Meike Dannenberg: „Gefährdet“

Gefährdet Meike Dannenberg btb

Ein Krimi, der durch seine realistische Einsicht in die Polizeiarbeit, den klug komponierten Fall und die sympathische und kluge Heldin für spannende und gute Unterhaltung sorgt. Die Handlung spielt in Hamburg. Eine Stadt mit einem der größten Häfen Europas. Dies hat nicht nur den Reichtum diverser Reeder hervorgebracht, sondern auch kriminelle Energien freigesetzt und auch ein riesiges Rotlichtviertel erschaffen. Der Aufbau und der Spannungsbogen wirken nicht, wie bei vielen anderen Krimis, zu sehr konstruiert sondern folgen der nachvollziehbaren und flüssig erzählten Geschichte.

Auf dem Heimweg, kurz bevor die Kinder ihr Elternhaus erreichen, werden sie zügig und kraftvoll gepackt und in einen Transporter gezwängt. Später erkennt der Junge ziemlich schnell ihr Gefängnis. Es ist ein Container. Es ist kalt und seine jüngere Schwester leidet mehr als er selbst unter den Bedingungen. Angst breitet sich aus, denn diese Container stehen am Hafen, um doch eigentlich verschifft zu werden….

Die in Berlin lebende Spezialistin des BKA, Nora Klerner, wird nach Hamburg gerufen, denn sie soll bei dem Fall um die vermissten Kinder behilflich sein. Es sind die Kinder des Hamburger Reeders und Lokalpolitikers Justus Stein. Doch das sonderbare an der Entführung ist, dass es bisher keine Lösegeldforderungen gibt. Als Nora Klerner ihre eigenen Recherchen beginnt, stößt sie auf eine Familie, die anscheinend ihre Geheimnisse hat und sich in dubioses Schweigen hüllt. Die Mutter wirkt apathisch und der Vater bleibt in seiner Rolle als bestimmender Machtmensch und bildet damit keine großen Sympathien bei den Ermittlern.

Es kommt auch zu einem Wiedersehen zwischen Nora und ihrem Kollegen Johan Helms, mit dem sie bereits an einem anderen Fall zusammengearbeitet hatte („Blumenkinder“). Johan arbeitet bei der operativen Fallanalyse und fühlt sich mit seinen bisherigen Aufgaben unterfordert. Er soll Profile von potentiellen Attentätern erstellen, die sich im religiösen Umfeld bewegen. Dies entspricht nicht seinen Idealen und er sieht solche Profilerstellungen als sehr fragwürdig an. Ferner ist er auch als Dozent für Polizeianwärter tätig. Als er eines Tages allein im Büro seiner Einheit ist, kommt ein Anruf mit der Bitte, dass einer der aktiven Fallanalysten sich zu einem Tatort begeben möge. Ein russischer Ex-Zuhälter wurde ermordet. Dieser Mord, der wahrscheinlich mit Gas ausgeführt wurde, sieht nach einem Racheakt aus.

In kurzen ortsgebundenen Kapiteln werden die Handlungsstränge Stück für Stück zusammengeführt. Die Vergangenheit von Nora spielt eine Rolle, die mit dem Brief einer Behörde zu tun hat, der ihr kurz vor ihrer Abreise nach Hamburg zugestellt wurde. Die Geschichte von Tarek Barusha und seiner Schwester Emna scheint irgendwie mit dem Fall zusammenzuhängen. Tarek hat irgendetwas vor und verhält sich auffällig. Hat der Mord an dem ehemaligen und brutalen Zuhälter etwas mit den entführten Kindern zu tun?  Welches Geheimnis verbirgt die Familie Stein? Wo sind die Kinder Livia und Lasse, von denen nur wir Leser wissen, dass sie sich bei eisigen Temperaturen in einem Container befinden? Warum gibt es keine Lösegeldforderung und was haben die Entführer vor? Ist Rache ein möglicher Beweggrund?

Ein rasanter Krimi, der gut und flüssig geschrieben ist. Es ist nach „Blumenkinder“ der zweite Roman um die BKA-Spezialistin Nora Klerner. Ein Krimi, der klug und sehr spannend ist. Die Autorin hat sich gute Einblicke in die Welt der Polizeiarbeit gemacht und versteht es, diese glaubhaft und nachvollziehbar zu erzählen. Für mich sind die Romane eine positive Überraschung und lassen auf weitere Fälle hoffen.

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César Aira : „Das Testament des Zauberers Tenor“

César Aira Das Testament des Zauberers Tenor Matthes & Seitz

Am 23. Februar feiert César Aira seinen 70 Geburtstag. Also spätestens jetzt wird es Zeit, sich mit diesem außergewöhnlichen Autor und seinem Werk zu beschäftigen.  Er veröffentlichte über 80 Bücher, von denen die meisten lediglich Kurzromane und Novellen um die hundert Seiten sind. Aira gilt als einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart aus Argentinien.  Seine Texte sind raffiniert und wagen in sich oft Sprünge im Genre. Seine Romane sprudeln über von aberwitzigen Ideen, Plots und Figuren.

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Foto von  Matthes & Seitz Verlag

Fast jährlich erscheinen neue Werke von ihm. Ins Deutsche wurde jetzt frisch „Das Testament des Zauberers Tenor“ übersetzt. Eine spaßige Reise ins mystische Indien.

In der Schweiz lebt Tenor, ein alter Zauberer, der in völliger Abgeschiedenheit auf sein Ende wartet. Er ist krank und wird das Sterbebett nicht mehr verlassen. Als Magier sammelt man Tricks, d.h. Nummern, die man von anderen Zauberern erworben oder selbst kreiert hat. Diese werden dann zu großen Summen an Mitglieder der Zauberzunft weiterveräußert. Somit hat sich der Zauberer Tenor alle paar Jahre durch den Verkauf eines seiner Tricks wirtschaftlich über Wasser halten können. Doch sein Anwesen verkommt und er hat nur noch eine Angestellte, die ihn unterstützt. Juristisch wird er von einem Anwalt vertreten, der auch für den Verkauf seiner Nummern verantwortlich ist und nun auch sein Testament verwaltet.

Als Tenor spürt, dass sein Lebensklang verklingt, bittet er den Anwalt zu sich. Dieser soll seinen letzten Trick, seine spektakulärste Nummer, an den im Testament genannten Erben aushändigen. Dieser bedeutungsvolle Trick soll dem rechtmäßigen Besitzer persönlich überbracht werden. Der Anwalt hat nun die abenteuerliche Aufgabe, jenen mysteriösen Erben ausfindig zu machen, denn es ist der Ewige Buddha.

So macht sich der Anwalt auf nach Indien und gerät innerhalb weniger Tage in eine mystische Liebes- und Abenteuergeschichte. Die Grenzen zwischen der Realität und der Magie werden aufgelöst und es wird immer grotesker. Der letzte Trick des Zauberers Tenor ist auch letztendlich die Möglichkeit, gegensätzliche Handlungen gleichzeitig auszuführen. Diese spektakuläre Zaubernummer erinnert an die Treppe von Maurits Cornelis Escher. Doch wurde dieser Trick noch niemals ausgeführt. Auch ist der Ewige Buddha selbst ein mystischer Gott, der durch eine Werbekampagne bekannt ist, aber dessen Zauberei und Glückversprechen sich bedauerlicherweise noch nie in der Realität manifestiert haben.

Ein aberwitziger Clou, der die Gesetze der Literatur und Schwerkraft aushebelt. Die Handlung und die Charaktere sind sehr fantasievoll und diese Lektüre macht unglaublichen Spaß.

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Jan Drees: „Sandbergs Liebe“

Sandbergs Liebe Jan Drees Secession

Ein Roman über psychische Gewalt, in dem der Partner innerhalb einer Beziehung desorientiert, manipuliert und verunsichert wird.  Das Selbstbewusstsein löst sich durch die vermeintliche Liebe immer mehr auf. Jan Drees erwähnt in „Sandbergs Liebe“ auch den Roman „Gefährliche Geliebte“ von Haruki Murakami.  In beiden Romanen ist der Protagonist letztendlich bereit, alles für die Liebe zu opfern. Der Charakter Sandberg ist gleich seinem Namen ein Berg, der lediglich aus Sand gebaut wurde und sich immer in Auflösung befindet.

Doch beginnt die Beziehung voller Glück und Anziehung. Kristian Sandberg hat sein Studium beendet und nach seiner Reise nach Teneriffa deutet alles auf einen positiven Aufschwung in seinem Leben hin. Er bekommt den ersehnten Berufseinstieg in einer Literaturagentur. Er lebt für die Literatur, liest ständig und schreibt viele Rezensionen. Doch ist er einsam und sehnt sich nach der großen Liebe. Er nutzt eine Dating-App, in der Hoffnung endlich eine Frau kennenlernen zu dürfen, die in einer Beziehung nicht mehr sich selbst sucht, sondern sich erwachsen und interessiert auf eine feste Zweisamkeit einlassen kann.

Er lebt sich beruflich immer mehr ein und da er auch neu in Hamburg ist, wo sich seine Agentur befindet, erkundet er nebenbei die Hansestadt. Eines Abends auf einer Außenterrasse eines Cafés meldet sich seine Dating-App. Diese wirbt mit weniger Verkuppelungen, dafür aber mit gezielten und passenden Vorschlägen. Nach kurzem und charmantem Chatten, kommt es auch zu einem ersten realen Treffen mit Kalina. Sie ist Zahnärztin, gebildet und wirkt einfühlsam. Es kommt zu einer romantischen Annäherung, doch da beide in der Vergangenheit Beziehungsprobleme hatten, deuten sich schon in kleinsten Gesten Kommunikationsschwierigkeiten an.  Doch sind diese Probleme durch reine Missverständnisse entstanden? Kalina beginnt immer mehr Raum einzufordern, aber öffnet sich dafür sehr wenig. Sie grenzt sich ab und fordert auch von Kristian, sich von seinen Freunden und ehemaligen Freundinnen zu lösen. Sie will, dass er ganz zu ihr steht und ihr verspricht, sie niemals zu verlassen. Kristian ist bereit, sich für die Liebe ganz in diese Beziehung zu stürzen und ist anfänglich auch glücklich. Doch wird aus seiner Liebe eine Abhängigkeit und er verliert immer mehr sein Selbstbewusstsein. Durch kleine Gemeinheiten, Ausgrenzungen und falsche Behauptungen entstehen Verletzungen, die ihn immer mehr in einen Abgrund treiben. Er tut alles Erdenkliche, um ihr seine Liebe zu beweisen, doch die anfängliche Euphorie beginnt zu kippen. Kristian bleibt passiv und beginnt immer sich selbst in Frage zu stellen. Sein Selbst verschwindet zunehmend, während Kalina dies durch ihre perfiden Spiele weiter vorantreibt.

Der Roman macht psychische Gewalt sehr erlebbar. Der Text ist beklemmend, nachvollziehbar und wirkt nach dem Lesevorgang länger nach. Jan Drees hat ein großes Gespür für die Zweisamkeit und die Ursprünge der Gewalt. Diese emotionale Gewalt und ihre tiefen Verletzungen werden in ihrer ganzen Entstehung und Auswirkung für den Leser erfahrbar.  Doch fragt man sich beim Lesen, da man die Geschichte nur aus Kristians Perspektive hört, ob man ihm ganz trauen kann. Das ist einer der Kunstgriffe dieses Romans. Der auktoriale Erzähler taucht lediglich am Anfang und am Ende auf und sagt, die eigentliche Handlung wird von Sandberg erzählt. Doch gibt es immer zwei Wahrheiten. Es gibt sowohl die Perspektive von Kristian Sandberg als auch die von Kalina. Doch jetzt gibt es noch eine weitere Sicht auf die Wahrheit, die des Lesers, der noch länger mit den Figuren und der Geschichte zu tun haben wird.

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Anselm Oelze: „Wallace“

Anselm Oelze Wallace Schöffling

Ein Roman über die natürliche Auslese. Wir kennen alle die Theorie zur Entstehung der Arten. Der Urheber dieser naturwissenschaftlichen Erkenntnis wird stets Charles Darwin zugeschrieben. Doch lebte in dessen Schatten der Naturforscher Alfred Russel Wallace. Hat Wallace zeitgleich den Mechanismus der natürlichen Selektion entdeckt? Ein Roman, der diesen Forschungsreisenden wieder aufleben lässt. Beim Lesen und durch die Art und Weise, wie der Stoff behandelt und erzählt wird, drängt sich der Vergleich zu „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann auf.

Der Roman beginnt im Jahr 1858 auf einer kleinen Insel der Molukken, wo der britische Forscher Wallace, kurz der Bärtige genannt, das Postschiff erwartet. Als dieses in den Hafen einläuft und gelöscht wird, lässt er Kisten mit seinen Forschungsergebnissen verschiffen und erhält eine Nachricht. Dies ist die Ausgangssituation, der Prolog, der erst im Epilog seine Fortsetzung findet.

Zwischenzeitlich lernen wir den fiktiven Protagonisten Albrecht Bromberg kennen, der in unserer Gegenwart als Nachtwächter eines Museums für Natur- und Menschheitsgeschichte tätig ist. In der Bibliothek räumt er die Liegenschaften der Besucher weg und sortiert die Bücher wieder ein. Als er sich um die Werke kümmern möchte, stolpert er ungeschickt und sein Blick fällt auf ein Foto von zwei bärtigen Männern. Doch räumt er vorerst pflichtbewusst alles wieder ein und weg.

Der Roman springt nun zwischen diesen Erzählsträngen und Zeiten. Abwechselnd wird die Geschichte aus dem neunzehnten Jahrhundert und unserer Gegenwart erzählt. Im Vordergrund geht es um diese zwei Männer, Bromberg und Wallace, die jeweils auf ihre eigene Entdeckungsreise gehen werden. Die Handlung um Wallace beginnt auf einem Kanu. Er ist mit einem indianischen Scout unterwegs und damit beschäftigt, sich eines Sandflohs, der sich unter seinem Zehennagel eingenistet hat, zu entledigen. Die abenteuerliche Handlung geht dann mit einem Alligator weiter. Dies ist der Anfang eines klugen Wissenschafts- und Abenteuerromans. In der Gegenwart beginnt sich Bromberg, für den im Schatten stehenden Naturforscher Alfred Wallace zu interessieren. Denn im Frühjahr 1858 hat Wallace einen Aufsatz über den Ursprung der Arten nach Südengland verschickt. Der Empfänger Charles Darwin ist es aber, der mit seiner Publikation und Theorie großen Bekanntheitsgrad erreichte. Bromberg fasst den Entschluss, diese Schieflage der wissenschaftlichen Geschichte ins rechte Licht zu rücken.

Der Roman bietet vieles. Ein wissenswerter und kluger Abenteuerroman, der schön und klassisch erzählt wird. Dieser Debütroman ist wunderbar geschrieben und bildet und unterhält ungemein. Doch hat man ab und zu das Gefühl, der Autor konnte sich nicht rechtzeitig von seinem Manuskript lösen und hat es teilweise zu oft überarbeitet und dem Text damit etwas von seiner ursprünglichen Seele genommen. Dennoch hat der Autor sich einiges vorgenommen und wird diesem auch sehr gerecht. Eine lesenswerte und lohnenswerte Lektüre, die durch Sprachgefühl, Humor und Wissen glänzt.

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Stefan Györke: „Die Liebe der Skelette“

Stefan Györke Liebe der Skelette Steidl

Ein Roman, der sich auf mehreren Ebenen lesen lässt. Es könnte ein Liebesroman sein, entpuppt sich dann aber doch als viel mehr. Kunstvoll werden die Gesellschaft und besonders die Entwicklung der Zweisamkeit der Protagonisten dargestellt. Es geht um das Lebendige und den kreativen Prozess, der in der Kunst, der Natur, der Liebe und innerhalb der Gesellschaft etwas zu erschaffen vermag. Etwas wieder mit Leben beleben, d.h. Leben einhauchen.

Der Roman erzählt die Geschichte von Lily und Johnny. Beide sind ein Paar und kennen sich bereits seit ihrer Jugend. Doch beginnt der Roman mit einer freizügigen Kletterei an einem Kran. Wie weit das waghalsige Erleben am Kranseil Lilys Leben oder Gesundheit schadet, wird erst gegen Ende des Werkes offenbart. Zwischenzeitlich wird mit einer sehr großen Sprachqualität die Geschichte dieses normalen, aber auch sehr ungewöhnlichen Paares beschrieben. In der Gegenwart der Handlung ist Lily Ärztin, die mit ihrer Karriere hadert. Johnny ist ein unbefriedigter Künstler, der nun als Tierpräparator tätig ist. Das Paar ist von Zweifeln getrieben und ihre Beziehung droht in die Brüche zu gehen.

Zurückblickend wird ihre Kennenlernphase beschrieben. Beide heißen eigentlich auch ganz anders, werden aber auf einer Abschiedsparty spontan vom Gastgeber zu Lily und Johnny umgetauft. Es ist eine typische Schülerparty, die organisiert wurde, weil einer der Freunde seine schulische Laufbahn abbricht, um bei dem jungfräulichen Unternehmen Google erfolgreich einzusteigen. Johnny, der bei seinen Großeltern aufwächst, entdeckt seine kreative Ader. Besonders das Zeichnen von Tieren und deren Bewegungsabläufen wecken sein Interesse. Sein künstlerisches Talent wird gefunden und entdeckt, als er aus Brot diverse Porträts modelliert und später auch aus Ton einen lebensgroßen Sumō-Kämpfer formt und brennt. Lily ist eine mutige und wissbegierige Schülerin, die in ihrer Freizeit bereits schon in einer Praxis aushilft und das medizinische Wissen inhaliert. Die beiden lernen sich kennen, d.h. Johnny radelt ungeschickt in ihr Leben. Beim gemeinsamen Lernen in ihrem Lieblingscafé kommen sie sich immer näher.

Seit mehr als zwölf Jahre sind sie nun Lily und Johnny.  Aber ihre Beziehung scheint an einem toten Punkt angelangt zu sein. Besonders wurmt Johnny die Frage, ob Lily damals mit Ignaz Zunder geschlafen hat? Was ist in der Nacht jener Party passiert? Beide sind älter und irgendwie gesellschaftlich gesetzter geworden. Die jugendliche, kreative Energie ist beiden etwas verloren gegangen. Als Lily meint, einen Hirntumor zu haben, finden sie wieder einen Weg zueinander.  Eine neue, lustvolle und freie Energie erwächst in ihnen. Johnny findet zurück zu seiner schaffenden Kreation und lässt im wahrsten Sinne Altes, Totgeglaubtes neu aufleben.

Ein Roman, der durch seine Sprache, die Komposition und die lebendigen Figuren begeistert. Die Lebensgefühle der Protagonisten und ihre Handlungen erwecken beim Lesen ziemliche kraftvolle Bilder. Ein Liebesroman, eine Großstadtromanze, die sehr sensibel und mit unglaublich viel Witz geschrieben ist. Würde man literarische Vergleiche suchen, könnte man getrost durch den Humor, die Charakterisierungen und die Erotik auf John Irving verweisen. Ein ungewöhnlich, witziger und tiefgründiger Roman.

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James Lee Burke und die Dave-Robicheaux-Krimis

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James Lee Burke beweist mit seinen Noir-Romanen, d.h. Südstaatenkrimis, dass er ein ziemlich guter Beobachter der amerikanischen Verhältnisse ist. Die Handlungen spiegeln oft die Gesellschaft und die politischen und wirtschaftlichen Machenschaften. Vordergründig lebt die Reihe aber durch ihren Helden Dave Robicheaux und seine Entwicklungen und weitreichenden Fällen. Robicheaux ist ein Held, der die Grenzen der Polizeiarbeit, des menschlichen Miteinanders und der eigenen Probleme nach eigenem Ermessen auslotet, überschreitet oder beherzigt. Ein brutaler, zupackender Mann, der neben seinen Sympathien auch seine Schattenseiten auslebt.

James Lee Burke versteht es, mit wenigen Dialogen, Sätzen und Bildern pures Kopfkino zu erzeugen. Die Reise in die sumpfige Landschaft Louisianas ist stets auch der Blick in den Sumpf des menschlichen Innenlebens. Niederträchtiges ist neben der Naturlandschaft eine feste Präsenz in seinen süchtig machenden Romanen.  Vielen Dank an den Pendragon Verlag, der mich auf der Rückseite von „Nacht über dem Bayou“ zitiert!

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James Lee Burke wurde 1936 in Houston, Texas geboren und wuchs in Louisiana an der Golfküste auf. Neben weiteren Romanen hat James Lee Burke über 20 Dave-Robicheaux-Romane geschrieben. Zwei davon wurden bereits fürs Kino verfilmt: „Mississippi Delta – Im Sumpf der Rache“ (Originaltitel: »Heaven’s Prisoners«) mit Alec Baldwin in der Hauptrolle und „Mord in Louisiana“ (Originaltitel »In the Electric Mist …«) mit Tommy Lee Jones und John Goodman. Burke wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem Hammett Prize, dem Edgar Allan Poe Award und mehrfach mit dem Deutschen Krimi Preis.

Die Reihe beginnt mit „Neonregen“. Dave Robicheaux besucht Johnny Massina im Gefängnis kurz vor dessen Hinrichtung. Dave arbeitet bei der Mordkommission von New Orleans und bekommt nun zu hören, dass er in das Visier des organisierten Verbrechens geraten ist und man ihn beseitigen möchte. Dave vermutet, dass der geplante Anschlag auf ihn mit der vor kurzem gefundenen Frauenleiche, die er aus dem Bayou gefischt hatte, zu tun hat. Bei seiner Recherche verstrickt er sich in einen Fall, der mit Drogen- und Waffenhandel zu tun zu haben scheint, in den auch die Regierung involviert ist. Doch im Laufe seiner Karriere wird Dave viele weitere Sumpflöcher finden… In dem folgenden Fall hat Dave vorerst seine Tätigkeit bei der Mordkommission beendet und betreibt einen Laden für Angel- und Fischereibedarf nebst einem Bootsverleih. Bei einem Flugzeugabsturz rettet Dave ein kleines Mädchen aus dem Wrack. Es beginnt erneut ein dunkler Fall, der Dave in seinen Bann zieht und auch viele Leben fordert, besonders aus seinem nahen Umfeld. Denn er gerät in einen Strudel der Gewalt, als er die Insassen des Flugzeugs prüft und auf einige Ungereimtheiten stößt. Nebenbei muss er auch stets seine eigenen inneren Dämonen bekämpfen.

Er wird wieder als Ermittler tätig und gerät wiederholt in schmierige Geschäfte und spannende Fälle. Nebenbei wird er den Anglershop behalten, ein liebender Adoptiv-Vater von Alafair werden, dem Mädchen, das er aus dem Flugzeugwrack gerettet hatte. Er liebt gute Blues- und Jazzplatten sowie das regionale Essen. Seine inneren Dämonen sind seine damalige Alkoholsucht und die Alpträume, die er aus Vietnam mitgebracht hat.

Jetzt ist ein weiterer Band der Dave-Robicheaux-Krimis erschienen: „Nacht über dem Bayou“ ist der neunte Band dieser Reihe, die der Verlag nun kontinuierlich den deutschen Lesern zugänglich macht. „Nacht über dem Bayou“ beginnt mit Aaron Crown, der wegen Mordes an dem schwarzen Bürgerrechtler Ely Dixon zu 40 Jahren Haft verurteilt wurde. Er hat immer wieder behauptet, unschuldig zu sein und bittet Dave Robicheaux, ihm zu helfen. Es kommen immer mehr Ungereimtheiten zu Tage. Ein Fernsehteam dreht eine Dokumentation über den alten Fall und stößt dabei auf einige neue Erkenntnisse. Es kommt zum ersten Todesopfer. Crown gelingt durch einen glücklichen Umstand die Flucht aus der Haftanstalt. Die Spannung nimmt zu, als ein Mexikaner damit beauftragt wird, Dave zu töten, denn der alte Fall wirbelt anscheinend einigen einfach zu viel Staub auf…

Die Romane von Burke strotzen vor Wortgewalt. Sie sind im Dialog stets authentisch und die Buch-Reihe gibt dem gewöhnlichen Kriminalroman das Literarische zurück. Die Robicheaux-Reihe lebt von den bildreichen Settings, der stets gegenwärtigen Übermacht der Natur und den großartigen Charakterisierungen aller handelnden Personen.

Selten habe ich eine Krimi-Reihe für mich gefunden, die man im Ganzen lesen will, nein muss, und sehnsüchtig auf weitere Bände wartet.

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Lars Mytting: „Die Glocke im See“

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Lars Mytting hat nach „Die Birken wissen’s noch“ erneut eine nordische Familiensaga geschrieben, die sich Stück für Stück entfaltet und deren Kern sich langsam herausschnitzen lässt. Diesmal geht die Reise weiter. „Die Glocke im See“ spielt in einem abgelegenen Tal in Norwegen im Jahr 1880. Lars Mytting ist ein naturverbundener Autor, dessen Werke sich auch gerne um das Holz drehen: Wälder, Bäume und Kunstwerke, die aus Holz geschaffen, gebaut oder geschnitzt wurden. Im Zentrum steht in „Die Glocke im See“ eine Stabkirche, die die Verbindung der nordischen, naturverbundenen Götterwelt und der Christianisierung verdeutlicht. Eine Kirche, die neben der christlichen Symbolik auch die kunstvollen Schnitzereien und Bildnisse der althergebrachten Götter- und Sagenwelten duldet. Dies ist auch der Kern des Romans, die Dualität zwischen den Glaubensrichtungen, der Einzug der Moderne neben den althergebrachten Gewohnheiten und Lebensweisen. Diese zwei Welten werden auch durch die Zwillingsglocken jener Stabkirche symbolisiert.

Um diese Glocken ranken sich Mythen und Geschichten. Gerade zu jener Zeit, in der der Roman spielt, war der Aberglaube weit verbreitet. Der über die Ländereien weitklingende Silberklang der Glocken hat seine Herkunft durch ein Familiendrama. Auf dem Hekne Hof kommt es zu einer der schwierigsten Geburten, die das dunkle Tal in Butangen bisher erlebt hat. Es kommen siamesische Zwillinge zur Welt, die dem Dorfleben viel Freude bereiten. Besonders ihre Wendteppiche, die die Schwestern mit viel handwerklichem Geschick weben, bekommen einen besonderen Stellenwert. Kurz vor der Volljährigkeit werden die Zwillinge todkrank und sterben. Der Vater spendet der Kirche die Zwillingsglocken, die er mit seinem ganzen Silber und mit einigen Haaren der Mädchen gießen ließ. Seitdem werden den Glocken übernatürliche Kräfte nachgesagt. Sie sollen von alleine läuten, sollte Gefahr drohen.

In diesem dunklen, abgeschiedenen Tal lebt im Jahr 1880 die junge und kluge Astrid Hekne, eine Nachkommin der Familie jener Hekne-Schwestern. An einem frostreichen Sonntag erfriert während des Gottesdienstes die ältere Klara Mytting. Dies veranlasst später den jungen Pfarrer Kai Schweigaard dazu, seine Zukunftspläne gegenüber der Gemeinde zu öffnen. Er hat, in der Hoffnung auf eine steilere Karrierelaufbahn, vor kurzem die kleine Pfarrei in Butangen mit der siebenhundert Jahre alten Stabkirche übernommen. Er hat bereits seine Kontakte spielen lassen, denn er möchte das alte, fast heidnische Gebäude durch eine modernere und größere Kirche ersetzen. Sein Anliegen erreicht Dresden. Dort ist man von dem Drang, die alten Kirchen und deren Schnitzereien als Feuerholz verkommen zu lassen, entsetzt und entsendet Gerhard Schönhauer, um den Abtransport der Kirche zu organisieren. Gerhard Schönhauer ist Student und hat kein Geld für die verlangten Studienreisen, daher wird ihm diese Reise nahegelegt.

Zwischen den Welten, zwischen der Einkehr der Moderne und diesen beiden Männern, dem Pfarrer und dem jungen Studenten, steht nun Astrid. Sie träumt auch von einem anderen Leben, fern vom alltäglichen Hof- und Dorfleben. Sie ist wissbegierig und freut sich zum Beispiel über die Zeitungslektüre, die ihr der Pfarrer zukommen ließ. Sie unterstützt Kai Schweigaard bei seiner Eingliederung in das Dorfleben und die Gemeinde. Sie ist es auch, die ihm die Augen öffnet für das entbehrungsreiche Leben in der Abgeschiedenheit. Denn Gottesfurcht ist schön, aber Hunger und gesunder Menschenverstand werden immer stärker sein. In ihr rumort das Hin- und Hergerissensein, der Zwiespalt zwischen dem Althergebrachten und der Moderne. Als sie hört, dass die alte Kirche abgerissen und in Dresden neuaufgebaut werden soll, beginnt sie zu rebellieren. Denn dann würden ja auch die Glocken verschwinden, die ihre Familie einst der Gemeinde gespendet hat. Auch in der Liebe muß sie ihren Weg finden. Gerade ist sie dem Pfarrer etwas nähergekommen, als Gerhard Schönhauer, der so ganz anders ist als die Männer in Butangen, im Tal eintrifft. Entscheidet sie sich für die Heimat oder für einen Aufbruch in eine moderne, ungewisse Zukunft? Hat das Schicksal ganz andere Pläne und bewahrheitet sich letztendlich die Legende um die Zwillingsglocken?

Ein Roman, der ganz leise und in einer eisigen Schneelandschaft beginnt. Alles ist gedämpfter, stiller und naturverbunden. Mit der Schmelze werden die eigentlichen Umrisse und Schmerzmomente immer deutlicher. Die Kontraste vertiefen sich und gleich einem gewebten Wandteppich baut sich die Handlung immer klarer auf. Das Nachtrauern des Alten und Bewährten steht der Glorifizierung der Moderne gegenüber. Beides ist für sich nicht besser oder schlechter. Lars Mytting verbindet erneut historische und mystische Ereignisse in einem Familien- und Liebesroman. „Die Glocke im See“ ist der erste Teil einer Trilogie. Ein melancholischer, schöner Roman.

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