…es weihnachtet…

Liebe Leserinnen und Leser,

jetzt beginnt die Adventszeit und Weihnachten steht vor der Tür. Daher wird es hier von mir nun etwas weniger zu lesen geben, denn meine Frau und ich werden hoffentlich in den kommenden Tagen in unserer Buchhandlung ins Wirbeln kommen.

Aber mich gibt es weiterhin auf YouTube zu erleben. Ich werde weiterhin meine Filmchen machen, da diese, trotz Weihnachtgeschäft, schnell und einfach gemacht sind.

Siehe Leseschatz-TV  – Ich hoffe, Sie finden den einen oder anderen Schatz bei uns!

Ich wünsche eine schöne Vor- und Weihnachstzeit!

Mit herzlichen Grüßen,

Hauke Harder

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Delphine de Vigan: „Loyalitäten“

Delphine de vigan Loyalitäten DuMont

Ein Roman der sich intensiv mit der Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen beschäftigt. Inspiriert durch die Fragen, wann man loyal oder illoyal handelt. Alles dreht sich um Bindungen, die auch Schuld auslösen können. Das Verhalten gegenüber demjenigen, dem man loyal verbunden ist basiert meist auf Anständigkeit, Liebe oder Verpflichtung. Doch die Kehrseite kann dann eventuell einer anderen Person Schaden zufügen, da die persönliche Bindung an jemand anderen gerichtet ist. Besonders gravierend kann es werden, wenn sich innerhalb einer Familie etwas ändert und die Kinder z.B. zu Scheidungskindern werden. Diese kleinen Risse, die auch Gewalt verursachen können,  beleuchtet dieses großartige Buch.

Hélène ist die Erste und lange auch die Einzige, die die Veränderungen ihres Schülers Théo wahrnimmt. Théo ist gerade zwölf Jahre alt und war schon immer ein stiller, aber guter Schüler. Das Lehrerkollegium nimmt die dezente Verhaltensauffälligkeit ohne weitere Intervention so hin, auch wenn Théo immer müder, kraftloser und zurückgezogener wird. Anfänglich meint Hélène, Théo sei das Opfer von häuslicher Gewalt. Sie spricht es gegenüber der Schulleitung und den Kollegen an, doch keiner will auf sie hören oder schenkt ihr Glauben. Hélène hat eine brutale Kindheit erlebt und möchte nun unbedingt helfen. Da sie studieren wollte, löste dies in ihrem ungebildeten Vater Komplexe aus, die ihn zu einem Schläger werden ließen. Seitdem Hélène die Veränderungen an Théo wahrnimmt, will Sie für ihn da sein.

Die Eltern von Théo haben sich getrennt und das Sorgerecht geteilt. In wöchentlichem Wechsel lebt Théo bei der Mutter oder dem Vater. Alle sind mit der Situation überfordert und unglücklich. Doch jeder für sich allein. Théo funktioniert lediglich und kümmert sich um seine Eltern mehr als diese sich um ihn. Wenn er vom Vater zurück zu der Mutter zieht, soll Théo alle Kleidung, die er mit hatte, in die Wäsche geben und sich duschen, damit er der den Geruch des Feindes ablegt. Die Mutter und der Vater haben keinen Kontakt und reden nicht miteinander, auch nicht wenn es um Théo oder um die Schule geht. Der Vater hat seine Arbeit verloren, ist depressiv und verwahrlost immer mehr. Théo verschweigt dies alles und frisst es in sich hinein. Er hat für sich einen Ausweg gefunden, eine Möglichkeit den Schmerz zu betäuben. Er trinkt heimlich. Nur sein Klassenkamerad und Freund Mathis weiß davon und trinkt ab und zu mit. Der Alkohol wärmt und schützt Théo vor seiner Welt. Er will die Dosis stets erhöhen, damit er sich selbst irgendwie auflöst. Mathis beobachtet dies mit Sorge, aber den besten Freund darf und kann man doch auch nicht verraten. Mathis Mutter, deren Vater Alkoholiker war, riecht eines Tages den Alkohol und vermutet, dass Théo schlechten Einfluss auf ihren Sohn hat. Doch plagen sie noch weitere Probleme, denn ihr Mann, der gutsituiert ist, scheint ein verborgenes, virtuelles und hasserfülltes Leben zu führen.

Théo hat eine Quelle, die ihn mit Alkohol versorgt und würde Mathis diese verraten, d.h. der Lehrerin nennen, würde er damit nicht nur seinem besten Freund in den Rücken fallen. Die stillen kleinen Bindungen, Abmachungen und Versprechen sind es, die Théo in große Gefahr bringen.

Wir alle möchten den Menschen gegenüber loyal sein, die wir lieben oder mit denen wir uns verbunden fühlen. Unsere loyalen Bindungen sind meist still und dennoch sehr komplex. Ein wunderbarer, tiefgründiger und ergreifender Roman. Durch die verschiedenen Perspektiven werden die Missstände und Dramen innerhalb des zwischenmenschlichen Miteinanders sehr deutlich ausgearbeitet. Ein Roman, der kompromisslos und erschütternd ist und dennoch am Ende Möglichkeiten und Hoffnung aufzeigt.

Das Lesen weckt viel Empathie, Grauen, Schmerz und Mitleid. Das Sentimentale und Melancholische erinnert an  Dirk Stermanns „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“. Delphine de Vigan zeigt ein trauriges Bild unserer Gesellschaft und versteht es, letztendlich Ausgänge, Möglichkeiten und Chancen aufzuzeigen. Ein großartiger Roman.

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Joaquim Maria Machado de Assis: „Das babylonische Wörterbuch“

Joaquim Mari Machado de Assis Das Babylonische Wörterbuch Manesse

Ein Autor, der Werke geschaffen hat, die in den Kanon der Weltliteratur gehören. Joaquim Maria Machado de Assis wurde 1839 in Rio de Janeiro geboren. Er war ein Enkel von freigelassenen Sklaven und seine Familie stammt aus einfachsten Verhältnissen. Er arbeitete als Journalist und im Staatsdienst. Sein vielseitiges literarisches Werk umfasst Lyrik, Theaterstücke, über zweihundert Erzählungen und neun Romane. Er verstarb 1908. Er gilt als einer der originellsten Schriftsteller Brasiliens und wird als literarisches Fundament für Garcia Márquez und Borges bezeichnet.

„Das Babylonische Wörterbuch“ versammelt dreizehn Erzählungen, die sehr neugierig auf sein Werk machen. Die Geschichten sind voller Tiefgang und Fantasie und wissen nicht selten zu überraschen. Der Stil der Texte ist von zwei Polen bestimmt: Das Ernste trifft auf das Lustige. Sehr pointiert und mit knappen, aber wortgewaltigen Bildern gerät man ins Straucheln und beginnt das Gelesene zu reflektieren. Die Erzählungen sind märchenhaft, mystisch, politisch und blicken in unsere menschliche Seele. Viele Themen haben heute noch ihre Gültigkeit und lassen den Leser somit niemals ungerührt.

Die Himmelfahrt der Gedanken beginnt wortwörtlich als solche. Denn die Gedanken werden zu Sternen, die den Weltraum als Milchstraße in den Besitz genommen haben. Auslöser dieser erleuchtenden Himmelfahrt war die Frage: warum gibt es Männer, die weiblich, und Frauen, die männlich sind? Zwei Seelen, die sich jeweils als im falschen Körper empfinden, machen dann auch einen erfahrungsreichen Tausch. Aber die Gelehrtesten der Gelehrtesten können die anfängliche Frage nicht sinnvoll behandeln. „Der wahre Grund“ als weiteres Beispiel, warum ein zweifelhafter Arzt seinen Beruf ausübt, ist ein sehr sadistischer. Er schneidet an lebenden Mäusen und quält damit nicht nur die armen Tiere. In „Evolution“ geht es um die gesellschaftliche und industrielle Entwicklung. Die Hoffnung eines armen Landes, aus den Kinderschuhen zu entwachsen und durch die neuen Errungenschaften erfahrbar zu werden. Das Moderne als Grundlage menschlicher Errungenschaften aber auch Konflikte. In einer anderen Erzählung wird die Welt mit einem Fass Marmelade verglichen und so vermischen sich Fabeln und Mythen mit brisanten Wahrheiten und Andeutungen. Denn alle Geschichten eint die Tiefe und das Anliegen, Wissen zu vermitteln und von Bedeutung zu sein. Politik und Religion werden ernst und teilweise unglaublich schelmisch und mit viel Witz beleuchtet. Der Teufel, der Adam und Eva im Paradies zur Frucht vom Baum der Erkenntnis verhelfen möchte und in einer weiteren Erzählung anstelle von Jesus die Bergpredigt hält. Hierbei werden die christlichen Werte mit den korrupten Eigenschaften der Ellenbogengesellschaft vertauscht. Die titelgebende Geschichte basiert auf der babylonischen Sprachverwirrung und liest sich anfänglich märchengleich, um dann aber auch nicht nur den Leser ins politische Bockshorn zu jagen.

Diese feine, kleine Ausgabe ist ein Leseerlebnis. Das Buch besticht durch die typische Handlichkeit dieser Klassiker-Reihe und die aufwendige und edle Gestaltung. Inhaltlich sind die Erzählungen jeweils kleine Herausforderungen, die aber lohnenswert und erkenntnisreich sind.

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Anne (Tina) Wolf: „Ein ganz normaler Mörder“

Anne Wolf Ein ganz normaler Mörder Heyne

Mal wieder ein Krimi, der mit wenig Blutvergießen auskommt. Ein feiner, spannender und toller Roman.

Im Prolog wird eine Frau, Katinka, entführt. Sie geht fast jeden Tag joggen. Immer wie es die Zeit zulässt, sechs, acht oder über zehn Kilometer. Nach drei Kilometern hat sie ihre Lufttemperatur und ihr Tempo gefunden, so dass das Laufen wie von selbst geht. Sie spürt genau diesen Moment und schaut auf ihr Handy um die gelaufene Strecke mit ihrem Gefühl zu überprüfen. Als sie im Wald steht, hört sie Babygeräusche und findet einen Kinderwagen, in dem aber die Säuglingsrufe von einem im Wagen liegenden Smartphone kommen. Dann wird sie von hinten überwältigt und verliert das Bewusstsein.

Tammo Berg arbeitet bereits seit einem Jahr nicht mehr für die Kriminalpolizei Hamburg. Durch einen tragischen Unfall hat er sein Kind verloren und durch seine nicht behandelte Depression hat ihn auch seine Frau verlassen. Jetzt steht Jens, sein Vorgesetzter, vor seiner Tür. Jens will ihn als Freund besuchen und mit der Polizeiarbeit wieder ins Leben locken. Jens benötigt aber auch Tammos gute Fähigkeiten, die Mimik von Menschen zu lesen. Denn durch eine Krankheit in Kindertagen hat Tammo einen Großteil seines Gehörs verloren und benötigt Hörhilfen. Er hat dadurch aber gelernt sich auf seine anderen Sinne und besonders auf seinen Blick zu verlassen und kann daher gut in Menschen und deren Gesten lesen. Die Kriminalpolizei in Hamburg hat ein Problem und kommt nicht weiter. Der Fall hat auch eine Verbindung zu einem älteren, ungeklärten Fall und Jens möchte Tammo für diesen Fall zurückgewinnen. In einem Waldstück am Stadtrand wurde eine Frauenleiche in einem altmodischen Brautkleid gefunden und eine weitere Frau aus der Umgebung wird vermisst. Die Vermisste ist vom Joggen nicht wiedergekommen. Ihr Mann ist allerdings erst später zur Polizei gegangen, da er sich zu dem Zeitpunkt als Lehrer auf Klassenfahrt befand.

Tammos Interesse ist geweckt und er fährt in das Waldgebiet am Stadtrand von Hamburg. Doch fällt ihm auf, dass die verschwundene Frau wohl eine andere Route gelaufen war als angenommen, denn an dem Tag waren dort Holzfällerarbeiten. Ihr Mann zeigt auch wenig Reaktion und bleibt stets sachlich, fast schon gefühlskalt. Tammo vermutet, die Vermisste eventuell durch die gefundene Frauenleiche zu finden. Er geht davon aus, dass die beiden Fälle zusammenhängen und sie es hier mit demselben Täter zu tun haben. Er fährt nach Kiel, wo die Tote ursprünglich herkam und besucht deren Eltern.

Zwischenzeitlich ist Katinka ihrem Entführer ausgesetzt. Sie ist eingesperrt, bekommt Nahrung und Kleidung gestellt. Doch riecht die Kammer, in der sie eingeschlossen ist, nach Apfel. Sie traut sich nicht, ihren Entführer anzusehen, der sie regelmäßig aufsucht. Als sie fragt, was er will, antwortet er nur, sie soll bleiben, dann würde ihr nichts passieren. Auch weiß der Mann viel von ihr.  Er kennt ihren Namen, weiß von ihrem Kinderwunsch und hat Kontakt mit der im Heim lebenden Mutter. Dadurch hat er nicht nur Katinkas Leben in seiner Gewalt, sondern droht auch ihrer Mutter etwas anzutun.

Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Tote zuckerkrank war und ihr Insulin nicht genommen oder es nicht bekommen hatte. Da Tammo nicht mit seinem Freund und Vorgesetzten Jens über seine weitere Recherche gesprochen hat, wird dieser etwas in die Bredouille gebracht. Jens und das alte Team tragen Tammo dies aber nicht nach und hoffen, dass er bald wieder ganz dabei ist. Auch privat nimmt Tammo immer mehr Teil am Leben und fasst langsam den Mut, sich zu verändern. Nach und nach kann er seinen Schmerz loslassen.

Ein Krimi mit viel Gespür für seine Figuren. Der Fall ist abwechslungsreich und schneidet viele Themen an: unerfüllten Kinderwunsch, nicht gelebte Homosexualität und Trauerbewältigung. Die Handlung spielt in Hamburg, Schleswig-Holstein und sogar in Kiel, ist aber weit davon entfernt einer jener typischen regionalen Krimis zu sein, denn sprachlich und inhaltlich wird hier mehr geboten.

Danke an Anne, eigentlich Tina Wolf für die liebe Danksagung. Ich durfte beim Schreibprozess das Manuskript einsehen und etwas am Buch mitwirken.

Anne Wolf Danksagung Hauke Harder

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Anne Tyler: „Launen der Zeit“

Anne Tyler Launen der Zeit Kein & Aber

Ein Roman über eine Frau, die im Laufe ihres Lebens viel zu oft durch andere Menschen bestimmt und gelenkt wurde und erst als sie erneut verheiratet ist und ihre Söhne erwachsen sind, kommt sie sich selbst Stück für Stück immer näher und erkennt, was sie möchte. „Launen der Zeit“ passt dahingehend, weil es die Passivität ausdrückt. Passiv den äußeren Umständen und Gegebenheiten gegenüber. Der originale Titel „Clock Dance“ ist dann aber doch etwas verspielter und aussagekräftiger.

Es ist die Geschichte einer Frau, die durch die Jahrzehnte ihre Passivität ablegt und ihr eigenes Leben findet. So beginnt der Roman 1967 als Willa Drake noch ein Mädchen ist, springt dann ins Jahr 1977 in ihre College-Zeit, erzählt danach von ihrer ersten Ehe im Jahr 1997 und der Hauptabschnitt spielt 2017, wo Willa sich frei und unabhängig macht.

Willa wächst in einer Familie auf, die nach außen hin wie eine amerikanische Durchschnittsfamilie wirkt. Doch ist ihre Kindheit durch die Aussetzer der Mutter geprägt, unter denen ihre jüngere Schwester noch viel mehr zu leiden hat. Ihr sorgender Vater ist es, der der ruhende Pol, der Anker innerhalb der Familie ist. Die Mutter wirkt überfordert und empfindet sich ihrem Mann gegenüber als moralisch unterworfen. Daher bricht die Mutter aus dem Familienidyll aus, weil sie das „Gandhi-Dasein“ ihres Mannes nicht aushält. Die Mutter verschwindet dann, manchmal nur wenige Stunden, oft aber für viele Tage. Dadurch wachsen die Mädchen in einem leicht verstörenden Umfeld auf. Als Willa das Elternhaus verlassen hat, um zu studieren, lernt sie Derek kennen. Als Derek ihre Eltern kennenlernen und ihnen unbedingt ihre Verlobung mitteilen möchte, kommt es bereits während des Fluges zu einer kleinen Katastrophe. Willa wird von ihrem Sitznachbarn bedroht und kann nicht handeln. Als sie aus dieser Situation doch ohne weiteren Schaden herauskommt, glaubt ihr keiner und alle spielen das Erlebte herunter. Nur ihre Mutter ist es, die ihr Glauben schenkt und sich aufregt, dass keiner handelt oder gehandelt hat. Auch die Verlobung löst bei der Mutter keine große Freude aus, da Derek Pläne für die Zukunft hat, die Willas eigene Karriere nicht berücksichtigen.

Willa und Derek heiraten und bekommen zwei Söhne. Derek ist ein aufbrausender Mann, der sich auch im Straßenverkehr nicht wirklich einzuordnen weiß und es kommt zu einem tragischen Unfall. Vorausgegangen war ein Streitgespräch, weil einer ihrer Söhne zumindest zeitweise nicht mehr zur Schule gehen möchte. Willa ist nun Witwe und wird von Schuldgefühlen geplagt. Ihre beiden Söhne werden erwachsen und sind recht unterschiedlich. Sie distanzieren sich immer mehr von ihrer Mutter. Willa lernt einen wohlhabenden aber auch sehr pragmatischen Mann kennen und heiratet erneut. Der Weckruf in ihrem Leben kommt durch eine Nachbarin von Denise, einer ehemaligen Freundin ihres Sohnes. Denise liegt mit einer Schussverletzung im Krankenhaus und es muss sich jemand um ihre Tochter kümmern. Die Nachbarin dachte, Willas Sohn sei der Vater. Auch wenn Willa keine wirkliche familiäre Bindung hat, reist sie dorthin um zu helfen. In dieser neuen Umgebung beginnt sie sich selbst wahrzunehmen. Sie genießt es, gebraucht zu werden. Das neue Umfeld, die Nachbarn, der Hund Airplane und das Kind von Denise beginnen Willas Leben durcheinanderzuwirbeln.

Ein feiner amerikanischer Roman über Passivität, Selbstverwirklichung und familiäre Bindungen und ein Buch, in dem man sich zügig wohl fühlt. Der letzte Abschnitt ist etwas gebremster, wird aber durch die spleenige Dorfgemeinschaft dennoch sehr lebendig erzählt. Ein Text über eine zweifelnde Frau, die sich selbst kennenlernen muss, um ihr eigenes Leben in die Hand nehmen zu können und sich dabei endlich als nützlich zu empfinden.

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Christian Lorenz Müller: „Ziegelbrennen“

Christian Lorenz Müller Ziegelbrennen Otto Müller

Ein großangelegter Familienroman, der den Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart spannt. Im Zentrum steht immer das Thema Flucht und es ist daher ein sehr politischer und aktueller Roman.

Der Roman beginnt mit der gebürtigen Kroatin Rosmarinka, die den Donauschwaben Raimund Quendler heiratet. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Dorfgemeinschaft in Sveti Ivan von den Partisanen bedrängt und um Tier- und Nahrung bestohlen. Das Landleben ist bereits sehr entbehrungsreich und von Armut geprägt. Als die Männer bei der Feldarbeit sind, kommen Titos Partisanen, setzen sich zu Rosmarinka in die Stube und futtern sich durch die Speisekammer. In Folge verlangen sie weitere Essensrationen, Zigaretten und Schnaps. Die fertigen Speisen versteckt Rosmarinka nun in der Bank vor dem Haus, wird aber nur anfänglich in Ruhe gelassen und die Gefahr schwebt weiterhin über dem Hof. Dies ist der Einstieg in den flickenartigen Roman, der weit ausholt und dabei die Familiengeschichte aus verschiedenen Perspektiven und Mitteln erzählt. Nur anfänglich wirkt es sprunghaft und immer mehr verdichtet sich der ganze erzählerische Kosmos.

Es folgen die Stimmen von Arthur Mantler, der mit Valentia, der Enkelin von Rosmarinka, verheiratet ist. Arthur ist Historiker und erforscht die Geschichte des Balkans, die Flucht und den Holocaust. Er führt diverse Gespräche für eine Soundcollage, die die Emotionen der Zeit einfangen soll. Er und Valentia sind beruflich sehr eingespannt und leben oft getrennt, daher verlaufen ihre Gespräche via Skype. Anton, der Sohn von Rosmarinka, benutzt wiederum das Faxgerät, um mit seinem „Schwiegerfreund“ zu kommunizieren. Anton sollte es mal besser haben und sollte eigentlich mal Priester werden. Stück für Stück und Bild für Bild setzt sich langsam der ganze Roman zusammen und immer offensichtlicher und klarer wird die ganze Geschichte.

Rosmarinka und Raimund werden immer mehr bedrängt und fliehen letztendlich nach Österreich. Auch hier ist ihr Neuanfang erschwert und verlangt einige Entbehrungen. Jede folgende Generation erzählt nun die Geschichte mit ihren zur Verfügung stehenden Mitteln. Rosmarinka erzählt, während Anton faxt und Arthur die neueren Medien benutzt. Durch diese Sprünge und großartige Erzählweise bekommt der Roman etwas sehr Lebendiges. Das Familiäre erlebt die politische und europäische Geschichte: die Zeit der Ustascha-Diktatur, der Zerfall Jugoslawiens und die aktuellen Fluchtbewegungen der Syrer, Iraker und Afghanen, die durch den Osten Kroatiens ziehen.

Sehr bildreich, plastisch und wortgewaltig ist der Roman geschrieben. Durch das ganz genaue Hinsehen und Beschreiben bekommt das ganze Umfeld der Handlung eine Tiefe, die sich allein durch die Bilder im Leser einbrennen.

Ein Roman, der sich nicht gleich zu Anfang erschließt, dann aber immer mehr sein Spektrum eröffnet und damit die Charaktere und deren persönliche Geschichten immer erfahrbarer werden lässt.

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Karl-Heinz Ott: „Und jeden Morgen das Meer“

Karl-Heinz Ott Und jeden Morgen das Meer Hanser

Eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes einen Neuanfang in England versucht. Sie kommt aus der Gastronomiebranche und war Mitinhaberin eines Sterne-Restaurants am Bodensee und übernimmt nun eine einfache Gastwirtschaft in Wales. Beide Gewässer, das schwäbische Meer und die tatsächliche See, haben auf sie einen biographischen Einfluss. Als sie das gefragte Feinschmeckerhotel aufgeben muss, blickt sie von den Klippen von Abydyr wehmütig auf das Meer. Der Blick aufs Meer kann Sehnsucht, Aufgabe oder Schwermut beinhalten. Sie weiß noch nicht, was stärker ist, der Wille zu überleben oder der Wille aufzugeben. Das Meer bleibt gleichgültig. Mal stürzen die Brecher auf sie, die an der Küste steht, ein, mal liegt die See vor ihr ganz still. Das Meer kann an der Oberfläche toben, aber in der Tiefe ganz ruhig sein. Man weiß aber auch nie, was sich unter der vermeintlichen stillen See für gefährliche Strömungen verbergen.

Sonja hat mit ihrem Mann, Bruno, die Gastwirtschaft seiner Eltern übernommen. Beide haben in noblen Adressen gelernt und wollen nun aus dem dörflichen Haus ein Feinschmeckerrestaurant machen. Bruno hat lange als Saucier gearbeitet, hat dadurch sein Handwerk und seine Kunst perfektioniert und mit einer gehörigen Portion an Ehrgeiz bekommt er nun sogar einen Michelin-Stern. Es kommen Gäste von weit her, um bei Ihnen zu speisen. Doch mit der Sterneküche verwandelt sich auch die wirtschaftliche Situation. Man muss den Anforderungen der Gäste gerecht bleiben. Somit steigen die Kosten. Der gute Weinkeller und die edlen Zutaten verringern die Handelsspanne und lassen die Kosten explodieren. Die Kosten sind höher als die Gewinne und jegliche Renovierung können sie sich nicht leisten. Somit wird neben den noblen Gerichten auch immer mehr ländliche Küche angeboten, die mehr Umsatz generiert. Aber dadurch wird Bruno der Stern wieder aberkannt, der deswegen in eine schwere Depression fällt. Er lebte schon immer eher zurückgezogen und bleibt jetzt lieber trinkend im Weinkeller und gibt sich und die Küche immer mehr auf. Sonja hofft, neuen Ehrgeiz aus ihm herauskitzeln zu können. Auch die Einstellung auf einem Kreuzfahrtschiff, wo er den Starkoch mimt, kann nur während der Reise seine Flamme für das Kochen erneut entflammen. Als Bruno stirbt, schaltet sich Brunos Bruder, Arno, ein. Arno, ein unangenehmer und grapschender Mann mit einem stets falschen Lächeln, macht Sonja ein Angebot. Er würde alle Schulden übernehmen, verlangt aber, dass Sonja verschwindet.

Sie und Bruno hatten einen Namen, der nun, da alles weg ist, nichts mehr wert ist. Ihr Alter und ihre Geschichte machen es ihr schwer, irgendwo eine Anstellung zu bekommen.  Sie geht trotz aller Warnungen in das verregnete Wales, um dort eine Pension mit Barbetrieb zu übernehmen. Hier schaut sie aufs graue Meer und blickt zurück. Sie wünscht sich, bald nicht mehr vergleichen zu müssen und beim Anblick des Meeres nicht mehr das andere Gewässer zu vermissen.

Ein Roman, in dem Verzweiflung so schön ist. Ein wunderbares Buch über die Problematik der Sterneküche, die Risiken der Selbständigkeit und die Aufgabe der gelebten Leidenschaft. Melancholische und verzweifelte Figuren geben diesem Roman den Grundton, machen beim Lesen aber irgendwie sehr glücklich. Die Suche nach dem Sinn des Lebens kann trotz der aufbrausenden Probleme auch mal humorvoll werden. Feine Szenen und große Charakterisierungen im kleinsten Detail machen diesen Roman zu einem sehr besonderen.

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