
Tomer Dotan-Dreyfus spielt erneut mit der Literatur und verführt uns auf die griechische Insel Gavdos, die uns zu verzaubern versucht. Es geht um die Frage und den Wunsch nach Unsterblichkeit. Was ist es, das bleibend ist? Unsterblich sein, bedeutet die Sterblichen gehen zu sehen oder als Sterblicher hoffen, dass etwas vom Selbst überlebt. Zumindest ist es ein unterhaltsamer Beweis, dass Literatur unsterblich ist und uns überdauert. Dieser Roman legt ein enormes Ei, das uns zum Nachdenken und zum Schmunzeln bringt. Nebenbei zündet es ein Feuerwerk aus Philosophie, Mythologie, Abenteuer und Gesellschaftskritik. Unsere Welt besteht aus unserem heutigen Verständnis immer mehr aus Zahlen. Ist alles Zahl? Denn die unendlichen Zahlen und das Prinzip der Ordnung ließen sich auf die Tetraktys, der kosmischen Ordnung, minimieren, um in der Gegenwart lediglich auf null und Eins reduziert zu werden. So ist auch unser Empfinden von Zeit durch Messinstrumente gegliedert. Doch was wäre, wenn unsere Zeit stets im Bezug zur Wahrnehmung des natürlichen Umfeldes gesetzt würde? Dies erlernt der Held auf der Insel Gavdos, dort wo auch einst Odysseus sieben Jahre gefangen gehalten und ihm Unsterblichkeit versprochen wurde, um dann letztendlich doch entkommen zu können. Denn ist Unsterblichkeit wirklich ein Ziel? Aber sind wir uns unserer Endlichkeit überhaupt bewusst? Eine Krankheit lässt uns Vergänglichkeit spüren, aber wir hoffen oft auf Ewigkeit und Erlösung.
Das Buch ist gefüllt mit aberwitzigen Ideen und Anspielungen, die aber alle niemals ausufern, sondern eher Spaß machen und unsere kleine Welt kurzweilig umdrehen. Doch im Spaß liegt immer der Ernst. Im Roman ist das Ernste der Bezug zum aktuellen Weltgeschehen, das eigentlich nur, wie im Buch, durch die Surrealität zu erfassen ist.
Der Journalist Gilad hört von einer guten Geschichte und geht den Gerüchten im wahrsten Sinne auf den Grund. Auf Gavdos soll es eine Kommune von russischen Naturwissenschaftlern geben, die sich als Pythagoräer empfinden. Sie sollen Tschernobyl überlebt haben und sind deshalb von der Unsterblichkeit überzeugt. Gilad reist auf die Insel im Libyschen Meer, die südlich von Kreta liegt, um mehr über die geheimnisvolle Gruppe zu erfahren. Die naturbelassene und karge Landschaft übt mit ihrer Fauna und Flora eine besondere Faszination aus und immer wieder sind es augenscheinlich die Ziegen, die Gilad über den Weg laufen. Bereits bei der Anreise trifft er auf besondere Menschen und eine merkwürdige Stimmung breitet sich aus. Die Hotelbetreiberin empfängt ihn gastlich und der erste Besuch bei den Kommunen-Mitgliedern ertrinkt im Raki-Wahnsinn. Es sind Wissenschaftler, Autoren, ein Priester und eine mysteriöse Opernsängerin, die seinen Weg kreuzen. Je tiefer er in das Lebensverständnis der Menschen auf Gilad eintaucht, desto mehr wird die erlebte Wahrheit fragwürdig. Durch die Lektüre, die Gilad sich leiht, wird die feine Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion immer poröser. Ist es die Liebe, die uns verweilen lässt, ist es der Wunsch nach Beständigkeit oder der Wille, die Welt mit eigenen Fußabdrücken zu versehen?
Erneut ist es ein abgegrenzter Bereich, der historisch oder mystisch belegt ist, den Tomer Dotan-Dreyfus nach seinem Debütroman „Birobidschan“ bespielt. Ein Eiland für das menschliche Drama und Zusammenspiel. Liebe und Vergänglichkeit werden hier auf der politischen, der gesellschaftlichen, der kulturellen und der religiösen Ebene durchgespielt. Ein irrer und spaßiger Ritt durch Zeit, Raum, Literatur, Wissen und Ideen.
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