Denise Mina: „Klare Sache“

Denise Mina Klare Sache ariadne

Ein großartiger Spannungsroman, der sich am besten mit dem „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock vergleichen lässt. Denise Mina tritt jedenfalls literarisch mit diesem Thriller in jene großen Fußspuren und versteht es, diese gekonnt zu füllen.

Denise Mina, Jahrgang 1966, brach nach einer rastlosen Kindheit in Glasgow, Paris, London, Invergordon, Bergen und Perth die Schule ab, jobbte halbherzig in diversen Jobs und qualifizierte sich fürs Jurastudium an der Universität Glasgow. Statt danach wie geplant in Kriminologie und Strafrecht zu promovieren, begann sie zum Glück Kriminalliteratur zu schreiben.

„Klare Sache“ bedeutet wohl der Wunsch der Protagonistin, endlich zur Sache zu kommen, denn klar ist in ihrem Leben bald nichts mehr. Im Original heißt das Buch „Conviction“ und wurde von Zoë Beck übersetzt. Es ist ein rasanter, abwechslungsreicher Roman, der diverse Themen anspricht. Unter anderem den schnellen Zuwachs und die Faszination der Podcast-Sendungen. Dabei wird eine dezente Medienkritik ausgesprochen besonders in Hinsicht auf die Verbreitung von „Wahrheiten“ im Internet, d.h. in den sozialen Medien. Nebenbei geht es um Spekulationen, Gewalt, Verschwörungstheorien und zudem versprüht der Inhalt eine Menge mystischen Realismus.

Die Erzählerin und Heldin des Buches ist Anna McDonald. Zwei Dinge werfen Anne gleich an einem Tag aus dem alltäglichen Leben. Sie war vor kurzem noch mit einem Mann zusammen,  der nun eine neue Beziehung mit ihrer besten Freundin Estelle anfängt und auch gleich ihre beiden Töchter, die sie sehr liebt, mitnehmen will. Ihre Flucht aus der Realität und große Leidenschaft sind True-Crime-Podcasts. Sie hat gerade am Morgen einen Neuen, Vielversprechenden ausfindig gemacht und angefangen zu hören. Es geht um einen Mord auf einem versunkenen Schiff und hat den Titel „Der Tod und die Dana“. In dieser auf einem wahren Fall basierenden Dokumentation trifft sie auf damalige Bekannte und weckt damit im wahrsten Sinne alte Gespenster. Denn es geht bei der Geschichte um das versunkene Schiff um eine getötete Familie und um einen Fluch, der sich schon seit Jahren um das Boot rankt. Dieser Fluch war bereits Inhalt eines Gruselfilms. Der Mord an der Familie ist unter fragwürdigen Umständen geschehen. Es sollte ein luxuriöser Ausflug sein. Die Yacht fährt ohne richtige Beleuchtung und ohne die vorab bezahlte Crew aus dem Hafen hinaus. Auf See kommt es dann zu einer Explosion und das Schiff sinkt und reißt den Vater mit seinen Kindern in den Tod. Ein späterer Tauchgang zu dem Wrack macht die Geschichte unheimlicher, denn durch das Öffnen einer Tür verändert sich der Kabinendruck und die Toten scheinen sich wie in Bewegung zu befinden. Ferner meint man den Geist auf dem Schiff im Licht des Tauchers, der ebenfalls ums Leben kommt, erahnen zu können. Anna McDonald ist von dieser Geschichte wie elektrisiert. Denn sie kennt den Mann, der auf dem Schiff ums Leben gekommen ist und der post mortem unter Verdacht steht, den Familienmord inszeniert zu haben. Die ganze Geschichte übt eine enorme Macht auf Anna aus und verändert ihr bisheriges Leben. Denn es werden abgelegte Erinnerungen wach und eine alte, steinreiche Feindin betritt erneut das Umfeld von Anna.

Anna sitzt wiederholt in den Scherben ihres Lebens, denn sie hat eine unbekannte Vergangenheit und heißt eigentlich auch ganz anders. Sie begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit und bekommt Unterstützung von Fin Cohen, dem Mann von Estelle, der als ehemaliger Popstar aus der Versenkung aufgetaucht ist und auch mit vielem im Leben hadert. Eine Jagd beginnt, ausgelöst durch den Podcast „Der Tod und die Dana“ und schließt immer engere Kreise um das Leben der Protagonisten.

Es geht um das Verborgene und Brüchige im Leben. Das Auffallende und Versteckte, das bewusst oder unbewusst das Leben bestimmen und lenken kann. Dieser Krimi ist so gut, dass er fast schon perfekt ist. Das was unter der Oberfläche zutage kommt, macht auch den Leser beim Entdecken immer süchtiger und verfängt diesen in die Handlungsfäden und Figuren.

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Ana Marwan: „Der Kreis des Weberknechts“

Ana Marwan der Kreislauf des Weberknechts Otto Müller Verlag
Wieder so ein kleiner, feiner literarischer und philosophischer Roman aus dem Otto Müller Verlag. Durch den Inhalt und die Sprache werden bei diesem Debütroman Erinnerungen an die Werke von Husch Josten und Marlen Schachinger geweckt. Es geht um den Gedankenkreislauf eines Egomanen,  der sich durch sein Schreiben an einem Buch und das zufällige Aufkreuzen einer Nachbarin in seinen und ihren Lebensfäden verheddert.

Ana Marwan wurde 1980 in Slowenien geboren und lebt in Wien. Ihr erster Roman „Der Kreis des Weberknechts“ ist belebt von skurrilen Figuren und  ist ein schöner, kluger und ironischer Lesespaß.

Karl Lipitsch ist sehr auf sich selbst fixiert und mag keine anderen Menschen, besonders Frauen stören öfters sein Weltbild. Er nennt sich selbst einen Misanthropen und verbringt seine Lebenszeit am liebsten lesend und schreibend. Er schreibt an seinem großen Werk. Es wird wenig Umfang haben, soll aber seinen Geist beleuchten. Warum schreibt er es überhaupt, wenn er Menschen so wenig mag und auch den Lesern des kommenden Werks weniger zutraut als sich selbst? Auch was er schreibt, bleibt dubios. Am Ende meint er sich an seine Zukunft zu erinnern und durch diese Fixierung des Zeitenstrahls, der letztendlich ein Kreis für ihn wird, erahnt man seine Gedankenspielereien. Die Zeit steht immer wieder im Mittelpunkt und wird auch durch seine Proust-Lektüre bestärkt.

Beim Schreiben ist der nicht sehr sympathisch wirkende Lipitsch gerne für sich. Doch wandern seine Gedanken neuerdings stets zu der Nachbarin. Auf einer Rückreise am Flughafen haben die beiden sich zufällig getroffen. Da Mathilde kurz seinen Koffer sieht, erkennt sie seine Adresse und ist über diesen Zufall sehr begeistert, denn dass die beiden sich nicht erstmalig auf der Straße, sondern fern des Wohnorts getroffen haben, ist für sie ein schöner Zufall. Er insistiert, nur weil es eine Entfernung zum wahrscheinlicheren Treffpunkt gibt, muss es doch nicht immer ein Wink des Schicksals sein. Doch bleibt die Nachbarin Mathilde nun in seinem Wirkungskreis. Sie sucht das Gespräch, bringt Tee und Kuchen und lädt ihn zu ihren geselligen Abenden unter Nachbarn ein. Er, der Einsiedler, beginnt sich langsam zu öffnen. Doch die tatsächlichen Gedanken, Wünsche und Gespräche verlaufen abweichend von seinen inneren Monologen. Seine Innenwelt beginnt sich zu verändern. Allerdings bleibt er unnahbar und empfindet sich stets anders, besonders und ihr überlegen. Auch Mathilde sieht etwas in ihm und denkt ihm gegenüber die Überlegene zu sein. Als die Gespräche auf Proust kommen, muss er ihr zugestehen, dass sie auch sehr belesen und gebildet ist. Die Treffen und ihre netten Salonfeste mehren sich und Lipitsch empfindet langsam mehr als Interesse, es wird Zuneigung, wenn nicht sogar Liebe. Er versucht, sich aus diesem neuen Lebenskonstrukt zu winden, aber je mehr er unternimmt und versucht sie aus seinen Gedanken zu verbannen, desto fester werden die Fäden, die sie um ihn, gleich einem Netz, ausgeworfen hat. Die Nähe, die er nicht ertragen kann, wird ihm durch eine Reise, die sie unternimmt, genommen. Die Distanz schmerzt ihn dann aber und die neu entdeckte Freiheit ist für ihn keine echte. Lipitsch schreibt nicht nur an seinem Werk, sondern auch Briefe an Mathilde. Er beginnt sich erneut im Lebenskreis zu verrennen…

Ein Roman über die Muster des Zwischenmenschlichen. Mit sehr viel Beobachtungsgabe, Sprachgefühl und Humor beleuchtet die Autorin das Wechselspiel innerhalb von Beziehungen. Dieser Roman ist eine feine Entdeckung.

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Alexa Hennig von Lange: „Die Weihnachtsgeschwister“

Alexa Henning von Lange Die Weihnachstgeschwister DuMont

Eine moderne Weihnachtsgeschichte, die Besinnliches neben den familiären Wahn stellt. Der Text bietet Spannendes, Lustiges und eine Prise Kitsch. Jene Prise ist es aber, die gerade sehr anrührt und somit den Glanz der Weihnacht beleuchtet und das zeigt, was uns das Fest bedeuten kann. Eine berührende und heitere Geschichte, die zeigt, was Familien zusammenhält und was wir stückweise in Bezug auf große Familienfeste, besonders Weihnachten, aus den Augen verloren haben.

Drei Geschwister, die selbst schon Familien haben, fahren Weihnachten zu ihren Eltern. Wie jedes Jahr. Sie werden immer die Kinder ihrer Eltern bleiben und benehmen sich auch so. Sie, die einst sehr eng und vertraut waren, haben sich durch das eigene Leben auseinandergelebt und sehen sich fast nur noch zum Weihnachtsfest. Alle wurmt etwas, alle sind voneinander genervt und meinen, man würde ständig schlecht übereinander denken. Jeder suggeriert den anderen Geschwistern eine Meinung über sich und den anderen. Es bleibt ein beständiger Hunger nach Zuneigung, Erfüllung und Aussprache. Es bleibt leider vorerst nur ein Hungergefühl. Doch hecken die Eltern eventuell etwas aus und hinterlassen eine weihnachtliche Botschaft.

Ein Tag vor Heiligabend treffen die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth mit ihren Kindern und Partnern im Haus ihrer Eltern ein. Es ist winterlich und der Schnee rieselt besinnlich vom Himmel. Alles sieht festlich aus, würde der Schnee nicht durch das menschliche Auftreten weggewischt und den schmutzigen Grund durchschimmern lassen. Die Stimmung kippt wie fast immer, wenn die drei egozentrischen Geschwister aufeinandertreffen. Doch erweckt das traute Heim zunächst alte Erinnerungen voll weihnachtlicher Vorfreude. Das Kindliche will wieder entdeckt und erlebt werden. Auch die eigenen Kinder sollen ebenfalls erinnerungsvolle Weihnachten erleben, ob mit Weihnachtsmann oder ohne, muss aber auch noch geklärt werden.

Als sie abends alle am Tisch sitzen, kommt es zu den ersten Reibereien. Als hätte die Mutter es auch gewusst, gibt es in diesem Haushalt bei einem Familientreffen erstmalig Suppe aus der Dose. Der Frieden verabschiedet sich mit lautem Gepolter. Tamara ist irgendwie immer neidisch auf Elisabeth, da diese neben der Familie Karriere machen kann und auch nicht das Dummchen zu sein scheint, wie Tamara es gerne darstellt. Auch ist da noch Holger, der neue attraktive Mann an Elisabeths Seite, der sehr an einen damaligen Freund von Tamara erinnert. Ingmar mit seiner Frau Siri (das Gegenstück zu Alexa?) und ihren Zwillingen, haben genaue Vorstellungen im Leben. Sie versuchen, umweltbewusst zu leben und möchten lieber ein Leben mit Konsumverzicht. Ingmar wirft auch besonders Tamara mangelndes Einfühlungsvermögen vor und wenig Interesse an den Mitmenschen. Elisabeth versucht, gleich ihrer Mutter, ein Lächeln zu bewahren und möchte vermitteln. Es soll doch ein schönes Fest werden und alle sollen nett zueinander sein. Doch gerade diese Bemühungen und die Nachfrage nach dem morgigen Ablauf zu Heiligabend, lässt die Gemüter aufkochen. Die Nacht wird im nahe gelegenen Hotel verbracht. Als die Geschwister mit ihren Anhängen zum Frühstücksbuffet eintreffen, scheinen die Wogen etwas besänftigter zu sein. Aber es wurde Vortags zu viel gesagt und es schwebt einiges in der Luft, sodass die Stimmung erneut zu kippen droht.  Tamara, Ingmar und Elisabeth brechen alleine zu ihren Eltern auf, um mit diesen zu sprechen. Doch als sie am Elternhaus ankommen, scheinen die Eltern weg zu sein. Ist Ihnen etwas passiert? Hatten sie genug von den ewigen Streitereien? Wer stellt denn nun den Weihnachtbaum auf? Wer kocht und backt den Stollen? Müssen die drei Geschwister das Weihnachtsfest alleine retten und somit sich selbst?

Eine schöne zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichte.

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Frank Rudkoffsky: „Fake“

Frank Rudkoffsky Fake Voland & Quist

Ein junges Paar, das für sich jeweils Ventile sucht. Sophia und Jan sind Eltern geworden, das Baby, Max, ist ein Schreikind. Sophia pausiert in ihrer Karriere und Jan hofft auf eine als Journalist. Beide toben sich im Internet aus und das Spiel zwischen Wahrheit und Fake gerät gefährlich ins Wanken.

Frank Rudkoffsky, Autor, Journalist, Blogger und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift ]trash[pool, hat einen klugen, besonderen, modernen und pointierten Roman geschrieben. Er spiegelt unsere Welt leicht überspitzt und öffnet damit viele Perspektiven. Durch die Sprache und die Situationen entsteht auch oft ein Witz, der Situationskomik und auch schwarzer Humor sein kann. Somit ist der Roman „Fake“ eine tragikomisches Werk mit sehr viel Empathie und Tiefgang.

Eigentlich träumten beide von Karriere und der ganzen Welt. Die Welt ist eine Karte an der Wand geblieben, auf der Sie ihre Weltreise lediglich in Gedanken machen. Sie kennen sich aus der Großstadt Berlin und die Arbeit von Sophia verschlägt sie nach Stuttgart. Sie hat bis zu Ihrer Schwangerschaft bei Daimler gearbeitet. Jan macht ein Volontariat bei der Stuttgarter Zeitung und hofft auf eine Einstellung. Doch auf die ausgeschriebene Stelle ist auch ein Kollege aus, der dann letztendlich eine andere Laufbahn betritt, von der Jan weiterhin nur träumen darf. Auch die offene Stelle in der Redaktion wird extern belegt. Sophia sehnt sich ab und zu nach Ruhe, denn Max verlangt viel Aufmerksamkeit und muss ständig bemuttert werden. Leider fehlt überall das `Bevatern´. Das Stillen ist meist auf eine Brust beschränkt und sehr schmerzhaft. An gemeinsame Pärchen-Stunden ist gar nicht zu denken. Sex ist nach der Geburt auch noch eine ferne Sehnsucht. Immer wenn Sophia eine helfende Hand gebrauchen könnte, muß Jan noch etwas redigieren. Beide entfremden sich stückweise und benötigen jeder für sich einen Fluchtpunkt oder ein Ventil für das emotional Aufgestaute. Jan beginnt zu laufen. Anfänglich noch viel zu schnell, aber er kann sich kontinuierlich steigern. Sophia regt sich virtuell ab. Ihre innere Verzweiflung und Wut lässt sie im Internet platzen. In diversen Foren, zum Beispiel auf Facebook, tummelt sie sich unter diversen Fake-Profilen, die sie tabellarisch für sich festhält. Sie wird zum Internet-Troll und beginnt die Onlinewelt zu triezen, zu provozieren und zu beschimpfen. Sie steigert sich in ihre Rollen hinein und wird danach fast schon süchtig – auch wenn ab und zu eines ihrer Profile gesperrt wird.

Jan hat für seine Recherchen ebenfalls falsche Identitäten im Internet angemeldet. Er stößt dabei auf eine Welt, die noch weiter im Hass verankert ist. Diese Parallelwelt, die mit der Pegida ihren Anfang nahm, wird immer bizarrer, menschenverachtender und bedrohlicher. Sophia hat eine von Jan stillgelegte Identität übernommen und schmückt diese mit einer unheilbaren Krankheit, um auch endlich mal Mitgefühl zu erfahren. Dabei löst sie aber auch etwas aus, dass sie nicht geahnt hätte. Die Aktionen von Jan setzen ebenfalls einiges frei und beide, Jan und Sophia, verlieren ihren menschlichen Kompass. Beide geraten in den Bann von Trollen. Aktiv oder passiv und bringen das Wohl ihrer Familie immer mehr in Gefahr.

Der Roman hat eine sehr große Faszination. Es wird stets aus der Ich-Perspektive erzählt, jeweils im Kapitelwechsel zwischen Jan oder Sophia. Der Inhalt ist ein moderner Zerrspiegel unserer virtuellen und realen Gesellschaft. Das Tragische an der Komik des Textes ist, dass man als Leser sehr oft über die Postings von Sophie lacht. Sei es, wenn sie in einer Muttergruppe fragt, ob man besser vorher abpumpt oder auf dem Himalaya, in der Höhe, das Baby normal stillen könne oder bei ihrer Frage an PETA, wie ihnen denn ihr neuer Pelzmantel gefalle. Ein harmloses Spiel kann sich sehr schnell verselbständigen und die Grenze zwischen Fake und Wahrheit, Virtuellem und Realem verwischen sich.

Frank Rudkoffsky kann sich sehr tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten einfühlen und diese gekonnt wiedergeben. Die gesellschaftlichen Ausbrüche und Entgleisungen am Beispiel unseres Umgangs untereinander im Internet wirken erschreckend. Diese sind aber wohl doch nur dezent in der Übertreibung und nah an der Realität. Die Wut und der Frust als Triebfeder, die hier nachfühlbar wird, aber andere Perspektiven ermöglichen sollte. Denn nicht alle Menschen verstecken sich hinter Gefaketem, sondern versuchen authentisch zu sein und zu bleiben. Es gibt auch im Text und im wahren Leben Momente der Liebe, des Zuhörens und der Stille. Ein lesenswerter, kluger Leseschatz!

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Simon Stranger: „Vergesst unsere Namen nicht“

Simon Stranger Vegesst unsere Namen nicht Eichborn

In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Der erste Tod ist der reale, jener, wenn das Herz für immer stehen bleibt. Der zweite, wenn der Name des Verstorbenen zum letzten Mal erwähnt und an diesen gedacht wird. Damit das Schrecken, das Europa und die Welt befallen hat, niemals in Vergessenheit gerät, gibt es u.a. dieses Buch. Ein Künstler, Gunter Demning, hatte die Idee der in ganz Europa verlegten „Stolpersteine“, zur Erinnerung an Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus. Vor einem solchen Stein mit dem Namen „Hirsch Komissar“ steht die Familie des Autors. Komissar ist mit der Familie von Simon Stranger verbunden. Als die Kinder fragen, warum er ermordet wurde und warum so ein Hass überhaupt möglich war, d.h. immer noch ist, beginnt diese Familiengeschichte Gestalt anzunehmen. Damit die Namen noch lange in Erinnerungen bleiben und mit Ihnen die Geschichte, die sich niemals wiederholen darf.

Der Roman ist eine wahre Familiengeschichte über mehrere Generationen hinweg. Der eigentliche Titel lautet „Lexikon über Licht und Dunkel“ (Leksikon om lys og mørke) und die Kapitel gehen somit von A bis Z. Die Buchstaben stehen für Begriffe, die im Text Bezüge zur weiterführenden Handlung schaffen. Dieses eindrucksvolle Werk wurde aus dem Norwegischen übersetzt von Thorsten Alms und wurde u.a. mit dem norwegischen Buchhändlerpreis ausgezeichnet.

Es ist die Geschichte von Hirsch Komissar, der 1942 vorgeladen, verhaftet und später ermordet wird. Es ist die Geschichte seiner Familie, von denen weitere Opfer des Nationalsozialismus werden. Einigen Familienangehörigen gelingt die Flucht nach Schweden. Es ist die Geschichte eines Hauses in Trondheim. Ein Haus, das von den Nazis beschlagnahmt wurde. Es wurde das „Bandenkloster“ genannt, denn es war das Hauptquartier des Gestapo-Agenten Henry Oliver Rinnan. Hier wurden hunderte von Gefangenen verhört, gefoltert und ermordet. Jahre nach dem Krieg zieht ein junges jüdisches Paar mit ihren Kindern in das Haus. Vorher war dort noch ein Kinderhort und so lebt die Hoffnung in der Familie, dass sich die Gemäuer langsam von den damaligen Schatten befreien konnten. Eines dieser Kinder ist Grete, die Jahre später die Schwiegermutter von Simon Stranger wird. Doch was macht so ein Ort mit einer Familie?

Lange hat Simon Stranger in den Archiven geforscht und die Geschichte rekonstruiert. Seiner Familiengeschichte stellt er die Täter gegenüber. Henry Oliver Rinnan, der bereits als Kind über wenig Empathie verfügte, lebte später seine mörderischen und sadistischen Züge gänzlich aus. Rinnan führte eine Gruppe namens Sonderabteilung Lola. Diese Gruppe wurde bekannt als „Rinnanbanden“ und hatte wohl fünfzig Mitglieder.

Stranger blickt zurück und berichtet über Licht und Schatten. Menschen, die bei der Flucht halfen und Menschen, die zu Tätern und Mördern wurden. Es ist zum Beispiel die Geschichte jener Fluchthelfer, die Hoffnung wecken, dass es Menschen immer geben wird, die sich dem Hass entgegenstellen.

Ein mehr als lesenswerter Roman, der die Geschichte erlebbar macht. Der Schrecken und die Gewalt werden nicht ausgespart. Daher ist das Werk erschreckend, beängstigend und großartig zugleich. Es bleibt zu hoffen, dass es solche Bücher sind, die verhindern, dass sich die Geschichte jemals wiederholen wird.

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Yasmina Reza: „Anne-Marie die Schönheit“

Yasmina Reza Anne-Marie Schönheit Hanser

Das Theater sagt man, seien die Bretter, die die Welt bedeuten. Doch was ist, wenn das Saallicht angeht und die Bühne der Kulissen und Requisiten beraubt ist? Was passiert mit dem Leben, das soeben auf der Bühne erblühte? Was mit den Figuren, den Charakteren und jenen Menschen, die sie verkörperten? Wirkten sie nicht eben noch viel größer oder etwa kleiner?

Eine Schauspielerin ist es, die erzählt. Sie plappert los. Wem erzählt sie es? Uns, dem zuhörenden Leser, der sich wie in einem Theater fühlt. Es wirkt wie das Stück „Heute Weder Hamlet“ von Rainer Lewandowski und ist dann doch ein typisches Spiel von Yasmina Reza.

Reza versteht es erneut, die alltäglichen Nichtigkeiten groß werden zu lassen und somit das Dramatische fast schon komisch wirken zu lassen. Yasmina Reza begann ihre künstlerische Laufbahn als Schauspielerin, wurde aber als Autorin von Theaterstücken, Romanen und Drehbüchern bekannt. Das bekannteste Stück ist wohl „Der Gott des Gemetzels“, das auch großartig verfilmt wurde. Stets sind es die Kleinigkeiten die Reza ins Lampenlicht bringt und dadurch verzerrt.

Anne-Marie ist es, die uns eine, d.h. ihre Geschichte erzählt. „Auf der Bühne war ich manchmal Anne-Marie die Schönheit“. Jetzt ist sie die alte, kranke Frau, die durch den Tod von Giselle ihren Erinnerungen folgt und diese gleich wie Koffer auspackt und uns, dem lesenden Publikum, erzählt. Sie kommt aus der Provinz und wollte zum Leidwesen und sogar zur Belustigung der Eltern Schauspielerin werden. Doch sie schafft es irgendwie und ergatterte Rollen in einem Pariser Vorstadttheater. Es sind immer die Schauspieler jener Zeiten, die sie im Geiste aufzählt. Wie Erinnerungsfetzen flaniert diese Theatergruppe durch ihren Kopf. Den engsten Bezug hatte sie zu Giselle, genannt Gigi. Gigi bekommt die großen Rollen. Sie lebt das Leben der Künstlerin und macht die Karriere, die Anne-Marie verwehrt blieb. Gigi bekommt viele Männer und Anne-Marie einen Vertreter für Lederwaren. Einen einfachen Mann und später einen Sohn, den sie als „Mistfink“ bezeichnet. Neid, Trauer und Resignation sprühen durch ihre witzigen Formulierungen.

Reza ist eine Meisterin, wenn es um bitteren und doch sehr humorvollen Text geht. Ein komischer anrührender Monolog. Kluge Beobachtungen und ins Offene gehende Formulierungen, die dann doch treffsicher enden. Das Theater als eine Gegenwelt des einfachen Alltags, den auch die Menschen, die auf den Brettern der Welt standen, erleben. Ersehnter Glamour der Künstlerwelt trifft auf Kleinbürgerliches.

Ein Text, der durch das Spiel mit Erinnerung als lesbare Bühnenfassung eines Monologes Spaß macht. Reza macht aus kleinen Gesten große Bilder und ist eine immer wieder sehr lesenswerte Autorin. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel.

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Robert Scheer: „Matthäus-Passion“

Robert Scheer Matthäus Passion Hamsa Verlag

Romane von Robert Scheer versprechen meist einen großen Spaß. Er hat schon einiges geschrieben, doch wurden leider bisher nur wenige seiner Werke verlegt. Die bekannten Werke sind „Der Duft des Sussita“ und „Pici“. „Pici“ fällt aus den üblichen Romanen heraus, da es sich hierbei um die  Erinnerungen seiner Großmutter an die Ghettos Carei und Satu Mare und die Konzentrationslager Auschwitz, Walldorf und Ravensbrück handelt. „Der Duft des Sussita“ und nun auch die „Matthäus-Passion“ sind humorvolle Texte, die der Biographie des Autors folgen. Seine Werke sind aus dem Leben gegriffen, aus seinem eigenen turbulenten Leben. Robert Scheer wurde in Rumänien geboren und emigrierte später mit seiner Familie nach Israel. Nach seiner abgebrochenen Karriere als Rockmusiker begann er in Haifa und später in Tübingen Philosophie zu studieren. Ferner arbeitete er als Buchhändler, und begann mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Mit seinem Debutroman „Der Duft des Sussita“ gelangte man zuerst in die Welt des Autors und neben diversen Wüstenschiffen tauchen skurrile Figuren wie z.B. Onkel Sauberger auf, der unvergessen bleibt und zum Glück ein tragender Held in der „Matthäus-Passion“ ist.

006Robert Scheer ist Philosoph und hat somit eine gewisse Tiefe. Aber wenn man ihn kennt und die Ehre hatte, bereits alles von ihm lesen zu dürfen – auch das noch nicht verlegte Werk – weiß man, dass Robert Scheer einen unbändigen Schalk in sich wohnen hat. Sein Sprachwitz und seine Geschichten sind so leichtgängig und unterhaltsam, dass es immer eine große Freude ist, diese zu lesen. Gerade weil eine Nebenwirkung ist, dass man etwas klüger aus der Lektüre herauskommt.

Robert Scheer und der Onkel Sauberger sind Genussmenschen, die vor einem guten Gespräch und einer guten Geschichte niemals zurückschrecken. Der Ich-Erzähler, der ebenfalls philosophisch bewandert ist, hält an dem Satz „Ich denke, also bin ich“ fest. Sagt doch dieser Satz alles aus, was in der Philosophie als Fundament Gültigkeit hat. Doch Onkel Sauberger geht weiter. Denn bevor man etwas tut, benötigt der Mensch Energie und Brecht würde sagen. „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Für Onkel Sauberger hat der oft zitierte philosophische Satz nur wie folgt Gültigkeit: „Ich esse, also bin ich“. So ist es nicht verwunderlich, dass in dem Buch viel und oft gegessen wird. Ein Roadmovie durch Israel und die landestypischen Spezialitäten. Alles sehr fein abgeschmeckt. Wobei die Landesspezialitäten auch gleich der Philosophie von Onkel Sauberger umgewandelt wurden, denn er ist gerade in Israel ein Fachmann für Schweinefleisch.

Das Fundament, auf dem dieser herrlich schräge Spaß aufgebaut ist, basiert auf der tatsächlichen Begebenheit, dass der Ex-Weltfußballstar Lothar Matthäus als Trainer des israelischen FC Maccabi Netanja berufen wurde. Er soll dieser Mannschaft zu Größerem verhelfen. Doch fehlt es dieser Mannschaft auch an einem entscheidenden Talent und der, den Lothar Matthäus für diesen Verein vorgesehen hatte, kommt wegen seines Namens nicht in Frage. Der Vereinsvorsitzende und gleichzeitig Rabbi hat religiöse Vorbehalte und schickt nun Lothar Matthäus und dessen Dolmetscher auf Talentsuche. Der Dolmetscher ist es, der uns diese Geschichte erzählt. Fraglich ist, wieviel Robert Scheer tatsächlich in dieser Figur ist – man vermutet es gibt da gar keine Unterschiede. Da er wenig Ahnung von Fußball hat, ist es gut, dass sein Onkel Sauberger mitfährt. Dabei liegt es auch an jenem sympathischen, schrulligen Onkel, den beiden anderen Herren aus der einen oder anderen Misere herauszuhelfen. Doch sind es auch gerade seine Einfälle, die das Dreiergespann durch das Land jagen. Mit viel Witz erleben wir die Talent-Suche in Israel und dadurch auch viel über die jeweiligen Gepflogenheiten. Man lernt Interessantes aus Israel und hat nebenbei eine enorme Menge Spaß.

Robert Scheer kann man mit der Rockmusik vergleichen, die er so sehr liebt. Beim einfachen Hören denkt man noch, es sei alles simpel aber nett. Wenn man allerdings genauer hinhört, denkt man nur noch: „Oh, wie hat er das denn gemacht?“ Ein Buch, das lediglich zur Unterhaltung dient, aber durch seinen charmanten Witz unterhält und ein wenig klüger macht.

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