
Eine gläserne Zeitreise, die uns in Privates, Politisches und in die Räume dazwischen einlädt. Alles wird gläsern durch die Architektur und das Miteinander und durch das Offensichtliche wird wiederum viel überschattet und das, was im Verborgenen schlummert, treibt die Handlung an. Mirko Bonné siedelt seinen Roman in den Umbruchzeiten der Wiedervereinigung an und spielt räumlich mit dem Übergang von der Bonner zur Berliner Hauptstadt. Alles dreht sich um den Bundeskanzler und seine Ehefrau. Doch sind dies literarische Figuren, die mit den damaligen nur bedingt etwas gemeinsam haben. Der Kanzler ist ein Freund von Kinofilmen und Bonné lässt den Roman cineastisch wirken und sich szenisch aufbauen. Eine Inszenierung, die durch die Kulisse, Statisten und Hauptfiguren weite Schatten aus der Literatur in die Realität wirft. Denn die Vergangenheit hat nie aufgehört.
Die Romane von Mirko Bonné sind stets ein Refugium, in dem man länger verweilen möchte. Er verwebt Historisches in seine Geschichten und verweist dabei stets auf die Gegenwart. Seine Werke beginnen meist leise, um dann aufzubrausen und Brücken aufzubauen, die uns, die Zeiten und die Ereignisse verbinden. In „Kanzlerkino“ tauchen Menschen auf, die reale Namen tragen, aber auch verwandelte Persönlichkeiten, die doch auch erkennbare Vorbilder haben. Auch das Kanzlerehepaar, das wir alle erlebt haben und die sich im Lauf der Zeit in unserem Blick immer wieder verwandelt haben. So auch die literarischen Charaktere, die hier als Ehepaar Breugel die Szenerie betreten.
Bonné setzt bewusst diese Zeit ein, um auch eine Kommunikation und Berichterstattung zu verwenden, die noch selbst Zeit in Anspruch nahm. Es gab keine sofortigen Reaktionen, denn die Korrespondenz erfolgte persönlich oder in Briefform. Trotz des Wandels bleiben auch einige Charaktere in ihrer Rolle als Stasibeobachter hängen und beschatten weiter, um dann selbst zum Beobachtungsobjekt zu werden. Ob schattige oder lichtvolle Figuren, sie ergreifen uns auf ihre Weise jeweils ganz besonders.
Bernd Vomturm ist Glasspezialist und macht durch sein Wissen Karriere und darf im Umfeld der Bonner Politik aufsteigen. Er stammt aus der DDR und ist, wie sein Vater, als Architekt tätig. Er ist ein Lebemann und Tausendsassa. Er schreibt seinem damaligen Freund, Lutz Reinmar, der durch diese Schreiben angestoßen und abgestoßen wird. Der letzte Kontakt ist lange her und warum meldet sich Vomturm plötzlich und hatte er nicht damals auch Kontakt zu seiner Frau? Reinmar war damals im Überwachungsstaat unter anderen auf den Freund angesetzt. Vomturm ist für die Glasfassaden des Kanzlerbungalows verantwortlich und soll beim Umzug nach und Umbau in Berlin mitwirken. Dabei erhält er Einblicke in das Umfeld der Politik und in das Private des Kanzlerehepaars. Die Kanzlergattin wünscht sich eine alte, d.h. jüngere Version ihres Mannes zurück und leidet an einem gesundheitlichen Problem, denn sie benötigt stets mehr Licht. Somit wächst die ganze Handlung und es strahlt immer mehr Licht, das wiederum Schatten von Ost nach West erzeugt. Mirko Bonné spielt und verdreht Damaliges, um daraus seine Geschichte zu machen. Aus gesundheitlichen Gründen mehr Licht zu benötigen und nicht, wie beim Vorbild, lichtvermeidend zu leben, erzeugt ein simples, aber ein großartiges Bild. Der ganze Roman liest sich anfänglich aus einer distanzierten Neugier, die dann wächst und uns immer mehr Teil des Ganzen werden lässt.
Dieser Roman öffnet viele Fenster und belebt eine Zeit, die wohl viele miterlebt haben und schafft einen Durchzug, der bis zu uns lüftet. Die politische Kulisse ist keine belehrende, keine missmutige, sondern ein Versuch, die Brüche und die Räume dazwischen literarisch zu erfassen. Mit Hingabe, Humor und Raffinesse wird hier ein Kinosaal belebt, der aus Schauspielern und wahren Persönlichkeiten gefüllt wird. Dabei verwebt die Handlung Historisches und fast schon Kriminalistisches mit einem Ensemble, das uns berührt. Bonné liebt es erneut, mit Licht und Schatten zu spielen. Wunderlich ist lediglich, warum dieser Buchschatz es nicht zur Bewertung zum Deutschen Buchpreis geschafft hat. Denn er vereint doch irgendwie alles, die Literatur, die Geschichte und das menschliche Miteinander.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV









