Shen Fu: „Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben“

Shen Fu Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben Matthes Seitz

Ein Buch, das uns einlädt in eine andere, vergangene Welt. Es ist eine Sprache und Handlung, die uns eintauchen lässt in ein früheres China und dennoch so modern erscheint. Shen Fu wurde 1763 in Changzhou geboren. Er war ein Beamter und Gelehrter. Als „Aufzeichnungen aus einem flüchtigen Leben“ (浮生六記) 1877 erstmals publiziert wurde, wurde diese ungewöhnliche Autobiografie sofort ein Erfolg und ist auch mehrfach aufgeführt oder verfilmt worden. Das Buch gehört bis zum heutigen Tag in Asien zum Klassiker und wird als Schullektüre eingesetzt. Jetzt ist es von dem Sinologen Richard von Schirach neu übersetzt und mit einem Vorwort und Kommentaren ergänzt worden.

Es ist die Geschichte des unbekümmerten und unkonventionellen Shen Fu. Seine Aufzeichnungen sind liebevoll und lassen den damaligen Alltag, die Kultur und die gesellschaftlichen Gepflogenheiten aufleben. Shen Fu begnügt sich mit dem aus seiner Sicht einfachen Leben. Beruflich hat er keine großen Erfolge und den damaligen Traditionen geschuldet, steht er unter dem Einfluss seines Elternhauses, sprich seines Vaters. Er verliebt sich in seine Cousine Chen Yun, die er auch bald darauf heiratet. Chen Yun will ihm eine gute Ehefrau sein und die Traditionen wahren. Die beiden verstehen sich auch immer besser und lieben die Kunst, besonders die Literatur und das Theater. Da Frauen in der damaligen Zeit der Ausgang nicht so frei gestattet war, begleitet Chen Yun ihren Ehemann ab und zu als Mann verkleidet. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und etwas mehr Freiheit keimt in beiden. Der Roman lebt von den Schilderungen der alltäglichen Zuwendungen, zueinander, zu der Literatur, der Philosophie und der Natur, besonders auch den Pflanzen- und Blumenarrangements. Doch lebt das Ehepaar nicht in einer gehobenen Lebens-, d.h. Gesellschaftsschicht. Sie versuchen sich stets mit dem, wie es gerade ist, zu arrangieren. Hier wird immer wieder der Daoismus verdeutlicht und ausgelebt.

Damals war es üblich, dass junge Töchter als Konkubinen verkauft wurden. Shen und Chen verstehen sich ausgezeichnet und haben später auch zwei Kinder. Trotz der materiellen Engpässe organisiert Chen ihrem Ehemann aus Statusgründen eine Konkubine, zu der sie sich aber selbst sehr hingezogen fühlt. Dies wird der entscheidende Wendepunkt. Die Konkubine wird später anderweitig aufgenommen, dennoch sind die Schwiegereltern über die Gefühlswelt von Chen, die von Shen Fu selbst toleriert wurde, entsetzt. Es kommt zu weiteren Situationen, die den Graben zwischen der Elterngeneration und dem Ehepaar erweitert. Ein Missverständnis um geliehenes Geld verursacht dann sogar den totalen Riss.

Das ganze Buch ist niemals anklagend oder wehmütig. Es liest sich frisch und in gewisser Weise modern. Dennoch ist es ein Bericht über das Leben zu Zeiten der chinesischen Qing-Dynastie. Es ist der Werdegang eines Verlierers, der ganz ehrlich über sich und sein Umfeld zu berichten weiß. Abgerundet mit dem Kommentar von Richard von Schirach wird das Buch ein Leseereignis. Weltliteratur aus China, die hochinteressant, humorvoll, tiefgründig und schön zu lesen ist.

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Carys Davies: „WEST“

WEST Carys Davies Luchterhand

Der Titel als Hinweis auf das Genre und gleichzeitig der damalige Drang, den Westen zu erkunden und zu erobern. Dieser Roman ist viel mehr als ein Western mit dem üblichen Thema der Besiedelung des Westens. Aber doch sind die Bilder da und in einer wunderbaren, schnörkellosen und klaren Sprache wird eine Geschichte erzählt, die einen Mythos aufleben lässt und gleichzeitig widerlegt. Ein begeisternder, literarischer Roman, der neben den Werken „Der erste Sohn“ von Philipp Meyer, „The Revenant – Der Rückkehrer“ von Michael Punke und diversen Werken von Annie Proulx Bestand haben wird.

Das Wunder des Textes erfasst einen sofort. Man ist gleich drin in der Prärie, den Wäldern und den Bergen. Die Landschaft und die Charaktere werden schnell und doch tiefgründig gezeichnet. Mit wenig schafft Carys Davies, die von Eva Bonné übersetzt wurde, mehr. Es ist kein ausuferndes Epos, sondern eine große, traurige und schöne Geschichte, die mit nicht zu viel oder zu wenig erzählt wird. Alles genau im richtigen Maß und die Bilder und Figuren verbleiben im Leser.

Erzählt wird die Geschichte des englischen Siedlers Cy Bellmann. Er ist Witwer und lebt mit seiner zehnjährigen Tochter Bess in Pennsylvania. Es ist das Jahr 1815. Er ist ein gutherziger, aber auch einfältiger und naiver Mann, der von der Maultierzucht lebt. In seiner Umgebung leben seine raue und herrische Schwester und der Nachbar Elmer Jackson. In einem etwas weiter weg liegenden Dorf gibt es eine Kirche, kleine Geschäfte und eine Bibliothek. Die Sehnsucht nach dem Westen, die Bellmann nun befällt, ist eine ganz andere als die jener anderen Siedler, die stets Land, Gold oder Öl suchten. Er liest in einer Zeitung einen Artikel, den er ausschneidet und immer wieder liest. Dieser Bericht ist es, der ihn in Folge aufbrechen lässt. Es ist von Knochenfunden die Rede. Große Tiere mit Stoßzähnen. Bellmann ist begeistert und denkt, diese Tiere würden noch leben und er will diese sehen und als erster darüber berichten. Nach mehrfachen Gesprächen mit seiner auch einfach denkenden Schwester überlässt er Bess ihrer Tante für wohl circa zwei Jahre. Er plant seine Reise anhand von Abenteuerliteratur und zieht mit viel Plunder los, dass er vermutlich bei Indianerkontakt für diverse Tauschgeschäfte benötigen wird. Er verspricht, Bess immer Briefe zu senden und hat dafür ein Tintenfass im Mantel eingearbeitet, damit er auch zu Pferde schreiben kann. Doch werden diese Briefe ihr Ziel nicht erreichen und somit wächst Bess im Ungewissen über den Verbleib ihres Vaters auf. Sie lebt bei ihrer Tante, wächst heran und zieht die Blicke des Nachbarn auf sich.

Bellmanns Reise gen Westen ist auch keine gradlinige. Sein ganzes Unterfangen ist absurd und wird nicht nur von seiner Schwester belächelt, sondern auch von anderen Menschen auf seiner Reise. Besonders ein französischer Fellhändler stellt die Exkursion von Bellmann in Frage, verhilft ihm aber zu einem Reisegefährten. Ein junger Indianer, der, solange er bezahlt wird, an der Seite von Bellmann bleibt und mit ihm die großen Tiere suchen wird.

Die Suche als Sinnbild, als Metapher eines ausweglosen Weges. Das Ziel, d.h. das voraussichtliche Scheitern, ist uns ab den ersten Seiten bewusst. Die Jagd nach Dinosaurierknochen, d.h. die Hoffnung diese Urzeittiere lebend anzutreffen, kann nicht erfolgreich enden. Dennoch bleibt das ganze Buch spannend und faszinierend und zeigt jene tiefe Sehnsucht auf, die in uns allen lebt. Doch ist es eine Reise, die in diesem Roman ganz anders verläuft, als man es erahnte. Bellmann verändert sich und besonders auch Bess, die bis zum Ende auf ihn wartet und dann auch aufgesucht wird.

Ein Roman, der von den Figuren geprägt wird und eine Handlung, die einem zu Kopf steigt. Trotz der vermeintlichen Vorhersehbarkeit überrascht der Roman bis zum Finale.

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USA Noir

USA NOIR Culturbooks

Die Noir-Reihe ist für mich derzeit die beste Anthologien-Sammlung. Es sind Länderporträts der ganz anderen Art. Sie versammeln Kurzgeschichten, die uns auch in die dunklen Machenschaften der Menschen blicken lassen. Nach „Paris Noir“ (Siehe auch hier im Leseschatz) und „Berlin Noir“ (Siehe Leseschatz-TV) ist nun „USA Noir“ erschienen. Diese Ausgabe vereint die Crème de la Crème amerikanischer Autoren und wurde von Johnny Temple herausgegeben und von Jan Karsten übersetzt.

Jede der Geschichten ist ein Treffer und diese Storysammlung ist ein großartiges literarisches Ereignis. Leider bekommen Kurzgeschichten viel zu oft nicht den Stellenwert, den diese verdienten. Denn in komprimierter Form wird meist Großes geboten. Man erahnt die Kunstfertigkeit der Autoren und taucht jeweils ein in eine ganz andere Welt. Viele Leser wollen sich nicht auf diese Kunstform einlassen und bevorzugen ganze Romane. Doch behaupten auch viele Buchkäufer, sie hätten immer weniger Zeit zum Lesen. Daher kann ich nur betonen, wie viel Lesespaß diese Noir-Reihe macht und jeder der bisherigen Bände eine Bereicherung für jedes Bücherregal ist.

Diesmal ist es keine Stadt, durch deren Viertel wir mit den Protagonisten in die Düsternis getrieben werden. Wir reisen chronologisch mit den vierzehn Geschichten von der Ostküste der USA ins Landesinnere, um dann an der Westküste zu stranden. Die wohl geläufigste Bedeutung des Begriffs Noir bezieht sich auf eine Untergattung des französischen Kriminalromans. Noir-Romane oder Storys erzählen von Menschen, die im wahrsten Sinne in die Dunkelheit fallen oder in dieser leben. Meist sind es keine Helden und das Ende ist meist ein offenes ohne Happy End.

Die vierzehn Geschichten in dieser Anthologie sind von berühmten Autoren, Preisträgern sowie von literarischen Geheimtipps geschrieben. Folgende Autoren laden ein, erneut oder erstmalig entdeckt zu werden: Joseph Bruchac, Lee Child, Michael Connelly, Jeffery Deaver, Barbara Demarco-Barrett, Maggie Estep, Jonathan Safran Foer, J. Malcolm Garcia, William Kent Krueger, Dennis Lehane, Joyce Carol Oates, Asali Solomon, Luis Alberto Urrea und Don Winslow.

Dennis Lehane beginnt und ist wohl vielen bekannt, zumindest ist er kein Unbekannter im Leseschatz. Auch diese Geschichte könnten viele bereits durch das Buch und die Verfilmung kennen. Es ist die Hunderettung aus „The Drop – Bargeld“. In weiteren Geschichten lernen wir u.a. Protagonisten kennen, die versuchen mit sichergestellten Yachten Kapital zu machen und die sich dann doch alle gegenseitig betrügen. Eine Frau, die einem letzten Date mit ihrem Verehrer zustimmt und beim Pferderennen dann ganz falsch wettet. Ein Mann, der eine neue Familie bekommt und gruselige Altlasten ausgräbt. Ein Obdachloser, der beobachtet, wie ein jüngerer Leidensgenosse sich mit einer falschen Frau einlässt und eine Katastrophe heraufbeschwört. Ein krimineller Sachverständiger, der seine Machenschaften am Mulholland Drive auslebt, vom Weg abkommt und baden geht. Ein junger Mann, der seine große Liebe findet und sich dadurch der Mafia verschreibt. Ein Journalist, der Fragen nach einem Tatvorgang aus eigenem Interesse erfragt und vorher die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt hat, um falsche Spuren zu legen. Wir treffen auf Soldaten, Indianer, Drogenhändler und auf Menschen, die aus ihrem Umfeld fallen oder gestoßen werden.

Es sind berührende, überraschende und immer spannende Erzählungen von menschlichen Schattenseiten. Diese Noir-Reihe agiert fern der üblichen Touristensehenswürdigkeiten und erschafft somit einen literarischen Zugang zu den jeweiligen Regionen. Es sind alles Autoren, die ihr Handwerk perfekt beherrschen und auf kleinstem Raum ihr ganzes Können offenbaren.

Man kann sich dem Bann dieser Geschichten nicht entziehen. Sie sind stimmungsvoll, düster und schaurig schön, so dass sie mehr sind als bloße Unterhaltung. Bitte lesen!

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Johannes Groschupf: „Berlin Prepper“

Johannes Groschupf Berlin Prepper Suhrkamp

In diesem Spannungsroman, der eher eine harte und reale Gesellschaftsstudie ist, läuft man gleich am Anfang mit dem Protagonisten in die Dunkelheit, die schmutzigen Machenschaften der Gesellschaft. Ein Setting voller Scheuklappen-Denker und Schubladenwelten, in der unser Anti-Held immer mehr verzweifelt. In einem nüchternen, kühlen Ton erzählt der Roman über eine Handlung, die sehr nah an die Realität angelegt ist und sofern man die Nachrichten verfolgt, auch durch diese bestätigt wird.

Der fadenscheinige Held, eher ein Anti-Held, Walter Noack, ist stets vorbereitet. Er geht davon aus, dass sich unsere Welt bald wandeln und es zu einem gewaltigen Knall kommen wird. Seit er mit zwölf Jahren die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl miterlebt hat, macht er sich Gedanken, wie er jede Art der Krise überleben kann. Er trainiert hart und hortet Lebensmittel. Er beherrscht Überlebens- und Verteidigungsstrategien für alle Arten der möglichen Katastrophen. Er ist ein Prepper und bricht die Zivilisation zusammen, ist er als „Zeuge-Ravioli“ bereit.

Er arbeitet in der Online-Redaktion einer großen Berliner Tageszeitung. Er hat einen Achtstunden-Arbeitstag und soll im Newsroom die Kommentare der Leser bearbeiten, d.h. löschen. Die Kollegen teilen sich die Schichten und sind rund um die Uhr damit beschäftigt, den ganzen Online-Hass zu verbannen. In bestimmten Schichten sind es um die dreißigtausend Kommentare, die gelöscht werden müssen. Es sind menschenverachtende Reaktionen auf die eingestellten Tagesartikel der Redaktion. Walter hat selbst kein politisches Fundament und die ganzen schlimmen, aufhetzenden und verachtenden Texte der Leser und User perlen an ihm ab. Auch wenn es um Morddrohungen geht. Sein soziales Umfeld ist unter anderem durch sein Prepper-Dasein immer geringer geworden. Lediglich mit seinem Sohn und wenigen Kollegen tauscht er sich aus.

Als er gebeten wird, eine Doppelschicht zu machen, kommt es zu einem Ereignis, das ihn gänzlich aus der Bahn wirft. Als er spät abends, nach dem sehr langen Arbeitstag, aus dem Verlagsturm herauskommt, wird er von hinten brutal niedergeschlagen und getreten. Er, der auf alles vorbereitet ist, geht zu Boden und wird kalt überrascht. Dieser Kontrollverlust macht ihm sehr zu schaffen. Wurde ihm aufgrund seiner Tätigkeit aufgelauert? Wer ist oder wer sind die Täter? Warum hat man ihn niedergeschlagen und nichts von seinen Sachen entwendet?

Als dann auch noch im Kollegium und sehr engen Familienkreis weitere Katastrophen passieren, gerät Walter Noack immer mehr in eine Lebenskrise. Die Stränge zwischen Paranoia und tatsächlichem Geschehen verdichten sich und Walter Noack wird allem gegenüber misstrauisch.

Ein rasanter Roman, der kurzweilig, aber auch besonders hart die Gegenwart anleuchtet. Die Gesellschaft am Beispiel Berlins mit seinen schaurigen Schattenseiten, die hier aus Preppern, Reichs- und Wehrbürgern sowie Nazis bestehen. Besonders durch die Kommentare, die Walter Noack zu lesen bekommt, erfährt dieser Text eine Realitätsnähe, die schwer erträglich ist.

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Andreas Kollender: „Libertys Lächeln“

Andreas Kollender Libertys Lächeln Pendragon

Andreas Kollender macht nach den viel beachteten Romanen „Kolbe“ und „Von allen guten Geistern“ erneut Geschichte erlebbar und zeigt, wie aktuell und wichtig diese Themen heute noch sind. Ein historischer Roman über Carl Schurz und sein Ideal der Freiheit.

Es ist ein Roman, der nicht als Biographie des Radikaldemokraten gelesen werden sollte. Dennoch ist es das bewegte Leben jenes Kämpfers für die Gleichberechtigung und Freiheit aller. Andreas Kollender haucht den tatsächlichen Figuren literarisches Leben ein und versteht es, großartig zu unterhalten und die dazu passende Stimmung aufzubauen. Ein lesenswerter Bildungsroman, der aus der Sicht des betagten Protagonisten erzählt wird, der Angst vor dem Vergessen hat und beginnt, die wichtigsten Stationen in seinem Leben in seiner Erinnerung zu verankern und in Worten für die Nachkommen festzuhalten. Er schreibt seine Autobiographie, gibt diese seinen Kindern und redet mit Mark Twain bei einem gepflegten Getränk über seinen Werdegang.

Carl Schurz wird angeregt, sich mit seiner Vergangenheit zu beschäftigen, als er im Jahr 1901 in New York auf einer Bank von jungen Männern angegangen wird. Dies geschieht direkt am Hudson River mit Blick auf die Freiheitsstatue. Ein Weggenosse aus alten Tagen eilt ihm zu Hilfe. Doch kann Carl sich an seinen Helfer nicht erinnern und beginnt, über seine wegweisenden Lebenssituationen nachzudenken.

Carl Schurz war als junger Mann als Revolutionär an der Märzrevolution in Deutschland beteiligt. Er hatte sich der demokratischen Bewegung angeschlossen und erlangte durch seine Reden hohes Ansehen. Als die Revolution scheiterte, konnte Schurz entkommen. In England trifft er unter anderem auf Karl Marx und lernt in London seine zukünftige Frau, Margarethe, kennen. Er erlangt noch größere Berühmtheit, als er seinen Revolutionsfreund,  Gottfried Kinkel, aus der Haft befreien kann. Er sieht seine Zukunft in Amerika, dem Land der Freiheit und grenzenlosen Möglichkeiten. Er hat viel vor und wandert 1852 endgültig mit seiner Frau in die USA aus. Da er die Sprache sehr gut beherrscht, möchte er sich auch dort als Redner, Schreiber und juristisch betätigen. Carl Schurz baut seinen Bekanntheitsgrad kontinuierlich aus. Er macht eine politische und diplomatische Karriere und gründet mit seiner Frau den ersten dortigen Kindergarten. Schurz wird von Lincoln für dessen Wahlkampf engagiert. Er lernt viele Menschen aus der Wirtschaft, dem Militär, der Politik und Kunst kennen. Unter anderem entsteht eine enge Freundschaft zu Mark Twain. Lincoln versendet ihn auch für eine kurze Zeit als Botschafter nach Spanien. Zurück in den Vereinigten Staaten kämpft er erneut für die Freiheit. Er ist für die Befreiung der Sklaven und die Gleichberechtigung der Geschlechter und aller Menschen. Später wendet er sich als Staatsmann ganz der Politik zu und wird als erster immigrierter Deutscher Mitglied des Senates der Vereinigten Staaten.

Ein spannender und schön geschriebener Roman über eine historische Figur, die wohl leider vielen unbekannt ist. Das sehr interessante Werk von Andreas Kollender schafft nun die Möglichkeit, dies zu ändern. Ein Roman, der sehr lesenswert ist und uns immer wieder das hohe Gut der Freiheit vor Augen führt.

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Mona Høvring: „Was helfen könnte“

Mona Hovring was helfen könnte edition fünf

Wieder so ein kleines, feines und schönes Buch. Der Inhalt lebt von der Entwicklung der Protagonistin, die versucht, die Leere in ihrem Leben zu füllen. Eine Leere, die sie als Kind erfahren hatte und die bewirkt hat, dass sie nun ständig auf der Suche nach Halt, Trost und innerer Freiheit ist.

Die fast schon lyrische Reflexion der Figur macht den besonderen Reiz des Büchleins aus. Es geht um Laura, die es nicht gerade leicht hat. Sie hat ihre Mutter verloren, als sie noch ganz klein war. Die Mutter hatte sich das Leben genommen. Ist ins Meer gegangen und seitdem  bleiben die See und das Wasser ein Element in der Entwicklung von Laura zur jungen und freien Frau. Sie lernt das Schwimmen zum Beispiel spielend und träumerisch. In einem Traum, als die Mutter bereits fort ist, erscheint diese in der Phantasie des Kindes und zeigt ihr, wie man sich im Wasser bewegt.

Sie leben in einer kleinen norwegischen Stadt am Meer. Ihr Vater wird nach dem Tod seiner Frau noch verschlossener und unnahbarer, so dass Laura und ihr älterer Bruder oft auf sich allein gestellt sind. Den Schmerz und den Verlust versucht jeder innerhalb der Familie selbst zu bewältigen. Laura bleibt lange auf der Suche nach Etwas, das ihr hilft. Sie sucht die Nähe zu ihrer besten Freundin, Marie, die aber später aus der Kleinstadt mit ihren Eltern wegzieht und erneut eine kleine Leere hinterlässt. Durch den benachbarten Gärtner Andreas und dessen Frau beginnt die Liebe zur Natur in ihr zu keimen. Durch die Botanik erlebt sie eine Art der Verwurzelung. Sie bleibt optimistisch und findet ihre Freiheit in ihren Phantasien, die mit dem Erwachsenwerden immer erotischer werden. Sie macht sexuelle Erfahrungen, die als Sinnbild ihres Freiraums gelesen werden können. Mit sehr viel Feingefühl wird diese Suche nach Halt von Laura beschrieben. Sie findet diesen in der Natur, dann in der Freundschaft und später in der Sexualität mit der älteren Vivian Koller, die einen Friseursalon im Ort aufgemacht hat. Doch sind dies in ihrem Leben nur Erlebnisse, die ihr nicht jene gesuchte Tiefe geben. Eventuell findet sie diese in ihrer etwas späteren Beziehung mit Peter Koller.

Jede Begegnung, die Laura macht, füllt immer mehr jene innere Leere, die sie als Kind noch empfunden hatte. Sie wandelt sich von einem wahrnehmenden Kind zu einer bewussten Frau, die das findet, was ihr helfen könnte.

Ein warmherziges Büchlein voller Empathie und Mitgefühl. Die Unerschöpflichkeit der Figuren innerhalb der wenigen Seiten ist erstaunlich und wird vermehrt durch die eingesetzte Metaphorik und die sich mit der Protagonistin wandelnde Sprache. Eine komprimierte, intensive und lesenswerte Lektüre. Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen.

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James Sallis: „Willnot“

James Sallis Willnot Liebeskind

„Die Dunkelheit stupste an alle Ecken“

James Sallis neues Buch beginnt wie ein Krimi, doch besteht dieser Eindruck lediglich am Anfang. Denn es ist ein Kleinstadtroman, ein düsterer, d.h. Noir-Roman, der in die Seelen jener amerikanischen Bürger schaut.

Lamar Hale ist Arzt, der mit seinem Mann, einem Lehrer, und einer Katze, die den literarischen Namen Dickens trägt, in der Kleinstadt Willnot lebt. Er betreibt eine kleine Arztpraxis, hat aber auch viele Einsätze in der ortsansässigen Klinik. Eines Tages wird er vom Sheriff zu einem Tatort gerufen. Man hat zwei Meilen außerhalb der Stadt, in der Nähe einer alten Kiesgrube, Leichen gefunden. Auf einer Lichtung hat ein Jäger dieses Massengrab entdeckt. Niemand weiß vorerst, wie viele Tote es tatsächlich sind und wer die Opfer sind. Eine Spezialeinheit wird in Willlnot tätig, doch das Motiv bleibt ein Rätsel.

Lamar bekommt einen kurzweiligen, wortkargen Besuch aus der Vergangenheit. Brandon Lowndes, ein ehemaliger Patient, der in Willnot aufgewachsen ist, taucht nach jahrelanger Abwesenheit wieder auf. Der Besuch wirkt sonderbar und ist auch nur von ganz kurzer Dauer. Doch erscheint Brandon immer wieder im Sichtfeld von Lamar. Er scheint, durch die dortigen Wälder zu streifen. Doch die Beweggründe von Brandon bleiben schleierhaft. Theodora Odgen, eine FBI-Agentin, erkundigt sich Tage darauf bei Lamar nach Brandon. Dieser scheint weiterhin als Scharfschütze der Marines tätig zu sein, der sich wohl unerlaubt von der Truppe entfernt hat. Als Brandon auch noch angeschossen in die Klinik angeliefert wird und kurz darauf erneut verschwindet, werden die rätselhaften Machenschaften immer dubioser.

Der Roman erzählt in knappen, aber literarischen Sätzen die Verwebungen der Menschen in einer Kleinstadt Amerikas. Eine Grube mit Leichen als schwarzes Loch, das sich in das Bewusstsein der Menschen frisst. Die Emotionen und Gedanken, der Menschen, die mit dem Vorgängen in Willnot in Berührung geraten, werden immer düsterer. Die Vergangenheit und Gegenwart von Lamar Hale, der Hauptfigur, steht stets im Vordergrund. Immer wieder träumt er von oder erinnert er sich an seine Kindheit. Sein beruflicher Alltag nimmt ihn sehr gefangen, denn er ist für die Menschen da und versucht, den Spagat zwischen Praxis und Klinik gut hinzubekommen. Auch sein Privatleben fordert seine Aufmerksamkeit und doch schieben sich immer wieder die düsteren Geschehnisse in Willnot in sein Bewusstsein.

Der Roman ist wandelbar und liest sich in vielerlei Hinsicht. Es geht auch im Buch um Literatur. Lamars Vater, ein bekannter Autor, war betrübt, als sein Sohn Arzt wurde und nicht, wie er selbst, Schriftsteller. Doch musste auch Lamars Vater seine Rolle erkämpfen und behaupten. In mehreren Genres hat er sich versucht, aber Erfolg erzielte er lediglich mit dem Schreiben von Science-Fiction Romanen. So schließt sich der Kreis zu James Salis selbst und auch innerhalb der Handlung, zu dem schwarzen Loch mit den Leichen …

Ein kleiner, großer Roman, der sich spannend wie ein Krimi liest, dann aber weit darüber hinaus in unsere Seelen blickt und hier und dort das Düstere ausmacht.

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