
Es gibt sie, die Zwischenräume, die Hohlräume und die undurchdringlichen Ecken, die unseren Lebensraum unbedacht erweitern. Dies sind mögliche Übergänge, zumindest für die surreale Literatur von Michal Ajvaz. Eine andere Stadt ist gedanklich immer möglich, wenn nicht sogar da. Auch Jorge Luis Borges, Franz Kafka oder Michael Engler haben zum Beispiel die jeweils anderen Städte gefunden, beständig aufgesucht und schwerlich verlassen können. Gerade Prag ist eine solche Stadt, die womöglich auf, neben und unter der anderen Stadt steht.
Der Roman „Die andere Stadt“ spielt mit dem Bewusstsein und der Wahrnehmung. Dabei tauchen in der realen Stadt plötzlich Sessellifte, dubiose Dome und immer wieder Tiere auf. Als Beispiel ein Hai in einer Kirchturmspitze oder schimmernde Elche, die in Brückenstatuen ihre Gehege haben. Die Übergänge sind fließend und das Zentrum ist bereits dort, wo es beginnt oder nicht aufhört. Wie das Bewusstsein, das von einem Punkt zu einer Fläche, einer Kugel werden kann. Wenn das Bewusstsein sich erweitert, umfasst es viel, doch was ist dahinter und wo sind die Übergänge, Grenzen und das Ende? Diese Räume betritt Ajvaz mit seinem Kultroman durch Sprache. Die Sprache bildet sich schriftlich aus 26 Buchstaben. Diese und die Umlaute ergeben die Klangmöglichkeiten. Die Aussprachevielfalt erzeugt dadurch ebenfalls eine Vielzahl an Sprachwelten und diese ganzen Räume werden durch die Lektüre geöffnet. Denn es beginnt mit dem Finden eines Buches, das in einer unbekannten Sprache mit viel mehr möglichen Buchstaben verfasst wurde, somit erweitert sich durch ein Buch die ganze Welt.
Das klingt alles verkopft und philosophisch, aber vorrangig ist „Die andere Stadt“ ein Lesespaß. Ein verrückter Trip durch die sichtbare und anfänglich noch unsichtbare Stadt. Beide Visionen bedingen einander, berühren sich und schwappen ineinander. Doch gibt es dabei auch Feindbilder, Freunde und Befremdliches. Die Verbindung kann mit einer Straßenbahn, einer grünen, die nicht zwingend den logischen Schienenweg nimmt, genommen werden. Die Bahn pflügt mal durch Schnee, auch durch einen Wald und hat eventuell ihren Stellplatz in ganz fernen Regionen. Wer die Bahn betritt, wissentlich oder unwissentlich, kehrt selten heim. Der namenlose Held spürt diese Welt und ahnt von ihr, als er in einem Antiquariat ein sonderbares Buch erwirbt. Das Buch ist in einer obskuren Schrift verfasst und scheint aus einer unbekannten, anderen Stadt zu stammen. Diese Stadt befindet sich gleichzeitig in Prag und sie zeigt sich an den Rändern, in den Schatten und Spiegelungen. Der Namenlose will mehr erfahren und stolpert zufällig in eine Predigt von drüben. Danach findet er immer weitere Zugänge, die sich in der Universität befinden, in Geschäften, die nachts ihre Ware und das Aussehen verändern oder in diversen Schankräumen. Er taucht ein in die andere Stadt durch die kleinen Übergänge oder durch einen sonderbaren Sessellift, der durch Zwischenräume und Straßenzüge verläuft. Auch die Bewohner pendeln zwischen den Städten und sind durch unseren namenlosen Helden irritiert oder fühlen sich sogar bedroht. Besonders Tiere haben sich in der anderen Stadt eingelebt und leben nicht zwingend in ihrem gewöhnlichen Lebensraum. Die Meeresbewohner tauchen in der anderen Stadt oft in merkwürdigen Zusammenhängen auf. Der Namenlose sucht das Zentrum, doch je tiefer er in das Geheimnis eindringt, desto verschlossener wird das zentrale Bild. Mit dem Versuch mehr zu verstehen, wird ihm immer mehr entzogen und er wird selbst zum Gejagten. Die Weltsichten und die Existenzen wanken und kehren sich mehrfach um.
Es ist das Abenteuer des Erzählens, das hier im Vordergrund steht. Der Autor spielt mit unserem halluzinatorischen Bewusstsein und wird dabei ein wunderbarer Phantast. Das Buch stellt die Frage nach dem Wesen unserer Wirklichkeit und die schwere Frage bekommt durch diesen Roman eine Leichtigkeit. Alles ist ein Spiel. Die Grenzen zwischen Unterhaltung, Philosophie und Spannung heben sich ineinander auf, um sich miteinander zu bestärken. Der Besuch der anderen Stadt lohnt sich und ist immer wieder eine Reise wert. Aus dem Tschechischen wurde der Roman von Veronika Siska übersetzt und mit einen Nachwort von Tomáš Glanc ergänzt.
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