Kent Haruf: „Unsere Seelen bei Nacht“

Kent Haruf Unsere Seelen bei Nacht Diogenes

Ein unaufgeregter Roman um die Überwindung der Einsamkeit. Zwei alte Seelen finden sich und füllen dadurch ihre Leere, die durch vergangene Verluste entstanden ist. Die Menschlichkeit und die Sehnsucht nach Nähe lassen uns die Protagonisten ans Herz wachsen und dadurch wird dies Buch etwas kleines Wertvolles. Denn die Lebensjahre des Körpers spiegeln nicht das wahre Alter der Seele.

Eines Tages im Mai in Colorado klingelt Addie Moore bei Louis Waters. Sie sind keine direkten Nachbarn, aber innerhalb der dörflichen Gemeinschaft sind sie sich bekannt. Addie fragt ziemlich direkt, ob sie nicht die Nächte miteinander verbringen möchten. Es geht ihr nicht um Sex. Nachts seien die Einsamkeit und die Gedankenmühlen am schlimmsten zu ertragen. Sie ist es leid, ständig allein zu sein. Ihr Wunsch ist es, einen sympathischen und netten Mann neben sich liegen zu wissen, zu reden, das Alleinsein zu verbannen und gemeinsam einzuschlafen. Sie schläft sehr unruhig und meint, dann besser und durchgängig schlafen zu können. Louis, selbst Witwer, hadert und fühlt sich mit dieser Anfrage überrumpelt, aber auch sehr geschmeichelt. Er mag Addie, hat sie aus der Ferne ebenfalls wahrgenommen und beobachtet. Was hat er auch groß zu verlieren?…

Er geht den Vorschlag ein und eine seiner ersten Taten ist der Gang zum Friseur. Seine ersten Besuche sind noch ganz gehemmt und er benutzt den Hintereingang mit einer blickdichten Papiertüte, in der er seine Nachtutensilien mitbringt. Addie möchte, dass Louis sich ganz normal verhält und die Vordertür benutzt. Ihr ist es egal, was Andere über sie reden. Denn dass über sie getuschelt und geredet wird, bleibt nicht aus. In der Gemeinde werden sie ein Thema und es macht sich Missgunst und Neid innerhalb der Nachbarschaft bemerkbar. Aber Addie und Louis trotzen dem und gewöhnen sich aneinander. Die Fremdheit und ihre Schüchternheit überwinden sie schnell. Sie trinkt abends gerne ein Glas Rotwein, hat ihm aber zuliebe auch Bier besorgt. Louis Zahnbürste und Pyjama wandern aus der Papiertüte gänzlich in das Haus von Addie. Als er kurzzeitig krank wird, meint sie, er hat doch noch kalte Füße bekommen, was aber lediglich nur ein kleines weiteres Missverständnis auf ihrem Weg zur innigen Freundschaft ist.

Den Argwohn innerhalb der Kleinstadt ignorieren sie weitgehend. Doch wird der Klatsch an die Tochter von Louis weitergeleitet. Das Hauptproblem entsteht aber mit den Eheproblemen von Addies Sohn. Diese führen zu einem längeren Aufenthalt des Enkels bei Addie. Der Enkel, Jamie, gewöhnt sich schnell ein und mag Louis, den neuen Freund seiner Oma. Sie verbringen einen gemeinsamen Sommer und Jamie bekommt sogar einen Hund aus dem Tierheim. Diese traute Gemeinsamkeit ist dem Sohn von Addie nicht geheuer und er zwingt Addie zu einer einschneidenden Entscheidung…

Der Roman hat eine Leichtigkeit und spielt mit einer zarten Liebe im Alter, die aus einer eher ungewöhnlichen Freundschaft wächst. Beim Lesen bekommt man den Wunsch nach mehr Einfachheit im Leben.

Kent Haruf ist 2014 verstorben und „Unsere Seele bei Nacht“ ist sein letzter Roman, dessen Verfilmung mit Jane Fonda und Robert Redford geplant ist.

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Stephan Lohse: „Ein fauler Gott“

Ein fauler Gott Stephan Lohse Suhrkamp

„Ein fauler Gott“ erzählt sehr subtil von den Abenteuern eines Teenagerlebens in den 70er Jahren in Hamburg und über den Verlust des Bruders. Trotz der Trauer versinkt das Buch niemals in Melancholie, denn meistens lesen wir aus der Perspektive des elfjährigen Benjamin. Sein Alltag besteht aus Schule, Freunden, Spielen und dem Versuch mit dem Verlust zu leben und seiner Mutter Trost zu schenken.

Der Vater hat vor einem Jahr die Familie verlassen und Ruth erzieht Jonas und Ben alleine in Hamburg. Ruths bisheriges Leben entfaltet sich in kurzen Rückblicken. Im Vordergrund steht aber immer Ben, der durch seine kindliche Weltsicht den Text sehr lebendig macht. Im Schwimmbad hat der achtjährige Jonas bei einem Wettschwimmen einen Anfall und kommt in die Klinik, in der er kurz darauf verstirbt.

Während der Beerdigung macht Ruth Ben auf einen kleinen Engel auf dem Sarg aufmerksam. Dieser soll, laut Bens Mutter, darauf aufmerksam machen, dass Gott einen Engel gebraucht und dafür Jonas ausgesucht hat. Daraufhin ist der liebe Gott für Ben nur noch ein fauler Gott und er beschließt Atheist zu sein. Ben beschäftigt sich oft mit Gott und wird auch öfters auf diesen aufmerksam gemacht. Sehr feinfühlig werden die Emotionen und die Themen, die die Protagonisten beschäftigen, um- und beschrieben. Ben sucht oft den Nachbarn auf, der einen alten defekten Wagen besitzt, in dem die Brüder gerne gespielt haben. Hier kann er sich langsam öffnen und seine Trauer zulassen. Bens Mutter versucht ihre Depression vor Ben zu verstecken und zieht sich gerne in ihr Zimmer oder ins Bad zurück. Ben beobachte seine Mutter ganz genau. Sie versucht herauszubekommen, wie das Unglück mit Jonas geschehen konnte. Vor lauter Angst, muss Ben sich ebenfalls einige ärztliche Untersuchungen gefallen lassen.

Anfänglich ist Ben vom Unterricht befreit, aber er beschließt selbst, dass er wieder zu Schule gehen möchte. Die Freundschaft zu Chrisse lassen ihn die anfängliche Scheu seiner Klassenkameraden und Lehrer bald vergessen. In einem Kindererholungsheim im Schwarzwald vertraut er sich einer Betreuerin an, die ihn in seiner eigenen Trauer lässt und darin bestärkt, dass es nie besser, sondern lediglich anders wird. Als das Heim durch einen Unfall abbrennt, kommt Ben kurzweilig in einem Kloster unter. Hier ist es das Werk von Karl May, das ihn in die Welt der Phantasie einlädt.

Durch diese Begegnungen wird Jonas in ihm immer stiller, ohne jemals ganz zu verschwinden. Er lernt die Trauer zuzulassen und traut sich mit seinen Freunden erstmalig wieder in das Freibad.

Es ist ein detailreiches Werk, das uns verführt und mit Ben wachsen lässt. Stephan Lohse beschreibt voller Einfühlungsvermögen das Seelenleben eines Kindes und seiner Mutter. Wie sollen Mutter und Sohn mit so einem Verlust umgehen und wie können sie wieder Boden gewinnen, um im Alltag Fuß zu fassen? Die Plattitüden aus dem Umfeld sind wenig hilfreich und werden selbst von einem Elfjährigen enttarnt. Ruth und Ben gehen jeweils anders mit ihrer Trauer um und lernen voneinander, diese zu bewältigen. Wobei es Bens Charme und Offenheit ist, die es beiden möglich macht, wieder am Alltag teilzunehmen.

Als Schauspieler hat Stephan Lohse gelernt mit der Sprache zu arbeiten. „Ein fauler Gott“ ist sein Debutroman. Es gibt selten Bücher, in denen man sich so sehr zuhause fühlt. Ein sehr lebendiges und wohl auch für den Autor sehr persönliches Werk. Ein tolles Buch, das niemals zu traurig ist, sondern begeistert und beim Lesen sehr viel Spaß macht.

Stephan Lohse liest auf zehnseiten.de. Leseprobe auf der Seite von Suhrkamp (pdf)

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Isabelle Autissier: „Herz auf Eis“

Herz auf Eis Isabelle Autissier Mare Verlag

Ein junges Paar, das seinem alltäglichen Leben in Paris entkommen will, umsegelt die Welt und strandet dann in eisiger Einsamkeit. Sie finden durch den Aufbruch in die Welt vorerst ihre Freiheit und eine Gemeinsamkeit wieder, die sie zu verlieren schienen. Sie erleben die Welt als globalen Spielplatz und ihre Entdecker-Seele erwacht. Dann verlieren sie, durch ein Unwetter, ihr Schiff und ein archaischer Überlebenskampf auf einer einsamen arktischen Insel beginnt.

Louise und Ludovic kommen sich durch das Klettern näher und lernen sich lieben. Sie ist eher zurückhaltend und schüchtern und ihre ganze Leidenschaft ist das Bergsteigen. Er hingegen ist ein Beispiel der sogenannten Generation Y: Einzelkind von vermögenden Eltern und sorgenlos. Er ist etwas schludrig und wirkt oberflächlich. Sein Leben war bisher behütet und daraus resultiert seine positive Weltsicht. In ihrer Beziehung bringt sie sich mit der Leidenschaft zum Klettern ein, sonst ist es meist er, der sich durchzusetzen scheint. Sie ist die vernünftigere und sachliche Planerin, während er in gewisser Naivität einfach loslegt. So starten sie auch ihr großes, gemeinsames Projekt. Sie wollen das natürliche Leben spüren, raus aus Paris und die Welt erleben. Er überzeugt sie zu einem Sabbatjahr und sie erfüllen sich den Traum, die Routine hinter sich zu lassen. Anfänglich war ihnen noch nicht klar, was sie machen möchten, aber schnell reift die Idee einer Weltumsegelung.

Südlich von Kap Horn erwartet sie ihr eigentliches Abenteuer. Sie wollen sich eine unbewohnte Insel ansehen. Sie wandern von der Natur begeistert durch die gebirgige und eisige Landschaft. Als ein Sturm aufkommt rät sie zur Rückkehr zum Schiff. Doch er ist voller Tatendrang und will noch mehr sehen. Das Unwetter zwingt sie zur Flucht in eine ehemalige Walfängerstation, in der sie notgedrungen die Nacht verbringen. Er wacht auf und hört das Drehen des Windes, kann aber nicht ahnen, welche Konsequenzen es für sie hat. Der Anker muss sich durch das Unwetter gelöst haben und durch den wechselnden Sturm hat sich das Boot losgerissen. Das Abenteuer, ihre Suche nach Freiheit, findet eine jähes Ende und sie sind durch die Naturgewalt Gefangene der Insel geworden. Ein existentieller Kampf beginnt. Sie sind der Natur ausgesetzt und müssen von der kargen Insel leben, in der Hoffnung, dass sie im Frühjahr gefunden werden. Die Jagd nach Nahrung, das Schwinden der Hoffnung nagt an beiden und besonders die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Streitereien stellen ihre Menschlichkeit und Liebe auf eine harte Probe.

Die Lebensbedingungen werden eindringlich beschrieben und es ist eine untypische Abenteuergeschichte. Als die Inselgeschichte endet, geht es um das Verarbeiten der Extremsituation. Es ist die Geschichte unserer Zivilisation, die sich frei und ungebunden empfinden möchte, doch stets die Abhängigkeit aus den Augen verliert. Wie schnell können wir durch Naturkatastrophen oder Unachtsamkeit in neue, extreme Lebensbedingungen geraten.

Die Autorin, die selbst die Welt umsegelte, macht die extreme Lebenssituation der Protagonisten für uns erlebbar. Aber das Buch lebt nicht durch das reine Abenteuer. Es geht um die existentiellen Fragen: nach Freiheit, Schuld und Liebe. Auch ein Überlebenskampf kann Routine werden. Der Roman bietet Raum zur Interpretation und Reflexion. Das Schiff der beiden heißt wohl nicht ohne Grund Jason, nach dem Anführer der Argonauten.

Ein Roman, der uns auf dünnes Eis stellt und unsere Zerbrechlichkeit aufzeigt. Ein eindringliches Buch, in dem sich lediglich die Figuren ab und zu verlieren. Die wilde Natur prallt auf unsere gegenwärtige Zivilisation. Das Buch war nominiert für den Prix Goncourt.

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Anthony McCarten: „Licht“

McCarten Licht Diogenes

Der Roman beruht auf wahren Begebenheiten und erzählt davon, wie Kreativität durch Korruption und Machtgier unmenschliches zutage bringt. Die innere Einstellung des großen Erfinders Thomas Alva Edison, dass seine Ideen und Erfindungen stets dem Wohle der Menschheit dienen sollen, wird durch seine aufkommende Armut verdrängt. Edisons Erfindungen und Weiterentwicklungen der Elektrizität und Telekommunikation hatten einen großen Einfluss auf unsere kulturelle Entwicklung. Er ist der Erfinder der Glühbirne und dies war der Beginn der Elektrifizierung der Städte und der industrialisierten Welt. Doch jede noch so gute Entwicklung kann auch von Menschen missbraucht werden. Im Roman gibt es eine Szene, in der Edison mit dem Zug durch die Stadt fährt und eine Kirche sieht, die als ein Kasino umfunktioniert wurde. Er betrachtet die Menschen, die durch eine Mischung aus Tragödie und Fortschritt verkommen und sich nun lediglich den Sinnesfreuden hingeben.

Die Handlung des Romans basiert auf dem Kampf um den Erfolg der Elektrizität. Edison, der den Gleichstrom nutzt streitet sich mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Nikola Tesla und dem Erfinder sowie Ingenieur George Westinghouse. Tesla und  Westinghouse propagieren den Wechselstrom und die Parteien liefern sich einen erbitterten Streit welche Stromart Anwendung finden soll und die sicherste sei.

Wir erleben einen alten Thomas Edison, der auf seinen Lebensweg zurückblickt. Seine Erinnerungsarbeit ist daher eine verkürzte, wenn nicht sogar eine verzerrte. McCarten will auch keine weitere Biographie schreiben. Er nutzt die verfügbaren Fakten, um daraus ein spannendes Buch über den Preis des Fortschritts und des Ehrgeizes zu schreiben. Denn Macht und Gier sind die Motivation der Menschen, die Edison lenken und ihm weitere Aufträge zumuten.

Edison hat seit Kindheitstagen mit seinem Gehör zu kämpfen und verlangt daher von seinem Umfeld stets in 80 Dezibel zu sprechen. Schon als Jugendlicher hat er das Morsealphabet gelernt und somit auch seine Forschungen in diese Richtung gelenkt. Seine Frau pocht ihm das Gehörte oder ihre Meinung auf sein Knie, wenn sie unter Menschen sind. Seine Errungenschaften waren meist zur Vereinfachung des Büroalltags gedacht. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Elektrizität und der Elektrotechnik. Doch macht er auch naturwissenschaftliche Experimente, die in Selbstversuchen endeten, die ihn noch mehr als einen eigenwilligen Kauz erscheinen lassen. Als er die Glühbirne erfindet wird J.P. Morgan auf ihn aufmerksam. Morgan hat aus seiner New Yorker Bank ein Imperium gemacht und möchte Europa und dann Amerika mit Edisons Licht erleuchten.

Der Serbe Nikola Tesla, der mal für Edison gearbeitet hat, entwickelte Generatoren für den Wechselstrom. Er hat Motoren entwickelt, die mit Wechselstrom laufen. Doch Edison hält gerade den Wechselstrom für sehr gefährlich und deklariert Tesla als Spinner. Tesla bekommt Unterstützung von George Westinghouse und beide stehen nun Edison und Morgans Plan vom allgemeinen Licht im Weg. Da Morgan viel Geld in Edisons Wunderwerk investiert hat, verlangt er von Edison, Westinghouse bloßzustellen und den Beweis zu erbringen, dass Wechselstrom gefährlich ist. Edison bekommt dabei Unterstützung durch das Auftreten von Harold P. Brown und er setzt damit nicht nur sein Seelenleben aufs Spiel…

Ein Roman, der im wahrsten Sinne elektrisiert und ein Licht auf die damaligen Errungenschaften wirft. Das Spiel der Wissenschaft und der Habgier. Die Philosophie der Wissenschaft ist Leben zu retten, zu verbessern oder zu verlängern. Im Roman wird der Weg erzählt, wie sich mal wieder die Wissenschaft auf abscheulichste untreu wurde…

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Siehe auch die Besprechung auf Feiner reiner Buchstoff

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Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“

Natascha Wodin Sie kam aus Mariupol Rowohlt Verlag

„Wenn du gesehen hättest was ich gesehen habe“

Das vorliegende Werk macht deutlich, warum Literatur so wichtig ist. Literatur und Bücher sind wichtig, damit wir die Chance bekommen, den Umfang unserer Geschichte und der Geschehnisse auf der ganzen Welt etwas besser zu verstehen. Durch die Literatur können wir anhand einzelner Figuren bruchstückhaft an Geschichtsereignissen teilhaben und hoffentlich daraus lernen. Durch den emotionalen Bezug zu den literarischen Figuren oder tatsächlichen Einzelschicksalen verankert sich in uns Lesern ein Bezug zu Welten und Geschichten, die in solch einem Umfang sonst nicht möglich wäre.

Natascha Wodin hat ihre Suche nach der Geschichte ihrer Mutter literarisch festgehalten. Durch ihre Familienforschung werden wir Zeuge vom Leben einer Frau, die den stalinistischen Terror und deutsche Zwangsarbeit im Dritten Reich erlebt hat. Sie überlebt die dunklen Zeiten, aber zerbricht später daran. Diese literarische Romanbiographie gibt den Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschland deportiert wurden, eine Stimme und ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Natascha Wodin wurde 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth geboren. Sie wuchs in einem Lager für „Displaced Persons“ auf. Sie ist die Tochter einer Ukrainerin aus der Hafenstadt Mariupol, die mit ihrem Mann 1943 als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wurde. 1956 als Natascha gerade zehn Jahre alt war nahm sich ihre Mutter das Leben. Nie hat die Mutter ihr erzählt, was sie erlebt hatte. Natascha Wodin lebt heute als Schriftstellerin in Berlin und Mecklenburg. Ihre Suche beginnt, als sie spielerisch den Namen ihrer Mutter in die russische Suchmaschine eingibt. Sie wird auf der Seite „Azov´s Greeks“ fündig. Denn die Stadt Mariupol war lange ein Zentrum griechischer Kultur und bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Mehrheit der Stadtbevölkerung griechischer Herkunft. Bisher hatte Natascha Wodin spärliche Erinnerungen an ihre Eltern. Lediglich einige Fotos und eine Ikone waren in ihrem Besitz. Nun, durch diesen zufälligen Fund, kann sie eine Spur zur Geschichte ihrer Mutter aufnehmen.

Sie stammt aus einer Familie, die anscheinend Großgrundbesitzer und baltische Adlige waren. Es wird eine mühsame Suche, denn die Familie durchlebt die Nöte der Ukraine: Hunger, stalinistischen Terror, Krieg und Vernichtung. Sie werden enteignet und spiegeln das Ende einer ganzen Epoche. In der Familie waren Landwirte, Gebildete und Opernsänger. Durch die Revolution und den anschließenden Bürgerkrieg beginnt die Zerstreuung der Familie. Das ganze Land zerbrach, weil den Besitzenden alles genommen wurde ohne weitere politische Ideen. Nataschas Mutter wird während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland in ein Zwangsarbeitslager deportiert und in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Es gab während des Dritten Reichs eine massenhafte Deportation an Ukrainern nach Deutschland, eingeleitet von der Propaganda der Besetzer. Schritt für Schritt wurden Männer und Frauen aufgerufen, sich zum Arbeitseinsatz in Deutschland zu melden. 1942 wurde für alle Jugendlichen aus der Ukraine ein Pflichtdienst eingeführt. Bis zu zehntausend Zwangsarbeiter wurden Tag für Tag nach Deutschland transportiert. Durch das Auftauchen eines Tagebuchs wird im Roman parallel zur Geschichte der Mutter auch das Leben einer Schwester im sowjetischen Gulag geschildert.

Es ist ungewiss, wie viele Menschen während des Zweiten Weltkrieges zur Zwangsarbeit gezwungen und verschleppt wurden. Es waren Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die wie Sklaven eingesetzt wurden. Sie mussten unter meist unmenschlichen, KZ-ähnlichen Bedingungen leben. Durch die Recherche stößt  Natascha Wodin auf weitere Ungeheuerlichkeiten. Nach einer Studie des Holocaust Memorial Museums belief sich die Anzahl der Nazi-Lager auf 42.500. 30.000 davon waren Zwangsarbeitslager. Also waren diese Lager fast flächendeckend im Reich verteilt. Dies sind unfassbar große Zahlen, die es für die menschliche Vorstellungskraft umso wichtiger machen, dass einzelne Stimmen hervorgehoben und erhört werden. Diese persönlichen Schicksale wecken unserer Empathie und lassen den ganzen Umfang der Gräueltaten aus der Vergangenheit lebendig werden.

Es ist eine Biographie verpackt in einen literarischen Roman. Die Sprache ist reduziert, aber stets sehr kunstvoll eingesetzt. Die Handlung ist in den einzelnen Passagen gekonnt komponiert. Der Roman liest sich spannend und ist ein wichtiges Buch über eine bisher eher unbekannte Episode unserer dunklen Geschichte. Ein beklemmendes und intensives Leseerlebnis, das durch die eingesetzten Fotos an Tiefe und Persönlichkeit gewinnt. Natascha Wodin ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse und hat für das unveröffentlichte Manuskript zu „Sie kam aus Mariupol“ bereits den Alfred-Döblin-Preis verliehen bekommen.

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Sanne Averbeck: „Die Gästeliste“

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Ein Thriller um das Leben einer Selbstdarstellerin und ihre Gästeliste. Auf dieser Liste hält sie alle für sie wichtigen Personen und deren Netzwerke fest. Die Geschichte spielt mit den sozialen Medien, denn die Protagonistin hat ihr Auftreten in den diversen Kanälen perfektioniert. Handlungsort des Romans ist Hamburg und er zeigt uns eine Welt, in der die Charaktere mehr auf ihr Erscheinungsbild, als auf das tatsächliche Leben achten. Selbst ein Facebook Kommentar wird genutzt, um die User in diversen Gruppen in gewünschte Bahnen zu lenken. Ein „Gefällt mir“ als bewusste Inszenierung und alle Postings und wirklichen Auftritte dienen stets der Manipulation.Eigentlich sind die Figuren im Roman keine Menschen, die man persönlich treffen und kennenlernen möchte, aber man wird durch die spannende Handlung an das Buch gefesselt und liest es in einem Rutsch bis zum Ende durch.

Wir lernen Carola Martins kennen, die sich durch ihren Blog mit Produktbeschreibungen und Bewertungen einen großen Bekanntheitskreis erarbeitet hat. Ihre Meinung, Postings und Kommentare auf Twitter und Facebook sind sehr gefragt und sie setzt durch ihre Besprechungen und diverse Inszenierungen Trends. Sie hat die sozialen Netzwerke stets im Griff und verweilt täglich mehrere Stunden im Internet. Ihre Follower und Netzwerkfreunde erhoffen sich, ein Teil ihrer Welt zu werden. Regelmäßig veranstaltet Carola Partys, zu denen sie wichtige Persönlichkeiten einlädt. Ab und zu auch Menschen, die kurzweilig an ihrem Ruhm schnuppern dürfen oder von denen sich Carola erhofft, weitere wichtige Kontakte zu erfahren. Ihr nächster geplanter Schritt der Karriereplanung ist ein eigenes Fernsehformat.

Carola plant alles und studiert selbst die kleinste Mimik genau ein, damit ihr nichts auf ihrem Weg zu den großen Bühnen mehr im Wege steht. Sie erschleicht sich bei allen Menschen in ihrem Umfeld ganz subtil ihre Vorteile. Gefühle und wahre Freundschaften sind für sie nebensächlich. Lediglich zu Bianca, die sie seit der Kindheit kennt, scheint sie weiterhin eine Freundschaft zu pflegen. Über alle ihre Kontakte führt sie eine Liste, die sie gut versteckt aufbewahrt. Auf dieser Liste formuliert sie jegliche Tendenzen, Eigenschaften und  für sie wichtigen Vorteile, die sie von der entsprechenden Person erwartet.

Auf einer Party wird eine der Frauen verbal verunglimpft und dies zieht im Internet weitere, hämische Kreise. Kurz darauf gerät deren Schwester in einen Unfall. Auch hieraus versteht es Carola, ihren Vorteil zu ziehen. Doch geraten plötzlich weitere Menschen aus dem Umfeld in Gefahr. Bianca, die stets auf den Partys anwesend ist, aber nicht wirklich Spaß hat, lernt plötzlich einen Mann kennen. In einem Hotel sieht sie ihn später schlaftrunken aus dem Bad kommen. Er wird brutal und steckt ihr Schlaftabletten in den Mund. War das der Mann, der sie so liebevoll angesehen hatte?

Auch die konkurrierenden Fernsehproduzenten, die ein heimliches Liebespaar waren, werden Opfer eines Gewaltverbrechens. Jetzt wird die Polizei aufmerksam auf Carolas Netzwerk und stellt eine Verbindung zu ihrer Gästeliste her. Da auch dubiose Facebookprofile auftauchen und Mails unter falschen Namen versendet werden, wird der Verdacht immer stärker, dass jemandem daran gelegen ist, Carolas Leben zu zerstören. Muß Carola ihre Gästeliste aus der Hand geben? Kann es sein, dass es nur um die Liste geht, ihr eigentliches Kapital?

Der Roman spielt mit bestimmten Klischees und sogenannten It-Menschen einer Schickimicki-Gesellschaft. Die Sprache ist den Figuren und den üblichen Umgangsformen der sozialen Kanäle angepasst. Die Autorin möchte aufzeigen, dass Facebook und Co. nützliche Kanäle sind und vergleichbar mit einem Handwerkszeug, Menschen nützen, aber auch schaden können. Es liegt in unseren Händen, wie wir es nutzen und, ob wir uns positiv präsentieren oder stets den Schattenseiten folgen wollen.

Sanne Averbeck ist ein Pseudonym der Autorin Sonja Rüther (u.a. „Blinde Sekunden„). Dies wird bereits im Buch aufgeklärt, aber ich wusste es, dank Facebook….

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Siehe auch renies-lesetagebuch

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Takis Würger: „Der Club“

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Ein Campus- und Liebesroman mit einer düsteren und sehr spannenden Geschichte. Es geht um den „Pitt Club“ der Universität von Cambridge und einen weiteren, inneren Kreis, der sich seinen Mitmenschen gegenüber erhaben empfindet und vor Verbrechen nicht zurückschreckt. In einem elitären, inneren Kreis, können einige Mitglieder mit ihrer vermeintlichen Macht nicht umgehen. Die im Club vorherrschende Sportart ist das Boxen. Hier gilt es die Grenzen zu erfahren, und seine Überlegenheit nicht auszuspielen und zu missbrauchen. Der innere Kreis des Clubs bezeichnet sich als Schmetterlinge und sieht sich als eine natürliche Weiterentwicklung aus einem niederen Stadium. Aber das Bild des Schmetterlings wird auch in der Chaostheorie verwendet. Denn ein einziger Flügelschlag kann demnach einen Tornado auslösen. So liegt es bei dem Protagonisten, ein Schmetterling zu sein, der mit seinen Handlungen herausbekommen soll, was im Club vor sich geht, um dann das verbrecherische System des Clubs zu vernichten.

Der Roman beginnt in Niedersachsen. Die Eltern von Hans leben in einem abgelegenen Haus, damit die schwerkranke Mutter in Ruhe sterben kann. Durch einen tragischen Verkehrsunfall verliert Hans seinen Vater und kurz darauf auch seine Mutter. Als Hans acht Jahre alt ist, erfährt er von der Halbschwester seiner Mutter, die in England lebt, ihn aber nicht aufnehmen kann. So kommt Hans in ein kirchliches Internat. Einer der Brüder trainiert Hans dort weiterhin im Boxen, das er schon zu Lebzeiten seines Vaters angefangen hatte.

Eines Tages bekommt er ein überraschendes Schreiben seiner Tante, die ihn nach England einlädt. Sie lockt ihn mit einem Stipendium für das St. John College in Cambridge, denn es gibt dort eine Angelegenheit, bei der er ihr eventuell helfen könnte. Weiteres erfährt er erst, als er in Cambridge ankommt. Er soll ein Verbrechen aufklären. Was genau möchte Alex, seine Tante, vorerst nicht verraten. Alex hat Kontakte, die ihn für den „Pitt Club“ vorschlagen würden. Innerhalb dieses Clubs sind Verbrechen begangen worden, die er nun mit neuer Identität aufdecken soll. Er lernt Charlotte kennen, die ihn in das Leben in Cambridge einführt und in einen Snob verwandelt, damit er eine Chance bekommt, ein Mitglied des Clubs zu werden. Der Vater von Charlotte, ebenfalls ein Boxer, soll nun Hans für den Club vorschlagen. Es dauert auch nicht lange und Hans bekommt eine Einladung und wird ein Mitglied in dem elitären Club. Er erfährt Stück für Stück von den dunklen Geheimnissen, die sich hinter den Mauern des Colleges verbergen. Diese Machenschaften scheinen weite Kreise in der britischen Oberschicht zu ziehen. Alle halten sich bedeckt: Alex, seine neuen, echten und falschen Freunde. Besonders Charlotte, die ebenfalls ein trauriges Geheimnis hütet, verschließt sich vor Hans, wobei sich beide ineinander verlieben.

Alles spitzt sich auf den nahenden Boxkämpfen zu. Hans muss sich ganz auf den Club einlassen, damit er die Wahrheit und die Verbrechen verstehen und aufklären kann. Er handelt gegen seinen eigentlichen Charakter. Gibt es Momente im Leben, die es rechtfertigen, dass man das Falsche macht, um etwas Richtiges zu erreichen?

Der Roman wechselt gekonnt die Perspektiven und wir Leser erfahren ganz langsam das ganze Ausmaß der Geschichte. Die Charaktere und die Handlung sind hingebungsvoll angelegt und trotz der schrecklichen Geschehnisse ist es ein schön zu lesender Roman. Der Autor war bereits als Journalist tätig und hat jetzt mit „Der Club“ seinen Debutroman geschrieben. Er ist ebenfalls Boxer, hat in Cambridge studiert und war Mitglied in diversen Clubs und Vereinigungen.

Der gedruckte Roman ist ein kleines haptisches Erlebnis und die Farben des Umschlags sind den im Roman genannten Club-Farben angepasst. Das Buch überzeugt inhaltlich und mit der Aufmachung. Ein berührendes Buch, das eine schöne Liebesgeschichte, einen spannenden Kriminalfall und einen Entwicklungsroman beinhaltet.

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Siehe auch Die Buchbloggerin

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