Devika Rege: „Die rastlosen Jahre“

Der Roman besteht aus der Architektur des Lebens. Eine universelle Architektur, die anhand der Figuren einen gegenwärtigen Blick zwischen Ost und West wirft und in seiner Struktur, seiner Aussage und der Handlung als wichtiger Baustein der Gegenwartsliteratur gelesen gehört. Dieser Roman verbindet Wissen mit Emotion, Sachlichkeit mit Leben und Kunst mit dem scheinheiligen Wesen der Jetztzeit. Der Roman ist voll von Geschichten, Ideen und politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und Brüchen, dass wir in einen regelrechten Lesestrudel gerissen werden.

Devika Rege entwirft ein Panorama des modernen Indiens. Es sind anfänglich drei Erzählstimmen, zu denen sich weitere hinzugesellen. Am Ende spricht das Fragezeichen, das die Stimme der Autorin zu kaschieren versucht. Devika Rege wurde in Pune, Indien, geboren und lebt dort. Sie studierte an der University of Mumbai und absolvierte den Iowa Writers’ Workshop. „Quarterlife“, so der Originaltitel, ist ihr Debütroman. Aus dem Englischen wurde das Werk von Barbara und Stefan Weidle übersetzt.

Die Handlung ist weitgefächert und die Ideen sprudeln geradezu aus den Seiten heraus. Ein Werk, zu dem der Vergleich zu „Der menschliche Makel“ von Philip Roth gleichberechtigt neben der Bhagavad Gita genannt werden könnte. Viele Welten vereinen sich und zeigen die Strömungen und Lebenswege, die in Indien, aber auch in die ganze Welt greifen. Ein Werk, das herausfordert, begeistert und uns fühlen und lernen lässt. Eine großartige Auseinandersetzung mit Kultur, Politik und der Gesellschaft unserer Zeit.

Es sind Naren, Amanda und Rohit die dem Anfang ihre Stimme geben. Mit einem Unbehagen beginnt das Werk und transformiert sich bis zum Loslassen. Dabei tauchen wir tief ein in Amandas Weg zu sich selbst, Narens Weg zur Freiheit und Rohits Weg zur Identität. Alle drei sind in einer globalen Welt aufgewachsen, doch die internationalen Versprechen werden brüchig. Ihre Freundschaft, Begehren und Zugehörigkeiten bringen sie zueinander und voneinander weg. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegensätze werden durch die Charaktere sehr verdeutlicht. Die Polarisierungen verunsichern und verhärten sich zugleich.

Naren und Amanda sind zusammen in Indien eingetroffen und treffen auf Rohit, Narens Bruder, der in Mumbai lebt. Naren war mehrere Jahre an der Wall Street tätig. Jetzt kehrt er zu seiner Familie zurück. Amanda, eine Amerikanerin, bekommt ein Stipendium und arbeitet für eine NGO in einem Slum. Rohit gerät immer mehr in den erstarkenden Hindu-Nationalismus, der die Kultur, Wirtschaft und das Land enorm prägt. Amandas Vergangenheit und ihr Weg nach Indien öffnen ihr eine neue Weltsicht und alle drei wollen ihren Platz im Leben und in der Welt finden. Rohit macht sich auf eine Reise zu den Wurzeln und will cineastisch das Gesehene und Erlebte sichtbar machen. Auch Amanda hält ihre Erlebnisse fest. Naren hat eine profitable Stelle als Unternehmensberater bekommen und seine Machenschaften greifen in höhere Kreise der Politik und Wirtschaft ein. Es entsteht eine große Momentaufnahme zwischen den Extremen. Mit dem Kapitel „Stillstand“ geht eigentlich das Gegenteil in den Roman ein und weitere Stimmen vermehren die Ebenen. Ein Wirbel aus Ereignissen und Eindrücken wirkt auf die Handlung und Figuren ein und es steigert sich immer mehr und in einer Festnacht eskaliert es.

Ein kolossaler Roman, der als Debütroman in den Kanon der Weltliteratur wandert und einen großen Eindruck hinterlässt. Dieses Spiel aus Konflikten der Gegenwart zeigt, das jegliches Handeln oder Einwirken stets politisch ist und sich auf die Kultur und Gesellschaft ausdehnt. Das Buch ist ein literarisches Füllhorn. Sehr lesenswert.

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Bela Chekurishvili: „Margo ist fort“

Diese Lyriksammlung von Bela Chekurishvili verankert sich, löst sich und blickt dann zurück. Gleich den zwei Raben aus der Mythologie. Einer sitzt der Erzählstimme auf der Schulter und schaut in das gegenwärtige Umfeld und einer ist fortgeflogen. Beide berichten, was sie sehen. Bela Chekurishvili ist ebenfalls fortgegangen und in ihren Betrachtungen, Gedanken und Emotionen wandert sie zwischen den Welten. Sie bemisst den Abstand inmitten der verlassenen Heimat und dem gewählten Exil.

Bela Chekurishvili wurde 1974 in Georgien geboren. Sie studierte georgische Philologie an der Universität Tbilissi und Germanistik und Komparatistik an der Universität Bonn. Sie war langjährig als Kulturjournalistin sowie als Lehrerin tätig. Sie lebt als freischaffende Autorin und Übersetzerin in Berlin und Köln.

Ihre Gedichte sind sehr bodenständig und erzählen poetische Geschichten. Diese wurden von Norbert Hummelt übersetzt. Wobei eine lyrische Übersetzung mehr eine Nachdichtung ist. Die Texte zeigen uns die Bedeutung des Gedichts. Die Wirkungskraft des Wortes. Das aufgeschriebene Wort vermehrt sich durch das Druckmedium und wird zu einem gehörten Klangraum und die Bedeutung variiert und vervielfältigt sich. Die Tinte gibt dem Gesagten Unsterblichkeit und das Wort vergeistigt sich und wird wie Wein genossen, der ebenfalls durch die Anbauregion und die Quelle das Wesen des Umfeldes transportiert und von uns inhaliert werden kann. Ein Gedicht muss kein verkopftes Werk sein, kein Grabspruch, sondern einfach durch Klang, Reim und Inhalt uns berühren.

Ein Federkiel verwandelt Hymnen zu etwas Althergebrachtem und erneut rennt zum Beispiel Lola durch Berlin und im Finale bleibt die Frage nach der wahren Liebe. Ein Stoffbeutel erlangt große Bedeutung und die Gegenstände sind es, die unsere Erinnerungen binden. Wir schauen in unbekannte Gesichter und lernen, dass wir nicht alle Hoffnung fahren lassen sollten. Immer wieder ist da auch die Angst.  Die Angst vor Verlust hat dabei mehr Gewicht als jene vor der Gewalt und die härteste Strafe entpuppt sich als jene, plötzlich ein Geheimnis alleine bewahren zu müssen. Neben den menschlichen Betrachtungen sind dann noch die aus dem Tierreich. Gedichte, die im Insektarium zusammengefasst sind.

Diese Gedichte sind leicht lesbar und verständlich. Lyrik ist die kürzeste Form, um ein Ganzes emotional mit Worten zu bekleiden, damit wir das Gesagte nachempfinden können. Ein Fortgang schützt nicht vor dem Verlassen und der Einsamkeit in der Gesellschaft. Diese Lyrik trotzt den alltäglich gewordenen Widrigkeiten und erzählt darüber, was es zu bewahren gilt.

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Ulrike Sabine Maier: „Hinter tausend Stäben“

Ein Roman, der vieles heraufbeschwört und zeigt, dass das Hervorgebrachte niemals wirklich geendet hat. Durch die vielschichtige Handlung, die bis in unsere Gegenwart greift, werden die Charaktere und die Geschichte sehr lebendig. Der Erzählstil ist zugänglich und die Erzählebene wechselt in den Zeiten, um aufzuzeigen, wie aktuell die damaligen Ereignisse heute noch oder wieder sind. Der Roman verarbeitet die reale Geschichte einer außergewöhnlichen Frau, ihr liebloses Familienverständnis und ihren Kampf für die Freiheit. Der Titel stammt aus dem Gedicht „Der Panther“  von Rilke und bezieht sich auf die Handlung, denn es ist das hinter Gittern gefangene Tier, das die Freiheit nur durch die Stäbe erahnt und müde wird. Das Gefühl der Vereinsamung innerhalb der gesellschaftlichen Mauern und der Wunsch nach Freiheit des inneren Wesens sind die Hauptmerkmale des beschriebenen Frauenlebens in extremen Zeiten und Umständen.

Die Kinder von Luise haben bisher wenig von ihrer Mutter über die eigene Familie erfahren. Das ändert sich im Jahr 2016, als diese bei Luise Fotos finden und Luise sich auf die Spurensuche begibt, um endlich Antworten zu erhalten, warum sie eine lieblose Kindheit hatte. Sie versucht für ihre Kinder eine innere Versöhnung zu finden. Ihre Mutter, Inge, hat das Muttersein niemals erfüllen können und Luise bei Freunden, fernen Verwandten oder in Heimen aufwachsen lassen.

Inge wird streng erzogen und fürchtet sich vor den Gefühlsausbrüchen ihres Vaters. Eine innere Wut, die sich wie ein explodierendes Tier aus dem Innersten befreit, wütet und sich aber auch schnell wieder bezähmt. Dieses innere Tier wächst auch in ihr und mit ihrem Erwachsenwerden gewinnt diese innere Zerrissenheit immer mehr an Stärke, die sie aber lernt zu bändigen. Es sind die Jahre des wachsenden NS-Regimes und ein Unwohlsein, eine Unsicherheit und ein gegenseitiges Misstrauen breiten sich aus. Mit der Machtübernahme verändert sich das gesellschaftliche Miteinander und Inge ahnt den Schrecken, der sich immer mehr ausbreitet. Ihre erste große Liebe muss mit seiner jüdischen Familie auswandern und die Angst vor dem ausufernden Machtgefühl der Mitläufer wächst. Diese Angst vor dem Regime breitet sich in der Kunstszene aus, die Inge sehr schätzt. In der Kunst, besonders in der Musik, kann sie ihre Freiheit finden. Es ist gerade die Kunst, die sie bewundert, die verboten wird. Inge geht oft den Weg entgegen der gängigen Gewohnheiten und sie beginnt, Medizin zu studieren. Das entspricht nicht dem damaligen Frauenbild und sie muss sich überall behaupten. Ihre Verzweiflung und Wut wachsen mit dem Schrecken des NS-Regimes und dem beginnenden Krieg. Sie wird ungewollt schwanger und die Ehe mit dem Vater des Kindes hält nicht lange. Sie muß viel arbeiten und kann keine Verbindung zu der eigenen Tochter aufbauen. Während der Ausbildung lernt sie die perfiden Machenschaften der Medizin, Politik und Machthaber kennen. Sie findet Halt in der Musik und lernt die Pianistin Elly Ney kennen. Während die Angst vor der Gestapo immer greifbarer wird, freundet sie sich mit Alex Schmoerll an und unterstützt den Widerstand der Weißen Rose. Die inneren und äußeren Zustände der damaligen Zeit prägen Inge und ihre Tochter Luise. Die Geschichte hat nicht aufgehört.

Der Roman lässt uns die Dunkelheit der damaligen Zeit nachspüren und verbindet die Vergangenheit sehr gekonnt mit unserer Gegenwart. Die Figurenzeichnung ist sehr nahbar und wir verbinden uns zügig mit den Charakteren. Die Verletzlichkeit, die Sorgen, Ängste und die Wut werden regelrecht spürbar beschrieben.

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Isabella Breier: „Kosmo“

Literatur kann die ganze Welt sein und Kosmo ist der Ort, der Weltenraum, in dem wir versuchen unsere eigene Ordnung zu finden. Mit jeder Geschichte und jedem Erlebnis, ob erzählt, gelesen oder erlebt, wird unsere Erinnerung, unser Wissen erweitert und unsere Sicht überschrieben oder verändert. Wozu benötigen wir also eine wissensspeichernde und künstliche Intelligenz, wenn wir bewusstseinserweiternde, kunstvolle literarische Intelligenzen haben? „Kosmo“ ist eine Verneigung vor der Bedeutung unserer Wahrnehmung und Phantasie. Der Roman spielt und vermengt die literarischen Genres. Ein grotesker Bericht aus einem fiktiven griechischen Ort einer äußerst unzuverlässigen Erzählerin. Der vorliegende Text ist der geordnete Untersuchungsbericht, den die Erzählerin ihrem Kündigungsschreiben beifügt, und ist das Resümee ihrer Spezialreise.

Isabella Breier hat viel Freude am Formulieren und am Erzählen. Ihr Roman ist ein komplexer, kosmischer Spaß, der uns aber auch zu fordern versteht. Der Vergleich zu den Werken von Dietmar Dath drängt sich auf, denn die Weltenschöpfung und Durchdringung durch Sprache ist hierbei ähnlich. Sprachforschung und Erinnerungsbilder sind in beiden Werken der verwendete Kosmos. „Kosmo“ ist ein unterhaltsamer Leseritt durch Raum und Zeit und hat eine Struktur, die mit vielen Themen und Gedankenspielereien einen Nährboden an komplexen Besonderheiten darstellt. Literatur, die unsere gefühlte Weltsicht anregt, umschreibt oder erweitert. Das Buch wird zur Erinnerung und das, was im Roman Beständigkeit hat, ist jene Aussage: „Mit jeder Erinnerung einer Erinnerung ändert sich dieselbe zumindest ein bisschen“.

Unsere Kopfwelt und der Gefühlshaushalt sind jeweils ein flüchtiges Konstrukt. Diese meist unrettbare Flüchtigkeit soll gerettet und umfassend kontextualisiert werden. Die Ich-Erzählerin Chave ist noch eine Angestellte des „Anamnisis Institut“ als eine Einheit des Hybridkollegs. Sie ist eine langjährige Expertin der „Temporary Eternal Collection“ und eine enorme Besserwisserin. Sie ist strukturiert und ihr Leben ist dem Archivieren gewidmet. Privates erlebt sie geplant. Trinken und Feiern ganz nach Plan und die Lebenspartner, es sind drei, je nach Stimmung. Einer für die Leidenschaft, einer zum Kuscheln und einer als guter Freund.

Das Buch, ihre Textsammlung, beginnt mit ihrem Kündigungsschreiben an das Institut mit beigefügtem Bericht ihrer Expedition. Diesen Bericht hatte sie noch versprochen und gibt diesen geordnet mit Glossar und Inhaltsangabe ab. Ihr Text ist länger geworden als wohl erwartet. Es war ein Minimum besprochen, nicht aber eine obere Grenze. Somit hat sie alles gegeben und den eigenen Text durch Marginalien ergänzt.

Die Handlung spielt in einer näheren Zukunft und nachdem Chave eine Datei „Gespensterprotokolle“ zugespielt bekommt und die Urheberin verschwindet, begibt sich Chave im Jahr 2048 auf eine Reise quer durch die Zeit. Ihr Reiseziel ist die zauberhafte und sich beständig verändernde griechische Ortschaft Kosmo.  Das vorliegende Buch ist somit Chaves Bericht ihrer Investigationsexpedition. Ein Wimmelbild an verstörenden, stürmischen Geschichten in Geschichten. Somit wächst ein Werk über die Bedeutung des Erzählens, der Sprache und des Erinnerns. Aufzeichnungen aus Traumlandschaften, die fraglich sind und doch einen wahren undurchdringlichen Geschichtenbusch in uns verpflanzen.

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Matthias Hornschuh: „Wir geben uns auf“

Geben wir freiwillig unsere Kultur auf? Kultur ist ein weitgefasster Begriff. Er beinhaltet unsere speziellen kulturellen Einflüsse und besteht aus den von Menschen geschaffenen Ideen, Kreationen, Lebensweisen und Werken, die uns prägen.  Was ist uns die Kunst und die Kultur wert? Die Pandemie und die jetzigen, schnellen technischen Entwicklungen waren und sind ein Beschleuniger der negativen Wertschätzung. Meist wird auch das fertige Produkt bewertet und sogar mit ähnlichen Werken verglichen. Selten wird der Entstehungsprozess berücksichtigt. Selten die Mitwirkenden am fertigen Objekt. Oft wird zum Beispiel im Buchhandel das Druckmedium von Kunden aufgrund des Materialwerts bewertet.

Matthias Hornschuh hat ein faktenorientiertes Werk verfasst. Es liest sich als Kritik, bietet aber auch viele Lösungsansätze an. Das Buch „Wir geben auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit“ ist eine für uns alle lohnenswerte Lektüre. Denn für das kulturelle Ausmaß der Entwicklung der künstlichen Intelligenz und ihrer Auswirkung ist der Text eine gelungene Zusammenfassung. Künstliche Intelligenz ist bereits in der Begrifflichkeit falsch, denn in Wahrheit bleibt nur das Künstliche standhaft. Denn es gibt keine künstliche Intelligenz ohne menschliche Intelligenz. Die Entwicklungsphase und der Lernprozess jener KI basiert auf dem zugespielten Wissen unserer Kultur. Die eingespeisten Texte, Werke, Klänge und Ideen sind menschliche Kreationen. Meist ohne Wissen oder Vergütung der Schöpfenden. Kulturschaffende, Künstler und Kulturorte leben oft von der Hand in den Mund. Nun wird diese Arbeit fremdverwertet ohne Berücksichtigung des Urheberrechts. Kultur sollte uns allen zugänglich sein, aber Kultur kann nur entstehen, wenn wir die Schöpfenden leben lassen. Auch der Begriff  „Denkprozess“ bei Verwendung der KI ist irreführend, denn eine künstliche Intelligenz ist nicht kreativ oder hat keine emotionale Intelligenz, um Sachverhalte richtig zu ordnen. Sie sucht lediglich ihre Speicher nach möglichen Antworten ab. Wenn diese sich selbst lehren und keine Kontrolle mehr besteht, verselbständigt sich die Wahrheit. Auch der Missbrauch ist erleichtert. Schnell können Musik, Bilder oder Texte Verwendung finden, die abgeändert oder in anderer Sachlage eine verfremdete Realität erzeugen. Wer benutzt letztendlich wen? Wir die KI oder diese bereits uns?

Die großen Erzeuger der KI geben enorm viel Geld aus und verwenden unglaublich viele Ressourcen, haben dann aber nicht die Mittel, die kreativen Menschen, die Kulturträger, Künstler zu bezahlen, deren Werke sie einfach verwendet haben? Es benötigt wieder eine Wertschätzung gegenüber der Kunst und der Kultur. Der Weg zur Kunst muss uns etwas bedeuten. Laut Nina George reproduziert KI das Wahrscheinlichste, während Literatur vom Unwahrscheinlichsten erzählt.

Das Buch von Matthias Hornschuh zeigt die volkswirtschaftliche und existentielle Bedeutung geistigen Schaffens. Es ist die Kultur, die unsere menschliche Grundlage ist. Diese dürfen wir uns nicht nehmen lassen und sie ist kein überflüssiger Luxus. Die Debatte über die KI ist voller Missverständnisse, Denkfehler und stets zwiegespalten. Sobald eine Kritik genannt wird, wird oft jene Kritik als Fortschrittsverweigerung tituliert. Doch müssen wir immer und schnell jeden Fortschritt mitmachen und gutheißen, gerade wenn es auf Kosten der Menschlichkeit, Kreativität und Kultur geht? Wir sollten kein kopfloser Schwarm werden, der gerade noch zu schwimmen versteht, aber sein Ziel nicht mehr kennt. Wir benötigen künstlerische Ruheräume. Auch will keiner die Entwicklung stoppen, geht wohl auch kaum, doch wäre ein behutsamerer Umgang wünschenswert.

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Marie-Louise Monrad Møller: „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“

Dieser Roman pendelt zwischen den Bergen, den Meeren und verwebt Einfachheit mit Tiefgang, Poesie mit Leichtigkeit. Marie-Louise Monrad Møller ist Kunsthistorikerin und hat Literarisches Schreiben studiert. Sie hat bereits Kurztexte veröffentlicht. „Viel wichtiger ist jetzt die Gegenwart“ ist ihr Debütroman. Die in Dänemark geborene Autorin ist zwischen Flensburg und Schleswig aufgewachsen und hat ein autofiktionales Familienporträt geschrieben. Es geht vorrangig um den Umgang und die Beziehungen innerhalb der Familie.

Mit einer zugänglichen Sprache werden die nordischen Landschaften und die Gefühlswelt der Erzählerin sehr lebendig. Die Erzählerin ist angehende Schriftstellerin, die noch studiert. Sie ist noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Sie schreibt und erzählt und spricht jemanden mit Du ganz direkt an. Das Du ist die Mutter, die im Sterben liegt. Ihr Alltag, den sie gerade selbst zu strukturieren versuchte, wird durch den Anruf ihrer Mutter gänzlich zersprengt. Sie reist zurück in den Norden, nach Schleswig-Holstein, nahe der dänischen Grenze. In der norddeutschen Heimat kommen die ganzen Erinnerungen zurück. An ihre Geschwister, Malte und Lotti, und ihren Vater, den dänischen Musiker, der oft unterwegs ist. Besonders verweilen ihre Gedanken bei der Mutter, die als Pastorin für alle ein Gehör und Zeit hatte, außer für die eigene Familie. Sie lebten im Pastorat mit einem schönen Garten. Doch das kleine familiäre Paradies ist durch Verwahrlosung geprägt. Die Mutter ist der Mittelpunkt und somit steht alles in ihrem Schatten. In der Gemeinde ist sie sehr angesehen und ist für alle erreichbar. Die Sorgen anderer stehen vor den Bedürfnissen der eigenen Kinder. Diese müssen oft selbst sehen, wie sie zurechtkommen und werden beim Einkauf auch gerne mal im Einkaufszentrum vergessen. Auch als die Mutter die Pastorenstelle aufgibt und in einer Klink als Seelsorgerin anfängt, ist der Auszug aus dem Pastoratsgebäude kein geplanter und für die Kinder ein sehr überraschender. Durch die Krebsdiagnose verliert die Mutter ihre Kraft und plant nun bereits ihre eigene Beerdigung. Mit viel Hingabe und Humor beschreibt die Erzählerin ihre Erlebnisse und Erinnerungen um das damalige und heutige Elternhaus. Das Drama der sterbenden Mutter ist lediglich der Auslöser und steht nicht als emotionaler Koloss im Text, sondern im Mittelpunkt steht das Leben miteinander und ist letztendlich auch eine Liebeserklärung. Das Aufwachsen in einem Elternhaus, das die Kinder allein lässt und ihnen doch bei den Erziehungsmaßnahmen und im überschneidenden Alltag sehr kontrolliert und streng begegnet. Gerade als Teenagerin muss sie ihren Weg zwischen Freiheitsdrang und Zugehörigkeit finden. Die Mutter lässt dabei wenig Spielraum und hat wenig Nächstenliebe für die eigene Familie übrig. Doch ist ihre Liebe eine ganz andere und somit zeigen sich die Familienbande auf ganz anderer Ebene. 

Es geht um die Frage, was man fühlen darf, soll oder kann. Darf man feiern oder reisen, wenn die Mutter stirbt? Darf man sein eigenes Leben vor das der anderen stellen, auch wenn gerade die Bedürftigkeit sehr groß ist? Gerade wenn die Mutter eine Rolle ausfüllt, die immer für andere ausgefüllt war und wenig Raum für das enge Umfeld hat. Die öffentliche und die private Wahrnehmung der familiären Ereignisse, die durch die Funktion der Mutter einen größeren Umkreis beeinflusst. Der Verlust des Miteinanders und die Empathie für das Gegenüber, das angesprochene Du, können hier innerhalb einer Familie nachempfunden werden. Aber eine Familie ist die kleinste Gruppe unserer ganzen Gesellschaft und somit berühren diese Gedanken uns alle. Der Roman hat etwas Einfaches, sogar Nüchternes und verweilt dennoch oft in Tiefe mit einer sinnlichen und poetischen Sprache.  

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Ben Rakidzija: „Briefe aus meinem Garten“

Bücher können jeden Urlaub ersetzen und uns einladen, zu Entschleunigung und den Moment sowie das Umfeld genauer zu erfassen. „Briefe aus meinem Garten“ sind Erzählungen und Geschichten, die durch eine Rahmenhandlung und den brieflichen Bezug etwas ganz Besonderes darstellen. Briefe sind innerhalb der Literatur stets eine Quelle an sprachlichen Bindungen, Übermittlungen und des informellen, sowie gefühlvollen Austauschs. Diese wurden durch den elektronischen Mailversand abgelöst und mit dem medialen Fortschritt weiter verkürzt. Sogar durch das Verwenden von kleinen Symbolträgern für Gedanken oder Emotionen noch mehr bagatellisiert. Daher ist der Brief eine wunderbare Rückbesinnung auf die Zeit, die uns diese beim Verfassen oder Erfassen schenken. Die Handlung gaukelt einen Fund vor, der nahe Pula im Jahr 1937 gemacht worden sein soll. Die darauffolgenden Briefe und Erzählungen, die auf das Jahr 1889 datiert sind, sollen in einer bäuerlichen Schublade gefunden worden sein. Somit spielt die Rahmenhandlung zur Zeit der Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Ben Rakidzija lebt als Hotel-Philosoph, Mittagsschläfer und Schriftsteller in den südlichen Ländern Europas. Seine „Verteidigung des Mittagsschlafs“ wurde bereits gefeiert und nun erweitert er unseren Horizont durch eine fast schon sinnliche Zeitreise. Der deutsch-kroatische Autor bedient sich eines Vorbildes „Briefe aus meiner Mühle“ von Alphonse Daudet. Briefromane sind in der Literatur keine Seltenheit und erzeugen einen Wunsch nach Realität innerhalb der fiktiven Träumereien. Der beschriebene Garten ist mitten in Istrien. Er beherbergt zwei Olivenbäume, dazu viel Rosmarin und Lavendel. Auch Tiere sind hier zuweilen gerngesehene Gäste, wie ein Kätzchen, Igel, ein diebischer Ziegenbock und ein eigenwilliger Esel. Die Landschaft und die dortigen Düfte erinnern an das Mediterrane und doch wird der Vergleich zur Provence gleich zum Anfang abgelehnt, denn die französische Region würde vor Neid zerplatzen. Es ist ein Gelegenheitsdichter, der bei einem Makler ganz spontan und zur eigenen Überraschung jenen Garten kauft. Bei der Anreise fragt er sich, ob es den Garten wie beschrieben überhaupt gibt. Bei der Ankunft erkennt er, dass er das Geschäft seines Lebens getätigt hat. Hier in einer Hängematte liegend schreibt er, was er denkt, erlebt oder ihm zugetragen wird. Die zugetragenen Geschichten können auch von sonderbarem Ursprung sein. Alles hat etwas wunderbar Altertümliches, Schönes und Besinnliches. Es sind heitere und stets positive Betrachtungen, die auch in bedrückenden Umfeldern, wie dem Krieg, keimen, aber dann immer lebensbejahend sind. Wie der Soldat, der verwundet einen Freund bittet, seiner sterbenden Mutter Briefe in monatlichen Raten zukommen zu lassen, damit diese ihren Kummer verliert. Es gibt eine Begegnung mit einer Untoten oder einer Kameliendame. Auch ein Trinker taucht auf, Feenspeise oder ein an einem Spinnennetz schwebender Rosmarinzweig, der einen Jungen gottesfürchtig werden lässt.

Diese Texte haben alle sehr viel Charme und erlauben uns die dortige Fauna und Flora durch die schöne Sprache sinnlich mitzuerleben. Eine eigenwillige, besondere und ergreifende Zusammensetzung. Hier trifft Poesie auf Witz, Geschichten auf ländlichen Flair. Das Buch ist ein sommerlicher und schriftlicher Urlaub, der durch Abdrucke von Gemälden im Buch begleitet wird.

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Lukas Hoffmann: „Wassermann“

Der junge Mann und das Meer. Lukas Hoffmann hat einen Debütroman geschrieben, der einen Protagonisten ins Leben wirft, der lernen muss zu schwimmen. Ganz sensibel, ungewöhnlich und zart kommt der „Wassermann“ daher, der langsam erzählt ist und viel durch Sprache und Bilder entfaltet. Immer wieder taucht dabei Hemingway auf und doch wird die schreibende Legende hierbei ganz anders, verwässert und durchgespült angewendet. Die Handlung beschreibt ein Umstülpen, eine Offenlegung des Innersten. Hier versucht sich jemand so zu zeigen, wie er ist. Es ist seine Einsamkeit, sein Verlust und sein Weg zwischen Flucht, Distanzierung und Annäherung. Der Wassermann sucht Tiefe, Veränderung und trifft auf Widerstände, die er bei seinen Schwimmversuchen meist selbst ausgelöst hat. Auch ist der Titel eine mystische Anspielung, an die keiner im Buch wirklich glauben mag, aber doch geht es um soziale und revolutionäre Umbrüche.

Lukas Hoffmann schreibt ganz klar und mit wenig psychologischen Andeutungen. Die Figuren entfalten sich durch die genaue Sprache, die eine feine Beobachtung voraussetzt. Die Handlung legt den Verdacht nahe, dass diese tief nachempfunden und oder erlebt war. Denn sehr einfühlsam wird hier eine Seelenlandschaft beschrieben. Der Protagonist heißt Luk und die Ähnlichkeit zum Autor ist wohl bewusst angewendet worden. Luk treibt durch die Welt, er treibt durch Geschichte und möchte sich vom Schmerz distanzieren. Ein Schmerz, der viele Quellen hat. Da ist seine sterbende Mutter, der Vater, der schon lange weggegangen ist, ein Freund, der oft in psychiatrische Behandlung geht und ein Liebeskummer einer nicht erwiderten Liebe.

Luk hat eine Schwester, die bald selbst in Berlin Mutter wird und seine Mutter ist im Krankenhaus, später in einem Hospiz, wegen ihrer unheilbaren Krebserkrankung. Luks Vater hat ein luxuriöses neues Leben begonnen. Sein bester Freund ist Kurt, der aber oft nach „Schweden reist“ wie es dessen Mutter sagt, wenn Kurt sich wegen seinen manisch-depressiven Schüben einweisen lässt. Luk ist unglücklich in Kurts Schwester verliebt und kann mit seinem Gefühlschaos nicht umgehen. Er wählt ein Auslandssemester, um sich von den Dingen, die ihn überfordern, umspülen und wegzureißen drohen, zu distanzieren und zieht nach Barcelona. Seine innere Zerrissenheit trifft hier auf ein politisches Gegenbild, denn die katalanischen Unabhängigkeitskämpfe überrollen die Stadt. Luk ist dabei und doch steht er daneben. Er findet keine Ruhe, keine eigene Unabhängigkeit, denn seine Gedanken sind oft bei seiner Mutter, die er nach seinem Empfinden beim Sterben allein gelassen hat. Er lernt die englische Mitkommilitonin Olive kennen, die beim Freiheitskampf mitwirkt. Olive und Luk erleben sich in einer aufblühenden und innigen Liebe. Doch ist Luk nicht gefestigt genug, um alles um ihn herum zu fassen. Die Umstände rinnen ihm aus den Händen und er flieht weiter nach Portugal, um zu surfen. Luk pendelt in seinen Gefühlsmomenten und sucht eine Nähe, die er erst durch die Entfernung begreifen kann. Olive ist für ihn da, auch wenn er sich selbst beständig im Weg steht. Seine Verwirrungen nehmen zu, als er Nachrichten von seiner Mutter erhält. Seine Reise über Barcelona, Portugal, Berlin oder Hamburg befestigt sein wässriges Leben, doch vorher muss er jenen Malstrom durchschwimmen. Seine Gefühle, die um das Selbst kreisen und eine Distanz wünschen, verwandeln sich in der Umkehrung im Hinblick auf das Umfeld in Fürsorge. Dies ist die wahre Revolution und erforderliche Umwälzung in der persönlichen und in der äußeren Entwicklung.

Ein leicht erzählter Debütroman, der aber nichts Leichtes hat. Der „Wassermann“ zieht uns regelrecht mit, umspült uns sprachlich und wirft uns in seine Handlungswellen, denen wir nicht entkommen wollen und lange mit dieser Geschichte surfen wollen. Dies ist kein gewöhnlicher Coming-of-Age-Roman. Dies ist eine ehrliche Reise durch Emotionen und Wahrheit. Ein moderner Parzival. Die innere Zerrissenheit und der Kampf finden ihren Ausweg im Mitgefühl und im Umsorgen. 

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Denise Mina: „Die große Hitze“

Ein großer amerikanischer Detektiv ist zurück. Wie einst Sherlock Holmes oder Miss Marple ganze Heerscharen an ermittelnden Klugköpfen inspirierten, ist es Philip Marlowe, der als Figur eine gute Figur in den etwas anderen, den hardboiled Krimis machte und ebenso viele Nachfolger erweckte. Ein Mann, ein Detektiv, der das Gesetz, die Moral und das Rechtsempfinden dem eigenen Ermessen anpasst. Marlowe ist der Prototyp des harten, unbestechlichen und grüblerischen, wenn nicht sogar sentimentalen Einzelgängers. Frauen kommen vor, sind aber kurze Wegbegleiterinnen. Er trinkt, raucht und ist wortgewandt, aber auch barsch in seinen Formulierungen, die oft in sehr witzigen Pointen münden. Sein literarischer Vater ist der amerikanische Schriftsteller Raymond Chandler (1888 in Chicago geboren und 1959 in Kalifornien verstorben), der als Pionier der amerikanischen Hardboiled-Geschichten gilt. Auch in der Filmwelt gibt es einige klassische Adaptionen.

Die Königin der Noir-Literatur Denise Mina wandelt nun auf Chandlers Spuren. Als junge Frau versuchte sie einige Jobs, um dann in Glasgow Jura zu studieren. Sie begann, Kriminalromane zu schreiben und erhielt für ihre Romane zahllose Preise. „Die große Hitze“ ist ein autorisierter Philip-Marlowe-Roman. Es macht unglaublich Spaß, diese Welt neu zu betreten. Jetzt aus der Feder einer Frau, die dem hartgekochten Kerl neues Leben einhaucht. Mit sehr viel Hingabe zu den Originalromanen und Erzählungen lässt Mina etwas Neues im alten Gewand erscheinen. Mit sehr viel Respekt nähert sie sich der Ikone an und tanzt zwischen Pulp-Fiction und Literatur. Die auferstandene Welt des Philip Marlowe ist ein Gesellschaftsbild und eine wunderbare Zeitreise in das Los Angeles des Jahres 1938. Der Krimi lebt von seinem Sprachwitz und den erzeugten Bildern. Ein Detektiv, der mit trockenem Humor schlagfertig durch die Szenerie wandelt und sehr viel bereits erlebt und gesehen hat. Er ist mit vielen bekannt und gleichermaßen beliebt oder unbeliebt. Er ist jemand, der auch mal ein Auge zuzudrücken versteht, aber auch nicht aufhört, über Fälle nachzusinnen, wenn sie polizeilich gelöst zu sein scheinen, er aber weiterhin ein ungutes Gefühl hat. Er hat seine Prinzipien und bleibt diesen meist treu, es sei denn, die Neugier übertrumpft die vernünftige Routine. Er hat gerade einen Fall beendet, den er im Kopf aber noch nicht wirklich beenden kann. Etwas stimmt nicht und er geht den Fall, der sich in der Filmwelt abgespielt hat, immer wieder durch. Doch die Hitze macht ihm zu schaffen. Da kann das Fläschchen Stimmungspolitur auch wenig Abhilfe schaffen. Dann bekommt er einen Anruf und ein neuer Fall lockt in die abgehobene Welt eines millionenschweren Patriarchen, dessen verschwundene Erbin er suchen soll.

Die Zeit und das Setting werden sehr lebendig und mit dem ersten Satz sind wir sofort in der Marlowe-Welt. Die Dialoge sind scharfzüngig, fiebrig, voller Pointen und erzeugen eine Wohlfühlatmosphäre im schattigen Hollywood. Der Roman ist bildreich und voller Witz und eine faszinierende Neubelebung der Werke von Chandler, die hier eine tolle Erweiterung erhalten. Eine amerikanische Geschichte aus Schottland, die als Gesellschaftsstudie und als unglaublich toller, fast schon sinnlicher Lesespaß erfasst werden kann. Übersetzt wurde der Roman von der Verlegerin Else Laudan.

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Anna Opel: „NOW! Judith Malina und das Living Theatre”

Die New Yorkerin aus Kiel.

„Es gibt stärkere Werkzeuge als Waffen, um eine neue Welt zu schaffen! Finde sie! Love Judith“ Dies sind Abschlussworte in einem Brief von Judith Malina. Judith Malina war eine bedeutende Theatermacherin. Jetzt ist „NOW! Judith Malina und das Living Theatre“, eine Biografie zum 100. Geburtstag der Künstlerin und Theatermacherin, von Anna Opel erschienen.

Das Buch zeigt und bestärkt, wie wichtig Literatur, Theater und Kunst sind. Bücher und Bühnenstücke können die Welt verändern. Anna Opel studierte Theaterwissenschaft und Geschichte und ist eine Autorin, Journalistin und Übersetzerin. Sie folgte Judith Malinas Spuren, recherchierte in New York, Berlin und Süditalien. Sie las die Tagebücher, sah die Filmmaterialien um und von ihr und traf Menschen, die sie kannten. Eine Frau, die für das Theater lebte und mit den Inszenierungen, mit ihrer Kunst eine bessere Welt erschaffen wollte. Sie suchte das Miteinander, die Auflösung der Grenzen und Gräben. Besonders die Kluft des Bühnengrabens wollte sie minimieren, also die Barriere zwischen Bühnenwelt und Zuschauerraum. Dies war bereits der Ansatz von Bertolt Brecht und ihrem Lehrer Erwin Piscator, der auch die Meinung vertrat, man solle nur auf die Bühne, wenn man etwas zu sagen hat.  

Am 4. Juni 1926 wurde Judith Malina in Kiel geboren und verstarb am 10. April 2015 in New Jersey. Als Tochter eines Rabbiners, der ahnte, welche Schrecken Europa erleben würde, übersiedelten sie 1929 nach Amerika. Sie wächst in New York auf und nimmt an Workshops von Piscator teil und lernt den Maler Julian Beck kennen. 1947 gründet sie mit Beck das „Living Theatre“. Mit den gesellschaftskritischen Inszenierungen fallen sie auf und können sich einen Namen erspielen. Als Bühnenfrau und Regisseurin schreibt sie Geschichte und ist stets ein Teil dieser. Sie erlebt New York und Paris und sie und ihr anarchopazifistisches Theater werden weltberühmt. Doch ist ihr Lebensweg der Weg einer Künstlerin, die viele Misserfolge erlitt, aber immer wieder aufstand und das Positive suchte. Sie finanzierte ihren Theater-Traum zum Beispiel durch Film- und Serienrollen. Sie war unter anderem in einer Folge von „Miami Vice“, „Emergency Room“ und „Die Sopranos“ zu sehen. Auch in Filmen wirkte sie mit, in „“Zeit des Erwachens“ und wohl ihre bekannteste Rolle in „Addams Family“.

Anna Opel hat ein besonderes, faszinierendes Buch über eine begeisternde Frau geschrieben. Die Künstlerin und ihre Theater-Welt werden durch das Werk „Now!“  sehr lebendig. Unbedingt lesenswert.

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