Han Kang: „Die Vegetarierin“

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Der Roman „Die Vegetarierin“ von der aus Südkorea stammenden Schriftstellerin Han Kang ist eine feine literarische Entdeckung. Der Text versteht es, den Leser in seinen Bann zu ziehen, ihn aufzuwühlen und zu beeindrucken. Es ist ein fleischiges Buch voller Hingabe und Verzicht. Es ist der Drang des Individuellen nach dem Recht auf Selbstbestimmung und Eigensinn. Was bleibt, wenn die Menschheit das Natürliche verlernt?  Mephistopheles sagt es bereits im Faust: „Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ Der Mensch, auf den Körper reduziert, verliert, wenn er seine Natürlichkeit und seine Eigenart durch die gesellschaftlichen Zwänge abzulegen gelernt hat, seinen Wunsch nach Selbstentfaltung. Die Protagonistin hatte einen Traum und ihr ist alles Fleischige zuwider. Sie lehnt es fortan ab, Tierisches zu essen oder zu verwenden. Sie lebt Vegan und steigert sich immer weiter in ihre Vorstellung ihrer Naturverbundenheit hinein. Sie fühlt sich in ihrem Körper gefangen und möchte diesem entkommen und empfindet sich immer weniger als Mensch, d.h. Tier und sehnt sich nach Verwandlung. Im Gegensatz zu Kafkas „Verwandlung“ in ein Tier, möchte sie gleich der Flora allein durch Wasser und Photosynthese existieren.

Das Buch ist in drei Akte eingeteilt. Im ersten lesen wir aus der Perspektive des Ehemannes von Yong-Hye. Er sieht in seiner stillen Frau eine unscheinbare Hausfrau, die er lediglich aus Bequemlichkeit geheiratet hat. Er empfindet wenig für Sie und findet sie auch sehr unattraktiv. Er ist von ihr weder abgestoßen, noch fühlt er sich besonders zu ihr hingezogen. Ihre Intelligenz stellt er ebenfalls in Frage und behandelt sie eher schlecht als liebevoll. Yong-Hye entscheidet sich, nach einem Traum sofort vegan zu leben. Dies gilt in Südkorea als zerstörerisch und entspricht nicht der sozialen Ordnung. Da er nun Zuhause ebenfalls von seiner Frau Essen ohne tierische Zutaten vorgesetzt bekommt, will er den Druck auf sie ausweiten, in dem er die ganze Familie miteinbezieht. Yong-Hye leidet darunter und wird selbst immer weniger und nimmt wohl nicht nur wegen der neuen Lebensweise drastisch ab. Bei einem Familienessen wird sie brutal zum Fleischverzehr gezwungen und diese Art der Vergewaltigung löst in ihr den Wunsch der Selbstauflösung aus. Sie versucht sich das Leben zu nehmen.

Im zweiten Akt lesen wir aus der Sicht des Schwagers von Yong-Hye. Er ist ein Foto- und Videokünstler, der sich von ihr sehr angezogen fühlt. Yong-Hye hat den Suizid überlebt und war länger in ärztlicher Behandlung. Sie lebt nun von ihrem Mann getrennt. Durch eine Tanzaufführung, die eine seiner Ideen zu beinhalten scheint, möchte er ebenfalls ein Kunstwerk schaffen. Als Darstellerin möchte er Yong-Hye gewinnen. Sie lebt weiterhin vegan und trägt auf dem Rücken einen Mongolenfleck. Dieses harmlose Überbleibsel der Embryonalentwicklung verschwindet meist nach vier bis acht Jahren oder spätestens bis zur Pubertät. Doch bei ihr ist es geblieben. Ihre Lebensweise und dieser Fleck regen seine Sinne und Fantasie an. Er bemalt sie über und über mit Blumen und sie soll nackt vor der Kamera tanzen. Yong-Hye, die ungern einen BH trägt und sich auch öffentlich entblößte, willigt ein. Ihr erster Tanzfilm ist noch Kunst, doch wächst in ihm immer mehr ein Verlangen nach seiner Schwägerin und er verliert auch seine Scham.

Im dritten Akt spricht die Schwester von Yong-Hye zu uns, die sie im Klinikum besucht. Yong-Hye soll abermals zur Nahrungsaufnahme gezwungen werden.

Das Buch ist voller Kraft, Scham, Begierde und handelt vom Versuch, den Anderen zu verstehen, während man selbst ein Gefangener der Gesellschaft und des eigenen Körpers ist. Das Werk hat einen hypnotischen Sog und wird länger im Leser nachklingen. Die Sprache ist gleich der Geschichte stets schonungslos und sinnlich. Das Buch hat den „Man Booker International Prize 2016“ gewonnen.

Ein intensiver Lesegenuß.

P.S. Ich habe nur etwas die Befürchtung, wenn Leser, die uns Veganern gegenüber skeptisch sind, dieses Buch lesen, sich bestärkt sehen. Es ist nicht die Lebensgewohnheit und die Ernährungsumstellung, die die Protagonisten verändern, sondern ihr Umfeld.

Siehe auch die Besprechung auf: „Die Buchbloggerin

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Thomas Lang: „Immer nach Hause“   

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“ Demian Hermann Hesse

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Ein Künstlerroman, in dem man als Leser schwankt zwischen der literarischen Figur und dem realen Vorbild Hermann Hesse. Der Autor, Thomas Lang, hat sowohl mit Hesses Herausgeber als auch seinen Nachkommen gesprochen und er hat die Korrespondenzen und das Werk von Hesse gelesen, um Hermann Hesse in diesem literarischen Roman aufleben zu lassen. Gleich Klaus Modick, der in seinem Roman „Konzert ohne Dichter“ Heinrich Vogeler, der Worpsweder Künstlervereinigung und dem jungen Rainer Maria Rilke als literarische Figuren Leben einhaucht, taucht durch Thomas Lang nun Hermann Hesse als Protagonist auf. Es ist ein biografischer Roman, der sich mit dem jungen Autor beschäftigt. Hesse wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren und verstarb am 9. August 1962 in Montagnola.

„Immer nach Hause“ beschreibt die Epoche zwischen 1907 und 1919. „Peter Camenzind“ und „Unterm Rad“ sind gerade erschienen und seine Erzählungen „Diesseits“ sind geschrieben und werden gerade verlegt. Hesse ist verheiratet mit der Fotografin Maria (Mia) Bernoulli und die Ehe, das Kind und das Haus haben ihn in die Bürgerlichkeit gezogen. Er fühlt sich unwohl und er hadert mit sich und seiner Umwelt. Dies schlägt sich auch gesundheitlich nieder bei  ihm und seiner Frau. Beim Besuch in einem Bad wird Hesse Zeuge, wie über sein Werk gesprochen und mit der aktuellen Literatur verglichen wird. Er befürchtet, missverstanden und als Unterhaltungsautor angesehen zu werden. Er findet keinen Trost und wird immer nervöser, umtriebiger und rastloser. Seine Frau, die mit der Situation ebenfalls überfordert ist und kränkelt und von Hexenschüssen gepeinigt wird, treibt den grantigen Hermann aus dem Haus zur Kur. Hesse, der von Selbstzweifeln getrieben wird, verschließt sich der Ehe und bleibt oft nur mit sich beschäftigt. Sein sehnsuchtsvoller Blick ist stets auf das gerichtet, wo er gerade nicht ist. Seine buddhistische Sicht wird Hesse erst viel später bekommen und wohl auch die innere Ruhe, denn in diesem Buch ist Hesse ein von Unruhe getriebener. Er verweilt kurzzeitig im Kurhotel in Locarno, um dann, angelockt durch eine Annonce, die mit vegetarischer Küche, Luft- und Sonnenbädern wirbt, zum legendären Monte Verita oberhalb Asconas zu reisen. Mia ist zwischenzeitlich mit dem Kleinkind und dem Hausbau beschäftigt und Hesse findet immer mehr Gefallen an den Lehren und Weisheiten, die er in den Bergen lernt. Seine Rückreise steht ihm bevor und das Ehepaar entfremdet sich immer mehr. 1909 und 1911 bekommen sie zwei weitere Söhne. Hesse, der stets dem Heim und annehmlichen Haus entflieht, reist immer ausgedehnter, diesmal nach Indien, und Mia erkrankt und gleitet in die Depression. 1918 trennen sie sich.

002Lang hat einen einfühlsamen Roman geschrieben. Es entsteht aber ein Bild in mir, von dem ich nicht weiß, ob ich es haben wollte. Ich liebe die Werke von Hesse und als Teenager war ich besonders von „Demian“ und „Siddhartha“ begeistert. Nun geistert in mir ein Lyriker und Schriftsteller, der suizidgefährdet war sowie Aufenthalte in Heilanstalten hinter sich hatte und mit der Ehe und dem Bürgerlichen haderte. Hesse als Nervenbündel? Wie weit ist die Figur in mir nun eine literarische oder eine reale Person? Das Buch hat mich jedenfalls sehr angeregt und fasziniert, gerade weil es ein Künstlerroman über einen der für mich wichtigsten deutschen Autoren ist. Das Buch spielt wohl bewusst in den Jahren seiner Lebenskrise, denn sein großes Werk wird noch folgen. Sein Werk, in dem er sich einer Selbstanalyse unterzog und die Grenzen der Identität und Spiritualität erforschte. So kann ich den Hesse von Thomas Lang als literarischen und unruhigen Geist neben dem literarisch schaffenden in mir ablegen.

Eine lohnende Reise in die Welt des Hermann Hesse.

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Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis — Literaturen

Nicht mehr ganz zwei Wochen und die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 wird bekanntgegeben. Ich habe das zum Anlass genommen, bei Buchhändlern nachzuhaken: wie stehen sie zum Buchpreis? Was assoziieren sie damit? Haben sie Tipps für die Longlist? Das Stimmungsbild ist überwiegend positiv, wenn auch nicht unkritisch. Auch…

Es entsteht ein neugieriges „Gemurmel“ um den Deutschen Buchpreis. Sophie Weigand von u.a. Literaturen hat Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis eingefangen… Ich durfte ebenfalls Rede und Antwort stehen.

Danke Sophie!

über Ein neugieriges Gemurmel: Buchhändlerstimmen zum Deutschen Buchpreis — Literaturen

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Carlos Peter Reinelt: „Willkommen und Abschied“ 

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Durch die konkrete Poesie wird eine konzentrierte und schockierende Geschichte zum Thema Flucht vermittelt. Der Text und der Inhalt werden durch die Sprache und die Drucktechnik erlebbar und nachvollziehbar.

Das kleine Bändchen ist ein poetisches Kunstwerk, denn man erahnt bereits beim Betrachten, worum es geht und wie es endet. Der eigentliche Text ist auf jeder Seite in einen mittleren Kasten gesetzt, der umrahmt wird vom Titel des Goethe-Gedichtes: „Willkommen und Abschied“. In dem Gedicht von Goethe geht es um die Reise zu der Geliebten und der Vorfreude auf diese. Hier geht es um eine Flucht aus der Heimat mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Stilistisch und grafisch wird somit bereits die Situation des Textes dargestellt. Ein LKW, wohl ein Kühllastwagen, in dem sich die Handlung abspielt, wird umzäunt mit der Anspielung auf klassische Lyrik. Dieser Textblock, der das Innenleben dieses grausamen Transportes darstellt, wird von Seite zu Seite dunkler bis er ganz in unleserlicher Schwärze mündet.

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Der Erzähler ist ein Mann, der oft Flucht und das Geschehende um ihn herum beobachtet, sofern er dies kann, und kommentiert. Anfänglich ist es noch ein Genervtsein, doch durch die Enge, die schlechte Luft, das Geschrei und den Gestank wird er immer gereizter. Sein Innenleben und seine Ausbrüche werden zusätzlich durch die Schriftstärke verdeutlicht. Ist er in Rage, vergrößert sich das Schriftbild, und wenn er sich zur Beruhigung zwingt oder er sogar droht einzuschlafen, wird der Text kleiner und kleiner und somit unleserlicher. Er erzählt von seiner Heimat in Syrien und wie die aktuelle alltägliche Gewalt ihn dort fortgetrieben hat. Als ein Freund auf dem Weg zum Basar erwürgt wird, ist für ihn klar, er muss dort weg. Er bezahlt Schleuser und sein Ziel ist Österreich und, sofern er weiteres Geld auftreiben kann, gerne Schweden. Seine letzte Etappe verbringt er in diesem Kastenwagen. Er schätzt die Anzahl der Mitfahrenden auf sechzig Menschen, die bereits seit Stunden eingepfercht sind. Unter ihnen auch Alte und Kinder, die durch die Strapazen gepeinigt und im LKW ums Leben kommen.

Man bekommt durch die Sprache und Gesamtgestaltung des Buches einen Eindruck von der Situation und man liest beschämt und voller Entsetzen weiter. Es sind nur wenige Seiten und Worte nötig, um den ganzen Schrecken anzudeuten. Mit der immer dünner werdenden Luft wird es auch für die Menschen im LKW und uns, die Leser, immer dunkler.

Das ganze Ausmaß dieser Tragödie wird vom aktuellen Zeitgeschehen wohl getragen und verdeutlicht die vielen grausamen Fluchterfahrungen. Im Jahr 2015 wurde in Österreich ein LKW mit 71 Flüchtlingen von der Polizei gestoppt, die alle bereits kurz nach der Abfahrt in Ungarn erstickt sind. Diese Schleuser hatten wohl mehrere solcher Kühllastwagen besessen. Der LKW war luftdicht und auch die Kühlung sei nicht angeschlossen gewesen. Die 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder aus Syrien, Afghanistan und Irak waren innerhalb von anderthalb Stunden verstorben.

Ein bewegender und schockierender Text. Ein grausam poetisches Debut. Der Autor ist ein junger Student für Deutsch, Philosophie und Psychologie in Salzburg. Er ist politisch und sportlich aktiv und kann sich auch (wie ich) für Heavy Metal begeistern. Dass sich dieser junge Mensch dieses brisanten Themas angenommen hat, ist bemerkenswert und es ist ein lohnenswertes Kunstwerk entstanden, das den Leser erstarren lässt.

Siehe auch die Besprechung auf poesierausch

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Caroline Eriksson: „Die Vermissten“

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Am Sonntag hatte ich mal wieder Lust auf einen spannenden Krimi. Mich hat der Überraschungserfolg aus Schweden angesprochen und auch die Aufmachung  des Buches lies auf spannende Lesestunden hoffen. Doch war die Lesezeit arg kurz, denn das Buch ist wirklich spannend und wird bestimmt gleich den Bestsellern „Girl on the Train“ von Hawkins und „Gone Girl“ von Flynn einen Hype auslösen. Es ist ein unblutiger Psychothriller, der mit der Abhängigkeit, Unterwerfung, Erlösung und Macht spielt. Die Handlung kreist um die Frage, ob die hier gepeinigten Frauen ihr wahres Ich erst mit dem Peiniger bekommen oder eher ohne ihn?

Die Handlung beginnt mit einem Bootsausflug zu der kleinen Insel auf dem See. Greta, Alex und die Tochter Smilla sind gerade in dem abgelegenen Ferienhaus und wollen dort eine idyllische Zeit verbringen. Es ist eine stimmungsvolle Fahrt auf dem mythenumrankten See. Das leuchtende, grünschwarze Wasser hat auf Greta stets eine besondere Anziehungskraft. Der Abend verspricht eigentlich ein schöner zu werden und Alex macht auf der Fahrt zu der Mitte des Sees seine Späße und erzählt die unheimlichen und gruseligen Geschichten, die es um den See und die geheimnisvolle Insel gibt. Als sie das Boot am Ufer der Insel befestigen, bleibt Greta im Boot und wartet auf die beiden, die neugierig auf Entdeckungstour gehen. Plötzlich hat Greta ein komisches Gefühl und Alex und Smilla kommen auch tatsächlich nicht mehr zurück. Durch die Vorahnung macht sich Greta auf die Suche und sie wird immer beunruhigter, denn von den beiden fehlt auf der kleinen Insel jede Spur. Sie wird immer panischer, denn sie findet lediglich einen alten, schwarzen Stiefel und ein getötetes Eichhörnchen.

Zurück im Ferienhaus kann sie vorerst ihr Handy nicht finden und gerät immer mehr in einen Strudel aus Verzweiflung und Beunruhigung. Sie wankt zwischen Angst und Panik und weiß ab und zu nicht, was sie machen soll. Sie sucht die Beiden rund um den See, doch wird sie hierbei von einer Gruppe Jugendlicher aufgeschreckt, die ebenfalls etwas zu suchen scheinen und sie auch bedrohen, sollte Greta etwas mit dem, was die satanisch wirkende Gruppe sucht, zu tun haben. Das Mädchen, die zum Anführer gehört, wird Greta noch öfters bei ihrer Suche über den Weg laufen.

Greta telefoniert vorerst mit ihrer Mutter statt zur Polizei zu gehen. Die Beziehung zu ihrer Mutter scheint getrübt zu sein, denn Gretas Vater war ein machtbesessener Mann, der durch einen Mord oder Unfall ums Leben kam als Greta acht Jahre alt war. Sie gibt sich selbst die Schuld daran und war deswegen auch schon in psychiatrischer Behandlung.

Als Greta aber endlich die Polizei aufsucht, kommen noch weitere Ungereimtheiten zutage und ihre Geschichte ist genauso geheimnisvoll wie das Verschwinden ihrer Lieben…

Ein ungewöhnlich unblutiger Thriller aus Schweden, der doch die eine oder andere Schublade öffnet und sich typischer Muster bedient. Dies sind aber kleine Abstriche, denn ich habe das Buch in einem Rutsch innerhalb eines Nachmittages gelesen. Es hat mich sehr gefesselt und hielt bis zum Ende die Spannung. Ein Orchester bestehend aus Angst, Abhängigkeit, Macht und Dunkelheit erklingt beim Lesen und man vergisst, dass man blättert und wundert sich, dass plötzlich schon der Showdown da ist.

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Tilman Rammstedt: „Morgen mehr“

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Ich gebe zu, ich bin bei Tilman Rammstedt voreingenommen. Ich mag alle seine Bücher und da ich mal durch eines seiner Werke an seine Telefonnummer gekommen bin, habe ich die Ehre und kommuniziere ab und zu mit ihm per SMS. 015 AuszugAm 05. März 2015 hatte ich mal dreist nach etwas Neuem in Schriftform gefragt und ich bekam folgende Antwort:003

Schön, dass anscheinend ein Notfall eingetroffen war… Der Verlag und Tilman Rammstedt wollten auch mal etwas Neues ausprobieren. Drei Monate lang hat der Autor täglich ein Kapitel unter lesebegierigen und wohl auch kritischen Augen geschrieben. Es gab Abonnenten, die sich online anmelden konnten und somit dem Autor mehr oder weniger über die Schulter schauen und Einfluss auf den Text nehmen konnten. Tilman Rammstedt wusste am Anfang selbst nicht, was ihn erwartet und worauf das alles hinauslaufen würde. Nur eins wussten alle: er solle gefälligst wieder schreiben und am Ende soll ein neues Buch von ihm dabei herauskommen. Nach einer kurzen Verschnaufpause ging das Buch durch das Lektorat, wurde schick und ausgangsfähig gemacht. Die gedruckte Ausgabe trotzt jeder Datei. Ein buntes und sehr schönes Buch, das besonders durch das „Schaltkapitel“ auffällt.  Das Schaltkapitel ist das Schlussplädoyer („Das wir noch nicht erahnen können“) des Erzählers, das auf gelbem Papier als ein Leporello am Ende des Buches eingebunden wurde. Der „Spiegel“ hat in der aktuellen Literaturbeilage ebenfalls Worte über den Roman verloren. Doch wird in diesem Artikel das gedruckte Buch der Onlineversion gegenübergestellt und letztere als witzig und gut besprochen. Das vorliegende Buch, soll laut dem „Spiegel“, als gedrucktes Werk versagen. Hier rufe ich laut Veto und möchte fragen, ob der Verfasser der Zeilen gerade das digitale als hip und chic empfindet und dies mal wieder verdeutlichen möchte. Oder hat er beide Versionen etwas zu flüchtig überflogen, d.h. gelesen? Ich kenne nur die gedruckte Version, habe somit keinen Vergleich, aber es ist ein schönes Buch, das inhaltlich einen echten Tilman Rammstedt verspricht und hält.

Der Titel „Morgen mehr“ ist sowohl auf die Abonnenten, die fast täglich versorgt wurden, aber auch auf die jeweiligen Hoffnungen der skurrilen Protagonisten bezogen. Die Hoffnung und der Zwang, alles zum richtigen Zeitpunkt zu richten, d.h. einleiten zu wollen, ist das Ende und der Ausgang der Geschichte, in der die Zeit, sei es nur eine einzige Sekunde, ebenfalls eine wichtige Rolle einnimmt. Der Ich-Erzähler stellt sich als ein lebensüberblickender, olympischer Erzähler vor, der bereits alles weiß. Sein Leben liegt vor ihm – doch hat er ein kleines Problem, er ist noch nicht geboren. Alles zu wissen hilft dann auch nichts, wenn man noch nicht gezeugt wurde. So springt nun der Erzähler zwischen seinen zukünftigen Eltern hin und her, denn er hat nur wenig Zeit, um diese miteinander bekannt zu machen. Die Mutter ist gerade dabei, sich einem Franzosen hinzugeben und sein Vater steht mit einzementierten Füssen am Main und wird von einem Möchtegern Großganoven in den Fluß geworfen. Da die neuen Schuhe nicht gut angetrocknet waren, kann sein Vater sich befreien und erreicht das Ufer, und erschrickt drei Mafia-artige Männer, die ebenfalls jemanden im Main verschwinden lassen wollten. Der Trainingsanzugs-Ganove, Dimitri, der den Vater versenken wollte, klaut kurzerhand den Mercedes der Mafia-Jungs und nimmt den Vater mit. Dimitri, der sich diesen Namen selbst ausgesucht hat, meint, dem Vater das Leben gerettet zu haben und beide stehen nun in einer tieferen Verbindung. Hinzugesellt sich etwas später ein Junge, der anscheinend keine Geldnöte hat. Im geklauten Wagen ist ferner ein Koffer mit einem dubiosen (Platzhalter) von den drei Mafia-artigen Männern, die nun die Verfolgung im Auftrag ihres Bosses aufnehmen.

Der Vater möchte aber nichts sehnlicher, als seine Ex-Freundin zurückzuerobern, die aber bereits auf den Weg nach Frankreich auf Hochzeitsreise ist. Es machen sich nun alle auf den Weg nach Frankreich und es kommt auf dem Eifelturm zum Zusammenprall der Handlungen und Personen, nebst einem Schaf. Der Eifelturm, als Schauplatz des Finales, der aus der Sicht des Jungen fast nur aus Löchern zu bestehen scheint –  aber so ist wohl das ganze Leben, eine löchrige Materie in Raum und Zeit.

Die Perspektive ist stets aus der Sicht des noch nicht geborenen Erzählers. Die Individuellen Gefühlslagen kommen im Dialog mit den jeweiligen Protagonisten ebenfalls zu Wort. Eine spaßige Road-Novel mit etwas „Zurück in die Zukunft“-Charme. Das Finale in Paris ist gleich dem Umschlag herrlich bunt, schräg und erklärt, was es mit der Erzählstimme wirklich auf sich hat.

Ein literarisches Online-Experiment ist in gedruckter Form ein schöner, kluger, abgefahrener Roman, der mich, wie alle Werke vom Tilman Rammstedt, unterhalten und sehr viel Spaß gemacht hat. Niemals übernimmt der Klamauk den Stil. Mit Phantasie und Erzähltalent ist der Autor wahrlich gesegnet. Lediglich ein unwesentlicher Charakter kommt für mich zu kurz: der arme Zollbeamte. Gerne möchte ich wissen, wie es ihm geht und sende herzliche Grüße und gute Besserung an diesen…

Ein wundersames und wunderbares Buch! Danke Tilman! 014    Zum Buch / Shop

 

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Grégoire Delacourt: „Die vier Jahreszeiten des Sommers“

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Das Buch hat mich sehr positiv überrascht. Bei den ersten Zeilen wollte ich es schon weglegen. Einige Seiten weiter war ich immer noch nicht wirklich überzeugt und weiterhin skeptisch. Aber dann wurde ich immer süchtiger nach den Geschichten und den Protagonisten. Es ist die leichte Art, wie die jeweilige Handlung erzählt wird. Die Sprache und die Geschichten wirken nicht aufgesetzt und bieten melancholischen und schönen Tiefgang. Auch wenn das Buch optisch einen leichten Sommerroman für den Strand verspricht, sollte man sich nicht täuschen lassen, das Buch ist doch weit mehr als das und ist auch kein verklärtes Gute-Laune-Werk.

Die erste Erzählung ist aus der Sicht eines jungen Menschen, der zum ersten Mal die Liebe findet und daher liest sich der Text anfänglich etwas holperig und kippt leicht ins Kitschige. Doch ist dies bewusst vom Autor eingesetzt, um die Stimmung des jungen Protagonisten einzufangen. Der Roman beinhaltet vier Kapitel, die jeweils verschiedene Lebenszeiten beleuchten. Die Zusammenhänge sind  der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, der Strand von Le Touquet und wie zu erwarten ist, die Liebe.

Es sind vier Jahreszeiten im menschlichen Leben die durch verschiedene Charaktere verdeutlicht werden. Es ist ein Junge, der mit 15 Jahren seine erste große Liebe erlebt und diese nicht erwidert findet und in seinem Liebeskummer ertrinkt.

Wir lernen eine 35-jährige Frau kennen, die ihre Liebe verloren meint und von einem weiteren Mann, mit dem sie einen Sohn hat, wortkarg verlassen wurde. Sie ist nun auf der Suche nach neuem Glück. Durch einen Rettungsvorgang am Strand wird sie im Krankenhaus erneut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert.

Im dritten Kapitel geht es um eine Hausfrau, die mit sich nicht im Reinen ist, ihren Körper als 55-Jährige aber nicht als alt deklariert wissen möchte und auf der Suche nach körperlicher Anerkennung ist. Sie möchte sich der Liebe bedingungslos hingeben können und stürzt sich ins Abenteuer.

Das Ende, der letzte Sommer im Leben, handelt von einem Ehepaar, um die 75, die sich noch genauso lieben wie am Anfang ihrer Beziehung. Nach einem gemeinsamen und für sie erfüllten Leben beschließen sie gemeinsam zu gehen…

Der Episodenroman ist nicht überfüllt, sondern eher leicht zu lesen und, wenn er etwas Kitsch streut, ist es passender und schöner Kitsch, der zum Erzählten passt und dadurch beim Leser eigene Regungen heraufbeschwört. Man lernt die Figuren lieben, leidet mit ihnen und hat stets die Hoffnung, dass trotz der Hindernisse und verpassten Lebens- und Liebesmomente alle mit sich ins Reine kommen mögen.

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