
Ein wunderbarer Roman über das würdevolle Miteinander. Die Distanz wird hier wahrlich schöner, je näher sich die Menschen sind. Eine Distanz, die nur eine wirkliche Nähe zulässt. Wir betrachten uns meist im vollen Leben, mit Lebensmut und wenn dies endet, sollte nicht nur der Blick auf dem Ableben, sondern auch auf dem Schönen und dem Gemeinsamen ruhen. In diesem Roman erfahren wir sehr viel über die japanische Kultur und über unsere menschlichen Beziehungen. Dabei spielt die Scham eine angenehme Rolle. Denn das Private und Intime verlieren sich in der öffentlichen Wahrnehmung und besonders im Krankenzimmer eines Klinikums. Der Sterbeprozess erzeugt in diesem Roman ein Bewusstsein für das Leben.
Ein Mann, der bei einer Versicherung tätig ist, zeigt seine Hingabe durch gewährten Freiraum, also eine Distanz, die dem Anderen Selbstentfaltung ermöglicht. Zumindest solange es möglich ist. Dadurch schenkt er den Menschen eine liebevolle Höflichkeit. Dies zeigt sich, als er seinen Vorgesetzen in Freizeitkleidung mit der Familie beim Einkaufen trifft oder er stets abwartet, bis seine Frau ihn bittet, ihr behilflich zu sein. Doch als er merkt, dass seine Frau ebenfalls schamhaft ist und sich nicht traut zu fragen, wird das Fragen für ihn leichter und angenehmer.
Jeden Tag fährt er mit dem Bus in das Klinikum. Es gab schon vorherige Einrichtungen und an eine Pflege zuhause wurde auch gedacht, doch fühlt sich seine Frau in der Klinik gut aufgehoben. Seine Frau hat eine Krebsdiagnose erhalten und die Ärzte reden nur noch von einer Restlebenserwartung. Lebensverlängernde Maßnahmen wollen sie nicht, aber dies bedeutet nicht, dass sie den Blick auf das Leben, auf den Wunsch auf Hoffnung ablegen möchten. Er weiß, dass er so viel Zeit mit seiner Frau verbringen möchte wie möglich. Doch auch ihre Mutter sucht die Nähe zu ihrer Tochter und der anfänglich abgelehnte Besuch ist nun ein willkommener, denn auch seine Frau möchte noch am Leben teilnehmen. Er durfte sich, durch das Verständnis der Kollegen und des Vorgesetzten, Sonderurlaub nehmen und Tag für Tag kommt er nun, um bei ihr zu sein. Gerne macht er ihr die Haare, oder unterstützt sie beim Waschen. Doch jede Handreiche lässt ihn die Frage stellen, wie nah darf er ihr kommen? Wie weit soll er durch sein Handeln ihre eigenen Handlungen reduzieren, ihren Freiraum noch weiter beschneiden? Mit ihr oder in ihrem Beisein denkt er an die gemeinsame Zeit. Er möchte die Zeit des gemeinsamen Lebens gänzlich erfassen, weniger wichtig wäre ihm später eine zugestandene Freizeit für Trauer.
Diese Distanz, die er versucht aus Liebe zu halten, bekommt durch die Besuche ein Gegenspiel. Denn seine Frau war in der Gastronomie tätig und betrieb ein Sandwich-Geschäft. Die Bäcker oder Landwirte kommen zu Besuch. Diese Menschen kommen räumlich der Erkrankten näher, doch ist es nur eine flüchtige Wahrnehmung, denn die wahre Nähe zeigt sich in der würdevollen Distanz. Der Mann möchte seine Frau noch selbstbestimmt im Leben lassen, solange wie möglich, am besten bis zum Ende.
Ein schöner Roman, der das Leben in allen seine Facetten feiert. Die Gefühlsmomente in den Beziehungen werden gänzlich durchgespielt. Mit Worten, Gesten und Momenten. Ein fürsorglicher Roman, der das Miteinander zeigt und die wichtige Nähe in schweren Zeiten offenlegt. Ein Buch, das uns menschlicher werden lässt. Aus dem Japanischen von Katja Busson übersetzt.
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