
Ein wunderbarer Roman, der nicht nur schön aussieht, sondern uns auch eine unglaubliche Geschichte zweier Schwestern erzählt. Durch den phantastischen Realismus, denn die Hauptcharaktere sind keine gewöhnlichen Schwestern, werden unsere gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen regelrecht aufgebissen. Amanda Lee Koe bedient sich einer alten, chinesischen Legende und haucht dieser Fabel ganz neues und zeitgenössisches Leben ein. Zwei starke Frauenfiguren, die ein altes Geheimnis neben der Liebe zueinander verbindet. Lange bevor sie Menschen wurden, waren sie Schlangen im China der Tang-Dynastie.
Amanda Lee Koe eroberte die Literaturwelt mit ihren Erzählungen „Ministerium für öffentliche Erregung“ und ihrem folgenden Roman „Die letzten Strahlen eines Sterns“. Mit ihren Erzählungen schaute sie in die menschlichen Zusammenspiele. Es sind stets starke Frauen, die durch das Leben zerbrechen oder daran erstarken. Ihr darauffolgender Roman handelt von drei unterschiedlichen und realen Frauen, die bis heute für Gesprächsstoff sorgen und die Kunstwelt nachhaltig beeinflusst haben. Mit ihrem dritten Buch, dem zweiten Roman, geht sie ihren Weg weiter, dehnt den Kosmos aber weiter aus und erschafft eine Literatur, die in uns durch das Lesen erst richtig lebendig wird. Es ist ein Roman, der uns verschlingt, den Atem raubt und regelrecht festhält. Als wären wir Opfer einer giftigen Würgeschlange geworden, die uns hypnotisiert und für sich gänzlich einzunehmen versteht. Die Schlange als mystisches Tier, das Angst und Faszination ausübt. Es ist jenes Tier, das für Verrat, Gefahr und Triebkraft steht. Doch ist sie ebenfalls eine Übermittlerin von Weisheit, Heilung und Transformation. Auch wenn die Schlange sich oft häutet, bleibt sie immer eine Schlange. Dies ist der Ausganspunkt, denn es geht in der spannenden Geschichte um das Annehmen des innersten Wesenskerns. Somit sind die behandelten Themen die Anpassung, die Verwandlung für das Umfeld und der Weg zur individuellen Freiheit. Doch haben diese Wege ihre Preise und hinterlassen in und an uns Spuren.
Vor vielen Jahren ist es eine große weiße Schlange, die Ihre Schwangerschaft vereiteln möchte und sich selbst verletzt. Eine weitere Schlange, eine grüne, kommt, um ihre Wunden zu versorgen. Sie schwören sich ewige Treue und Liebe und werden Schwestern, die mit Hilfe der Lotusblume unsterblich werden und die Gestalt von Frauen annehmen können. Doch ihre Nähe zueinander halten sie, als sie ihr Heimatgewässer verlassen haben, kaum aus. Sie durchschlängeln als Menschen die Zeiten und werden immer unterschiedlicher. Emerald, die eigentlich grüne Schlange, lebt in New York und ist voller Lebenshunger und nimmt sich, was ihr geboten wird und sie benötigt. Sie spielt mit beiden Körperformen und hat das Tierische nicht gänzlich abgelegt. Su, die ehemals weiße Schlange, lebt in Singapur als Ehefrau eines Politikers. Sie verdrängt ihr wahres Sein und hat sich kaum noch gehäutet. Sie führt ein luxuriöses und stets kontrolliertes Leben. Als Emerald in Gefahr gerät, holt Su sie zu sich, um wieder für ihre Schwester da zu sein. Auch damit Emerald ihr beistehen kann, denn Su ist, wobei sie vor vielen Jahren dafür gesorgt hatte, dass dies nicht passieren würde, wieder schwanger. Alle, die dies und die Wahrheit der Schwestern erfahren könnten, sind für Su eine Bedrohung. Beide ernähren sich zwar wie Menschen, benötigen aber eigentlich Qi, also die Lebensenergie, die sie anderen Lebensformen mehr oder weniger abzunehmen verstehen. Emerald muss sich in Singapur einleben, denn die Lebensgewohnheiten sind hier ganz andere. Hier kann nicht öffentlich gezeigt werden, wenn man anders ist oder anders lieben möchte, als es die Gesellschaft erwünscht. Auch der Ehemann von Su ist obrigkeitshörig und in seinem Posten gegen Schüler, die über ihr Selbst, ihre Liebe oder über ihren Körper eigenständig entscheiden möchten. Die beiden Schlangenfrauen sind zwiegespalten in ihrem Wesen. Unterstützung bekommen sie von Menschen, besonders von Frauen, die sich ebenfalls nicht vorschreiben lassen möchten, wie sie zu leben haben. Als Sus Schwangerschaft voranschreitet und der Freiheitsdrang aller Charaktere zunimmt, spitzt sich die Handlung immer rasanter zu und es kommt zu einer Eskalation. Wird es ein menschliches oder ein tierischer Weg werden? Welcher Lebensdrang ist stärker oder kann es eine Vereinigung geben?
Eine außergewöhnliche, märchenhafte Erzählung, die unsere aufgedrehten Zeiten umzüngelt. Eine unheimliche, düstere, queere und auch humorvolle Geschichte. Die Sprache und die erzeugten Bilder sind voller Lebendigkeit. Sofort nimmt uns die Handlung mit den starken Frauenfiguren gefangen und die Spannung steigert sich immer mehr. Ein Roman, der unterhält und dabei die Fragen nach unserem Selbst, dem Körper und der Identität stellt. Wir können uns äußerlich immer wieder verwandeln, aber gelingt dies auch im innersten Kern? Können wir überall unsere eigene Freiheit, losgelöst vom Umfeld und Herkunft finden?
Dieser Roman reiht sich nun ein, in die Literatur, die phantastischen Realismus verwendet, um mehr zu sagen, wie es einst mit „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu seinen Anfang nahm. Das Buch ist wunderbar gestaltet und durch die bewegende und nachdenklich machende Geschichte ein außergewöhnliches Kunstwerk. Aus dem Englischen wurde es, wie alle Werke der Autorin, von Zoë Beck übersetzt.
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