Anke Gebert: „Wo du nicht bist“

Anke Gebert Wo du nicht bist Pendragon

Der Roman von Anke Gebert zeigt wie wichtig es ist, an die Liebe zu glauben und an dieser festzuhalten, je mehr Hass sich im Umfeld zeigt. Liebe und menschliches Handeln sind Wegweiser in dunklen Zeiten. Das Besondere an dem Werk ist, dass es Geschichte erlebbar macht. Erschreckend ist, dass die Frage, die man sich oft gestellt hatte, wie konnte damals eine solche Fremdenfeindlichkeit entstehen, die in einem furchtbaren Holocaust ihr grausames Gesicht zeigte, immer gegenwärtiger wird. Es ist wichtig, das wir endlich aus der Geschichte lernen und niemals wieder solchen Hass, Krieg und Massenmorde zulassen. Dabei gibt und gab es Menschen, die an der Liebe festhielten und den Hass nicht zuließen. Irmgard Weckmüller war eine solche Frau. Sie schrieb einst selbst, dass jeder Mensch sein eigenes Kreuz zu tragen habe, dazu wurde ihm auch seine starke Schulter gegeben. Sie gab niemals auf und war stets für andere da. Ihr eigentlicher Kampf begann nach dem Krieg, als sie ihren Mann, Dr. Erich Bragenheim, post mortem ehelichen wollte.

1929 lebt Irma mit ihrer Schwester, Martha, in Berlin. Ihr Vater war im Krieg gefallen und ihre Mutter litt seitdem unter Depression und ging vermutlich in den Freitod. Seitdem wohnen die jungen Frauen zusammen unter Beobachtung einer Nachbarin. Irma arbeitet als Verkäuferin für Stoffe und Tücher während Martha als Hausmädchen eine Einstellung gefunden hat. Martha wird von dem Mann der Familie, für die sie arbeitet, missbraucht und schwanger. Hierbei kommt es zu der ersten Begegnung mit Dr. Bragenheim. Irma begleitet Martha zum Arzt, der sich um Marthas Schwangerschaft kümmern wird, denn sie will das Kind austragen. Dadurch, dass sie das Kind behält, verliert Martha ihre Arbeit und nun liegt es an Irma fast alleine für den Lebensunterhalt zu sorgen. Als es bei Marthas Geburt zu Schwierigkeiten kommt, ist es erneut Dr. Erich Bragenheim, der zur Hilfe eilt. Aus dem Kennenlernen entwickelt sich langsam mehr und Erich und Irma gehen zusammen aus und verlieben sich ineinander. Irma ist sehr offenherzig und versucht, mit jedem Menschen zurechtzukommen, daher wundert es sie, als sie zum ersten Mal darauf hingewiesen wird, dass der Mann an ihrer Seite ein Jude sei. Sie versteht nicht, warum es Menschen gibt, die seine Lebensweise oder Religion in Frage stellen. Als die Nazis größeren Zuspruch aus der Bevölkerung erhalten und die rechten Anfeindungen immer mehr werden, nehmen es Erich und Irma noch gelassen. Sie gehen davon aus, dass dies eine kurzweilige Laune der Zeit sei und die Gespenster sich bald wieder verziehen würden. Doch auch der Freundeskreis verfällt in antisemitische Floskeln und das gemeinsame Leben wird den beiden immer mehr erschwert. Doch lassen sich Irma und Erich ihr Leben und ihre Liebe nicht kaputtmachen. Sie verloben sich und sehen positiv in die Zukunft. Durch die Verlobung verliert Irma ihre Arbeit als Verkäuferin und der Hass nimmt immer mehr zu und hält auch in der eigenen Familie Einzug. Als auch die neuen Gesetze durchgesetzt werden, wird dem verlobten Paar die Hochzeit untersagt.

Später wird Erich nach Theresienstadt abgeführt. Auch dort bewahrt er Irma gegenüber noch das Sorgenlose als sie ihn dort einmalig besuchen darf. Später, nach dem Krieg, als der Schrecken sich langsam legt, macht sie sich sofort auf die Suche nach Erich. Leider wird sie erfahren müssen, dass er nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde. Ihre Trauer schlägt um in den Beschluss, ihn jetzt endlich zumindest auf dem Papier zu heiraten. Denn sie haben sich damals ewige Liebe geschworen. Diese ewige Liebe soll über den Tod hinaus gelten, denn für sie gab und gibt es nur Erich. Doch wird es schwer werden, einen Anwalt zu finden, der wieder seine Tätigkeit aufgenommen hat und sich solch eines ausweglosen Falles annimmt. Kann Irma es schaffen, letztendlich die Liebe siegen zu lassen?

Ein besonderes Buch über eine besondere Frau. Der Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Die Handlung und die Sprache schaffen einen schnellen Zugang zum Text. Die Figuren sind lebhaft und authentisch zum Leben erweckt worden. Die Geschichte ist voller Trauer, aber auch Hoffnung. Hoffnung, dass wir endlich erkennen, dass wir alle Menschen sind, die Liebe suchen und brauchen. Zu hoffen bleibt auch, dass es solche Bücher sind, die es vereiteln, dass sich die Geschichte jemals wiederholen wird.

Vielen Dank an Günther Butkus vom Pendragon Verlag und Anke Gebert, die mich auf der Rückseite des Buches zitieren!

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Janna Steenfatt: „Die Überflüssigkeit der Dinge“

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Ein Warten bis sich der Vorhang zum eigenen Leben hebt. Dieser fiebrige Moment, bevor das Stück auf den Brettern, die die Welt bedeuten, losgeht, erzeugt eine Spannung auf das Kommende, das noch im Ungewissen liegt. Das Warten dahin wird mit Dingen ausgeschmückt, die aber in Bezug auf den eigenen Werdegang niemals als überflüssig bezeichnet werden sollten.

Janna Steenfatts großartiges Debüt erzählt die Geschichte von Ina, die für sich bisher keine großen Erwartungen an das Leben formulieren konnte. Sie hat Germanistik und Philosophie studiert, ohne sich Gedanken zu machen, was sie damit mal beruflich anfangen möchte. Sie sehnt sich nach Geborgenheit, nach jemandem in ihrem Leben und wünscht sich lediglich eine Arbeit, die sie etwas erfüllt und ihren Alltag finanziert. Sie lässt sich treiben und empfindet sich als eine Gelähmte, die einsehen muss, dass ihr wirkliches Leben, auf das sie bisher gewartet hatte, eventuell schon angefangen hat. Ihre Beziehungen sind bisher keine ernsthaften und eher Phasen in der persönlichen Entwicklung.

Auf Wohnungssuche in Hamburg findet sie ein WG-Zimmer bei Falk, mit dem sie sich anfreundet. Er liebt sie und sie weiß von seinen Gefühlen. Beide blenden dies aber bisher gekonnt aus. In St. Pauli leben sie nun mit einer Katze und ziehen abends auch gerne um die Häuser. Als Inas Mutter stirbt, ist es Falk, der alles organisiert, die Haushaltsauflösung und die Seebestattung in Travemünde. Die Mutter war Schauspielerin, deren große Rollen aber in der Vergangenheit lagen. Sie hatte zuletzt nur noch kleinere Auftritte und es ist fraglich, ob Inas Mutter sich das Leben genommen hat oder ob es ein Unfall war. Während der Trauerbewältigung kommt die Erinnerung an die Zeiten als Inas Mutter noch eine gefragtere Schauspielerin war. Oft sind sie umgezogen und jede neue Spielzeit verlangte von Ina als Kind und Jugendliche viel familiären Verzicht. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Als die Mutter aber eines Tages angetrunken war, verriet sie den Namen. Es ist Wolf, der gerade jetzt wieder nach Hamburg anreist, um im Schauspielhaus Shakespeares „Sommernachtstraum“ als Regisseur zu inszenieren. Ina will ihren Vater endlich treffen und nimmt einen Job in der Schauspielkantine an. Die Atmosphäre in und um das Theater lässt sie ankommen. Sie atmet diese Welt ein und kann sich langsam öffnen, gerade als sie die Schauspielerin Paula kennen und lieben lernt. Paula ist gleich der Figur Puck, die sie auf der Bühne spielt. Beide verbringen eine gemeinsame Zeit, die Ina verändert. Auch Ihrem Vater begegnet sie im Theater. Aber wie sich das Gefühlsleben von Ina entwickelt, ihr hin und her zwischen Falk und Paula und ob sie sich ihrem Vater zu erkennen gibt, soll selbst erlesen werden.

Ein Roman, der mit der Handlung und den gut gezeichneten Charakteren, sehr überzeugt. Besonders das Getriebene und das noch nicht Gefestigte im Leben der Protagonistin wird sprachlich toll eingefangen. Der Text glänzt in den Beschreibungen der einzelnen Beziehungen, zur Mutter, zum Mitbewohner, zum Kollegium und innerhalb des Liebeslebens. Die Suche nach Geborgenheit und das Angenommenwerden sind hier glaubhaft mit Humor und Einfühlungsvermögen erzählt. Durch Kleinigkeiten werden die Dinge groß, die nur auf den ersten Blick überflüssig erscheinen.

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Ilinca Florian: „Das zarte Bellen langer Nächte“

Ilinca Florian Das zarte Bellen langer Nächte Karl Rauch Verlag

Eine Frau, die sich zu finden versucht. Was kommt nach der Leichtigkeit der Jugend? Woher kann und soll man wissen, was man im Leben will?

Das Bellen kennt man als Laut, um auf sich aufmerksam zu machen, um abzuwehren oder um auf einen Missstand hinzuweisen. Doch ist dieses Bellen nicht nur im Titel ein zartes – ab und zu auch ein schönes, herzergreifendes Wimmern. Die Protagonistin des Romans wird einem sehr schnell sympathisch und ist wohl ein Abbild ihrer gegenwärtigen Großstadtgeneration. Es geht um die Sorgen und Bemühungen einer jungen Frau, die gerade ihr Studium beendet hat.

Hannah lebt mit ihrem Freund zusammen in Berlin. Ihr Freund träumt von einer Musikerkarriere. Nach ihrem Soziologie-Studium muss sie jobben, um einigermaßen zurechtzukommen. Sie hadert mit der jetzigen Situation, denn sie hatte sich das Leben anders vorgestellt. Gerade das Berufsleben, aber auch die Beziehung zu ihrem Freund, der sich als Künstler mehr oder weniger von ihr aushalten lässt. Hannah macht Schichtdienst in der Restaurantabteilung des KaDeWe, hatte vorher aber aus Geldmangel auch andere und schlimmere Jobs angenommen. Auch macht sie einmal etwas für Geld, das ihr hinterher sehr unangenehm ist. Sie findet kein echtes Ziel. Ihre Eltern, die gutbürgerlich und aus der Welt der Kunst kommen, unterstützen sie, mahnen aber auch zur bewussten Tätigkeit. Hannahs Beziehung zu ihrem Freund leidet und bekommt eigentlich nur noch eine Beständigkeit durch den Hund, der irgendwann dazukommt. Doch als die Band ihres Freundes das Angebot erhält, als Vorband auf Tour zu gehen, entfernt er sich immer mehr aus dem gemeinsamen Leben. Hannah trifft auf eine ältere und sehr gute Freundin, die eine fast schon illegale Bar eröffnet. Hannah war damals als Cocktailmixerin sehr kreativ und bekommt bei ihrer Freundin eine feste Anstellung. Doch wie soll man ernsthaft sein Leben planen, wenn man beständig getrieben wird?  Wie passt der eigentliche Lebenswunsch in die jetzige Konstellation hinein? Wie vereint man sein sprunghaftes und unkontrolliertes Leben mit den Bedürfnissen eines Hundes? Hannah findet durch ihre guten Freunde und das neue Umfeld bei der Arbeit langsam immer mehr Halt, doch kann sie sich darauf verlassen?

Ein feiner, stimmiger und lesenswerter Roman über die Suche nach den Zielen im Leben. Das Finden und das Abgrenzen stehen dabei selbstbewusst nebeneinander. Als Leser verfolgt man nur eine kurze Zeitspanne der Protagonistin, doch versteht es die Autorin sehr einfühlsam, die Sorgen, Emotionen und Gedanken der Figur glaubhaft werden zu lassen und literarisch zu fixieren.

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Ute Cohen: „Poor Dogs“

Ute Cohen Poor Dogs Sepime

Der Begriff „Poor Dogs“, also eine wirtschaftliche Bezeichnung für ein negatives Marktwachstum mit einem relativ geringen Marktanteil, ist Namenspate des neuen Romans von Ute Cohen. Ein Buch, das fordert, provoziert, ekelt und unterhält. Diese Welt, die sich dem Leser nun eröffnet, ist eine Mischung aus „The Wolf of Wall Street“, „Die Firma“ und „American Psycho“. Es sind Menschen, die hier in den Vordergrund rücken, die den Bodenkontakt verloren und jegliche Grenzen überschritten haben. Die ethischen und gesellschaftlichen Grundsätze gelten nicht für diese Charaktere. Jegliche Moral wird hier außer Kraft gesetzt. Was sind das für Menschen, die mit riesigen Geldsummen jonglieren? Menschen, die meinen Macht zu besitzen und diese in allen Facetten missbrauchen. Ihre Welt wird immer kleiner und auch die Globalisierung schrumpft. Die Länder als Spielfeld der erhobenen Spitzenklasse einer Gesellschaft, der man hier schwer Sympathie entgegenbringt.

André und Eva arbeiten für eine Unternehmensberatung und alles scheint ihnen möglich zu sein. Liebe und Leben wird nach Business-Modellen ausgerichtet. In der Welt ihres Hardcore-Kapitalismus ist alles auf Nutzenmaximierung ausgerichtet. Sie leben und handeln immer mit dem Gedanken an die Gewinnmaximierung. Auch im Privaten. Liebe ist nur ein Begriff und die Beziehungen und die Ehe sind Modelle der sexuellen Grundversorgung. Die Figuren handeln kühl, berechnend und immer nur mit dem eigenen Vorteil im Blick. Politisches und sozial korrektes Handeln verdrängen sie immer mehr. Es sind teilweise Männer, die Frauen als sich wehrende oder als sich fügende Wesen einordnen. Macht-, Business- und Sexspiele als Droge und als Mittel zum Weg an die Spitze. Gier, Belästigung und Machtmissbrauch sind an der Tagesordnung. Sie sind auf der Suche nach einer Vision für das neue Jahrtausend und alles wirkt für sie grenzenlos. Doch der Absturz folgt, nicht nur mit der Finanzkrise.

Ein triefend böser Roman, der in sich eine Spannung aufbaut, die eine überspitzte, aber leider wohl auch realistische Welt aufzeigt. Es sind Figuren, die jegliche Grundlage der Menschlichkeit aus den Augen verlieren und alles nach Portfolio-Analysen und weiteren Business-Modellen ausrichten. Der Text hat etwas, im wahrsten Sinne des Wortes, Cooles und ist stets kurz, einfach und ohne weitere Erläuterung gehalten. Somit baut sich langsam eine Handlung und, wenn überhaupt möglich, ein Bezug zu den Charakteren auf. Es ist kein Wohlfühlbuch und man hadert mit den Charakteren. Daher fällt das Lesen ab und zu schwer, aber es ist auch schwer, das Buch wieder aus der Hand zu legen, weil man gefesselt wird und sich dem Ganzen irgendwie nicht entziehen kann und mag.

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Isabelle Autissier: „Klara vergessen“

Isabelle Autissier Klara vergessen mare

Nach dem gefeierten Roman „Herz auf Eis“ hat Isabelle Autissier nun einen neuen Roman herausgebracht und konnte sich mit „Klara vergessen“ sogar literarisch steigern. Isabelle Autissier, Seglerin und engagierte Naturschützerin, hat einen Roman geschrieben, der von einer Familie erzählt, die durch die Geschichte der UdSSR geprägt wurde. Die Familie erlebte eine Inhaftierung, einen großen Verrat und lebt nun mit dem Vergessen, d.h. der Verdrängung und dem Schweigen darüber. Es ist ein historisches Abenteuer und lebt von den gelungenen Charakterisierungen und den großartigen Beschreibungen der Natur und der Ortschaften. Der Roman, der aus dem Französischen von Kirsten Gleining übersetzt wurde, unterhält, bildet und ist unheimlich packend geschrieben.

Es beginnt mit einer E-Mail. Juri ist Ornithologe und lebt in Amerika. Er bekommt eine Nachricht, dass sein Vater, der immer noch in Murmansk lebt, sterbenskrank ist und in der Klinik ist. Er möchte Juri um einen Gefallen bitten. Juri, der mit einem Mann zusammenlebt und ein glückliches Leben in Nordamerika gefunden hat, zögert nicht lange und begibt sich auf die Reise in seine Heimat. In Murmansk hat sich vieles verändert aber auch vieles ist so geblieben, wie es Juri aus seiner Kindheit erinnert. Rubin, sein Vater, ist immer noch ein harter, mitleidloser Mann, auch jetzt auf dem Sterbebett. Er möchte, dass Juri das Geheimnis um Klara, Rubins Mutter und Juris Großmutter, lüftet.

Juri geht der Geschichte nach und es wird ihm deutlich, dass sein Leben mit dem Schicksal von Rubin und Klara eng verbunden ist. Zu Zeiten Stalins kamen die Eltern von Rubin als Wissenschaftler nach Murmansk. Rubin wurde Zeuge von unheimlichen Gesprächen seiner Eltern, die anscheinend eine große Gefahr witterten. Eines Nachts wird Klara abgeführt und der fünfjährige Rubin ist seitdem leicht traumatisiert. Rubin wird später ein unerbittlicher Fischer, der seinem Sohn Härte demonstrieren will. Juri erlebte sein erstes Freiheitsgefühl am Hafen, als er und seine Mutter auf das Einlaufen des Schiffes von Rubin warteten und er den Seevögeln nachschaute. Diese Leidenschaft  wuchs in ihm und er wurde immer mehr zu einem wissbegierigen Ornithologen. Als Pionier in einem Camp entdeckte er auch seine noch nicht ausgelebte Homosexualität.

Rubin wollte Juri zu einem starken Mann erziehen, der wie er zur See fährt und nahm ihn eines Tages auch mit an Bord. Auf hoher See erlebte Juri das brutale und entbehrungsreiche Leben der Fischer und musste sich als Schiffsjunge vieles gefallen lassen. Es kam zu einer bedrohlichen Auseinandersetzung, als er in seiner Freizeit Vögel beobachtete und ihm sein Fernglas entnommen und ins Meer geworfen wurde. Er war das Opfer von täglicher Gewalt auf dem Schiff seines Vaters. Er schwor, sich von seinem Peiniger zu befreien und es kam zu einer schicksalshaften Wendung in seinem Leben.

Juri suchte sein Glück in Amerika und wurde dort auch als Ornithologe ansässig. Nun katapultiert ihn die Nachricht einer ehemaligen Nachbarin zurück in seine Vergangenheit und auch in die seines Vaters und seiner Großeltern. Klaras Inhaftierung und Verbleib ist immer noch ein Rätsel, das Rubin immer für sich geklärt haben wollte, nun aber mit seiner Krankheit auf Juri, seinen Sohn, abwälzt. Damals wurden unglaublich viele Menschen verhaftet, die sich meistens gar nichts haben zu Schulden kommen lassen. Hat Klara sich damals gegen das Regime gestellt, war sie als Wissenschaftlerin ein Opfer der Zeit oder wurde sie verraten? Juri erlebt nun das Aufbrechen des gefährlichen Schweigens und stellt sich der Vergangenheit.

Ein großartiger Roman, der fesselt und toll geschrieben ist. Mit viel Feingefühl und einer klaren, manchmal knappen Sprache wird ein großes Panorama an Geschichte, Emotionen und persönlichen Schicksalen eröffnet.

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Jami Attenberg: „Nicht mein Ding“

Jami Attenberg Nicht mein Ding Schöffling

Erwachsen werden ist ein schleichender Prozess, den man erlebt, verschmäht oder gerne auch aufschiebt.  Was ist der entscheidende Auslöser in einem Leben, der einen plötzlich bewusst oder unbewusst erwachsen handeln lässt? Jami Attenberg, die Autorin von u.a. „Die Middlesteins“ oder „Saint Mazie“, wirft eine junge Frau ins Leben und lässt diese erzählen, was ihr Ding ist, dass sie am Leben hält. Auch die Umkehr, das Benennen und Erzählen von dem, was nicht ihr Ding ist, weckt beim Lesen einen Wissensdurst, der zum persönlichen Ding wird und man möchte aus dem Leben der Protagonistin mehr erfahren.

Es geht um eine Frau, die sich auf einem Selbstfindungstripp befindet. Leichter fällt es ihr natürlich, das auszufiltern, was nicht zu ihr passt, d.h. nicht ihr Ding ist. Dabei verliert sie leider ab und zu die Übersicht. Denn einiges, was sie abgelegt hatte, vermisst sie wiederum in Folge. Zum Beispiel die Kunst, die Kreativität und natürlich die Liebe.

Gleich zu Beginn der Lektüre wird man durch die direkte Ansprache per Du geradezu überrollt. Doch ist man als Leser wirklich gemeint oder wem erzählt Andrea, die Heldin des Werkes, die ganze Geschichte? Durch diesen  literarischen Schachzug wird man aufgefordert, sich dem Kommenden zu stellen und sich ganz auf das Buch einzulassen.

Andrea hat Kunst studiert und abgebrochen. Sie lebt in New York und arbeitet in einer Agentur. Sie verdient einigermaßen gut, kann sich mit der Arbeit aber nicht identifizieren und fühlt sich unterfordert. Meist hat sie ihre Aufgaben vor dem Abgabetermin fertiggestellt. In ihrem Umfeld tauchen Menschen, Freunde und Liebhaber auf, die sie mal mehr, mal weniger berühren. Ihre Familie hat emotionalen Schaden genommen. Ihr Vater, der den Jazz lebte und liebte, ist an einer Überdosis gestorben. Seitdem war die depressive Mutter für Andrea und ihren Bruder alleine zuständig. Der Bruder spielt in diversen Bands, die aber alle an mangelndem Erfolg scheitern. Dennoch bleibt er der Musik treu. Er heiratet eine Frau, die Karriere bei einem Magazin machte, das aber durch den Wandel der Zeit auch ihre berufliche Laufbahn gefährdet. Beide bekommen ein schwer krankes Kind und ziehen in die ländliche Umgebung. Andrea wird es aus egozentrischen Gründen selten schaffen, diese dort zu besuchen. Andreas Wahrnehmung kreist viel zu oft um sich selbst. Somit hat sie es auch schwer, Menschen an sich zu binden. Ihr leichter Umgang mit Sex und Alkohol vermindert sich, als sie für ihre Mutter während eines Trauerfalls und besonders für ihren Bruder und dessen Frau da sein muss, als es deren Kind immer schlechter geht. Doch auch hier möchte sie meist lieber anstelle des Kindes ein Glas Wein halten. Die angestaute Wut und Trauer um den Verlust ihres Vaters und bezüglich der vielen Männer, die sie im Umfeld ihrer Mutter, als sie noch Kind war, belästigten, sucht sich einen Weg in ihr Bewusstsein, um endlich verarbeitet zu werden. Es wird Zeit, dass sie endlich, sieht, was tatsächlich ihr Ding ist, um in der Welt der Erwachsenen mithalten zu können.

Ein Roman, der durch seinen Sound, die Erzählstruktur und die Charakterisierung begeistert. „Nicht mein Ding“ (im Original: „All Grown Up“ – Übersetzung: Barbara Christ) ist genau mein Ding: Eine humorvolle, traurige und mitreißende Lektüre. Der Roman ist spritzig, zügig und mit viel Zuneigung für die Figuren geschrieben. Das Witzige steht oft dem Tragischen gegenüber und somit wird man als Leser selbst in ein Gefühlschaos hineingerissen und verliert, d.h. verliebt sich in den Text.  Das Buch wurde von Barbara Christ übersetzt und erzeugt einen enormen Drive.

Danke an den Schöffling Verlag, der mich u.a. in der Verlagsvorschau bereits zitiert (Siehe Foto)

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Milena Agus: „Eine fast perfekte Welt“

Milena Agus Eine fast perfekte Welt dtv

„Wir kommen auf die Welt, als wäre sie perfekt, und dann …“

Was macht eine perfekte Welt aus? Was verlangen wir vom Leben? Das Schicksal der zufälligen Geburt und der persönlichen Freiheit, für sich diese Umgebung zu lieben, zu akzeptieren oder zu verlassen. Die äußerliche Wahrnehmung wechselt mit dem Betrachter. Ein Mensch, der in New York nahe der Bronx lebt, wie später im Roman, und dessen Wohnung von Müll umzäunt ist und von Mäusen belebt wird, kann dies alles ausblenden, weil er für sich das Glück dort gefunden zu haben scheint.  Die Frage, wie man es unter gewissen Umständen im Leben aushält oder sogar genießt, kann nur individuell beantwortet werden.

Nicht nur die Frage nach einem gelungenen Leben, war der Anstoß für den neuen Roman von Milena Agus. Das Buch ist aus dem Wunsch entstanden, Sardinien zu retten, d.h. in der Erinnerung zu bewahren. Sie wollte die Örtlichkeit, das Gefühl, das die italienische Insel beschwört, lebendig halten.

Es ist ein Familienroman, der von drei Generationen erzählt. Er beginnt mit Ester, die Raffaele liebt, der ihre Liebe aber nicht erwidern kann. Als sie aber von ihm schwanger wird, bemüht er sich seine Liebe zu ihr zu finden. Ester ist stets eine Getriebene. Sie findet im Leben keinen echten Halt. Sie ist immer auf der Suche nach dem perfekten Gefühl: in der Liebe und in der Heimat. Immer dort, wo sie ist, sehnt sie sich nach dem Ort zurück, den sie verlassen hat. Als sie Sardinien verlässt und auf das Festland zieht, sehnt sie sich nach dem einfachen, wilden und naturverbundenen Leben zurück. Ihre Tochter, Felicita, findet immer dort Verbundenheit, wo sie ist. Felicita stellt sich nie, wie ihre Mutter die Frage, wie man dort, wo man gerade ist, nur leben kann. Raffaele, der versucht Liebe zu geben, findet diese lediglich in seinen Jazzplatten. Ester bleibt eine verdrossene Frau, die immer ihrem Glück nachrennt. Sei es in Genua, in Mailand oder später wieder zurück auf Sardinien. Felicita hingegen ist stets unverdrossen und lebt mit ihren unehelichen Sohn, Gregorio, in dem bunten Hafenviertel von Cagliari. Auch die Vermieterin und Freundin von Felicitas, ist von Missmut und einem düsteren Menschenbild geprägt, doch bewahrt sich Felicitas stets ihre Zuversicht. Gregorio findet zum Missfallen der dortigen Nachbarn Gefallen am Klavierspiel und wird später ein Pianist, den es nach New York verschlägt. Doch wird dem glücksbegabten Gregorio ein geliebter Mensch geraubt und bei allen schlägt das Schicksal zu.

Alle Schicksalsstränge sind durchwoben von der Suche nach Glück und Heimat. Ein leichtfüßiger Roman, der voller Leben und Lebensweisheiten, die leider ab und zu leichten Phrasen tendieren,  steckt. Was ist das Wesentliche im Leben und was würde es zu einem perfekten Leben machen? Wie kann man dennoch das Glück in einer nicht perfekten Welt finden? Der Roman wurde aus dem Italienischen von Monika Köpfer übersetzt und ist ein schöner, charmanter Generationenroman, der die sardische Heimat der Autorin als schöne Kulisse belebt.

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