Gianna Molinari: „Hier ist noch alles möglich“

Gianna Molinari Hier ist noch alles möglich Aufbau

Ist noch alles möglich? Kann man der Wahrnehmung trauen? Was hat man gesehen und was meint man beobachtet zu haben? Was gaukelt einem die eigene Erinnerung und das von anderen Erzählte vor? Das Leben in einem abgeschirmten Kasten und die Welt mit dem Versprechen auf Ferne da draußen. Doch dann scheint etwas Natürliches, Märchenhaftes und Wildes in diesen Kasten, d.h. dieses Fabrikgelände, Einzug zu halten und plötzlich verändert sich einiges.

Der Debütroman von Gianna Molinari reiht sich ein in die Werke jener jungen und kreativen Schöpferinnen der gegenwärtigen, neuen Literatur, die in unserer Realität die Pforten für das Surreale, Skurrile und Phantastische öffnen. Zu nennen sind da als Beispiel und als Verweis: Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“, Maren Wurster: „Das Fell“, Lisa Kreißler: „Das vergessene Fest“ und Julia Rothenburg: „Koslik ist krank“. Gianna Molinari hat ebenfalls einen eigenwilligen Roman geschrieben, der wie ein Bühnenstück wenig Raum einnimmt und vieles eindeutig mehrdeutig beschreibt. Ein Text, in dem vieles möglich ist. Menschen fallen vom Himmel. Wölfe werden gejagt. Gruben stürzen ein und die Figuren leben alle, als wären sie Bewohner eigener kleiner Inseln, die sich nur zufällig ab und zu berühren.

Die Erzählerin, die ihr Wissen textlich und zeichnerisch  in einem „Universal-General-Lexikon“ fixiert, wird in einer Fabrik als Nachtwächterin eingestellt. Sie ist eine bibliophile Träumerin, die die Welt staunend und dadurch keck philosophisch betrachtet. Es ist eine Fabrik für Kartonage, vorrangig werden, d.h. wurden Verpackungen hergestellt. Während des Bewerbungsgesprächs hat sie sich einen Raum zum Wohnen innerhalb der Firma erbeten. Doch der Arbeitsvertrag ist eine Interimslösung und befristet. Der Chef will eigentlich nichts mehr investieren und der Termin, wann letztendlich die Firma schließen wird, steht vorerst in den Sternen. Doch damit alles mit rechten Dingen abläuft, bekommt die junge Frau die Stelle als Nachtwächterin. Gerade auch, weil der Koch der firmeneigenen Kantine einen Wolf gesehen haben will. Ein Wolf, der in das Gelände eingedrungen sein soll. Mit der kleinen Gruppe an Menschen, die in der Firma noch arbeiten, begibt sich die Frau auf die Suche nach dem Wolf. Obwohl bisher lediglich der Koch das Raubtier gesehen hat, werden Fallen aufgestellt und sogar eine tiefe Grube ausgehoben. Die Erkenntnisse und Erlebnisse hält die Erzählerin in ihrem „Universal-General-Lexikon“ fest und es wird letztendlich eine Suche nach sich selbst.

In der Nähe des Geländes befindet sich ein Flugplatz, wo später auch ein Kollege eine neue Einstellung findet. Dieser Flughafen wird der zentrale Handlungsort des zweiten Abschnitts im Roman. Ein Ort der Ferne, Weite und des Neubeginns. So wandert der Roman von den Bildern des Äußeren zum Inneren. Die Weite und die Enge stehen sich stets gegenüber.

Der biologische Fremdling, der Wolf, der innerhalb der Firma sein soll, bestimmt den Großteil des Tagesablaufs. Doch beschäftigt sie auch der Mann, der vom Himmel fiel. In einem nahegelegenen Waldstück wurde eine Leiche gefunden, wohl ein afrikanischer Flüchtling, der aus dem Schacht eines Flugzeugfahrwerks gestürzt sein soll. Auch im letzten Abschnitt gibt es eine weitere Sichtung, die alle beschäftigen wird. Ein Phantombild einer Frau, die eine Bank überfallen hat. Das Bild der Räuberin hat Ähnlichkeiten mit der namenlosen Nachtwächterin.

Ein Text, der befremdlich ist, durch diverse Skizzen, Fotos aufgelockert wird und einen kuriosen Lesesog entfesselt. Ein Roman, der zeigt, dass bei der Autorin in Zukunft noch vieles zu erwarten ist, denn der Roman beweist, es ist noch alles möglich. Ein kurzweiliger, aber intensiver Lesespaß. Es geht um die Leere, die sich in uns auszubreiten droht und darin ist ein Wolf ein willkommenes Sinnbild des Natürlichen, das unsere ungenutzten, inneren Hallen wieder beleben könnte.

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Eduardo Galeano: „Geschichtenjäger“

Eduardo Galeano Geschichtenjäger Peter Hammer Verlag

Eduardo Galeano wurde 1940 in Uruguay geboren und starb 2015 in seinem Geburtsort Montevideo. Er war Journalist, Essayist und Autor. Er war eine Galionsfigur der linken Intellektuellen Lateinamerikas und seine Bücher sind alle recht unkonventionell. Für sein literarisches Werk erhielt er viele Preise.

Als Eduardo Galeano am 13. April 2015 starb, war das vorliegende Buch „Geschichtenjäger“ fertiggestellt, aber noch nicht veröffentlicht. Auch in seinen letzten Monaten ging er seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Schreiben, nach. Diese neuen Geschichten, die er lediglich Kritzeleien nannte, hatten viel mit den Texten aus „Geschichtenjäger“ gemein und sind daher ein Teil dieses Buches geworden. Somit ist dieses Buch ein beeindruckendes letztes Werk des politischen Literaten.

Ein humanistisches Manifest, das aus Miniaturen besteht. Die Texte sind meist nicht länger als eine halbe Seite. Es sind Parabeln, Anekdoten, Geschichten, Erinnerungen, Erdachtes oder Übertragenes. Eins eint fast alle: sie wirken unscheinbar und entfalten dann doch eine nachhaltige Wirkung. Oft ist es eine feine humorvolle Pointierung, die der Lektüre viel Spaß gibt. Durch die Metaphorik werden mehr oder weniger gesellschaftliche und politische Missstände aufzeigt.

„… Die Vögel, die einzigen Freien dieser Welt voller Gefangener, fliegen ohne Treibstoff, von Pol zu Pol, die Route entlang, die sie wählen, und zur Uhrzeit, die ihnen gefällt, ohne die Regierungen um Erlaubnis zu bitten, die meinen, dass ihnen der Himmel gehört.“

Das Buch ist heiter, einfach, tiefgründig, schön und meist lebensklug. Der Lebenswunsch nach Freiheit, Gleichheit und Einfachheit ist stets spürbar.

„Im Regenwald am Amazonas gibt die Natur Unterricht in Vielfalt. Seine Bewohner kennen verschiedene Bodenarten, achtzig unterschiedliche Pflanzenarten, dreihundertvierzig Arten von Ameisen und dreihundertzehn Vogelarten auf nur einem Quadratkilometer.“

Dieser Quadratkilometer ist gleichzusetzen mit diesem Buch: der ganze Kosmos, der sich durch die kurzen Minigeschichten eröffnet, ist sehr vielfältig und bunt. Der Bogen wird vom Leben bis zu den Gedanken über den Tod gesponnen. Mittendrin gibt es den Blick auf die Obigen und die darunter. Ein Autor, der stets den Blick auf die einfachen Menschen richtet und sich und seine Texte niemals zu ernst genommen hat. Ein wunderbares, kurzweiliges Werk, das es zu entdecken gilt und das nach dem Lesen seine Spuren hinterlässt.

„Der Wind verwischt  die Spuren der Möwen. Der Regen löscht die Spuren menschlicher Schritte. Die Sonne tilgt die Spuren der Zeit…“

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Dietmar Krug: „Die Verwechslung“

Dietmar Krug Die Verwechslung Otto Müller Verlag

Ein Roman, der es sehr gekonnt versteht, heikle Themen anzupacken und dabei stets eine Balance hält, die es dem Leser nicht einfach macht, sich zu entscheiden, ob man den Held des Romans mögen darf oder nicht. Ein gebildeter Talkmaster, der souverän diskutieren kann, jedoch stets das letzte Wort haben möchte, verzettelt sich in seiner Sendung über Genderfragen und zur Homosexualität immer mehr. Er gerät in diese Krise durch Eitelkeit und Quotenerfolg.  Ferner hat er in seinem gerade frisch erschienen Roman über seine Schulzeit einen Fehler gemacht. Beides, seine Buchpublikation und die Sendungen über Homosexualität, gefährden seine Existenz, lassen sein soziales Umfeld und seinen gesellschaftlichen Status immer brüchiger werden.

Frank Theves ist ein erfolgreicher TV-Talkmaster mit einer eigenen Sendung bei einem kleineren Sender. Er hat einen autobiografischen Roman geschrieben, der gerade in den Handel kommt. Voller Stolz schreibt er eine Rundmail an seine damaligen Freunde und Schulkameraden. Denn in Kürze wird er dort lesen, wo er aufgewachsen ist und wo er somit auch die Handlung seines Romans angesiedelt hat. Er hat in seinem Buch alle Figuren namentlich verändert. Aber aus Rachegelüsten hat er einen Namen unverändert in eine Szene eingebaut. Er beschreibt eine Misshandlung, d.h. einen prügelnden Pater, der einen Jungen brutal schlägt, weil dieser die Schulordnung dezent mit Füßen tritt. Als er gerade die Mail an seine damaligen Weggefährten schreibt, fällt Frank sein Fehler auf. Es kam zu einer Namensverwechslung, denn seine Erinnerung scheint ihm einen Streich gespielt zu haben. Doch verschweigt er vorerst die irritierende Namensverwechslung.

Zeitglich mit dem Erscheinen seines Romans, bekommt er von einer Homosexuellen-Vereinigung den „Giftigen Kaktus“ für eine Äußerung verliehen, die ihn der Homophobie verdächtigt macht. Sein Fernsehproduzent wittert hohe Einschaltquoten und freut sich regelrecht über den aufkeimenden Skandal und verlangt von Frank weitere Talk-Sendungen über Homosexualität. Frank ist stets der smarte, souveräne Talkmaster, der seinem Gast in der Sendung Raum gibt, aber dann immer in den letzten Sendungsminuten dem Gespräch mit einer provozierenden Aussage eine andere Sicht, d.h. Richtung gibt. Er will als sehr schneller Denker den Gast immer aus der Reserve locken und mit einer gespielten Leichtigkeit in die Ecke drängen. Dabei ist es fraglich, ob Frank aus eigener Ansicht und Meinung heraus so agiert oder lediglich der Sendung und sich durch seine Aussagen mehr Erfolg verspricht. In den Sendungen über Homosexualität verheddert sich Frank immer mehr und macht sich dadurch immer unbeliebter und viele Feinde. Im Internet und in den sozialen Netzwerken wird er diversen Bösartigkeiten ausgesetzt. Die um ihn verbreiteten Halbwahrheiten und Verunglimpfungen lassen ihn sogar als pädophil veranlagten Menschen dastehen.

Die Verwechslung in seinem Roman lässt ihm ebenfalls keine Ruhe. Er reist in den Ort seiner Kindheit, wo er das von Priestern geführte Gymnasium besuchte. Der in seinem Roman prügelnde Pater wurde, wie sich nun herausstellt, ein Mordopfer. Die Tat konnte bis zur Gegenwart nicht ganz aufgeklärt werden, lässt aber den Verdacht zu, dass der Pater seinen Mörder zu sexuellen Handlungen genötigt haben könnte.

Franks Rolle in den Medien als Homophob bekommt eine Eigendynamik. Alles scheint ihm aus den Händen zu gleiten. Er verstört immer mehr sein Umfeld. Besonders seine Ehe mit Andrea, einer Psychoanalytikerin, gerät in eine Krise. Seine seelenverwandte und lesbische Freundin, Katrin, droht ihm die Freundschaft zu kündigen.

Ein Roman, der deutlich macht, wie weit die Homophobie immer noch in unserer modernen und aufgeklärten Gesellschaft verbreitet ist. Wie die Liebe zum gleichen Geschlecht in der Philosophie, Psychoanalyse und in den Medien wahrgenommen wird. Der Roman ist toll geschrieben, klug und sehr spannend komponiert. Der Realismus hinter der Geschichte macht das Buch sehr aufwühlend. Der Autor erzählt klug, distanziert und dennoch mit Empathie für seine Protagonisten.

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Francesca Melandri: „Alle, außer mir“

Francesca Melandri Alle außer mir Wagenbach

Dieser emotionale Roman erzählt eine Familiengeschichte mit beeindruckenden Frauengestalten und bricht mit dem Schweigen über die düstere Kolonialgeschichte, die ihren Schatten auf die heutige Politik wirft. Der Kern ist die italienische Gesellschaft, die sich gerne als „Italiani brava gente“ sieht, aber dabei gerne die Geschichte verdrängt. Dies ist wohl leider eine europäische, wenn nicht sogar eine menschliche Eigenschaft und die damaligen Ereignisse verflechten sich mit unserer Gegenwart. Ein italienischer Familienroman, in dem Melandri in den Zeiten und Charakteren springt, ohne sich jemals zu verlieren oder die ganze Geschichte aus den Augen zu verlieren. Die Protagonisten gewinnen zügig an Plastizität und man verliert sich in dem Handlungsverlauf und inhaliert regelrecht gebannt den Roman bis zum Ende. Bereits am Anfang, im Kapitel null, zeigt sich dass, was wohl den Reiz des Romans ausmacht: die Verbindung vom Traumatischen mit leichter Ironie.

Als Attilio Profeti zu Beginn des Romans im Jahr 2012 stirbt ist er 97 Jahre alt. Seiner Familie gegenüber hat er seine Geheimnisse bis zuletzt verschwiegen. Als die Familienmitglieder mit ihm zu seinen Lebzeiten sprechen wollten, war er bereits dement. Seine Geschichte beinhaltet die koloniale Vergangenheit Italiens. 1935 zog er mit den faschistischen Truppen Mussolinis nach Äthiopien in den Krieg. Die entgegengesetzte Reise beginnt 2008. Es ist die Flucht von Shimeta aus Äthiopien und seine jahrelange Odyssee durch die Flüchtlingslager und über das Mittelmeer nach Italien.

Ilaria Profeti ist Mitte vierzig und Lehrerin in Rom und Attilios einzige Tochter. Sie ist linksliberal, hat aber eine Affäre mit einem Staatsekretär Berlusconis. Eines Tages im Jahr 2010 sitzt ein junger Schwarzer vor ihrer Wohnung. Er spricht fließend Italienisch und behauptet mit ihr verwandt zu sein. In seinem Pass steht auch in lateinischen Lettern sein Name: Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti.

Als Attilio Profeti in Afrika war, verliebte er sich in Abeba, mit der er einen Sohn bekam. Doch er ließ beide zurück und begann in Italien ein neues Leben. Er verdrängte seine Vergangenheit und gründete eine neue Familie, während Abeba in Äthiopien blieb und ihren Sohn und später ihren Enkel erzog.

Eigentlich dachte Ilaria, sie würde ihre Familie und ihren Vater gut kennen und versucht gemeinsam mit ihrem Halbbruder Attilio Junior Licht hinter die Geheimnisse ihrer Familie zu bringen. Was ist damals passiert und was wussten die Ehefrauen Marella und Anita? Wie viele Geheimnisse hat die Familie?

Es geht um Rassismus, Korruption, Verdrängung und Verantwortung. Der Text behandelt die Geschichte und ist ein aktueller Spiegel der Gesellschaft. Ein Roman, der raffiniert und sprachlich gut geschrieben ist. Ein fesselndes Epos, das literarisch und politisch ist. Der Roman verknüpft gekonnt die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Schicksal der heutigen Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Trotz des Umfangs hat das Werk etwas Leichtes, Ironisches  und ist ungemein zugänglich, so dass man sich in den Zeilen und Geschichten gerne verliert.

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Janet Lewis: „Die Frau, die liebte“

Lewis die frau die liebte dtv

Der deutsche Titel klingt nach einem klassischen Liebesroman, aber Janet Lewis erzählt keine wahre Liebesgeschichte Sie hat ein literarisches Werk erschaffen, das bereits 1941 herauskam und nun erstmals auf Deutsch erscheint. Im Original heißt der Roman „The Wife of Martin Guerre“ und fußt auf einem der berühmtesten Rechtsfälle Frankreichs. Die Martin-Guerre-Geschichte ist mehrfach aufgegriffen worden. Janet Lewis (1899-1998) hat aus diesem wahren Fall großartige Literatur geschaffen und lieferte damit diverse Vorlagen. 1993 wurde die Handlung in dem Film  „Sommersby“ mit Jodie Foster und Richard Gere verändert, d.h. in den amerikanischen Bürgerkrieg verlegt, nacherzählt. Auch 1982 wurde diese Geschichte als „Die Wiederkehr des Martin Guerre“ mit Gérard Depardieu verfilmt.

Der Roman beginnt 1549 im Dorf Artigues und endet mit dem Gerichtbeschluss in der Stadt Toulouse im Jahr 1560. Zur Winterzeit verharren die Bewohner der Bergdörfer in erzwungener Untätigkeit und Abgeschiedenheit. Im Winter wurden daher viele Hochzeiten gefeiert. An einem Vormittag im Januar wurden Bertrande de Rols und Martin Guerre miteinander vermählt. Beide sind noch Kinder, gerade elf Jahre alt, und sollen dem langen Zwist beider Familien durch ihre Eheschließung eine Ende bereiten. Als sich die Kinder von der großbäuerlichen Versammlung verabschieden, ist es Martin, der die Kälte in das Schlafzimmer hereinlässt und seine Frau grob behandelt. Die Wärme kommt zurück durch die Bedienstete, die den Kindern den Mitternachtsschmaus auf die Stube bringt. Bereits in dieser Szene wird vieles von der Autorin beleuchtet und literarisch umgesetzt, so dass sich bereits die Tiefe des ganzen Romans erahnen lässt. Es dauert einige Zeit bis Bertrande auch auf den Hof der Familie ihres Mannes zieht. Dort wird sie in die Familie und den tagtäglichen Hofbetrieb aufgenommen. In diesem  Patriarchat hat bis zu seinem Ableben Martins Vater das Sagen auf dem Hof und den Ländereien. Martin bekommt nur Parzellen zugewiesen, um in seine kommenden Aufgaben hereinzuwachsen. Bertrande sucht die Nähe und Leidenschaft und wird auch schwanger. Als Martin seinen eigenen Weg gehen möchte und entgegen den väterlichen Anweisungen handelt, will er für einige Tage den Hof verlassen. Doch aus diesen wenigen Tagen werden Jahre.

Als Martin Guerre nach rätselhaften acht Jahren seiner Abwesenheit endlich zurückkommt, ist Bertrande voller Freude. Ihr inzwischen zehnjähriger Sohn weicht seinem wiedererlangten Vater nicht mehr von der Seite. Bertrande, die nicht Witwe war und oft mit ihrem Leben gehadert hatte, bekommt neue Hoffnung. Sie gibt sich der Liebe hin, denn Martin ist einfühlsam, stiller und liebenswürdiger geworden. Sie bekommen noch ein weiteres Kind und es scheint sich einiges zum Guten zu wandeln und zu fügen. Doch keimt in Bertrande ein Zweifel, der ihr Herz immer schwerer werden lässt. Ist es wirklich Martin, ihr Ehemann, der zurückgekehrt ist? Die ganze Familie und Hofgemeinschaft hat ihn als diesen erkannt und angenommen, doch irgendetwas ist anders. Martin ist in ihren Augen ein anderer, auch wenn er die körperlichen Merkmale aufweist. Sie ist hin und hergerissen zwischen der Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung und ihrer düsteren Ahnung. Als sie es anspricht, schenkt ihr keiner Glauben. Als aber ein Soldat in die Region kommt, der mit Martin Guerre befreundet war, entfesselt sich die Tragödie, die in einer richterlichen Untersuchung und einem Gerichtsbeschluss endet. Am Ende bleibt eine Leere, die aber auch einen Neubeginn in einer gewissen Freiheit bedeuten könnte. Eine Freiheit mit einem üblen Nachgeschmack.

Das Buch ist eine literarische Entdeckung. Ein Kurzroman mit einer langen Nachwirkung. Kein reines moralisierendes Sittengemälde, sondern eine tiefgründige Suche nach der Wahrheit hinter der Geschichte des Martin Guerre. Ein kleiner Roman, der durch große Erzählkunst glänzt.

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Hala Alyan: „Häuser aus Sand“

Hala Alyan Häuser aus Sand DuMont

Ein Roman, der von dem Verlust der Heimat, der Sehnsucht nach dem Vergangenen und dem Ankommen erzählt. Das, was im Text ewigen Bestand hat, ist die Tatsache, dass nichts und kein Ort von Dauer sind. Es gibt zwei Szenen im Roman, die sich sehr ähneln. In der ersten fährt Alia an den Strand und geht so weit ins Meer, bis ihr das Wasser bis zu den Waden reicht. Ringsum sie wogt der Ozean und unter ihren Füßen wird der Sand verschoben, als sie eine größere Welle taumeln lässt. Jahre später ist es Alias Tochter, Riham, die sich beim Schwimmen im Meer zu weit hinaus wagt und von einem Sog erfasst wird und fast die Küste nicht mehr erreicht. Diese Symbolik ist für den Inhalt prägend. Die Suche nach Halt in einer sich ständig verändernden Welt. Der Roman hat selbst diese enorme Sogkraft und umspannt die Geschichte einer Familie von 1963 bis 2014. Diese Familie steht für viele Menschen Pate, die ihre Heimat verlassen mussten. Millionen von Menschen sind Vertriebene, Flüchtlinge und stammen meist aus Kriegsgebieten, wo jetzt die Orte und Landschaften durch Zerstörung nicht mehr so sind wie vorher. Dieses Aufgeben und das Zurücklassen des bisher gelebten Lebens kann sich traumatisierend auswirken. Leider müssen dann die meisten in der neuen Heimat erneut ihre Existenz und die Flucht rechtfertigen. Der Wunsch, sich ein neues Heim aufzubauen, neue Erinnerungen zu bilden, prägt somit die folgenden Generationen.

Salma und Hussam mussten ihre Heimat Jaffa verlassen und finden in Nablus ein neues Zuhause. Doch bleibt für Salma alles fremd. Nur in ihrem Garten findet sie ihr eigenes Reich. Jahre später erinnert sich sogar ihre Enkelin Riham vermeintlich an diesen Garten. Die Frage, was Familienerinnerungen prägt, spiegelt sich in diesem Bild. Salmas Kinder sind es, die in der neuen Heimat aufwachsen. Ihre Tochter Alia fühlt sich sehr mit dem Haus und ihrem Leben in Nablus verbunden. Als Alia heiratet, liest Salma ihr vorher die Zukunft in ihrem Kaffeesatz. Doch traut sich Salma nicht, Alia die Wahrheit zu sagen, denn auch ihr steht laut der Prophezeiung ein unruhiges und schwieriges Leben bevor. Nachdem Salma diese Vorahnung verschwiegen hat, muss sie erleben, wie sich erneut das Leben wandelt. Mustafa ihr Sohn stirbt im Sechstagekrieg und ihre Tochter flieht nach Kuwait. Alia empfindet ihr neues Leben in Kuwait befremdlich und beengend. Sie erlebt diese Flucht nach Kuwait gleich ihrer Mutter damals aus Jaffa. In ihr bleibt stets die Sehnsucht nach der Heimat.  Sie beobachtet das Leben ihrer Kinder in der für sie stets fremden Umgebung, in der die Kinder ihre Wurzeln haben. Ihre Kinder leisten auch gegen ihre althergebrachten Traditionen Widerstand und wollen sich immer mehr lösen. Doch erneut verliert die Familie ihr Zuhause und rettet sich n alle Himmelsrichtungen.

Die Lebensgeschichte wird oft durch den Einfluss anderer bestimmt. Das Hoffen auf einen Ort, der einem bleibt, prägt das Leben dieser Familien und der einzige Halt ist genau diese Überzeugung, diesen zu finden und zu erbauen. Ein bewegender und sehr schön geschriebener Roman über eine Familie, die über Generationen entwurzelt wurde. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven der jeweiligen Familienmitglieder erzählt. Der Text baut sich chronologisch auf und neben den einzelnen Schicksalen beleuchtet er die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen. Das Buch ist somit mehr als ein gut zu lesender Familienroman.

Hala Alyan ist eine palästinensisch-amerikanische Autorin und Lyrikerin. „Häuser aus Sand“ ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erschienen ist. Es bleibt also zu hoffen, dass weitere Werke folgen.

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Annette Lory: „Meer und Berge“

Annette Lory Meer und Berge Kommode Verlag

Meer und Berge als gewaltiges Bild der Gegensätze. Berge als Herausforderung einer Bezwingung mit dem darauffolgenden  belohnenden Überblick. Das Meer als Verbindung der Welten und als Metapher und Spiegel der Emotionen. Diese Landschaften sind die Sehnsuchtsorte, d.h. die Seelenlandschaften zweier Freundinnen. Eine ist die Wässrige, die durchs Leben mäandernde und Suchende. Die andere gleicht dem Feuer, liebt die Berge und das Radikale. Beides sind beste Freundinnen, die sich auf einer Reise streiten und ein Jahr lang nicht sehen. Dann wagen sie wieder eine gemeinsame Bergtour als Versöhnung und es kommt zu einem gefährlichen Sturz.

Der Roman ist rückblickend aus der Sicht von Monika erzählt, die am Berg gestürzt ist und im Krankenhaus liegt. Sie phantasiert und verarbeitet ihr bisheriges Leben. Im Mittelpunkt ihrer innigen Betrachtungen steht die Freundschaft zu Helen. Beide haben sich in einem Bioladen kennengelernt in dem Helen nach ihrem abgebrochenen Studium arbeitet. Helen ist eine selbstbestimmte, kluge und alternative Frau, die es liebt in der Natur, besonders in den Bergen zu wandern und unter freiem Himmel zu schlafen. Monika ist wechselhaft, noch eine Suchende und liebt eher das Meer. Sie jobbt als Hilfskraft in der Psychiatrie und kann sich zu weiterem noch nicht entscheiden.

Während einer gemeinsamen Reise auf eine griechische Insel kommt es zu Ereignissen, die ihre Freundschaft auszulöschen drohen. Denn beide gehen als unterschiedliche Menschen einen gemeinsamen Weg und da die Vorlieben beim anderen ganz woanders liegen, kommt es zu einem Zwist. Meist ist auch hier das Problem in mangelnder Kommunikation zu finden. Eifersucht und Missverständnis keimen bei Monika sowie Helen auf, als beide jeweils andere Freunde treffen, die die Leidenschaften teilen. Ein Jahr nach dem Streit in Griechenland wagen sie einen Versöhnungsversuch. Aus falscher Scham verheimlicht Monika, dass sie Höhenangst hat und lässt sich auf eine erneute Bergwanderung ein. Monika, die den Blick in die Tiefe vermeidet, folgt den leuchtenden Schuhen ihrer Freundin und stürzt.

Im Krankenhaus beginnt ihre eigentliche Reise. Stets in Bezug zu den Ereignissen in Griechenland und zur Bergtour analysiert Monika ihr Leben. Ihre letzte Beziehung zu Mauro, der sie einfach verlassen hat. Ihre Kindheitserinnerungen, ihre Freundschaft zu ihrem Mitbewohner und die Ferienfreundschaft mit der lebensleichten Sila. Ihre Erinnerungen mäandern durch Zeiten und Begegnungen. Besonders der Trennungsschmerz beschäftigt sie. Die Trennung ihrer Eltern und die Auswanderung ihres Bruders nach Amerika. Ihre Gedanken wandern immer wieder zurück zu dem Beginn ihrer Freundschaft zu Helen, der damaligen Suche nach Helens Vater und ihrer gegenwärtigen Lebenssituation.

Ein Roman über Freundschaft, Beziehungen und die Sehnsucht nach Geborgenheit. „Meer und Berge“ erzählt von der Suche und Orientierung auf dem Lebensweg. Das sich lösen von Verbindlichkeiten und Ehrlichkeit kann einem dann, wenn man selbst nicht genau weiß, wohin man tritt, den Boden unter den Füßen wegziehen.

Ein Entwicklungsroman einer Frau auf der Suche nach dem eigenen Weg. Eine literarische Reise, die es gerade schafft, sich niemals selbst zu überladen. Das Buch lebt von den Charakterisierungen, die nicht ausufernd, sondern gerade gesättigt der Handlung Raum geben, um eine beklemmende, spannende und befreiende Stimmung aufzubauen.

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