Lisa Kreißler: „Das vergessene Fest“

Lisa Kreißler Das vergessene Fest Hanser Berlin

Die großen Geheimnisse oder das Geheimnisvolle erlebt man wohl meist dann im Leben, wenn man es nicht erwartet. Im Gegenzug verlernt man mit dem Erwachsenwerden immer mehr das Träumen. Als junger Mensch ist man unbekümmert und voller Ideen und Träume. In der Phantasie wirkt vieles einfach, machbar und Grenzen zwischen der Realität und Traumwelt sind fließend. Im Alltäglichen werden wir berieselt von Medien, Filmen und Fernsehserien. Serien erschaffen für uns uns eine wohlige Welt und lassen uns im Vierzig-Minuten-Takt ein bisschen träumen. Manchmal erscheint die Welt um uns herum bedeutungsschwer, dann wieder banal und gefühllos. Irgendwann kommt das Gefühl von einer Ernüchterung oder sogar einer Enttäuschung, wenn man in seinem Leben etwas erreicht oder aufgebaut, aber die damaligen Träume aus den Augen verloren hat.

Drei Freunde, Ronda, Arif und Nina, die sich länger nicht gesehen haben, treffen sich nach vielen Jahren wieder. Der Anlass ist die Hochzeit von Nina. Alle drei sind vom Leben enttäuscht. Arif lebt von seinem Mann geschieden und Ronda ist eine alleinerziehende Mutter. Die drei Freunde kennen sich seit dem ersten Tag an der Uni. Jetzt leben sie alle woanders und hadern mit ihrem jetzigen Leben. Nina will Philipp heiraten und möchte bei diesem Fest ihre alten und besten Freunde um sich wissen. Doch ist es Liebe, die sie für Philipp empfindet oder hat sich alles einfach so in ihr Leben gefügt? Die Hochzeitsfeier findet in einer Lichtung im Wald statt. Ihre Entscheidung wird ihr beim Trauspruch bewusst. Sie blickt auf eine sehr bewegte und nicht immer liebevolle Beziehung zurück und bittet Philipp nun endlich loszulassen. Sie beendet am Altar die Beziehung.

Als die Hochzeit geplatzt ist, die großen Gefühle erloschen wirken, geht Nina in den Wald, gefolgt von Arif, Ronda und Rondas kleinem Sohn Charlie. Im Wald beginnen die Grenzen der Realität, der Wahrnehmungen zu verschwinden. Sie treffen auf Menschen wie aus einer anderen Wirklichkeit. Bei einem Fest und einer geheimnisvollen Zeremonie mitten im Wald beginnt für die Freunde eine Veränderung. Neben den ganzen Tieren im Wald tauchen dann auch Leonardo di Caprio und Bill Murray auf. Zeitgleich findet das vergessene Fest auf der Lichtung statt. Die Familien und einige Angehörige sind geblieben und feiern oder betrauern die nicht stattgefundene Hochzeit. Als es immer dämmriger wird, wollen Arif und Ronda mit Charlie aus dem Wald zurück zu den Hochzeitsgästen auf der Lichtung. Nur Nina ist verschwunden…

Der Wald als Symbol des Schutzes, als Sehnsuchtsort des Ursprünglichen und unendlicher Natur. Die Natur als Seelenlandschaft und als Träger des Geheimnisvollen. In der Stadt leben wir in Räumen und häufen uns mit Dingen zu. Gleiches machen wir mit uns selbst, unserem Innenleben, dem täglichen Gedanken- und Seelenmüll, den wir allzu oft einfach überlagern und vergraben. Gleich der im Roman beschriebenen Messie-Nachbarin.

Für Ronda, Arif und besonders für Nina bilden sich im Wald die eigenen Träume und Sehnsüchte neu oder zurück. Mit der aufkommenden Helligkeit entstehen dann aber auch tiefe und erschreckende Schatten.

Ein Roman, der mit vielen Bildern spielt. Das Seltsame und Magische trifft auf die Realität. Die Autorin verwendet unterschiedliche Stile und schreibt wunderbar über die Freundschaft, von dem Verlust des Zaubers im Leben und dem Verrückten in der gelebten Wirklichkeit.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Reso Tscheischwili: „Die Himmelblauen Berge“

Reso Tscheischwili Die Himmelblauen Berge Edition Monhardt

Ein Schriftsteller möchte sein Manuskript abliefern. In dem absurden Apparat des Verlages haben alle wenig mit Büchern zu tun und so wird das Buch verlegt, zerrissen, zerfleddert und erneut aus den verschiedenen Fassungen zusammengesetzt. Da auch das Gebäude, in dem die Handlung spielt, erbebt und Risse bekommt, erinnert diese Satire, die aus dem Georgischen übersetzt wurde, an das Werk „Die Spielverderber – Commedia Infernale“ von Michael Ende. Bei Michael Ende ist es das Misstrauen einer Erbengemeinschaft, das den Untergang herbeiführt. Bei Ende taucht ein farbenblinder Butler auf, der sich als Prisma empfindet und die Erben in die Irre führt. Die Farben kehren bei Reso Tscheischwili anhand eines trostlosen Gemäldes, das aber abgehängt werden soll, und durch den Titel eines Manuskriptes in das Verlagshaus ein. Die Handlung spielt in einem großen Verlagsgebäude, in dem alle Beteiligten bemüht sind beschäftigt zu wirken. Draußen findet eine Ahnung von Leben statt: vor dem Gebäude knattern die Motoren, denn auf einem Feld wird eintöniges Motorball gespielt.

Der Schriftsteller Sosso betritt nach längerer Zeit den Verlagskomplex und möchte die dritte Fassung seines Manuskriptes abliefern. Er hat es überarbeitet, denn Inhalt und Titel gaben dem Verlag zu denken. Besonders ist dem Verlag immer der Titel wichtig: Aus Brücken wurden letztendlich Berge. So ist der jetzige Arbeitstitel „Die Himmelblauen Berge oder Tian Shan“. Sosso wird als ein Bekannter des Hauses begrüßt. Doch ausgiebig Zeit hat oder nimmt sich keiner für den Autoren. Doch wirkt man miteinander vertraut und man wechselt Nichtigkeiten aus. Sosso wirkt auf einige abgemagert, während jemand anderes an Umfang zugelegt haben soll. Sossos Manuskript wird genommen mit dem Versprechen es auch zu lesen. Niemand im Verlag zeigt verlegerische Begeisterung und ist literarisch oder künstlerisch interessiert. Nur einer, der mit dem Verlag nichts zu tun hat, wird letztendlich das Manuskript zufällig bekommen und es sogar lesen. Im Verlag wird das Manuskript verteilt. Es wird auch darüber geredet, aber niemals gelesen. Meist geht es um den Titel, von dem man sogar dachte, es wären zwei Titel, eventuell sogar zwei Werke. In den zahllosen Abteilungen, deren Aufgaben auch nicht immer ersichtlich sind, wandeln die Verlagsangestellten, der Direktor, der sich auch gerne verleugnen lässt, und ein Bürger, der beständig um einen Termin bittet. Was dieser Mann, der Bürger mit seinem Aktenkoffer, tatsächlich möchte, stößt anfänglich auf wenig Interesse der Menschen im Komplex. Überall ist geschäftiges Gerede und Gemache, aber es sind leere Worthülsen ohne Inhalte und sinnfreie Handlungen. Auch das Gebäude schüttelt sich. Der Fahrstuhl bleibt oft stecken, die Wände bekommen besorgniserregende Risse und ein unterirdisches Beben ist zu spüren.

Die Tätigkeit wird zur Untätigkeit und die ganze Handlung spielt in einem kleinen Umfeld der Verlagswelt. Das ganze System wirkt absurd und grotesk. Es gibt Wiederholungen und Stumpfsinnigkeiten, die sich sehr humorvoll lesen. Der Verlag als Bild für den Mechanismus eine Kollektivs. Der Text ist eine Karikatur auf das sowjetische System in seiner Endphase und deutet den Zusammenbruch an. Das Buch ist 1980, d.h. vor Glasnost und Perestroika, erschienen und liegt nun in einer tollen deutschen Übersetzung vor. Das Manuskript in der Handlung bleibt weiterhin ein Rätsel. Lediglich der Titel verspricht Veränderung. Denn die Berge gelten als Sehnsuchtsort. Der Sehnsucht nach einer Erhöhung, von der aus man den Überblick hat. Das Blau gilt als Sinnbild der Freiheit, Klarheit, Ferne und Gelassenheit.

Tscheischwilis Werk ist in seiner Heimat ein Klassiker und diente als Grundlage für den Film: „Die Himmelblauen Berge oder Eine unglaubwürdige Geschichte“. Das Buch ist eine kurzweilige und lesenswerte Entdeckung und lebt von den Dialogen, dem Witz und der absurden Geschichte. Die Buchgestaltung ist passend zum Inhalt, d.h. es stellt eine Manuskriptkladde dar. Leider wird aber wohl gerade dadurch das Buch als unscheinbar im Handel wahrgenommen und der feine Inhalt bleibt auf den ersten Blick verborgen. Dabei ist es wünschenswert, dass das Buch einen weiteren Bekanntheitsgrad bekommt, denn es ist eine lohnenswerte und spaßige Lektüre.

Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt werden und somit auch in der Buchhandlung Almut Schmidt

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Jaume Cabré: „Eine bessere Zeit“

Jaume Cabré Eine bessere Zeit

Jaume Cabré ist einer der Autoren, auf dessen Werke ich mich stets sehr freue. Es sind Werke, die tiefgründig, lebendig, humorvoll und voller Detailliertheit geschrieben sind. Es sind Romane, die tief in der spanischen, d.h. europäischen Geschichte verwurzelt sind. Es sind Familienchroniken, die über viele Generationen hinweg deren Schicksale beleuchten.  Cabré ist ein spanischer Schriftsteller, der in katalanischer Sprache schreibt. Er ist kein Vielschreiber, aber seine Werke gehören in den Kanon der Weltliteratur und wurden oft ausgezeichnet. 2009 erschien auf Deutsch sein Roman „Senyoria“, der in Barcelona bereits 1991 verlegt wurde. Sein Hauptwerk und bekanntester Roman ist von 2007 „Die Stimmen des Flusses“ („Les veus del Pamano“ erschien 2004 in Spanien). 2011 folgte „Das Schweigen des Sammlers“ („Jo confesso“). Das jetzige Buch „Eine bessere Zeit“ ist ein älterer Roman, der in Spanien bereits 1996 („L’ombra de l’eunuc“)  in Barcelona verlegt wurde. Cabré ist auch als Drehbuchautor tätig und versteht es daher Szenen kunstvoll zu beschreiben und erzeugt mit seinen Geschichten und seiner ihm eigenen Sprache große Lesebegeisterung.

„Eine bessere Zeit“ reicht nicht an seine neueren Werke heran. Aber wie üblich bei Cabré treffen wir auf einen großen Reigen an toll gezeichneten Figuren. Sprachgewaltig taucht man ein in eine Geschichte voller Traditionen, Rebellion und dem Glauben an das Schöne.

Die Handlung, die sich über sieben Generationen erstreckt, wird umrahmt von einem Essen. Miquel schaut auf sein Leben zurück und in die schönen Augen von Júlia, mit der er sich zum Essen verabredet hat. Er fragt sich, wann in seinem Leben sich die ersten Risse zeigten. Vorher haben sie ihren gemeinsamen Freund beerdigt. Bolós Tod zwingt Miquel zu einer Reise in die Vergangenheit. Der Tod kam unerwartet und bewegt Miquel sehr. Nicht nur, weil ihn eine rätselhafte Nachricht erreichte. Sie waren damals politisch aktiv und Miquel, der im Untergrund Simó genannt wurde, erhält eine Warnung, jemand wäre nach all den Jahren hinter ihnen her. Júlia bittet Miquel um ein Essen, damit er ihr von Boló erzählen kann. Das Restaurant, das Júlia ausgesucht hat, liegt in seinem alten Heimatdorf. Als sie dort eintreffen, wird es eine wahrhafte Begegnung mit seiner Vergangenheit, denn das Lokal ist sein ehemaliges Elternhaus. Das Anwesen hat seit Generationen den Reichtum seiner Familie verkörpert. Júlia, die nicht weiß, in was für ein Haus sie Miquel geladen hat, soll einen Artikel über Bólo schreiben und weiß, dass Miquel und Boló einst gute Freunde waren. Doch ist Bolós Geschichte eng mit Miquels eigener Vergangenheit verknüpft und so beginnt er im Restaurant ausführlich zu erzählen. Er wollte sich von seiner reichen Familie lösen. Er wollte ein Leben voller Leidenschaft und Abenteuer erleben. Sein Vater hatte sich sang- und klanglos aus seinem Leben gestohlen. Er hatte eine engere Bindung zu seinem Onkel Maurici, der ein Familienchronist war und viel über die Geschichte der Familie Gensana zu berichten wusste. Nur er kannte den Unterschied zwischen dem offiziellen und dem wahren Stammbaum der Familie. So lernt Miquel durch seinen Onkel Stück für Stück die über sieben Generationen greifende Geschichte seiner Vorfahren kennen.

Miquel möchte nicht das Leben führen, das seine Familie und deren Fabrik von ihm abverlangen würde. Ihn zieht es in die große Stadt und er beginnt mit seinem Jugendfreund Bólo in Barcelona zu studieren. Durch das erste Verliebtsein beginnen beide sich den Aufständen anzuschließen. Doch die erste Aktion fällt Miquels verliebter Naivität zum Opfer. Als Simó zieht Miquel in den antifranquistischen Untergrund und er bricht mit seiner Familie. Es kommt zu Verstrickungen und Schuldigkeit, die ihn jetzt in der Gegenwart einholen. Auch in der Zeit nach Francos Tod und als Spanien sich verwandelt muss Miquel sich erneut finden.

Cabré schreibt mal wieder kurzweilig, klug und sprachgewaltig. Wenn man sein Werk kennt, weiß man, was man erwarten darf. Ausufernde, aber niemals überflüssige Erzählungen, die sich sprunghaft über Generationen erstrecken. Cabré beschreibt die Geschichten sehr lebendig und es gibt wenige Romane, die so gut die spanische Geschichte wiedergeben und verkörpern. Die Charaktere und die Romanhandlung schaffen erneut eine Stimmung, die ich an den Romanen von Cabré so liebe. Einiges in „Eine bessere Zeit“ hat seine Längen, anderes wiederum wirkt wie eine reine Aufzählung. Es ist eines seiner früheren Werke und es erreicht nicht seine jetzige Weltklasse, aber dies ist wahrlich meckern auf hohem Niveau.

Zum Buch / Shop

5 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Ian McGuire: „Nordwasser“

Nordwasser Ian McGuire Mare

Ein historischer Roman, der uns die nackte Wahrheit über das Leben auf einem Walfänger erzählt. Das brutale, entbehrungsreiche Leben auf dem Schiff wird für den Leser hautnah erlebbar und man taucht mit allen Sinnen ein in diese maritime Männerwelt. Die literarische Reise zwingt uns die Elemente, Gerüche, Enge und Brutalität an diesem Schauplatz mitzuerleben. Einiges wollte man nicht erfahren, folgt aber dennoch gänzlich gebannt der Handlung, die sich hauptsächlich auf der Volunteer, einem Walfangschiff, das 1859 seinen Heimathafen Richtung Grönland verlässt, abspielt. Alle Männer auf dem Schiff bringen ihre seelische Last mit an Bord. Es ist die Zeit des Wandels, die Industrialisierung schreitet mit großen Schritten voran. Die Dampfschiffe lösen die klassischen Segler ab und die Nordwasser sind bereits überfischt. Dennoch gibt es immer noch Schiffseigner, die ihre Kapitäne und ihre Mannschaften in die Nordwasser schicken, um dort Beute zu machen.

Im Vordergrund stehen zwei Kontrahenten. Als erstes lernen wir Henry Drax kennen, der noch an Land unangenehm auffällt. Er ist ein Halunke, der ohne Skrupel agiert und als Harpunier auf der Volunteer angeheuert hat. Sein brutaler Charakter wird im Laufe der Reise immer ausgeprägter. Erstmalig auf einem Walfänger findet sich der Arzt Patrick Sumner ein. Er hat als Soldat, d.h. ebenfalls als Arzt, in Indien gedient und wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen. Dies verheimlicht er und erzählt seine Familiengeschichte um ein Erbe, dass er noch nicht antreten kann und jetzt die Zeit mit einer bezahlten Reise überbrücken möchte. Er denkt, er wird auf der Fahrt wenig zu tun haben und kann sich ganz seinem Homer widmen.

Als das Schiff die Nordmeere und das Eis erreicht, beginnt die blutige Jagd. Zuerst werden Robben für ihre Felle gemordet, dann sogar eine Eisbärmutter. Das Eisbärbaby wird für den Zoo lebendig gefangen und Unterdeck eingesperrt. Das Hauptaugenmerk der Männer liegt aber auf dem Walfang.

Das Leben an Bord wird geprägt durch körperliche und geistige Enge. Der Arzt wird von einem Schiffjungen aufgesucht und Sumner findet eindeutige Beweise eines Missbrauchs vor. Als er dies gegenüber dem Kapitän und der Mannschaft anspricht, wird dieser Junge kurz darauf ermordet vorgefunden. Das Schiff muss sich nicht nur im ewigen Eis der lebensfeindlichen Umgebung stellen, sondern auch die Menschen haben selbst ein solches Umfeld auf dem Schiff geschaffen. Die Besatzung zahlt für alles einen hohen Preis.

Das Buch ist von vornherein spannend und toll geschrieben. Der Roman lebt von seiner fast schon spürbaren Sprache und Bildern. Alles wird im Leser lebendig und erfahrbar. Die Farben, die Gerüche und die Stimmungen schwappen über einen und lassen sich nicht so schnell wieder abwaschen. Die Eindrücke sind wie ranziges, brackiges Wasser, das sich über den Leser gegossen hat.  Dies klingt übel, ist es aber eigentlich nicht. Denn dieser Roman macht wie nur wenige andere Romane vor ihm diese Zeit und das Leben an Bord für uns Leser aus der jetzigen Zeit nachvollziehbar. Der Roman ist erschütternd aber gleichzeitig auch wunderbar zu lesen und lebt von den tollen Beschreibungen. Vieles wird im Roman verdeutlicht: das unmenschliche Leben auf einem Walfänger, die Gier und der Blutrausch, die Gewalt gegenüber der Natur und den Tieren. Das respektlose Miteinander und das arrogante Auftreten der Europäer gegenüber den Ureinwohnern werden ebenfalls thematisiert.

Der Text erinnert an die großen Werke von Annie Proulx: „Aus hartem Holz“, Philipp Meyer: „Der erste Sohn“, Michael Punke: „The Revenant – Der Rückkehrer“ und natürlich an Melvilles „Moby Dick“.

Ein großartiger Roman, der sehr spannend zu lesen ist und uns in eine ferne Welt trägt. Aber das Buch ist nichts für sehr zart besaitete Leser.

Zum Buch / Shop

Weitere Besprechungen auf: Zeichen & Zeitenherzpotenzial und masuko13

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Sven Recker: „Fake Metal Jacket“

Sven Recker Fake Metal Jacket Nautlius

Ein zynischer, dunkler und packender Roman über das Zeitalter der schnelllebigen Medien, Meinungsbildung und technischen Produzierbarkeit. Bilder sind in den neuen Medien wichtiger als lange Reportagen und Texte. Die passende Schlagzeile und ein guter Aufhänger garantieren eine zügige Verbreitung und neue Leser, d.h. Follower. Bilder müssen authentisch sein und können daher auch gerne geknipst wirken, wenn es zum Thema passt. Damit es funktioniert, sollte das Bildmaterial mit ein wenig Fakten und einem Hauch an Wahrheit gewürzt veröffentlicht werden.

Der Roman handelt von Peter Larsen. Er ist Journalist, d.h. ein Kriegsreporter, der sich gerne lieber Krisenreporter nennt. Seine Reportagen handeln vom Krieg, Kriegsopfern, Flüchtlingen und Katastrophen. Er zeigt die Welt wie sie ist und ist mit seinen Beiträgen immer dicht am Geschehen. Er ist unerschrocken und scheut auch nicht das offene Gespräch mit Schleusern und Warlords. Er zeigt seinen Lesern die unverblümte Wahrheit und postet mindestens einmal täglich live aus aller Welt.

Nur das Ganze hat einen kleinen Haken. Er ist der moderne Karl May, der die Welt nicht kennt und sie nur reproduziert und ablichtet. Er zeigt dass, was gesehen werden will.  Seine Beiträge sind alle gefälscht. Ein kaputtes Haus ist ein kaputtes Haus und für ein Foto oder für eine Filmaufnahme ist es egal, wo dies steht. Das Flüchtlingsboot ist ein Fischerboot am nahegelegenen See in Brandenburg und die syrischen Flüchtlinge sind angeheuerte afghanische Asylbewerber. Die „Wahrheit“ wird dann von Peter Larsen am Rechner zusammengeschnitten. Er ist ein feiger Zyniker, der bisher mit seiner Masche gut durchkam. Er recherchiert alles im Internet und baut sich daraus seine Story. Hauptsache sie entspricht den Erwartungen seiner Leserschaft. Dann macht er einen kleinen Fehler: sein Gesprächspartner soll bereits wenige Tage vor dem Gespräch im Krieg tot aufgefunden worden sein. Doch auch hierfür lässt sich bestimmt eine Lösung finden.

Peter Larsen denkt sich auf der richtigen Seite und das gäbe ihm das Recht für sein Handeln. Sein eingeweihter Freund und Komplize ist Ahmad. Dessen Cousine, Leila, meldet sich bei ihnen, da sie in Syrien Hilfe benötigt. Sie will nach Deutschland und, da sie nebenbei auch noch bildschön ist, plant Peter erstmalig eine wirkliche Reise. Doch diese Gelegenheit, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen, gestaltet sich bereits beim richtigen Lesen der Flugtickets als schwierig und seine Reise wird immer mehr zu einem Abenteuer und immer gefährlicher. Als Peter auf Leila trifft ist alles anders als gedacht. Peter wird erpresst und gefangen gehalten und soll ab sofort zugunsten des Assad-Regimes berichten.

Das Buch ist schwarz und sehr aktuell. Der Titel ist eine Anspielung auf den Film von Stanley Kubrick über ein Ausbildungslager der US-Marines, sowie im darauffolgenden Vietnamkriegseinsatz. Die (Re)Produzierbarkeit von Wahrheiten und Fake-News werden in diesem Roman auf die Spitze getrieben. Kann man wirklich allen Bildern trauen? Ist nicht alles aus einer Schnelllebigkeit und Beliebigkeit gewachsen? Alles soll in kurzen Textfragmenten und Bildern erfassbar sein, denn auf den Leser oder Zuschauer wartet doch bereits die nächste Neuigkeit, die Aufmerksamkeit für mindestens wenige Sekunden verlangt. Sven Recker, Katastrophenhelfer und Journalist, schreibt über eine Medienwelt, in der er sich auskennt.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Ekaterine Togonidze: „Einsame Schwestern“   

Ekaterine Togonidze Einsame Schwestern Septime

Ein Buch, das Toleranz lehrt und uns den menschlichen Zusammenhalt vor Augen führt. Jeder Mensch ist anders und doch sind wir alle verbunden und uns eint wohl mehr, als uns trennt. Toleranz und Mitgefühl sind die tragenden Stützen eines gelungenen Miteinanders.

Ekaterine Togonidze hat nicht nur Georgiens Literaturlandschaft mit ihren einsamen Schwestern bereichert. Zwei unterschiedliche Stimmen zweier getrennter Persönlichkeiten. Doch sind sie gezwungen, sich fast alles im Leben zu teilen. Auch den Körper. Die siamesischen Zwillinge sind von der Taille abwärts miteinander verbunden. Sie nutzen jede für sich ihren kleinen Radius an Freiheit, um sich von der Schwester abzugrenzen. Sie suchen ihre Flucht in Worten und beginnen jede für sich Tagebuch zu schreiben. Diese Dokumente sind es, die durch ihre jeweils eigene Sprache und Emotion dem ganzen Buch Leben einhauchen. Die Bildung und den Wortschatz haben sie von der Großmutter, den Magazinen und durch Fernsehsendungen sowie Filme erworben. Denn sie leben versteckt. Die verletzlichen Kinder wurden bis zu ihrem Teenager-Alter im Verborgenen gehalten. Die Mutter ist bei ihrer Geburt verstorben und der Vater hat sich der Vaterschaft entzogen. Der letzte Kontakt, den die Eltern hatten, war bei einer Fahrt auf einem Riesenrad, wo er sich, als sie noch eine Runde fuhr, aus dem Leben der werdenden Mutter verabschiedete.

Lina und Diana, die einsamen Schwestern, leben seit ihrer Geburt bei der Großmutter, die sie vor der Außenwelt beschützen möchte. Sie leben in armen Verhältnissen und kennen nur die Wohnung als ihren Lebensraum. Lediglich Zaza, der ab und zu die Einkäufe oder Erledigungen macht, bringt einen Hauch des Lebens von draußen mit in die Stube. Die Mädchen werden aber immer erwachsener und es keimt in ihnen der Wunsch nach einem eigenen Leben. Diana beginnt als erste zu schreiben. Sie beginnt ihr Leben zu reflektieren und will ihre jetzige Situation nicht akzeptieren. Sie bleibt sachlicher bei ihren Beobachtungen als ihre Schwester, Lina, die nun ebenfalls ihre Gedanken zu Papier bringen möchte. Lina nimmt alles etwas verspielter, fast schon sinnlicher wahr und möchte es auch literarisch umsetzten. Sie versucht Gedichte zu schreiben, die Natur im Hof und vor den Fenstern wahrzunehmen und in Worte zu kleiden. Die Tagebucheintragungen unterscheiden sich auch gleich zu Beginn der Einträge:  Diana schreibt die Tageszahlen als Ziffer und Lina beginnt stets mit dem ganz ausgeschriebenen Datum. Ihre Geschichte wird nun chronologisch und abwechselnd anhand ihrer persönlichen Einträge erzählt.

Die dritte Perspektive im Roman ist die des Vaters, Rostom, der durch die Anschreiben eines Krankenhauses erst von der Existenz seiner Töchter erfährt. Die siamesischen Zwillinge sind unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Die Leichname wurden daraufhin auf Rostoms Kosten verwahrt und er soll bestimmen, was nun mit den Körpern passieren soll. Erst jetzt erfährt er vom Leben seiner Töchter und bekommt durch ihre Tagebucheinträge einen Einblick in deren ergreifendes Leben. Beide waren durch die Einsamkeit geprägt und mit wenig Mitgefühl aufgewachsen. Besonders nachdem die Großmutter verstarb, waren Lina und Diana wehrlos und wurden missbraucht und durch ihre Behinderung sozusagen auch noch ausgestellt.

Ein ungewöhnlicher und ergreifender Roman, der in kurzen Szenen vieles zu vermitteln versteht. Es ist ein menschliches, gesellschaftliches Werk, das somit auch politisch ist. Leben ist Vielfalt. Auch wenn eine starke Bindung besteht, sind wir doch alles Individuen. Das Gefühlsleben zweier Menschen, die auf mehreren Ebenen angekettet sind, macht dieses Buch zu einem besonderen.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Horst Eckert: „Der Preis des Todes“

Horst Eckert Preis des Todes Wunderlich Rowohlt

Horst Eckert hat einen Thriller geschrieben, der sehr spannend und wohl näher an der Realität ist, als man es sich als Leser wünscht. Ein Roman, der tiefe Einblicke in die Medienbranche und Politik gibt. Die Handlung ist sehr vielschichtig und jeder Erzählstrang für sich ist spannend. Viele aktuelle Themen werden im Text behandelt, aber niemals ist es zu viel, d.h. überladen. Man findet im Text  keine Übertreibungen oder Klischees. Die Figuren sind alle glaubhaft gezeichnet und die Handlung, die uns in die dunkelsten Orte der Seele und menschlicher Machenschaften reinzieht, bleibt bis zum Schluss unglaublich spannend. Am Ende des Buches ist man erschüttert, klüger und man zweifelt an der Menschlichkeit. Denn die Frage, die immer wieder im Roman auftaucht ist die: Was ist das Leben überhaupt wert? Für was, das anscheinend so wertvoll ist, sind Menschen bereit alles zu zahlen und sogar zu töten?

Horst Eckert ist bekannt durch seine großartige Vincent Veih Krimireihe. Diese Polizei-Thriller haben auch stets den Bezug zum aktuellen Weltgeschehen. „Der Preis des Todes“ ist ein Roman, der eine Journalistin mit einer eigenen politischen Talkshow in den Mittelpunkt stellt, die ihre Fernsehproduktionen an die ARD verkauft. Die typischen Ermittler eines Kriminalromans sind lediglich Nebenfiguren, aber, wie sich ab der Mitte des Textes herausstellt, sehr wichtige Protagonisten nicht nur im Leben der Heldin.

Es geht um die Talkshowmoderatorin Sarah Wolf, die sehr ehrgeizig und jung ist. Sie produziert für das Fernsehen wöchentlich ihre Show mit stets brisanten und aktuellen Themen und Gästen. Doch sinken die Einschaltquoten und sie und ihr Team bangen um eine Vertragsverlängerung seitens der ARD. Die kommende Sendung soll das Thema Lobbyismus behandeln. Unter den Wunschgästen ist Christian Wagner, SPD-Kreisvorsitzender und Abgeordneter eines Wahlkreises, der als parlamentarischer Staatssekretär des Gesundheitsministeriums fungiert. Was bisher keiner ahnt, ist, dass Sarah und Christian heimlich liiert sind. Christian Wagner wurde gerade von einem Boulevardblatt als Lobbyist eines Krankenhausbetreibers hingestellt. Sarah glaubt an seine Unschuld und möchte ihm die Chance geben, seinen guten Ruf wieder herzustellen. Als Christian Wagner kurz darauf in seinem Sportzimmer erhängt aufgefunden wird, kann Sarah nicht an einen Selbstmord glauben und die Ermittlungen der Polizei werden ihr später auch Recht geben.

In Düsseldorf wird eine weitere Leiche gefunden. Dieser Fall wird als Drohnenmord bezeichnet, da ein Jugendlicher mit seinem Flugkörper in der Natur gespielt und am See die bereits skelettierte Frauenleiche gefunden hatte. Die Tote, Johanna Kling, war Angestellte einer Hilfsorganisation und vor kurzen in Dadaab, um sich das dortige Flüchtlingslager anzusehen. Dort ist sie anscheinend auf Unstimmigkeiten gestoßen und suchte den Kontakt zu einer ihrer ehemaligen Kolleginnen und zu Christian Wagner. Der ermittelnde Kommissar, Paul Sellin, versucht herauszubekommen, was die junge Menschenrechtsaktivistin mit dem Politiker aus Berlin zu tun hatte. Sellins eigene Vergangenheit holt ihn ein und er will diesen Mordfall unbedingt aufklären, denn er ist schwer krank und dieser Fall könnte einer seiner letzten sein. In der Zwischenzeit beginnt Sarah am Mord ihres Freundes eigenständig zu ermitteln, da sie der Polizeiarbeit nicht traut. Auf seinem Rechner findet sie eine Medikamentenliste eines Krankenhauses in Ostafrika. Vorher hatte sie auch ein merkwürdiges Treffen mit einem Afrikaner, der unbedingt das Gespräch mit Christian Wagner suchte. Hatte Christian ihr gegenüber etwas verheimlicht? Was hatte Johanna Kling von ihm gewollt? Die Antworten vermutet Sarah in Kenia zu finden…

Dieser Spannungsroman überzeugt und begeistert. Er nimmt sich Machenschaften zum Thema, die wohl leider nicht der Phantasie des Autors entsprungen sind und einen wahrlich gruseln lassen. Horst Eckert verknüpft erneut großartig Fiktion mit Zeitgeschichte und gibt der Geschichte einen glaubhaften Hintergrund und tolle Charaktere. Er versteht es, auf großartigem Niveau zu unterhalten und nebenbei Bildung zu vermitteln. Der Autor ist wahrlich ein Meister des politischen Thrillers.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes