Yanick Lahens: „Sanfte Debakel“

Eine literarische Reise, die stets das Gefühl einer fiebrigen Hektik verbreitet und über der auch etwas Bedrohliches, wenn nicht sogar der Tod selbst mitschwingt. Der Alltag und die Flucht aus diesem sind durchdrungen von Poesie, Sinnlichkeit und Musik, das heißt der gesellschaftliche Blues wimmert beständig und wohlklingend mit. In diesem Buch ist es die Sprache, die den Rhythmus schlägt und somit einen Takt für den Verlauf der spannenden Handlung vorgibt.

Auch wenn man anhand der Inhaltsangabe einen kriminalistischen Plot erwarten könnte, wird man doch viel umfangreicher von diesem kurzweiligen Roman mitgerissen. Es ist ein spannender Haiti-Roman, der in der Kürze ein umfangreiches Portrait des Landes und der Menschen beschreibt. Die Figuren sind getriebene und versuchen aus dem Umfeld oder der Lebenssituation zu flüchten. Doch verlaufen diese sanften Debakel oft in Niederlagen.

Port-au-Prince wird in diesem Werk als eine Stadt voller Korruption beschrieben. Die Machtspiele sind gut geschmiert von Menschen eingefädelt worden, die davon weitreichend profitieren. Wer sich Ihnen in den Weg stellt, wird bedroht oder gänzlich zum Schweigen gebracht. So auch der Richter Raymond Berthier, der sich nicht auf diese Spiele einlassen will und sich damit Feinde gemacht hat. Er schreibt an seine Frau, denn auch seine Familie wurde indirekt bedroht und er ahnt das unausweichliche Ende seines Lebens. Sechs Monate nach seiner Ermordung versucht seine Tochter Brune das Drama zu verarbeiten. Ihr Traum ist es, Sängerin zu sein und sie versucht den Schmerz und den Verlust durch die Musik zu kompensieren. Ihr Onkel möchte durch seine Vernetzungen Einblick in den damaligen Vorfall erhalten und der Anwalt Cyprien möchte Karriere machen. In diesem Umfeld bewegen sich unter anderem noch ein revolutionärer Straßenkämpfer und ein französischer Journalist. Alle Figuren kreisen umeinander und enthüllen immer mehr ihr eigenes Innenleben. Durch sie wird die Gesellschaft erlebbar. Langsam werden auch die ganzen Zusammenhänge deutlich.

Die Nichtexistenz der Machlosen wird beleuchtet und durch diesen Text in Frage gestellt. Das pulsierende Leben in Haiti und besonders in Port-au-Prince wird in einem fiebrigen Leseblitz farbenfroh beleuchtet. Ein Buch, das durch die Poesie, Musik und die Sprache lebendig wird.

Yanick Lahens wurde 1953 in Port-au-Prince geboren. Nach ihrem literaturwissenschaftlichen Studium lehrt sie selbst und interessiert sich beständig für die traditionelle Kultur Haitis, was sich in ihren Werken widerspiegelt. Übersetzt wurde das Buch aus dem Französischen von Peter Trier.

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Amanda Cross: „Die letzte Analyse“

Ein richtig toller, literarischer Krimi aus dem Jahr 1964. Eine Literaturprofessorin glaubt an die Unschuld eines befreundeten Psychoanalytikers und beginnt zu ermitteln. Somit ist der Roman voller literarischer Anspielungen, psychologischer Raffinesse und gewürzt mit viel Charme und Humor. 

Die Handlung spielt in den sechziger Jahren in New York und beginnt mit einem Gespräch, in dem es um Freud geht. Die Psychoanalyse hat mit ihm begonnen, aber wohl auch mit ihm geendet, denn immer noch kreisen alle Analysen um seine Erkenntnisse. In diesem Gespräch sagt Kate Fansler ihrem Freund, dass sie ihn einer ihrer Studentinnen empfohlen hätte. Die schöne und junge Studentin Janet Harrison hatte ihre Professorin nämlich gebeten, ihr einen Psychoanalytiker zu nennen. Da Kate vor langer Zeit eine Beziehung mit Dr. Emanuel Bauer hatte und immer noch ein freundschaftliches Verhältnis mit ihm und seiner Familie pflegt, hatte sie Janet Harrison seine Adresse in Manhattan genannt.

Sieben Wochen später wird Kate von einem Polizisten aufgesucht und befragt. Denn Janet Harrison wurde ermordet. Sie wurde auf der Couch in der Praxis von Dr. Emanuel Bauer erstochen. Die Polizei verdächtigt sofort Emanuel, jedoch fehlen Beweise, die eine zügige Inhaftierung rechtfertigen würden. Kate, die von der Unschuld ihres Freundes überzeugt ist, sucht diesen auf und möchte den Fall klären, denn sie befürchtet, die offiziellen Ermittlungen gehen lediglich in eine Richtung. Man sucht Beweise für den bestehenden Verdacht, ohne ein Motiv gefunden zu haben. Kate beginnt zu ermitteln und stützt sich dabei stets auf ihr belesenes Wissen. Die Tat könnte perfide eingefädelt sein, denn wenn Emanuel die Wahrheit sagt, wurden Termine abgesagt, auch der der Ermordeten und er war zu der Tatzeit nicht in seiner Praxis. Dies belegen auch Anrufe, die zentral eingegangen sind, um die Termine kurzfristig abzusagen. Aber doch sind Emanuels Fingerabdrücke auf der Tatwaffe und warum sollte die Leiche auf seiner Couch liegen? Warum gerade sollte er einen Mord in seiner Praxis mit seinem eigenen Küchenmesser begehen? Kate erhält bei ihrer Fallanalyse Unterstützung unter anderem durch den stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt Reed Amhearst.

Der Roman lebt von seinem Charme der Zeit, also der 60er Jahre in New York. Die Dialoge sind klug, ironisch und sehr gekonnt formuliert. Die ganze Handlung ist toll und glaubhaft inszeniert und führt zu raffinierten Schlussfolgerungen. Es ist ein literarischer Lesespaß und ein Krimi, der sehr unterhaltsam und ohne Gewalt und Action-Szenen auskommt. Ein richtig schöner, guter und klassischer „Whodunit“ mit Witz und Charme.

Amanda Cross, eigentlich Carolyn Gold Heilbrun (1926 – 2003), war eine feministische Literaturwissenschaftlerin. Sie veröffentlichte wissenschaftliche Schriften, aber auch unter ihrem Pseudonym Krimis um die Literaturprofessorin und Amateurdetektivin Kate Fansler. Übersetzt wurde diese Wiederentdeckung aus dem Amerikanischen von Monika Blaich und Klaus Kamberger.

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Christian Schnalke: „Die Fälscherin von Venedig“

Ein opulenter historischer Spannungsroman. Christian Schnalke, der auch als Drehbuchautor tätig ist, versteht es, den Lesestoff szenisch und cineastisch umzusetzen. Ein Roman, der zu Lesestunden einlädt, in denen man in der Zeit und Geschichte reist und dabei gänzlich das persönliche Umfeld vergessen kann. Trotz der Fülle und des Umfangs, wird der Bogen niemals überspannt und die Handlung hat nichts Verklärendes. Es geht um Macht, Gier, Liebe und ganz viel Kunst. Die Kulisse ist das Venedig des Jahres 1818 mit all seiner Pracht. Aber neben dieser leuchtenden und prachtvollen Vorstellung der Lagunenstadt, wird auch die bröckelnde und dunklere Seite der damaligen Welt sehr lebendig.

Franz Wercker, eine Figur, die bereits in dem Roman „Römisches Fieber“ die Hauptfigur war, träumt von einer Karriere als Schriftsteller. Der junge Deutsche wird auf seiner Italienreise von der Kirche zu Unrecht wegen vierfachen Mordes zum Tode verurteilt. Doch wird ihm die Möglichkeit der Begnadigung geboten. Er soll in Venedig gestohlene Kunst und deren Diebe ausfindig machen. Bei einer Rückführung von napoleonischer Beutekunst sind diverse Meisterwerke stibitzt worden. Franz Wercker soll diese Werke finden. Fortan nennt er sich Robert von Stagard und quartiert sich als Kunsthändler getarnt in dem von Österreich beherrschten Venedig ein.

Er mimt seine Rolle, bangt aber durch seine Unwissenheit aufzufallen und somit seine Chance der Begnadigung zu verspielen. Er taucht ein in die Kunstwelt und sucht Künstler, Sammler und Kunsthändler auf. Da er sich ebenfalls als ein Händler ausgibt, wird er als Konkurrenz misstrauisch beobachtet. Doch um den Schein zu wahren, kauft er auch wenige Gemälde und sucht Galerien auf. Dabei trifft er auf einen namhaften Kunsthändler, der sich kurz darauf das Leben nimmt. Da Franz, der zugegen war, ihn aus den Fluten, aber ihm nicht das Leben retten konnte, wird er erneut des Mordes verdächtigt. Doch bekommt er Hilfe und verstrickt sich dabei immer mehr in der dubiosen Kunstwelt und meint auch kurzweilig, eines der gesuchten Werke gesehen zu haben. Doch lenkt er damit auch die Aufmerksamkeit auf sich. Unterstützung erfährt Franz durch eine geheimnisvolle deutsche Malerin, Irma, die ebenfalls in Venedig verweilt.

Ein weiterer Handlungsstrang ist mit Clara, der Frau von Franz, angelegt. Sie weilt in Deutschland bei gutsituierten Menschen und Freunden und verkehrt im Umfeld von Goethe. Sie begibt sich auf die Suche nach Franz, der immer mehr als vermeintlicher Kunsthändler in die Geschichte rund um den Kunstmarkt eingetaucht ist und sogar selbst in arge Bedrohung gerät.

Der Roman erzeugt sofort Bilder und man wandelt mit den Figuren durch die damalige Kulisse. Farbenfroh wird die Geschichte um Franz und die damalige Kunstwelt erzählt. Ein historisches Werk, das neben der Spannung auch für etwas Bildung sorgt. Neben den schönen und prächtigen Prunkbauten stehen in diesem Roman auch die Gebäude und Werke, an denen der Putz und die Farbe abbröckeln. Ein kluger und unterhaltsamer Schmöker im wahrsten und positiven Sinne des Wortes. 

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Björg Björnsdottir: „Der sechste Wintermonat“

Lyrik ist stets etwas ganz persönliches. Auf minimalstem Raum birgt diese Literatur viel Spielraum und die Größe entfaltet sich beim Lesen oder Rezitieren. Der Lyrikband der isländischen Journalistin und Schriftstellerin Björg Björnsdóttir ist ein Zyklus von Gedichten über Einkehr, Trauer und Neubeginn und voller Verbundenheit zwischen Mensch und Natur. Die Natur als Metapher der persönlichen Innenschau. Die Bilder wachsen und bilden einen Kanon, der durch die Sprachgewalt pure Leselust verbreitet und zu einem Nachsinnen einlädt.

Beim Lesen wandern wir durch eine Seelenlandschaft im Einklang mit dem Jahresverlauf. Es sind Gedichte, die die alten isländischen Monatsnamen im Titel tragen. Übersetzt wurde das Werk von  Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer.

Das Buch selbst ist ein Erlebnis und ein handwerkliches Kunstwerk. Gesetzt wurde das Werk mit einer Linotypen-Setzmaschine und gebunden nach der offenen, japanischen Art. Das wunderschöne und bibliophile Werk wird ergänzt durch eigens für das Werk geschaffene Graphiken, d.h. Radierungen und Linolschnitte von Jón Thor Gíslason.

Zur Entstehung des Werkes hat Wolfgang Schiffer hier einen schönen Einblick gegeben:

„Vom Buch übers Manuskript zu einem neuen Buch“

Ein Werk, das man immer wieder in die Hand nehmen wird. Es chronologisch durchwandert oder willkürlich oder gezielt besucht. Eine Reise, die durch die Naturbilder von einer schmerzenden, eingekehrten Seele erzählt, die eine Stille in den Schatten findet, um dann im Licht die Sanftheit des Augenblicks zu erfassen. Doch keimt im Sommer auch wieder ein Winter, der in einem „Und dennoch“ verklingt…. Ein Kunstwerk.

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Katja Kettu: „Die Unbezwingbare“

Ein Buch, das begeistert und inhaltlich vieles bietet. Eine mystische Ebene trifft auf die brutale Realität und wir tauchen beim Lesen ein in eine spannende Spurensuche. Anfänglich ist es die Sprache, die fast schon verzaubert, dann wächst der Handlungsverlauf an zu einer nervenaufreibenden Spannung, die eine Wirklichkeit beherbergt, die einen das Grausen lehrt.

Katja Kettu zählt zu den wichtigen Autorinnen Finnlands. Ihr bisher größter Erfolg war der mehrfach ausgezeichnete Roman „Wildauge“. In „Die Unbezwingbare“ steht im Mittelpunkt Lempi, eine Frau, die sich auf eine Rückreise begibt und die Vergangenheit zu klären versucht. Ihre Eltern sind die Ojibwe Rose und der Finne Ettu. Somit geht es auch um die Geschichte der europäischen Auswanderer und ihre Beziehungen zu den Urvölkern Nordamerikas. Rose Feather war eine wilde und freie Frau und sie liebte ihren Mann, Ettu, und ihre Tochter Lempi sehr. Sie lebten in einem Ojibwe-Reservat.

Vor fünfundvierzig Jahren ist Rose spurlos verschwunden. Ettu hat seitdem viele Vermisstenanzeigen gestellt. Doch waren diese bisher erfolglos und erhielten auch wenig Gehör. Ettu, selbst auch oft verdächtigt, verliert darauf hin langsam seinen Glauben und Verstand. Lempi hatte das Reservat verlassen und war in ein Internat gezogen. Stets hat sie mit ihrer Identität zu kämpfen. Sie wird weder bei den Finnen noch bei den Ojibwe gänzlich angenommen. Dies erlebte sie bereits zu Schulzeiten und musste sich stets behaupten. Im Reservat war sie zu weiß, außerhalb nicht weiß genug.

Rose wird weiterhin vermisst und jetzt ist erneut ein Mädchen verschwunden. Ettu scheint sich zu erinnern und er bittet Lempi zu kommen. Somit kehrt Lempi in das Reservat in Minnesota zurück. Lempi schreibt Briefe an Jim Graupelz, den sie seit ihrer Jugend kennt. Ettu übergibt Lempi Briefe von Rose, die sie nun erstmals liest. Als damals immer wieder Mädchen im Reservat verschwanden, wollte Rose dem Verbrechen auf die Spur gehen. Doch stieß sie dabei auf Widerstand und verschwand dann ebenfalls spurlos.

Es ist ein Roman, der sich gänzlich im Leser entfaltet. Durch die poetische Sprache und den Handlungsverlauf vertieft man sich zügig im Text. Es geht um Identität, Gewalt und Missbrauch. Ein Werk, dem man sich aber öffnen muss und bei dem man sich ganz auf den Stil und die weitere Entwicklung einlassen sollte. Durch die Briefe von Lempi und Rose springt die Erzählperspektive zwischen 2018 und 1973. Neben den Themen der Unterwerfung der amerikanischen Urbevölkerung, also dem Rassismus, geht es um Ideale, Hass und Feminismus.

Ein wunderbar geschriebener Roman, der aber innerhalb der poetischen Sprache eine nackte Brutalität, die aus Realität geboren ist, verbirgt. Ein wichtiges und mehr als lesenswertes Werk. Aus dem Finnischen übersetzt von Angela Plöger.

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Amy Waldman: „Das ferne Feuer“

Eine packende Geschichte über aktuelle Themen und Zeitgeschichte. Ein Roman, der es versteht, einen leicht journalistischen Ton in Literatur zu verwandeln. Dabei werden große Fragen aufgeworfen. Fragen über die Moralisierung, die naive Gläubigkeit durch die schnell wandelbare Medienwelt, Offenheit gegenüber fremden Kulturkreisen und Religionen. Dabei kann es zu Verwirrung führen, die, sofern sie öffentlich gemacht wird, katastrophal sein kann.

Amy Waldman, amerikanische Journalistin und Autorin, erzielte mit ihrem Debütroman „Der amerikanische Architekt“ große Erfolge. „Das ferne Feuer“ beschreibt allein durch den Titel eine Distanz, die durch Verständnis und Leidenschaft versucht wird zu überbrücken. Doch was ist, wenn die Bilder, die man von fremden Ländern und Kulturen hat, von Vorurteilen und falschen, eventuell manipulierten Bildern und Geschichten geprägt sind?

Der Hauptcharakter ist Parvin Schams, die in erster Generation Amerikanerin ist. Ihre Eltern sind aus Kabul in die USA geflohen. Sie ist eine ehrgeizige Berkeley-Studentin und kennt die Heimat ihrer Eltern nur aus Erzählungen. Als sie eines Tages per Zufall das Buch „Mutter Afghanistan“ findet und liest, entflammt in ihr ein Feuer. Das Buch, das sie mehrfach liest, ist eine Mischung aus Selbsterfahrungsbericht und abenteuerlicher Aufklärung. Ein Arzt berichtet über die medizinischen Missstände des Landes und besonders über die Rolle der Frau in Afghanistan. Er hat eine Klinik und eine Stiftung gegründet. Die Klinik hat der Arzt nach einer Frau benannt, die trotz seiner damaligen Hilfsversuche im Kindsbett verstorben ist. Parvin ist von diesem Bericht so berührt und fühlt sich so sehr angesprochen, dass sie den Arzt kennenlernen möchte. Auf einem Vortrag erlebt sie ihn und sieht, wie er durch kleine Starallüren auffällig ist, stellt dies bei ihm aber nicht in Frage. Auch, als sie mit ihrer Professorin über ihren Plan redet, aufgrund des Buches nach Afghanistan zu reisen, versucht die Professorin, die naive Leidenschaft abzumildern. Das Buch ist aus deren Sicht eine verkitschte Meinungs- und Machtmanipulation.

Parvin reist und will für die Stiftung tätig sein oder zumindest über diese schreiben. Als sie in dem ärmlichen Dorf eintrifft, in dem die weiß strahlende Klinik fast wie deplatziert wirkt, verschleiern sich die Perspektiven. Die Familie, die sie beherbergt, war auch bereits für jenen Arzt Gastgeber. Doch waren seine Berichte über diese Familie viel freundlicher und herzlicher, als Parvin nun dort aufgenommen wird. Immer mehr stößt sie auf Ungereimtheiten. Der Bericht, der sie zu ihrer Reise veranlasst hatte, scheitert an der vorgefundenen Realität. Auch die Klinik wird nur wöchentlich von einer Ärztin genutzt. Aber nicht als Klinik mit vollfunktionsfähigen Operationssälen. War der Arzt und der Gründer der Stiftung ein Hochstapler?

Nicht nur das Buch des Arztes hat großen Einfluss der amerikanischen Sicht auf Afghanistan, sondern auch in Folge was Parvin beschrieben hat. Dies kann in dieser krisengeplagten Region zu einer Katastrophe führen.

Welchen Einfluss haben die Medien auf den Blick auf unsere Welt? Wie weit kann man sich von subjektiven Berichten leiten lassen? Es kann nicht gut sein, wenn man stets von der eigenen Weltsicht die andere erschließen möchte. Gutgläubigkeit ist grundsätzlich gut, wenn die Menschheit friedlich und sorgsam miteinander umgeht. Sobald aber Gier ein Motivator ist oder Machtspiele ausgetragen werden, kann Gutgläubigkeit gelenkt und sogar manipuliert werden. Es gibt viel in diesem packenden und umwerfenden Roman zu entdecken. Ein Blick auf uns und unsere Welt in einem sachlichen und dennoch einfühlsamen Ton, der zu begeistern versteht. Jede Perspektive bekommt hier Glaubwürdigkeit. Übersetzt wurde das Werk aus dem Englischen von Brigitte Walitzek.

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Gäste im Leseschatz

Weiter geht es mit unseren unglaublich tollen Gästen auf Leseschatz-TV (YouTube).

Es sind folgende Gäste seit den vergangenen Tagen bei uns neu zu sehen:

Dana Grigorcea, Wolfgang Schiffer, Rolf Lappert, Eva Ladipo, Angélique Mundt, Anja Goerz, Mathijs Deen, Julia Rothenburg, Sonja Rüther und Horst Eckert.

Viele weitere waren bereits bei uns zu Gast und es werden noch weitere folgen!

Link zu den Videos:

https://www.youtube.com/c/BuchhandlungAlmutSchmidtOHG/videos

Danke an alle Gäste!

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Eva Ladipo: „Räuber“

Nach der „Wende“ kommen die „Räuber“. Im zweiten Roman von Eva Ladipo geht es um die Immobilienwirtschaft und ist im Gegensatz zu ihrem vorherigen Roman „Wende“ kein Spannungs-, sondern ein Gesellschaftsroman, der mit Hilfe von drei Hauptperspektiven die klaffende Schere zwischen Reich und Arm, den täglichen Kampf um Würde, Gleichberechtigung und den Wohnraum beschreibt.

Immobilien sind nicht nur Lebensräume, sondern auch Spekulationsobjekte. Aufgrund wertrelevanter Instandhaltungsmaßnahmen besitzen viele Mietobjekte immenses Verwertungspotential. Im Roman geht es um eine marode Sozialbausiedlung, für die die staatliche Förderung ausläuft und die Liegenschaften privatisiert werden. Somit keimt die Frage, was der neue Vermieter mit den Wohnräumen und Objekten vorhat. Bleibt das Leben dort sozial verträglich? Wohnraum ist für alle existentiell. Was passiert mit der Gesellschaft, wenn der Lebensraum der reinen Spekulation und Gewinnmaximierung überlassen wird? Somit lernen wir im Roman drei Perspektiven kennen, die jede für sich einen Blickwinkel auf die sich zuspitzende Entwicklung hat und sich die Frage stellt, wem diese Lebensgrundlage und somit die Stadt eigentlich gehört?

Olli Leber wohnt mit seiner Mutter in einer Sozialbausiedlung in Berlin. Seine Eltern haben bereits eine Wohnungsodyssee erlebt. Ollis Vater war Bauarbeiter und seine Mutter Krankenschwester. Das Viertel, in dem sie vorher gelebt hatten, wurde gänzlich saniert und sozial umgestaltet und dadurch erhöhten sich die Mieten exorbitant. Es blieb nur noch der Umzug in eine Sozialwohnung, um weiterhin in Berlin leben zu können. Der Vater verunglückt und stirbt. Hier beginnt der Roman, mit der Beerdigung von Ollis Vater. Trotz der mangelnden Mittel will die Mutter ihn im schöneren, ehemaligen Stadtviertel beigesetzt sehen. Auch Musiker sind zur Trauerfeier geladen, die vor einer sehr überschaubaren Trauergemeinde spielen werden. Dies macht die Mutter aus innerem Trotz und resignierter Wut. Nach der Beisetzung zieht sie sich innerlich zurück und lässt auch die Post ungeöffnet liegen. Olli, der ebenfalls am Bau tätig ist und viel arbeitet, öffnet die Anschreiben von der Verwaltung, dem Mieterbund und der Nachbarschaft, die zu einem Treffen einlädt. Die Sozialbauwohnungen sind von der Stadt verkauft worden und in den kommenden Tagen soll eine Mieterversammlung stattfinden.

Die zweite Perspektive ist Amelie Warlimont, sie ist Journalistin und gerade erneut Mutter geworden. Ihr Mann kämpft um den Erhalt seiner Zeitung und ist ständig in der Redaktion. Amelie erfährt von ihrem Mann, dass er sie betrogen hat. Somit gerät ihr Leben ins Wanken und privat und beruflich ist sie ausgelaugt. Bei einer Recherche lernt sie Olli kennen, hört von seiner Geschichte und fängt für diese Feuer. Sie verbünden sich, um dem Immobilienwahn, d.h. –boom und der daraus resultierenden sozialen Ungerechtigkeit entgegenzuwirken.

Dann gibt es da noch Falk Henning, der ehemalige Finanzsenator, der es in seiner Amtszeit zugelassen hat, dass viele Sozialwohnungen privatisiert wurden. Falks Familienleben ist eher ein Flickenteppich zu nennen, in dem ihm seine Tochter sehr wichtig ist. Ihm sind keine Wege oder Mittel zu gering, um diese glücklich zu machen. Während er sich auf die Hochzeit seiner Tochter vorbereitet und ein ausschweifendes Fest plant, gerät er in das Visier von Amelie und Olli. Amelie hat bereits auch aus der Vergangenheit eine Verbindung zum Finanzsenator und jetzt, durch Ollis Geschichte, wird in ihr die Journalistin gänzlich belebt.

Das Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes sehr vielschichtig, hält Überraschungen parat und spannt einen stimmigen Bogen um die Gesellschaft. Die Spannungskurve wird kontinuierlich gesteigert und die Charaktere sind lebensnah und glaubhaft skizziert.

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Florian Knöppler: „Kronsnest“

Ein faszinierender Roman über die 20er Jahre auf dem Land. Es ist ein holsteinisches Dorf, das hier ins Zentrum gerückt wird und mit den Protagonisten eine Studie über das damalige Landleben ablegt. Der Alltag macht dieses Werk so lesenswert und glaubhaft. Ganz schnell fühlt man sich zu dem Hauptcharakter, Hannes, hingezogen. Die Trostlosigkeit, das entbehrungsreiche Leben und der Wunsch nach besseren Zeiten werden glaubhaft und mit viel Einfühlungsvermögen geschildert.

Kronsnest ist ein Dorf in der Elbmarsch. Hier lebt man hauptsächlich von der Landwirtschaft. Die Großbauern verstehen es teilweise, die um sich greifende Armut auszunutzen und ihre Ländereien zu vergrößern. Die alltäglichen Sorgen der kleineren Höfe und deren Bauern, die um ihre nackte Existenz kämpfen, greifen um sich. Auch der Hof von Hannes Eltern ist betroffen. Aber die Familie kennt nichts anderes. Hannes weiß, er wird eines Tages den Hof übernehmen, auch wenn seine Träumereien andere Wege gehen. Der Vater ist ein launischer und aufbrausender Mann. Hannes entkommt den Gewaltausbrüchen meist nur, wenn er zur Schule oder mit seinem Freund zum Angeln geht. Die Arbeit auf dem Hof hat stets Vorrang. Der Vater, der langsam seine Intuition für Das Landleben verliert und körperlich immer kraftloser wird, reagiert seinen Unmut an den Tieren und besonders an Hannes aus. Auch in der Ehe der Eltern kriselt es. Die Mutter versucht, die Wogen zu glätten. Der Vater empfindet sich, in Bezug auf die Vorgeschichte von Hannes Mutter, als zweite Wahl. Somit wird das bedrückende Gefühl auf dem Hof für den jungen Hannes immer unerträglicher. Er sucht seinen Ausweg und findet seine Zuflucht meist in der Natur und bei seinen Freunden. Es gibt auch andere Familien, die ein ganz anderes Leben führen, als er es kennt. Familien, in denen man miteinander lebt, musiziert und Bücher liest. Sein Lehrer erkennt Hannes Wissensdurst, fördert ihn und führt ihn ein in die Welt der Literatur.

In Mara findet Hannes seine erste Liebe, aber wird er nicht immer schlau aus ihr. Auf dem Hof ist immer sehr viel zu tun, weil der Vater selbst immer weniger machen kann. Hannes arbeitet ferner auch auf anderen Höfen, um zum Beispiel mit Ferkeln, die er für den eigenen Hof gut gebrauchen kann, ausgezahlt zu werden. Doch, da diese Hannes organisiert hat, neidet der Vater ihm diese und macht ihm das Leben auf dem Hof immer mehr zur Hölle. Auch das neue Pferd, das Hannes ausgehandelt hat, belächelt der Vater missmutig. Hannes, der sehr nachdenklich und empfindsam ist, leidet sehr unter der Gewalt des Vaters. Es kommt immer häufiger zu körperlichen Auseinandersetzungen und Hannes muss lernen, sich abzugrenzen. Auch im Dorfleben, denn hier macht sich auch ein neuer politischer Wind breit. Der Nationalsozialismus wuchert bereits in diesem Umfeld. Die inneren und politischen Spannungen nagen an Hannes Seele. Besonders aber seine Gefühle zu der geheimnisvollen Mara, deren Liebe er für sich gewinnen möchte.

Die Figuren und deren Entwicklungen sind glaubhaft skizziert und somit werden die Zeit und die damaligen Ereignisse sehr erlebbar. Das Politische wird privat. Florian Knöppler versteht es, durch seine Sprache und die erzeugten Bildern ein großes Gesellschafts- und Sittengemälde zu fertigen. Das Buch erzeugt viel Empathie für die Hauptfigur und mit ihr erwacht der damalige bäuerliche Alltag in Schleswig-Holstein zum Leben. Ein sehr gelungener Debütroman, der sehr sinnlich geschrieben ist. Man meint, die Räumlichkeiten und die Tiere förmlich riechen zu können.

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Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“

„Dichterworte zünden die Liebe zur Welt an“

„Was wir scheinen“ ist eine Romanbiografie, die die wahre Geschichte fiktionalisiert und somit die Hauptfigur, Hannah Arendt, sehr nahbar erscheinen lässt. Ein Buch, das nicht als Biographie verstanden werden kann, sondern als Roman und als Einblick in die Persönlichkeit, das Leben und das Schaffen der bedeutenden Theoretikerin, Publizistin und Lyrikerin.

Die Handlung beginnt im Jahr 1975 und Hannah Arendt ist von New York auf dem Weg nach Tegna, in der Schweiz. Der lange Flug und nun die Zugreise wirken ermüdend. Sie nimmt die vorbeihuschende Landschaft nur beiläufig auf. Sie dämmert ein und träumt erneut den Traum vom Glaskasten, der sie seit dem Eichmann-Prozess heimsucht. Im Tessin möchte sie eine Art Urlaub verbringen. Die Gedanken sortieren und die Umgebung auf sich wirken lassen. Die Wochen ihres Sommerurlaubs in Tegna wechseln regelmäßig mit Rückblenden und Erinnerungen aus ihrem Leben. Die gesuchte Erholung und das ländliche Refugium werden zu einer Reise in die Vergangenheit und den Orten: New York, Berlin, Paris, Marseille, Jerusalem und Rom. Es verwischen sich Fakten und Fiktion und somit bildet sich ein großes Bild und man erlangt mit den Erinnerungen der fiktiven Hannah Arendt einen enormen Eindruck von Wirken und Leben der realen Persönlichkeiten und Ereignisse.  Hildegard E. Keller schreibt sehr gekonnt und mit viel Wissen und Empathie. Die Romanhandlung ist durch die historischen Fakten inspiriert und wird durch diese ergänzt. Somit kommt Hannah Arendt durch Quellen gestützt selbst zu Wort.

Die Verfolgung von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus bewogen sie zur Emigration aus Deutschland. Sie hat sich lebenslang mit der Freiheit und der Gleichheit beschäftigt. Sie war philosophisch und politisch hoch gebildet und hat mit ihren Worten vieles bewegt und verändert. Durch diesen Roman meinen wir Hannah Arendt besser kennenzulernen. Durch das Alltägliche wird die welterfahrene Frau persönlich. Durch die Bildhaftigkeit und die Fiktionalisierung kann dieser Roman auch als gelungener Einstieg gesehen werden. Das Buch erzeugt einen Wunsch, sich ausführlicher mit Hannah Arendt zu beschäftigen, sofern noch nicht geschehen. Es sind keine Vorkenntnisse von Nöten, um diesen Roman gänzlich zu erfassen. Das Buch ist sehr einfühlsam, wissenswert und umfangreich geschrieben. Durch den Wechsel zwischen den Rückblicken und dem Aufenthalt im Tessin mit den Urlaubserlebnissen nebst Vogelbeobachtungen bekommt der Roman etwas Leichtes. Die Fülle, die Tiefe und die Schwere werden durch die beschriebenen Sommermonate aufgelockert.

Hildegard E. Keller hat mit ihrem Debüt ein faszinierendes Werk über eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts geschaffen.

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