Dorit Rabinyan: „Wir sehen uns am Meer“

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Eine Liebe hinter Mauern. Ein Liebesroman, der von einer Liebe zwischen einer Israelin und einem Palästinenser erzählt.

Ein friedliches Miteinander ist machbar, wenn der Mensch die Grenzen – auch jene im Kopf – überschreitet. Wir sind alles Menschen, egal in welchem Land wir zufällig geboren wurden und welcher Religion wir angehören. Wir sehnen und wünschen uns wohl fast alle das Gleiche. Wir lieben die Literatur, die Musik und die Kunst. Kunst, besonders Literatur und Musik, ist die Sprache, die einkehrt in die Emotionen und in die Seele. Dieses Verständnis kann durch äußere Gegebenheiten verdrängt werden. So auch in dem vorliegenden Roman, der bereits für viel Gesprächsstoff und durch die Streichung von der Lektüreliste der Schulen ins Israel Skandale hervorrief.

Liat ist als Übersetzerin in New York, wird aber in wenigen Monaten wieder nach Tel Aviv zurückkehren. Auch in Amerika ist sie vielen Vorurteilen ausgesetzt. In einem Café wurde sie beobachtet, wie sie hebräisch schrieb und das FBI wurde auf sie angesetzt. Die Handlung spielt 2001 kurz nach den Anschlägen. In dem Café ist sie kurz danach mit einem Freund verabredet, der nicht kommen kann und einen Freund bittet, ihr dies auszurichten. So lernen sich Liat und Chilmi kennen. Chilmi ist Maler, d.h. Künstler, und kommt aus Ramallah. In der Heimat hätten sich die beiden nie kennenlernen können. Beide erzählen und erinnern sich an fast die gleiche Landschaft. Beide haben eine Sehnsucht zum Meer, das er immer nur aus der Ferne sehen konnte, und ihrer Heimat. Doch jeder auf seine eigene, erlebte und anerzogene Weise. Ihre Gespräche werden politisch und sie geraten oft in Streit. Daher vermeiden sie immer mehr die Politik anzusprechen, denn sie wissen, ihre Zeit ist begrenzt und die Beziehung hat ein Enddatum, denn Liat wird zurückreisen.

Liats Eltern dürfen niemals von ihrer Liebe zum Chilmi erfahren. Sie verleugnet ihn bei den Telefongesprächen und vor den Freunden und Verwandten, denen sie zufällig in einer U-Bahnstation über den Weg laufen. Auch bei einer Familienfeier bei ihm kommt es zum Streit, denn die Gefühle und Erlebnisse können nicht vergessen werden und sind auch mit ihnen nach New York gereist. Ein Konflikt zweier Staaten verkörpert durch die Protagonisten. Ein politisches Konzept und der Konflikt einer Ein- oder Zwei-Staatenlösung. Eine binationale Wirklichkeit, in der die Landschaft, der Himmel nicht teilbar sind. Sie fragen sich, warum sie, die Liebenden, auch scheitern, wo die ganze Welt seit Jahren bereits scheiterte? Ist ein glückliches Ende für die beiden in der Liebe und im realen Leben vorgesehen?

Sie entfremden sich immer mehr. Es beginnt im Herbst, in der bunten Jahreszeit, wandelt über in den farblosen, kalten Winter und endet in der Hitze des Sommers. Eine perspektivlose Beziehung, denn auch ihre Liebe ist begrenzt. Gibt es trotz des Hintergrunds ein Recht auf persönliches Glück?

Es ist ein Roman, der wohl viel biographisches von der Autorin erzählt. Dorit Rabinyan wurde als Tochter einer iranisch-jüdischen Familie in Israel geboren. Der Roman könnte etwas mehr Tiefgang haben, muss er aber nicht, denn die Geschichte der Protagonisten steht im Vordergrund.

Ein Roman, der hochgelobt wird von Amos Oz. Es ist ein gutes Buch, denn es lässt sich sehr gut lesen und neben der eigentlichen Liebesgeschichte entwickelt sich viel mehr und man geht ein kleines Stückchen klüger aus dem Buch hervor.

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„Wir sehen uns am Meer“Bericht: Bayerischer Rundfunk

 

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Shumona Sinha: „Kalkutta“

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Eine poetische Reise nach Kalkutta, die von einer Kindheit in Indien erzählt. Ein Rückblick auf die Geschichte der Familie und deren Zerfall, der einhergeht mit der blutigen Geschichte des Landes.

Die Autorin erzählt sehr metaphorisch, zart und sehr poetisch die Sicht einer Frau, die Jahre in Paris gelebt hat und nun durch den väterlichen Verlust in die Heimat reist. Das Gegenwärtige prallt auf die Erinnerungen der Vergangenheit, gleich einer Kerze, die von beiden Seiten angezündet wurde.

Shumona Sinha wuchs ebenfalls in Kalkutta auf, lebt aber jetzt, gleich der Protagonistin in Paris. „Kalkutta“ ist ihr dritter Roman. Bekannt wurde die indisch-französische Autorin mit den Roman „Erschlagt die Armen!“.

Der Roman beginnt mit der Einäscherung von Trishas Vater. Die Asche wird mit einem Stock vorsichtig zerteilt und in den verbrannten  Überresten findet sie eine Blume, die nicht gepflückt werden darf. Nach der Trauerfeier möchte sie nicht mit den anderen mitgehen, sondern zieht in das leerstehende Elternhaus. Die Tage, die sie in dem Haus verbringt, werden zu einer sinnlichen Reise in ihre Vergangenheit. Sie beginnt, sich zu erinnern. Durch das Erleben des Viertels in Kalkutta, des Hauses und der ganzen Gegenstände und nicht zuletzt der Pistole des Vaters, wird es eine emotionale Reise in die Erschütterungen der Familie und der Politik. Die Geschichte Westbengalens von der britischen Kolonialzeit, der kommunistischen Regierung bis zur Gegenwart. Trishas Vater, Shankya, hat neben dem alltäglichen Erscheinungsbild eine andere Rolle eingenommen. Durch seine politische Aktivität gären negative Emotionen im Elternhaus. Er ist ein intelligenter Lehrer und Anhänger der kommunistischen Bewegung. Die Liebe zwischen ihm und Umila, Trishas Mutter, ist kompliziert. Die Beklemmung wächst durch die Depression der Mutter, die ihre verlorene Liebe betrauert. In der Gegenwart der Geschichte lauscht Trisha ihren Gedanken in den schweigenden Räumen des Hauses. Durch das Ergreifen der Gegenstände im Haus kommt das Begreifen. Die Erinnerungen kommen nicht chronologisch, aber wir werden langsam Zeuge bei der Entdeckung der gehüteten Familiengeheimnisse und der vielen turbulenten Geschehnisse in der Familie und in Indien.

Ein Roman, in den man allein schon durch die poetische Sprache versinkt. 2014 erschien „Calcutta“ und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Jetzt liegt das Buch erstmalig aus dem Französischen übersetzt vor. Ein Roman, der Familiäres dem Politischen gegenüber und gleichstellt. Ein Leben in Indien während der Veränderungen.

Leseprobe

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Horst Eckert: „Wolfsspinne“

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Die Wolfsspinne ist eine Tarantel, die bis auf wenige Ausnahmen nicht durch Fangnetze ihre Beute jagt, sondern dieser auflauert. So wurde die Spinne der Codename der damaligen Ermittlungen, die in dem neuen Fall von Vincent Veih eine Rolle spielen. Ein Roman, der aufgrund des aktuellen Bezugs nicht nur durch die spannende Handlung für Gänsehaut sorgt. Die Thriller von Horst Eckert sind stets sehr gut recherchiert und sehr packend und gut geschrieben. Horst Eckert ist erst spät zum Schreiben gekommen, gehört aber mittlerweile zu den wichtigsten Vertretern der Spannungsliteratur in Deutschland. Er sieht den Kriminalroman auch als eine Kunstform der Literatur, die die realen Tiefen und Beweggründe einer Gesellschaft aufzuzeigen vermag. (Siehe Lesung „Schattenboxer“ am 28.04.2015 in der Buchhandlung Almut Schmidt)

Nach „Schwarzlicht“ und „Schattenboxer“ ist „Wolfsspinne“ der dritte Roman der Vincent-Veih-Reihe. Der Prolog deutet auf die sogenannten „Dönermorde“ hin. Die Handlung ist rein fiktiv, doch erkennt man viele der geschilderten Ereignisse und Protagonisten wieder und der Roman bekommt dadurch einen schaurigen Bezug zur Realität.

Die Handlung beginnt 2011 in Eisenach. Eine Bank wird von zwei maskierten Männern überfallen, die mit Fahrrädern entkommen können. Sie fliehen zu einem Wohnwagen, in dem der dritte Mann, der Fahrer, auf sie wartet. Zwei dieser NSU-Mitglieder werden tot in diesem Wohnwagen aufgefunden. Alles deutet auf Selbstmord hin und vom dritten Mann wussten nur wenige…

In Düsseldorf wird im Jahr 2015 eine Restaurantbetreiberin brutal erschlagen und vergewaltigt. Sie lebte in Trennung und ihr edles Restaurant machte zwar guten Umsatz, aber keine Gewinne mehr. Um den Stress und die vielen Arbeitsstunden zu bewältigen, konsumierte sie Crystal Meth, das sie laut Aussage einer ihrer Mitarbeiter auch an diese vertrieben haben soll. Der erste Verdacht führt zu ihrem ehemaligen Küchenchef, dem sie vor kurzem kündigen musste. Vincent Veih, der an diesem Fall ermittelt, hat selbst gerade einige Probleme zu bewältigen. Er hat an einer Demonstration gegen den Aufmarsch von Neonazis teilgenommen und wurde von einem Nazi angegriffen. Als er sich wehrte, wurde er von zwei Polizisten als Unruhestifter festgenommen und später in der Presse als pöbelnder und untragbarer Hauptkommissar hingestellt. Dies zieht weitere Kreise, da seine Mutter ehemals eine  RAF-Anhängerin war und sein eigener Lebensweg von einem Punk zum Polizisten verlief.  Sein Großvater war ebenfalls Polizist, aber ein treuer Nazi, der sich schlimmer Verbrechen schuldig gemacht hatte. Vincent hat kein Verständnis für Rassismus und gerade die aufkommenden Strömungen lassen ihn erschauern, daher war es für ihn natürlich, sein Recht auf Demonstration wahrzunehmen und seinen Unmut gegen die aktuelle politische Stimmung, die die gruselige Rhetorik der Vergangenheit annimmt, zu äußern.

Es wird in alle Richtungen wegen des Mordes an der Promiwirtin ermittelt. Die Spur führt aufgrund des Crystal Meth auch in das Drogenmilieu. Ronny Vogt arbeitet für das LKA als verdeckter Ermittler in der Drogenszene. Er arbeitet in Imbissketten, die nicht ganz legal wirtschaften. Er war bereits im Untergrund für den Thüringer Verfassungsschutz tätig und hatte 2011 den Nationalsozialistischen Untergrund ( NSU ) infiltriert und beobachtet. Der Kreis zieht sich zu den damaligen Überfällen und er weiß, was damals wirklich passiert ist. Aber er muss über die Vergangenheit schweigen, damit nichts über die Ereignisse unter dem Codenamen „Wolfsspinne“ bekannt wird.

Der Roman ist vielschichtig und populär. Es geht um Drogenmafia, Investmentmanagement, den damaligen Nazi-Terror und die aktuellen Pegida-Bewegungen. Horst Eckert ist Politikwissenschaftler, Autor und Journalist und daher sind seine Romane auch aktuelle Spiegelungen und Mahnungen. Seine Dramaturgie ist großartig und die Dialoge sind nicht Füllmaterial, sondern heben den spannenden Lesefluss.  Es werden durch das Buch, das eine erdachte Geschichte erzählt, die damaligen Verstrickungen des NSU-Skandals beleuchtet. Ein komplexer Krimi, in dem es viel zu entdecken gibt. Wohl für mich einer der Krimis des Jahres!

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Roger Willemsen: „Wer wir waren“

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Das schmale Buch „Wer wir waren“ ist wohl das letzte, was wir von Roger Willemsen zu lesen bekommen. Er ging mit der Idee für ein neues Buch mit diesem Titel schwanger. Es sollte ein Blick aus der Zukunft in die Vergangenheit, unsere Gegenwart sein. Der Rückblick einer kritischen Nachwelt auf unser jetziges Leben. Doch hat seine Krankheit ihm diese Idee geraubt und uns einen sympathischen klugen Menschen genommen, der mit schönen Sätzen zum Verweilen einlädt. Sätze, die uns treffsicher einen Spiegel vorhalten.

Das Büchlein beinhaltet eine Rede, eine mitreißende Zukunftsrede, die wohl den zentralen Gedanken seiner Buchidee formuliert. Es wurden drei überarbeitete Manuskripte gefunden mit handschriftlichen Marginalien. In dem vorliegenden Buch wurde die kurze Version mit den eingearbeiteten Notizen von Roger Willemsen verwendet.

Der Text liest sich trotz der Thematik nie melancholisch oder destruktiv, sondern stets mit dem klugen und typischen Schalk des Verfassers. Er beklagt, dass vieles schlechter geworden ist. Unsere Umwelt, die Manieren, die Persönlichkeiten und die Menschheit, die sich die Erde untertan gemacht hat und diese wie ein Virus besetzt. Roger Willemsen Ton ist kritisch und scharf, aber mit einer Heiterkeit, die uns sich selbst belächeln lässt.

Der Mensch als eine Goethe-Figur, die sich freut, wie weit wir es zuletzt doch gebracht haben, wird von der Faust emporgehoben „O ja, bis an die Sterne weit!“ Doch in dieser Antwort schwingt auch der Hohn. Viele haben es damals nicht für möglich gehalten, dass die Menschheit fliegen wird, in jedem Haushalt ein Computer stehen könnte und sich fast jeder ein Automobil leisten kann. Die damaligen Aussagen, die jene Zweifelnden machten, können mit dem Blick aus der heutigen Zeit belächelt werden. Doch was sagt die Menschheit in der Zukunft über unsere heutigen Errungenschaften und Denkmodelle? Die Virtualität wird immer prägnanter und gerade unsere umgangssprachlich oft gestellte Nachfrage im Gespräch „echt?“  lässt aufhorchen und stellt den Bezug zur Realität in Frage. Es sind moderne Zeiten mit modernen Kommunikationsmitteln. Aber was ist modern? Modern, damals noch zukunftsweisend, ist zum Gegenwärtigen verkommen.

Doch möchte ich nur Beispiele andeuten, denn das kleine Buch ist groß und sollte viele erreichen. Es ist lebensklug und lebensbejahend. Wir werden durch die vielen Medien überflutet, die zwar eine schnellerwerdende Welt deklarieren, die uns alle verbindet, aber gerade die Fülle an Orientierungen werden von diversen Plattformen für uns passend gefiltert. Das Buch lädt nun ein, einer zu früh verstorbenen Stimme zu lauschen und die kluge Stille im Selbst erklingen zu lassen.

„Wer wir waren“ ist ein Nachlass, eine Zukunftsrede, die überarbeitet und von Roger Willemsen bereits vorgetragen wurde. Ein Grundstein eines Buches, das nie erscheinen wird, aber dennoch im Leser hoffentlich viel anregt, anstößt und hinterlässt. Roger Willemsen spricht uns Menschen an, ohne sich dabei selbst hervorzuheben. Ein interessierter und kritischer Autor, der herausragte ohne herauszustechen.

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Jonathan Safran Foer: „Hier bin ich“

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Als Abraham durch Gott geprüft wurde und der Schöpfergeist jenen rief, sagte Abraham in voller Aufmerksamkeit: „Hier bin ich“. Die Zusage, für jemanden da zu sein und diesem volle Aufmerksamkeit zu schenken, ist eines der großen Themen im Buch. Es ist ein großer Familienroman, der sich durch die Dialoge zügig lesen lässt. Foer schafft es mit wenig Handwerk, die Figuren gleich zu Beginn mit viel Leben zu füllen, dass diese mit der fortschreitenden Handlung den Leser an sich binden.

Julia und Jacob Bloch leben mit ihren drei Söhnen in Washington. Er ist Autor, der bereits einen Buchpreis erhalten hat, jetzt aber mehr für das Fernsehen schreibt. Seine Frau arbeitet als erfolgreiche Architektin. Sie sind eine moderne jüdische Familie, die langsam verlernt hat, miteinander zu reden. Am Anfang der Beziehung und Ehe waren sie offen und ehrlich zueinander und haben alles geteilt und wenige Hemmungen voreinander gehabt. Mit den Kindern ist der Familienalltag über sie hereingebrochen. Dadurch entfremden sie sich immer ein kleines Stück mehr voneinander und drohen daran zu zerbrechen. Die Probleme häufen sich als ihr Sohn Sam kurz vor seiner Bar Mizwa in der Schule mit einer Liste mit rassistischen und homophoben Begriffen erwischt wurde. Er leugnet, diese geschrieben zu haben und Jacob glaubt seinem Sohn. Julia zweifelt und er soll sich gebührend entschuldigen, sonst wäre seine Bar Mizwa bedroht. Zur Feierlichkeit ist die ganze Familie eingeladen und somit stehen sie vor einem großen Problem. Sam ist ein Junge, der alles ganz genau nimmt und lieber ein virtuelles Leben dem echten vorzieht. Ferner ist da noch der Urgroßvater, der sich weigert in ein Seniorenheim zu ziehen und der Familienhund kränkelt auch immer mehr.

Im Anfang des Textes blenden sich sehr freizügige SMS-Nachrichten ein. Jacob ist besorgt und sucht sein Handy und hofft, dass Julia es nicht findet. Er hat sich ein neues Smartphone gekauft und dies seiner Familie verheimlicht. Das Unheil ist vorhersehbar. Im Bad, hinter der Toilette, summt das Gerät und landet somit in Julias Händen. Er hat das familienübliche Passwort gespeichert und sie liest darin eindeutige Textnachrichten. Als sie ihn zur Rede stellt, gibt er zu, diese an eine Kollegin gesendet zu haben. Aber es blieb stets bei diesen Texten und er sei ihr sonst immer treu. Durch das heimliche Handy, die Nachrichten und seine Beichte verliert sie den Respekt vor ihm und stellt seine Männlichkeit immer mehr in Frage. Julia erhebt sich moralisch über ihn, dabei ist sie auch dem Flirten nicht abgeneigt. Als sich auch noch Freunde in ihrem Umkreis scheiden lassen wollen, droht die Stimmung gänzlich zu kippen.

Das Beben innerhalb der Familie bekommt ein äußeres Pendant. Als die israelische Verwandtschaft in Amerika eintrifft, bebt die Erde im Nahen Osten. Dies hat weitere politische und kulturelle Verwicklungen zur Folge. Das Erdbeben bringt Israel in eine schwierige Lage. Durch den Angriff der muslimischen Staaten fordert die israelische Politik alle Juden auf, dem Land beizustehen. In Washington ist Jacobs Großvater verstorben. Er war den Nazis entkommen und nach Amerika geflohen. Jacob ist in einer Sinnkrise und sucht nach seiner Identität. Die Glaubensfrage und der Bezug zur Heimat rumoren in ihm. Doch gerade durch Julias Blick auf seine Männlichkeit und Familientauglichkeit wird sein Tatendrang gemindert und in Frage gestellt.

Es ist ein Roman über das Scheitern in der Ehe. Der Verlust des Glaubens an sich selbst, an die Kraft der Worte und an die Anderen. Die Suche nach Anerkennung gerät in den Vordergrund, ohne das Bewusstsein, eigentlich bereits alles zu haben.

„Die Suche nach dem Glück ist die Flucht vor der Zufriedenheit.“

Endlich nach „Alles ist erleuchtet“ und „Extrem laut und unglaublich nah“ ein neuer Roman von Jonathan Safran Foer. Das Buch sei, so Foer in den Interviews, nicht mehr biographisch als seine anderen Werke. Doch keimt der Verdacht, dass hier sehr viel von ihm selbst in den Text eingeflossen ist. Er ist ein ganz genauer Beobachter und lässt durch die vielen Dialoge die Charaktere wachsen und gibt einen intimen und umfangreichen Einblick in den Alltag einer Familie, deren Konstellation zu scheitern droht.

Es ist ein satirischer Roman, der wunderschön traurig und witzig ist. Es ist ein zitatenreiches Werk mit schlagfertigen und klugen Figuren.

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Helle Helle: „Wenn Du magst“

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Wieder ist es ein kurzer Roman von der dänischen Autorin Helle Helle. Ihre Formulierungen und ihre Handlungen sind nie ausufernd und kommen ohne viel Drama aus. Dennoch versteht es Helle Helle immer wieder, eine Stimmung und Spannung aufzubauen, dass man stets mehr erfahren möchte und ihr, als Autorin, erneut sehr gerne lauscht.

Es beginnt im Alltäglichen und wird zu einer beklemmenden Situation in den dänischen Wäldern. Es ist das Treffen zweier Fremder, die sich zufällig über den Weg laufen und durch die missliche Lage zusammengeführt werden. Der weibliche Part bleibt namenlos und wird erst ab der Mitte des Buches tiefer beleuchtet. Es baut sich eine Spannung auf, die stets das Unerwartete erahnen lässt, das gleich einem Grauen hinter dem nächsten Baum lauert. Doch bleibt dies in der Geschichte für den Leser unerfüllt. Aber man möchte wissen, wie es weitergeht, ob die beiden nach einer Nacht im Wald in die Zivilisation zurückfinden und was aus den beiden danach wird.

Es ist Ende Oktober und Roar ist auf einer Tagung. Das Tagungshotel liegt auf dem Land und er wird durch die Umgebung zum Laufen motiviert. Er besorgt sich Laufschuhe, die, wie er erst zu spät mitbekommt, nicht richtig passen. Sein Laufschuheinkauf war ohne Beratung und er hat sich einfach ein Paar ausgesucht, ohne zu merken, dass er zwei verschiedene Größen mitgenommen hat. Nach bereits 15 bis 30 Minuten hat sich Roar im Wald verlaufen und sich eine schmerzende Blase eingetreten. Er irrt umher und trifft auf eine jüngere Frau, die ebenfalls im Wald joggt. Es dämmert bereits und ihr Trinkwasser ist bald schon aufgebraucht. Die Frau wirkt im Vergleich zu Roar wie eine erfahrenere Läuferin, die sich nun aber ebenfalls verlaufen hat. Auch scheint sie im Ganzen lebenserfahrener zu sein. Im Wald finden sie Unterschlupf in einer Schutzhütte und können sich ausruhen, seinen Fuß versorgen und Trinkwasser organisieren. Ab jetzt wechselt ab und zu die Erzählperspektive und wir erfahren mehr aus dem Leben der Frau. Ihre Ankunft in ihrer ersten Wohngemeinschaft und ihr Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe. Die fast Namenlose bekommt in dem Roman die Tiefe, die Roar fast schon verweigert wird und durch sie baut sich eine neugierige Spannung auf.

Durch die Verirrung im Wald werden Erinnerungen an „Das Mädchen“ von Stephen King oder „Jagen 135“ von Tobias Sommer wach, die beim Lesen eine Beklemmung aufbauen. Dies ist aber eine der literarischen Spielereien, die den Leser bis zum Ende fesseln. Ein Leben in einer WG, in einem eigenen Haus, der Aufenthalt in einem Tagungshotel oder der Gang in die Natur können jeweils brüchig sein und sich im Nu in eine andere Situation verwandeln.

Der kleine Roman ist trotz des kleinen Umfangs voller Tiefgang und Humor. Wir stoßen auf Protagonisten, auf die es sich lohnt einzulassen. Helle Helle versteht es stets, das Undramatische dramatisch wirken zu lassen und schleudert die Helden aus dem Alltag in eine Extremsituation. Es sind die skurrilen Charaktere und die minimalistische Sprache, die einen für das Buch einnehmen.

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Amanda Lee Koe: „Ministerium für öffentliche Erregung“

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Es sind 14 Kurzgeschichten, die in die Seele des Lesers einsickern. Erzählungen, die von Schicksalen handeln, die sich in den gewöhnlichen Alltag einschleichen oder gleich einer Abrissbirne daherkommen. Einige Geschichten sind lebensumspannend und andere legen einen kurzen Blick frei auf ein Leben, das hinter der Fassade der Protagonisten spielt. Menschliche Abgründe, Rassismus, Abhängigkeit, Machtspiele und Trostlosigkeit ziehen sich durch die Sammlung, die man atemlos liest und die einen aufwühlt.

Die Autorin Amanda Lee Koe beschreibt das weibliche Leben in Singapur und öffnet ein Panorama an sozialkritischen, emotionalen und ergreifenden Momenten im Leben ihrer Figuren. Die Charaktere sind trotz der Kurzgeschichten tiefgründig und nuancenreich gezeichnet. Die in Singapur und New York lebende Autorin bekam für „Ministry of Moral Panic“ viele Preise, darunter: 2014 den Singapore Literature Prize for English Fiction und 2016 den Singapore Book Award.

Wir treffen auf gestrauchelte, einsame Individuen auf deren Suche nach Zwischenmenschlichem. Es sind meist Außenseiter, die aus schwierigen Situationen kommen oder in diese geraten. Alle sind menschlich und beschämend, aufwühlend und erwecken tiefes Mitgefühl. Diese herzstockenden Erzählungen reihen sich für mich in den Reigen der großartigen Bücher  „Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka oder „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar ein.

Wir treffen auf einen Musiker, der in Kurzzeitpflege in einem Heim auf seine Jugendliebe trifft, die durch sein Auftauchen aus ihrer Demenz erwacht und ihre eigentliche Familie und Leben ausblendet.  Ein bizarres Kunstwerk aus blutigen Kadavern, die gleich der Liebe sich umkreisen und sich aufreiben und eine Spur des Ekels hinterlassen. Eine sich als hässlich empfindende Frau, die unter der Ausgrenzung der schönen Frauen ihrer Umgebung leidet und durch teure Geschenke einen Jungen an sich bindet, der sich dann auch für die weitere Begleitung bezahlen lässt und sie dadurch als Siegerin aus der Geschichte geht. Eine Kellnerin, die den Soap Star bedient und diesem in sein Zimmer folgt, weil er in ihrer Phantasie die Rolle des Vaters, den sie nie hatte, einnimmt. Kurz danach wird sie zu seinem Suizid verhört. Jeder Mensch für sich ist eine Insel und durch Interaktionen lassen wir Besucher zu, die bleiben oder nur kurzweilig in das Leben des anderen eintauchen. Ein amerikanischer Austauschschüler, der wie ein geliebter Teddy in das Leben eines Mädchens eintaucht, aber dann im persönlichsten und intimsten Moment erkennt, dass er meint, nur mit weißen Mädchen Sex haben zu können. Durch diese verschmähte Liebe versinkt das Mädchen noch mehr in ihre Einsamkeit. Eine Frau, die vergewaltigt wird und eigentlich zu einer Hochzeit mit dem Peiniger gezwungen werden soll, der Vater dies aber nicht durchsetzen kann, weil es vier Vergewaltiger waren. Im Ausland wird sie durch eine dubiose Firma als schlechtgestellte Haushaltshilfe verkauft. Diese Frau, Zurotul, ist der einzige Charakter, der in zwei Geschichten, die in der Mitte des Buches lediglich durch eine weitere Erzählung getrennt sind, auftaucht. Ein Mädchen, die ein Küken zerdrückt, weil sie testen wollte, wie weit sie gehen kann, nimmt dies als Bild für ihr ganzes Leben mit.

Dies sind nur Beispiele aus dem Potpourri der realistischen, menschlichen Zusammenspiele. Es sind Fingerzeige in Wunden, die geöffnet werden oder freigelegt werden. Es sind robuste Frauen, die durch das Leben zerbrechen oder daran erstarken. Ein Buch, in dem man sich verliert und gebannt jeder Geschichte folgt und daraus viel für sich mitnimmt und auch wenn die Erzählung verklungen ist, wird diese im Leser nachklingen.

Toll, dass der CulturBooks Verlag, d.h. Zoë Beck, die das Buch auch übersetzt hat, und Jan Karsten nun auch das gedruckte Buch für sich entdeckt haben und somit diesen Leseschatz vielen deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht haben.

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Bilder von Phillip Wood

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