
Hier kommuniziert Poesie mit Prosa, Philosophisches mit dem Alltäglichen und der Gedanke wird zu einem Wortspiel aus Farben, Gefühlen und literarischen Fixierungen. „Mein Leben“ ist eine Lebensgeschichte, eine Betrachtung auf Kindheit, Familie und Arbeit. Das, was sich zu erzählen lohnt, erschafft einen Lebensraum, der zu einem Sprachraum wird. Auch das, was Lyn Hejinian las, ihre Bücher, fließen ebenfalls in den Betrachtungsraum ein. Die Autorin ordnet das Leben, lotet es aus. Sie verfängt sich in politischen Momenten, in gelesenen Werken und Zitaten. Die Herkunft und das Kindliche setzen den Anfang und wandern zu den Momenten als Frau, als Lyrikerin, als Verlegerin, die mit ihren Weggefährten die Language Poetry formte. Dies ist das zentrale Werk dieser Gattung und von der Autorin. In dieser zweisprachigen Ausgabe tritt das Original mit der Übersetzung von Sonja vom Brocke und Norbert Lange in einen möglichen Dialog. Mit dieser wunderbaren Publikation liegt von Lyn Hejinian zum ersten Mal ein Buch auf Deutsch vor, das von den Übersetzern mit spannenden Nachwörtern ergänzt wird.
Das Buch umfasst das Leben und besteht mehr aus Lebensmomenten. Das Werk ist mit der Zeit auch gewachsen, im englischen Original gab es bereits mehrere Versionen, die noch durch Ergänzungen gewachsen ist. Es sind fünfundvierzig Abschnitte, die mit einem vorgestellten Satz beginnen. Es sind Satzmomente, Fragmente, die sich im folgenden Text wiederholen oder wiederspiegeln. Erinnerungen, die sich strukturiert ordnen, verlieren und wiederfinden. Im Fokus ist dabei immer die Sprache. Mit Language Poetry verbindet sich Lyrik mit Prosa. Poesie, die die Gedanken oder Gefühle des erzählenden Ichs auszudrücken versuchen. Sprache als Transporteur der fixierten Momente, die sich beim Lesen verändern und zu unseren werden. Im Buch kommt es oft zu Wiederholungen, die aber im neunen Kontext erscheinen und somit den Moment verändern, verzaubern und neu durchdringen.
Lyn Hejinian wurde 1941 in Kalifornien geboren. Sie war Schriftstellerin, Übersetzerin und Herausgeberin. Sie veröffentlichte zahlreiche Werke, die Lyrik, Essays beinhalten und sie war als Verlegerin und als Herausgeberin tätig. Als zentrale Figur der Language Poetry gehört sie zu den wichtigen Stimmen der US-amerikanischen Literatur. Lyn Hejinian verstarb 2024 in Berkeley, wo sie auch als Professorin lehrte.
Sie spielt mit Sprache, die versucht, ihre Gedanken und Emotionen an Worte zu binden. Sätze, die dem lyrischen Gefühl folgen und dadurch Farbe, Klang oder Rhythmik miteinbinden. Wörter, die sich in dem Kontext neu definieren können. Farben, die sich mit den Ereignissen verändern, ausblenden oder wieder hineinstrahlen. Es beginnt mit der Kindheit in den 50er Jahren, den politischen Umwälzungen der 60er Jahre und zu den schriftstellerischen Tätigkeiten der 70er und 80er Jahre. Private Erinnerungen und Ereignisse aus dem Weltgeschehen sind ein Kern neben den inneren Betrachtungen über Alltag, Leben, Liebe, Literatur, Philosophie und Tod. Dieses Werk ist eine Lesebereicherung, wir lernen durch die Sprache die Welt neu zu sehen. Wir fühlen, denken und genießen diese Texte. Die Vieldeutigkeit, die Fragen, die Wiederholungen verändern uns mit dem Sprachraum, der sich im Zuge der Lektüre mit verwandelt. Dies ist ein Buch von Weltrang.
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