PARIS NOIR

Paris Noir CulturBooks

Paris ist die Stadt der Liebe und des Lichts. Mit der französischen Metropole verbinden wir gemütliche Cafés, buntes Leben auf den Gassen und Straßen und natürlich die vielen Museen und Sehenswürdigkeiten. Paris ist eine Stadt, in der das Leben und die Kultur brodeln. Aber ist Paris nur jene lichtvolle und liebenswerte Stadt? Mit „Paris Noir“ wandeln wir durch verschiedene Stadtteile und kommen der Dunkelheit sehr nahe.

Die zwölf Geschichten bringen die literarische Gattung „Noir“ zurück zu ihrem Ursprung. Die wohl geläufigste Bedeutung des Begriffs bezieht sich auf eine Untergattung des französischen Kriminalromans. Mit dem Buch reist man durch Paris, durch die Grauzonen der Gesellschaft und in die tiefdunklen Schauplätze. Jede Erzählung spielt in einem anderen Viertel und es entsteht ein fesselndes, beklemmendes und literarisches Porträt von Paris. Es ist ein Reigen an tollen Kurzgeschichten von namhaften Autoren oder talentierten Newcomern. Das Buch lädt ein, die Schattenseiten des Stadtlebens und Paris selbst auf eine ungewöhnliche und schwarze Weise zu entdecken.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. In jedem Abschnitt befinden sich vier exklusive Storys von unbekannten und preisgekrönten Autoren. Die Geschichten handeln unter anderem von einer Prostituierten, die von korrupten Polizisten erpresst wird und unerwartet Hilfe von einem Chauffeur erhält. Wir lernen Kleinkriminelle, Psychopathen, Gangster und Detektive kennen. Ferner Agenten, die selbst die gejagten ihrer Auftraggeber werden und beseitigt werden sollen oder zwei Araber, die durch das Quartier Latin schlendern und eigentlich auf einem brutalen Raubzug sind. So wandelt sich Stück für Stück die Stadt der Liebe und des Lichts in eine gewaltvolle, dunkle Metropole, die aber durch die Texte nichts von ihrer Faszination einbüßt. Nicht jede Geschichte zündet Begeisterung im Leser, aber gerade durch die Vielfalt der Geschichten und Abgründe wird man regelrecht durch die diversen Blickwinkel auf die schwarze Stadt getrieben. Die dutzend Erzählungen sind wandlungsreich, düster und bieten schaurige, stimmungsvolle und gute Unterhaltung.

Das Buch wurde von Aurélien Masson herausgegeben und die exklusiven Kurzgeschichten sind von: Salim Bachi, Didier Daeninckx, DOA, Jérôme Leroy, Dominique Mainard, Laurent Martin, Christoph Mercier, Patrick Pécherot, Chantal Pelletier, Jean-Bernard Pouy, Hervé Prudon und Mark Villard.

Dies ist der Auftakt internationaler Noir-Anthologien. Es folgen Berlin- und USA-Noir im Jahr 2018.

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Irene Dische: „Schwarz und Weiß“

Irene Dische Schwarz und Weiß Hoffmann & Campe

Irene Dische schreibt stets mit scharfem Blick auf die Gesellschaft. Diesmal ist es der amerikanische Traum, der wohl nicht nur in heutiger Zeit teilweise ausgetrumpt ist. Es ist eine Familien,- Lebensgeschichte, die die letzten drei Jahrzehnte des letzten Jahrtausends mit viel Verstand, Humor und Fragen beleuchtet. Es ist ein Bildungsroman, der ganz nebenbei auch großartig unterhält.

Immer wieder taucht Jo im Text auf. Wie ein unheilverkündender Engel. Jo ist die Mutter von Duke, der in Gegenwart von Jos Einschüben im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Der Spannungsbogen ist gleich zu Anfang gesetzt, denn danach beginnt der Roman in der Vergangenheit mit der Liebesgeschichte zwischen Lili und Duke in den siebziger Jahren. Duke Butler wirkt wie ein Träumer und es ist die Liebe zu Lili Stone, die ihn in New York bleiben lässt. Sie ist die Tochter jüdischer Emigranten und kulturell gebildeter Menschen. Ihre Mutter ist Journalistin und ihr Vater ein Komponist. Duke, ein Schwarzer, stammt aus armen Verhältnissen und kommt gerade aus dem Vietnamkrieg. Er ist Trompeter, der nicht wirklich spielen kann, was im Bigband-Sound aber nicht von Bedeutung ist. Duke und Lili kennen sich bereits aus Afrika. Als Duke Fronturlaub hat, nimmt die aufgeschlossene Familie sich seiner an. Man will sich um ihn kümmern. Duke bekommt die Zuwendung, die sich Lili erhoffte. Ein Attest befreit ihn vom Dienst in „Nam“ und er bekommt eine Anstellung im Weinhandel. Da Duke vom Wein nichts versteht, ist er ein Fass, in das eigenes und neues Weinempfinden eingegossen werden kann. Gerade durch seine naive Herangehensweise und blumigen Beschreibungen des Getränks wird er ein gefragter Weinexperte. Er schmeckt die feinsten Nuancen des Weines, ist aber blind gegenüber menschlichen Schattierungen.

Lili tritt als verträumtes Pummelchen mit großer Brille auf. Duke und Lili verkörpern anfänglich das perfekte amerikanische Paar. Er, der ungebildete aus dem Süden, findet die Liebe seines Lebens und bekommt die große Chance aufzusteigen. Auch Lili verändert sich, sie mausert sich im wahrsten Sinne des Wortes. Sie entpuppt sich und als sie auch letztendlich die Brille ablegt wird sie von der Modelwelt entdeckt. Beide machen Karriere in New York und erleben die Siebziger und Achtziger Jahre.

Doch durch die Stimme von Jo und die Verwandlung von Lili in Lilith werden die Tiefen und unterschiedlichen Schattierungen der beiden, der Gesellschaft und der kommenden Geschichte angedeutet. Die Handlung nimmt diverse Wendungen. Lili scheint wie gemacht für die Werbewelt mit ihrer oberflächlichen Weltbetrachtung. Sie beherrscht das Spiel, wohingegen Duke meist kleinste Manipulationen verborgen bleiben. Hinter ihrem weiblichen Charme und ihrer Intelligenz brodelt eine Dunkelheit. Beide sind gutwillige Menschen, die aber auch Diabolisches in sich verbergen.

So webt der Roman einen Bogen über den großen Kontinent und über einen Reigen an Figuren. Weiß trifft auf Schwarz und es sind die Schattierungen dazwischen, die das Buch ausmachen. Der amerikanische Traum vom einfachen, ungebildeten Menschen zum gefragten Experten und Medienstar. Die Gier nach Wohlstand, Glamour und Geld steht der Liebe gegenüber. Eine Liebe, die aber auch zerstörerisch sein kann. Ein Roman, der sich mit vielem auseinandersetzt und genauestens beobachtet. Mit viel Hingabe und Humor werden die Nuancen der individuellen Träume der gesellschaftlichen Realität gegenübergestellt und überspitzt. Es kommt zu schockierenden Ausbrüchen, Bekenntnissen und brutalen Übergriffen. Schwarz und Weiß als Kontrast zweier Nicht-Farben, die in sich das ganze Spektrum der Farben verbergen. Das Buch macht irgendwie atemlos und versteht zu begeistern.

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Matthew Weiner: „Alles über Heather“

Alles über Heather Matthew Weiner Rowohlt

Dieser kleine Roman bietet psychologische und spannende Unterhaltung mit sehr viel Kurzweil. Zwei gesellschaftliche Pole treffen aufeinander. Eine Kleinfamilie, die an sich selber scheitert, und ein Mann, der im Leben wenig Glück und Liebe findet und eine Katastrophe auslöst.

Das Buch ist szenisch geschrieben und ein Debutroman eines sehr erfolgreichen Autors. Matthew Weiner ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. Er war für sehr erfolgreiche Serien u.a. „The Sopranos“ und „Mad Man“ tätig.

Aber auch das Buch selbst gehört betrachtet. Das kleine Buch ist aufwendig und sehr handlich produziert. Der Titel wirkt sehr schlicht und hinter der Schrift erkennt man ein weibliches Gesicht. Es ist auch eine wunderschöne, junge Frau, die den Kern der Handlung bildet, aber auch das Zentrum aller weiteren Protagonisten wird.

Es beginnt mit den Eltern von Heather. Karen und Mark Breakstone, die mit fast schon je vierzig Jahren heiraten. Sie werden von ihren Freunden verkuppelt, die es alle bereits zu Wohlstand gebracht haben und glücklich verheiratet sind. Mark hat so viel Erfolg bei der Arbeit, dass er sehr viel Geld verdient, aber bei der Karriereleiter stets überholt wird, weil er sich aus dem sozialen Umgang innerhalb des Unternehmens zurückhält. Karen lässt auch ihre im Verlagswesen angesammelten Erfahrungen hinter sich und möchte mit Mark eine Familie gründen. Sie führt stets Listen, die ein Für und Wieder ihrer großen Lebensfragen gegenüberstellen. Der einzige Punkt für die Ehe mit Mark ist nicht das Geld, sondern sie möchte mit ihm ein Kind. Dieses Kind ist Heather und die Familie lebt anfänglich glücklich und frei von Sorgen in Manhattan.

Zehn Jahre bevor sich Mark und Heather zum ersten Mal trafen, wurde Robert Klasky geboren. Robert, nur Bobby genannt, wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter in New Jersey auf. Bobby ist ein medizinisches Wunder, da er lebend auf die Welt kommt, obwohl seine Mutter auch während der Schwangerschaft nicht auf Drogen und Alkohol verzichten wollte. Bobby sieht das Heroin als das Beste im Leben seiner Mutter an und auch als Kind ist er gerne bereit, ihr und den wechselnden Partnern und Kunden bei der Zufuhr der Droge behilflich zu sein. Als er bei einer versuchten Vergewaltigung angezeigt wird, kommt Bobby ins Gefängnis.

Nach der Haft versucht er, sich in der Gesellschaft wieder einzugliedern. Aber durch seine Vorgeschichte und den erneuten Einzug bei seiner Mutter verliert er immer mehr an Menschlichkeit. Er kann sich gewaltvoll von seiner Mutter lösen und beginnt auf dem Bau zu arbeiten.

Mark und Karen entfremden sich immer mehr. Ihr gemeinsames Lebenszentrum ist ihre Tochter, die sie verwöhnen und als diese in die Pubertät kommt, beginnen die Familienbande immer labiler zu werden. Das ganze Dasein der Eltern ist auf Heather gerichtet und als diese sich abnabelt, beginnt es immer mehr innerhalb der Familie zu kriseln. Sie wohnen in einer sehr vermögenden Gegend und die Penthouse-Wohnung über ihnen wird luxuriös umgebaut. Hier kreuzen sich die Wege der Protagonisten. Bobby ist mit auf dem Bau tätig und sieht Heather. Jetzt weiß er, was er will. Heather spürt seine Blicke, aber als Teenager fühlt sie sich wohlig begehrt und genießt es auch ein wenig. Doch als Mark die Blicke von Bobby wahrnimmt, beginnt die schwarze Geschichte…

Das Buch wurde nach Erscheinen in Amerika als eine Sensation gefeiert. James Ellroy, Michael Chabon und Nick Cave sowie weitere Künstler und Medien schreiben überschwänglich über das kleine Buch. Jetzt liegt es in deutscher Übersetzung vor und wird auch hier viele Leser begeistern können.

Der Kunstgriff des Textes sind die kurzen Abschnitte, die die jeweiligen Figuren szenisch ins Bild setzen und deren dunkle Psyche langsam herausschälen. Nicht nur wegen des Umfangs liest man das Büchlein zügig zu Ende, sondern auch wegen der sich steigernden und fiebrigen Stimmung, die die Handlung bis zum letzten Satz aufrechterhält.

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Tristan Garcia: „Faber. Der Zerstörer“

Tristan Garcia Faber der Zerstörer Wagenbach Verlag

Der Name Faber steht für den Schaffenden, den Handwerker, Künstler, Arbeiter und Pionier. Doch ist Faber im Roman und im Titel auch der Zerstörer. Das Rätsel des Buches ist die Geschichte dieser Figur und welche Faszination sowie Angst er durch seine Anwesenheit verbreitet. Als Leser lernt man Faber als einen gefallenen Helden kennen. Er ist der Letzte einer gescheiterten Aussteiger-Gesellschaft und haust in einer spartanischen Hütte in den französischen Pyrenäen. Er ist verwahrlost und wirkt autistisch. Seine Freunde Madeleine und Basile sind seinem oder einem Ruf gefolgt, ihn zu retten. Welche Macht oder welche Faszination übte Faber auf seine Freunde aus, dass sie in dem egozentrischen Menschen, der nun lediglich ein Wrack ist, einen Helden sahen oder sogar noch sehen. Wer ist Faber und warum ist er plötzlich in deren Leben aufgetaucht und genauso geheimnisvoll wieder verschwunden?

Es geht um die Bewunderung, die man als Jugendlicher noch für Menschen und Ideen haben kann. Ein gedankliches Ideal, das es im Leben zu finden gilt, aber das es wohl nie im Leben gänzlich geben wird. Jede Generation sucht ihren eigenen Halt und hat ihre eigene Vorstellung von der Zukunft. Die Generation um Faber besteht aus durchschnittlichen Mittelschichtskindern, die, wie alle Jugendlichen, die Fehler der Erwachsenen anprangern und vermeiden wollen. Als Jugendlicher verlangt man die Einlösung des Versprechens, das das Leben einem gemacht hat. Doch bleibt es oft Phantasie und die Realität gestaltet sich mit dem Erwachsenwerden anders. In diesem und vielen weiteren aktuellen Romanen, die um diese komplexen Themen kreisen, spielt die Musik von Nirvana eine treibende und beschreibende Rolle. Ein Sound, der um den empfundenen Weltschmerz komponiert wurde und sich in einem wütenden Aufschrei aufbäumt.

Die Handlung spielt in einem fiktiven Ort Mornay, das auf Französisch wie totgeboren klingt. Dies ist eine Anspielung auf das Siegel, dass sich die drei Helden des Romans ausgedacht haben. Eine Feuerkrone aus drei Zacken, die über den Ringen (wohl eine Anspielung auf „Die göttliche Komödie“), die die Stadt symbolisieren, stehen. Dieses Zeichen haben sie auf ihre Schreiben gesetzt, mit denen sie Menschen Angst einjagen wollten. Würden sie dieses Schreiben selbst bekommen, wäre es ein Hilferuf einer der drei Freunde. Da Basil und Madeleine jeweils ein Schreiben bekommen haben, reist Madeleine in die Pyrenäen, um ihren damaligen Freund Faber in den Ort ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend zurückzuführen. Trotz seines sehr verwahrlosten Erscheinungsbildes ist Faber immer noch jener Rebell, der er damals war und seine Ausstrahlung schreckt ab, aber wirkt auch auf andere Weise sehr einnehmend. Er erscheint egozentrisch und leicht größenwahnsinnig. Basil und Madeleine leben und arbeiten beide noch mit ihren jeweiligen Lebenspartnern in Mornay.

Die drei kennen sich aus der Schulzeit. Medhi Faber ist plötzlich einfach da und setzt sich für seine neuen Freunde ein. Die drei werden nicht nur dadurch ein sehr enges Gespann. Doch bleibt Faber stets der Unnahbare, den etwas Mystisches umwebt. Was ist sein Geheimnis? Warum fügt er sich selber Wunden zu? Hat sein Schmerz etwas mit dem Tod seiner Eltern zu tun? Faber ist als Jugendlicher und auch als Erwachsener gewaltbereit und sehr geschickt in Manipulationen und anderen zauberhaften Kniffen. Sein Verhalten beginnt aufzufallen, als er den Lehrkörpern sehr böse Streiche spielt. Hier wächst Faber über sich hinaus. Sein Ego nimmt mit seiner Intelligenz zu und schwillt an. Der Zerstörer tritt immer mehr hervor und die Realität vermischt sich mit Übersinnlichem. Faber wird im wahrsten Sinne immer diabolischer. Als Jugendlicher wird er politisch aktiv und seine Rebellion verursacht ein großes Chaos in der Stadt. Nach seinem plötzlichen Weggang und der Wiederkehr als Erwachsener bringt er erneut das Chaos und die Zerstörung mit. Doch wer steht wirklich hinter dem vermeintlichen Hilferuf? Wer hat die Briefe versendet? Was ist damals wirklich mit den Eltern von Faber passiert? Ist er wirklich der teuflische Dämon, wie er sich empfindet und seine Freunde ihn letztendlich meinen zu sehen? Ist alles ein eingefädelter Racheplan?

Langsam baut sich der Text wie ein Bollwerk auf und die Geschichte wird  spannend aus den wechselnden Perspektiven erzählt. Es sind die drei Freunde, die erzählen. Gegen Ende kommt eine weitere Stimme hinzu, der eigentliche Erzähler rundet das Bild ab.

Ein toller, verwirrender Roman, der einige Fragen aufwirft. Eine Geschichte, die fesselt und besonders die Figuren plastisch hervortreten lässt. Ein raffiniertes, besonderes Buch, in dem sich Grenzen verwischen: Länder- und Stadtgrenzen, psychologische und philosophische Barrieren und die Grenze zwischen den Jugendlichen und dem erwachsenden Weltempfinden. Die feine Linie zwischen fantastischer Literatur und einem Entwicklungsroman verschwimmt in diesem Roman zusehends. Ein bewegendes Buch, das überrascht, belehrt und unterhält.

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Kerstin Ehmer: „Der weiße Affe“

Der weiße Affe Kerstin Ehmer Pendragon Verlag

„Der weiße Affe“ ist eine kriminalistische Zeitreise in die Goldenen Zwanziger, die uns mitten in die brodelnde Metropole Berlins verführt. Der Titel ist eine Anspielung auf das sogenannte  Judenporzellan, das in früheren Zeiten die Juden zu einer Zwangsabgabe verpflichtete. Die jüdische Kultur und Religion ist auch ein Bestandteil des Romans, denn ein jüdischer Banker wird in einer Zeit ermordet, in der der Nationalismus und Fremdenhass sich bereits überall bemerkbar machen.

Der Held des Romans ist der Kriminalkommissar Ariel Spiro. Seine Mutter war Shakespeare-vernarrt und nannte ihn nach dem Luftgeist. Doch kommt es immer wieder zu kleinen antisemitischen Auseinandersetzungen, da er in der Hauptstadt stets als jüdisch angesehen wird, was ihm in Folge aber auch behilflich sein wird, da er anfänglich somit das Vertrauen der Familie des Ermordeten gewinnt.

Spiro kommt aus Wittenberg und war dort in der Provinz ein wahrer Polizeiheld, der sich nun in die Großstadt versetzen lässt. Durch die Zugreise verspätet er sich gleich am ersten Tag und ihm wird schon bei seiner Ankunft in der Wache ein Fall übertragen, der gerade gemeldet wurde. Eduard Fromm, ein Banker, wurde ermordet. Fromm wurde wohl mit einem Holz erschlagen, dass bei ihm Farbreste hinterlassen hat, die auch auf eine politisch motivierte Tat schließen lassen könnten. Der Ermordete war Leiter einer Bank und lernte seine Frau auf einem Konzert kennen. Er war sehr vermögend und legte seiner Ehefrau die Stadt zu Füßen und viele Künstler waren ihre privaten Gäste. Sie haben zwei Kinder, eine Tochter und einen Jungen. Aber Eduard Fromm führte auch ein heimliches Leben. Er hatte eine Geliebte und lebte bei ihr seine biedere deutsche Seite aus. Er wollte anscheinend seinem jüdischen Leben entkommen und schuf sich einen typisch deutschen Rückzugsort. Die Mordermittlungen zeigen schnell mehrere mögliche Verdächtige. Da ist unter anderem der Vizepräsident der Bank, Silberstein, mit dem der Ermordete einen freundschaftlichen Bruch wegen einer sehr fragwürdigen Finanzierung hatte. Auch führt die Spur zum Menschenhandel, d.h. zur Prostitution. Auch Ambros, der Sohn des Ermordeten, wirkt verdächtig. Dieser führt ein freizügiges Leben und sein Vater hatte ihm wegen seiner sexuellen Neigungen bereits mit der Enterbung gedroht. Spiro hat enormen Erfolgsdruck, da sein Vorgesetzter die schlechte Presse verhindern möchte und Spiro selbst seinen guten Ruf als Ermittler bestätigen möchte. Doch macht er einen Fehler, er verliebt sich in Nike, die Tochter des Ermordeten, und gerät somit in den Bann der Familie…

Ein Krimi, der besonders durch die Wiedergabe dieser pulsierenden Zeit in Berlin lebt. Ein Bild der Epoche der Weimarer Republik und den Anfängen des Antisemitismus, Rassismus und des Nationalsozialismus. Die Metropole fährt dem Kommissar mit ihrem Nachtleben und hektischen Stadtleben gänzlich ins Blut. Er erlebt die sexuelle Freiheit, die Bars und die rauschenden Feste. Die ganzen Widersprüche der damaligen Zeit werden durch den Text sehr lebendig.

Ein sehr unterhaltsames und stimmungsvolles Krimidebut. Es gibt vergleichbare Krimis, die im Berlin der 1920er Jahre spielen. Doch besonders dieser lebt durch seine Stimmung und den Ermittler, der dem Rhythmus der Großstadt verfällt.

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Andrea De Carlo: „Ein fast perfektes Wunder“

Ein fast perfektes Wunder De Carlo Diogenes

Ein Buch, das sich gleich einem leckeren Eis oder einem tollen, eingängigen Rock Song wegschlecken lässt. Somit sind die beiden Hauptkomponenten des Romans bereits erwähnt. Für mich war es ein Wohlfühlbuch, in dem etwas Flair eines Jennifer Aniston-Films auf Wesenszüge von Ritchie Blackmore stößt. Es geht um Protagonisten, die sich in ihrem Leben festgefahren haben und durch das zufällige Treffen zur Besinnung kommen und ihr wahres Glück suchen.

Die Heldin,  Milena, ist eine Italienerin, die nach mehreren Enttäuschungen nach Frankreich ausgewandert ist. Nach unglücklichen Beziehungen mit Männern hat sie auch vorerst mit diesem Geschlecht gebrochen. Sie lebt mit ihrer Lebenspartnerin Viviane in einem Städtchen in der Provence. Sie hat aber ihr wahres Glück dennoch noch nicht gefunden. Auch in dieser Beziehung kriselt es, denn Milena ist nicht bereit für weitere, ernstere Bindungen und schon gar nicht kann sie sich auf den Kinderwunsch ihrer Partnerin einlassen. Ihre Leidenschaft ist ihr Eiscafé und sie probiert ständig neue Geschmacksrichtungen aus. Ihre Kreationen von neuen Eissorten haben ihr einen guten Ruf beschert. Ebenfalls ihre Verpackungen von größeren Eismengen, die sie stets mit handgeschriebenen Zitaten, gleich einem Glückskeks, ausliefert, haben sich herumgesprochen. Ihr Café wird nicht nur für die Touristen eine Anlaufstelle während der Saison, die nun langsam endet. Der Roman spielt an wenigen Tagen und beginnt an einem Mittwoch. Es kommt mal wieder zu einem Stromausfall im ganzen Ort. Sollte nun die Kühlung länger ausfallen, droht ihr Eis zu verderben. Gerade als sie ihr Eis lieber verschenken möchte, trifft eine Großbestellung ein. Es wurden zehn Kilo Eis bestellt, die sie zu einem nahegelegenen Landhaus liefern soll. Gleichzeitig ist der Landhausbesitzer Nick mit einem landestypischen dreirädrigen Fortbewegungsmittel unterwegs. In ihm rumort der typische Rebell, der einen Rockstar wohl ausmacht. Aber auch eine leichte Paranoia hat sich in ihm festgesetzt und er beobachtet alle Menschen mit Misstrauen. Nick ist der Frontmann der berühmten „Bebonkers“. Der Musiker setzt das Dreirad bei der Fahrt durch einen Olivenhain gegen einen diese schönen Bäume. Er ist Engländer und ähnlich wie Milena durch mehrere Enttäuschungen gegangen. Er hat mehrere Ehen durchlebt und lebt nun mit Aileen zusammen. Sie ist eine Modedesignerin und Erfinderin eines Anti-Leders.

Ein Benefizkonzert ist geplant und eine Menge Rockfans aus aller Welt und weitere Stars werden erwartet. Tief in sich spürt Nick etwas anderes, er hat eine andere Seite und möchte doch lieber zarte Melodien auf seiner Mandoline zupfen. An jenem Mittwoch kommt er durch den Unfall genervt auf sein Landwesen zurück. Das gemeinsame Essen steht bevor und er ist der einzige, der das von der Köchin liebevoll gekochte Risotto zu würdigen weiß. Als Nachtisch gibt es Eis aus der Region, das ihn im wahrsten Sinne verzaubert….

Milena fährt nach der Lieferung nachhause und muss sich den Gesprächen mit Viviane stellen. Erneut drehen sich die Unterhaltungen um künstliche Befruchtung, Samenspende und ihre Partnerschaft. Als sie dann von ihrer Großbestellung erzählt, ist es Viviane, die Milena erzählen muss, wer denn wirklich ihr Kunde war, den alle Welt, außer anscheinend Milena, kennt.

Es treffen in der nun folgenden unterhaltsamen Lektüre diese beiden Welten zusammen. Beide leben für ihre Leidenschaft. Die Liebe aus den einfachsten, handverlesenen Zutaten oder aus den künstlerischen Ideen das Beste herauszuholen. Sie versuchen beide, Wunder zu vollbringen, sie mit ihren Eiskreationen und er mit seiner Musik.

Andrea de Carlo ist Fotograf, Maler und Rockmusiker. Daher sind in diesem Roman seine eigenen großen Themen eingeflossen. Er beweist aber auch erneut seine humorvolle Seite. Es tauchen abgewrackte Rocker, Story-heischende Reporter und berechnende Manager auf. Das Buch bietet gute Unterhaltung und versucht aufzuzeigen, dass es sich lohnt, sein Leben in die Hand zu nehmen und gegebenenfalls routinierte Gewohnheiten, die nicht zu einem passen, über Bord zu werfen.  Ein Roman, der sich wie ein dahinschmelzendes Eis liest und einen wohligen Geschmack hinterlässt. Die Protagonisten, die stets mit ganzem Namen genannt werden, wachsen einem irgendwie ans Herz, gleich einem unaufdringlichen und unaufgeregten, geradlinigen Rock Song.

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Shumona Sinha: „Staatenlos“

Shumona Sinha Staatenlos Nautilus

Immer wieder taucht er auf, der Eiffelturm. Der Eisenfachwerkturm in Paris wurde als Portal und Aussichtsturm für die Weltausstellung zur Erinnerung an den 100. Jahrestag der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) errichtet. Am Ende steht er im Roman gleich einem Laserschwert, das den Himmel teilt und der Vergleich zu jenem Turm in Babel, dessen Bau durch Sprachverwirrung zum Stillstand gebracht wurde, drängt sich auf. Denn Shumona Sinhas dritter Roman dreht sich erneut um die Fragen der Emigration und Integration. Ein Gegenwartsroman, der dem Leser durch seine ehrliche, schonungslose Sprache und Intensität den Atem zu rauben vermag. Eine Stimme, die das unfassbare und doch gegenwärtige Bild unserer Gesellschaft beleuchtet. Eine Gegenwart, in der aus Misstrauen der Hass wächst und die Angst vor Andersartigkeit beängstigende Formen annimmt. Ein Roman über  Scham, Wut, Verzweiflung und Gewalt. Die alltägliche Gewalt, die akzeptierte und jene, die bestürzt. Gewalt, die die Menschheit toleriert und selbst ausübt. Auch jene sinnlose Gewalt aus niedersten Beweggründen, die ohne sichtbare Absicht oder Plan andere Menschen verletzt.

Der Roman erzählt die Geschichte dreier indischer Frauen. Drei gänzlich unterschiedliche Menschen, die unter ganz anderen Lebensbedingungen aufwachsen und leben. Dennoch sind ihre Lebenswege miteinander verwoben. Der Anfang des Romans wirkt erst wie ein Traum. Eine Frau, die sich aus Lehm befreit und entkommen will, aber der stark verletzte Körper und ihre Seele geben auf. Dieses Bild ist der Auftakt und wird erst gegen Ende gänzlich erklärt. Es ist Mina, eine Bauerstochter, die keine schulische Ausbildung hat. Trotz Androhung der Regierung engagiert sie sich zusammen mit ihrem Cousin politisch, da die Landarbeiter das Land für den Bau einer Automobilfabrik abgegeben sollen. Sie wird in das politische Machtspiel hineingezogen und auch bis zum Ende für die jeweiligen politischen Kämpfe missbraucht. Sam, ihr Cousin, hat sie geschwängert, wird sie aber niemals heiraten. Sie wird entwurzelt und ist somit der Willkür und Unterdrückung der Männerwelt ausgesetzt. Sie steht in Kontakt zu Marie, die im Roman eher die kleinste Rolle einnimmt. Letztere ist es aber, die die Geschichten der drei Frauen verbindet. Sie wurde ebenfalls in Bengalen geboren, aber dann von französischen Eltern adoptiert. Sie ist politisch sehr aktiv und reist regelmäßig nach Indien, auch auf der Suche nach ihrer Herkunft. Ihre Freundin, Esha, arbeitet als Lehrerin in Paris und wartet auf die Einbürgerung. Sie ist der Kern des ganzen Romans. Sie ist eine sehr gebildete und kunstinteressierte Frau. Esha stammt aus Kalkutta, ist dann aber wegen der romantischen Vorstellung von Paris nach Frankreich gekommen. Doch auch in der Weltstadt wächst eine Gesellschaft voller Rassismus und Sexismus und wegen ihres exotischen Erscheinungsbilds muss sich Esha viele dumme und fremdenfeindliche Bemerkungen gefallen lassen. Auch ihr Schultag fordert sie heraus, denn selbst die Kinder und Jugendlichen sind respektlos. Durch einen Angriff aus heiterem Himmel beginnt sie, ihre Vorstellung von Freiheit und der selbst gesuchten Heimat in Frage zu stellen.

Shumona Sinha schreibt stets politisch (siehe: „Kalkutta“), doch ist „Staatenlos“ ihr bisher kräftigstes Werk. Es beschwört Bilder herauf, die sich ganz zart im Kopf des Lesers einnisten, dann aber gleich der Handlung gewaltvoll aufbrechen und fassungslos machen. Man folgt den Geschehnissen im Roman fast atemlos und wird von der sehr deutlichen, aber literarischen Sprache durch den Text getragen. Die drei Frauen werden auf ihre Weise sehr lebendig, aber es bekommen nicht alle die gleiche Zuwendung der Autorin. So sind es besonders Mina und Esha, die dem Leser in Erinnerung bleiben werden. Alle drei Frauen sind entwurzelte Menschen, die nirgends richtig ankommen und angenommen werden. Sie leben in einer Welt voller Rassismus, Sexismus und Unterdrückung. Durch die Biografie der Autorin liegt der Verdacht sehr nahe, dass hier sehr viel selbst Erlebtes in das Werk eingeflossen ist. Ein Roman, der spannend, emotional und atemraubend ist. Es bleibt die Hoffnung, dass es auch solche Bücher sind, die die Wurzeln legen für eine bessere Welt.

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