Amanda Lee Koe: „Die letzten Strahlen eines Sterns“

Dieses Buch strahlt förmlich. Ein großartiger Roman über drei unterschiedliche Frauen, die bis heute für Gesprächsstoff sorgen und die Kunstwelt nachhaltig beeinflusst haben. Ein literarisches Leuchtfeuer, in dem die realen Charaktere, Marlene Dietrich, Anna May Wong und Leni Riefenstahl, zu Romanfiguren werden. Man vergisst, dass die Frauen, die Geschichte und ihr Umfeld der Wahrheit entsprechen und versinkt wie bei einem cineastischen Wunderwerk gänzlich in der Kunst.

Das zeiten- und weltenumspannende Werk beginnt mit einem Foto. Im wahrsten Sinne ist dies der Auslöser, der ein zufälliges Zusammentreffen beleuchtet. Es ist das Jahr 1928 und in Berlin wird ein Presseball gefeiert. Marlene Dietrich ist eine aufstrebende Schauspielerin und hofft auf eine große Karriere. Daher hat sie sich auf dieses Fest geschlichen und sorgt für Blickfang. Leni Riefenstahl, die später als Regisseurin berühmt und berüchtigt wird, sehnt sich auch als Schauspielerin nach Hollywood. Anna May Wong ist es, die die männlichen Blicke auf sich zieht und vor der sich eine wartende Menge an Tanzpartnern bildet. Anna May Wong ist bereits eine erfolgreiche Schauspielerin mit Hollywood-Erfahrung. In einer Tanzpause erblickt der Fotograf Alfred Eisenstaedt die drei beieinander stehenden Frauen und macht Fotos. Es sind zwei, die nun den Roman umspannen. Durch diese kurze Ablichtung bekommen die drei Frauen ein Profil, das sich in Folge der Handlung episodenhaft verfestigt.

Das Foto als Grundlage für den Anfang der umfangreichen Geschichte ist ein gelungener Einstieg. Wie Strahlen breiten sich nun die Lebenswege durch Jahrzehnte aus und streifen dabei die Höhen und Tiefen. Das Buch entfächert sich wie ein großer Kinofilm mit weltumspannenden Kulissen, diversen Blickwinkeln, diversen Nebenrollen und Hauptschauspielerinnen, die in die Rollen ihres Lebens schlüpfen. Alles erscheint in einem unterschiedlichen Licht, wie die jeweiligen Settings und Rollen vor und hinter den Bühnen und Kameras.

Marlene Dietrich liebt das Rampenlicht und steht gerne im Vordergrund. Sie überstrahlt auch im Roman. Doch sind es letztendlich auch die letzten Strahlen eines Stars, der einsam in seiner Wohnung in Paris lebt. In Paris taucht eine bewegende Nebenrolle auf, Bébé, die aus China gekommen ist, prostituiert wurde und nun Hausmädchen bei der Dietrich ist. Jedes Kapitel trägt ein Ornament passend zu den drei Hauptcharakteren, deren Perspektiven fixiert werden. Die Handlung wandert durch die wechselnden politischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Neben der Strahlkraft der Stars gibt es auch die Tiefenschärfe, die Schattenwelt mit ihren Konturen. Die Frage nach Mitschuld taucht zumindest bei Leni Riefenstahl auf, die sich mit ihren Propagandafilmen dem Nationalsozialismus anbietet.

Spannend und aufregend ist der Roman über alle Kapitel hinweg. Das Buch beleuchtet Geschichte und die asiatische Sicht auf europäische Geschichte macht das Werk besonders. Ein Roman, der wunderbar geschrieben ist und die wahre Geschichte in Literatur verwandelt. Reale Figuren treten auf und ab und geben den Hauptschauspielerinnen ihren Raum, um sich gänzlich zu entfalten. Dabei verwischt die Wahrnehmung zwischen Realität und Kunst. Das Buch wird lange strahlen, wie jene Stars, die auch zuweilen fragwürdig waren. Es sind aber Strahlen, die bis in unsere Gegenwart reichen.

Das Buch ist ein glänzendes Lesefest und wurde von Zoë Beck aus dem Englischen übersetzt. Amanda Lee Koe lebt in Singapur und New York. Ihre Kurzgeschichten „Ministerium für öffentliche Erregung“ (siehe auch im Leseschatz) hat viel Anerkennung erhalten. „Die letzten Strahlen eines Sterns“ ist ihr erster Roman.

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Valeria Shashenok: „24. Februar… und der Himmel war nicht mehr blau“

Was passiert, wenn plötzlich Krieg ist? Etwas Schreckliches, das bisher fern der persönlichen Wahrnehmung und lediglich durch Fernsehbilder ein Teil des Alltags ist, greift das persönliche Leben an. Wenn plötzlich in der eigenen Umgebung gekämpft wird und Raketen einschlagen, meint man sich in einem schlechten Kriegsfilm zu befinden. Doch für viele Menschen ist dies kein Hollywood, kein Nachrichtenbeitrag aus der Ferne, denn mit einem Schlag hat sich das Leben für viele verändert. Krieg bedeutet Zerstörung, Leid und der Verlust der Menschlichkeit und letztendlich des Lebens. Es gab nie eine Zeit des globalen Friedens. Der Mensch ist nicht friedvoll. Auch wenn man es gerne so hätte. Krieg wird auch oft durch andere Begrifflichkeiten kaschiert oder verbal verharmlost. Doch ist er, was er ist.

Viele, auch ich, können nicht aus eigener Erfahrung vom Kriegsgeschehen berichten. Literatur ist ein guter Wegweiser zum Verstehen. Zumindest ein Weckruf zur Empathie.

Mit dem Büchlein „24. Februar… und der Himmel war nicht mehr blau“ wird der Schrecken spürbar, was es bedeutet, plötzlich im Krieg zu sein. Valeria Shashenok ist jung, hat die Träume eines jungen Menschen und ist hungrig auf die Welt. Sie möchte fotografieren, die Welt erleben und ihr Erlebtes mitteilen. Sie nutzt bereits die sozialen Kanäle. Dann wird sie übermüdet von den Eltern aufgefordert, mit in den Luftschutzbunker zu kommen. Valeria Shashenok wurde 2002 in Tschernihiw, einer Stadt nördlich von Kiew, geboren. Als am 24. Februar 2022 die erschütternden Ereignisse das dortige Leben auf den Kopf stellten, beginnt sie, anfänglich aus Langeweile, über den Alltag im Bunker zu berichten. Im Bunker gibt es WLAN und sie nutzt den Hashtag: „Things that just make sense in a bomb shelter“ und erhält viele Klicks und geht um die Welt. Auch die Medienwelt wird auf sie aufmerksam. Sie bekommt Gehör und schafft es letztendlich auch nach Italien zu fliehen. Sie alleine, denn die Eltern harren noch im Kriegsgebiet aus.

Ein Buch, das etwas von einem sehr guten Schulaufsatz hat und dennoch viel mehr ist. Der Bericht einer jungen Frau, die vom Leben als Fotografin träumt und plötzlich über das Leben vom Krieg schreibt und berichtet.

Ein lesenswerter Bericht aus einer leider wirklich gewordenen Welt. Das Grauen hat viele Stimmen und es bleibt die Hoffnung, dass zum Beispiel Literatur es schafft, die Menschen empathischer werden zu lassen, damit der Schrecken, das Leid und der unnütze Tod kein Bestandteil mehr unseres Lebens ist. Ein naiver Traum, aber ein Traum…

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Tatiana Țîbuleac: „Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte“

Dieser Roman beschreibt Bilder, die der Protagonist Aleksy mit lakonischen Worten einfängt. Er, der eigentlich malt, schreibt nun und erinnert sich an seine Jugend und an jenen Sommer, in dem er seine Mutter erstmalig wieder richtig wahrnahm und pflegte. Aus dem zynischen, garstigen und aggressiven Ton (der dadurch zuweilen auch humorvoll ist), der aus dem damaligen jungen Mann herausplatzt, wird  ein nahbarer Klang, der Nähe zulässt. Der Lichtblick sind stets die Augen, die das Licht einfangen und auch ein Innenleben projizieren. Es sind die Augen, die Aleksy bei seiner Mutter schön findet. Anfänglich nur diese. Der Rest der Mutter ist in seinen Augen dumm und hässlich. Mit seinem wachsenden und erweiterten Blick bekommt die Mutter auch mehr Struktur, Schönheit und Wissen. Leider sieht Aleksy dieses erst, als sie im Sterben liegt.

Aleksy wirkt lieblos und aggressiv. Es ist der letzte Schultag und seine Mutter holt ihn vorm Schulgebäude wartend ab. Es dauert länger bis Aleksy zu ihr geht. Er lässt sie lange stehen und erträgt es kaum, sie zu sehen. Sie ist alleinerziehend und möchte ihrem Sohn eine gemeinsame Reise vorschlagen. Er hasst seine Mutter so sehr, dass er auch oft Mordgelüsten in seiner Phantasie nachgibt. Doch sagt er überraschend zu. Dabei hatte er mit seinen Freunden einen Trip nach Amsterdam geplant und freute sich auf Sex und Drogen. 

Mutter und Sohn reisen nach Südfrankreich und mieten ein älteres, kleines Haus. Die dortige Enge lässt Aleksys Blick sich weiten. Er erhascht Licht in seiner Dunkelheit und die Mutter bekommt etwas Liebenswürdiges. Gerade in dem Moment, als sie von ihrer Krankheit erzählt. In Frankreich verändert sich alles für Aleksy. Beide haben ein Trauma zu verarbeiten. Der Verlust der Schwester, beziehungsweise der Tochter, hat beide in eine tiefe Trauer gestürzt. Die Mutter hatte damals auch den trauernden Sohn nicht annehmen können und seitdem wuchs das Zerwürfnis.

Der Sommer lässt beide wieder zusammenwachsen. Die Nähe irritiert die Gefühlswelt von Aleksy. Auch sein Liebesleben und seine beständigen Gedanken verwirren den jungen Mann, der später zurückkehrt, um dort zu malen und letztendlich die ganze Geschichte aufzuarbeiten.

Der Roman hat eine Sogwirkung durch den Sprachklang und die Bilder. Der Inhalt wird durch die Sprache jeweils passend eingefangen. Durch den Tablettenmissbrauch wirkt einiges wie berauscht und lässt an Halluzinationen denken. Der nach außen getragene Hass, der sich nur anfänglich zeigt, ist die reflektierte Selbstwahrnehmung des Protagonisten. Hass und Liebe werden die Motivation seiner Bilder. Bilder werden durch ihn und letztendlich durch die Autorin zu Worten.

Tatiana Țȋbuleac hat ein kraftvolles und sprachlich dichtes Werk geschrieben, das voller Dramen ist. Neben dem ganzen Unglück hat der Roman auch stets etwas Ursprüngliches, etwas Rohes und unfassbar Schönes. Der Text wandelt sich wie der Blick zu den Augen der Mutter: Die Augen der Mutter als Versehen, als Augen, die nach innen weinen, als Blickfang der nicht erzählten Geschichte bis hin zu den Narben jenes Sommers. Die Übersetzung aus dem Rumänischen stammt von Ernest Wichner.

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Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Der Titel ist eine Anspielung auf Frauen, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Frauen, die eigenständig sein wollen und durch die jeweils politischen Umstände daran gehindert werden. Es ist auch die damals gängige Bezeichnung für Frauen, die nicht dem sozialistischen Weltbild der DDR entsprachen. Der Roman erzählt von drei Frauenschicksalen in drei verschiedenen Zeitebenen: 1940er Jahre im Nationalsozialismus, 1980er Jahre in der DDR und in der Gegenwart. Die Verbindung ist ein Gebäude in der Lerchenstraße in Leipzig, das in der Zeit unterschiedliche Funktionen innehatte. Der Roman spielt mit der jeweiligen politischen Situation. Welchen Einfluss hat die jeweilige Epoche auf die individuelle Entwicklung der Frauen, die durch ein spezielles Gebäude miteinander verbunden sind?

Der Roman lebt von der Freude am Erzählen und der enormem Empathie der Autorin ihren fiktiven Figuren gegenüber, die erlebte Geschichte erfahrbar machen. Manja lebt in den 1980er Jahren in Leipzig und hat bereits in der Schule für Aufsehen gesorgt, als sie einen Aufsatz fertigte, der ihren Freiheitswunsch spürbar machte. Sie ist siebzehn Jahre jung und erlebt sich und ihr Umfeld noch als Teenager aber auch als eine junge heranwachsende emanzipierte Frau. Neben der Schule jobbt sie und verbringt ihre Freizeit gerne mit ihrer Freundin Maxie. Maxie hat etwas Wilderes, Aufmüpfigeres an sich, das Manja begeistert. Ein feministischer Freiheitsdrang zur Selbstbestimmung keimt in ihren Begegnungen, die nicht immer legale Wege gehen. Sie stromern gerne in der Stadt oder in der nahen Umgebung. Auf einem Jahrmarkt treffen sie auf Manuel, für den Manja viel empfindet. Manuel ist als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR gekommen und ist in einer Baumwollspinnerei tätig. Als sie sich eines Tages in seinem Zimmer, auf dem Frauenbesuch nicht gestattet ist, treffen, werden sie bei einer Razzia der Volkspolizei erwischt. Manja wird auf der venerologischen Station, Tripperburg genannt, eingesperrt. Sie weiß nicht, warum sie hier ist, und so brutal behandelt wird.

Die Ich-Erzählerin wird durch Lilo und Robin unterbrochen. Lilo wächst im Nationalsozialismus auf und ihre Familie wird geprägt von den Aktionen des Vaters, von denen sie anfänglich wenig mitbekommt. Später hilft sie ihm und wird genau in dem Gebäude, in dem Jahre später Manja wegesperrt wird, inhaftiert, weil sie den kommunistischen Widerstand unterstützt hat. In der Gegenwart ist das Gebäude ein Flüchtlingsheim. Robin ist Sozialarbeiterin und ihr neues Tätigkeitsgebiet führt sie in dieses Gebäude. Somit werden die drei Schicksale durch den Raum in der Zeit verbunden.

Die drei Frauengeschichten sind fiktiv, aber sehr authentisch und an der Wahrheit orientiert erzählt. In der DDR wurden unfassbar viele Frauen in venerologische Abteilungen als Herumtreiberinnen eingewiesen. Somit macht das Buch ein selten erzähltes Kapitel deutscher Geschichte auf. Der Roman ist ein literarisches Ereignis und weckt viel Sympathie für seine Heldinnen. Ein zeitloser Roman, der die Zeiten belebt.

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Seraina Kobler: „Tiefes, dunkles Blau“

Seraina Koblers erster Krimi hat alles, was ich an Kriminalgeschichten liebe: Tolle und glaubhafte Figuren, ein schönes Setting und eine kluge Handlung. Der Hauptcharakter nimmt den Leser sofort für sich ein.

Seraina Kobler hat Linguistik, Kulturwissenschaften sowie literarisches Schreiben studiert. Sie arbeitete mehrere Jahre als Redakteurin bei verschiedenen Zeitungen. Ihr atmosphärischer Debütroman „Regenschatten“ ist eine Dystopie, die auch den Kern dieses Krimis in sich verbirgt: Der Umgang von uns Menschen miteinander und mit der Natur. „Tiefes, dunkles Blau“ ist ein Krimi in traumhafter Kulisse, der mit dem Gedanken spielt, was passieren könnte, wenn Wissenschaft auf die menschliche Schwäche trifft. Dies erinnert an die großartige Reihe um den Kieler Zoologen Hermann Pauli von Bernhard Kegel. Seraina Koblers Roman hat aber etwas mehr Wohlfühlatmosphäre in ihren Umschreibungen der Orte. Der Zürichsee und die darumliegende Landschaft bereiten beim Lesen pure Urlaubsstimmung. Eine Polizistin, die Kulturelles und Gastronomisches in ihrem Privatleben zelebriert, erscheint unglaublich sympathisch und weist hier und dort wohl viele Übereinstimmungen mit der Autorin auf.

Der Prolog erzählt von einem unfreiwilligen Beifang eines Fischers. Er hat in den letzten Tagen weniger Glück beim Fischfang und freut sich, als sein Netz etwas Schwereres eingefangen hat. Doch ist es eine männliche Wasserleiche, die die Winde emporzieht. Dann macht die Handlung einen kleinen Sprung zurück in der Zeit. Nach circa sechzig Seiten setzt der Verlauf wieder hier ein und die Wasserleiche versetzt die Züricher Polizei in Aufruhr.

Rosa Zambrano hat neu bei der Wasserpolizei angefangen und ihr Einsatzort ist der Zürichsee. Sie genießt das Leben in der Stadt und nutzt die Natur, besonders den See, für ihre Erholung oder für den Sport. Sie lädt sich gerne Freunde ein, die sie sehr gekonnt bewirtet. Weil sie noch keine bleibende Partnerschaft hat, empfindet sie eine kleine Leere im Leben und hat Sorge, eventuell kinderlos zu bleiben. Sie lässt bei einem Facharzt, Dr. Jansen, in einer Kinderwunschpraxis eine Kryokonservierung machen.

Dr. Jansen entpuppt sich später als genau jene Wasserleiche, die aus dem See gefischt wird. Der erfolgreiche Arzt hat auch nebenbei ein Biotech-Unternehmen geleitet, daher gehen die Ermittlungen in diverse Richtungen. Seine Ehe ist gescheitert und er hat eine neue Freundin, bei der er etwas versteckt hat. Ferner wirkt es, als hätte er zuweilen einen Escort-Service engagiert. Somit werden die Umstände, die zu seinem Mord geführt haben könnten, immer zwielichtiger und vielschichtiger.

Dies ist der erste Fall für Rosa Zambrano, der sie als Kriminal- und als Seepolizistin herausfordert. Durch den Fall, begegnen ihr Menschen aus der Vergangenheit, die ihr Liebesleben durcheinanderbringen. Der Fall stellt sie vor die Frage, ob die Natur, d.h. die Biologie ihren vorgesehenen Lauf nehmen soll oder ob der Mensch das Recht hat, mit seinem errungenen Wissen und Können einzugreifen und das Schicksal zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Eine Ermittlerin, die man sofort mag. Man bestaunt mit ihr ihren schönen Garten und möchte gerne Gast sein, wenn sie zum Essen einlädt. Auch bekommt man beim Lesen stets Lust, gut zu kochen. Das Buch hat viele sinnliche Momente und lebt vom Umfeld um den spannenden Fall, der zeitgemäße Fragen stellt.

Wohl ein Krimi-Highlight im Frühjahr, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt, denn Wasserpolizei in dieser Qualität ist bisher nicht aufgetaucht.

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Siehe auch Seraina Kobler zu Gast auf Leseschatz-TV – Vorstellung und Lesung ihres Romans „Regenschatten

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Gerrit Wustmann: „B-Sides“

B-Sides werden in der Musikwelt als die Stücke bezeichnet, die auf den Singles oder Maxis auf die B-Seite gepresst wurden. Meist sind es Werke, die nicht in das Konzept des regulären Albums passten. Oft sind es Live-Mitschnitte oder Stücke, die in Schubladen schlummerten. Dabei muß es sich nicht immer um Ware zweiter Wahl handeln. Mitnichten bei dem großartigen, aber eventuell irreführenden Titel. Viele B-Seiten hatten die Chance einen Hit zu platzieren. Bestimmt und hoffentlich auch der vorliegende Gedichtband. Hier ist Lyrik wahrlich Rock. Ein Sound, der sich inhaltlich vor AC/DC, Led Zeppelin, Mascha Kaléko und Jörg Fauser verneigt. Die Anspielungen darf man überlesen, wenn man sie nicht erkennt, dies minimiert niemals die Lesefreude. Doch sind sie besondere I-Tüpfelchen.

Der Titel und die Covergestaltung versprechen eine Retrospektive. Das analoge Leben steht hier stets gekonnt neben der neonfarbigen Pixelwelt. Immer schwingt aber etwas Blues mit, um im Bild der Musik zu bleiben. Kein Blues, der bejammert, der sich selbst zerfleischt, sondern den Rock zu seinen Wurzeln führt. Die Kapitel sind auch einer Musik-Anthologie angepasst: INTRO (live / unplugged), LOVESONGS (remastered), B-SIDES, DEMOTAPES und ein Zusatzsong „Taking The Long Way…“

Sechs Jahre nach seiner Istanbul-Trilogie „Taksim Tango“ hat Gerrit Wustmann seine Schubladen und sein Archiv durchsucht. Dinçer Güçyeter vom Elif Verlag hat beständig nachgefragt, ob der Lyriker, der seit 2016 nichts mehr geschrieben hatte, nicht etwas im Verborgenen hat, das sich lohnt, gedruckt zu werden. Somit ist diese Sammlung von Gedichten aus den Jahren 2010 bis 2016 entstanden. Es sind tiefgründige, lesenswerte Texte, die zum Verweilen einladen. Lyrik, die Türen öffnet. Gedichte, die sich einfach gebären, sich als Pulp-Fiction tarnen, wie jener Klassiker, und doch wie ein Progressiv-Rocksong erst beim wiederholten Wahrnehmen das versteckte Mehr preisgeben. Ein Werk, das immer wieder zum Durchstreunern einlädt und man stets meint, Neues finden zu dürfen. Wissen, Witz und Können sind stille Begleiter der Soundgedichte. Ein Buch, in dem man sich gerne verliert.

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Agneta Pleijel: „Doppelporträt“

Ein Portrait beinhaltet stets zwei Betrachtungen. Der Mensch, der porträtiert wird und die Sicht, die Innenschau und die Erfahrungen des Künstlers. Jeder Künstler fließt bemerkt oder unbemerkt durch seine eigenen Erlebnisse und Interpretationen in sein Werk hinein. Dies macht sich der Roman zu eigen und beschreibt die Sitzungen von Agatha Christie bei Oskar Kokoschka. Somit porträtiert der Roman beide Künstler.

Zwei exzentrische Menschen, die anfänglich vom jeweils anderen wenig halten und wissen, prallen aufeinander. Mathew Prichard sucht den Galeristen Wolfgang Fischer auf, um den Preis für ein Porträt, das Oskar Kokoschka von seiner Großmutter anfertigen solle, zu erfahren. Es naht der 80. Geburtstag der Großmutter und die Familie wünscht sich, diese malen zu lassen. Oskar Kokoschka würde aber nicht jeden malen, so die Reaktion des Galeristen, der den Auftrag vermitteln soll. Als sich herausstellt, dass es sich um die Krimikönigin Agatha Christie handelt, wird schnell ein erstes Treffen vereinbart.

Oskar Kokoschka verweilt gerade in London und möchte eigentlich bald nach Montreux zurück. Doch der Auftrag, die Autorin zu malen, könnte sich als lukrativ erweisen. Auch Agatha Christie ist von der Aktion wenig begeistert. Sie hält wenig von einem Selbstbild und hat eigentlich genug zu tun. Sie muss an ihren kommenden Werken arbeiten. Widerwillig stimmt sie zu und es werden sechs Sitzungen vereinbart.

Oskar Kokoschka malt selten Stillleben. Seine Bilder müssen Bewegung und Leben atmen. Somit sucht er das Gespräch mit Agatha Christie bevor er diese auf einer Leinwand fixiert. Da beide Vorurteile dem anderen gegenüber haben, entsteht ein verbales Tänzeln um die jeweiligen Ansichten und Leben. Oskar Kokoschka muss selbst viel von sich preisgeben, um die zu Porträtierende aus ihrer Reserve zu locken. Sie besprechen Biographisches und thematisieren die Liebe, ihre Leidenschaften und ihre Kunstauffassungen. Kunst ist für beide existentiell und doch auch ein Spiel. Kunst ist der Zwischenraum, die Leere zwischen Realität und Traum. Beide spielen mit Betrachtungen von Menschen und mit ihrer eigenen Interpretation und fixieren diese auf ihre jeweils eigene Weise. Durch das zu schaffende Bild entsteht das titelgebende Doppelportrait und es werden viele Winkel und auch die dunkeln Seiten der beiden Charaktere beleuchtet.

Ein Roman, der einen Leerraum mit Leben füllt. Oskar Kokoschka hat Agatha Christie porträtiert. Was während der Sitzungen geschehen ist und was die beiden Küntlerpersönlichkeiten besprachen, bleibt ungewiss. Mit glaubhaften Dialogen und der Innenschau der zwei Porträtierten gelingt ein lesenswerter Text, der viel Kurzweil verspricht. Unterhaltsam wird Wissenswertes über die jeweiligen Biographien vermittelt. Das Buch lädt ferner dazu ein, sich mit der Kunst allgemein auseinanderzusetzen. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek übersetzt.

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Maria Kjos Fonn: „Heroin Chic“

Der neue Roman von Maria Kjos Fonn ist erneut schrecklich gut. Der Titel ist wie im vorherigen Werk einem Stil gewidmet. „Kinderwhore“ (auch im Leseschatz zu finden) nahm Bezug auf den Kleidungsstil von Courtney Love. Heroin-Chic ist ein Erscheinungsbild, das sich durch blasse Haut, dunkle Augenringe und eine abgemagerte Figur auszeichnet. Alles Merkmale, die auf den Gebrauch und Missbrauch von Drogen, besonders Heroin, hinweisen. 

Erneut beschreibt die Autorin nachvollziehbar den Fall aus der Gesellschaft. Sie schaut genau hin, entwickelt dabei großartige Empathie, bleibt dabei aber stets auf Distanz. Mit dem Text gerät man in eine literarische Faszination und  taucht ein in eine Geschichte, die gut erzählt und glaubwürdig ist. Maria Kjos Fonn macht das Unverständliche sichtbar und bietet Erklärungen an. Die Sprache und die Handlungssprünge berauschen und dadurch wirkt der Roman selbst wie eine Gesellschafts-Droge. Die Identifikation mit der Figur gelingt dennoch, auch wenn die Erlebnisse fern der eigenen Wahrnehmungen sind. Dies macht aber gerade den Reiz bedeutender Literatur aus.

Elise ist, wie ihr später im Text jemand sagt, auf eine reichlich wenig beeindruckende Weise beeindruckend. Sie hat ein gestörtes Selbstbild und eine kränkliches Körpergefühl. Dabei bleibt unklar, woher dies kommt. Sie ist in einem bürgerlichen Elternhaus aufgewachsen und hat eine besondere Gabe zu singen. Für ihre Mutter hat sie eine goldene Stimme und leuchtet sogar von innen. Doch gerade dieses Leuchten empfindet Elise nicht. Sie hat in sich eine Leere, die sie nicht zu füllen vermag. Sie empfindet sich oft vom Selbst losgelöst und der eigenen Realität entrückt. Sie möchte auffallend nicht auffallen. Dies Paradox ist eines der Bewegründe, sich selbst beständig zu reduzieren. Doch möchte sie auch dabei etwas wahrnehmen und fühlen, ohne Eindruck im Außen zu hinterlassen. Somit probiert sie einiges aus. Askese trifft auf Maßlosigkeit. Anfänglich ist es Bulimie. Sie möchte die Dünnste sein. Sie empfindet Glück im knochigen Erscheinungsbild. Doch wenn Knochen nicht mehr reichen, sucht sie die Betäubung. Den Rausch, der das Schwerelose verstärkt. Sie möchte spurenlos durch ihr Leben wandeln und greift zu Drogen. Da Kokain ihr auf Dauer nicht mehr reicht, steigt sie auf Heroin um. Die Drogen und das Milieu scheinen ihr das zu geben, was sie immer schon wollte. Sie wandelt zwischen zu wenig und zu viel und möchte sich im Zwischenraum verlieren.

Ein lesenswertes Werk über Abhängigkeiten, Sucht und die eigene Wahrnehmung. Alles ist schlüssig und sehr gekonnt in verschiedenen Zeitebenen erzählt. Von der Therapie, dem Entzug, zurück zum Beginn. Durch die Distanz wird der literarisch versteckte Schmerz ganz still verdeutlicht. Die Ursache der Sucht und der Drang nach dem Rausch sind leidvoll, aber fast schon durch Schönheit kaschiert. Erneut ein Werk über Menschen, besonders junge Menschen, die im Abseits der Gesellschaft stehen und in den Abgrund blicken. Dieses in wichtige und großartige Literatur zu verwandeln, ist die besondere Gabe von Maria Kjos Fonn. Aus dem Norwegischen übersetzt wurde das Werk von Gabriele Haefs.

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Sonja Rüther: „Rock this way“

Der Erfolg eines Songs basiert auf der Hingabe, mit der er geschrieben wurde. Wenn der Musiker sein Herzblut in die Worte und Melodien einzubinden versteht und seine Seele in die Aufnahme oder in das Konzert einfließen lässt, besteht die Chance, die Zuhörer in ihrem Herzen und der Seele zu berühren. Dies lässt sich auf jede Kunst anwenden. Als Sonja Rüther sechzehn Jahre jung war, erlebte sie Tom Petty live und sie spürte die Magie der Musik. Ihre persönliche Magie ist dann in ihre Literatur eingeflossen. Musik erlebt sie weiterhin als Konsumentin und versteht es gut, sich in diese kreative Welt einzufühlen. Ihr Kunstgriff ist es, mit wenigen Skizzen auszukommen, um viel zu erzählen. Dies hat bereits Stephen King perfektioniert, der auch im vorliegenden Buch gewürdigt wird.

„Rock this way“ ist die Geschichte einer Journalistin, die einen Rockstar auf seiner Jubiläumstour durch Amerika begleitet. So ist die Handlung eine moderne Antwort auf den Filmklassiker „Almost Famous“.

Doch lernen die Beiden sich zwanzig Jahre vorher kennen. Isabel, eine angehende Journalistin, wartet auf ihren Freund in einem Restaurant mit einem danebenliegenden Veranstaltungsort. Sie weiß, warum ihr Freund dies Restaurant ausgesucht hat. Dieser Ort hat in ihrer Kennlernphase eine Rolle gespielt und hier möchte er nun die Beziehung festigen. Dort wartend wird sie von Ben, einem Singersongwriter, angesprochen, der gleich ein Konzert in der Bar geben wird. Sein Auftreten ist charmant selbstüberzogen, denn er tönt: „Eines Tages bin ich berühmt wie Tom Petty!“. Bei beiden hinterlässt dieses kurze Treffen einen bleibenden Eindruck.

Isabel ist Journalistin und hat gerade private Probleme. Sie lebt von ihrem Mann getrennt. Ihr Ruf in der Musikbranche ist etwas angeschlagen, da sie negativ über einen Musiker geschrieben hatte. Doch hatte sie die Wahrheit angedeutet, da dieser Rockstar strafrechtlich belangt werden sollte. Dieser Artikel sorgt nun für Bedenken, wenn sie über Künstler schreibt und besonders, weil sie von ihrer Redaktion gebeten wird, Ben Paxton auf dessen Tour zu begleiten. Isabel weiß, wer er ist und mag seine Platten sehr. Auch ihre Tochter liebt seine Musik. Seine Karriere hat tatsächlich mit Tom Petty zu tun und nun füllt und rockt er Stadien.

Als die beiden sich nach zwanzig Jahren wiedersehen, erkennt Ben sie nicht sofort. Er versucht sein Innenleben vor ihr zu verbergen, doch ist sie sehr empathisch und versucht, den Menschen hinter dem Rockstar zu erkennen. Er hat gerade eine Schreibblockade und das angekündigte neue Album will ihm nicht gelingen. Daher nutzt er sein Jubiläum, um seinen Fans etwas von sich zu geben und geht auf eine Best-of-Tour. Isabel und Bens Zusammentreffen und erste Zusammenarbeit gestaltet sich schwierig und anders als gedacht. Die unterschiedlichen Lebenswege haben sie geformt und jeweils Spuren hinterlassen, die sie nicht lange kaschieren können. Doch müssen sie sich für die Tournee arrangieren. Ben ist auch meist nur dem Schein nach ein Rockstar. Wenn er seine Garderobe, besonders seinen Hut absetzt, legt er die Starmaske ab. Langsam kommt ihm auch Isabel vertraut vor. Er meint sie zu kennen, bis er zu Erkenntnis kommt, dass sie die Frau ist, an die er lange denken musste. Ihr Wiedersehen wird für beide verändernd sein.

Der Roman ist ein Liebes- und Entwicklungsroman. Das Besondere ist das Umfeld, das Leben als Rockstar. Auch die Gefahren, der sich die Musikwelt ausgesetzt sieht, beleuchtet Sonja Rüther. Durch die Streaming-Dienste und die immer geringeren Platten- und CD-Verkäufe sterben die klassischen Rockstars leider langsam aus. Man geht nicht mehr auf Tour, um ein Album zu feiern, sondern die Konzerte sind meist die einzige Geldquelle der Künstler.

Sonja Rüther versteht es, ihren Geschichten Leben einzuhauchen, und zeichnet ihre charmanten Charaktere mit viel Hingabe. Die Musik spielt im ganzen Buch eine große Rolle. Die Kapitel sind wie die Setlist eines Ben Paxton-Konzertes aufgebaut. Die vorangestellten Songs münden in der Zugabe, d.h. im Bonussong. Es sind somit neunzehn Songs mit Lyrics von Sonja Rüther, von dem sogar einer von Martin Spieß (auch im Leseschatz zu finden) als Demo aufgenommen wurde. Siehe auf YouTube.

Ein Roman wie ein guter Samstagabendfilm. Ein Liebesroman, der Einblick in das Leben auf Tour gibt. Es geht um das Songwriting, d.h. darum die Magie in der Musik zu finden, um schicksalhafte Begegnungen, Fanliebe und um die wahre Liebe.  

Wie in der Musikbranche üblich gibt es das Buch auch mit Bonusmaterial in einem Fan-Paket (Plektron, Konzertkarte, VIP-Pass, Button), solange der Vorrat reicht.

Danke liebe Sonja für die Erwähnung in der Danksagung am Ende des Buches. Immer sehr, sehr gerne!

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Jochen Schimmang: „Laborschläfer“

Der Moment des Aufwachens ist ein Schnelldurchlauf verschiedener Bewusstseinszustände. Langsam bricht Licht hervor und die Konturen nehmen Form an und werden Prisma für das kommende Farbenspiel. Die Wahrnehmungen wurzeln noch im Traum und greifen bereits nach der Realität. Das Buch ist mehr als ein Spiel zwischen kollektivem Unbewussten und individueller Erinnerung. Die dösige Gesellschaft erwacht in lichten Momenten, die Jochen Schimmang und mit oder durch ihn der Protagonist, Rainer Roloff, genau beobachtet und literarisch fixiert. Auch wenn er zwischen den Bewusstseinsabteilungen des Gehirns mäandert, ist der Roman zielführend und treibt in einen Wachmodus, der niemals einschläfernd ist. Die klugen Anspielungen auf Literatur, Musik und politische und gesellschaftliche Entwicklungen und die Geschichte begeistern und beflügeln. Die gelähmte Gesellschaft wurde durch die Pandemie in einen Zwischenraum bestehend aus Wachsein und Schlaf gebannt. Denn in der Jetzt-Situation spielt die eigentliche Handlung. Doch ist die Gesundheitskrise nur ein Beiwerk der Handlung, die das tatsächliche Umfeld beleuchtet. Der ganze Roman ist ein Brunnen aus sprudelnden Erinnerungen, Einfällen und Momenten.

Der Hauptcharakter, der sich den Schlaf aus den Augen reibt, ist Rainer Roloff. Er ist Soziologe, der aber meist nur in seinem Kopf sein studiertes Wissen anwendet. Er ist melancholisch, leicht zynisch und fühlt sich in der Einsamkeit wohl, auch wenn er das soziale Umfeld sucht. Menschen betrachtet er hin und wieder wie Außerirdische. Seine Berufsbezeichnung tituliert er gerne mit Privatgelehrter. Er übt unterschiedliche Tätigkeiten aus, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Struktur erhält er durch eine Langzeitstudie, an der er als Proband teilnimmt. Dr. Meissner, der die Studie leitet, möchte die Schlafphasen, den Moment des Aufwachens und den Einfluss des Schlafes auf das Gedächtnis erforschen. Dafür hat er Schlaflabore eingerichtet und Rainer Roloff reist regelmäßig von Köln nach Düsseldorf oder Lübeck, um nach dem Aufwachen seine Erinnerungen und Gedanken aufzuschreiben und in Folge mit den Ärzten zu besprechen. Diese Protokolle sind es, die die Traumreste in Geschichte umwandeln, denn Rainer Roloff ist ein Jahr älter als die Bundesrepublik und er hat eine enorme Erinnerungsgabe. Sein privates Erinnern vermischt sich mit dem kollektiv Erlebten. Als belesener, gelehrter und an Kultur interessierter Mensch weiß Rainer Roloff durch sein Langzeitgedächtnis viel zu berichten. Seine Gedanken sind niemals still. Er befindet sich psychisch und physisch beständig in Zwischenräumen. Zwischen Erlebtem, der Gegenwart und seinen Reisen zu den Schlaflaboren. Dabei fixiert er seine Assoziationsketten. Er ist ein hellwacher Held, der gut schlafen kann und auch bewandert ist in populären Ereignissen. Von der Barschel-Affäre zu einem Talking Heads- oder Kraftwerk-Album sind es bei ihm nur wenige Gedankenschritte. In den Betrachtungen wird die Gesellschaft auf großartige Weise seziert. Der Stillstand des öffentlichen Lebens durch die gegenwärtige Situation belebt im Schlaflabor das individuelle und philosophische Leben.

Der Roman ist spielerisch und ständig assoziativ aufgebaut. Es macht unglaublich Spaß, dem Helden durch seine räumlichen und gedanklichen Reisen zu folgen. Eine Schlafstudie als Auftakt für ein literarisches Ereignis. Die Charaktere zirkulieren um den Forschungszweck und mindestens einer verliert dabei sein Gleichgewicht. Die Betrachtungen sind teilweise einer Traum-Logik geschuldet und die Wahrnehmungen vermischen sich dadurch erneut. Ein kompakter, fundierter Lesespaß mit vielen popkulturellen und literarischen Zitaten (wer den Bezug sucht, wird auf den letzten Seiten des Buches fündig).

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