Arundhati Roy: „Das Ministerium des äußersten Glücks“

Arundhati Roy Das Ministerium des äussersten Glücks Fischer

Nach zwanzig Jahren ist nun ein neuer Roman von Arundhati Roy erschienen. Aber nach ihrem Weltbesteller „Der Gott der kleinen Dinge“ war die indische Autorin niemals still. Sie hat sich politisch und sozial betätigt und mit ihrem Ruhm viel erreichen können. Sie veröffentlichte Essays und Reportagen und „Das Ministerium des äußersten Glücks“ wirkt nun als Folge daraus, wie ein Mosaik aus all ihren Recherchen und Aufrufen. Denn das Buch ist voll. Voll mit Geschichten und Konflikten. Der Roman ist politisch sowie poetisch und zeigt, dass trotz großer Unterschiede im Leben, im Geschlecht, in der Politik und im Glauben immer Hoffnung, d.h. Glück möglich ist.

Die Familie Bargum, die in der ummauerten Altstadt von Delhi lebt, wünscht sie endlich einen Jungen. Als das vierte Kind während eines Stromausfalls geboren wird, legt die Hebamme das Kind in die Arme der Mutter und meint, es sei ein Junge. Doch die Mutter erkennt beim späteren Ertasten den Irrtum. Sie entdeckt versteckt hinter dem Jungen ein kleines Mädchen und hofft, das „falsche“ Körperliche würde wieder abfallen oder von alleine weggehen. Sie traut sich nicht, es ihrem Mann zu erzählen, der dem Kind stets die kriegerische und männliche Geschichte des Landes erzählt. Das Kind Anjum wächst auf und fühlt sich immer mehr als eine Frau, die gefangen ist in einem männlichen Körper. Sie ist eine Hijra, sie gilt sie weder als Mann noch als Frau. Hijras werden in den Gesellschaften üblicherweise als Mitglieder eines dritten Geschlechts erachtet, die meist in Gemeinschaften unter sich leben. Es gab Zeiten, da genossen Hijras ein gewisses Ansehen. Heute leben sie am Rande der Gesellschaft und leben vom Betteln und Prostitution. Anjum verlässt mit fünfzehn Jahren ihre Familie und zieht in das Haus der Träume, der Khwabgah und wird ein Mitglied der Hijra-Gemeinschaft. Sie wird durch ihre Schönheit und ihr Auftreten eine bekannte und gefragte Persönlichkeit.

Jahre später verlässt Anjum diese Kommune und zieht auf den Friedhof. Jede Nacht breitet sie ihren Teppich aus. Immer zwischen zwei andere Gräbern. Sie musste monatelange beiläufige Grausamkeiten ertragen und empfindet sich gleich einem verletzten Baum, der nun aber Wurzeln schlagen möchte. Über die Gräber ihrer Ahnen beginnt sie, Stück für Stück häuslich zu werden. Es entsteht eine Wahlheimat, die weitere Gäste einlädt. Eine gelebte Glücks-Gesellschaft, die sich auf dem Friedhof immer weiter ausbreitet.

Alle, die der Realität und der Geschichte des Landes entkommen wollen, sind auf dem Friedhof willkommen. In der Stadt wird zwischen dem Müll eines Tages ein Baby gefunden, wie Abfall beseitigt. Die Menschen, die den Säugling finden, wissen nicht, was sie machen sollen. Als Anjum sich des Kindes annehmen möchte, ist es auch schon wieder verschwunden. Es folgen weitere Perspektiven und mit ihnen weitere Geschichten. Es kommt auch ein Ich-Erzähler vor, der wie alle anderen Charaktere das Universum um Anjum ausfüllt, d.h. bereichert. Die vielen Perspektiven ergänzen sich und aus den einzelnen Geschichten und Rückblicken ergibt sich langsam der ganze Flickenteppich. Diese neue utopische Gesellschaft beinhaltet viele einzelne Schreckensgeschichten, aber letztendlich mündet dann alles beieinander.

Ein Roman, der voller Leben pulsiert. Es sind die irdischen Konflikte, der Kaschmir-Konflikt, der anhand von vier Freunden erzählt wird. Der spirituelle Konflikt zwischen den Religionen, zwischen Hindus und Muslimen. Anjum als Figur, die alle, die sich neu finden möchten oder müssen, die eine Wahlverwandtschaft anstreben und sich auf ihrem Friedhof versammeln, irgendwie vereint. Sie sagt: „Ich bin ein mehfil, eine Versammlung. Von allen und niemand, von allem und nichts. Möchtest du noch jemanden einladen? Alle sind eingeladen.“

Arundhati Roy hat erneut einen großen Indienroman geschrieben. Ein Potpourri an tiefgründigen Charakteren und Geschichten. Ein lehrreiches, unterhaltsames und sehr poetisches Werk. Durch die Charakterisierung der Figuren und ihren inneren Konflikten erhalten wir einen Einblick auf Indien. Es sind große Bilder, die wir durch Roy erlesen dürfen, die uns immer mehr verstehen lassen. Ein großer, bewegender Roman, der voller Leben mit all seinen Widersprüchen, Konflikten, Wünschen und Hoffnungen ist.

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Jana Hensel: „Keinland“

Jana Hensel Keinland Wallstein

Jana Hensels Debutroman ist ein sehr ungewöhnlicher und stiller Roman. Die Handlung ist eher eine Erinnerung, ein Festhalten an Bildern und an erlebten Momenten. Der Liebesroman wird aus der Sicht von Nadja erzählt. Die Reflexion beginnt mit dem Ende, das am Anfang des Romans erzählt wird. Nachdem Martin gegangen ist, beginnt Nadjas Rückblick. Es ist eine Liebe mit der Hoffnung auf Versöhnung. Denn es ist eine verfremdete Liebe zwischen Tel Aviv und Berlin. Beides Städte in Ländern, die ihre besondere und eigene Geschichte mit Mauern und Grenzen haben.

Die Beziehung beginnt, als Nadja von ihrem Chefredakteur einen Auftrag bekommt. Sie soll eine Reportage über Länder schreiben, in denen es Mauern gab. Länder, in die man nicht einfach so reisen konnte oder aus denen man nicht einfach so herauskam. Sie kennt sich mit diesem Thema aus, denn obwohl die DDR nie erwähnt wird, wird deutlich, dass Nadjas Vergangenheit in dieser wurzelt. Sie nennt es stets nur das falsche Land. Sie hat den Mauerfall erlebt, aber ihr sogenanntes falsches Land bleibt auch in ihr als geliebtes Land verankert. Denn sie hat unter anderem weiterhin eine Vorliebe für schmucklose Plattenbauten. Die Hässlichkeit der DDR als sinnliches Bild der erlebten Kindheit.

Sie möchte ein Interview mit Martin Stern führen. Er ist jüdischer Abstammung von Holocaust-Überlebenden. Seine Eltern lebten als Displaced Persons in Deutschland und Martin wuchs als Jude in Frankfurt am Main auf. Jetzt lebt er in Tel Aviv und fühlt sich dennoch immer dazwischen. Er ist weder in Deutschland noch in Israel heimisch. Martin und Nadja fühlen sich zueinander hingezogen. Es keimt eine Liebe in Ihnen und es entsteht eine tiefe Innigkeit. Bei ihren Treffen kommen sie sich näher und besonders ihr erstes Rendezvous lässt ihn den Wunsch nach einem Kind äußern, dass wohl in Ihr den Wunsch nach Familie, Geborgenheit und Liebe erweckt und somit ihr Herz erobert. Dennoch sind diese Szenen nie kitschig, denn als er dies sagt, befinden sie sich in einer hässlichen Bar am Strand. Martin wird ihr ein Rätsel, denn er geht immer mehr auf Distanz. Sie ist es in der Beziehung, die wohl mehr empfindet. Es ist auch stets ihre Geschichte, die wir zu lesen bekommen. Es sind ihre Erinnerungen an die Treffen und Gespräche. Bis er plötzlich wieder geht, still und leise, während sie schläft und er nur noch in den sozialen Medien auftaucht, über die die beiden trotz der Entfernungen und Grenzen miteinander verbunden sind.

Es sind Nadjas Erinnerungen, somit ist der Text voller Konjunktive, voller Widersprüche und die Handlung wird durch kunstvolle Zeitsprünge erzählt. Ihre Gespräche sind hin- und hergerissen. Sie nähern sich oft an, um wieder auf Abstand zu gehen. Sie wünschen sich Nähe und bitten dabei um Freiraum und sagen, der andere möge weggehen. In Sätzen, in denen Nadja etwas liebt, sagt sie auch gleich wieder, dass sie es hassen würde. Ihre Beziehung besteht aus inniger Nähe, aber auch einer großen Fremdheit. So glimmt ein beständiges Wechselspiel aus Emotionen, Geschichte und Wehleidigkeit. Ihr Liebe ist intensiv und könnte Länder und Grenzen überbrückend sein. Ist ihre Liebe von Anfang an unmöglich? Könnte nicht eine Nähe trotz der Distanz zueinander entstehen?

Der Roman spielt mit Ländern, die immer andere Namen bekommen: Meinland, Deinland, Keinland, falsches Land und heiliges Land. So wünscht sich Nadja ein nationenunabhängiges Idyll. Sie möchte mit Martin ein eigenes Land, eine Heimat finden. Sei es nur ein kleines, bescheidenes Zimmer.

Der Roman ist ein Liebesroman, aber auch ein literarisches Werk mit vielen Themenkomplexen. Der historische Kontext ist die Beziehung zwischen Deutschen und Juden. Der Holocaust und die Gründung Israels. Kann Liebe eine Brücke, die Rettung werden und warum versagen wir so oft oder schweigen, wenn man es nicht sollte? Jana Hensel schweigt zum Glück nicht, sondern hat einen sehr literarischen Roman geschrieben, der sich um Herkunft, Heimat, Schuld und Schicksal dreht.

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Jürgen Bauer: „Ein guter Mensch“

Jürgen Bauer Ein guter Mensch Septime

Ein intensiver Roman, der in einer nahen und möglichen Zukunft spielt. Es ist eine verdorrte, trostlose Welt. Erneut wird Mitteleuropa von einer Hitzewelle erfasst und die schlechte Versorgung ist der Keim von Kriminalität.  Die sozialen Strukturen der Gesellschaft geraten ins Wanken und die Politik wirkt hilflos. Wasser, das in Zukunft wohl kostbarste Gut, wird immer knapper. Die Menschen versuchen an die Küsten zu fliehen. Mit seinem dritten Roman stößt uns Jürgen Bauer in eine solche Welt und schreibt sehr fesselnd. Er baut eine anspruchsvolle Spannung auf, die seine Angstvisionen körperlich spürbar werden lassen. Es wird wohl dieses Buch sein, das Jürgen Bauer in der Welt der Literatur ein Stück weit bekannter machen wird. Sein Werk ist stets literarisch und klug komponiert und zeigt uns unsere eigenen Abgründe. „Ein guter Mensch“ ist wohl das von ihm zugänglichste Werk und durch die Thematik wird es hoffentlich eine große Leserschaft erreichen.

Im Roman wird vieles angedeutet und mit großartigen Bildern vollendet. Es kommen sowohl unsere aktuellen Themen vor, sowie jene, die uns, sollte es tatsächlich zu wenig gute Menschen geben, zukünftig beschäftigen werden.

„Vielleicht gibt es nicht zu viele Menschen“, erwiderte Marko. „Sondern einfach nur zu wenig gute.“

Die Wasserverteilung wird streng kontrolliert und rationiert. Das Versorgungssystem scheint dem Bedarf der Menschen kaum gerecht zu werden und ist lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein. Marko und sein Freund Berger sind Fahrer eines dieser mit Wasser gefüllten Tankwagen, die täglich zu den Menschen, unter anderem Flüchtlinge oder sogenannte Durstige, fahren. Die meisten Menschen, die geblieben sind, haben sich mit der Situation abgefunden. Auch Marko, dessen Frau, die ursprünglich aus der Türkei kam, bereits geflohen ist, bleibt und versucht seinen Beitrag zu leisten. Auch fehlen ihm anfänglich der Wille und das Geld, um das Land Richtung Norden zu verlassen. Dann ist da noch Norbert, Markos alkoholkranker Bruder, der den Hof der Familie nicht aufgegeben mag. Marko kümmert sich um Norbert und gibt den Glauben an das Gute im Menschen nicht auf und versucht, für sein Umfeld das Leben erträglicher zu machen. Seine Perspektive beginnt sich zu verändern als eine Frau, der er Wasser verweigert hatte, sich vor seinen Augen die Pulsadern aufschneidet, damit sie ins Krankenhaus kommt, um dort mit Nahrung und Wasser versorgt zu werden.

Später wird er Zeuge einer sehr schnell wachsenden Bewegung. Anfänglich war es ein Kind, das ihn mit einer Wasserpistole angespritzt hatte. Dann findet er Flugblätter, die die Menschen auffordern, doch mit dem nassen Gut wieder verschwenderisch umzugehen. Meist sind es junge Menschen die von einer mysteriösen Frau angeführt werden. Diese Organisation nennt sich „Die dritte Welle“. Sie sehen die Entwicklung in drei Zügen, d.h. Wellen an: die erste war die der Verschwendung, dann kam die Entbehrung und sie, die dritte Welle, steht für die Freude. Sie machen in der Stadt diverse Aktionen, um auf den kommenden Kollaps hinzuweisen und demonstrieren mit ihrem dekadenten Auftreten gegen das Ungleichgewicht der Verteilungen. Ihre Zentrale ist passend in einem stillgelegten und trockenen Schwimmbad. Berger und Marko beginnen die Rationierungen und das ganze System in Frage zu stellen und ihre Weltsicht erneut zu überdenken.

Jürgen Bauer hat eine Dystopie geschrieben, die sehr erlebbar ist.  Beim Lesen spürt man förmlich die Hitze, den Staub und den Durst. Es ist eine trostlose, ausgetrocknete Welt, die an den im Text angedeuteten Film „Wall-E“ erinnert. Erneut verstehen es einige Menschen, auch aus dieser Not ihren Nutzen zu ziehen. Das Buch erzählt sehr fesselnd die Handlung innerhalb eines halben Jahres während eines heißen Sommers in naher Zukunft. Doch ist die Zukunftsvision nah am aktuellen Zeitgeschehen und den kulturellen Entwicklungen. Denn Jürgen Bauer verwebt im Text Anspielungen auf andere Werke aus Film, Literatur und Musik. Oft begleitet einen beim Lesen ein passender Soundtrack, der fast schon dezent sarkastisch im Text Erwähnung findet. Als Beispiel sei der Song von Fury in the Slaughterhouse: „Time to Wonder“ genannt.

Der Roman lässt einen nicht ungerührt und man beginnt sein eigenes Verhalten zu reflektieren und hofft, gleich Marko, stets das Richtige, d.h. das Gute zu machen.

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Siehe auch Jürgen Bauer: „Was wir fürchten“ und im Leseschatz-TV: Jürgen Bauer und „Ein guter Mensch„. Ferner die Besprechung von Jochen Kienbaum auf lustauflesen.de

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Gérard Scappini: „Ungeteerte Straßen“

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Das Bild der ungeteerten Straßen vermittelt den unebenen Weg, den auch das Leben gehen kann. Sei es der naturbelassene Untergrund oder der Anfang des Lebenswegs, der ebenfalls ein holpriger sein kann. Das Buch „Ungeteerte Straßen“ von Gérard Scappini trägt den Untertitel „Eine Kindheit in Frankreich“. Wenn man aber einen gewöhnlichen Roman erwartet, wird man spätestens beim Aufschlagen der Seiten eines besseren belehrt. Der Text ist in 57 Gedichten geschrieben, die die Kindheitserinnerungen eines Jungen beschreiben. Es ist eine Lyrik, die sich dem Leser sehr schnell erschließt. „Es gibt Lyrik, die sich nicht der Welt und dem Leser verschließt!“ sagte mir in einem Gespräch Günther Butkus, der Verleger des Werkes. Es sind sehr bodenständige Gedichte, die sich fast wie Prosa lesen lassen. Denn man könnte es wie einen Text lesen, der typografisch gebrochen wurde. Dann verliert man aber den Bezug zum lyrischen und poetischen Rhythmus des Werkes.

Wir Leser tauchen ein und versinken zügig in den ungeteerten Straßen. Der Leser erlebt die Welt der 50er Jahre in Frankreich aus der Sicht von Pascal. Sein Umfeld und alle handelnden Figuren treten sehr plastisch ausgearbeitet Stück für Stück aus den einzelnen Gedichten hervor. Im Vordergrund steht die kindliche Einfachheit und Naivität von Pascal. Neben den Freuden seiner Kindheit lernt er die Konflikte der Eltern und die wachsende Armut zu bewältigen. Als sogar das Brennholz ausgeht wird sein Spielzeug verbrannt mit der Hoffnung auf Neues. Dies bleibt ihm aber trotz großer Anstrengungen meist verwehrt. Ihm wurde bei besonderem schulischen Erfolg ein Fahrrad versprochen und als er das Ziel erreicht hat, bekommt er lediglich vom Vater den Hinweis, er solle nur so weiter machen. Der Vater ist ein erfolgloser Arbeiter, war mal ein gefragter Sportler und neigt zur Willkür und zur Brutalität. Die Mutter träumt von besseren Tagen und umsorgt die Kinder liebevoll. Durch die Gedichtform erhascht man beim Lesen Einblicke in die damalige Zeit und in Stakkato-Sätzen und Bildern durchleben wir Pascals unebenen Weg von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenen. Pascal durchlebt das Schöne, aber auch die Schrecken der Armut und die Konflikte der Familie. Ein kindliches, urteilsfreies Staunen untermalt die Trostlosigkeit jener Zeit und die Bitterkeit sowie Trauer von Pascals Familie, in deren Umfeld er langsam heranwächst.

Das Buch vereint einen Roman und einen Lyrikband in einem. Gérard Scappini schlägt mit den 57 Gedichten ein ganzes Rad um die Figuren und ihre Geschichte. Mit wenigen Worten hat er eine Welt erschaffen, die er mit tiefgründigen Charakteren belebt. Das Buch reiht sich ein in die Werke der mäandernden biographischen Romane. Doch ist es durch die knappe Sprache und die Gedichtform eine kurzweilige Reise in die Lyrik und gerade dadurch eine positive Entdeckung mit bleibenden Eindrücken.

Gérard Scappini wurde in Frankreich geboren, lebt aber in Deutschland und war als Buchhändler und Verlagsvertreter tätig.

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Doron Rabinovici: „Die Außerirdischen“

Doron Rabinovici Die Ausserirdischen

Wir Menschen benötigen keine Außerirdischen, um uns selbst unheimlich zu werden. Jedenfalls zeigt dies der überspitzte Roman von Doron Rabinovici, der aber keinesfalls ein Science-Fiction-Roman, sondern eine ironische Gesellschaftskritik ist.

Das Buch liest sich wie ein wahnwitziger Irrsinn, der durch seinen Humor und die überdrehte Handlung Spaß macht. Doch gegen Ende bleibt der Witz nur noch dezent im Halse stecken und es wird immer spannender und rasanter. Es geht um die Frage nach Schuld, Verantwortung, Toleranz und Machtgier. Rabinovici spielt mit der Verkettung von Verschwörungstheorien und der Macht der Medien am Beispiel von Fernsehshows. Es beginnt mit unsichtbaren Fremden, die den Menschen Angst machen und endet mit einem erneuten Holocaust.

Eines Morgens heißt es plötzlich, die Außerirdischen seien da. Sol und seine Frau Astrid hören es in den Nachrichten. Er ist ganz gebannt und glaubt den Meldungen, während Astrid sich an Orson Welles Radioversion von H.G. Wells erinnert und es für einen Witz hält. Sol ist Mitbegründer eines Online-Magazins „smack.com“, das sich mit Ernährung beschäftigt und ist immer mehr von der Wahrheit der Nachricht über die Landung der Außerirdischen überzeugt. Die Menschen geraten in Panik, es kommt zu Plünderungen und das Chaos bricht auf den Straßen aus. Dann breitet sich eine erneute Meldung aus, die Aliens sollen sanftmütig sein und es bestünde kein Grund zur Panik. Doch meiden sie weiterhin jeden Kontakt. Sol und sein Team berichten nicht mehr über Rezepte und Ernährungstrends, sondern sind mit aktuellen Interviews, Darstellungen und Reportagen ein Sprachrohr für die Menschen geworden und ihre Talkshows sind stets aktuell und dicht an den Ereignissen. Sie meinen, Meinungen wiederzugeben, aber dabei sind sie es, die beständig das Meinungsbild entwerfen.

Eine neue Meldung sickert durch. Die Außerirdischen, die auf der Welt für Aufschwung und Frieden gesorgt haben sollen, möchten ein Glückspiel starten. Ein globaler Wettbewerb der auf Freiwilligkeit beruhen soll. Denjenigen, die die ersten drei Plätze machen, winken unglaubliche, galaktische Preise. Alle die teilnehmen werden Stars. Da ist nur ein kleines Häkchen. Wer verliert, wird geschlachtet. Langsam keimen in Sol die Fragen um seine Mitschuld und an den Hintergründen der Spiele. Wer profitiert tatsächlich davon?

Die Handlung nimmt rasant Fahrt auf, als ein Nachbar von Astrid und Sol sich freiwillig für die Show melden möchte. Die Menschen sind alle im Bann der Gameshow, fiebern mit ihren Stars und weinen aus Stolz und Mitgefühl mit den Helden, die sich als Lunch den Aliens hingeben. Dabei rücken die eigentlichen Verursacher der Show immer mehr aus dem Bewusstsein… Waren Sie überhaupt da? Was bleibt mit den Gewinnen? Was ist mit den Exobilien? Denn das  Preisgeld und der allgemeine Aufschwung beruhen auf Grundstücken im Kosmos… Ist alles menschengemacht, wie der anfängliche Stromausfall, der auf menschliches Versagen zurückzuführen war?

Ein politisch, gesellschaftlicher und moralischer Zeigefinger, der aus dem All auf uns zeigt und ziemlich launigen Lesespaß verspricht.

„Fest steht nur, dass wir – auf uns allein gestellt – noch immer da sind. Und das allein kann unheimlich genug sein.“

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Mareike Krügel: „Sieh mich an“

Sieh mich an Mereike Krügel Piper

Der Roman spielt an einem Tag, an einem Freitag in Kiel, Projensdorf. Es scheint das ganz alltägliche Familienchaos zu sein. Doch das wirkt nur so. Das Thema des Buches dreht sich um die Frage, was passiert, wenn innerhalb der Familie eine wichtige Bezugsperson ausfällt beziehungsweise fürchtet, bald sterben zu müssen. Was soll man tun, wenn man plötzlich etwas in der Brust ertastet, während die Tochter durch ihre Verhaltensauffälligkeiten von der Schule verwiesen werden könnte und der Ehemann nur an den Wochenenden anwesend ist? „Man kann doch nicht einfach so sterben, wenn die Dinge noch ungeklärt sind.“

Mareike Krügel hat aber keinen typischen Familienroman oder ein Krebsbuch geschrieben. Brustkrebs selbst wird niemals erwähnt oder direkt ausgesprochen. Es ist ein temporeiches Buch voll alltäglichem Wahnsinn, Humor und emotionalen Herausforderungen sowie Erschütterung. Ein herzlicher und witziger Roman, der schnell an Fahrt aufnimmt. Die Handlung ist nur dezent überspitzt und nur am Ende ganz leicht überdreht. Dies soll aber keine Kritik sein, denn für mich war alles im und am Buch stimmig.

Mareike Krügel ist leider vielen Lesern noch nicht so bekannt. Dabei ist „Sieh mich an“ ihr vierter Roman und sie hat für ihre vorherigen Werke bereits einige literarische Auszeichnungen erhalten. Sie wurde 1977 in Kiel geboren und lebt nun mit ihrem Mann, dem Schriftseller Jan Christophersen, an der Schlei. Beide haben bisher viele wunderbare Bücher geschrieben. Lange ist es her, aber ich möchte es nicht unerwähnt lassen, dass Mareike Krügel mal ein Buchhandelspraktikum in unserer Buchhandlung, der Buchhandlung Almut Schmidt, gemacht hatte.

Gleich der erste Satz nimmt einen gefangen. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin, Katharina, konfrontiert uns sofort mit ihren Ängsten. Die Angst vor dem Tod und dem Öffnen der Schultür. Schultüren wirken auf sie wie Pforten zur Hölle und dennoch würde sie für ihre Familie durch alle Höllenfeuer gehen, wenn es sein müsste. Ihre Kinder, Alex und Helli, stehen für sie im Mittelpunkt. An dem Tag der Handlung ist es erneut ihre Tochter, die vorzeitig von der Schule abgeholt werden soll. Später erfahren wir, dass die elf Jahre alte Helli leicht verhaltensauffällig ist und wohl an ADHS leidet und somit viel Raum und Zeit in Katharinas Leben einnimmt. Katharina hat neben dem Haushalt und ihrer Mutterrolle noch einen Teilzeitjob und gibt Musikkurse. Sie ist Musikwissenschaftlerin, deren Doktorarbeit seit Jahren auf ihre Vollendung wartet. Sie kommt nicht dazu, diese fertig abzugeben, da sie den ganzen Alltag und den Haushalt alleine managt, da ihr Mann, Costas, werktags in Berlin arbeitet.

Katharina lässt also alles stehen und liegen, um Helli von der Schule abzuholen, das diese sehr starkes Nasenbluten hat. Doch ihre Gedanken kreisen ständig um ihre Entdeckung. Sie ist Anfang 40 und hat in ihrer Brust etwas erfühlt. Es sitzt in ihrer linken Brust und bleibt unverändert, aber schmerzt nicht. Sie befürchtet das Schlimmste, macht sich wenig Hoffnung, da auch ihre Mutter an Krebs verstorben war. Ab sofort ist die Angst ihr beständiger Begleiter, den sie aber sehr gekonnt verdrängt und aus ihrer Wahrnehmung verbannt. Sei es nun durch ihre Tochter, die erneut ihre ganze Aufmerksamkeit benötigt oder der kleinen Panne, da sie beim Fahren ihre Lieblings CD von Schubert hört und sie leider die Angewohnheit hat, bei den schönsten Passagen die Augen zu schließen. Es passiert aber an diesem Freitag an der Ostsee noch so einiges mehr: Einer ihrer Nachbarn hat sich bei der Gartenarbeit den Daumen abgeschnitten und dann hat sich noch ein geliebter Studienfreund zu Besuch angemeldet. Dem Chaos in ihrer Umgebung und in ihrem Kopf versucht Katharina mit ihren kleinen Listen Herr zu werden, die ihr Geheimnis sind, gleich dem kleinen Etwas in ihrer Brust, zu dem ihre Gedanken stets wandern, sie es aber nie wirklich in Augenschein nimmt.

Ein warmherziges Buch, das den Leser zügig in Beschlag nimmt und sofort Bilder in der eigenen Phantasie wachsen lässt. Es behandelt viele Lebensfragen und ist lebensklug, sehr hingebungsvoll und mit sehr viel Humor geschrieben.

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Siehe auch die Besprechung auf Papiergefluester

 

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Yasmina Reza: „Babylon“

Yasmina Reza Babylon Hanser

Yasmina Reza versteht es erneut, die alltäglichen Nichtigkeiten groß werden zu lassen und somit das Dramatische fast schon komisch wirken zu lassen. Bei Reza sind es stets Dramen im Alltag, die die Gesellschaft anhand kleiner Gruppen widerspiegeln. Ihre Bücher zählen wohl auch schon zu Recht zu den gefragtesten aus und in Frankreich. Winzige Abgründe werden beleuchtet, reißen innerhalb des Textes auf und platzen meist in tragisch-komischer Weise. So auch in ihrem neuen Roman, der mit der Planung einer Party beginnt und dann bereits in der Vorbereitung ins Straucheln gerät. Nach dem Fest kommt sogar einer der weiblichen Gäste ums Leben.

Die Gestaltung des Umschlags und auch der Titel verraten bereits, was einem beim Lesen erwarten wird. Das Bild einer Frau, auf dem ein kleiner Bildausschnitt vom selben Porträt aufgelegt ist. Der kleinere Ausschnitt passt irgendwie, dann aber auch wieder nicht. So erscheint das Bild leicht versetzt, daneben, so als würde die Frau sogar schielen. Das tatsächliche Bild von uns passt nicht zu dem Erscheinungsbild, oder zu der Wahrnehmung über uns. Der Titel „Babylon“ bezieht sich auf die wichtigste Stadt des Altertums und dient als Metapher der babylonischen Sprachverwirrung.

Elisabeth wohnt in einem Mehrfamilienhaus und plant eine Frühlingsparty. Sie hat an alle eine Mail mit der Einladung versendet und ist, nach dem Versand, selbst erschrocken, dass es doch wohl zu viele Gäste werden könnten. Sie hat gar nicht genügend Sitzmöglichkeiten und Geschirr. Sie ist eine Ingenieurin, die beim Patentamt arbeitet und feiert eigentlich ungern. Sie möchte dennoch mit Bekannten und Freunden den Frühling feiern.  Sie will fröhlich in Erscheinung treten. Sie geht zu den Nachbarn, Jean-Lino und Lydie, um sich Stühle zu leihen. Bei der Organisation der Gläser geht es bei ihr und ihrem Mann noch hin und her, ob Plastikeinweg oder ob es doch etwas edleres sein soll. Hier beginnt bereits die zu steigernde Dissonanz im Roman.

Es ist der 21. März und die Frühlingsparty beginnt. Der Frühlingsanfang zeigt sich nicht, denn es beginnt zu schneien. Hierbei teilt sich das Lager der Gäste, die Frauen meinen der Schnee würde liegen bleiben, während die Herren es besser zu wissen meinen. Elisabeth, die mit circa 40 Gästen gerechnet hatte, empfängt lediglich unter der Hälfte und eine Partystimmung mag nicht aufkommen. Alles stockt und eine leichte Plauderton-Atmosphäre versiegt, sobald diese überhaupt aufgekommen zu sein scheint. Die Nachbarn Jean-Lino und Lydie lassen die Stimmung gänzlich kippen, als eine Diskussion über Hühnerhaltung und Biofleisch beginnt. Jean-Lino macht sich lustig über Lydie und ahmt sogar ein flatterndes Huhn nach. Die Gesellschaft löst sich auf und Elisabeth und ihr Mann entscheiden sich, nach der Party nicht aufzuräumen sondern ins Bett zu gehen. Dann klingelt es an der Tür und Jean-Lino steht davor und bittet um Hilfe, denn er habe gerade Lydie erwürgt. Wie es zu dem Mord kam liest sich tragisch-komisch und es spielt dabei ein nierenkranker Kater eine Rolle. Jean-Lino bittet Elisabeth, zusammen mit ihm die Leiche aus dem Haus verschwinden zu lassen.

Yasmina Reza hat das Gespür für das Kleine, das eigentlich Nichtige, das unser Leben anders erscheinen lassen kann. In den Romanen von Reza stehen nie die großen Weltprobleme im Mittelpunkt, sondern jene, die auf kleiner Bühne erscheinen: In der Beziehung, in der eigenen Wohnung oder auf einer geselligen Party. Wir tauchen ein in eine Gesellschaft, die sich hübsch macht – also den Naturzustand in Frage stellt und übertüncht.

Es geht um Behaglichkeit, d.h. Wohnlichkeit. Um Heimat und Exil. Gleich dem babylonischen Bild, sprechen alle ihre Sprache und reden aneinander vorbei. Der Mensch empfindet sich in seiner Wohnung heimatlos und einsam in der feiernden Partyrunde. Es kommt auf den Blickwinkel und den Lichteinfall an, die das bekannte Umfeld bedrohlich wirken lassen können. In winzigen Gesten spielt Reza mit unseren menschlichen Disharmonien.  Sei es am Beispiel der Pflegerin der kürzlich verstorbenen Mutter von Elisabeth, die das geschenkte Deckchen nachlässig und gedankenlos einsteckt. Aus den kleinen Gesten werden große Bilder, die in den kleinen Kammerspielen, die Rezas Bücher stets sind, uns Lesern das gegenwärtige Leben in unserem Umfeld verdeutlichen können.

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