
Dies ist der erste deutschsprachige Exilroman und ist ein Grundumriss damaliger Ereignisse. Die Machtergreifung und die neue unbarmherzige Gesellschaft werden durch das Anlegen eines Fischdampfers in Hamburg verdeutlicht. Die Ereignisse sind aus Sicht der Mannschaft, die unterschiedlich ist und von der politischen Umstrukturierung nichts mitbekam, erzählt. Dabei benutzt Heinz Liepman Geschichtliches, Persönliches und Erlebtes. Alles muss nicht immer auf Hamburg bezogen sein, nicht alles muss chronologisch so geschehen sein, aber passiert ist alles. Gerade dadurch wird das Werk zu einem Höhepunkt der Exilliteratur, das leider bisher nicht die Aufmerksamkeit erhielt, wie es wünschenswert wäre, denn es sollte Pflichtlektüre sein. Die damalige Stimmung, die Wut, die Angst und das Mitläufertum werden spürbar und machen in der Aktualität besonders aufmerksam. Einen besonderen Stellenwert nimmt auch die systematische Diskriminierung, Entrechtung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Menschen im Roman ein, denen der Autor das Werk auch gewidmet hat. Durch ein sehr lesenswertes Vorwort von Heinz Liepman, das er in Paris 1933 schrieb, ein Nachwort von Wilfried Weinke und die in die Handlung eingebundenen Originalzitate wird das Buch wissenswert abgerundet.
Heinz Liepman (1905 – 1966) hat nach einigen unterschiedlichen Tätigkeiten immer geschrieben und blieb der Literatur und dem Theater immer verbunden. Dadurch dass er stets gegen den aufkommenden Nationalsozialismus sprach und schrieb, wurden seine Werke verboten und verbrannt. Da er weitermachte und auch journalistisch tätig war, musste er nach der Machtergreifung fliehen und emigrierte über Frankreich und England in die USA. Sein Tatsachenroman „Das Vaterland“ erschien bereits 1933.
Am 28 März 1933 läuft der Fischdampfer Kulm, kommend von der See, in die Elbe ein. Am zweiten Weihnachtstag waren sie in See gestochen. Sie waren somit drei Monate weg und haben nichts von der Machtergreifung mitbekommen. An Bord sind unterschiedliche Männer mit unterschiedlichen politischen Einstellungen. Als der Dampfer den Heimathafen ansteuert, wird schon die Einfahrt in die Elbe durch ein ungutes Gefühl begleitet. Etwas ist anders. Sie sehen plötzlich die Hakenkreuz-Flaggen und sie retten einen Mann aus dem Wasser, der auf ein ausfahrendes Schiff hoffte, aber lieber in den Freitod geht als umzukehren. Die Besatzung legt in einem radikal veränderten Land an. Jedes Besatzungsmitglied erlebt nun seine Heimkehr anders. Einige können mit der Umstrukturierung und der herrschenden Gewalt nicht umgehen, andere finden darin ihre Bestimmung. Sie erleben zum Beispiel wie eine Frau, nur weil sie ihre Gedanken ausgesprochen hat, von der Streife niedergeschlagen wird, wie sie verfolgt werden, weil sie Presseerzeugnisse nachgefragt haben, die jetzt verboten sind. Sobald jemand aber über die Gräueltaten spricht oder sogar diese meldet, bringt er sich selbst in Gefahr. Es wird bereits gemahnt, stets lieber den Mund zu halten, denn sonst würde man in das nahegelegene Erziehungslager kommen. Dennoch gibt es auch viele Stimmen, die immer wieder betonen, es würde niemals so heiß gekocht, wie gegessen würde. Doch die Ereignisse und die Situationen werden für alle zu einem Kampf um Identität und ums Überleben.
Es ist eine Reportage, ein Pamphlet, ein Tatsachenbericht und ein Roman. Ein wichtiges Buch, das gelesen gehört. Ein Text der anschaulich macht, wie schnell Menschen sich verändern, anpassen und zu Tätern werden. Wie schnell eine Angst um sich greift, die mahnende Stimmen zum Verstummen bringt. Alles ein Blick in die Vergangenheit, die sich sehr schnell wiederholen kann, aber nicht darf!
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV









