
Der junge Mann und das Meer. Lukas Hoffmann hat einen Debütroman geschrieben, der einen Protagonisten ins Leben wirft, der lernen muss zu schwimmen. Ganz sensibel, ungewöhnlich und zart kommt der „Wassermann“ daher, der langsam erzählt ist und viel durch Sprache und Bilder entfaltet. Immer wieder taucht dabei Hemingway auf und doch wird die schreibende Legende hierbei ganz anders, verwässert und durchgespült angewendet. Die Handlung beschreibt ein Umstülpen, eine Offenlegung des Innersten. Hier versucht sich jemand so zu zeigen, wie er ist. Es ist seine Einsamkeit, sein Verlust und sein Weg zwischen Flucht, Distanzierung und Annäherung. Der Wassermann sucht Tiefe, Veränderung und trifft auf Widerstände, die er bei seinen Schwimmversuchen meist selbst ausgelöst hat. Auch ist der Titel eine mystische Anspielung, an die keiner im Buch wirklich glauben mag, aber doch geht es um soziale und revolutionäre Umbrüche.
Lukas Hoffmann schreibt ganz klar und mit wenig psychologischen Andeutungen. Die Figuren entfalten sich durch die genaue Sprache, die eine feine Beobachtung voraussetzt. Die Handlung legt den Verdacht nahe, dass diese tief nachempfunden und oder erlebt war. Denn sehr einfühlsam wird hier eine Seelenlandschaft beschrieben. Der Protagonist heißt Luk und die Ähnlichkeit zum Autor ist wohl bewusst angewendet worden. Luk treibt durch die Welt, er treibt durch Geschichte und möchte sich vom Schmerz distanzieren. Ein Schmerz, der viele Quellen hat. Da ist seine sterbende Mutter, der Vater, der schon lange weggegangen ist, ein Freund, der oft in psychiatrische Behandlung geht und ein Liebeskummer einer nicht erwiderten Liebe.
Luk hat eine Schwester, die bald selbst in Berlin Mutter wird und seine Mutter ist im Krankenhaus, später in einem Hospiz, wegen ihrer unheilbaren Krebserkrankung. Luks Vater hat ein luxuriöses neues Leben begonnen. Sein bester Freund ist Kurt, der aber oft nach „Schweden reist“ wie es dessen Mutter sagt, wenn Kurt sich wegen seinen manisch-depressiven Schüben einweisen lässt. Luk ist unglücklich in Kurts Schwester verliebt und kann mit seinem Gefühlschaos nicht umgehen. Er wählt ein Auslandssemester, um sich von den Dingen, die ihn überfordern, umspülen und wegzureißen drohen, zu distanzieren und zieht nach Barcelona. Seine innere Zerrissenheit trifft hier auf ein politisches Gegenbild, denn die katalanischen Unabhängigkeitskämpfe überrollen die Stadt. Luk ist dabei und doch steht er daneben. Er findet keine Ruhe, keine eigene Unabhängigkeit, denn seine Gedanken sind oft bei seiner Mutter, die er nach seinem Empfinden beim Sterben allein gelassen hat. Er lernt die englische Mitkommilitonin Olive kennen, die beim Freiheitskampf mitwirkt. Olive und Luk erleben sich in einer aufblühenden und innigen Liebe. Doch ist Luk nicht gefestigt genug, um alles um ihn herum zu fassen. Die Umstände rinnen ihm aus den Händen und er flieht weiter nach Portugal, um zu surfen. Luk pendelt in seinen Gefühlsmomenten und sucht eine Nähe, die er erst durch die Entfernung begreifen kann. Olive ist für ihn da, auch wenn er sich selbst beständig im Weg steht. Seine Verwirrungen nehmen zu, als er Nachrichten von seiner Mutter erhält. Seine Reise über Barcelona, Portugal, Berlin oder Hamburg befestigt sein wässriges Leben, doch vorher muss er jenen Malstrom durchschwimmen. Seine Gefühle, die um das Selbst kreisen und eine Distanz wünschen, verwandeln sich in der Umkehrung im Hinblick auf das Umfeld in Fürsorge. Dies ist die wahre Revolution und erforderliche Umwälzung in der persönlichen und in der äußeren Entwicklung.
Ein leicht erzählter Debütroman, der aber nichts Leichtes hat. Der „Wassermann“ zieht uns regelrecht mit, umspült uns sprachlich und wirft uns in seine Handlungswellen, denen wir nicht entkommen wollen und lange mit dieser Geschichte surfen wollen. Dies ist kein gewöhnlicher Coming-of-Age-Roman. Dies ist eine ehrliche Reise durch Emotionen und Wahrheit. Ein moderner Parzival. Die innere Zerrissenheit und der Kampf finden ihren Ausweg im Mitgefühl und im Umsorgen.
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