
Mit Gespensterfische tauchen wir tief in eine komplexe und literarische Geschichte ein, die von Dunkelheit, Widerstand, Liebe und Trost erzählt. Der Malstrom, in den wir mit den Gespensterfischen abtauchen, ist der Abgrund der deutschen Psychiatrie. Die titelgebenden Tiere haben sich durch die Evolution an die unwirtlichen Bedingungen angepasst und geistern seitdem in der Untiefe. Svealena Kutschke schreibt mit einer literarischen Intensität und baut eine Handlung auf, die um ein Figurenensemble aus Patienten und medizinischem Personal kreist. Dabei sind die Kapitel stets in wechselnden Perspektiven und Zeitabschnitten verfasst. Ein Universum aus dunkler Materie eröffnet sich uns durch die Lektüre, die dennoch sehr erhellend ist. Wunderschöne und philosophische Formulierungen treffen dabei auf die gesellschaftlichen Gespenster.
Laura Schmidt hängt lange an einem Satz, der das Motto ihrer Mitpatientin Noll beschreibt: „Wirklichkeit war nur eine Vereinbarung“. Laura erfasst das Umfeld anfänglich nur durch eine Resonanz und Verzögerung. Sie nimmt Gespräche mit einem Kassettenrekorder auf und der Kern oder die Wahrheit während der Unterhaltung erschließt sich ihr im Nachhinein. Auch spätere Notizen, die sie findet und liest, ergeben sich erst durch den Bezug zur Räumlichkeit des damaligen Schreibprozesses. In der Psychiatrie verfasst und mit ständigem Stimmengewirr und Geschichten konfrontiert, wurde das Erlebte durch das Umfeld geprägt und Laura, die diese sprunghafte und unwirkliche Realität kennt, beginnt zu verstehen. Die Fäden der Wirklichkeit sind stets dünn und porös. Die Erlebnisse spielen in der Jannsen-Klinik in Lübeck. Die Kapitel erzählen viele Geschichten und doch eine Handlung. Das Erzählte folgt einer eigenen Logik. Es sind philosophische und literarische Reflexionen. Laura trifft in den 1990er Jahren in der Psychiatrie auf Noll und deren eng vertrauten Rehfeld. Beide Frauen haben sich dort ein Refugium aus Geschichten erschaffen. Auch das medizinische Personal wird lebendig, zum Beispiel der Pfleger Lukas, der eigentlich Meeresbiologie studieren wollte und durch familiäre Entwicklungen in der Pflege verblieben ist. Laura begreift die Unterschiede, die sich hier mit dem Ort verbinden. Ein Ort des Heilens, für sie zumindest, ist zum Beispiel für Olga Rehfeld, die ihr Leben dort verbringen muß, zerstörerisch. Dabei heben sich die Grenzen zwischen gesund und krank in der Betrachtung immer mehr auf und werden zu einer durchlässigen Membran. Weil Rehfeld lieber Lyrik verfasste und sich an die Verpflichtungen als Ehefrau nicht gebunden sah, wurde sie vom eigenen Mann, dem damaligen Leiter der Klinik, eingewiesen. Die Kinderlosigkeit wurde als unterdrückte Homosexualität deklariert. Das Angedichtete wird zur späteren Selbsterkenntnis. Die Mitpatientin Noll wurde auch wegen ihrer sexuellen Identität immer wieder eingewiesen.
Die Handlung greift aber noch viel mehr auf und das menschliche Leben in allen hellen und dunklen Facetten tritt hervor. Es ist, als würden alle Charaktere uns ihre Geschichten erzählen, die aus ihren Erinnerungen aus unterschiedlichen Jahrzehnten bestehen. Dieses Buch fordert uns heraus, ist keine leichte Lektüre, sprachlich und inhaltlich. Doch lohnt sich dieser Tauchgang in unsere Geschichte und in unsere Psyche sehr. Ein Roman, der großartig geschrieben, durchdacht und komponiert ist. Immer wieder ist es die Literatur, die Rettung, Flucht und Verständnis bringt. Ist der psychische Ausnahmezustand eine Reaktion auf die Gesellschaft? Ein Werk, das wie jene Tiefseefische, Licht ins Dunkle bringt. Grandios, erschreckend und schön zugleich.
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