Steven Uhly: „Den blinden Göttern“

Steven Uhly Den blinden Göttern Secession

Dichtung und Wahrheit sind das Credo dieser blinden Götter. Gibt es eine Wahrheit ohne die Dichtung? Kann man Lyrik wahrhaftig erleben? Steven Uhly hat einen Roman geschrieben, in dem man, je weiter man liest, sich auf immer weniger verlassen kann. Ein Spiel mit Kunst, Täuschungen und Realitäten. Ein Roman der Tiefgründiges und Groteskes neben geballter Wortkraft und Schmonzette aufzeigt. Dies ist gewollt und steigt erneut in das Spiel mit den Wahrnehmungen ein, um die letztendliche Illusion der erhofften dichterischen Wahrheit zu rauben oder doch zu vertiefen…?

Es geht um den Buchhändler Friedrich Keller. Er ist ein Sonderling, der den Kontakt zu Menschen scheut. In einer großen Buchhandlung in München leitet er die Lyrikabteilung im zweiten Stock. Die Buchhandlung ist ein Familienunternehmen, das seine Eltern gegründet haben und nun von seinem Bruder geführt wird. Friedrich hat das großzügige und biedere Elternhaus geerbt. Er lebt eher in den Zeilen der gedichteten Werke als in der Wirklichkeit. Kundenfragen sind ihm meist zu plump und bestätigen sein Menschenbild. Auch den freundschaftlichen Anzeichen der Kollegin aus dem Reisebuch begegnet er gerne mit Nichtachtung. Eines Tages steht ein verwahrloster Unbekannter vor ihm und überreicht ihm ein Manuskript, das aus losen Blättern besteht. Es sind Gedichte, die er erst Monate später zu lesen beginnt, da seine Putzfrau beim Saubermachen die obersten Seiten durcheinander gebracht hat. Er ist in der Welt der Lyrik sehr belesen und liebt die Welt der Lyrik. Diese anvertrauten Gedichte bringen nun seine Welt ins Wanken. Diese Zeilen sind für ihn göttlich. Er bezieht die Zeilen stets auf sich und liest keinen anderen Bücher mehr. Für ihn ist das Manuskript ein Meisterwerk und der Autor, Radi Zeiler, ein wahrer Meister, den er nun hofft zu finden. Wieder eine Zeit später begegnet er dem Mann, der ihm das Werk überlassen hat und folgt ihm in eine Kneipe, in der diesen alle zu kennen scheinen. Jedoch ist sich die burschikose Wirtin nicht ganz sicher, ob jener trinkfeste Radi tatsächlich der Verfasser sein könnte. Seit dem ersten Gespräch mit Radi Zeiler beginnt sich die Welt um Friedrich zu wandeln. In seinen Gedanken nisten sich immer mehr die Zeilen des Gedichtzyklus „Den blinden Göttern“ ein und in seinen Träumen werden das Gelesene und der Verfasser immer gegenwärtiger. Doch in der realen Welt muss die Dichtung der Wahrheit Platz machen. So auch in der Buchhandlung. Sein Bruder kürzt immer mehr die Lyrikbestellungen und will seinen Bruder ganz aus der Buchhandlung haben.

Friedrich, der den Meister der Sonette in der Welt der Säufer- und Hurenkneipen angetroffen hat, hat diesem in der Hoffnung auf weitere Gespräche seine Adresse genannt. Als der Dichter nun eines Tages tatsächlich bei Friedrich auftaucht und sich bei ihm einquartiert, beginnt alles immer mehr aus den Fugen zu geraten. Immer mehr geraten die Figuren und mit ihnen der Leser in weitere Verwirrungen. Die Grenzen zwischen den Gedichten, der Handlung und dem vorliegenden Roman verwischen. Das Leben bedeutet für Friedrich Verdunklung und nur im Traum gelangt er in helle Räumlichkeiten. Die Gedichte und die Figuren kreisen umeinander und sind dem Wandel verfallen. Der stinkende Obdachlose, der Meister der Sonette, ist Heinrich, der verschollene Zwilling von Friedrich. Ist jener Heinrich, der Überbringer der blinden Götter, ein wahrer Dichter oder ein falscher Poet? Nicht nur Heinrich richtet sich wohnlich in Friedrichs Haus ein. Weitere Fremde und Obdachlose bewohnen die hausinterne Bibliothek. Was passiert durch die Dichtung ausgelöst und was ist in Wahrheit geschehen?

Welten prallen aufeinander und verweben sich. Das Geistvolle in einem verwahrlosten Körper. Auch ein Gedicht nimmt eine Gestalt an. Die Erscheinung und das Schriftbild sind der Körper, der einen Inhalt übermittelt. Ist es der Körper, der dem Inhalt Form gibt oder will der Geist den Körper formen? Die Antwort suchten zum Beispiel bereits Shakespeare und Goethe, die sich zumindest gedanklich in „Den blinden Göttern“ wiederfinden. Doch was oder wer sind diese erblindeten Götter?

Das Buch bietet viel. Freude am Lesen, am wahrhaftigen Mitfiebern mit den Charakteren und an der Verwirrnis zwischen Dichtung und Wahrheit. Uhly, der auch zu parodieren versteht, taucht letztendlich in verschiedenen Variationen kurzweilig im Text auf und schenkt uns noch zu guter Letzt einige der Sonette. Diese sind in der Reduktion von außergewöhnlicher Qualität und schaffen den Abschluss zur eigentlichen Handlung. Der Rest ist wie bei Shakespeare: Schweigen…

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Leseschatz hat den Buchblog-Award 2018 in der Kategorie „Allesleser“ gewonnen

Fast 700 Buchblogs, Bookstagram-Accounts, Booktube-Kanäle, Facebook-Seiten und Podcasts wurden für den Bubla 2018 nominiert, über 3000 Leserinnen und Leser haben sich an der öffentlichen Abstimmung beteiligt und am Ende standen die 45 Finalisten in den 9 Kategorien fest. Da war das Auswählen der Gewinner keine leichte Aufgabe für die Jury!

Gewinner in der Kategorie Allesleser: LESESCHATZ

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Das sagt die Jury:
Hauke Harder ist ein „Lesebotschafter“; immer im Einsatz für das Buch und das Bloggen. Auf seinem Blog Leseschatz gibt er glaubwürdig sehr persönliche und individuelle Leseexempfehlungen. Die Auswahl der besprochenen Bücher sowie die dazu geschriebenen Texte überzeugen durch ihre Vielfalt und Qualität.

Das sagen die Leser*innen:
„Ansteckende Literaturbegeisterung und ein Händchen für außergewöhnliche Titel, die aussagekräftig vorgestellt werden. Großartig!“
„Sein Buchblogname kann problemlos auf Hauke Harder übertragen werden. Er ist der Leseschatz.“

Siehe: https://www.buchblog-award.de/news/bubla18-gewinner/

Herzlichen Glückwunsch auch allen weiteren Gewinnern: hier sind die Gewinner des Buchblog-Awards 2018: https://www.buchblog-award.de/news/bubla18-gewinner/

Zum Interview mit mir 

Mehr über den Award: Buchblog-Award

Danke an alle, die mich nominiert haben!

Danke an die tolle Jury für den Buchblog-Award! Danke für die lieben Worte, danke für den unglaublichen Preis!

Hier die Aufzeichnung der Verleihung:

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Helen Oyeyemi: „Was du nicht hast, das brauchst du nicht“

Helen Oyeyemi Was Du nicht hast, brauchst Du nicht CulturBooks

Ein Buch voller bunter Geschichten, die süchtig machen und den Leser regelrecht verzaubern. Das Eintauchen in die einzelnen Geschichten gleicht einem traumwandlerischen Betrachten einzelner Bilder. Ein Bild, wo erst der Vordergrund scharf ist, dann sich aber immer mehr der Hintergrund zu fokussieren scheint. Es sind turbulente Erzählungen, die märchenhaft erscheinen, aber das Gegenwärtige beleuchten. Die Figuren und die Geschichten sind alle irgendwie miteinander verzahnt, inhaltlich, thematisch oder durch die immer mal wieder auftauchenden Figuren. Charaktere und Figuren sind ab und an sogar Puppen oder Marionetten, die lebendig werden und somit durch ihre Erscheinung Menschen wiederum Leben einhauchen. Marionetten sind abhängig von ihren Fäden, die sie mit dem Meister der Puppen verbinden. Doch was ist, wenn selbst dieser eine gelenkte Puppe ist? Immer wieder tauchen Schlüssel auf. Der Schlüssel dient dem Verschließen von Türen, Kästchen, Truhen und sogar Büchern. Also ist es ein Werkzeug zum Schutz. Schutz vor dem Inneren oder dem Äußeren, dies liegt im Auge des Betrachters.

Alle Geschichten bedienen sich der Märchen- und Mythenwelten und erzählen dabei doch auch von aktuellen Geschehnissen. Die Autorin hat ihren eigenen Stil gefunden. Um ihrem Text den Kontext zu geben, den die Figuren oder das Thema benötigen, sprengt sie auch gerne übliche Erzählregeln. Dabei ist ein wunderbares Buch entstandenen, das wenig Vergleiche zu anderen Werken oder Autoren bietet. Wenn, dann wäre es „Der Spiegel im Spiegel“, eine surrealistische Geschichtensammlung von Michael Ende. Endes Buch ist ebenfalls eine Parabel. Auch blitzt in Oyeyemis Texten etwas aus der literarischen Welt von Murakami durch. Doch sind dies nur ganz sanfte Ähnlichkeiten, die niemals der Kreativität und der Verspieltheit von „Was Du nicht hast, brauchst Du nicht“ gerecht werden. Ein Buch, das nach jeder Zeile, nach jeder Tür, nach jeder Geschichte oder Welt erneut zu überraschen vermag.

Helen Oyeyemi wurde in Nigeria geboren. Sie wuchs in England auf und lebt heute in Prag. So sind auch alle ihre Charaktere weit in der Welt zerstreut. Oyeyemi hat mit diesem Buch ein globales Netz, das stets transkulturell ist und sich jeder Nationalliteratur entzieht, erschaffen.

Es kommen viele Bücher, aber auch Rosen vor und es beginnt mit einem ausgesetzten Säugling. Dieses Mädchen trägt lediglich einen Schlüssel an einem Kettchen um den Hals. Viele Jahre später findet sie eine Freundschaft und Liebe, die sie durch die Welt trägt und dabei mit Hilfe des Schlüssels, die Welt der Bücher und den Zugang zu einem verwunschenen Garten findet. Ein schmalziger Popsong, der als Entschuldigung für einen Missbrauch gedacht war, versüßt dem betroffenen Fan niemals den Geschmack des bitteren Tees. Wir Menschen, egal woher wir stammen, egal welche Hautfarbe wir haben, haben alle rotes Blut. Doch was ist mit den menschlichen Marionetten, den geführten Puppen, die die vorgedachte Geschichte erzählen? Ferner gibt es da sogar einen Geist oder einen Tyrannen, der seine Widersacher ertränkt. Dann stellt sich die Frage, ob man glaubt, dass man einen Menschen besser lieben könnte, wenn diese Person nicht wüsste, was man für sie empfindet. Aus dieser Idee wird ein Programm geschaffen, dass das Gefühl der „Präsenz“ eines geliebten oder verstorbenen Menschen hervorzurufen versteht. Viele Figuren kommen ab und zu wieder, somit ist es ein zusammenhängendes Buch und keine reine Geschichtensammlung und sollte unbedingt chronologisch und im Ganzen gelesen werden.

Die Schlüssel sind Objekte, die es uns ermöglichen, einen anderen Raum oder sogar Welt zu betreten. Manche Bücher sind solche Schlüssel. Nicht ohne Grund werden auch manche Bücher verschlossen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Schutz des Inhalts vor dem Leser oder Schutz des Lesers vor dem Übermittelten. Zum Glück ist Oyeyemis Buch geöffnet und übersetzt und der Erzählreigen lädt jeden ein in den Zeilen zu verweilen. Das Buch von Oyeyemi ist ein Schlüssel zu Orten, Herzen, Magie und zu vielen Geheimnissen.

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Bill Beverly: „Dodgers“

Bill Beverly Dodgers Diogenes

Ein Roadtrip, der ein mörderisches Ziel hat und quer durch die Staaten verläuft. Gleich am Anfang hat man das Gefühl, in einer literarischen Vision von „The Wire“ gelandet zu sein. Es beginnt in Los Angeles in „The Boxes“, einem heruntergekommenen Viertel, das von Gangs kontrolliert wird. Die Helden sind Jungs, die meist noch minderjährig sind und bisher nur ihren Stadtteil kennen und für die kriminellen Organisationen dort tätig sind. In diesem Drogenviertel in L.A. haben sich die Jungs mit dem Verkauf von Drogen, dem Wachestehen und der Gewallt arrangiert. Die Gangs nutzen leerstehende Häuser, in denen die „User“ die Drogen von ihnen erwerben können. East ist durch Beziehungen in der Hierarchie immer höher gekommen und soll mit seinen Leuten Wache halten. Doch wird er kurzweilig abgelenkt und seine Jungs haben sich auch nicht rechtzeitig gemeldet. In diesem Moment stürmt die Polizei das Gebäude. Bei dieser Razzia kommt auch ein unschuldiges kleines Mädchen um und die Gang sieht sich genötigt, für kurze Zeit unterzutauchen und den Handel kurzweilig einzustellen. East bekommt eine neue Aufgabe. Er und drei weitere Jungs sollen quer durch Amerika fahren, um einen Richter zu ermorden. Sie sollen nicht fliegen und alles bar bezahlen, damit sie nirgendwo mit ihren falschen Papieren auffallen. Bei möglichen Verkehrskontrollen sollen die Jungs den Eindruck erwecken, dass sie auf dem Weg zu einem Familientreffen sind. Der Van, den sie bekommen, weckt wenig Aufsehen, ist dafür aber reisetauglich, praktisch und bequem. Um unauffällig zu bleiben, kleiden sich alle in einem Sportgeschäft, das Fanshirts der Dodgers verkauft, neu ein.

Doch ihre Reise verläuft alles andere als gradlinig und sie nutzen fast jede Gelegenheit, um doch Aufsehen zu erregen. Die Reisenden sind: East, der sich immer mehr zum beruhigenden und sensiblen Lenker der Gruppe entwickelt. Der Halbbruder von East, Ty, der schweigsam seinen Gameboy bearbeitet und seine Leidenschaft zu Waffen auslebt. Der übergewichtige und kluge Walter und der aufmüpfige Michael, der die Reisegruppe immer wieder in Gefahr bringt.

Sie sollen über 3000 Meilen fahren, dann bei einem Sextelefon-Anbieter anrufen und nach Abraham Lincoln fragen, der die Jungs dann mit Waffen ausstatten würde. Auf der Fahrt sollen sie keine Handys, keine Kreditarten und Waffen mitnehmen und benutzen. Doch ist das glitzernde Angebot in Las Vegas doch zu groß und ein kleiner Zwischenstopp endet fast in der ersten Katastrophe, gerade weil die Jungs noch Teenager sind. Die Reise der Kinder-Gangster und Möchtegern-Killer wird immer abenteuerlicher und gefährlicher. Auch weckt die Reise ihre Abenteuerlust, weil sie einen ersten Trip außerhalb von L.A. erleben, denn die meisten sind aus „The Boxes“ bisher nicht herausgekommen. Als sie immer weiter in den Osten kommen und sich dem Ziel nähern, wird die Stimmung innerhalb der Gruppe immer gereizter. Auch die Besorgung der organisierten Waffen gestaltet sich als schwierig, weil sie nur noch zu dritt dort angekommen sind. East macht bei dem ganzen Abenteuer mit, weil er die Hoffnung auf eine Zukunft hat. Doch geht vieles schief und es verläuft alles anders als gedacht. Der Mann, der die Fäden strickt, hat Pläne mit zumindest einem der Jungs.

Dieser rasante Debütroman ist ein großartiger Lesespaß. Ein temporeicher Roman, der bunt, abwechslungsreich und sehr lebendig geschrieben ist. Die Figuren sind sehr plastisch und die Handlung zwingt einen einfach zum zügigen Inhalieren des Buches.

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Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“

Sebastian Barry Tage ohne Ende Steidl

Ein außergewöhnlicher Western. Außergewöhnlich nicht allein deswegen, weil ein irischer Schriftsteller einen geschrieben hat, sondern auch, weil er großartig erzählt ist. Ein lyrischer Western, der aus der Sicht des irischen Einwanderers Thomas McNulty erzählt wird. Er ist alt und blickt auf sein Leben zurück. Er erzählt raubeinig, roh und geradeheraus. Er erzählt sein Abenteuer, seine Liebe und viel über den Krieg, der überall und gegen jeden geführt wurde. Krieg gegen die Indianer und der Unionisten gegen die Konföderation. Alles ist Kampf, auch das Überleben. Doch hat Thomas eine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die gerade bei seiner Liebe zu John Cole zur Geltung kommt. Ein homosexuelles Westernpaar gab es bereits bei Annie Proulx, doch ist diese in „Tage ohne Ende“ fast unbemerkt nebensächlich.

Als er Missouri erreicht, ist er noch ganz jung. Er ist mit seiner Familie vor der Hungersnot in Irland geflohen. Er überlebt die Überfahrt, die Fieberhütten und reist von Kanada schließlich nach Missouri. Seine Rettung ist das Finden eines guten Freundes. John Cole, auch fast noch ein Kind, ist ebenfalls auf Wanderschaft. Bei einem Wolkenbruch begegnen sich beide unter einer Hecke und gehen seitdem stets gemeinsame Wege. Einem Anschlag folgend: „Saubere Jungs gesucht“ finden sie ihren ersten Job. In einem Saloon, der von Bergarbeitern aufgesucht wird, treten sie als Tanzmädchen auf. Denn das Leben ist überall schmutzig und scheußlich. Die groben und einfachen Bergarbeiter, von denen nur wenige mehr als Dreck finden, sind die Jungs eine gelungene Abwechslung. Doch werden aus den Jungs immer mehr Männer und besonders für John Cole, der immer größer wird, wird es immer schwieriger in Frauenkleider zu schlüpfen, um das weibliche Geschlecht zu mimen. So verlassen die beiden das Örtchen Daggsville und wollen sich bei der Armee melden. Nach der Ausbildung geht es auf den Oregon Trail in Richtung Kalifornien. So stolpern die beiden in Feldzüge gegen die Indianer und in den amerikanischen Bürgerkrieg. Neben der Jagd und den Kämpfen finden Thomas und John immer mehr zueinander. Im Gemetzel oder bei der Hungersnot geht es für beide immer ums einfache Überleben. Thomas bleibt stets ein Optimist und das große Glück finden sie in ihrer indianischen Adoptivtochter.

Ein amerikanischer Roman von einem großen Schriftsteller aus Irland. Die Geschichte Nordamerikas mal ganz anders und literarisch erzählt. Ein unterhaltsames, fast schon unvergleichliches Leseerlebnis in der Westernliteratur.  Besonders auffallend ist die rohe, faszinierende Sprache des Helden, der uns einen Blick in seine Seele und in die von Amerika gewährt.

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Donatella Di Pietrantonio: „Arminuta“

Donatella di Pietrantonio Arminuta Kunstmann

Ein Roman, der einen durch die Gestaltung direkt anschaut und sich dann beim Lesen mit einer enormen Kraft entwickelt. Die Erzählerin ist ein junges Mädchen, die in jenem Dorf, in dem sie erwachsen wird Arminuta, die „Zurückgekommene“,  genannt wird. Sie hat zwei Familien, für sie sind es zwei Elternpaare und es beschäftigt sie die Frage, warum sie zu ihren leiblichen Eltern zurückgeschickt wurde? Wer ist ihre Mutter? Die, die sie geboren hat, oder die, bei der sie aufgewachsen ist? Ein feiner italienischer Roman, der die Fragen nach der Identität und der Kluft, die zwischen Menschen durch Armut entstehen kann, stellt. Die Frage nach Zugehörigkeit beschäftigt das Mädchen lange, aber keimen in ihr auch Schuldgefühle. Da sie zwei Mal weggegeben wurde, sucht sie die Ursachen und Fehler bei sich selbst.

Der Roman beginnt mit dem prägenden Satz: „Als Dreizehnjährige kannte ich meine Mutter nicht mehr.“ So beginnt ihre Geschichte. Sie wuchs bei ihren Eltern wohlbehütet auf. Sie wohnte in einem kleinen, sauberen Haus an der See. Ihr Vater, ein Carabiniere, bringt sie eines Tages mit einem kleinen Koffer und einer Tasche, die lieblos gepackt wurde, zu einer ihr unbekannten Familie in einer kleinen Wohnung. Bereits der erste Eindruck ist ein verwahrloster, muffiger und ranziger. Ihre echten Eltern wollten sie wieder haben, mehr wird ihr nicht erklärt. Der Abschied von ihrer Mutter, bei der sie bisher gelebt hatte, war bereits lieblos und die Ankunft in der neuen Familie reißt ihr noch mehr den Boden untern den Füßen weg. Niemand scheint sich zu freuen, keiner scheint auf sie gewartet zu haben. Nicht einmal an ein Bett für sie wurde gedacht. Sie ist verzweifelt und fühlt sich jetzt also zum zweiten Mal abgeschoben, aber sie nimmt es dennoch hin und versucht sich irgendwie einzuleben. Nur fehlt ihr das Verständnis.

Die neue Umgebung und Familie stehen ganz im Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben. Die Wohnung und die Geschwister sind schmutzig, kennen z.B. keine Eiscreme und leben von der Hand in den Mund. Das Gefühlsleben wird in der neuen Familie niemals thematisiert und sie wird eher verächtlich in den Familienkreis aufgenommen. Sie wird als verwöhnt und arrogant wahrgenommen, wobei sie gerade dies nicht ist. Sie sucht die Nähe, auch wenn ihre jüngere Schwester, mit der sie das Bett teilen muss, dieses einnässt. Zu dieser Schwester kann sie die erste freundschaftliche Beziehung aufbauen. Die sehr körperlichen Jungs, die sich pubertär verhalten, erzeugen eine große Distanz, bis sich doch auch hier eine Verbindung herauskristallisiert.

Ihre ersten Eltern, die Eltern vom Meer, haben sie niemals ganz aus den Augen verloren und unterstützen sie, wenn es geht. Auch gleich am Anfang, als sie einen Brief geschrieben hat, wird ein Etagenbett angeliefert, das von ihren ersten Eltern bezahlt, von der neuen Familie ohne viel Kommentar einfach hingenommen wird und diese in der Annahme des verwöhnten Kindes bestärken. Letztendlich wird es die Bildung sein, die sie aus der ungebildeten Welt erlöst.

Ein ergreifender Roman, der viele Facetten des Lebens beleuchtet. Die Mutterliebe und die Frage nach der örtlichen, zufälligen Geburt, die entscheidet, ob ein Kind in Armut oder im Wohlstand aufwachsen kann und darf. Gibt es überall eine Chancengleichheit? Ein schöner, trauriger, und bewegender Roman, der auch von Michela Murgia (Autorin von u.a. „Accabadora“ und „Chirú“) hochgelobt wird. Eine ungewöhnliche Familiengeschichte, die eine Heldin benennt, die ihren Platz im Leben sucht.

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Dennis Lehane: „Der Abgrund in dir“

Dennis Lehane Der Abgrund in Dir Diogenes

Dennis Lehane zählt für mich zu einem der besten Autoren für gut gemachte Spannungsromane. Besonders seine Charakterisierungen sind herausragend. Mit wenigen Skizzen werden die Figuren plastisch und im Leser sehr lebendig. Seine Romane sind Psychothriller oder Mafiaromane, die auch schon oft verfilmt wurden (u.a. „Mystic River“, „Shutter Island“, „Thr Drop“ und „Live by Night“). Ferner hat Lehane für drei Episoden der Serie „The Wire“ die Drehbücher geschrieben.

„Der Abgrund in Dir“ lebt,  wie in Lehanes Werken üblich, vom Aufbau der komplexen Charaktere und die Spannung wird regelrecht ab der Mitte des Buches angezogen. Bis dahin ist es ein literarischer Text, der lediglich durch den Prolog den Hinweis auf den eigentlichen Thriller gibt. Die Heldin ist voller Ängste und Zweifel und verheddert sich in ihrer Karriere als Journalistin. Nebenbei ist sie stets auf der Suche nach ihrem Vater und findet dabei Unterstützung von einem Mann, der sich anfänglich im Hintergrund hält, sich dann aber immer mehr zeigt und es zu einer Liebesgeschichte kommt. Hass geboren aus Unwissenheit und Liebe liegen nah beieinander und können jenem, der es fühlt, den Magen umdrehen. Denn gleich der erste Satz im Roman lautet: „An einem Dienstag im Mai, im Alter von sechsunddreißig Jahren, erschoss Rachel ihren Mann.“ Der Spannungsbogen ist somit gleich im Anfang aufgebaut, denn warum macht Rachel dies und was oder wer hat sie zu diesem Mord getrieben?

Rachel Childs wurde in West-Massachusetts geboren. Sie wächst in einer Welt der Cafés und Frühstückpensionen auf, die sich immer mehr in Bars und Kneipen verwandeln. Oft blickt Rachel auf einem Barhocker sitzend in den gegenüberliegenden Spiegel und sieht sich selbst vis-à-vis. Sie wandert gedanklich zurück und sieht letztendlich in die Augen ihrer Eltern im eigenen Spiegelbild. Ihr Vater heißt James, hat dunkles gewelltes Haar und ist oder war als Lehrer tätig. Sonst weiß sie nichts über ihn. Ihre Mutter schweigt sich aus. Zu Rachels eigenem Schutz, wie sie behauptet. Die Mutter lebt ein fast schon scheinheilig zu nennendes Leben, denn sie hat einen psychologischen Ratgeber geschrieben, der ein Bestseller wurde, an den sie sich selbst aber nicht gänzlich halten mag. Rachel ist durch den fehlenden Vater von Verlustängsten geplagt, die durch den tragischen und tödlichen Unfall der Mutter verstärkt werden. Sie setzt alles daran, ihren Vater zu finden. Sie sucht eine Detektivkanzlei auf und lernt Brian kennen. Brian macht ihr wegen den sehr geringen Angaben, die sie über ihren Vater zu berichten weiß, wenig Hoffnung. Er rät ihr auch von einer beauftragten Suche durch eine Kanzlei ab, die letztendlich nur Geld kosten würde, aber den Vater wohl niemals ausfindig machen würde.

Rachel ist als Journalistin tätig und bekommt die Chance für die großen Fernsehsender tätig zu werden. Als sie eine Reportage auf Haiti drehen soll, vermasselt sie die erste und auch die zweite Chance, die ihr die Sender gegeben haben, durch ihre ersten öffentlichen Panikattacken. Auch ihre erste Ehe scheitert an ihrer inneren Zerrissenheit. Sie bekommt stets seelischen Beistand durch die Schreiben von Brian, den sie für die Suche nach ihrem Vater kontaktiert hatte. Als es zu einem wohl nicht ganz zufälligen Treffen kommt, entsteht eine starke Verbundenheit und sie heiraten. Nun hat Rachel eigentlich alles, was sie sich erträumt hatte. Einen liebevollen Ehemann, ein gutgestelltes Leben und ihre Panikattacken werden immer weniger. Doch bleibt die Angst vor dem Verlust und die Furcht, verlassen zu werden. Brian ist ein guter Ehemann, ein Freund und ein guter Zuhörer. Doch was weiß Rachel von ihm? Brian, der mit seiner Familie gebrochen zu haben scheint, aber das Familienunternehmen führt, ist oft dienstlich unterwegs. Als er in London sein sollte, meint Rachel ihn aber in der Stadt gesehen zu haben. Ein Doppelgänger oder ist er es und belügt er sie? Sie beginnt Fragen zu stellen und ihr Leben wird erneut eine Farce aus Lügen und Betrug.

Ein Roman, der durch seine vielschichtigen Figuren und die Stimmung lebt. Die Spannung wird ganz langsam aufgebaut und steigert sich ab der Mitte immer mehr. Vorher nimmt Lehane sich die Zeit, um seine Figuren und die Handlung weitreichend aufzubauen. Ab und zu blitzen Erinnerungen an seine anderen Werke auf. Die Dunkelheit in der Psyche geht einher mit den Beschreibungen der dämmrigen und verregneten Umgebungen. Wohl der langatmigste Lehane, der mehr auf den Figuren, dem Setting und der Geschichte aufbaut als auf Action und pure Spannung.

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