Martin Spieß: „Und bis es so weit ist, gibt es Eiscreme“

Martin Spieß Und bis es so weit ist gibt es Eiscreme Culturbooks

Ein Buch mit einem tollen Sound. Ein Roman, der unheimlich viel Spaß und süchtig macht. Ein literarischer Trip, der wohl den Ton einer ganzen Generation einfängt. Zwei Freunde auf dem Weg zu den Demonstrationen gegen den Castortransport. Zwei beste Freunde wie aus „Lammbock“ oder aus „The Big Lebowski“.  Ein Dude taucht auf, der uns deutlich macht, was uns mit Lieutenant Commander Data vereint. Der Android aus Star Trek macht Fortschritte in seinem Bestreben menschlicher zu werden und die beiden Helden sind bestrebt, immer mehr wie Data zu denken und handeln. Ein menschlicher Data, der König Bleibtreu akzeptiert. Laut Jean-Luc Picard, dem Captain der USS Enterprise, ist nicht der Erwerb von Reichtum die treibende Kraft im Leben. Wir werden in der Zukunft, so die Grundidee von Gene Roddenberry, dem Schöpfer von Star Trek, daran arbeiten, uns selbst und den Rest der Menschheit zu verbessern. Und bis es soweit ist, gibt es hoffentlich genug von solch literarischer Eiscreme…

Zu Demos zu gehen ist seit Snowden wieder sexy geworden. Dies finden jedenfalls der Erzähler und sein bester Freund Jäger. Bei den Protesten gegen die Castortransporte im Wendland wollen sie nicht nur Abenteuer erleben, sondern auch Frauen aufreißen. Um zügig Blockaden oder ähnliches zu durchbrechen, mogeln sie sich als britische Reporter durch die Absperrungen und Polizeikontrollen. Jäger ist auch stets mutig zu einem Plausch mit den Beamten, in feinem Englisch versteht sich, über die aktuelle Situation bereit. Denn der Tag, so Jäger, an dem er aufhört Witze zu machen, sei seine Beerdigung. Die gefälschten Presseausweise weisen die Namen zweier Dr.-Who-Darsteller aus. Also erneut zwei Helden aus der Medienwelt, die mit viel Charme und Humor die Welt zu retten versuchen. Doch trotz der Befürchtung des Ich-Erzählers, fällt dieser Schwindel nicht auf. Die beiden jungen Freunde sehen sich als Schriftsteller und sind Medien-Junkies, die gerne und oft bekifft sind. Sie betrachten die Welt immer in Bezug auf diverse Serien, Filme und Songs, die sie inhaliert zu haben scheinen und ständig zitieren. Sie vergleichen sich gerne mit den Charakteren der Filme und TV-Serien. Sei es “Games of Thrones”, “Pulp Fiction” oder “Radio Rock Revolution”. Alles ist schlagfertig im Geiste parat und das Erlebte wird mit der Film- und Fernsehwelt verglichen.

Die gegenwärtige Reise nach Gorleben steht in Bezug auf ihren damaligen Road-Trip nach Spanien. Sie hatten gerade Abitur gemacht und die Eltern des Erzählers erben eine Wohnung der Großeltern in einer katalanischen Kleinstadt. Die beiden Jungs fahren los und finden eine kakerlakenverseuchte Eigentumswohnung vor. Doch findet der Erzähler auf dieser Reise die große Liebe. Er trifft auf Katharina, die aber nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt in Spanien wieder verschwindet.

In der Gegenwart, im Wendland, machen die beiden Berliner sich neue Freunde und werden von deren Geschichten unterhalten und u.a. mit sehr gutem Dope bewirtet. Jäger ist der mutigere von beiden. Der Erzähler steht oft daneben, darauf hoffend, dass sie sich nicht zu sehr um Kopf und Kragen reden. Besonders als Jäger mal wieder ein Schwätzchen mit einer Polizistin führt und jeder ein großes Päckchen Gras dabei hat.

Der Prolog des Buches deutet bereits eine Katastrophe an. Jäger passiert etwas im Wendland und eventuell stirbt er, oder auch nicht? Jägers bester Freund, der Erzähler, reist in Gedanken in ihre gemeinsame Vergangenheit und Gegenwart…

Ein unglaublicher Lesespaß, der besonders viel Freude macht, wenn man gleich den Helden ein Medien-Junkie ist. Ein Buch wie ein Roadmovie mit vielen Anspielungen aus der Politik und Popkultur. Ein sprudelnder Roman voller Witz, Freundschaft, Liebe und Verlust. Ein herzliches, kluges und sehr unterhaltsames Buch.

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Fuminori Nakamura: „Die Maske“

Nakamura Die Maske Diogenes Leseschatz 1

Fuminori Nakamura wird in Japan als junger und erfolgreicher Autor gefeiert. Er gilt als Meister des Düsteren. Nach „Der Dieb“ ist dies sein zweites Buch, das ins Deutsche übersetzt wurde. Erneut ist es eine verstörende, spannende und eindringliche Geschichte. Die Figuren sind keine Helden, sondern Täter und Opfer, die zu Tätern werden. Die Maske als Bild einer Gesellschaft, in der man sich verbirgt oder ausgeschlossen wird.

Die Charaktere sind flüchtig und drohen dem Leser zu entgleiten. Das brüchige Bild der Figuren steht im Kontext zu der Geschichte, die zwischen einem unheimlichen Thriller und einer sehr ungewöhnlichen Liebesgeschichte pendelt.

Die Kuki-Familie ist mächtig und ihr Clan ist weltumspannend. Sie beherrscht die Unterwelt und ist auch für viele Anschläge verantwortlich. Fumihiro Kuki ist ein Kind, gerade elf Jahre alt, als sein Vater, das Familienoberhaupt, ihn zu sich befiehlt. Sein Vater offenbart Fumihiro, dass er nur zu einem einzigen Grund gezeugt worden sei. Es gibt eine seit Generationen gepflegte und menschenverachtende Tradition der Kuki-Familie. Der jeweils jüngste Sohn soll dazu erzogen werden, das Böse in die Welt zu bringen. Fumihiro soll ab seinem vierzehnten Lebensjahr zu einem Geschwür für die Menschheit herangezogen werden. Mit dieser Last wird das Kind überfordert und es beginnt in ihm zu rumoren. An seiner Seite steht das Waisenmädchen Kaori, in das er sich unsterblich verliebt. Kaori wird in der Familie aufgenommen und lebt mit in dem großen Haus der Familie. Der Vater will sie für seine Zwecke missbrauchen, damit seine menschenverachtende Saat Früchte tragen wird. Fumihiro steht unter dem Schatten des Vaters und des Fluches. Er will sich als Kind bereits befreien und plant, seinen Vater zu ermorden. Sein Wunsch, den eigenen Vater zu töten, wird immer dringlicher, da er mitbekommt, dass Kaori von seinem Vater missbraucht wird und ihr noch schlimmeres bevorstehen könnte. Er findet einen geheimen Raum im Keller, den sein Vater wohl für seine perfiden Zwecke gebaut hat. Er wartet, bis sein Vater eines Tages dort ist und stößt diesen hinab. Er verschließt die Lucke und hofft, sein Vater verhungert oder nimmt die Giftpilze zu sich, die Fumihiro ihm hinterhergeworfen hat. Doch durch diese Tat kommt Fumihiro nicht wirklich frei. Der Vatermord und sein Fluch verfolgen ihn. Auch wenn er von Kaori besessen ist und sie diese Gefühle erwidert, verlieren sich beide aus den Augen.

Als junger Mann beginnt Fumihiro ein neues Leben. Er will eine neue Identität und lässt sich von einem plastischen Chirurgen das Gesicht eines anderen machen. Es ist das Gesicht eines Toten. Ab sofort ist er gezwungen, maskiert durch das Leben zu gehen. Da er niemals der sein kann, der er sein möchte, verändert er sich immer mehr. Seine Liebe zu Kaori ist sein Lebensinhalt. Er heuert einen Detektiv an, der bereits für die Kuki-Familie tätig war, und lässt Kaori beschatten, er möchte alles über die Frau seines Lebens erfahren. Seine Vergangenheit hat ihn zerstört und ihm viele Wunden zugefügt. In der Gegenwart ist er als Erwachsener niemals in der Lage sein wahres Leben zu führen und verstrickt sich immer mehr. Wird er letztendlich doch zu dem monströsen Geschwür, zu dem ihn sein Vater erziehen wollte?

Ein beklemmender, spannender und dunkler Roman. Der Text wirkt verstörend, tiefsinnig und hat etwas Schleierhaftes.

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Stefan Kruecken: „Sturmwarnung“

Das aufregende Leben des Kapitäns Jürgen Schwandt

Stefan Kruecken Sturmwarnung AnkerherzDie See: ein Spiegel des Himmels und der Wolken. Mal blau, grün und immer wieder anders. Die Gewässer sind mal ruhig, anschmeichelnd oder aufbrausend und stürmisch. Das Meer kann ganz still sein, dann aber auch brüllen und Meter hohe Wellen gegen Land oder Schiff werfen. Die See ist gleich dem Wind: ein Freund oder auch ein Feind. Der Blick auf das Meer beruhigt und weckt Sehnsüchte nach Ferne oder Abenteuer. Man fühlt sich der Natur ganz nah und wird sich seiner geringen, menschlichen Größe bewusst. Denn dem Meer ist der Mensch, der es befährt, letztendlich egal. Alle sind auf hoher See gleich und abhängig von der Gunst der See. Dieser in uns allen bewusste oder ruhende Respekt wird dem Seemann täglich abverlangt.

Jürgen Schwandt wurde 1936 in Hamburg geboren und fuhr jahrzehntelang zur See. Später war er für den Wasserzoll tätig und wurde nicht nur im Norden durch seine Kolumne in der „Hamburger Morgenpost“ bekannt. Zusammen mit Stefan Kruecken schaut er mit „Sturmwarnung“ auf sein aufregendes Leben zurück. In seiner Kindheit erlebte er Hunger und Kälte in den Trümmern Hamburgs. Im sogenannten Hungerwinter verdiente er sich etwas Geld als Laufbursche beim Rowohlt Verlag. Sein Vater, der verletzt aus dem Krieg zurückkam, wollte nichts unter seiner Würde arbeiten. Das Verhältnis zwischen Jürgen und seinem Vater ist nicht nur deswegen gespalten. Sein Vater war ein Nationalsozialist und hatte somit ein ganz anderes Weltbild als sein Sohn. Sein ganzes Leben lang wird Jürgen Schwandt rechtsextreme Strömungen scharf angehen.

In ihm wuchs bereits als junger Mensch eine Sehnsucht und Liebe zur See. Als Schüler lernt er den Umgang mit einem Kutter und er ist seitdem gern auf dem Wasser. 1952 soll sein Abenteuer losgehen, wobei er monatelang Geduld haben muß. Auf einer Holzbank im „Heuerstall“ warten die Seeleute auf einen Job. Als ein Schiffsjunge gesucht wird, macht er sich auf den Weg nach Kiel, um auf der Argonaut anzuheuern. Jetzt beginnt seine lange Laufbahn auf See. Fast alle Positionen auf einem Schiff lernt er kennen. Verschiedene Schiffe und Routen bringen ihn seinem späteren Lebensziel näher, denn es wird lange dauern, bis er als Kapitän in See sticht. Seine Abenteuer handeln vom Meer, den Schiffen, die diese bereisen und den diversen Landgängen. Er erzählt von Seeleuten, Glücksdrachen und Huren. Am Klischee, dass jeder Seemann tätowiert ist und in jedem Hafen eine andere Braut hat, war zu seiner Zeit als Matrose viel Wahres dran. Er hat in seinem Leben auf See nicht viel ausgelassen. Seine Liebe zum Meer bleibt ihm immer erhalten.

Sein Leben ist geprägt durch seine Reisen. Er erlebte und überlebte Orkane und erinnert sich auch an eine Art der Wiedergeburt. Seine Erlebnisse sind Momente zwischen Leben und Tod. Dadurch hat er gelernt das Leben zu feiern. Die See lehrte ihn Weltoffenheit und Toleranz. Er gehört zu den stillen Denkern. Er ist belesen und seine Biografie liest sich lebensklug. Er kann vielen ein Vorbild sein als Mensch, der seine Alkoholkrankheit bekämpft hat, als Stimme gegen rechtsextreme und fremdenfeindliche Strömungen oder als lebensbejahender Seebär. Er nutzt die neuen Medien als Kommunikationsplattform und steht den neuen Entwicklungen kritisch, aber stets offen und interessiert gegenüber.

Jürgen Schwandt erzählt mir einer burschikosen Herzlichkeit über sein Leben und zwischen seinen Anekdoten verbergen sich einige Weisheiten. Er zeigt, wie man trotz großer Krisen stets Mensch bleiben kann. Sein Bericht ist ehrlich, authentisch und stets voller Augenzwinkern. Das Buch lebt von der Kombination aus der beeindruckenden Geschichte, den Fotografien und Illustrationen.

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Matt Ruff: „Lovecraft Country“

Matt Ruff Lovecraft Country Hanser

Das Buch erzählt über den Rassismus in Amerika während der Jim-Crow-Ära und gleichzeitig erweckt es das Lovecraft-Grauen, das laut dem umstrittenen Autor Lovecraft im sogenannten „Lovecraft Country“ sein Unwesen getrieben haben soll.

Matt Ruff ist ein phantastischer Autor, der sehr gekonnt unterhält. Er vermischt viele Genres und erlangte durch seine Romane „Kultstatus“. 1991 hat er mit „Fool on the Hill“ einen „tolkschen“ Sommernachtstraum auf einem Campus platziert. Es folgten „G.A.S“, „Bad Monkeys“ und „Ich und die anderen“. Ruff schafft es, Unterhaltsames, Phantastisches und Witziges mit ernster Literatur zu vermischen. Es sind Romane, die Elemente des Science-Fiction, der Fantasy und der Magie beinhalten. Ruff scheint selbst ein Medien-Junkie zu sein, denn seine Anspielungen schöpft er aus der Filmwelt, der Musik, der Literatur und der Comic-Kultur. Sein neuster Streich spielt im „Lovecraft Country“. Lovecraft gilt als Schöpfer der phantastischen und anspruchsvollen Horrorliteratur. Doch war er auch eine umstrittene Persönlichkeit, denn er galt als menschen- und frauenverachtender Rassist. So verbindet das neue Werk von Matt Ruff ebenfalls beide Themen: das Phantastische und den Rassismus.

Der Koreaveteran Atticus macht sich auf die Suche nach seinem Vater. Es begleiten ihn sein Onkel George und die Freundin Letitia. Es ist das Jahr 1954 und das Reisen in Amerika ist für einen Farbigen nicht ungefährlich. George hat auch aus diesem Grund den Reiseführer: „Safe Negro Travel Guide“ herausgebracht. Das Verhältnis zwischen Atticus und seinem Vater Montrose ist schwierig und sie haben lange keinen Kontakt gehabt. Nun erhält Atticus ein Schreiben, in dem der Vater, der von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, mitteilt, dass er dem Familiengeheimnis von Atticus Mutter auf die Spur gekommen sei. Atticus und George reisen dem Vater hinterher. Mit dabei ist die Jugendfreundin Letitia, die sich von Gott berufen fühlt, bei diesem Abenteuer dabei sein zu sollen. Auf der Fahrt müssen sie sich viele rassistische Anfeindungen gefallen lassen. Die Reise wird immer bizarrer und es scheint sie auch ein mysteriöses Fahrzeug zu verfolgen. Auch in den Wäldern lauern wohl nicht nur Grizzlys. Sie gelangen letztendlich auf das Anwesen der Braithwhites und im alten Herrenhaus tagt der Orden der Alten Morgenröte, eine weiße, rassistische Geheimloge. Diese Adamiten sehen in Atticus einen Avatar und mit seiner Hilfe soll eine Zeremonie durchgeführt werden. Doch Caleb Braitwhite hat ganz andere Pläne und hilft erstmalig Atticus und seinen Begleitern, damit er selbst sich aus dem Schatten seines Vorfahren befreien und die Herrschaft anstreben kann.

Wieder zurück möchte Letitia ein Haus erwerben. Doch werden auch bei der Haussuche Fäden gestrickt, die immer wieder zu Caleb Braitwhite zurückzugehen scheinen. Ihr Traum von einem Haus entpuppt sich als Alptraum, denn in den Gemäuern scheint es zu spucken. George und Montrose machen sich auf die Suche nach dem Buch ihrer Vorfahren, in dem die Schuld der Sklavenbesitzer genauestens berechnet und festgehalten wurde. Doch diese Suche verläuft erneut über den Orden der Alten Morgenröte. Für diesen Orden sollen sie das Buch des Lebens, das Gegenstück zu Lovecrafts  „Necronomicon“, beschaffen. Alle geraten in Abenteuer, die den Romanen entsprungen zu sein scheinen, die Atticus und George so gerne lesen. Sie treffen auf geheime Logen, Hexenmeister, magische Autos, Geisterhäuser und noch fremde Planeten. Sehr unterhaltsam werden diese einzelnen Perspektiven und Geschichten miteinander verwoben und der Spannungs- sowie Unterhaltungsbogen reißt niemals ab.

Ein Roman, der die dunkle Geschichte Amerikas beleuchtet, nebenbei sehr spaßig und spannend die Naturgesetze auf den Kopf stellt und viele kleine Höhepunkte setzt. Es bleibt die Frage, ob uns die großen Alten von Lovecraft mehr ängstigen als wir uns vor uns selbst?

Ein unterhaltsamer Roman, der mehr zu bieten hat und wieder das typische Ruff-Flair verströmt!

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Johan Bargum: „Nachsommer“

Johan Bargum Nachsmommer Mare

Johan Bargum hat bereits mit der „Septembernovelle“ gezeigt, dass er es versteht, mit ganz kurzen Szenen und Sätzen eine Tiefe zu erzeugen. Das anfänglich Einfache und Schlichte gewinnt immer mehr an Bedeutung. Mit wenigen Worten wird die Geschichte zweier ungleicher Brüder und einer verpassten oder nicht gelebten Liebe erzählt.

Doch am Ende ist es genau diese Frage, ob die verschenkte Liebe nicht doch aus freien Stücken in andere Richtungen wahrgenommen wurde. Das Buch hat ganz zarte, melancholische Töne. Ein kurzer Aufenthalt im skandinavischen Spätsommer lässt einen tiefgründigen Einblick in ein Familienleben zu. Eine Familie, die getrieben ist von Hoffnungen, Rivalitäten, Trauer und Versäumnissen.

Schon immer stand der Erzähler, Olof, im Schatten seines Bruders Carl. Der Vater ist früh verstorben und ein Freund der Familie, Tom, wird die väterliche Bezugsperson der Jungs. Carl ist selbstbewusst, kräftig und auch mal bei einer Rangelei in der Schule der Beschützer des älteren Bruders. Olof ist schon als Kind voller Eifersucht, denn Carl wirkt auch stets als der Liebling der Mutter. Immer wieder muss er sich die Ermahnungen der Mutter: „Schieb nicht die Schuld auf deinen kleinen Bruder“ anhören.

Carl zieht später aus Karrieregründen in die USA und gerät somit bei der Mutter in Ungnade. Diese hat die Trennung nie akzeptiert und überwunden. Viele Jahre später liegt die Mutter im Sterbebett und Tom ruft die beiden Sohne an, damit diese in das Sommerhaus in den Schären kommen, um von der Mutter Abschied nehmen zu können. Das Zusammentreffen wird beständig unharmonischer und die Zerwürfnisse treten immer mehr in den Vordergrund. Carl, der mit seiner Frau, Klara, und ihren beiden Kindern aus den Staaten angereist ist, plant eine zügige Abwicklung der Geschehnisse. Olof trifft nach langer Zeit wieder auf Klara, die Frau seines Bruders, mit der er eine eigene Vergangenheit hatte. Das, was Olof meint in seinem Leben verpasst zu haben, tritt ihm durch diese Zusammenkunft schmerzlich entgegen.

Eine Erzählung in der wunderschönen Natur, die die Versäumnisse der Protagnisten beleuchtet und mit sehr wenig Worten und Szenen ganz viel erzählt. Ein psychologischer, atmosphärischer und wunderbarer Roman.

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Emma Glass: „Peach“

Emma Glass Peach Nautilus

Wieder ein Debütroman, der einen sehr lange beschäftigt. Ein Text, der einen an die Grenzen bringt. Man hadert mit den Worten, der Handlung und doch verlangt das Buch vom Leser ein beständiges Weiterlesen. Ein surreales Märchen, das durch die Pein der Protagonistin beim Leser eine Verwandlung vollzieht. Aber auch die Figur wandelt sich, wird ganz Frucht und der Kern in ihr nimmt gehörig zu. Ein unglaublich wichtiger Roman, der eine Geschichte erzählt, die hoffentlich jeden Leser berührt, erschrickt und verstört.

Denn der Inhalt ist nichts für Happy-End-Leser. Die Sprache ist poetisch und gleichzeitig wuchtig und erzählt die Geschichte einer misshandelten jungen Frau. Auf dem Heimweg ist ihr etwas Schreckliches zugestoßen. Als Leser ahnt man, was geschehen ist. Ihr ist übel, sie hat Schürfwunden und das Gehen bereitet ihr Schmerzen. Ihre Eltern haben gerade mehr Augen für ihr neugeborenes Baby und können selbst die Finger nicht voneinander lassen. So kann sie im Elternhaus, als sie heimkommt, ihre Pein geheim halten. Sie verarztet sich und näht sich selbst im Intimbereich, damit sie in den kommenden Tagen wieder zur Schule gehen und sich mit ihrem Freund treffen kann. Doch der Schatten bleibt und verfolgt sie. Sie selbst verändert sich, sie nimmt immer mehr zu und baut eine Schutzschicht um sich auf, die sie aber auch immer mehr an die Tat erinnern lässt und sie seelisch malträtiert.

Das Buch stellt vieles auf den Kopf. Es ist große Literatur, die Grausiges erweckt. Das Buch begeistert, und nimmt einen gänzlich gefangen. Die surrealen Elemente nehmen mit der Lautmalerei zu. Menschen als Pfirsich, als Grün, als Pudding oder einfach nur ekelhaftes Würstchen. Die Sinne werden gänzlich integriert, denn mal schmeckt man regelrecht das Fett vom triefenden Fleisch, dann riecht man frisches Grün und nimmt den holzigen Geruch des Beschützers war. Es ist ein sehr körperliches Buch, das den Menschen aber verfremdet. Der Peiniger ist eine Wurst, die Fettflecken hinterlässt, die sich gleich der Erinnerung an die Misshandlung nicht entfernen lassen. Peach, die Hauptfigur ist ein Pfirsich und versucht in ihr Leben als Teenager zurückzufinden. Ihr Freund, der wie ein Grüner Baum ist, steht ihr zur Seite.

Kein Text, der mundgerechte Lösungen bietet und der eine Herausforderung für den Leser sein kann. Doch man überwindet die Passagen, erstarrt und will dann doch immer wieder zu der Heldin zurückkehren. Ein Märchen und ein Albtraum in einem. Ein ergreifender Roman, der literarische Grenzüberschreitungen macht. Das Innenleben eines Opfers, das versucht, alles unkenntlich zu machen. Der Versuch, die Gewalt zu überleben, zu überwinden und die Distanz durch Abstraktion zu gewinnen.

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Verena Carl: „Die Lichter unter uns“

Verena Carl Die Lichter unter uns Fischer Verlag

„Die Lichter unter uns“ erzählt die Geschichte von einer Erschütterung auf Sizilien. Die Protagonisten machen die Erfahrung, dass sie sich nicht mehr als im Lebensmittelpunkt empfinden. Der Titel klingt fast wie ein Urlaubsroman mit einer sommerlichen Stimmung. Doch ist der Roman fern von verklärter Romantik und der Titel und das Empfinden der Hauptprotagonistin erinnern an die „Die Moritat von Mackie Messer“ aus „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht: „Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht.“

Anna und ihr Mann machen mit ihren Kindern Judith und Bruno Urlaub auf Sizilien. Vor Jahren verbrachte das Ehepaar dort auch seine Hochzeitsreise. Damals noch in einem sehr guten Hotel in Taormina, das sie sich jetzt nicht mehr leisten können. Seitdem die Kinder da sind, leben sie stets etwas über ihre Verhältnisse. Sie wohnen in Hamburg. Sie ist eine freie Journalistin und ihr Mann hat einen Jahresvertrag bei einer Agentur und hofft bei jeder Verlängerung auf eine Feststelle. Geplant ist ein herrlicher Spätsommerurlaub in dem traumhaften Ort. Doch das satte Grün von damals ist bereits grauer geworden und der Anflug über den Ätna zeigt die dunkle Lavalandschaft. Der Ort ist eines der schönsten Ziele auf der Insel,  am Berghang gelegen mit weitem Blick über das Meer. Doch gerade hier gerät Annas Leben in eine gefühlte Schieflage. Viel Geld haben sie nicht zur Verfügung und es rinnt Anna, die ihrem Sohn auch etwas bieten möchte, schneller als gedacht aus den Händen. Denn es ist Bruno, der mit ihr die meiste Zeit verbringt. Judith, die Tochter, ist ganz auf den Vater fixiert und beginnt bereits zu pubertieren. Kein Ausflug scheint sie zu interessieren und sie quengelt so sehr, dass die Familie meist in zwei Gruppen ihren Tag verbringt. Die Tochter braucht stets ihren Vater, der alles mit einer stoischen Geduld erträgt. Anna benötigt die Sorglosigkeit ihres Sohnes und beneidet ihn darum. Am Strand beobachtet sie weitere Touristen. Es sind Alexander, sein Sohn und eine junge Frau. Anna beobachtet Alexander, weil er aus ihrer Sicht das sorglose und leichte Leben führt, dass sie sich erträumt.

Alexander hat während einer Vorsorgeuntersuchung die Klinik in Berlin verlassen. Seitdem bangt er um seine Gesundheit. Sein Sohn, der in Mailand studiert, ist mit nach Taormina gereist, um mit seinem Vater und der neuen Frau an dessen Seite eine gemeinsame Zeit zu verbringen. Er verbirgt seine Lebensentscheidungen vor seinem Vater, solange dieser den Geldhahn für ihn offenhält. Das Sorglose, wie es Anna in der Reisegruppe um Alexander sieht, ist nur eine Wahrnehmung von ihr. Viele Ausflüge, Shoppingtouren, Strandaufenthalte und gemeinsame Essen lassen langsam das ganze Bild der jeweiligen Charaktere, die auf der Vulkaninsel verweilen, entstehen. Nicht nur die Steilküste gibt den Figuren das Gefühl abzurutschen. Die jeweiligen Höhe- und Wendepunkte erlebt Alexander mit seinem Sohn auf dem Ätna und Anna und ihre Familie während eines Ausflugs nach Syrakus.

(Fotos: Hauke Harder)

Ein Urlaubs-, Frauen- und Entwicklungsroman, in dem es um die persönlichen Erwartungen geht. Wovon man träumte, was im Leben man davon umsetzen konnte oder kann. Was macht ein glückliches Leben aus und sind die anderen, die glücklich wirkenden, tatsächlich glücklicher und besser gestellt als ich?

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