Alexander Häusser: „Noch alle Zeit“

Noch alle Zeit Alexander Häusser Pendragon

„Noch alle Zeit“ von Alexander Häusser ist ein besonderes Buch. Es ist eine Geschichte über die Fähigkeit das Seiende anzunehmen, dem Verdrängen zu trotzen und über eine tief sitzende Sehnsucht nach Halt. Der Wille nach Erinnerung und Klarheit führt den Protagonisten nach Norwegen und verbindet das Vergangene mit der Gegenwart. Es sind zwei Menschen, die sich zufällig begegnen und sich auf der Reise begleiten und unterstützen. Zwei, die sich auf Spurensuche begeben und durch ihre Geschichten getrieben werden und sich dabei verändern.

Edvard, der Protagonist des Romans, ahnt, einem Familiengeheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Sein Vater war, als er noch Kind war, plötzlich verschwunden. Die Mutter sagte immer wieder, er sei tot. Doch wünschte sich Edvard als Kind seinen Vater zurück und meint, ihn ab und zu gesehen zu haben. Als Traumwahrnehmung oder war es wirklich sein Vater, der im Spielzeuggeschäft einen Modellbausatz kaufte?

Edvard ist sich als Kind sicher, sein Vater würde irgendwann zurückkommen. Doch seine Mutter redet nicht mit ihm über das Vergangene. Als diese stirbt, findet Edvard ein Sparbuch, das in seinem Namen geführt wurde. Durch regelmäßige Einzahlungen hat sich ein kleines Vermögen angesammelt. Seine damalige große Liebe, Elsie, ist wieder in der Stadt und arbeitet bei einer Bank. Durch sie erfährt er, dass die letzte Einzahlung in Oslo getätigt wurde. Steckt eventuell sein Vater dahinter? Seine Beziehung zu Elsie ist durch damalige Verstrickungen auseinander gegangen und da ihn zurzeit nichts mehr vor Ort hält, macht er sich auf die Reise. Mit der Bahn geht es nach Dänemark, um dort die Fähre nach Norwegen zu nehmen.

Auf dieser Schiffspassage trifft er in einer Bar Alva. Alva, die eigentlich Bianca heißt, ist Journalistin. Ihr schwebt eine Dokumentation über magische Orte vor. Sie will in ihrem Beitrag über magische, d.h. unbekannte Orte berichten. Norwegen, das Land der Fjorde, Gebirge und Märchen, erscheint ihr sehr magisch. Letztendlich ist ihre Abfahrt aber auch eine Flucht. Sie flieht vor ihrem Leben in Berlin und als Mutter. In der Nacht der Überfahrt treffen die beiden Suchenden aufeinander. Sie betrinken sich in der Bar auf der „Kong Haakon“ und als Alva auf Deck taumelt, kann Edvard sie aus einer gefährlichen Situation retten und lässt sie in seiner Kabine schlafen. Am nächsten Morgen, beim Anlegen, ist sie aber bereits verschwunden. In Oslo begibt Edvard sich zu der Bankfiliale, um festzustellen, dass hier nur Automaten sind. War seine spontane Reise doch etwas zu naiv? Der vor 50 Jahren verschwundene Vater war einst immer auf Trödelmärkten unterwegs. Da die Filiale in der Nähe eines solchen Marktes ist, versucht Edvard dort Menschen zu finden, die seinen Vater gekannt haben könnten. Bei seinen Erkundungen läuft ihm erneut Alva über den Weg, die ihn aber aus schlechtem Gewissen gesucht hatte. Eventuell kann sie ja auch Edvards Geschichte als Journalistin verwenden. Zusammen begeben sie sich auf die Suche. Eine Suche, die sie letztendlich zu sich selbst führen wird. Als sie den Historiker Lemskos ausfindig machen, scheint sich langsam die Biographie seines Vaters zusammenzufügen. Aber auch Alvas Leben und Vergangenheit fließen in die Geschehnisse ein. Eine abenteuerliche Reise durch das wunderschöne Norwegen beginnt, die sie beide unterschiedlich und verändert heimkehren lässt.

Ein Roman, in dem man gerne verweilt und durch den man beim Lesen ebenfalls reicher an Erkenntnissen wird. Ein schönes, haptisches Buch, das auch sprachlich zu überzeugen versteht. Alexander Häusser, der lange an diesem Werk gearbeitet hat, bedankt sich mit einer feinen Geste bei seinem Verleger. Ein Liebesgedicht für Edvard von Elsie stammt aus dem Gedichtband „Herzband“ von Günther Butkus, dem Verleger des Pendragon Verlages.

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Buchblog-Award 2019

Finalist Bubla19

Wir sagen Danke!

Wir freuen uns riesig, dass unser Leseschatz erneut ein Finalist des Buchblog-Award #Bubla19 ist. Wir sind unter die 5 Meistgewählten in der Kategorie Bester Buchhandlungsblog nominiert.

Der Buchblog-Award zeichnet 2019 bereits zum dritten Mal die besten deutschsprachigen Buchblogs und Online-Buch-Kanäle aus, erstmals auch den besten Verlags- und den besten Buchhandelsblog. Er wird auf der Frankfurter Buchmesse verliehen.

Mehr über den Buchblog-Award: https://www.buchblog-award.de/  Die Finalisten in alphabetischer Reihenfolge: https://www.buchblog-award.de/news/finalisten2019/

Glückwunsch an alle Finalisten!

Auch in diesem Jahr haben mehrere tausend Leser*innen ihre liebsten Buchblogs und Buchkanäle nominiert und ihnen so zu einem Platz im Finale verholfen.

Im Vorjahr: Leseschatz hat den Buchblog-Award 2018 in der Kategorie „Allesleser“ gewonnen.

Eine weitere Auszeichnung, die wir erhalten: Deutschen Buchhandlungspreis 2019

Ferner erhalten wir den Deutschen Buchhandlungspreis 2019. Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, wird in diesem Jahr zum fünften Mal den Deutschen Buchhandlungspreis an ausgewählte Buchhandlungen verleihen. Wir sind einer der glücklichen Gewinner  Pressemitteilung vom 23. Juli 2019: https://www.deutscher-buchhandlungspreis.de/pressemitteilung-vom-23-juli-2019/

Danke Ihr lieben Buchmenschen!

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Jackie Thomae: „Brüder“

Jackie Thomae Brüder hanser

Jackie Thomae ist mit ihrem Roman „Brüder“ zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2019 nominiert. Es ist die Geschichte zweier Halbbrüder, die nichts zu verbinden scheint und die ohne Kenntnis voneinander auf ihren Schicksalswellen reiten. Jackie Thomae begeisterte 2015 bereits mit ihrem Debüt- und Episodenroman „Momente der Klarheit“. Sie faszinierte besonders durch Ihre Sprache und die Charakterisierungen. Ihre Figuren bekommen durch die raffinierten Handlungsstränge stets eine enorme Tiefe, so dass man die Helden des Buches ungern verlässt. Dies passierte beim Lesen der Milieustudie  „Momente der Klarheit“ und jetzt erneut mit ihrem sehr umfangreichen Roman. Gerade wenn man den ersten Teil beendet hat, vermisst man Mick, den ersten Hauptprotagonisten, um sich dann in den folgenden Abschnitten erneut mit den kommenden Figuren anzufreunden. Es ist die Geschichte zweier deutscher Männer, die den gleichen Vater haben, den sie aber nicht kennen. Von ihm haben sie ihre die dunkle Hautfarbe geerbt. Es ist gleichzeitig die deutsch-deutsche Geschichte, die sich mit den aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigt. Welchen Einfluss nimmt das Umfeld auf die eigene Biographie? Durch die dunkle Hautfarbe werden sich die Brüder auch immer wieder den Vorurteilen und dem Rassismus stellen müssen. Ohne das Wissen voneinander stellen sie sich ähnliche Fragen, dennoch verläuft Ihr Leben gänzlich unterschiedlich.

Es beginnt mit Mick. Er geht leichtfüßig durchs Leben, aber sein Leben verläuft nicht einfach. Er mäandert biographisch und wartet immer wieder auf Glückswellen, die ihn in die richtigen Bahnen lenken. Er wächst in der DDR auf. Als er und seine Mutter nach Westberlin ziehen dürfen, wird aus ihm ein Mensch des Nachtlebens. Er wird lebendig, wenn es dunkel wird und genießt das Party- und Nachtleben. Seine Laufbahn beginnt mit einem mehr oder weniger missglückten Drogenschmuggel, aus dem er, d.h. besonders Delia, seine Freundin, doch noch Gewinne erzielen kann. Delia wird später mit dem Ersparten ein Haus kaufen, in dem sie zusammen leben werden. Er zelebriert seine Philosophie, dass Geld stets in Bewegung sein muss und gibt es großherzig aus. Er betreibt mit Freunden einen Club, vergisst aber ein Gewerbe anzumelden oder dies dem Finanzamt zu melden. Als ihm dies um die Ohren fliegt und er auch einen Unfall hat, der ihn gänzlich ausbremst, muss er sich neu orientieren. Seine selbstsüchtige Freiheit wird ihm zum Verhängnis, gerade weil er auch Delia zu oft betrogen hat.

In Folge kommt noch Idris, ihr Vater zu Wort. Er bekam als afrikanischer Student ein Stipendium in der DDR. Später kehrte er als Arzt in seine Heimat zurück. Sein anderer Sohn, Gabriel, ist Stararchitekt in London. Er hat mit seiner Frau, Fleur, einen gemeinsamen Sohn Albert, der in der Pubertät steckt. Gabriel schlittert in einen Burnout und erleidet einen Nervenzusammenbruch. Er erträgt die Ziellosigkeit und das Desinteresse der jungen Gesellschaft nicht. Der Hund einer seiner Studentinnen hat sich an Gabriels Fahrrad erleichtert und er verliert in dieser fast banalen Situation gänzlich die Kontrolle.

Mick und Gabriel suchen beide für sich Heil in der Ferne und werden nach all den Jahren plötzlich von Idris, ihrem Vater kontaktiert.

Jackie Thomae ist ein  großartiger Roman geglückt. Könnte man in der Literatur den Strahlensatz anwenden, wäre man fast geneigt zu sagen, dass John Irvings „Owen Meany“ der amerikanische Bezug zu „Die Blechtrommel“ von Günter Grass ist und „Brüder“  zum Beispiel der zu „Der menschliche Makel“ von Philip Roth sein könnte. Ein sehr durchlebter, durchdachter und besonderer Roman. Thomaes Art, die Geschichten zu erzählen und die Fäden zu spinnen, ist klug und macht sehr viel Freude.

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Karen Nölle: „Ollis Fest“

Ollis Fest Karen Nölle edition fünf

Alexis Sorbas trifft auf nordische Lebensweise und belebt Tier und Mensch. Eine Erzählung, die beim Lesen für gute Stimmung sorgt. Die Autorin und gleichzeitig Herausgeberin des Verlages hat in den Text ihre Liebe für gute Geschichten und eine enorme Portion ihrer beständigen guten Laune einfließen lassen. Im Vordergrund steht die Freundschaft von Olli, Elvira und Gabi. Die Handlung beginnt mit der aufkommenden Morgendämmerung. Olli liegt in einer perfekten Mulde am Deich und döst. Ganz friedlich nimmt sie das Umfeld war und wird immer wacher. Vorher, sofern sie von saftigem Gras oder würzigem Kraut geträumt hat, schmatzt sie etwas im Schlaf. Denn Olli ist, wie ihre Freundinnen, ein Schaf.

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„Ollis Fest“ ist eine Tiergeschichte mit Illustrationen von Kathleen Bernsdorf. Menschen kommen auch vor, sind aber in der Minderheit. Diese sind: Hans, der Schäfer, Fatma, die Ingenieurin von der Deichbehörde, ein Gärtner und ein Arzt mit seinem Schafsbock Bruno. Diese Menschen, die drei Schafs-Grazien und die ganze Schafherde irgendwo an der Küste bilden das Personal für diesen kleinen Lesespaß, d.h. dieses Lesefest.

Als Olli aufgewacht ist, realisiert sie, daß heute der große Tag ist. An diesem Frühsommertag will Hans, der Hirte, seine Schafe auf eine saftige Dorfwiese bringen, damit diese abgemäht wird. Das Grünfest feiert Hans mit seiner Herde regelmäßig. Doch war Olli bisher zu jung – weiß nur noch, daß auf der Dorfwiese alles anders ist als hier, in den Dünen. Das Grün ist dort saftiger, schmackhafter und es gibt viel zu sehen und zu erleben. Wäre da nicht die enge und schauklige Hinfahrt im Transporter.

Auf dem Kirchberg in Kirchbergen gibt es für die Schafe eine schöne, saftige Wiese und für Hans ein Wiedersehen mit Fatma. Elvira und Gabi entdecken zusätzlich leckeren Mangold und verärgern damit einen Gärtner, der sich bei Hans wegen einer abgefressenen Pflanze beschwert. Olli grast genüsslich für sich allein und trifft auf Bruno, den Alexis Sorbas unter den Schafen. Er meint, ein Fest wird erst dann zu einem echten Fest, wenn getanzt wird. Aber was ist das überhaupt, dieses Tanzen?

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Somit beginnt ein launiger Tag unter und besonders im großen Baum, der mitten auf dem Kirchberg steht. Tier und Mensch kommen sich letztendlich ungewohnt näher und verbringen einen sonnigen und turbulenten Tag bis es wieder heimwärts geht und die Schafe schlafen gehen, d.h. wie Bruno sagt, sich von innen begucken.

Eine Erzählung für Menschen, die Schafe mögen. Aber auch für Menschen, die Lust haben endlich wieder die Leichtigkeit im Leben zu entdecken. Ein sommerlicher Schafsroman, der Spaß macht und gleich dem Wetterhahn auf der Kirchbergener Kirchturmspitze in seiner ursprünglichen Funktion mahnt, zu sich und seinem Umfeld stets authentisch und ehrlich zu sein.

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Selim Özdogan: „Der die Träume hört“

Selim Özdogan Der die Träume hört Edition Nautilus

Ist Hip-Hop ein Sound, der Träume erweckt? Beim Träumen denkt man wohl erst an andere Musikrichtungen. Doch gerade in diesem Buch, werden der Beat und der stampfende Bass eine Begleiterscheinung und der Traum entpuppt sich als bodenständiger Realitätskrimi. Der Held in dem Roman sortiert seine CD-Sammlungen nach Erscheinungsdatum und verbindet somit fast alle Ereignisse mit einem Song oder einer Platte. Hip-Hop, d.h. Rap als Stimme der Ungerechtigkeit, der Sehnsucht nach Veränderung, aber auch des maskulinen Gangsta-Rap ist der passende Soundtrack für diesen Gesellschaftskrimi.

Der Roman beinhaltet gleich mehrere Themen, bietet Raum für eigene Überlegungen und ist dabei tolle Unterhaltung. Der wütende Rap, die Drogenszene und der gefundene Sohn sind das Hauptgerüst der Handlung. Die Drogenszene, deren Vertreter bisher ihre Geschäfte auf der Straße abwickelten, bekommt, wie der legale Handel, große Konkurrenz durch das Internet (siehe auch den Roman „Die Lieferantin“ von Zoë Beck). Der Vorteil des Drogenhandels im Internet ist die Gleichberechtigung der Käufer, d.h. der süchtigen oder lediglich „Opfer“ genannten Konsumenten. Es können keine spontanen Preisunterschiede auftauchen. Ist die Ware schlecht, bekommt der Händler negative Bewertungen und verliert seine Kunden. Einer sticht hier hervor, der sich auf einer Plattform tummelt und gratis Proben versendet, mehr einpackt als der Kunde bestellt hat und auch bei Verlust sofort einspringt. Doch gerade dieser Dealer ist es, den Nizar Benali sucht.

Nizar Benali hat eine bewegte Vergangenheit. Aber nun meint er, es einigermaßen geschafft zu haben. Er hat das Viertel, in dem er groß geworden ist, endlich verlassen können. Sein Bruder, an den er noch oft denkt, hat einen anderen Weg eingeschlagen. Lediglich um seine Mutter zu besuchen, kehrt er in den Stadtteil, in dem Drogenhandel und Schutzgelderpressung florieren, zurück. Da er keine Ausbildung hat, war es schwer, im legalen Leben Fuß zu fassen. Doch das war sein Ziel. Jetzt arbeitet er als Detektiv und hat sich spezialisiert auf Internetverbrechen, Cybermobbing, Erpressung oder Handel im Darknet. Dabei wird deutlich, dass man über das Darknet einige falsche Vorstellungen hatte.

Er bekommt einen neuen Auftrag und soll einen Dealer ausfindig machen. Der Sohn des Auftraggebers ist an Mephedron gestorben. Die Polizei hat keine Chance, den Darknet-Dealer ausfindig zu machen. Der Vater beauftragt nun Nizar, diesen zu finden. Da Nizar sich auf den virtuellen Marktplätzen auskennt, wird er schnell fündig und weiß, der Händler nennt sich Toni_meow. Nun heißt es, diesen in der realen Welt aufzuspüren.

Vor siebzehn Jahren erlebte Nizar eine Liebesnacht, die ihn heute noch berührt. Diese alte Liebschaft offenbart Nizar nun, daß ihr Sohn, Lesane, ihr gemeinsames Kind ist. Vater und Sohn müssen sich mit der neuen Situation abfinden und lernen sich langsam kennen. Die erste Gemeinsamkeit ist der Hip-Hop. Lesane zieht auch spontan bei Nizar ein, da er seinem Ziehvater eine Kopfnuss verpasst hatte und sich nicht nachhause traut. Lesane bewegt sich in zwielichtigen Kreisen und hat sich mit den falschen Menschen angelegt, d.h. bei dem falschen Drogenhändler Schulden gemacht. Der Drogenhandel auf der Straße und der im Darknet fordern Nizars ganzen Einsatz und Aufmerksamkeit. Er will jenen Toni_meow finden und muss nebenbei den endgültigen Absturz von Lesane verhindern.

Dieser Roman ist belebt durch die Männer, die sich im Schattendasein bewegen. Selim Özdugan hat ein Gespür für seine Figuren und charakterisiert diese glaubhaft. Die Handlung ist spannend, berührend und versteht es, den pulsierenden Rap im Text lebendig werden zu lassen. Ein gesellschaftskritischer Blick auf die Straßen der beliebigen Großstädte, den Drogenmissbrauch und den Wunsch nach Ausbruch aus den eigenen Teufelskreisen.

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Mareike Fallwickl: „Das Licht ist hier viel heller“

Mareike Fallwickl Das Licht ist hier viel Heller Frankfurter Verlagsanstalt

Es fällt schwer, sich diesem Buch zu entziehen. Sobald man weiter in die Handlung eingetaucht ist, will und kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Mareike Fallwickl, die mit „Dunkelgrün fast schwarz“ debütierte und begeisterte, konnte sich mit „Das Licht ist hier viel Heller“ steigern. Ein intensiver, emotionaler und kluger Leseparkour. Mareike Fallwickl hat mit ihrem zweiten Werk erneut eine enorme Empathie für ihre Figuren und deren Handlungen entwickelt. Es geht im Roman um viel. Doch ufert dieser niemals aus oder ist überladen. Handlungsverlauf, Humor, Spannung und Glaubwürdigkeit sind ausgewogen und wurden kunstvoll eingesetzt und kombiniert. Es geht um Familie und das mögliche Scheitern von Liebe und Freundschaft. Machtmissbrauch steht immer wieder im Vordergrund und zeigt sich unter anderem in der digitalen Scheinwelt, am Beispiel der Buchbranche und im alltäglichen Miteinander. Die #MeToo-Debatte und die feminine Selbstbestimmung sind ebenfalls große Themen im Text.

Der Roman liest sich wie ein Countdown bis zur Läuterung oder keimenden Einsicht. So beginnt das Leseereignis mit dem zehnten Kapitel, um dann bei null zu enden. Wenger ist ein Antiheld, ein Autor, dessen neuere Romane nur noch floppten. Er ist ein Egomane, der sich selbst betrauert, seinen großen Erfolgen nachweint und sich von seiner Familie und Freunden verlassen fühlt. Er ist ein Mann, der sich in den Mittelpunkt stellt und sich auch mal nackt auf dem Bett sitzend selber googelt. Seine Frau hat ihn verlassen. Sie lebt mit einem jüngeren Fitnesstrainer zusammen und zelebriert ihren Jugendwahn als Influencerin im Internet. Die gemeinsamen Kinder, Zoey und Spin, besuchen ihn regelmäßig in seiner Junggesellenwohnung und werden Zeugen seiner Verwahrlosung. Zoey und Spin sind fast erwachsen und wurden von ihren Eltern oft alleine gelassen. Sie nennen sich auch nur mit ihren Spitznamen und haben sich geschworen, nicht durch das vorgelebte Elternleben kaputt zu gehen. Doch, inwieweit Zoey und Spin beziehungsfähig sind und sich der Liebe öffnen können, wird sich zeigen müssen.

Wenger, der vor einem Scherbenhaufen steht und eine Schreibblockade hat, erhält eines Tages Briefe. Briefe, die an den Vormieter seiner Wohnung adressiert sind. Dennoch macht er diese auf und gerät in einen emotionalen und gedanklichen Strudel. Die Schreiben sind von einer Buchhändlerin, der etwas Schlimmes zugestoßen ist und die darüber ehrlich und wahrhaftig schreibt. Wenger liest diese Schreiben und es bricht in ihm etwas Neues aus. Aber auch Zoey liest diese Briefe und auch in ihr werden durch diese Worte Barrieren gebrochen und sie kann sich aus ihrer Verpuppung lösen, denn auch sie hat etwas Schreckliches erleben müssen. Wir werden Zeuge, wie weit Wenger sich seinem Weltbild stellt und seine Kinder sich dem Leben und der Liebe stellen können.

Es geht um Ehrlichkeit und darum, das Unausgesprochene ans Tageslicht zu bringen. Sich aufeinander einlassen und nicht nur ein Abbild der digitalen Welt zu werden. Man sollte wieder lernen genau zu beobachten, füreinander da zu sein und im richtigen Moment auch den Mund zu öffnen. Ein wichtiger, aktueller Roman, der aufwühlt, oft emotional trifft und bis zum Ende begeistert. Kein Wohlfühlbuch, aber ein Roman unserer Zeit, der gelesen gehört und über den man sprechen sollte.

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Ulrike Draesner: „Kanalschwimmer“

Ulrike Draesner Kanalschwimmer mare

Ein poetischer Roman, der in vielerlei Hinsicht einige Grenzen überwindet. Ein Buch über einen Mann, der einen langersehnten Traum wahr werden lässt. Er wollte einmal im Leben durch den Ärmelkanal schwimmen. Dies macht er nun, teils aus Trotz, als Hoffnungsschimmer, als Sehnsucht und als Befreiung. Dabei geht der Blick auch stets zurück. Warum und was treibt ihn an? Das Schwimmen wird zu einer Grenzerfahrung.

Charles ist Anfang sechzig und seine Frau Maude beschließt, dass ein weiterer Mann Platz in ihrem Leben hat. Daraus erwächst erneut Charles Wunsch, jetzt auch einen seiner Lebensträume zu verwirklichen. Am Abend vor seinem Start beginnt auch seine gedankliche Reise zurück. Sein Schwimmen wird begleitet von einem Beiboot, von dem aus er regelmäßig gefüttert wird und dass ihn auch, sofern er das andere Ufer und Land erreicht hat, zurückbringen wird. So wird sein stundenlanges Schwimmen durch trübes Wasser ein Erhellen seiner Gedankenwelt. Er wirft Rückblicke auf seine Beziehung und Ehe, die sich nun nach vielen Jahren zu verändern scheint.

Alles wirkt anfänglich etwas ausufernd, doch kristallisiert sich daraus eine enorme Handlung und man wird mit den Protagonisten durch die Gezeiten getragen. Es ist eine Beziehungsgeschichte, aber im Vordergrund steht die Handlung des Schwimmens. Doch auch dies ist Metapher. Der Wunsch, etwas zu erreichen. Durch das Erzwingen dieses unglaublichen Schwimmerlebnisses wird sich der Held verändern. Doch kann man dies selten allein. Es sind Menschen nötig, die einen mit Nahrung versorgen und die Wegweiser sein können. Letztendlich sind andere Menschen immer in der Nähe, um Schutz, Halt und Rettung zu geben. Der innere Kampf wird immer deutlicher. Ist sein Traum, der körperlich viel verlangt, auch tatsächlich durchzustehen? Schafft er es, das Ziel zu erreichen?

Ein Buch, das wie sein beschriebenes Element mäandert und zeigt, dass auch die Zeit und das Leben niemals geradeaus verlaufen.

Ein Roman, der beeindruckt und die Grenzerfahrungen erlebbar macht. Die Sprache und Bilder sind stimmungsvoll und rhythmisch dem Verlauf der Handlung und der Bewusstwerdung angepasst.

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