
Alexa Hennig von Lange versteht es stets einfühlsam über Familienpfade zu schreiben. Dabei spielt sie mit den Gefühlsmomenten, Verletzungen und dem Wunsch nach Nähe. Doch kann auch Nähe zu bindend, zu nah sein und dadurch das Gegenüber eher wegtreiben, als an sich heranzulassen. Wir bewegen uns in unserem Familiengeflecht gleich der Plattentektonik. Wenn Druck ausgeübt wird, oder dieser sich lockert, hat dies für die anliegenden Lebensräume Auswirkung auf deren Bewegung und Lebensgestaltung. Dies zeigt Alexa Hennig von Lange in ihrem bewegenden neuen Roman „Alte Pfade“, der leicht zu lesen ist, aber doch sehr intensiv sein kann. Durch die Handlung und die Protagonisten beginnen wir selbst unsere Erlebnisse, Beweggründe und das Verständnis zueinander zu reflektieren.
Liliane möchte gefordert werden, auch in der Beziehung, und vom Partner verstanden, aber auch begrenzt werden. Dabei stellt sie sich in ihren Betrachtungen oft selbst in den Mittelpunkt und handelt verletzend und ausgrenzend. Dies macht sie aber unbewusst und aus einer alten Verletzung heraus. Sie hat sich nach einer langen Ehe von ihrem Mann getrennt und macht ihren ersten alleinigen Urlaub in Spanien. Ihr fast erwachsener Sohn meidet sie und ist, wie in der Familie oft üblich, aus der Situation geflohen. Sie hat die Strecke mit dem Auto gemacht, denn ihr Vater hat immer das Reisen durch die Landschaft dem Flug vorgezogen und Liliane befolgt weiterhin diesen Rat. Auf der Heimreise hatte sie sich vorgenommen, ihren Vater zu besuchen, doch der fast Neunzigjährige ist nicht da. Sie erhält einen Anruf aus Schottland, dass ihr Vater mit einem Herzinfarkt in einer dortigen Klinik ist. Liliane, die ihre Geschwister nicht erreicht, denn alle haben sich irgendwie in ihre Welt zurückgezogen, fährt kurzentschlossen nach Schottland. Sie möchte ihren Vater sehen und, sollte er überleben, nachhause holen. Doch dieser ist wie sie sehr stur und ignoriert sein Leiden und möchte seine angefangene Wanderung fortführen. Als junger Student hat er diesen Weg einst bis zur Küste genommen und möchte diesen erneut erleben. Er will die Wildnis der Highlands durchwandern und Liliane fragt sich, was er erhofft zu finden. Da er sich von seinem Plan nicht abbringen lässt, geht sie mit.
Sie erhält weiterhin von ihren Exmann Unterstützung und sie beginnt ihr Leben und ihre Entscheidungen zu hinterfragen. Auch das Wandern und die Gespräche mit ihrem Vater eröffnen neue Zugänge und Sichten zu- und aufeinander. Vater und Tochter haben es schwer, sich Menschen gegenüber zu öffnen und zu zeigen. Besonders der Vater hat oft das Schicksal der anderen als deren Problem betrachtet. Auch wenn der Schmerz innerhalb der Familie liegt, denn die Kinder haben früh durch einen schrecklichen Schlusspunkt die Mutter verloren. Auf der abenteuerlichen Wanderung durch die wunderschöne Natur, durch Sturm und Regen beginnen Tochter und Vater sich neu zu finden. Auch die Geschwister wachsen anhand dieser Wanderung näher mit ihrer Geschichte in das Bewusstsein zurück.
Ein Roman, der vieles öffnet und benennt, das innerhalb von Familien oft im Unterbewussten schlummert, was sich bereits in den kleinen Verletzungen, Wendungen und Missverständnissen zeigt. Die Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit ist der Halt unseres Lebens und wenn dieser brüchig wird, kann uns dies aus den Bahnen werfen und wir benötigen viel Kraft, um die alten Pfade wieder aufnehmen zu können. Das Wandern als Bild für den Weg zueinander gelingt hierbei sehr unterhaltsam, tiefgründig und emotional. Das anfängliche Kreisen umeinander und das Abwägen des Gesagten verliert sich mit der Weite der Landschaft. Welches Gepäck tragen wir voneinander ständig unbewusst mit und geben dies unsortiert weiter? Das Ablegen der Sorgen, die sich auf das Kommende richten, verlieren ihr Gewicht durch das Aussprechen und Zuhören.
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