
Der neue Roman von Stefan Sommer ist, wie das Debüt des Autors, raffiniert und toll geschrieben. Das vorherige Werk „Trabant“ handelt von einem jungen Mann, eher ein Träumer, der verkopft ist und sich beständig sorgt. Jetzt erleben wir jemanden, der sich im Äußeren abzulenken versucht und sich dem Rausch des Ruhms, des Reichtums und des Techno-Beats hingibt. Je lauter etwas erscheint, desto stiller mag es wohl innerlich zugehen. Das Laute, das Rasen und Toben dient nur als Maske oder Schutzschirm. Stefan Sommer verwendet einen Sprachklang, der sich dem jeweiligen Umfeld anpasst. Es ist eine Welt, die er beschreibt, die an jene von „American Psycho“ erinnert. Hier wird eine Spitze der Gesellschaft beleuchtet, die sich immer mehr dem Gewöhnlichen enthebt und im Wohlstand badet und sich dabei gänzlich verliert. Stefan Sommer schaut mit viel Humor auf diese Welt und gibt der Oberfläche eine Tiefe, die mit Zynismus auf eine Flucht schaut, auf die der Held sich begibt oder in die er getrieben wird. Eine Ausflucht vor der eigentlichen und inneren Auseinandersetzung.
Der Erzähler ist ein Star. Ein viel gefragter Techno-DJ. Er wird auf großen Events oder auf privaten Partys der reichen Gesellschaft gebucht. Er wird eingeflogen und stets umsorgt. Dabei versucht er seinen Status auszudehnen und probiert sich aus. Wie weit kann er gehen, was kann er alles fordern und wie weit kann er die Menschen, die ihn begleiten oder hofieren, beeinflussen? Das Kunststück der Beeinflussung beherrscht er als DJ großartig. Er nutzt den Klang, den Beat und auch die Stille, um seine Zuhörer in Ekstase zu versetzen. Im Mittelpunkt stellt er sich als Künstler, der die Massen bewegt. Dabei ist seine Bühnenpräsenz eine Pose, die immer mehr eine Posse wird. Sein Spiel wird auch gleich in der Anfangsszene literarisch ausgekostet und wir tauchen mit dem Erzähler ein in den modernen Beat der Superreichen, deren Grenzen sich immer mehr auflösen. Auch die globalen Begrenzungen heben sich für den Ich-Erzähler auf. Er ist ein Getriebener, der durch die Welt fliegt und ein luxuriöses Leben zwischen Hubschrauberflügen und Grand-Hotels, Champagner und Haute-Cuisine und immer weiteren absurden Wünschen führt. Doch ist es in ihm stiller, er sehnt sich nach Liebe und Anerkennung und in ihm ist eine Traurigkeit. Seine Empfindungen umspielt er mit seinem Ego vor dem Publikum und seiner Einsamkeit versucht er durch Drogen zu entkommen. Alles ist nur ein Kick, ein kurzer und vorübergehender Moment. Innerhalb dieser inneren und äußeren Hetze erkennt der Erzähler, dass er davonläuft. Seine Beziehungen zu anderen Männern sind von kurzer Dauer und seine familiäre Bindung ziert nur noch seine Haut. Eine blumige Tätowierung erinnert an seine vor kurzem verstorbene Mutter. Innerlich versucht er, sich gegenüber dem Erfolgsdruck als Musiker abzugrenzen. Er muss gegenüber der Härte der Welt etwas anderes finden und entgegensetzen.
Das Spiel aus oberflächlicher Körperlichkeit und innerer Brüchigkeit gelingt hier sehr unterhaltsam und tiefgründig. Die obere Grenze der Gesellschaft wird hier humorvoll überspitzt, zumindest können wir hoffen, es ist überspitzt, denn diese Bodenlosigkeit lässt uns doch staunen. Die Spaßgesellschaft, die sich alles leisten kann, rückt mit den Party-Leuten in einen ungewöhnlichen und spaßigen Fokus. Stefan Sommer schreibt, als würde er uns gern mit in einen Rausch versetzen. Seine Sprache ist verspielt und grenzenlos. Wir werden in diese groteske Welt hineingesogen und suchen, wie der Erzähler, nach Auswegen, die es womöglich nicht gibt.
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