Wiebke Strank: „Wolkenhoch“

Ein ganz besonderes Kinderbuch über Freundschaft, über die Kraft der Imagination und über eine große Suche. Die Suche wird begleitet durch die Liebe, besonders durch die Liebe zur Literatur, denn in Büchern ist stets alles möglich und die Geschichten werden in uns lebendig und die Protagonisten werden Fernfreunde. Wolkenhoch ist diese Reise in die Stockwerke der Phantasie, in die Vorstellungskraft und zu den unterschiedlichen Mitmenschen. Das wolkenhohe Gebäude ist eine Metapher, aber auch ein reales Hochhaus, das in Kiel mit Blick auf die Förde und Schwentine steht. Das Haus hat ein wirkliches Vorbild. Doch ist es ein Bild und in diesem lebt Rock mit der Mutter, die lediglich Mutt, Abkürzung für Perlmutt oder Mutter, genannt wird. Rock ist nicht der richtige Name, aber für Rock ist es der wahre und Jule, das wohl coolste Mädchen der Welt, ist die einzige, die Rock mit dem richtigen Namen anredet.

Die Hauptfigur kann ein Junge oder ein Mädchen sein und ist unsterblich in Jule verliebt. Jule ist das genaue Gegenteil von Rock und immer wenn der Mut fehlt, taucht sie auf und unterstützt Rock. Doch traut sich Rock nicht, Jule anzusprechen und die Empfindungen zu gestehen. Doch ist Jule fast immer für Rock da, zumindest irgendwie dabei. Das Zentrum sind die Bücher, die Bibliothek mit der Bibliothekarin, die Rock stets das zu lesen gibt, was Rock gerade benötigen könnte. Rock liest sehr viel und inhaliert die Klassiker, gerade die von Shakespeare oder Hemingway. Besonders die Charaktere von Shakespeare tanzen um Rock und animieren dazu, die Realität bunter zu sehen, denn zum Beispiel Mutt ist nicht die sorgende Mutter, sondern oft muss Rock sich um diese kümmern.

Eines Tages ist ein neuer Name bei den Klingelschildern des Hochhauses aufgetaucht: G.Ott. Ein Gott oder ein Gabriel, Grischa oder Gunnar Ott? Oder ist Gott eine Frau? Wolkenhoch geht es nun hinauf, denn Rock macht sich auf die Suche nach dem neuen Nachbarn. Dabei gehen die Besuche zu den Hampels, zu Frau Lüders, einer Rock-WG, zu den Wunderlichs, zu Maracke mit seinen vielen Tieren und zu einem paradiesischen Apfelgarten. Es sind alles unterschiedliche Menschen, die Rock und Jule antrafen, aber keiner weiß genaues über jenen oder jene G. Ott. Aber irgendjemand muss doch etwas wissen?

Ein wunderbares, vielschichtiges und facettenreiches Kinderbuch (ab 11 Jahre), das eventuell erst am Ende seinen realen Anfang nimmt … Ergänzt wird das Werk durch die Bilder von Rán Flyenring und es ist ein Hochhaus voller Fantasie.

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Dima Albitar Kalaji: „An das Monster“

Diese Lyrik ist minimalistisch und besteht oft nur aus einer Zeile. Dadurch ist es wie ein Winterspaziergang auf weißem Papier und die Schrift wird der Fußabdruck. Dabei ist es die Leere, die den Raum einnimmt und durch das Wort eine Fülle erhält, die alles ausfüllt. Das Monströse ist das, was in oder außerhalb von uns, oft im Du, auf uns lauert. Bleiben wir beim Bild des Winterspaziergangs, der eine Klarheit schafft und das Helle, Blendende erspürt und durch den Weg Spuren hinterlässt, die vom abgelegten Schmutz der Füße liegen geblieben sind. In diesen Zeilen dreht sich die Leere zu Fülle, das Kopflastige wird verwurzelt und die Emotionen bekommen durch die poetische Fixierung eine Schwere.

Es ist eine zweisprachige Ausgabe und die Seiten füllen sich mit Ungesagtem, Gesagtem und Gefühltem. Es ist der erste deutsch-arabische Band von Dima Albitar Kalaji. Aus dem Arabischen von Kerstin Wilsch, Leila Chamaa und Dima Albitar Kalaji übersetzt. Das Monster hat viele Gesichter: Schwermut, Schlafmangel, Patriarchat, Ausgrenzung, Einsamkeit und Liebe. Das Persönliche und das Innenleben platzen in diesen ganz kurzen Zeilen hervor, nehmen kaum schriftlichen Raum ein, um dann uns, den Körper, Verstand und unseren Kosmos zu berühren, umzustülpen oder auszufüllen. Die Distanz zum Gesprochenen, Geschriebenen, Gelesenen und Gehörten hebt sich auf und wir empfinden mit. Das Leben in der Diaspora wird mit jeder Zeile deutlicher. Bleiben wir erneut beim Bild des Winterspaziergangs, denn die Verfasserin, das lyrische Ich lernte stets auf brüchigem Boden zu wandeln, metaphorisch auf dem Eis, das jederzeit brechen könnte. Doch sie kennt die Brüche, Risse und gefährlichen Stellen. Sie benennt in ihrer verknappten Sprache das, was nicht weggebrochen ist, das was uns im Leben trägt. Oft ist es erneut ein Du.

Trauer, Verlust und Wehmut stehen neben Mut, Liebe und Vertrauen. Die Leere erfüllt das ganze Herz und verklärt dabei nichts. Die Lüge wird ausgesprochen durch das ausgewählte Du und die Traurigkeit fällt auf uns herab wie Regen, der nicht fällt. Die Wahrheiten sind in der monströsen Betrachtung oft die Hälfte der ganzen Lüge. Letztendlich ist dies ein Versuch, die Umstände, die Welt, die Menschen und sich selbst in diesem Raum zu begreifen. Das erzählende Ich stellt die Frage: „Wie kann das, was ich bin, so weit entfernt sein von dem, was ich bin?“. Licht taucht aber immer auf und zeichnet die Dunkelheit weg, um das Leben mit Illusionen zu würzen. Diese Gedichte bekommen eine Stimme, die in uns zu zittern beginnt, immer wenn wir diese lesen.

Eine Sammlung an Gefühlen, Gedanken, die in kurzen prägnanten Worten dem Fremden Vertrauen schenken. Lyrik ist die Kunst, das Wesentliche stehen zu lassen, alles andere, das Beiwerk zerfällt. In dieses Buch kehren wir oft heim, um den und unseren Monstern entgegenzutreten.

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Lou A. Probsthayn: „Junge Männer mit leeren Bierflaschen“

Diese Kurzgeschichten sind verrückt, tiefgründig und humorvoll. Es sind Geschichten über irgendwie alles und nichts. Ganz einfach und doch ganz schwer. Das Umfangreiche lauert lakonisch in der Kürze. Die knappen Beobachtungen öffnen dabei ganze Horizonte, die unsere Wahrnehmungen verändern können. Es sind Wortspielereien, die zuweilen treffsicher einen ganzen Kosmos verrücken. Es sind Texte, in denen wir uns festleben können.

Der Hamburger Verleger und Autor Lou A. Probsthayn ist stets für einen literarischen Quickie zu haben. Sein Verlag verlegt jene Quickies von bekannten und unbekannten Größen. Er selbst begründete Lesereihen und gründete seinen Verlag „Literatur Quickie“, der ausschließlich Kurzgeschichten publiziert. Gegenwärtig und nebenbei schreibt er selbst und beglückt uns mit seinem zarten, zynischen und lakonischen Sprachsound, der uns über Krankheiten, Körper, Vergänglichkeit, Angst und Freundschaft erzählt. Sein literarischer Zugang ist stets ernst und schonungslos und mit einem Humor versehen, der das Alltägliche oder das Drama in eine Schräglage versetzt, die uns über uns schmunzeln lässt. Alles regt an, sich weitere Gedanken zu machen. Manchmal steht am Ende eines Textes eine Ratlosigkeit im Raum, die aber eine weitere Beschäftigung verursacht. Manches ist auch herrlich verrückt. Anderes wiederum liebevoll und aus dem wahren Leben geschöpft. Nichts ist hier vorhersehbar oder selbstverständlich.

Der Reigen wird mit Ansgar eröffnet, der mit dem Hund spazieren geht. Ansgar ist tüddelig und alles muß ihm gesagt werden und der Weg anhand von Klebezetteln angezeigt werden. Doch sein ewiges „Stimmt“ hilft ihm nicht und letztendlich verliert sich einer auf dem Weg. Es geht dann weiter mit Panikattacken, Pizza bestellen oder geschnittenem Brot. Ein leeres Paket, das vom Absender an sich gesendet wurde. Alles ist normal, wenn es nicht durch die Kommunikationsschwäche der Charaktere oder die Probleme eine ganz andere Perspektive erhält. Die Verletzlichkeit des Menschen wird durch das Körperliche oder den Krieg gesteigert und doch versteht es Lou Probsthayn stets Linderungen anzubieten.

Die Erzählungen sind immer unterhaltsam, unangestrengt und herzlich. Das stille Drama im Leben findet Erleichterung durch Literatur und diese Texte lassen uns etwas mehr vom Leben verstehen und wir fühlen uns oft verstanden, auch wenn einiges unverstanden ist, das erst in uns rumoren, reifen oder wachsen darf. Die Neugier auf Menschen, auf das Unbekannte des nachbarigen Nachbarn treibt uns um. Letztendlich haben wir die Texte ausgetrunken und die leeren Flaschen sammeln sich in unserem verdrängten Umfeld. Durch diesen Blick auf Andere und Anderes minimieren wir unsere Belanglosigkeit, die Abstumpfung und die Empathie wächst.

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Tara Sullivan: „The Bitter Side of Sweet“

Ein spannendes Jugendbuch, das uns von realen Verhältnissen auf einer Kakaoplantage erzählt. Es ist die erschütternde Geschichte von moderner Kindersklaverei und die drei Protagonisten stehen als fiktive Charaktere für viele, die ähnliches Leid erleben. Es ist ein berührendes und unglaublich spannendes Buch ab 14 Jahren, aber es ist ein Werk, das für alle eine Bereicherung ist. Es ist für einige Preise und sogar zweifach für den Deutschen Jugendpreis nominiert.

Die wirkliche bittere Seite der Süße im Leben. Schokolade ist für uns die wohl wichtigste Süßspeise. Die Kakaobohne war und ist so bedeutend, dass sie sogar einst als Zahlungsmittel eingesetzt wurde. Heute denken wir selten über deren Herkunft nach, dabei ist der Weg der Frucht lang und der Preis sehr hoch. Die Bohne wird erst bei der Weiterverarbeitung zu einem teuren Gut, dabei verdienen die kleinen Landwirte kaum etwas damit. Fast 70 Prozent der Kakaobohnen werden in Afrika angebaut, davon der größte Anteil an der Elfenbeinküste.

Amadou und sein kleiner Bruder Seydou lebten auf dem Hof des Großvaters. Doch seit zwei Jahren sind sie auf einer Plantage an der Elfenbeinküste tätig. Sie hatten gehofft, lediglich für eine Saison dort arbeiten zu müssen, um dann endlich zurückzukehren. Doch sollen sie Schulden abarbeiten, die sie gar nicht überblicken können. Amadou zählt seitdem nur, was wirklich zählt und das wird täglich geringer. Seine Hoffnungen schwinden und der tägliche Schmerz und die Pein werden alltäglich. Er ist gerade 15 Jahre alt und versucht das Negative von seinem jüngeren Bruder, der gerade 8 Jahre alt ist, fernzuhalten. Jeden Tag sollen sie Kakaobohnen ernten. Sie sind in kleine Gruppen eingeteilt und werden ständig beobachtet. Sie müssen ein tägliches Soll erfüllen und liegt dieses darunter, werden sie mit Schlägen und Essensentzug bestraft. Daher gibt Amadou oft Seydou von seiner Ernte ab und hält fast immer seinen Kopf hin. Eines Tages wird Khadija ins Lager gebracht. Es ist ungewöhnlich, dass ein Mädchen dort ankommt und sie scheint auch von vermögenderen Eltern zu kommen, denn sie hat Schulbildung und wirkt ganz anders. Warum ist sie hier? Sie ist wild und voller Wut und lässt sich nicht alles gefallen und versucht auch gleich am Anfang zu fliehen, was leider den Brüdern zum Verhängnis wird. Amadou kennt diese Aufwallungen und beobachtet Khadija und meint, sie wird lernen sich anzupassen. Denn auch er hatte es mal versucht zu fliehen, doch die Strafen werden immer fieser. Doch er und Khadija kommen sich näher und sie weckt in ihm den Widerstandsgeist und gemeinsam wagen sie, für die Freiheit zu kämpfen.

Ein tolles Buch, das uns durch seine realitätsnahen Schilderungen die Augen öffnet. Ein wichtiges, spannendes und nachwirkendes Buch. Aus dem Englischen wurde es von Jessika Komina und Sandra Knuffinke übersetzt. Ferner wird es durch ein Glossar und ein lesenswertes Nachwort ergänzt.  

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Arne Rautenberg: „19 Türen“

Unser Wohnraum hat einige Türen, die als zimmertrennende Portale eingesetzt sind. Erweitern wir diese Räumlichkeiten durch die Kraft der Imagination, werden es immer mehr Türen und Arne Rautenberg hat diese für sich bestimmt, entworfen, reduziert und durchgängig gestaltet. Durch sein kreatives Denken und Schreiben verlassen wir mit ihm das Gewöhnliche und erkunden die Räume hinter der Vernunft, der Realität und nehmen unsere Sinne und Emotionen mit, die durch die jeweiligen Portale ins Strudeln geraten. Dabei staunen, schmunzeln und grübeln wir. Lyrik ist immer das Verbleibende, das was aus dem Klotz der Umschreibungen herausgemeißelt wurde und wie ein kristallines Zentrum als Prisma der Wahrheiten, Spiele und Vorstellungen bestehen bleibt. Die Lyrik arbeitet in uns subtil weiter und macht die von fremder Hand fixierten Empfindungen zu unseren, die unsere Wahrnehmung bewusst oder unbewusst zu verändern vermögen.

Türen sind Übergänge und durch das Lesen treten Dinge, Tiere, Menschen, Dichter, Künstler, Freunde, Widersacher in unsere Wahrnehmung. Durch das Lesen treten diese Sachen, Wesen und Charaktere aber auch wieder hinaus. Beide Richtungen sind möglich. Somit entsteht ein Strom aus Gedanken und Gefühlen, die uns beschäftigen. Mit Arne Rautenberg machen wir uns aber auf die Suche nach einer Tür, mit der wir den Raum verlassen möchten und Form und Zweck heben sich auf. Wunder und Überraschungen lauern hinter den Türen. Ein Kreiselspiel beginnt, in dem Sprache zur Emotion, zum Witz oder zum Gedanken wird. Alles blitzt auf, hallt nach oder grummelt im Hintergrund leise weiter. Das Labyrinth aus Räumen und Türen durchwandern wir chronologisch, im Suchdurchlauf oder in ewiger Rückkehr. 

Arne Rautenberg ist ein Lyriker aus Kiel, der mit Sprache und Schrift spielt. Die Zeilen werden nicht selten selbst zum gesetzten Bild. Natur ist Bestandteil und tanzt um Ironie und Menschlichkeit. Das Menschliche kann toxisch sein, erhellend oder sogar liebevoll. Aber es gibt auch die Mogs, Menschen ohne Gnade, die sich in Überholwut präsentieren. Aber genauso lachen wir über Ereignisse, Form- und Sprachwitz. Gedichte, die uns wie kurz vor dem Einschlafen überkommen und den Traum verändern.

Unbedingt ratsam ist es, sich den Zugang zu den Türen durch das Buch, das somit ein Universalschlüssel für die eigenen und fremden Räume ist, zu beschaffen. Nichts wie hinein und hindurch und sich auf Wunder einlassen.

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Nassir Djafari: „Tausend Fenster“

„Tausend Fenster“ ist der vierte Roman von Nassir Djafari und behandelt wieder seine großen Themen: Exil, Fortgehen, Flucht und die politische, gesellschaftliche und familiäre Verbunden- und Zerrissenheit. Seine Werke sind tolle, zugängliche Prosa, die eine menschliche Aktualität hat und gerne von einer breiteren Leserschaft erfasst werden sollte. Die Handlung nimmt einen sehr fesselnden Verlauf und die Spannung steigert sich gleichzeitig mit der Empathie zu den Figuren.

Djafari wurde 1952 im Iran geboren und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Nach seinem Studium ist er aktiv für die internationale Entwicklungszusammenarbeit tätig und durchdringt dadurch die Fragen um Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Er schreibt über das Fortgehen und Ankommen, das Leben zwischen den unterschiedlichen Kulturen und den Spannungsfeldern der Politik, der Umbrüche und der Familie. In seinem neuen Roman geht es nicht um den Iran, sondern um die Tschechei und dieser spielt im Jahr 1972, nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings. Die Handlung wechselt fast mittig die Perspektive und das Bild vervollständigt sich. Denn gleich am Anfang wird ein Spannungspunkt gesetzt, der uns regelrecht an die Geschichte fesselt.

Pavel Horak ist mit Jana verheiratet und als Journalist tätig. Durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche gerät er in den Fokus, verliert seine Arbeit und wird drangsaliert. Letztendlich darf er nur noch bei der Müllbeseitigung tätig sein. Der Fluchtgedanke ist ein täglicher Begleiter und die Absichten verfestigen sich. Ein Schleuser ist bezahlt und der Plan steht. In einem umgebauten Auto soll es über die Grenze nach Westdeutschland gehen. Der Fahrer wird erst Pavel transportieren und dann zurückkehren, um Jana zu holen. Pavel steigt ein, beziehungsweise  klettert in den entsprechenden kleinen Hohlraum und schafft es nach Nürnberg. In einem Hotel wartet er nun auf die Ankunft seiner Frau. Das Warten ist er gewöhnt, doch die Anspannung nimmt zu, ob die Flucht auch Jana gelingen wird. Nach einem kurzen Spaziergang, um die Nerven zu beruhigen, kehrt er zum Hotel zurück und sieht den umgebauten Wagen vorfahren. Eine Frau steigt aus. Aber es ist nicht Jana.

Pavel zieht wie geplant weiter nach Frankfurt zu Bekannten, die bereits vor langer Zeit umgesiedelt sind. Die Angst um Jana treibt Pavel um, denn was ist seiner Frau passiert? Wurde die Flucht vereitelt? Wollte sie gar nicht mit und wer ist die fremde Frau? Der Schleuser verspricht zu helfen und eine Zeit des Wartens bricht erneut an und Pavel beginnt, gedanklich sein Leben zu durchdringen. Der Perspektivwechsel kehrt dann zu Jana, die von ihrer Ehe mit Pavel erzählt und von ihrer starken Bindung zu ihrer aufmüpfigen Schwester, die immer wieder in Schwierigkeiten steckt.

Diese Literatur verdeutlicht die politische und gesellschaftliche Enge, die Menschen zur Flucht zwingt. Durch die sofortige Spannung will man einfach erfahren, was passiert ist. Die Handlung baut sich großartig erzählt auf, denn durch die Erinnerungen und den Perspektivwechsel wird letztendlich alles stückweise aufgeklärt und nachvollziehbar beschrieben. Der Titel „Tausend Fenster“ ist ein Schlager, der von Udo Jürgens komponiert und vom tschechischen Sänger Karel Gott gesungen wurde und handelt von der Anonymität und Einsamkeit in den Städten. Es sind die Fenster, die Möglichkeiten zeigen, Schutz geben, aber auch Privates öffentlich machen können. So auch der Roman, er zeigt an persönlichen und individuellen Schicksalen das öffentliche Leben, das durch Politik oder Gesellschaften zu Umbrüchen gezwungen und getrieben wird.

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Monika Geier: „Ein schönes Kind“

Gute Kriminalromane leben neben der Figurenzeichnung vom Setting. Von der Landschaft, der Umgebung, den Städten und besonders von den Gebäuden. Alles sollte mit Leben erfüllt sein, damit wir uns beim Lesen binden, finden und verlieren können. Wenn die Natur und die Häuser ein Eigenleben entwickeln, bekommt die Handlung etwas Unerwartetes und Unheimliches.

Das Setting steigert, gut eingesetzt, die gespannte Erwartung. Dies wusste und perfektionierte im Film der Altmeister Alfred Hitchcock und in der Literatur Arthur Conan Doyle und natürlich Agatha Christie. Besonders Letzte blitzt in literarischer Ehrverneigung im Roman „Ein schönes Kind“ von Monika Geier auf. Der Krimi als literarisches Werk verzerrt die Wirklichkeiten, um diese unterhaltend wahrhaftig spürbar zu machen. Dabei wird das Alltägliche in der Sprache und durch die Handlung zu einer Abbildung, die unsere Sicht zu verschieben vermag. Der Alltag wird genussvoll aus den Fugen gerissen und das Einfache verbirgt die kunstvolle Suche nach Wahrheiten. Der Krimi baut sich aus vielen Sedimenten zusammen, die aufeinander aufbauen und sich vermengen. Erst durch das Erspüren und Ausgraben verdeutlichen sich die Zusammenhänge. Dies passiert ganz subtil im Roman von Monika Geier. Ein Spiel aus Wahrnehmungen. Ein Verwirrspiel, das den Grusel, den Humor und die Spannung mit einbindet.

Marlie hat eigentlich einen Traumjob erhalten. Sie ist eine Architektin, die als Szenebildnerin für einen Fernsehsender eingestellt wird. Eine neue Serie soll produziert werden und der Kameramann und der Autor haben jeweils bestimmte Vorstellungen vom Setting. Marlie, die weiß, was sie kann, wird doch durch ihre Selbstzweifel gebremst. Denn der Kameramann versucht, sie zu manipulieren, da er durch nahe Verwandtschaft meint eine Location gefunden zu haben. Doch ist diese zu schattig, zu düster und überhaupt nicht geeignet. Denn die Vorgabe laut Skript ist eindeutig. Ein Gebäude wird gesucht, in der Serie „Villa Rosa“ genannt, das heiter, ansprechend, freundlich und gemütlich sein soll. Am besten mit einem Brunnen. Marlie gerät mit dem Kameramann aneinander und bricht alleine auf, um eine geeignete Villa in der Nähe zu finden. Sie durchstreift die Pfalz auf der Suche nach der besten Location und wird sehr schnell fündig. Ihre Bilder begeistern auch die Produzenten. Der perfekte Drehort. Doch alte Häuser haben ihre Geschichten. Es sind tiefe verborgene und manchmal auch tödliche Geheimnisse.

Dieser Krimi bietet erstklassige Unterhaltung und hat genügend Suspense, um immer wieder zu überraschen. Schräge und sympathische Figuren bevölkern das ganze Setting. Mit Spannung und Situationskomik wird ein cineastisches Bild aus Licht und Schattenspielen eingefangen. Ein wirklich  schöner Krimispaß.

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Gaea Schoeters und Gerda Dendooven: „Nichts, wirklich nichts?“

Ein bunter, kluger, philosophischer und wunderschöner Leseschatz. Über alles, beziehungsweise über nichts. Denn irgendwas ist immer. Dieses Was und das Nichts bilden zusammen alles, was es gibt. Dies finden die beiden Helden im Bilderbuch schnell heraus, doch wo ist dieses Nichts? Und was ist es?

Gaea Schoeters und Gerda Dendooven haben eine wunderbares Buch gemacht. Gerda Dendooven hat Bilder erschaffen, die kunstvoll, bunt und lebensfroh sind. Der Text stammt von der flämischen Autorin, die für ihren viel beachteten Roman „Trophäe“ bekannter geworden ist. Ihr gemeinsames Werk ist ein tiefgründiger Lesespaß, der alle Sinnfragen durchläuft, alles würde zum Beispiel Beckett sie gemalt und Rothko sie lyrisch beschrieben haben. Es ist ein Kinderbuch ab 5 Jahren und doch wird es die ganze Familie begeistern. Denn die Helden landen zum Beispiel in einem Gemälde, das ja auch aus dem Nichts entstanden ist. Aber gab es das Nichts vor dem Punkt oder Strich, der zum Bild wurde? Die Helden sind ein Hund und eine Katze und es beginnt mit einem Spiel aus einer Laune heraus. Aus dem Nichts sozusagen sagt der Hund, die Katze solle ihm etwas erzählen. Doch der Katze fällt nichts ein. Aber irgendwas muss sie doch wissen. Aber sie beharrt darauf, sie wüsste nichts und eine Stille breitet sich aus. Dann versuchen sie an Nichts zu denken. Aber jetzt wird es noch verrückter, denn wie soll das gehen? Nicht ans Spielen, an Mäuse oder an das gestreichelt werden denken? Denn sobald man über das Nichts nachdenkt ist da etwas. Meistens man selbst und alles dreht sich. Aber dann denken Sie beide, das Nichts wertvoll ist, denn das Nichts gehört allen und je mehr man hat, desto reicher wird man wohl sein. Aber ist das Nichts denn nicht auch etwas langweilig? Aber das Warten auf etwas ist wiederum schön. Warten auf das Kommende, aber das Kommende kann bedrohlich oder auch toll sein. Woher soll man das wissen? Während Hund und Katze nachdenken, verändern sich die Himmelsfarben und das Suchen im Irgendwo nach dem Nichts wird bunter, heller und aufklärender. Es ist sinnlos, den Dingen zuvorkommen zu wollen und das was aus dem Nichts hinauskommt, wo immer dieses Nichts liegt, kann eine wunderbare Überraschung sein, wie dieses Wunderwerk.

Die Bilder und der Text laden zum immer wieder neu bestaunen an. Wir staunen, brummen und verlaufen uns mit Hund und Katze gerne im Nichts, um das Gegenteil zu werden, denn nichts kann unsere Phantasie rauben, denn immer ist da etwas, auch wenn da nichts ist, ist da etwas  …

Kinder und Erwachsene sollten diese Reise zum Nichts machen und sich daran erfreuen. Das ganze Buch ist ein Kunstwerk und wurde aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm übersetzt.

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Michael Kleeberg: „Achilles in Taormina“

Ein großer und begeisternder Hemingway-Roman. Um dem Inhalt Gewicht und Wahrhaftigkeit zu geben, ist die eingenommene Ich-Perspektive ratsam. Sobald der Kern sich nur um gehörtes und lediglich wiedergegebenes handelt, verliert sich der persönliche Bezug. So eine Theorie. Kann nur eine eigene Erzählweise erfolgreich sein, wenn es tatsächlich erlebt wurde? Lebt Literatur nicht auch von der Imagination, Phantasie und Empathie? Michael Kleebergs Roman spielt mit dieser Fragestellung und tischt uns einen Roman auf, der sich um die Mythen des großen amerikanischen Autors dreht. Dabei tauchen wir ein in eine faszinierende Welt um die Wirkungskraft der Literatur innerhalb der Kulturgeschichte und unserer Weltgeschichte. Die Werke von Hemingway erhalten eine neue Lesweise und sein Personenkult eine andere Perspektive.

Der Titel deutet auf den antiken Helden Achilles hin. Ein Held, der ohne Patroklos nicht denkbar ist und gleichzeitig durch das Bild der Ferse sehr verwundbar ist. Die griechische Tragödie also in traumhafter Kulisse auf Sizilien. Hier mündet die Handlung in einem Fund, der alles in ein anderes Licht rücken könnte. Wie in einem Hemingway-Werk, bäumt sich hierbei ein Eisberg auf. Hemingway minimierte die Sprache und Emotionen stets, um bei seinen Lesern Empathie, eigene Gefühle und Gedanken zu erzeugen. Dabei sehen wir stets die Spitze des Berges, den Rest gilt es selbst in sich zu ergründen. Hemingway als männlicher Autor, der über Krieg oder über den Stierkampf schreiben konnte, aber dennoch auch die Verletzlichkeit anzudeuten verstand. Er war ein Wegbereiter der modernen Literatur. Ihm widmet Michael Kleeberg sein Werk und hat dadurch ebenfalls große Literatur geschaffen. Es ist ein wunderbares und lehrreiches Spiel aus Realität und Fiktion.

Durch die Handlung ziehen sich das Leben und die Begeisterung des amerikanischen Autors. Alles aus der Perspektive des Erzählers, des suchenden Ichs, der auf den Spuren seines Idols wandert. Ein junger Mann, der Autor werden möchte. Ein junger Mann, der sich nach seiner Männlichkeit fragt. Es ist Michael Kleeberg, der sich fragt, was einen guten Schriftsteller ausmacht und wie man zu einer Ikone werden kann. Dies nicht auf das Ego bezogen, sondern auf das kreative Werk, das bleibend sein soll. Um etwas erzählen zu können, sollte man etwas erlebt haben. Somit macht sich der junge Kleeberg auf, um zu erfahren, was sein Vorbild erlebte. Er möchte auch den Krieg erleben und verlässt nach dem Abitur Hamburg und fliegt nach Costa Rica, um sich beim Freiheitskampf einzubringen. Dort erlebt er einen kurzen Kampf und lernt seine große Liebe kennen. Sie ist Amerikanerin und beide träumen von einer gemeinsamen Zukunft und er begleitet sie zurück in die Staaten. Ihr Vater, dessen Familie durch den Holocaust umgekommen ist, empfängt ihn als Deutschen ungern. Doch das Treffen mit der Mutter wird das Leben von Kleeberg verändern, denn es stellt sich heraus, sie ist die erste und große Liebe seines Idols. Nun beginnt sein Wissensdrang sich enorm zu steigern. Sein Leben lang wird er Hemingway erforschen und sogar seine Arbeiten über ihn schreiben, um letztendlich auch sich zu finden. Beim Schreiben möchte er hinter die letzten Geheimnisse seiner Ikone kommen. Der amerikanische Held, der sich selbst zu inszenieren wusste und in Europa, letztendlich in Taormina, ein Geheimnis neben seinen ganzen Mythen hinterlassen hat. 

Michael Kleeberg ist ebenfalls ein Autor, der schreiben, erfahren und erfühlen kann,  was sich von seinem realen Leben unterscheidet. Es gibt den Autor des Buches, den realen und jenen, den Erzähler, der wie sein Idol ausschmückt und verändert. Der Erzähler ist ein literarisches Produkt, das sich der Wahrheit annähert. Der Roman ist ein Werk der Fiktion. Er basiert auf dem aktuellen Stand der Hemingway-Forschung. Auch wenn Autor und Erzähler viel gemeinsam zu haben scheinen, ist die Handlung inspiriert oder hineinmontiert. Dies ist alles so klug aufgebaut, dass es eine Freude ist, den Wahrheiten und Fiktionen, die hier gleichberechtigt alles beleben, zu folgen. Ein Roman, der begeistert, auf das Werk Hemingway neugierig macht und mit viel Überzeugungskraft die Liebe zur Literatur in jeder Szene feiert. Der Kunstgriff, die Hauptfigur nach sich zu benennen, ist ein weiterer Fußabdruck des Idols, der der versteckten literarischen Wahrheit Gewicht gibt. Ein wirklich großer Roman.

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Joey Goebel: „Sunset Flip“

Es gibt ein literarisches Bermudadreieck, in dessen Geschichten wir uns gerne ziehen lassen. Die Eckpunkte bilden Benedict Wells, John Irving und Joey Goebel. Letzterer hat einen neuen Roman geschrieben, der das sportliche Spiel zwischen Wirklichkeit, Traum und der Rolle im Leben beschreibt.

Joey Goebel hat stets gute Ideen für seine Romanwelten und setzt seine Helden gerne in ungewöhnliche Umgebungen. Jetzt geht es in die Welt des Wrestling, dabei ist diese Sportart ein wunderbarer, verrückter Schauplatz, aber auch eine Metapher für eine Scheinwelt und ihre Künstlichkeit. Man muss kein Freund dieser Showkämpfe sein, um Spaß am Buch zu haben. Wenn man sich aber etwas auskennt, erkennt man das hier Hulk Hogan, The Rock oder The Undertaker nicht namentlich auftauchen, aber augenzwinkernd durch die Zeilen blicken. Letzterer ist zum Beispiel im Roman Mr. Never. Auch sollte man folgende Begrifflichkeiten einordnen können: Face und Heel. Mit Face ist das gute Gesicht in der Show gemeint, also der gute Held, während Heel der böse Protagonist ist. Die Rollen sind natürlich geplant und abgesprochen, wie auch die Kämpfe. Der Titel ist eine Anspielung auf einen Showakt, der beide Sportler wie eine  Bismarckrolle tänzeln lässt, um einen der beiden zu Boden zu werfen. Wir erfahren auch durch den Roman, dass es Räumlichkeiten gibt in Gaststätten, die nahe den Kampfarenen stehen, die nur für Sportler zugänglich sind, damit die Fans nicht erleben müssen, dass Ihre Helden mit den jeweiligen Erzfeinden zusammen speisen oder etwas trinken.

Der zweifelnde und introvertierte Held ist Auggie Schnuck, der als The Aug Karriere macht. Gerade ist seine Action-Figur erschienen und er möchte sich dieser weiter anpassen, denn diese hat etwas mehr Muskeln. Doch Nadine, die Liebe seines Lebens, weiß ihn zu bremsen. The Aug ist er geworden, weil er mit seiner vorherigen Figur gebrochen hat. Während eines beginnenden Kampfes, nimmt Auggie sich das Mikrofon und spricht zum Publikum, er könne so nicht weitermachen und er fragt seine Fans, was er machen soll. Er möchte doch einfach nur Auggie sein. Da er die ganze Show in Frage stellt, wird sein Mikro ausgeschaltet, aber er weiß sich weiter zu helfen. Doch auch diese Einlage war bis ins kleinste Detail geplant und der unberechenbare, fast verrückte The Aug war geboren. Doch seine Selbstzweifel sind echt und er weiß zwischen sich und seiner Rolle nicht immer zu unterscheiden, denn als The Aug ist das Leben etwas einfacher, als in der Realität. Das steigert sich sogar, als sein Manager ihm eine Filmrolle in Aussicht stellt. Kann er diese selbst oder nur als The Aug verkörpern? Kann er sein Leben nur in seiner Rolle erfüllen? Ein Spiel zwischen den Wirklichkeiten beginnt. Ein Kampf um Liebe und Künstlichkeit beginnt.

Joey Goebel unterhält großartig. Sein Roman ist sehr cineastisch aufgebaut und erinnert an die Filme „Crazy Heart“ oder „The Wrestler“. Er ist etwas dialoglastig, aber das passt zu der Welt, in die Goebel die Scheinwerfer strahlen lässt. Die Handlung springt in den Zeiten und wir lernen Auggie als jemand kennen, der aus ärmeren Verhältnissen stammt und sich seine Träume erkämpft. Dabei ist ein stimmungsvoller Roman entstanden, der von Sehnsüchten und dem Wunsch nach Wahrheit und Anerkennung handelt. Die Übersetzung stammt von Nicolai von Schweder-Schreiner.

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