Ray Loriga: „Kapitulation“

Ein Roman, der einen zukünftigen Schrecken nüchtern erzählt und durch den emotionslosen Ton viel Gefühlschaos und Gedanken beim Lesevorgang provoziert. Eine Welt, die an Orwells Visionen anknüpft und diese mit aktuellen Werken wie zum Beispiel „Lärm und Wälder“ von Juan S. Guse in Verbindung bringen lässt. Ferner wird der visionäre Roman mit den Texten von Murakami oder Houellebecq verglichen. Dies, weil Ray Lorgia die politische Belletristik durch seinen Text, der etwas vom fantastischen Realismus in sich birgt, mit neu gestaltet.

Der Roman ist eine spannende Parabel auf unsere Gesellschaft, die hier in einer verlängerten Gegenwart platziert wird. Eine Stadt als Raum, in der sich das deklarierte Böse weder verstecken noch gesellschaftlichen Schaden anrichten kann. Eine gänzlich durchsichtige Stadt. Die Menschen, die für die Bevölkerung zuständig sind, denken für diese, während sie dabei über diese nachdenken und Regierungen bilden. In diese Stadt kommen nur Menschen, die keine Verdachtsmomente erregen. Dadurch kommt es zu Verleumdungen. Es gibt Denunzianten, die andere Denunzianten denunzieren. Die Transparenz beeinträchtigt somit nicht nur die Privatsphäre.

Es herrscht Krieg. Bereits seit zehn Jahren, doch kann keiner mehr wirklich benennen, wie der Krieg ausbrach oder wer der Feind ist und für was gekämpft wird. Zumindest weiß es der Erzähler nicht. Er und seine Frau bewirtschaften ihr Anwesen und hoffen auf die Rückkehr ihrer Söhne, die in den Krieg eingezogen wurden und seitdem verschollen sind. Sie empfinden ihren Optimismus selbst schon als unbegründet. Eines Tages ist bei Ihnen im Keller ein fremdes Kind und weint. Sie nehmen sich dieses Kindes an und nennen es in Folge Julio, denn das Kind selbst schweigt beständig.

Die Front verlagert sich laut dem Bezirksvorsteher und die Liegenschaften sollen geräumt werden. Die Besitzer sollen nur das Nötigste und Erlaubte mitnehmen und den Rest, auch die Häuser, anzünden. Benzin wird gestellt. Eine Flucht erscheint unmöglich, denn auch die privaten Fahrzeuge wurden konfisziert. Die Evakuierung in die sogenannte „Durchsichtige Stadt“ wird staatlich organisiert. Alles wird reglementiert und Privates erschwert. Unter einer Glaskuppel findet sich ein Gewirr aus durchsichtigen Straßenzügen, Gebäuden und Geschäften. Medizin, Fotoalben und Kleidung werden alle neu gestellt und erstellt. Wie kann man Ruhe finden in einer gänzlichen Transparenz? Welche Geheimnisse trotzen dem gläsernen Blick? Wer die gesellschaftlichen Regeln missachtet muss mit Konsequenzen rechnen. Kapitulation, ein mögliches Einleben in der Durchsichtigkeit oder ist eine Flucht möglich?

Eine Dystopie in der Geheimnisse verboten und das Leben reglementiert ist. Jeder wird in dieser Welt zum Big Brother, jeder beobachtet, ohne den wahren Beobachter zu kennen. Bis zum Ende eine bestürzende Überraschung. Das Werk wurde aus dem Spanischen von Alexander Dobler übersetzt.

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Minu Ghedina: „Die Korrektur des Horizonts“

Ein ganz feinfühliger und wunderschön erzählter Roman. Es geht um die Brüchigkeit im Leben und um die Momente, die eine Biographie verschieben, abzweigen lassen oder sogar den Menschen ins Wanken bringen. Der Horizont als Ziel und Orientierungspunkt kann durch kleinste Verschiebungen lebensverändernd sein. Die sensible Heldin des Buches baut sich eine Bilderwelt auf und wendet sich oft in ihr Innerstes und versteckt sich selbst in lediglich empfundene Tarnkleidung.

Es ist die Geschichte von Ada, die als junges Mädchen bei ihrer Großmutter aufwächst. Warum, erzählt ihr lange keiner. Sie empfindet sich dadurch als nicht gewollt und abgeschoben und ist stets eine Fremde, wenn sie ihre Eltern und ihre jüngere Schwester besucht. Doch ist die Großmutter immer für sie da und gibt ihr ein Zuhause, in dem sie das Schöne für sich entdecken lernt. Doch das Familiäre, die menschliche Nähe und Liebe fehlen ihr. Ihr Horizont verschiebt sich zum ersten Mal in einer starken Böe, als ihre Schwester sie sogar in der Schule verleugnet.

Halt findet sie im Umfeld der Großmutter, die als Schneiderin tätig ist. Die vielen bunten Stoffe mit ihrer wärmenden, anschmiegsamen oder kühlenden Wirkung auf der Haut, eröffnen ihr eine bisher verborgene Welt. Wenn die Hausaufgaben gemacht sind, darf sie mit der Großmutter das Nähen lernen. Bei Familienfeiern oder Zusammenkünften wird Ada stets als Sonderling behandelt und sie grenzt sich immer weiter ab. Ihr Vater versucht sie oft zu manipulieren und zu beeinflussen, bis Ada erfährt, dass es wohl gar nicht ihr Vater ist. Die Mutter, die sich meist betrinkt, ist nicht zurechenbar in der Erziehungsfrage und hinterlässt bei Ada stets ein verstörendes Bild.

Zum Glück hat die Großmutter das Sorgerecht, denn somit kann Ada als Statistin am Theater arbeiten. Ihre Eltern wollen ihr auch dies verbieten.  Als sie mit der Schule die Inszenierung von Antigone sieht, öffnet sich für sie eine neue Welt. Das Theater zieht sie in den Bann und als sie bei einer Shakespeare-Aktion Freikarten gewinnt, wird ihr Wunsch am Theater zu arbeiten immer deutlicher. Die ersten Erfahrungen sammelt sie als Statistin und gerät dadurch immer mehr in die Kunstwelt. Die Bühne, die Kulissen und besonders die Kostüme mit ihren schönen Stoffen, verführen sie gänzlich und sie wird später eine erfolgreiche Kostümbildnerin.

Doch wird sich in ihrem Leben immer wieder der Horizont verschieben. Das Fehlen der menschlichen Nähe und die Unfähigkeit der Umarmung sind ein schmerzhafter Wegweiser ihres Lebens. Sie wird mit jedem Wendepunkt stärker und meistert viel Unwegsames, doch sind ihre Schwächen beständige Begleiter. Durch die geschichtlichen und politischen Ereignisse wird das innere und äußere Leben vieler Menschen ins Beben gebracht und erneut verschieben sich die Horizonte, auch die von Ada.

Ein wunderbarer Leseschatz, der tiefgründig und facettenreich ist. Die Figurenzeichnung ist sehr empathisch und Ada wächst beim Lesen immer mehr ins Herz ihrer Zuhörer. Die Schönheit, die neben den Schmerzmomenten immer mehr an Wichtigkeit erlangt, wird sinnlich und kunstvoll in Literatur verwandelt. Ein Debütroman einer Künstlerin, die auch das Titelbild gemalt hat, wird hoffentlich viele begeistern.

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Judith Holofernes: „Die Träume anderer Leute“

Wenn aus einer Heldin eine Heldin wird. Eine Biographie, die von einem Rückweg erzählt und somit eine andere Sicht auf eine Rock-Pop Heldin wirft. Es ist nicht die Geschichte vom Durchbruch einer erfolgreichen Band, sondern der sensible und ehrlich erzählte Weg nach dem Erfolg. Ein Blick auf das Danach und dem sich Neufinden und Erfinden. Ein ganz ehrliches Buch voller Träume, das nicht nur für Heldenverehrer lesenswert ist. 

Judith Holofernes Buch beginnt am Ende der Helden-Jahre. Sie ist die Frontfrau einer Band, die sich aber immer als Einheit gesehen hat und niemals den Ausverkauf ihrer Musik in den Vordergrund gestellt hat, sondern ihre Kunst und die daraus resultierende Aussage, Emotion oder Unterhaltung. Durch Glück, Zufall und die richtigen Worte und Entscheidungen waren Wir sind Helden Wegbereiter von vielen Bands, wie u.a. Silbermond. Doch was macht der Erfolg mit jungen Menschen? Menschen, die sich als Freunde vereinen und ganz große Erfolge feiern dürfen? Sie, die Sängerin, Texterin verliebt sich in den Schlagzeuger, Pola, und sie werden eine Familie mit zwei Kindern. Das Popstar- und Familienleben im Alltag wird für beide zur Belastungsprobe. Das Leben der Band ist durch Plattenaufnahmen, Interviews und ausgiebige Tourneen geprägt. Dabei wird deutlich, dass der Tour-Tross für die Kinder fast unmöglich ist und Judith Holofernes den Spagat auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit vollzieht. Dort beginnt ihr Bericht, als ihr Körper Alarmsignale sendet, sie aber weiterhin auf der Bühne alles geben will, denn ein Publikum, das sich Sorgen um die Sängerin macht, kann nicht feiern. So entscheiden sich die Helden für ein Ende. Ein Ende, das als Pause tituliert, schleichend die Helden von der gemeinsamen Bühne entlässt.

Judith Holofernes beginnt, sich an den neuen Alltag zu gewöhnen, sie lernt wieder ein Körpergefühl zu entwickeln, in dem sie sich wohl fühlt. Gleich dem Song „Bring mich nachhause“, lernt sie sich und ihre Familie neu zu finden. Sie muss Kraft finden und schöpfen für Neues. Durch die Auszeit und die Literatur beginnt Judith Holofernes wieder festen Grund im Leben zu spüren. Sie beginnt zu schreiben, Lyrik, neue Songs und sie macht Übersetzungen. Sie betrachtet dabei die Musikindustrie, in der Musiker und ihre Kreationen zu Produkten deklariert werden. Sie macht es nun in dezenter Entschleunigung und etwas selbstbestimmter als zur Heldenzeit.

Das Buch fesselt und macht neugierig auf den Werdegang der Künstlerin. Ein lesenswertes und stets  authentisches Werk. Der Text bewegt und macht auf eine positive Weise sehr nachdenklich. Ein Blick auf den Rückweg aus dem Erfolg. Eine Betrachtung der Krisen, Träume und der Zurückeroberung der Kunst. Judith Holofernes hat das Popmärchen beendet und sucht den Weg, das Magische im echten Leben zu integrieren. Eine Künstlerbiographie, die über ganz andere Seiten des Erfolgs schreibt und somit eine wahre und schöne Leseüberraschung ist.  

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Ute Cohen: „Falscher Garten“

Ute Cohen lässt uns erneut in die dunklen Ecken unserer Gesellschaft schauen. Das grüne Tal wird durch bestimmte Hände schmutzig und der idyllische Schein der verblendeten und naiven Bürger ist trügerisch. Die Perspektive ist in den Werken von Cohen stets die der Antihelden, der unsympathischen, skrupellosen und monströsen Menschen. Doch ist die Figurenzeichnung immer so angelegt, dass man ihnen, wie ihre Opfer, verfällt. Sie verstehen, uns mit ihrem Mahlstrom an Gedankenbildern an sich zu fesseln. Ute Cohen zieht sich diese Figuren kunstvoll an, schlüpft in deren Gedanken, Emotionen und verwandelt diese in eine zu dem entsprechenden Charakter passende Sprache.

Ute Cohen hat mit „Satans Spielfeld“ (siehe Leseschatz-TV (YouTube)) ihren persönlichsten Roman geschrieben, der, wie wir letztendlich erfahren haben, ihrer eigenen Biografie entsprungen ist und gerade dadurch das Ungeheuerliche gruseln lehrt. In „Poor Dogs“ tauchen wir in Figuren ein, die jegliche Grundlage der Menschlichkeit aus den Augen verlieren und alles nach Portfolio-Analysen und weiteren Business-Modellen ausrichten. Im Roman „Falscher Garten“ versucht sich ein Psychopath ein gemütliches, grünes Nest zu bauen.  Ein spannender und böser Roman, der die Gedankengänge und Erlebnisse eines Serienmörders freilegt. Dieser empfindet sich als gebildet, klug und dem Umfeld enthoben. Seine mörderischen Werke sind kunstvollen Vanitas nachempfunden. Doch da Leichen seinen Weg und seine Kunst kennzeichnen, ist er betrübt, dass die Medien dies nicht erkennen und ihn stattdessen als Monster bezeichnen. Aus ihm spricht auch eher eine sogenannte Bauernschläue, die ihn die Menschen in seinem Umfeld durch Verniedlichung oder Schubladen-Degradierung in seiner Wahrnehmung klein halten lässt.

Im Berliner Villenviertel Grunewald lebt die Journalistin Susa mit ihren Kindern. Sie hat eine Vergangenheit, die in der Punkszene zu wurzeln scheint und sie geht auch in Folge mal auf eine Demo gegen die soziale Ungerechtigkeit in Bezug auf die Neureichen. Aber mit ihrem neuen Lebenspartner, Valverde, spricht sie nicht über Vergangenes. Er kümmert sich liebevoll um die Kinder, macht ihnen auch extra Nudeln mit Tomatensauce, wenn Susa und er lediglich Salat essen. Er hat handwerkliches Geschick und betätigt sich im Haus und Garten. Susa empört sich oft über die in den Medien titulierte „Uckermark-Bestie“, nicht ahnend, dass ihr Liebhaber jener gesuchte Mann ist.

Valverde sucht das bürgerliche Leben und will einen Neuanfang. Als bei den Nachbarn, dem Schokoladenfabrikanten, der Haussegen schief hängt, wird Valverde aufmerksam, besonders, weil die Frau verschwunden ist. Viele Geschäftsideen sprudeln in seinem Kopf, denn langsam wird sein Geld knapp. Nicht immer sind diese Ideen legal oder sauber. Der falsche Garten ist eine Gedankenspirale, die sich um Valverdes Weltbild dreht.

Eine unterhaltsame Sprungübung in ein vermeintlich grünes Tal. Der Untertitel des Buches lautet „Eine schwarze Kapriole“. Eine Kapriole stammt aus der Reitkunst, gilt aber auch als launenhafter, toller Einfall und als ein übermütiger Streich. Dies gilt uneingeschränkt für den Roman von Ute Cohen.

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Siehe auch Ute Cohen zu Gast auf Leseschatz-TV

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Hendrik Otremba: „Benito“

Dieser Roman ist eine brückenschlagende Reise. Ein Werk, das Kunst mit Wut verbindet, Wahn und Wirklichkeit gegenüber stellt und viele Grenzen auslotet. Auch literarisch ist das Buch ein Ereignis und verdeutlicht das Gegenwärtige durch die Betrachtung der Vergangenheit und durch einen leichten Blick in die Zukunft. Sprachlich und inhaltlich ist der Roman eindringlich erzählt. Im Mittelpunkt steht eine jugendliche Freundschaft, die sich wandelt und Jahre später das Naive verliert. Ein blinder Aktionismus, der durch Radikalisierung im Terror mündet und dann die Schuldfrage stellt. Die beschriebene Reise wird von Pfadfindern auf einem Fluss erlebt. Das Gewässer erlangt wie die Handlung etwas Reißendes und die Menschen, die sich täglich einer guten Tat stellen wollten, verlieren die Bodenhaftung.

Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt und erhält dadurch enorme Vielschichtigkeit. Durch den Terroranschlag, der bereits früh erzählt wird, bekommt der Text einen enormen Spannungsbogen. Ein Werk, das einen wie die Helden mitreißt, straucheln lässt und am Ende steigt man zittrig mit aus dem dunklen Fluss und steht erstaunt und begeistert auf vermeintlich festem Boden.

Der Hauptcharakter hat in seiner Sabbatzeit eine ungewöhnliche Einladung erhalten. Er war in Italien in einer Auszeit und kehrt bärtig und mit langen Haaren nach Deutschland zurück. Hier beginnen seine gedankliche Reise und seine Erinnerung. Er ist ein Schriftsteller, der auch doziert und damals in seiner Pfadfinderzeit den Namen Cherubim trug. Sie hatten damals alle Fahrtennamen. Da waren unter anderem Kippe, Maus, Fliegentöter, Häuptling und Benito. Als Cherubim gerade elf Jahre alt war, machte er mit seiner Pfadfindergruppe eine dreiwöchige Kanufahrt. Sein Vater, der Schwimmlehrer, der ihm nie das Schwimmen beigebracht hatte, hat seine Mutter verlassen und je weiter die Reise geht, desto verbundener fühlt sich Cherubim mit der Natur, dem Fluss und den anderen. Er vergisst auf großer Fahrt seine Familienprobleme. Benito sitzt mit ihm in einem Boot. Benito, der blinde Junge, der sein Bein stets nachzieht.

Jahre später reist Cherubim nach Bonn zu einem Kongress in dem großen Hotelkomplex Paradies. Namentlich reist somit ein übernatürliches Wesen in ein paradiesisches Gebäude. Doch der Schein trügt, denn am Tag des Empfangs kommt es dort zu einem Terroranschlag. Viele Menschen aus dem öffentlichen Leben sind angereist und während der laufenden Feierlichkeit und der Show, stürmt ein Mann mit einem Maschinengewehr den Saal und verriegelt die Türen. Er schießt lange wild um sich. Doch gibt es ein Blutbad? Ist der Anschlag nur eine Vortäuschung und hat der Täter, der sich selbst anzündet und sich dann töten lässt, nicht Ähnlichkeiten mit Benito?

Verstört wankt Cherubim aus dem Szenario und stellt sich seinen inneren Fragen. Erneut begibt er sich gedanklich zurück auf die Flussfahrt, die ebenfalls aus dem Ruder lief. Das Abenteuer, das die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsenen verdeutlichen sollte, fließt in eine verstörende und surreale Welt. Der blinde Benito verändert seine Perspektiven. Der introvertierte Junge wird zornig. Ein Pfadfinder verirrt sich oder hat sich die Gesellschaft verlaufen?

Ein kunstvoller und kluger Roman, der viel zu sagen und zu erzählen hat. Eine Reise in und durch die Dunkelheit mit Blick auf das Individuelle und die Allgemeinheit. Gerne gibt man sich solcher literarischen Strömung hin. Ein großartiger und lesenswerter Roman, der viele Leser verdient und eigentlich auch einige Preise erhalten sollte. Ein Lesefest!

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Ilinca Florian: „Bleib, solang du willst“

Ein moderner Familienroman, der genauestens auf das alltägliche Leben zweier starker Schwestern schaut. Die Erzählung sich aber nicht im Alltag verheddert, sondern immer detaillierter und berührender wird. Am Ende stimmt das Gelesene nachdenklich und hinterlässt eine traurig-schöne Leere.

In dem vorherigen Werk der Autorin, „Das zarte Bellen langer Nächte“, ging es um das Finden und das Abgrenzen und um das selbstbewusste Nebeneinander. Dieses Themenpaket vertieft sie nun und sucht für ihre aktuellen Figuren ein unabhängiges, freies Leben.

Das eigene Schicksal zu lenken fällt bereits schwer. Unmöglicher ist es, dieses in die Hand zu bekommen, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Wie schnell sich das Leben wandeln kann, erfahren Martha und Charlotte. Zwei Schwestern, die sehr unterschiedlich sind. Martha ist impulsiv, gefühlsbetont und leicht chaotisch. Charlotte verkörpert von allem fast das genaue Gegenbild. Ein versehentlicher Handytausch ist der Anfang des Dramas. Martha ist Mitte zwanzig und lebt mit ihrem Mann, Niklas, in Weimar. Ihr gemeinsamer Sohn, Emil, ist gerade acht Monate alt. Niklas hat versehentlich Marthas Handy eingesteckt und sein eigenes zuhause liegengelassen. Nachrichten treffen ein, die durch den angezeigten Kurztext sein freizügiges Liebesleben offenbaren. Martha zieht kurzentschlossen zu ihrer Schwester nach Berlin. Beide eint neben der belasteten Beziehung zur ihrer Mutter auf den ersten Blick nicht viel. Martha träumt von einer Karriere als Jazzsängerin und die ältere Charlotte arbeitet in der Unternehmensberatung. Später organisiert Charlotte Martha auch einen Job am Empfang dieses Unternehmens. Die durchgestylte und stets organisierte Businesswelt scheint nicht zu der leicht verträumten Martha zu passen. Überall treffen verschiedene Welten aufeinander. Die mittellose und von Träumen als Sängerin getriebene junge Frau mit Kind ist in der Großstadt auf die Hilfe ihrer großen Schwester angewiesen. Dabei sind Streitigkeiten, die im Alltag oder der gemeinsamen Vorgeschichte wurzeln, vorprogrammiert. Aber im vermeintlichen Gegeneinander kristallisiert sich stets ein Füreinander heraus.

Was sind die eigenen Wünsche im Leben, was möchte ich erreichen? Ist das Leben überhaupt planbar? Sehr authentisch und nahbar wachsen die Charaktere aus den Zeilen. Die Dialoge sind realistisch eingefangen und spielen mit der jeweiligen Sprache der Figuren. Ein Roman, der die Liebe und das Miteinander feiert. Das Ende, das natürlich nicht verraten wird, lässt einen über das Leben nachdenklich werden.

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Ingebjørg Berg Holm: „Wütende Bärin“

Die Natur als bildreiche Kulisse eines Familienthrillers. Der zermürbende Kampf zwischen Mutter und Vater um das Sorgerecht des gemeinsamen Kindes, der berufliche Werdegang und das Tierische im Mann. Die Frauen treten nicht als Opfer auf, geraten aber durch das egozentrische und toxische Auftreten eines Mannes in Schieflage.

Der Beginn setzt gleich einen Spannungsbogen und die darauffolgende Notlage, die aus Sicht der Frauen beschrieben wird, wird dadurch immer drastischer. In der Eiswüste liegt eine Leiche. Die Schneeschicht verweht und lagert sich um den toten Körper. Wird der Kadaver durch das Wetter und den Niederschlag verdeckt oder kann ein Raubtier, zum Beispiel ein Eisbär, das verwesende Fleisch vorher wittern? Im anfänglichen Bild bleibt auch das Giftige und Unzerstörbare, hier der Plastikschutz des Thermoanzugs, übrig. Das Natürliche vergeht innerhalb der Natur. Doch schafft der Mensch es immer wieder, seine Spuren dem Umfeld aufzudrücken. Dies gilt global, das heißt im Makrokosmos, wie innerhalb der kleinsten Gruppe, der Familie, dem Mikrokosmos.

Wie brüchiges Eis sind die Beziehungen der Protagonisten. Nina und Njål arbeiten als Forscher zusammen an einem Projekt. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Lotta. Das Kind war anfänglich die feste Bindung zwischen den Eltern. Doch wird es immer eisiger zwischen den Fronten. Sie leben nebeneinander, aber lange nicht mehr miteinander. Die Beziehung zerbricht und sie kämpfen um das Sorgerecht. Nina, die eigentlich nie Kinder wollte, muss sich den gewieften Manipulationen ihres Mannes bei den Schlichtungsversuchen stellen. Auch in der Forschung und bei den Publikationen und einem prestigeträchtigen Auftrag konkurrieren beide. Beide sind aber bereit, das Kind jeweils in Ihren Lebensmittelpunkt zu stellen. Die Geschichte wird aus drei Hauptperspektiven erzählt. Die von Nina, von Njål und von dessen Ex-Frau Sol. Sol, die von Njål verlassen wurde, weil sie keine Kinder bekommen konnte, ist als Seelsorgerin tätig.

Njål sieht sich als ein Wikinger, der gleichfalls in der Moderne zuhause ist. Er lebt und zelebriert alte Kulte, die voll Männlichkeit strotzen. Seine Weltsicht ist eng an sein Selbst gebunden und sein Denken und Handeln kreist meist um sein eigenes Wohl. Somit ist seine Sprache und sein Einfluss stets fern des Einfühlsamen, sondern eher manipulativ und aggressiv. Seine Beziehung zu Sol und nun die zu Nina zerbricht wie dünnes Eis.

Die Umgebung der Handlung ist die erbarmungslose Natur und hier mündet letztendlich der Verlauf. Das Kalte und die Dunkelheit des hohen Nordens kriechen in die jeweiligen Seelen. Ein erbitterter Kampf um das Miteinander und um das Leben beginnt. 

Ein psychologischer Roman, der die Kälte spürbar macht. Die Körperlichkeit steht anfänglich im Vordergrund und gräbt sich dann immer tiefer in die Sehnsüchte und Verletzungen der drei Perspektiven. Es ist der dritte Roman der norwegischen Autorin und ihr erstes Werk, das ins Deutsche übersetzt wurde. Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann.

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Literatur-Quickie am Beispiel von „Dorval, Quebec“ von Frank Schliedermann.

Erzählungen to go. Diese Literatur-Quickies gehören in den Reigen der Leseschätze. Es sind besondere Texte in einem besonderen Verlag, der durch seine Erscheinungsform Literatur für den Alltag anbietet. Bücher, die Wartezeiten überbrücken, den Wein (ersatzweise: Bier, Whisky oder Kaffee) abrunden oder einfach pur gelesen werden können.

Es gibt diese kleinen Bücher schon seit Ewigkeiten für kleine Menschen, die sogenannten Pixi-Bücher. Nun gibt es diese auch für größer wirkende Leute. Es gibt unter anderem Literatur-Quickies von Friedrich Ani, Jan Drees, Ute Cohen, Maike Wetzel, Mirko Bonné oder Juli Zeh – diese Liste lässt sich natürlich noch beliebig verlängern. In den neuen Ausgaben ist auch Rainer Moritz vertreten und erzählt von einem Mann, der wie Martin Walser wohnen wollte, aber sich nie zu leben wagte. Alban Nikolai Herbst beschreibt in „Gläserne Zeit“ jene literarischen Türen, die uns stets in neue Welten hereinlassen – aber auch wieder heraus?

Ein neuer Literatur-Quickie liegt als Manuskript schon lange im Leseschatz. Frank Schliedermann beschreibt eine real überspitzte Situation in einem Pflegeheim. Dieser Text ist auch in einer wunderschönen, ins Englische übersetzten Ausgabe verfügbar. Frank Schliedermann hat bereits den Hamburger Literaturpreis erhalten und schreibt sehr lebendig und tiefgründig. Die Kurzgeschichte „Dorval, Quebec“ basiert auf einer wahren Geschichte, die sich 2020 in einem Pflegeheim in einer Kleinstadt nahe Montreal ereignet hatte. Sein treffsicherer Blick lenkt unsere Aufmerksamkeit auf diverse Missstände hin.

Der Alltag in einer Pflegeeinrichtung wird meist gewinnmaximierend durch die Betreiber organisiert. Dabei wird die Menschlichkeit oft reduziert. In guten Zeiten war genügend Personal da, um die Bewohner zu begleiten und ihnen stets behilflich zu sein. Dies ist jetzt oft nur noch als eine „Satt- und Sauber-Maschinerie“ wahrnehmbar. Was passiert in einer Einrichtung während der Pandemie? Was ist mit der Vereinsamung? Dies beschreibt Schliedermann sehr nahbar anhand weniger Charaktere und Situationen. Eine Praktikantin, die als die Neue mehr zu tun bekommt, als sie dürfte oder könnte. Alte Menschen, die auf Menschlichkeit hoffen und doch mehr in ihrer Vergangenheit oder Phantasie leben. Pflegekräfte, die an das Ende ihrer Kräfte geführt werden, weil durch Quarantäne immer weniger Kollegen erscheinen. Die Heimleitung versucht via Stream die Situation zu erklären und verhängt neue Maßnahmen. Am Ende wird nahezu das gesamte Personal aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr erscheinen und die Bewohner werden tagelang auf sich selbst gestellt sein.

Die Charaktere werden durch kleinste Kunstgriffe sehr lebendig und erhalten durch wenige Bilder große Geschichten. Der Mann, der von seinem Vater lernt, dass das Radio oft klüger ist, als man selbst, wird dann auf vielen Ebenen ein Opfer. Andere Bewohner kommen zu Wort, die sich demenzkrank in den Räumlichkeiten zurechtfinden müssen, solange sie sich noch frei bewegen dürfen. Der Alltag in einem Pflegheim wird sehr authentisch nachempfunden. Eine beklemmende und unter die Haut gehende Geschichte, die aber auch nicht an Humor spart.

Ein Quickie mit Nachhall.

Siehe auch Leseschatz-TV vom 01.11.2021: Literatur-Quickies

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Raju Sharma: „Primus – Das Erbe der Leviten“

Raju Sharma hat erneut einen weltklugen Spannungsroman geschrieben. Es ist der dritte Roman von Sharma und das zweite Abenteuer von Charlotte Mannheimer, einer jungen Doktorandin aus Hamburg. Nach „Hineni – Abrahams Messer“ wird Charlie in einen Fall verstrickt, der sich um ein streng gehütetes Geheimnis dreht, dessen Wurzeln bis in die Zeit des Alten Testaments zurückreichen. „Primus – Das Erbe der Leviten“  lässt sich aber auch wunderbar ohne Kenntnisse des vorherigen Werkes lesen. Wiedermal zeigt sich, das Raju Sharma ein intelligenter, weltoffener und kluger Erzähler ist. Der Autor ist hauptberuflich in verschiedenen Funktionen des Schleswig-Holsteinischen Landesdienstes tätig. Mit „Primus“ hat Sharma eine schriftstellerische Entwicklung gemacht. Die Sprache und die Erzählstruktur sind flüssiger, bildreicher und zielführender. Eventuell liegt es auch daran, dass er das vorliegende Werk alleine geschrieben hat. Bei „Hineni“ hat noch Christoph Müller mitgewirkt.

Charlie hat einen Spionagekurs belegt und bekommt einen einfach wirkenden Freundschaftsauftrag. Sie schuldet nach ihrem vorherigen Abenteuer noch einigen einen Gefallen. Sie soll bei einem Kuraufenthalt eine Frau beobachten. Diese Frau ist eine Galionsfigur der neu erstarkten rechten Parteien. Charlie soll herausfinden, ob diese Frau bei Plänen von Anschlägen involviert ist. Bei einem Besuch in einer Bar, wo sie die Frau und ihr Gefolge beobachtet, lernt Charlie zwei Priester kennen. Da Charlie ihre Doktorarbeit über den Sechstagekrieg geschrieben hat, wird einer der Priester hellhörig und möchte ihr etwas zeigen. In seinem Besitz ist ein Papierfragment gelangt, das er aufbewahren soll. Die Bedeutung des Schriftstücks erscheint ihm unklar und er bittet Charlie um Rat. Charlie hat eine Vermutung und kontaktiert ihren alten Doktorvater. Das Fragment ist so gestaltet, dass es nur mit weiteren Teilen ein Ganzes ergeben kann. Also gibt es noch weitere Fragmente, die einen Schlüssel zu einem alten Geheimnis darstellen. Im Zuge der Recherche stößt Charlie auf eine bisher geheime Bibliothek und auf einen lange verborgenen Schatz. Charlie gerät in eine gefährliche Mission und mysteriöse Todesfälle säumen die Suche nach der Wahrheit.

Ein spannender Bildungsroman, der eine globale und über die Zeiten gespannte Geschichte erzählt. Raju Sharma verbindet Weltgeschichte, Kultur und Religion, ohne dabei an Bodenhaftung zu verlieren. Dort wo zum Beispiel Dan Brown stets etwas überspannt, bleibt Sharma realistischer und erschafft keine Superhelden, sondern lässt seine Figuren wachsen. Eine junge Studentin, die in einen Handlungssog gerissen wird, der in den Zeiten der Entstehung der Bücher von Moses seinen Ursprung hat.

Siehe auch Leseschatz-TV

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Linda Boström Knausgård: „Oktoberkind“

Linda Boström Knausgård schreibt Gedichte, Erzählungen und Romane, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Doch ist sie den meisten wohl eher bekannt als Figur aus dem ausufernden Zyklus ihres Ex-Mannes Karl-Ove Knausgård. Sein Blick auf sie kann nie ein ganzer sein und somit ist dieser autofiktionale Text umso spannender, denn hier ringt eine Frau um ihre Existenz und um das Bewahren der Identität, der Erinnerung und der Würde. Wer also Knausgård liest, sollte Knausgård lesen.

Der Text hat eine fast schon einfache Struktur, dennoch lassen sich die Inhalte zuweilen schwer fassen, denn die Wahrnehmung der Erzählerin ist durch das Umfeld der Psychiatrie, in der die Erinnerungen fixiert werden, geprägt. Die geschiedene Schriftstellerin leidet unter Depressionen und einer bipolaren Störung und wurde zwangseingewiesen. Aufgrund der gestellten Diagnose ordnen die Mediziner eine Elektroschocktherapie an. Diese Elektrokrampftherapie dient zuweilen immer noch der Behandlung therapieresistenter und schwerer depressiver Verläufe. Die Stromschläge wirken auf die Erzählerin, Linda, verstörend und sie kann und darf nicht über ihre Behandlung mitbestimmen. Sie lebt in der Klinik entmündigt. Die ganze Therapie ist mechanisch und wirkt wenig auf das Wohl der Patientin ausgerichtet. Sie ist kritisch dem Umfeld gegenüber und droht in einer Dunkelheit zu ertrinken. Die Klinik wird für sie zur Fabrik und die Pfleger, die sie bereits am Geräusch des Türöffnens einschätzen kann, gehen mal behutsam mit ihr um oder versuchen schnell und dadurch schmerzhaft, die entsprechenden Zugänge zu legen.

Der Aufenthalt und die Elektroschocktherapie drohen ihre Erinnerungen zu löschen. Die Mediziner vergleichen dies sogar mit dem Neustart eines Computers. Der Mensch wird dabei gänzlich minimiert, reduziert und fast schon entmenschlicht. Die Wahrnehmungen von Raum und Zeit verwischen während der Therapie. Was macht Linda noch aus? Was wird von ihr bleiben? Dies treibt sie um. Die Sorge um ihre vier Kinder veranlasst sie, an ihren Gedanken und Erinnerungen festzuhalten. Angeregt durch eine Pflegerin vergegenwärtigt sie ihren bisherigen Weg und fixiert ihre Erinnerungen. Ihre Kindheit, ihre Rolle als Mutter und ihr persönliches Leben beschreibt sie intim, schnörkellos und intensiv. Das Einfache wird anfänglich lediglich suggeriert und steigert sich in eine bild- und sprachgewaltige Dichte.

Ein autobiografischer Roman, der poetische Stromschläge erzeugt. Erinnerungen an „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ werden beim Lesen wach. Der Versuch der inneren Befreiung, der Weg zur eigenen Stärke und die Suche nach Glück gehen hier einen schmerzerfüllten Weg. Ein lesenswertes und bewegendes Werk, das aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein übersetzt wurde.

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