
Es gibt ein literarisches Bermudadreieck, in dessen Geschichten wir uns gerne ziehen lassen. Die Eckpunkte bilden Benedict Wells, John Irving und Joey Goebel. Letzterer hat einen neuen Roman geschrieben, der das sportliche Spiel zwischen Wirklichkeit, Traum und der Rolle im Leben beschreibt.
Joey Goebel hat stets gute Ideen für seine Romanwelten und setzt seine Helden gerne in ungewöhnliche Umgebungen. Jetzt geht es in die Welt des Wrestling, dabei ist diese Sportart ein wunderbarer, verrückter Schauplatz, aber auch eine Metapher für eine Scheinwelt und ihre Künstlichkeit. Man muss kein Freund dieser Showkämpfe sein, um Spaß am Buch zu haben. Wenn man sich aber etwas auskennt, erkennt man das hier Hulk Hogan, The Rock oder The Undertaker nicht namentlich auftauchen, aber augenzwinkernd durch die Zeilen blicken. Letzterer ist zum Beispiel im Roman Mr. Never. Auch sollte man folgende Begrifflichkeiten einordnen können: Face und Heel. Mit Face ist das gute Gesicht in der Show gemeint, also der gute Held, während Heel der böse Protagonist ist. Die Rollen sind natürlich geplant und abgesprochen, wie auch die Kämpfe. Der Titel ist eine Anspielung auf einen Showakt, der beide Sportler wie eine Bismarckrolle tänzeln lässt, um einen der beiden zu Boden zu werfen. Wir erfahren auch durch den Roman, dass es Räumlichkeiten gibt in Gaststätten, die nahe den Kampfarenen stehen, die nur für Sportler zugänglich sind, damit die Fans nicht erleben müssen, dass Ihre Helden mit den jeweiligen Erzfeinden zusammen speisen oder etwas trinken.
Der zweifelnde und introvertierte Held ist Auggie Schnuck, der als The Aug Karriere macht. Gerade ist seine Action-Figur erschienen und er möchte sich dieser weiter anpassen, denn diese hat etwas mehr Muskeln. Doch Nadine, die Liebe seines Lebens, weiß ihn zu bremsen. The Aug ist er geworden, weil er mit seiner vorherigen Figur gebrochen hat. Während eines beginnenden Kampfes, nimmt Auggie sich das Mikrofon und spricht zum Publikum, er könne so nicht weitermachen und er fragt seine Fans, was er machen soll. Er möchte doch einfach nur Auggie sein. Da er die ganze Show in Frage stellt, wird sein Mikro ausgeschaltet, aber er weiß sich weiter zu helfen. Doch auch diese Einlage war bis ins kleinste Detail geplant und der unberechenbare, fast verrückte The Aug war geboren. Doch seine Selbstzweifel sind echt und er weiß zwischen sich und seiner Rolle nicht immer zu unterscheiden, denn als The Aug ist das Leben etwas einfacher, als in der Realität. Das steigert sich sogar, als sein Manager ihm eine Filmrolle in Aussicht stellt. Kann er diese selbst oder nur als The Aug verkörpern? Kann er sein Leben nur in seiner Rolle erfüllen? Ein Spiel zwischen den Wirklichkeiten beginnt. Ein Kampf um Liebe und Künstlichkeit beginnt.
Joey Goebel unterhält großartig. Sein Roman ist sehr cineastisch aufgebaut und erinnert an die Filme „Crazy Heart“ oder „The Wrestler“. Er ist etwas dialoglastig, aber das passt zu der Welt, in die Goebel die Scheinwerfer strahlen lässt. Die Handlung springt in den Zeiten und wir lernen Auggie als jemand kennen, der aus ärmeren Verhältnissen stammt und sich seine Träume erkämpft. Dabei ist ein stimmungsvoller Roman entstanden, der von Sehnsüchten und dem Wunsch nach Wahrheit und Anerkennung handelt. Die Übersetzung stammt von Nicolai von Schweder-Schreiner.
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