Peter May: „Moorbruch“

Peter May Moorbruch Zsolnay

Das Buch lebt von der Stimmung und seinem Schauplatz, den Hebriden. Wie Valerio Varesi die Po-Ebene literarisch und bildgewaltig verewigt hat, schafft es der erfolgreiche Autor Peter May für Schottland. Als würde man einen guten Bruichladdich oder Laphroaig genießen, der durch seine Note sehr viel aus seiner Landschaft zu berichten hat. Viel Torf und sattes Grün der urbanen Natur sind der wesentliche Bestandteil dieses Romans, in dem es ums Erwachsenwerden, um einen mysteriösen Todesfall und um die Freundschaft geht.

Die Insel, auf der die Handlung spielt, hat viele unwegsame Bereiche, die man lediglich mit dem Boot oder zu Fuß erreicht. So ist auch die Seele der Bewohner beschaffen, vieles ist im Verborgenen und durch kleinste Risse, die aufbrechen können, kommen die Abgründe zum Vorschein. Gleich einem Moorbruch. So ein Bruch, der hier im schottischen Hochmoor die Handlung umrahmt, entsteht, wenn es länger nicht regnet und die Torfschichten austrocknen und aufreißen. Wenn es nach der Trockenperiode zu stärkeren Regenfällen kommt, laufen die Wassermassen in diese Risse und spülen die unteren Schichten weg. Der ganze Torf gerät dann ins Rutschen und die stehenden Wassermassen, die auf der trockenen Torfschicht liegen brechen ein. So können ganze schottische Lochs vom Erdboden verschluckt werden. Das Buch hieß ursprünglich „The Chessmen“, dann „Le braconnier du lac perdu“ und wurde jetzt unter dem Titel des geologischen Phänomens veröffentlicht.

Der Protagonist, Fin Macleod, kommt nach Jahren auf seine Heimatinsel zurück. Er war Polizist in Edinburgh und kündigte seine Stelle, als sein Sohn bei einem Verkehrsunfall getötet wurde und seine Ehe daran zerbrach. Fin taucht somit in seine Vergangenheit ein und trifft auf alte Geschichten und Freunde. Damals als Schüler waren sie eine Clique, die mit den Mofas die Insel erkundeten und eine Rockband gründeten. Fin war deren Roadie und verliebt, wie alle Jungs in Mairead, die einzige Frau der Band. Fins bester Freund, den alle Whistler nennen, spielte die Tin Whistle, die der Band ihren besonderen, mystischen Ton gab. Als die Band sich umbenannte und weiterzog, stieg Whistler aus. Die Band feierte unter dem Namen Amran größere Erfolge. Die Freundschaft zwischen Fin und Whistler hat eine besondere Tiefe bekommen durch ein Schiffsunglück, das ihre Großeltern erlebt, d.h. überlebt hatten.

Jetzt in der Gegenwart trifft Fin auf seine damaligen Freunde. Whistler, der damals der schlauste Schüler war, hat keine weiterführenden Schulen besucht und lebt auf der Insel ein sehr einfaches Leben. Er wirkt wie ein Berserker, der sich von der Natur nimmt, was er zum Leben benötigt. In ihm schlummern Phantome der Vergangenheit. Seine Frau hatte ihn mit der gemeinsamen Tochter verlassen und als sie starb bekam der neue Lebenspartner das Sorgerecht für das Mädchen. Fin stößt nun in das Gefüge der Insel hinein, denn er wird von einem Gutsbesitzer eingestellt, damit er die Ländereien bewacht und um der Wilderei Herr zu werden. Der erste, den Fin in die Schranken weisen soll, ist sein alter Freund Whistler, der in einer Hütte mitten in der Natur haust und durch das Schnitzen von Schachfiguren lebt. Fin wird in die Plänkeleien zwischen dem Gutsbesitzer und seinem Freund hineingezogen. Beide Parteien meinen, die jeweils andere schulde ihr etwas. Während Fin und Whistler durch das Moor gehen, werden sie Zeuge eines Moorbruchs, der das Wrack eines Flugzeugs zu Tage bringt. Es ist das Flugzeug von Roddy, dem damaligen Bandleader von Amran. Er wurde nach einem Flug als vermisst gemeldet, aber er soll über dem Meer verschollen gegangen sein, wie kommt die Maschine ins Moor? Die Leiche im Flugzeug ist sehr verwest, doch zeigt der Schädel, dass es sich um ein Gewaltverbrechen gehandelt haben muss. Whistler verhält sich komisch und Fin beginnt um die Geschichte herum zu recherchieren. Was ist damals vorgefallen, wer hat Roddy töten wollen oder ist es gar nicht seine Leiche?

Die Handlung hat viele Facetten und der kriminalistische Strang steht nicht im Vordergrund, sondern es ist eher der Mikrokosmos der Hebriden, der einen fesselt. Das menschliche Schauspiel mit seinen ganzen Dramen vor grandioser schottischer Kulisse. Der Roman lebt von der düsteren, morastigen Landschaft, in der die Menschen ihren eigenwilligen Gebräuchen und Gesetzen folgen. Peter May erzählt sehr ausgiebig das Leben auf der Insel, als die Helden noch junge Leute waren, die sich im Aufbruch befanden und jetzt, in der Gegenwart, als gealterte Menschen zurückblicken und betrachten, was ihnen davon geblieben ist. May versteht es, die Handlungsstränge gut zu verknüpfen und passende Stimmung aufzubauen, die er bis zum Ende aufrechterhält. Ab der Hälfte des Buches wird das Tempo angezogen und man wundert sich, dass man nach dem Beenden des Textes keine Torfreste an den eigenen Schuhen vorfindet…

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Zoë Beck: „Die Lieferantin“

Zoe Beck Die Lieferantin Suhrkamp
Auf dem Bild ist nur Zucker!

Alles nur noch per Klick bestellen, schnell, bequem und einfach. Der Drogenverkauf wird von der Straße verdrängt und bekommt wie alle Händler starke Konkurrenz aus dem Internet. Der Roman spielt in der nahen Zukunft in London und man klebt als Leser förmlich an den Seiten. Wenn Drogen, dann bitte solche Bücher, wie dieses. Doch ist der Roman keine Flucht vor der Realität, sondern schildert eine solche mögliche, die einhergeht mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Englands nach dem Brexit.

Eine Gemeinschaft von Schulfreunden aus einem Stadtteil bildet den Kern dieser spannenden Geschichte. Leigh hat den Pub von seinen Eltern übernommen und ihn der Veränderung des Umfelds angepasst. Die Bewohner des damaligen Arbeiterviertels verlangen nach besserem, gehobenen Essen, das dennoch das Bodenständige verspricht. So konnte er Stück für Stück ein gefragtes Restaurant aufbauen. Doch nagt in ihm eine Geschichte aus der Vergangenheit. Ein sehr guter Freund, der mal seine Hilfe benötigt hatte, kommt durch Drogen ums Leben. Doch hat Leigh noch Kontakt zu dessen Schwester, Elliot Johnson, die zum Glück nichts mit Drogen zu tun hat…

Eines Tages bekommt Leigh Besuch von einem Schutzgelderpresser. Längere Zeit muss er dessen Forderungen Folge leisten, doch durch die wirtschaftliche Situation gerät seine Gastronomie in Schwierigkeiten und die erpresste Summe würde das Restaurant in die Pleite treiben. Leigh wehrt sich, greift zur Waffe und lässt die Leiche des Erpressers im Umbau der Küche verschwinden. Doch das Verschwinden des Schutzgelderpressers stößt den ersten Dominostein der kommenden Verkettungen an. Der Tote, der lediglich von seinen Bossen vermisst wird, war im Auftrag einer größeren Organisation unterwegs. Diese vermuten, da sie in seiner Wohnung viel Bargeld gefunden haben, dass er zur neuen, großen Konkurrenz übergelaufen sein könnte. Die Drogenmafia ist in jeweiligen Bezirken organisiert und die Grenzen sind genau ausgehandelt. Doch neuerdings gibt es einen neuen Mitspieler. Jemand, der sehr gute Qualität in geringer Auswahl in London ausliefert. Als Kunde im Darknet kann man sich den Stoff schnell per Drohne liefern lassen. Die erste Spur, die die Unterwelt aufnimmt, um den Verbleib des Schutzgelderpressers zu ermitteln, führt zu einem Drogenhändler im Hafen, der anscheinend alle aus der Unterwelt beliefert. Auch das neue Start-up mit den Drohnen war sein Kunde. Doch der Großhändler schweigt und überlebt das Verhör nicht. Jetzt gerät die ganze Unterwelt in Aufruhr, denn ein toter Drogenhändler, der in der Themse gefunden wird, sorgt für Unruhe. Hat er eventuell auch für die Polizei gearbeitet?

Das neue Netz, das Londons Kunden aus der Luft bedient, basiert auf Menschen, die nichts voneinander wissen sondern lediglich die Drohnen bepacken und starten lassen. Die Kunden bestellen mit einer App und mit letzter Bestätigung des Standorts und der Sichtbarkeit der Drohne, wird die Drogenlieferung fallen gelassen. Doch haben Drohnen noch mehr Technologien zu bieten. Unter anderen filmen sie jede Übergabe. Hinter dem Unternehmen steht Elliot Johnson, die sich einsetzen möchte für die Legalisation der Drogen. Jeder erwachsene Mensch solle ihrer Meinung nach frei mit seinem Körper und Geist machen dürfen, was immer ihm beliebt. Unterstützt wird sie von einer Anwältin, die von dem Unternehmen „Die Lieferantin“ ebenfalls profitiert. Doch alles spitzt sich zu, denn durch das Verschwinden des Erpressers und den Mord an der Themse fühlt sich nun jeder bedroht. Auch Elliot weiß, dass sie in höchster Gefahr schwebt, denn die Unterwelt möchte sie tot sehen…

In dem Roman, der in der verlängerten Gegenwart spielt, d.h. der Brexit ist vollzogen und England befindet sich im Umbruch, breiten sich Unruhen auf den Straßen aus. Rechtsdruck und Fremdenhass nehmen zu und mittendrin entflammt ein Kampf im Drogenmilieu. Doch die Gegner sind mächtig und lauern überall…

Zoë Beck ist Autorin, Übersetzerin, Synchonregisseurin für Film und Fernsehen. Neben ihrer schreibenden Tätigkeit ist sie auch Verlegerin und zählt zu den wichtigen Krimiautorinnen Deutschlands, die bereits mit vielen Preisen geehrt wurde. Ihr Interesse gilt stets den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen und sie erhebt ihre Stimme gegen Ungerechtigkeit und Gewalt. Es lohnt sich, ihrer Stimme zu lauschen und sich durch ihre Romane großartig unterhalten zu lassen. „Die Lieferantin“ ist ein fesselnder, sehr klug unterhaltender Krimi, der zeigt, mit welchem guten Handwerk Zoë Beck es versteht, uns Leser sofort abzuholen und an das Buch zu fesseln.

Siehe auch:

Zoë Beck spricht über ihren Krimi »Die Lieferantin«

Der Drogendeal: »Anonym, sicher, perfekt organisiert.« Zoë Beck: »Die Lieferantin« (Buchtrailer)

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Simon Strauß: „Sieben Nächte“

Simon Strauss Sieben Nächte Blumenbar Aufbau

Ein Roman, der von einem jungen Mann handelt, der Angst hat. Angst plötzlich erwachsen zu werden, ohne etwas gemerkt zu haben. Der Erzähler, oder der Autor selbst, lebt in einer wohligen Gesellschaft und geht auf die 30 zu. Diese Zahl empfindet er als Schwelle, als Übergang zu wesentlichen Entschlüssen zur Berufswahl, Hochzeit, Urlaubsort und den üblichen Entscheidungen, die mit dem Reifeprozess einhergehen. Er empfindet sich als lustlos geworden und das macht ihm am meisten Angst. Nicht mehr zu wollen als das, was man hat. In der Schulzeit noch sympathiesüchtiger Streber, der sagt, was Lehrer und Professoren hören möchten. Doch mit jeder weiteren Prüfung, mit jeder bestätigten Meinung schleicht sich die Lustlosigkeit und Angst in sein Gemüt. Der Protagonist hat den Wunsch nach Wirklichkeit. Nicht nur nach Verwirklichung, sondern er möchte weg vom jugendlichen Zynismus, der meist aus Unsicherheit geboren wird.

Ihm fehlt es an Feuer, an Leidenschaft für etwas. Bücher sind Platzhalter in der leeren, modernen Architektur geworden. Das Gelesene und das Gedachte wurden ja bereits erdacht und zu Papier gebracht. Ein Gefühl der stagnierten Routine wird durch ein nachgekautes Wissen oder eine übliche Gleichgültigkeit bestärkt. Er stammt aus einer Generation, die heimlich ihre Namen in die Bücher ihrer Väter schreiben. Ein dezenter Hinweis auf die Familie des Autors, denn sein Vater ist Botho Strauß.

So lesen wir ein Büchlein über die Sehnsüchte eines Mannes, der durch eine Reifeprüfung geschickt wird. Denn er hat ein Angebot von einem Bekannten bekommen. Einer, der nur am Ende des Buches zu Wort kommt und Simon Strauss persönlich anschreibt. Sie schließen einen Pakt. Der Andere kennt das Gefühl des Ungenügens, das dem Helden innewohnt und jagt ihn durch sieben Nächte. Jener Bekannte wird sich einfach bei ihm melden. An sieben Abenden, immer um sieben Uhr würde sich der Freund melden und ihn auf Streifzüge durch die Stadt schicken. Er soll Sünde begehen. Jeweils einer der sieben Todsünden soll er sich stellen und bis zum Morgengrauen, spätestens sieben Uhr, das erlebte auf sieben Seiten festgehalten haben.

Die Reise beginnt mit einem Bungeesprung von einem Hochhaus, denn der Hochmut kommt vor dem Fall, oder danach? Seine Hochmütigkeit wird ihm bewusst, als er das Ende vor Augen hat. Dann kommt die Fleischeslust, die Gula, und er gibt sich ganz der Völlerei hin und später der Trägheit und der Faulheit. Auf der Pferderennbahn erlebt er die Habgier. Er empfindet nicht das Verlieren als Schlimmstes, sondern den Gewinn der anderen. So erlebt der Protagonist Nacht für Nacht eine andere Regung, die als Todsünde gilt. Er empfindet den Neid in der Bibliothek und die Wollust auf einem dekadenten Maskenball. Erst nach dem Jähzorn meldet sich der Bekannte zurück und die Streifzüge durch die Emotionen werden für den Helden eine Reifeprüfung, die ihn vor der belanglosen Reife schützt. Ein letztes Aufbäumen der jugendlichen Regungen bevor der erwachsene Alltag kommt?

Was wir hier lesen ist ein Text, der sich gegen das Mitlaufen, das emotionslose Leben aufbäumt. Er soll uns anregen und unsere Herzen öffnen, damit wir Mut gegen die Angst finden. Es ist ein Buch voller Leidenschaft, das sich nicht so einfach weglesen lässt, sondern den Leser erreichen will und wird.

Siehe auch Leseschatz-TV: Simon Strauss & Henning Schöttke

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Ralf Günther: „Die Badende von Moritzburg“

Durch die Industrialisierung und die Bildung der Metropolen des neunzehnten Jahrhunderts entstand eine Sehnsucht zur Natürlichkeit. Vorweg gab es eine Entwöhnung, eine Entfremdung von der Natur. Die beengten Lebensbedingungen weckten das Verlangen nach natürlichen Erfahrungen in der unberührten Natur und nach Natürlichkeit. Besonders die Zeiten des Biedermeiers waren geprägt von engen Konventionen. Das allgemeine Zusammenleben war streng reglementiert, besonders was Kleidung, Sitten und Moral betraf. So kristallisierte sich langsam ein Gespür heraus für die Natürlichkeit. Viele Philosophen und Künstler wurden sich des Unnatürlichen im Lebensumfeld bewusst. Hiermit spielt die Novelle von Ralf Günther, mit dem Wechsel zwischen engem, stickigem Stadttreiben und der offenen Natürlichkeit. Wir werden in der sogenannten Sommernovelle Zeuge vom Ablegen des gesellschaftlichen Korsetts.

Die Protagonistin, Clara Schimmelpfenninck, leidet seit dem Tod ihrer Mutter an Atemnot. Sie hat regelmäßig Anfälle und Schübe von beklemmenden Leiden. 1910 befindet sie sich in einem Sanatorium und nach wenigen Wochen Aufenthalt ist ihre hysterische Atemnot gemindert. Die Pflege mit viel Luft und veganer Ernährung lässt sie symptomfrei werden. Ihr behandelnder Arzt benötigt selbst eine Kur und ein junger Vertretungsarzt, Dr. Brandstetter, nimmt sich der Patienten an. Da Claras Hauptproblem die Langeweile ist, lässt sie sich auf eine ungewöhnliche, anscheinend moderne Therapie, die auf einen Mann namens Freud zurückgreift, ein. Nach kurzer Auffassung scheint der Mediziner eine Diagnose parat zu haben, die dem Verlust der Mutter, dem frühen Erwachsenwerden und den gesellschaftlichen Regeln geschuldet ist. So ist besonders die Kleidung, das Korsett, zwangsläufig mit Schuld am körperlichen Leid. Ohne die Schicklichkeit und den Anstand zu verletzen, möchte er die Therapie für Clara räumlich verlagern. Das Städtchen Moritzburg ist zwei Stunden entfernt und würde der Heilung durch die Lage förderlicher sein. Sie willigt ein, da es um ihre Gesundheit geht, aber auch, weil sie weiterhin unter Langeweile leidet und sie lediglich als Patient und Arzt zusammen reisen.

Nach der qualmenden Zugfahrt kommen sie an und während Dr. Brandstetter bereits die Pension „Sorgenlos“ bezieht, macht Clara bei einem Spaziergang in der Natur Bekanntschaft mit nackten Mitgliedern der Künstlergruppe „Die Brücke“. Ohne Korsett und in der Natur kann Clara gänzlich durchatmen und verbringt Zeit mit Kirchner, Pechstein und Heckel.

Eine leichte, wirklich sommerliche Lektüre, die nicht nur Clara befreien kann. Kunst als Bild der Befreiung, als Ablegen der einengenden Kleidung, die der Mode der Zeit entspringt. Die Metapher des Buches spannt den Bogen vom atemraubenden Korsett zur befreiten Nacktheit – sei es körperlich oder seelisch betrachtet. Die Novelle ist sehr unterhaltsam und dicht erzählt. Man liest sich sehr schnell ein und befindet sich zügig in der Vergangenheit und somit in der Handlung, d.h. dem gesellschaftlichen Gemälde, das Ralf Günther sprachlich gemalt hat.

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Bernhard Kegel: „Abgrund“

Bernhard Kegel Abgrund Mare

Bernhard Kegel ist promovierter Biologe und schreibt neben seinen Sachbüchern Romane, die uns die Biologie spannend näherbringen. Mit „Abgrund“ hat Kegel nun den dritten Roman über den Kieler Zoologen Hermann Pauli geschrieben.

Erstmalig trat Hermann Pauli in dem Roman „Der Rote“ auf. In diesem verarbeitet Pauli den Verlust seiner verstorbenen Frau und befindet sich in Neuseeland. Durch ein Seebeben hat sich dort der Küstenstreifen verändert und die Wale bleiben aus. Doch das Beben hat auch etwas anderes aus den Tiefen hervorgebracht. Dort, wo die Romane von Frank Schätzing die Science-Fiction streifen, bleibt Kegel stets realistisch. Auch beim Folgeroman „Ein tiefer Fall“ ist die Biologie der wesentliche Kern des Kiel, – bzw. Wissenschaftskrimis. In diesem hat ein Kollege von Pauli eine Urzelle aus den Tiefen des Meeres mitgebracht. Durch die Morde an mehreren Kollegen des gefeierten Evolutionswissenschaftlers gerät Pauli in den Kreis der Verdächtigen und trifft auf Anne Detlefsen, die Leiterin der Kieler Mordkommission. Beide verlieben sich und verbringen in „Abgrund“ ihren ersten gemeinsamen Urlaub auf den Galápagosinseln.

Anne Detlefsen hat sich eigentlich einen Strandurlaub in der urbanen Natur vorgestellt. Doch Pauli taucht auf den „verzauberten Inseln“, die durch Charles Darwin, der auch einen Auftritt im Prolog des Buches hat, weltberühmt wurden, gänzlich in sein Element ein. Bei einem Tauchausflug machen Anne und Hermann eine Entdeckung und halten diese zum Glück mit ihrer Kamera fest. Ein zutraulicher Hai schwimmt an ihnen vorbei. Dieser Hai erscheint sonderbar, seltsam und fast schon mysteriös. Auch die Kollegen und Experten stehen vor einem Rätsel. Keiner kann anhand des Bildmaterials diesen Hai zuordnen. Sollte eine neue oder bisher unentdeckte Hai-Art aufgetaucht sein? Bereits zu Urzeiten galten die Inseln als Wunder, da sie durch die Gezeiten und den Vulkanismus in ständiger Veränderung und Bewegung sind. Auch sind sie durch die Lage und Begebenheiten wahre Schatzinseln für jeden Biologen und Zoologen. Hermann Pauli bekommt das Angebot, mit seinen Kollegen auf dem Forschungsboot hinauszufahren, um jenen Hai zu suchen.

Anne, die nicht unbedingt erneut auf das Schiff möchte, bleibt auf der Insel und bekommt es auch mit Ungereimtheiten zu tun. Sie und das Team der Forschungsstation werden Zeugen weiterer Schiffsbrände. Nacht für Nacht gehen Schiffe in Flammen auf und Anne kann ihrer Berufung als Polizistin nicht widerstehen. Die Begebenheiten führen sie in das komplexe Gefüge der Inselwelt. Es treffen die Interessen der Fischer und der strenge Naturschutz aufeinander. Ebenso lebt die Inselwelt vom boomenden Tourismus.

Anne muß sich sputen, denn hinter den Bränden scheint eine Mission zu stehen… Hermann kommt währenddessen mit seinen Kollegen der Spur des mysteriösen Hais wirklich immer näher. Ist es möglich, dass sich die Lebensbedingungen im Meer so sehr verändert haben? Welchen Anteil hat wieder mal der Mensch an der Verursachung? Denn durch die Klimaveränderungen zerbröselt das traumhafte Gefüge der Natur. Die Korallen und alle weitere Lebensformen im Meer sind einer katastrophalen Veränderung ausgesetzt.

Wieder mal hat Bernhard Kegel einen spannenden Wissenschaftsroman geschrieben, der uns unterhält und besten Falls aufrüttelt.

Kegel Romane an der Kieler Förde

Zu den Büchern / Shop: „Der Rote„, „Ein tiefer Fall„, „Abgrund“ und alles von Bernhard Kegel

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Ketil Bjørnstad: „Emma oder Das Ende der Welt“

Ketil Bjornstad Emma oder das Ende der Welt Osburg Verlag

Das freie, ungezwungene Kinderlachen verstummt und den Eltern passiert wohl das schrecklichste, was man sich vorstellen kann. Ihr Umgang mit der Trauer und der Wut liest sich spannend und berührt sehr. Ein wunderschön trauriges Buch um die Frage, wie lebt man mit einem großen Verlust und wird nicht von Trauer, Wut und Schuldzuweisungen aufgezehrt.

„Es passiert, aber es passiert nicht uns, denke ich.“

Aslak und Hanne Timbereit sind beide im Literaturbetrieb tätig. Sie ist eine Schriftstellerin und er Verlagslektor. Sie haben sich, wie für Autoren und Verlagsleute üblich, auf einem Literaturseminar kennengelernt. Hanne war noch recht jung und fiel durch ihre ungezwungene, temperamentvolle Art auf. Sie hatte gerade ihren ersten Roman veröffentlicht und die Kritiker sahen in ihr eine neue, große Stimme Norwegens. Die beiden heirateten und bekamen ein Kind, Emma, das nun, fünfzehn Jahre später, neun Jahre alt ist. Doch die Ehe war bereits kurz nach der Geburt von Emma gescheitert. Sie leben getrennt, er weiterhin als Verlagsangestellter in der Stadt und sie als Autorin mehr der Natur zugewandt. Es sind Ferien und Emma, die bei Aslak ist, freut sich, nicht in die Schule zu müssen. Denn dort wird sie regelrecht gemobbt. Sie soll die Ferien bei der Mutter verbringen und da Hanne schwer beschäftigt scheint und Emma nicht abholen kann, soll Aslak sie bringen und nach dem Besuch auch wieder abholen. Es ist geplant, dass er mit ihr von Oslo in den Norden fliegt und dann gleich wieder zurück, sie also lediglich abliefert. Am Flughafen werden bereits einige Flüge gecancelt, da ein starker Sturm aufkommt. Doch ihr Flug, der mit Zwischenstopps verläuft, startet wie geplant. Der Flug verläuft unruhig und die Nervosität breitet sich nicht nur bei den Passagieren aus. Auch der Pilot und die fliegende Copilotin haben mit dem Unwetter zu kämpfen. Durch die sehr harte Landung, die eher einer Bruchlandung gleicht, stirbt Emma. Die Crew hatte den Gurt bei ihr vor dem Start geprüft, doch wird sie durch den Aufprall nach vorne geschleudert. Alle anderen überleben das Flugzeugunglück. Auch Aslak, der neben seiner Tochter sitzt.

Aslak und Hanne drohen an dieser Tragödie zu zerbrechen. Aus der erstmaligen Starre und Hilflosigkeit wird spätere Verzweiflung und Wut. Erstmals versucht das gescheiterte Paar wieder näher aneinander zu rücken und Hanne kommt nach Oslo. Doch wie leben sie nun weiter? Sie erkennen, dass die Existenz an einem dünnen Faden hängt und das Schicksal gnadenlos und unberechenbar ist. In ihrer Trauer suchen sie Schuldige. Schuldige, die ihnen und ihrer Familie das Schlimmste angetan haben. Sie wollen jemanden zur Rechenschaft ziehen und verlieren gänzlich den Halt. Hanne verrennt sich in den Schuldzuweisungen gegen das Flugpersonal. Hätte der Flug nicht aufgrund der Wetterbedingungen abgesagt werden müssen? Wurde der Kontrollgang durch die Kabine mit dem Überprüfen der Sicherheitsgurte korrekt durchgeführt? Hanne beginnt, die Pilotin auszuspionieren und schreckt auch nicht davor zurück, Gewalt anzuwenden. Aslak hadert mit den Seelenqualen seiner Tochter. Er weiß, wie sehr sie in der Schule gelitten hatte und er versucht, dort die Schuldigen zu finden. Emma war dennoch immer sehr tapfer gewesen. Neben dem grauen Schulalltag musste  Emma auch lernen, sich mit der Trennung der Eltern zu arrangieren. Die jetzige Suche von Aslak und Hanne nach Schuld sowie Vergeltung wird immer chaotischer, bis Aslak begreift, dass er einen Schlussstrich ziehen muss.

Ein einfühlsamer, dramatischer Roman um die Trauer, die erst durch das Zulassen können erfahrbar wird, und der zeigt, dass durch das innere Verbittern nur eine verzögerte Trauerbewältigung machbar ist. Ein Roman über ein bedrückendes, trauriges Thema. Doch versteht es Ketil Bjørnstad in seinem ihm eigenen Ton und Leichtigkeit, die Schwere etwas zu mindern. Ein schönes, trauriges Buch, das neben der Trauer leise Hoffnung und etwas Humor erklingen lässt.

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Ece Temelkuran: „Stumme Schwäne“

Ece Temelkuran Stumme Schwäne Hoffmann und Campe

Der Schwan ist ein Sinnbild des Lichts, der Reinheit und der Poesie. Doch sind es stumme Schwäne und dann sollen ihnen noch die Flügel gebrochen werden. Dies ist das zentrale Bild des Romans von Ece Temelkuran und verbirgt einen Bezug auf die historischen Ereignisse. Das traurige Bild der gebrochenen, edlen und stummen Vögel, die nicht mehr wegfliegen können ist ein Symbol der Freiheitsberaubung. Der Roman spielt 1980 und die Türkei steht kurz vor einem Militärputsch. Die Geschehnisse werden aus wechselnden Perspektiven, meist aus den Augen der beiden Kinder Ayses und Ali erzählt. Es ist ein Roman, der Historisches aufzeigt, aber stets den Bezug zur aktuellen Situation im Leser heraufbeschwört. Die komplizierte und polarisierende Gesellschaft, voller Feindseligkeiten wird durch die Kinderperspektive sehr lebendig. Es geht um diese beiden Kinder, die versuchen die Schwäne vor einer autoritären Regierung zu schützen und nebenbei die ganze politische Situation des Bürgerkriegs der Türkei erleben.

Auf den Spuren zweier Familien in Ankara erfahren wir viel über die Geschichte der Türkei. Doch ist es kein historischer Roman, sondern ein Einblick in die Gesellschaft und die Zeit durch die Augen der Kinder. Dieser Kunstgriff erlaubt es uns, in eine noch nicht voreingenommene oder von Erwachsenen geprägte Weltsicht einzutauchen. 1980 war die Republik der Türkei geprägt durch fehlende politische Stabilität. Daraus resultierten wirtschaftliche und soziale Probleme, die Streiks und Gewalt provozierten. Es wurden Menschen gefangen genommen, gefoltert und auf den Straßen kam es zu brutalen Kämpfen zwischen den Nationalisten und den Linken. Die Autorin war damals selbst ein Kind und hat diese Zeit erlebt, die heute wieder oder noch sehr aktuell ist. Ece Temelkuran verlor durch ihre politische Haltung eine Stelle als Redakteurin und zählt heute zu den bedeutendsten türkischen Autorinnen.

Wir lernen die Familien Bakar und Akgün und besonders deren Kinder kennen. Ali Akgün lebt mit seiner Familie in Armut. Durch einen Brandanschlag gelangen sie immer mehr in das Elend. Als Seine Mutter aber anfängt putzen zu gehen, lernt er Ayse kennen. Seine Mutter reinigt das wohlhabende Haus der Familie Bakar und er selbst verbringt seine Zeit mit Ayse und freundet sich mit dieser an. Seit er mal in einen Brunnen gestürzt war, ist er ein schweigsamer, introvertierter Junge geworden. Er ist sehr sensibel und sehr intelligent. Ayse ist dagegen noch sehr kindlich und naiv. Sie sieht vieles als eine Art Spiel an und versteht von den mitgehörten Gesprächen ihrer linksorientierten Eltern sehr wenig. Denn die Eltern verheimlichen den Kindern nichts, gehen diese doch davon aus, dass die Kinder es wohl nicht ganz verstehen. So bekommen die Beiden die Unterhaltungen und Treffen der Erwachsenen, die auch mal als Verlobungsfeier getarnt werden, mit. Diese Gespräche und die wachsende Gewalt prägen immer mehr die Welt und das Umfeld der Kinder. Trotz der unterschiedlichen Lebensweise fühlen sich Ayse und Ali sehr vereint. Ihre weltoffene Sicht ist belebt durch Kinderspiel und -wunsch. Sie wirft Kichererbsen in die Fenster des Gefängnisses, weil sie es als ein Spiel ansieht und er hat immer Bänder bei sich, die ihn beruhigen oder als Handwerkszeug oder Geschenk dienen. Ihre Verwandlung, d.h. ihr Verstehen, wächst mit dem Wunsch, ihre Schmetterlinge in das Parlament zu schmuggeln. Als dann der Befehlshaber der Armee die Schwäne aus dem Schwanenpark in seinen privaten Garten bringen lassen möchte, wollen die Kinder eingreifen und handeln, weil den Tieren auch, damit sie nicht entkommen können, die Flügel gebrochen werden sollen.

Der Roman ist voller Bilder und Erzählerstimmen, die uns die Geschichte der Türkei näher bringen und verstehen lassen. Der Schrecken des Sommers von 1980 und der Bürgerkrieg sowie der Militärputsch werden erlebbar. Der Bezug zum Putsch von 2016 ist ersichtlich und die Abläufe scheinen ähnlich. Die Angst der Menschen vor der Gewalt, vor dem falschen Wort ist weiterhin von aktuellem Belang. Man kann nur wünschen, dass es immer kindliche Seelen geben wird, die sich für gebrochene Schwäne einsetzen werden.

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