
Dieser Roman pendelt zwischen den Bergen, den Meeren und verwebt Einfachheit mit Tiefgang, Poesie mit Leichtigkeit. Marie-Louise Monrad Møller ist Kunsthistorikerin und hat Literarisches Schreiben studiert. Sie hat bereits Kurztexte veröffentlicht. „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ ist ihr Debütroman. Die in Dänemark geborene Autorin ist zwischen Flensburg und Schleswig aufgewachsen und hat ein autofiktionales Familienporträt geschrieben. Es geht vorrangig um den Umgang und die Beziehungen innerhalb der Familie.
Mit einer zugänglichen Sprache werden die nordischen Landschaften und die Gefühlswelt der Erzählerin sehr lebendig. Die Erzählerin ist angehende Schriftstellerin, die noch studiert. Sie ist noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Sie schreibt und erzählt und spricht jemanden mit Du ganz direkt an. Das Du ist die Mutter, die im Sterben liegt. Ihr Alltag, den sie gerade selbst zu strukturieren versuchte, wird durch den Anruf ihrer Mutter gänzlich zersprengt. Sie reist zurück in den Norden, nach Schleswig-Holstein, nahe der dänischen Grenze. In der norddeutschen Heimat kommen die ganzen Erinnerungen zurück. An ihre Geschwister, Malte und Lotti, und ihren Vater, den dänischen Musiker, der oft unterwegs ist. Besonders verweilen ihre Gedanken bei der Mutter, die als Pastorin für alle ein Gehör und Zeit hatte, außer für die eigene Familie. Sie lebten im Pastorat mit einem schönen Garten. Doch das kleine familiäre Paradies ist durch Verwahrlosung geprägt. Die Mutter ist der Mittelpunkt und somit steht alles in ihrem Schatten. In der Gemeinde ist sie sehr angesehen und ist für alle erreichbar. Die Sorgen anderer stehen vor den Bedürfnissen der eigenen Kinder. Diese müssen oft selbst sehen, wie sie zurechtkommen und werden beim Einkauf auch gerne mal im Einkaufszentrum vergessen. Auch als die Mutter die Pastorenstelle aufgibt und in einer Klink als Seelsorgerin anfängt, ist der Auszug aus dem Pastoratsgebäude kein geplanter und für die Kinder ein sehr überraschender. Durch die Krebsdiagnose verliert die Mutter ihre Kraft und plant nun bereits ihre eigene Beerdigung. Mit viel Hingabe und Humor beschreibt die Erzählerin ihre Erlebnisse und Erinnerungen um das damalige und heutige Elternhaus. Das Drama der sterbenden Mutter ist lediglich der Auslöser und steht nicht als emotionaler Koloss im Text, sondern im Mittelpunkt steht das Leben miteinander und ist letztendlich auch eine Liebeserklärung. Das Aufwachsen in einem Elternhaus, das die Kinder allein lässt und ihnen doch bei den Erziehungsmaßnahmen und im überschneidenden Alltag sehr kontrolliert und streng begegnet. Gerade als Teenagerin muss sie ihren Weg zwischen Freiheitsdrang und Zugehörigkeit finden. Die Mutter lässt dabei wenig Spielraum und hat wenig Nächstenliebe für die eigene Familie übrig. Doch ist ihre Liebe eine ganz andere und somit zeigen sich die Familienbande auf ganz anderer Ebene.
Es geht um die Frage, was man fühlen darf, soll oder kann. Darf man feiern oder reisen, wenn die Mutter stirbt? Darf man sein eigenes Leben vor das der anderen stellen, auch wenn gerade die Bedürftigkeit sehr groß ist? Gerade wenn die Mutter eine Rolle ausfüllt, die immer für andere ausgefüllt war und wenig Raum für das enge Umfeld hat. Die öffentliche und die private Wahrnehmung der familiären Ereignisse, die durch die Funktion der Mutter einen größeren Umkreis beeinflusst. Der Verlust des Miteinanders und die Empathie für das Gegenüber, das angesprochene Du, können hier innerhalb einer Familie nachempfunden werden. Aber eine Familie ist die kleinste Gruppe unserer ganzen Gesellschaft und somit berühren diese Gedanken uns alle. Der Roman hat etwas Einfaches, sogar Nüchternes und verweilt dennoch oft in Tiefe mit einer sinnlichen und poetischen Sprache.
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