslehrers schnell einleben. Doch fühlt er sich wie ein Gefangener, der seine Freiheit in den Sommermonaten findet, die er zur musikalischen Unterrichtung in einem Jugendheim verbringt. Dort lernt er Béla, Franzi, Max, Lotte und Bertl kennen. Sie werden ein Freundeskreis, der unzertrennlich ist und die Sommermonate werden der jährliche Höhepunkt. Manno bekommt wieder Lust am Leben teilzunehmen. Als das Jugendheim geschlossen wird, treffen die Freunde sich zufällig wieder und sie bestärken während der Studienjahre ihre innige Freundschaft. Sie erleben schöne Zeiten in Cafés, am Altaussee, bei Bélas Familie in Ungarn und beim Narzissenpflücken für Bélas Parfümerie. Auf ihren Spaziergängen, Treffen und Gesprächen ist Manno oft der Beobachter, der stille Freund, der vieles sieht und innerlich bewahrt. Er sieht die Entwicklungen der Freunde, ihre Leidenschaften und Ansichten. Außerhalb von Wien erleben sie eine Leichtigkeit, die die sich der wandelnden Metropole mit ihrer Verrohung, dem Fremdenhass und Antisemitismus entzieht. Doch die Freundschaft wird durch die persönlichen Entwicklungen, Ideologien und dem kulturellen Hintergrund immer politischer. Anfänglich war es innerhalb des Freundeskreises unwichtig, dass Béla schwul oder Max und Franzi jüdisch sind, doch spätestens mit dem Einmarsch des Nationalsozialismus öffnen sich innerhalb der Gemeinschaft Abgründe.

Die Handlung zeigt, wie schnell sich Ansichten und Freundschaften verändern. Wie schnell Ausgrenzung und Gewalt gesellschaftlich toleriert wird. Wie schnell ein Machtgefüge den Alltag, die Politik, die Kultur und die Menschlichkeit verändert und unwirklich werden lässt. Die Verunsicherung, die Ängste und die Sprachlosigkeit werden spürbar. Aber auch die Machtlosigkeit und die Gefahr des Nichthandelns werden aufgezeigt. Das anfängliche Verdrängen der drohenden Gefahren zeigt, wie naiv leider die Menschen sind und waren. Dies zeigt Fanto anhand der wunderbar gezeichneten Figuren und lässt uns teilhaben an den damaligen Zeiten. Ihre Charaktere werden dabei nicht zu Schablonen bestimmter Gesellschaftsstrukturen oder Schichten. Die Personen sind sehr glaubwürdig und einfühlsam beschrieben. Auch die Handlung baut sich langsam auf und die Brüche bilden sich behutsam und zart, bis sie erst später gänzlich sichtbar werden. Mit sinnlichen Bildern und Sprache verführt uns der Roman in schöne sowie in schreckliche Zeiten und stellt diese gegeneinander, um das Menschliche und das Unmenschliche in uns zu zeigen.

Der Betrachter beobachtet, wie Freundschaft entsteht und wie belastbar diese ist. Wann ist es ratsam als Beobachter zu erwachen, aktiv zu werden und seine unbeteiligte Rolle zu verlassen?

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Peter Grainger: „Ein unglücklicher Tod“

Ein guter, solider Kriminalroman aus England. Ein Ermittler, der eigentlich im Ruhestand sein sollte und sein junger Kollege graben sich durch einen Fall, der als Unfall deklariert wurde, lediglich am Schreibtisch durchgesehen, unterschrieben und abgelegt werden sollte. Sie schließen den Fall nicht und stoßen auf immer mehr Ungereimtheiten und die Ermittlung zieht weitere Kreise und eröffnet die Frage nach Recht und Ungerechtigkeit.

Peter Grainger, geboren 1954,  ist das Pseudonym von Robert Partridge, der als Lehrer tätig war und seine Krimis im Selbstverlag veröffentlichte. Seine Serie um den Ermittler DC Smith erlangte große Beliebtheit und weckte das Interesse der Verlage. Jetzt ist diese Serie auch auf Deutsch erhältlich, zumindest wurde diese mit „Ein unglücklicher Tod“ eröffnet. Weitere Fälle folgen zeitnah. Übersetzt wurde der Roman aus dem Englischen von Eva Regul, die in Kiel geboren ist.

Es beginnt mit einer Zeugenaussage. Melanie Carter ist eine Schülerin und Zeugin des unglücklichen Todesfalls. Sie war mit weiteren Jugendlichen in den Ferien zum Baden gefahren. Sie hatten Bier getrunken und am Gewässer die freie Zeit genossen. Einige der Jungs haben Kanufahrer geärgert, während Wayne Fletcher, das Opfer, noch mit einer Freundin am Ufer blieb. Als dann ein weiteres Kanu in Sichtweite kam, ist Wayne ins Wasser gegangen und meinte, das gehöre ihm. Wayne, der ein guter Schwimmer war, schwamm dem Boot hinterher und wurde dann nicht mehr gesehen. Er wurde später ertrunken aufgefunden.

Nach einem routinemäßigen und internen Ermittlungsverfahren kehrt DC Smith in seine Dienststelle in Norfolk zurück. Er nimmt die Polizeiarbeit wieder auf, wobei seine Vorgesetzen ihn gerne in den Ruhestand geschickt hätten. Smith ist unbequem, eigensinnig und charakterstark und immer wieder mit der Befehlskette nicht ganz im Einklang geblieben. Jetzt wurde er auch heruntergestuft und die eigentliche Rente wird ihm immer weiter schmackhaft gemacht. Er bekommt zum Wiedereinstieg belanglose Fälle und kein Team mehr zur Unterstützung. Lediglich einen jungen Kollegen, Chris Waters, soll er einarbeiten. Sie bekommen auch den Fall mit dem ertrunkenen Schüler, der bereits bei der Akteneinsicht Ungereimtheiten vermuten lässt. Das Todesopfer hat eine Kopfwunde und wie schnell soll er geschwommen sein, um sich den Kopf so sehr angestoßen zu haben? Die Vorgesetzte von Smith, die ebenfalls durch die Unterlagen misstrauisch ist, verschafft Smith mehr Handlungsspielraum und sie vergraben sich in den Fall, der einigen ungelegen kommt und dann auch weitere Umkreise miteinbezieht.

Hier trifft althergebrachte und solide Polizeiarbeit auf moderne Ermittlungsverfahren. Smith geht stets seinen Weg und ist in der Einheit wohl auch einer der erfahrensten Ermittler. Doch verweigert er sich dem Fortschritt, der aber durch seinen jungen Kollegen auch in diesen Fall einbezogen wird. Smith ist sehr britisch und bringt den feinen englischen Humor mit. Ein feiner, realistisch wirkender Kriminalroman, der einen Helden ins Leben ruft, der in uns immer mehr wächst und auf sympathische Weise einen Platz in unserer Serienwelt einnimmt.  

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Bora Chung: „Dein Utopia“

Nach „Der Fluch des Hasen“ geht es weiter mit „Dein Utopia“. Diese Literatur aus Korea ist schön und stets sehr befremdlich. Alles ist bizarr, unheimlich und humorvoll. Wer Vergleiche mag, könnte den Bezug zu Stephen King, Roald Dahl und Haruki oder Ryu Murakami ziehen. Erneut sind es Geschichten, die Zukünftiges verwenden, aber immer zurück auf uns zeigen. Die Perspektiven müssen nicht immer menschlich sein und doch steckt in allen der Wunsch, mehr Menschlichkeit zu finden. Das Positive in uns soll durch den Blick auf das Abgründige betont werden. Wir haben uns in unserer Entwicklung verloren, denn wir feiern den Fortschritt, der schneller wächst als wir mitkommen und wir trotz des wandelnden Umfelds immer noch der kleine Mensch sind. Denn was bedeutet es, Mensch in unserer technologisch durchdrungenen Gesellschaft zu sein?

Bora Chungs utopische Geschichten sind während der Pandemie entstanden und tragen dadurch einen düsteren Unterton, der aber immer auch einen schwarzen Humor hervorzaubert. Das Absurde stößt auf unseren Alltag, auf unsere Beziehungen, Bürokratie und auf unsere technologischen Errungenschaften. Dabei bleiben wir höflich, auch wenn wir unser Lunchpaket öffnen und genussvoll an Mitmenschen knabbern. Dabei ist diese Geschichte keine typische Zombie-Episode, sondern verfremdet uns durch eine Pandemie zu höflichen Kannibalen. Wir tauchen in eine Behörde ein, die sich selber durch Bürokratie und Hierarchiespielereien lähmt und nichts anderes erforscht, als die Unsterblichkeit und die Mitarbeiter genau jenes Geheimnis bewahren. Immer ist der Blick auf das Absondere, das Utopische gerichtet und die Frage stellt sich dann nur, wie utopisch wir uns fühlen, auf einer Skala von Eins bis Zehn. Zumindest wird diese Skala auch erklärt und der Messwert variiert tagesabhängig. Unsere Technik, die irgendwann sich selbst überlassen wird und doch eine Daseinsberechtigung mit Fürsorgepflicht im Speicher empfindet. Aber auch das Alltägliche wird in diesen Erzählungen beleuchtet. Zum Beispiel die Ehe. Die Ehefrau fällt durch ihre Mitteilungsbedürftigkeit per Telefon auf. Sie telefoniert ständig, auch am Hochzeitstag. Der Ehemann fragt sich, mit wem sie spricht und was für eine Sprache es ist. Wie soll er damit umgehen, als sie behauptet nicht von der Erde zu sein? Das Menschliche wird erodiert, gescannt und sondiert. Der Mensch steht in diesen Texten gleichberechtigt mit Dingen wie Bäume oder unsere Gerätschaften, wie zum Beispiel ein Fahrstuhl oder ein Auto, die auch zu Wort kommen. Haben die Maschinen sich besser und weiter entwickelt als wir, sind sie, dass wäre ja zu verrückt, glücklicher als wir? Wir sind unheilbar und leben dennoch unbeschwert, lachen, essen und lieben, bis uns unsere Errungenschaften oder fremde Einflüsse einholen und die Realität aufplatzt. In den Geschichten werden Perspektiven aufgezeigt, die sich entwickeln und unser düsteres Menschenbild ins Absurde führen und uns nicht selten auch über diese Situationen und letztendlich über uns lachen lassen. Das was in uns passiert und das was draußen in unserer Welt passiert, ist Horror, ein Witz, eine Utopie und ein verrücktes Zusammenspiel. Somit alles, was in diesen Geschichten überspitzt erzählt wird. Das Normale wird umgedreht und das Gesellschaftliche und das Alltägliche werden ins Groteske geführt und erschaffen durch diese Literatur einen ganz anderen Blick auf unser vermeintlich modernes Leben. Aus dem Koreanischen wurde das Buch von Ki-Hyang Lee übersetzt.

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Johanna Sebauer: „Popóm“

Wer werde ich mal sein? Diese Frage stellt sich oft und wenn das fragende, junge Ich im Leben noch nicht seinen Platz gefunden hat, wird die Antwort selbst zu finden schwierig sein. Wie wäre es, sein älteres Ego zu treffen? Damit spielt Johanna Sebauer in „Popóm“. Doch geht sie über diese Frage hinaus und stellt vieles zueinander in den Bezug. Viele Romane drehen sich um das Ego. Die Selbstdarstellung steht dabei oft mehr im Vordergrund als die Selbstreflektion. In „Popóm“ sind mehr Wendungen möglich durch die Verdoppelung des Lebensweges des jungen Ichs und seines älteren Selbst. Wir treffen auf eine junge Generation, die sich in den Mittelpunkt stellt, ohne genau auf den anderen zu achten, nicht zu hinterfragen, weil es unangenehm werden könnte und stets seine Sorgenpakete gerne im Gegenüber ablegen möchte und wenn dies nicht gelingt, sich in Müßiggang vergräbt. Eine Generation, die alles im Internet ordert und sich über wunderbare und reale Spezialgeschäfte wundert. So auch der Held des Romans, Hendrik Popom, der die Betonung seines Namens gerne auf den Anfang Pópom setzt. Er trifft auf Popóm, sein älteres Selbst, das wunderlich, zweifelnd auftaucht und ein kleines Pfeifengeschäft betreibt. Dadurch werden hier zwei Welten, die doch dieselbe ist, gegenübergestellt. Eine etwas oberflächliche Gesellschaft, die um sich selbst kreist, ohne wirklich das Leben zu greifen und eine, die sich sorgt und das Spezielle pflegt. Der Roman spielt mit einer Leichtigkeit, die aber in der humorvollen Lebensbetrachtung eine Tiefgründigkeit beinhaltet.

Hendrik hat sich im Leben immer deplatziert empfunden, Er musste zu Schulzeiten oft sich in die Gruppen einfinden und selten waren die Verbindungen selbstverständlich oder leicht. Dann trifft er auf Anja, die, für ihn unbegreiflich, seine Gefühle erwidert und später mit ihm nach Norddeutschland zieht. Hendrik arbeitet in einer Werbeagentur, in der die Work-Life-Balance wichtig ist und er ab und zu mit seinen Kollegen abends oder in der Pause etwas trinken oder essen geht. Nichts ist Hendrik aber wirklich wichtig, nichts scheint ihm gut zu gelingen. Bei der Arbeit und in der Beziehung. Eines Tages hat Anja plötzlich Heißhunger auf Schokolade und Fassbrause und Hendrik sucht einen Kiosk auf. Plötzlich steht bei den Konserven ein Mann, der fast doppelt so alt wie er selbst und modisch gekleidet ist. Hendrik weiß sofort, dieser Mann bin ich.  Hendrik spricht ihn an, der es aber als schlechten Witz behandelt und seines Weges geht. Doch sie treffen erneut aufeinander. Gerade als Hendrik seine Beziehung retten möchte, tritt der Mann erneut auf und Hendrik verzettelt sich nur noch in Selbstbetrachtungen. Zögerlich nähern er und der Mann sich an. Dieser Mann ist er, betont lediglich beim Nachnamen eher das Ende, wie bei einem Paukenschlag, also Popóm. Durch das Wissen, daß Hendrik auch über Popóm benennen kann, nähern sich die beiden Männer an. Doch die Beziehung ist voller Wunder, Rätsel und Widerstände. Jedes Treffen verläuft anders, mal freundschaftlich, mal brüderlich oder in gänzlicher Distanz. Hendriks Gedanken kreisen nur noch um sich – ob alt oder jung. Sein Umfeld blendet er aus, bis auf die neue Freundschaft zu der neuen Kollegin, die sich Zeit nimmt, um Hendrik zu sehen. Hendrik hofft, sich selbst zu finden und zu verstehen. Doch Popóm verweigert die Einsicht des jungen Ichs in seine Gegenwart, also die mögliche Zukunft von Hendrik. Hendrik hofft, endlich das finden zu können, was ihm fehlt und er möchte sehen, dass er nicht einsam bleibt. Langsam begreift Hendrik, daß sein Festhalten an dieser surrealen Situation ihn aus dem tatsächlichen Leben wirft.

Johanna Sebauer spielt mit Gedankenkonstrukten und mit der Sprache und Stilmitteln. Wenn die beiden Ichs aufeinandertreffen, verändert sich der Klang und der Dialogsatz. Mit zartem Humor und leiser Melancholie tanzen die Charaktere um Lebensbausätze, die da sind, kommen oder lediglich möglich sind. Letztendlich geht es in dem Spiel um das Treffen der Generationen, um das was uns alle angeht, um Liebe, Nähe und um Verlustangst. Die Welt wird immer komplexer, aber wir werden immer verständnisloser,  empathielos oder bleiben lediglich, was wir sind und staunen über die Veränderungen, die uns beängstigen. Ein feiner und absurder Roman, der uns sehr unterhaltsam unsere Lebensfragen zuwirft.

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Sherwood Anderson: „Winesburg, Ohio“

Ein Klassiker der amerikanischen Literatur, der viele Nachfolger inspiriert hat. Es wirkt wie eine Ansammlung von Erzählungen aus der Kleinstadt Winesburg in Ohio. Doch ist es ein Roman, ein Roman einer Stadt und ihren Charakteren. Man könnte von kubistischer Literatur sprechen, denn wir tauchen ein in ein Gesamtbild, das sich aus vielen kleineren Szenen zusammensetzt. Jedes Bild funktioniert für sich, baut aber doch ein großes Gemälde auf und es gibt eine Verbindung, ein Charakter, der beobachtet, erinnert und beschreibt. Es ist ein sprachlicher Realismus, der eine Kleinstadt belebt und das Stadtleben einer ganzen Gesellschaft einfängt. Ein Mensch, ein Autor, der sich erinnert und seine Gedanken an damals lassen die Menschen aus der Vergangenheit an ihm wie in einem Geisterzug vorbeiziehen. Dabei beinhaltet die vorbeiziehende Prozession groteske, schrullige und doch liebenswürdige Gestalten. Es ist ein wunderbares Kleinod der Literatur und es ist herrlich schön und melancholisch. Diese Ausgabe wurde von Eike Schönfeld übersetzt und durch ein Nachwort von Daniel Kehlmann ergänzt.

Der amerikanische Schriftsteller Sherwood Anderson (1876 bis 1941) hat mit seinem Werk „Winesburg, Ohio“ aus dem Jahr 1919 einen immerwährenden Klassiker geschrieben, der ein Wegbereiter der literarischen Moderne ist. Die Sprache ist verknappt, um Raum für eigene Empfindungen und Gedanken zu erzeugen. Die sprachliche Schlichtheit spiegelt das Inhaltliche wieder. Die Handlung und die Formulierungen spielen mit Wendungen und Wiederholungen, dort wo es mit dem gesamten Handlungsverlauf kunstvoll kooperiert.  

Am Anfang taucht ein Schriftsteller auf. Ein Verweis auf den wahren Autor, auf den auktorialen Erzähler oder ist es jene kommende Stimme, die alles ummantelt? Er ist bettlägerig und möchte hinausschauen können, doch die Fenster sind, bis ein Tischler kommt, zu hoch und seine Gedanken wandern zu seinen Träumen, Erlebnissen und Vorstellungen seines langen Lebens. Dabei ziehen viele Gestalten vor seinem geistigen Auge vorbei und er beginnt zu schreiben. Er beschreibt nun Wahrheiten, die jene Menschen, Wesen und Leute zu grotesken Gestalten machen. Somit tauchen wir ein in Augenblicke von vielen Charakteren, die alle Winesburg beleben. Am Ende steht die Abreise an und die Stadt Winesburg verschwindet mit den verstummenden Träumen der erzählenden Stimme. Doch zwischendurch lernen wir viele Perspektiven und Menschen kennen. Keiner ist wirklich glücklich oder im Leben angekommen. Zum Beispiel ein Arzt, der seine Gedanken auf kleine Zettel schreibt und diese dann zu kleinen Kügelchen zerknüllt, Menschen, die auf die Liebe hoffen, durch Missverständnisse ihre Arbeit verlieren und auf George Willard, ein Lokaljournalist, der bei seiner Mutter in deren heruntergekommenen Hotel wohnt und alle Geschichten sammelt. Somit ist er trotz der Vielfalt der einzelnen Geschichten ein Entwicklungsroman, der weniger die Hauptfigur George Willard reifen und wachsen lässt, dafür aber jene Stadt: Winesburg in Ohio. George fühlt sich gegen Ende der Kapitel erwachsen und Winesburg entwachsen. Mit seiner letztendlichen Abreise reisen die grotesken Gestalten mit, die nun auf dem Papier weiterhin die verlassene und traurige Stadt beleben.

Ein Buch voller Schönheit, Traurigkeit und Hoffnung. Eine besondere literarische Perle.  

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Jette Kötschau: „Dabei waren wir uns immer so nah“

Dieser Debütroman bindet uns durch viel Empathie an die Hauptfiguren und erzählt die Geschichte von Freundinnen, die sich mit dem Alltag voneinander immer weiter durch das Erwachsenwerden entfernen, aber stets die Sehnsucht nach der alten Nähe, der stillen Einvernehmlichkeit und der jugendlichen Leichtigkeit empfinden. Es ist der tiefe Blick in die Beziehungen einer Freundschaft und gleichzeitig wird der Weg in die bindende Erwachsenenwelt beschrieben. Wie kann Freundschaft, Familie, Partnerschaft, Kinderwunsch und der Lebenstraum in Einklang gelingen? 

Die Nähe schwindet mit dem Erweitern des persönlichen Umfelds, das sich im Alltag anhäuft. Die Verbindungen aus der Vergangenheit müssen mit den neuen Begegnungen und Situationen mithalten können, sonst driften alle Wege durch das individuelle Lebensumfeld auseinander. Die drei Charaktere im Roman bemühen sich, die Einigkeit, die Innigkeit und die Verbundenheit nach Verletzlichkeiten, Ungesagtem und sogar Neid wiederzufinden. Die Nähe und das Vertraute aus den jugendlichen Zeiten fehlen oft im erwachsenen Alter. Diese gilt es zu bewahren, mitzunehmen und aufzubauen. Es sind Henri, Merle und Katharina. Ihre Freundschaft findet sich beim Studium und ihre Nähe hält Schweigen aus, setzt beständiges Verständnis voraus und fühlt sich an, als wäre es eine Gemeinschaft für immer.

Jetzt sind sie Anfang dreißig und das Leben stellt sich ihren Träumen, alten Hoffnungen und Wünschen in den Weg. Sie haben weiterhin Kontakt, doch die täglichen Meldungen und Absprachen werden zu wöchentlichen und sie sehen sich nur noch selten. Katharina arbeitet in einer Buchhandlung und fühlt sich im Team sehr wohl. Doch langsam stellt sie ihre feste Beziehung zu ihrem Freund in Frage, der alles so belassen und genießen möchte, wie es ist. Ihr Kinderwunsch ist sehr groß und jedes Mal, wenn sie diesen anspricht, vermeidet er die tiefere Auseinandersetzung. Eine Unbeschwertheit findet sie bei dem ehemaligen Praktikanten und ihre Gefühlswelt gerät in Konflikte. Sie neidet heimlich Merles Leben, die bereits Mutter ist. Doch auch Merle hadert mit ihrer Situation. Sie ist rund um die Uhr für das Baby da, denn ihr Partner kümmert sich um den Hausbau und nimmt sich wenig Zeit für die kleine Familie. Merle trifft auf eine alleinerziehende Mutter und eine neue Nähe wächst, die sie an ihre Jugendfreunde denken lässt. Henri hat sich das Unabhängige und die vermeintliche Leichtigkeit bewahrt, denn sie macht noch gerne Partys und jobbt in einem Museum. Sie träumt von einem eigenen Kino und sucht nach Möglichkeiten und der passenden Immobilie. Ihre Beziehung zu ihrer Mutter ist stets etwas schwierig und wird vertieft, als ihre Großmutter ins Krankenhaus kommt und sie diese besuchen. Alle drei vermissen die Aussprache, die Nähe und die Freundschaft zu- und miteinander, denn das Trennende aus dem jetzigen Alltag tritt deutlicher hervor als das Verbindende. Doch die Gemeinsamkeiten sind immer da, nur nicht mit den wirklichen Gefühlen angesprochen worden. Daher droht die Gefahr, die alten Freundschaften zu verlieren. Gerade jetzt, wo die Freundschaft wichtiger wird, als damals, als alles leicht erschien.

Mit Hingabe werden die Figuren charakterisiert und ihre Gedanken und Empfindungen sind nachspürbar erzählt. Die Lebensentscheidungen und die Träume verändern sich, nicht zwingend aber die menschlichen Beziehungen, wenn wir ehrlich, empathisch und gesprächsbereit sind. Das Setting ist Köln, aber auch die Schleiregion und Jette Kötschau macht es uns leicht, die Hauptfiguren sofort zu mögen und dadurch neugierig auf den Handlungsverlauf zu werden.

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Heinz Liepman: „Das Vaterland“

Dies ist der erste deutschsprachige Exilroman und ist ein Grundumriss damaliger Ereignisse. Die Machtergreifung und die neue unbarmherzige Gesellschaft werden durch das Anlegen eines Fischdampfers in Hamburg verdeutlicht. Die Ereignisse sind aus Sicht der Mannschaft, die unterschiedlich ist und von der politischen Umstrukturierung nichts mitbekam, erzählt. Dabei benutzt Heinz Liepman Geschichtliches, Persönliches und Erlebtes. Alles muss nicht immer auf Hamburg bezogen sein, nicht alles muss chronologisch so geschehen sein, aber passiert ist alles. Gerade dadurch wird das Werk zu einem Höhepunkt der Exilliteratur, das leider bisher nicht die Aufmerksamkeit erhielt, wie es wünschenswert wäre, denn es sollte Pflichtlektüre sein. Die damalige Stimmung, die Wut, die Angst und das Mitläufertum werden spürbar und machen in der Aktualität besonders aufmerksam. Einen besonderen Stellenwert nimmt auch die systematische Diskriminierung, Entrechtung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Menschen im Roman ein, denen der Autor das Werk auch gewidmet hat. Durch ein sehr lesenswertes Vorwort von Heinz Liepman, das er in Paris 1933 schrieb, ein Nachwort von Wilfried Weinke und die in die Handlung eingebundenen Originalzitate wird das Buch wissenswert abgerundet.

Heinz Liepman (1905 – 1966)  hat nach einigen unterschiedlichen Tätigkeiten immer geschrieben und blieb der Literatur und dem Theater immer verbunden. Dadurch dass er stets gegen den aufkommenden Nationalsozialismus sprach und schrieb, wurden seine Werke verboten und verbrannt. Da er weitermachte und auch journalistisch tätig war, musste er nach der Machtergreifung fliehen und emigrierte über Frankreich und England in die USA. Sein Tatsachenroman „Das Vaterland“ erschien bereits 1933.

Am 28 März 1933 läuft der Fischdampfer Kulm, kommend von der See, in die Elbe ein. Am zweiten Weihnachtstag waren sie in See gestochen. Sie waren somit drei Monate weg und haben nichts von der Machtergreifung mitbekommen. An Bord sind unterschiedliche Männer mit unterschiedlichen politischen Einstellungen. Als der Dampfer den Heimathafen ansteuert, wird schon die Einfahrt in die Elbe durch ein ungutes Gefühl begleitet. Etwas ist anders. Sie sehen plötzlich die Hakenkreuz-Flaggen und sie retten einen Mann aus dem Wasser, der auf ein ausfahrendes Schiff hoffte, aber lieber in den Freitod geht als umzukehren. Die Besatzung legt in einem radikal veränderten Land an. Jedes Besatzungsmitglied erlebt nun seine Heimkehr anders. Einige können mit der Umstrukturierung und der herrschenden Gewalt nicht umgehen, andere finden darin ihre Bestimmung. Sie erleben zum Beispiel wie eine Frau, nur weil sie ihre Gedanken ausgesprochen hat, von der Streife niedergeschlagen wird, wie sie verfolgt werden, weil sie Presseerzeugnisse nachgefragt haben, die jetzt verboten sind. Sobald jemand aber über die Gräueltaten spricht oder sogar diese meldet, bringt er sich selbst in Gefahr. Es wird bereits gemahnt, stets lieber den Mund zu halten, denn sonst würde man in das nahegelegene Erziehungslager kommen. Dennoch gibt es auch viele Stimmen, die immer wieder betonen, es würde niemals so heiß gekocht, wie gegessen würde. Doch die Ereignisse und die Situationen werden für alle zu einem Kampf um Identität und ums Überleben.

Es ist eine Reportage, ein Pamphlet, ein Tatsachenbericht und ein Roman. Ein wichtiges Buch, das gelesen gehört. Ein Text der anschaulich macht, wie schnell Menschen sich verändern, anpassen und zu Tätern werden. Wie schnell eine Angst um sich greift, die mahnende Stimmen zum Verstummen bringt. Alles ein Blick in die Vergangenheit, die sich sehr schnell wiederholen kann, aber nicht darf!

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