Matthias Hübener: „Das Leuchten der Mondfische“

Der dritte Roman von Matthias Hübener verbindet erneut Mythen, aktuelle Weltereignisse und Themen mit individuellen Entwicklungen. Seine Romane sind voller Abenteuer, die uns stets zum Nachdenken und Nachempfinden anregen. Hübener ist ein Geschichtenerzähler, der viel gedanklich durchdringt und welterfahren ist. Somit eröffnen seine Werke neue Horizonte und machen neugierig auf die Welt und auf die Kulturen. Dabei taucht aber stets der Mensch auf, der sich in seiner Rolle innerhalb des globalen und ökologischen Umfeldes noch zu finden hat. Dies weil die Menschheit sich oft über die Dinge stellt, anmaßend und gierig sein kann. Doch ist alles stets am Anfang lediglich ein Gedanke und durch das Abenteuer um das Leuchten der Mondfische wird, wie bei den vorherigen Werken des Autors, die Welt etwas harmonischer und magischer.

Es beginnt sofort spannend und dadurch werden wir umgehend in die Handlung, die Gedankenspiele und die emotionalen Entwicklungen hineingesogen. Innerhalb der Handlung taucht eine Legende auf, die erzählt wird, sich mit den Figuren verbindet und den Titel des Buches immer mehr zu erklären versteht. Clément ist Meeresbiologe und war gerade auf einer Umweltkonferenz auf Tahiti. Auf dem Flugplatz und später im Flugzeug macht er Bekanntschaft mit einem unsympathischen Mitreisenden, der immer wieder die Nähe zu Clément sucht. Der Flug startet trotz der Warnung vor dem Sturm, der an Intensität zunimmt und den Kurs wechselt, somit wird die Flugroute geändert und eine Notlandung eingeleitet. Als der Mitreisende das Ziel erfährt, gerät er in Panik, wütet und verstirbt sogar. Sie landen auf einer Insel der Marquesas. Clément wird dort untergebracht und gerät in ein großes Abenteuer, denn in seiner Reisetasche wurde ein dubioses Behältnis versteckt. Er wird somit verdächtigt, Kunst oder Kultgegenstände geschmuggelt zu haben und mit dem verstorbenen Mitreisenden, der ein gesuchter Dieb ist, in Verbindung gestanden zu haben. Eine Frau tritt in sein Leben, die ihm hilft und sie suchen einen alten Freund von ihr auf, der Rat geben soll und ihnen mehr über jenes Behältnis zu sagen hat. Er erzählt  ihnen die Legende um das Leuchten der Mondfische, die von zwei Brüdern handelt und etwas mit der Phiole zu tun hat. Jetzt vermischen sich die Handlungen und die Mythen, denn Clément hat ebenfalls einen Bruder, der wie in der Sage, ganz anders ist und lebt. Der Bruder von Clément arbeitet in einem Unternehmen, die sich das Ziel setzt, das Leben der Menschheit zu optimieren. Lebensverlängernde Maßnahmen werden erforscht, mit der Hoffnung, dadurch vermögend zu werden. Der Bruder hat von mindestens drei Phiolen gehört, die seinem Ziel behilflich sein könnten. Diese Behältnisse haben etwas sagenhaftes, sie soll es aber tatsächlich geben. Ferner geht die Forschung auch mit dem Blick auf die Tierwelt weiter, gerade Haie oder Mondfische haben eine lange Lebenserwartung. Dabei könnte natürlich Clément als Meeresbiologe sehr hilfreich sein, da sich seine Hauptforschung auch mit Mondfischen beschäftigt. Hier beginnen sich die Kreise der Handlungen zu verbinden. Der anmaßende Wunsch nach Unsterblichkeit geht oft mit einer egoistischen Gier einher. Dabei ist eine Lebensbereicherung mehr im Miteinander, also im Geben und Lieben zu finden. 

„Das Leuchten der Mondfische“ ist ein abwechslungsreiches Abenteuer über Sehnsüchte, Hoffnungen, Liebe, Gier und Verrat. Eine Reise von Frankreich in den Südpazifik und nach Japan, die letztendlich zu uns selbst, zu den grundeigenen Lebensfragen führt. Gleich mit der Anfangsszene wird gezeigt, wie unser wechselhaftes und zerbrechliches Leben ein Geschenk ist. Das Bild wird immer mehr mit der Handlung verstärkt und der Spannungsbogen bleibt bis zum Ende erhalten.

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Leseschatz-Preis

Zum zweiten Mal habe ich den Leseschatz-Preis vergeben. Ich bedanke mich bei meinen Unterstützern, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Literaturhaus Schleswig-Holstein und Kiels Stadtpräsidentin Bettina Aust. Der Preis ging an Jina Khayyer für ihr Buch „Im Herzen der Katze“. Die Preisverleihung fand am Montag, 23.03.2026 im Literaturhaus Schleswig-Holstein statt.

Der Abend war geprägt durch die tolle Jina Khayyer, die mit ihrer Ausstrahlung, ihrem Wissen und ihrer Erzählkunst das sehr gut besuchte Literaturhaus begeisterte und berührte.

Durch die Gespräche und den Austausch auf der Bühne, wurde ein Gedankenraum geöffnet, der uns allen bewusst machte, das alles politisch ist. Jedes Handeln oder Nichthandeln. Doch geht die Literatur viel weiter, denn Literatur darf alles und durch das Erzählen können wir reisen, Länder und Menschen kennenlernen, die nur durch einen Gedankensprung fern wirken.

Ihr Roman belegt, warum Literatur so wichtig und großartig ist. Literatur verbindet Geschichte mit Emotionen und durch die Empathie verbinden wir uns mit den Ereignissen sowie Charakteren und ein emotionales Wissen und Weltverständnis bleibt in uns haften.

„Im Herzen der Katze“, weil Iran als geographische Kontur dem Bild einer Katze ähnelt. Aber auch, weil die Katze der Legende nach mehrere Leben haben soll. Es gibt mehrere Leben, die wir durch diese Lektüre erfahren. Das ganz intime, persönliche und das öffentliche.  Anhand mehrerer Generationen iranischer Frauen beschreibt die Autorin die Geschichte von Exil, Heimat, Unterdrückung, Freiheit und Emanzipation.

Ein intensives und spürbares Buch, das auch den Lebenswitz mit einbezieht. Ein sinnlicher und bildreicher Roman, der Mut zeigt und viele Gedankenprozesse anregt. Unbedingt lesenswert ist dieser Ruf und Kampf um die Freiheit.

Danke an die zahlreichen Besucher, danke an meine Weggefährten für den Leseschatz-Preis, danke an die Vorredner und danke besonders an Jina Khayyer, die den Preis angenommen und die weite Reise zu uns gemacht hat.

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Dara Brexendorf: „Paradise Beach“

Die Kielerin Dara Brexendorf ist in der Literaturszene keine Unbekannte, daher hält man kurz inne, weil jetzt ihr Debütroman erschienen ist. Hat man doch das Gefühl, schon einiges von ihr gehört und besonders gelesen zu haben. Ihre Sprache ist eine poetische und sie versteht es gut, Gedanken und Emotionen durch Sprachbilder auszudrücken. Ihre Stärke liegt im lyrischen Sprachklang und der besonderen Gabe, Nature Writing, also die Einbindung der Naturbeobachtung, lebendig und zugänglich zu erfassen. Dies zeigte sie bereits in ihrem Text „Restwärme“, der innerhalb der Literaturförderung und Veranstaltung „Neue Prosa“ gewürdigt wurde.

Ihr Debütroman „Paradise Beach“ zeigt ihr ganzes oder erwachendes Talent und beschreibt den Verlust des Körpergefühls und das Wiederfinden. Der angebotene Halt wird durch die Sprache gereicht. Denn wie die Protagonistin aus dem Lebenstakt geraten ist, spielt der Text mit dem Klang und Rhythmus und unbemerkt werden wir durch den Sprachklang und Wortraum in die Handlung, Gedanken und Gefühle der Hauptfigur einbezogen. Dieser Roman regt den Verstand, aber besonders unsere Empathie an durch die Gefühls-Intelligenz des gesamten Werkes. Es ist ein literarisches Werk, das durch die Sprache eine Sprachlosigkeit aufzeigt, die im weiblichen Schmerz ihren Ursprung hat.

Es ist Ada, die jahrelang unter Schmerzen leiden muss. Sie meinte bisher, diese gehören dazu und verpflichtet sich selbst, diese auszuhalten. Bis sie sich in ihrem Körper immer fremder fühlt und beginnt zu handeln. Mit einer Hormontherapie erhält sie nun endlich eine Behandlung für ihre Endometriose. Ihr Körper reagiert auch auf diese und erneut muss sie sich mit ihrem Körper abfinden und sich selbst darin finden. In Internet-Foren und bei Ärzten sucht sie Rat. Doch ist sie es, die ihren Lebensrhythmus selbst finden muss. Klang ist es, den sie beständig wahrnimmt. Besonders in der Nachbarschaft. Sie lebt in einem Mehrfamilienhaus und bekommt viel von den Mitbewohnern mit, besonders vom jungen Räusperer. Die Nebenwirkung der Medikamente verändert ihre Wahrnehmung und sie leidet an Schlafmangel. Die Tage und Nächte, Erinnerungen, Erlebtes im realen oder im dämmrigen Umfeld vermischen sich. Sie erinnert sich an ihre Zeit, die sie mit dem „Paradise Beach“ in Verbindung bringt. Es ist ein Imbiss am Ostseestrand. Es war der Sommer im Jahr 2003, den sie mit ihrer Cousine Lill an der Ostseeküste verbrachte. Ein warmer Sommer, den die damals Dreizehnjährige erlebte. Sie verbringen Stunden am Strand und es beginnt ihre Wahrnehmung des eigenen Körpers und die Reaktion, die dieser zu erzeugen vermag. Die Selbstreflexion und die Wirkung und Blicke der Anderen auf sich selbst beschäftigen sie. Dies bringt Positives, aber auch Negatives mit sich und die fremden Einflüsse übernehmen auch die Kontrolle. Ihre Welt, die sie damals langsam zu verstehen begann, verschiebt sich als Elja in ihr Leben tritt. Gemeinsam verbringen sie lichtvolle Stunden. Sie versuchen, sich abzugrenzen und sich zu finden. Das Erwachsenwerden und die Leichtigkeit, die sie als paradiesisch empfinden, werden erschwert durch das Körperliche. Ihre Menstruation legt über das junge Licht einen Schatten und sie verliert erneut ihren Bezug zum Körper und dadurch zu sich. In der Gegenwart durchlebt sie wieder in Gedanken und Gefühlen jene Zeit und muss jetzt durch die Therapie lernen, sich zu akzeptieren, zu fühlen und wahrzunehmen, um endlich alle Schmerzen abzulegen.

Ein sinnlicher, ergreifender und poetischer Roman. Ein Debüt, das viel vom Können der Autorin zeigt, uns mitnimmt, mitfühlen und erleben lässt. Dieser Roman eröffnet uns neue oder bekannte Räume und regt zum Einfühlen ein.

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Seumas O’Kelly: „Das Grab des Webers“.

Sláinte! Heute ist Saint Patrick’s Day, also lasst uns die irische Literatur feiern. Es sind Namen wie Máirtín Ó Cadhain, Flann O’Brien, James Joyce oder Edna O’Brien, um nur wenige zu nennen, die uns immer wieder begegnen und begeistern. Irische Literatur hat eine tiefgründige Erzähltradition. Sie ist oft melancholisch oder morbide. Aber stets mit einem feinen Humor versehen. Oft geht es um Identität, Glauben, Familie und um Armut. Ein weiterer Klassiker ist aufgetaucht. Seumas O’Kelly „Das Grab des Webers“. Es ist ein Friedhofsroman und erinnert an „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain und öffnet in seinem minimalistischen Umfang ein ganzes Universum an Gedanken, Charakteren und Lebensereignissen. Eine kraftvolle Erzählung.

Seumas O’Kelly, zwischen 1875 und 1881 in Loughrea im County Galway, Irland, geboren, 1918 in Dublin gestorben, war ein irischer Journalist und Schriftsteller. Seine Kurzgeschichte „The Weaver’s Grave“ gilt als ein Meisterwerk des Genres. Aus dem Englischen wurde das Werk von Kurt Heinrich Hansen übersetzt.

Der Weber ist verstorben. Sein eigentlicher Name ist Mortimer Hehir und er war zum vierten Mal verheiratet. Die Witwe, seine vierte Frau, trauert im Umfang, wie es einer Frau in Folge zusteht und sie möchte ihren verstorbenen Ehemann beerdigen. Er sprach von seinem Grab und es war alles geregelt. Doch was ist sein Grab und wo ist es? Es soll der Friedhof sein, der eigentlich nicht mehr genutzt wird, der schon überfüllt ist. Eine Kartei gibt es nicht, nur die Angehörigen wissen um die Grabstätten. Hier soll sein Grab sein und um dies zu finden, geleiten die Witwe zwei ältere Männer, der Nagelschmied und der Steinbrecher. Beide meinen, sich zu erinnern. Doch irren sie auch nur umher und zanken sich. Mit dabei die Totengräber, deren Nerven enorm strapaziert werden. Eine weitere Stimme wird befragt und es heißt, der Weber wollte unter der Ulme beerdigt werden. Unter der Ulme ist sein Grab. Mit frischem Mut geht die Suche weiter, denn wo steht der Baum, gibt es hier überhaupt eine Ulme?

Ein Meisterwerk der irischen Erzählkunst. Ein lebensweises Werk, voller melancholischem Witz und lebendigen Charakteren.

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Franziska Hauser: „Am Ende der Kleinigkeiten“

Ein Roman über den Weg zur eigenen Rolle im Leben und unseren Beziehungen. Dabei steht die Bindung zwischen Mutter und Kind im Mittelpunkt. Dieser Text lebt von einer Hauptfigur, die uns schnell ans Herz wächst und durch ihre Erfahrungen uns mit ihrer Geschichte mitreißt. Inhaltlich erinnert das Werk an „Skabelon“ von Malin C. M. Rønning und „Die Überflüssigkeit der Dinge“ von Janna Steenfatt. Emotional wird hier mit Humor und Melancholie die Geschichte von Beziehungen erzählt. Von Müttern und Kindern, von Theaterfiguren und dem echten Leben.

Irma wächst in einer Kommune auf einem Hof auf. Diese Lebensgemeinschaft besteht seit ihrer Geburt und als Kind wird sie irgendwie von allen gut oder weniger gut versorgt, nur nicht von der Mutter. Auch, wer der Vater ist, wird ihr nicht gesagt, alles was mit Irma zu tun hat, stört die Mutter. In wenigen lichtvollen Momenten, kann sie dem Kind doch Liebe geben, aber stets wechselt diese in verbale Gemeinheiten um. Irma lernt schnell, in dieser toxischen Umwelt zu überleben und ihre Mutter zu lesen. Sie weiß, wie sie zu sprechen hat, wie sie sich anzuziehen oder zu bewegen hat, damit die Mutter nicht mehr als nötig sie beleidigt oder anschreit. Auch vom schulischen Alltag möchte die Mutter nichts wissen und verlangt, dass das Kind die Unterschriften oder Materialen selbst erledigt oder besorgt. Es ist alles aus Irmas Perspektive erzählt, die mit Kinderaugen auf die Welt der Erwachsenen blickt und dadurch nicht immer alles genau versteht. Irma meint, die Mutter wird wohl ihre Gründe haben, so zu sein, wie sie ist und sucht oft die Fehler oder die Schuld bei sich. Doch überlebt sie diese furchtbare Zeit auf dem Hof, auf dem allen alles gehört, alles geteilt wird und sich keiner wirklich um Wichtiges zu kümmern vermag. Auch Weihnachten wird jedes Jahr versetzt gefeiert, da die Geschenke oder der Baum durch den Abbau der Weihnachtsmärkte organisiert werden. Irma muss schon früh immer mitarbeiten, den Abort leeren oder bei der Feldarbeit oder im Hofladen mitwirken. Als die verbale Gewalt der Mutter sich zuspitzt und Irma als Teenager das Gefühl erhält, die Mutter wolle sie aus ihrem Leben verbannen, flieht sie in die Stadt und findet sich vor dem Theater wieder. Hier findet sie Unterschlupf und darf in Absprache mit den Ämtern und der sorgenden Tante, die aber selbst gerade in einer Lebenskrise steckt und in ihrer Buchhandlung übernachtet, dort im Umfeld der Theatermenschen bleiben. Da sind Helena, die Irma bei sich aufnimmt und Blanda, die Star-Schauspielerin des Ensembles, die Irma umsorgen. Neben der Schule taucht sie ein in die Theaterwelt und schlüpft schon in kleinere Rollen und nimmt an Kursen teil. Doch merkt sie, dass sie immer spielt und gar nicht sich selbst dabei findet. Bei einer Rolle, die sie spielen darf, bekommt sie viel positiven Zuspruch, dabei hat sie diese Figur so gespielt, wie ihre Mutter ist. Sie lernt einen Agenten und den Regisseur Taron Capla kennen. Durch beide erhält sie eine Chance und nähert sich dem Regisseur auch näher an. Dabei wird sie durch ihre Vergangenheit eingeholt, denn sie erlebt die großen Dramen vor und hinter der Bühne, als Schauspielerin, Tochter, Geliebte und als Mutter. Sie muss lernen, ihre Persönlichkeit nicht nur zu spielen und sich aus den unglücklichen Abhängigkeiten des Lebens zu befreien.

Es geht um unschöne Erlebnisse, um die Liebe und um die Selbstliebe. Durch Demütigungen innerhalb der Mutterschaft und den folgenden Beziehungen wächst die Hauptfigur von einem zerbrechlichen Mädchen zu einer Frau und Mutter. Es sind keine Erfahrungen aus einer heilen Welt, die uns eine Protagonisten präsentieren, die wir nicht missen möchten und deren Geschichte uns sehr zu Herzen geht. 

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Torsten Harmsen: „Broiler, Wimpel, Westpaket“

Unsere Erinnerungen sind durch äußere Einflüsse geprägt oder werden durch diese geweckt. Meist sind es Dinge oder ein bestimmter Geruch oder Geschmack. Diese Erinnerungen sind mit unserem Umfeld wandelbar und oft mit der Kindheit und Jugend in Verbindung zu bringen. Denn wir wachsen mit diesen Dingen, doch mit der Fülle verringern sich die Wahrnehmungen zum Einzelnen. Die Dinge verändern sich und unser Bezug zu diesen ebenfalls. Doch das damalige Gefühl bleibt meistens. Torsten Harmsen geht nun einigen dieser Dinge nach und nimmt uns mit.  Der Autor wurde 1961 im Osten Deutschlands geboren und vollzieht somit eine individuelle Wiedervereinigung. Es gibt hier fast keine Trennung. Denn wir vermissen, erinnern oft dasselbe. Sei es der Kassettenrekorder, die Schreibmaschine, das Radio und das familiäre Essen bei und mit den Eltern. Auch die damaligen Eissorten vom Kiosk vermissen wir sehr. Welche Dinge haben uns beeinflusst, die es heute oft nur noch belächelt gibt?

Ein Buch, das uns mitnimmt in eine Reise in die Vergangenheit des Autors, dann aber unsere eigene Stimme, Stimmung und Gedanken einbezieht. Wir schwelgen, lachen und bedauern. Alles gleichzeitig und haben dabei viel Freude. Ohne dabei sentimental oder verklärt zu werden. Eine Reise, die eine Wertigkeit entfacht, die wir ab und zu verloren zu haben scheinen. Doch zeigt sich auch, dass wir Altes erneut und wieder zu schätzen wissen, wie zum Beispiel die Schallplatte. Auch das Buch, das niemals aussterben wird, solange wir uns der Bedeutung bewusst sind und bleiben!

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Nadine Schneider: „Das gute Leben“

Viele Bücher darf ich bereits vorab lesen, da die Verlage mich für deren Werbung und Verlagsvorschauen um einen Kurztext gebeten haben.  Zum Beispiel für den Roman „Das gute Leben“ von Nadine Schneider. Die Autorin lebt in Nürnberg und stammt aus einer rumäniendeutschen Familie. Sie studierte Musikwissenschaft und Germanistik. Ihr erster Roman „Drei Kilometer“ wurde mehrfach ausgezeichnet. 2021 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis und ihr Roman „Wohin ich immer gehe“ erschien.

In „Das gute Leben“  geht es um Orte, die man bemüht war zu verlassen und um die Rückkehr. Es ist eine große Mütter-Töchter-Geschichte über vier Generationen, ein Buch von Abschied, Neuanfang und der Arbeit des Lebens. Der Roman entfaltet das Leben der Erzählerin, ihrer Mutter, Großmutter und Urgroßmutter zwischen kommunistischem Rumänien und dem Wirtschaftswunder-Deutschland.

Dies ist mein Text, den der Verlag von mir verwendete:

„Dieser Roman ist einfach wunderbar. Es ist komponierte und komprimierte Literatur, die an die Werke von Zsuzsa Bánk und Iris Wolff erinnert. Sehr atmosphärisch baut sich eine Welt auf, die voller Geschichte und Sprachklang ist. Poetisch wird hier eine Tiefe  eröffnet, die das Leben in allen Facetten beleuchtet. Das Leben, das wir uns wünschen und jenes, das wir durch das Umfeld geprägt zu leben lernen. Durch die Lektüre wird die Definition eines schönen Lebens sehr individuell beleuchtet. Die Landschaftsbeschreibungen passen sich den Charakterisierungen an und spiegeln die Ereignisse, die das Leben prägen. Kurz und gut, ein Leseschatz!“

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Sasurai no Kanabun: „An jenem Tag in Hiroshima“

Dieses Buch basiert auf Erfahrungsberichten. Ursprünglich hatte die Autorin angefangen Mangas zu schreiben, weil ihre Großmutter sie bat, alles, was diese erlebt hatte, in Bildern zu erzählen. Je weiter die Autorin sich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr sah sie die Lücken, die es in den historischen Aufzeichnungen über den Atombombenabwurf gibt. Mit ihrer Manga-Kunst möchte sie diese schließen. Es geht um das Weiterleben und die Vision von Frieden, die mit dem Wunsch einhergeht, dass so etwas nie wieder passiert.

Sasurai no Kanabun lebt als Radiologietechnikerin in Hiroshima. Sie schreibt und zeichnet Mangas, die sich mit den Überlebenden des Atombombenangriffs beschäftigen. Ihr erstes Buch handelte von den Erfahrungen ihrer Großmutter und „An jenem Tag in Hiroshima“ beinhaltet ihren zweiten und dritten Manga. Es sind die Erzählungen „Ein Mädchen in Hiroshima“ und „Ein Arzt und die Folgen der Bombe“. Die Bilder sind teilweise fast schon einfach gehalten und die menschlichen Konturen vermischen sich, lösen sich ab und zu auf und können auch gesichtslos sein. Dies ist alles ein Kunstgriff, der unsere Gedanken anregt und die Emotionen verstärkt. Denn es ist kein einfaches Werk. Es macht betroffen, wütend und unglaublich traurig. Die Übersetzung aus dem Japanischen stammt von Anna Sanner. Anna Sanner ist schon mehrfach im Leseschatz durch ihre eigenen Werke positiv aufgefallen. Ihr Verständnis für Sprache, Kultur und Geschichte machen das Buch für deutschsprachige Leser sehr zugänglich. Ihre Übersetzung hat sie durch Marginalien ergänzt, die weiteres unter den Bildern erklären.

Inhaltlich sind es ein Mädchen und ein Arzt, die ihre Geschichten erzählen. Im Mittelpunkt steht jener Tag, der 6. August 1945 um 8:15 Uhr. Doch der Bombenabwurf wird nicht bildreich ausgeschöpft, sondern es geht um den Aufbau der Charaktere im Vorfeld und deren Schicksal und Erlebnisse danach. Beide Geschichten stehen dabei für sich und es ist der Arzt, der als Student zum Militär gerufen wird und durch seine medizinische Ausbildung Militärarzt wird. Als die Bombe explodierte, sieht er seine Aufgabe unter jener Feuersäule. Was er hier erlebt, wie er hier noch helfen kann oder leider nicht mehr, gruselt und bewegt sehr. Es ist hart, seinen Erlebnissen und Beobachtungen zu folgen. Die Geschichte und die gezeichneten Bilder entstammen tatsächlichen Vorlagen und Berichten und erzeugen dadurch eine enorme Gefühlsregung. Es geht um die Opfer, die Überlebenden, die nach dem Einschlag wie Geister durch die Ruinen wandelten. Die wenigen, die überlebten, waren später auch einer enormen Diskriminierung, die aus Angst erwachsen ist, ausgesetzt. So auch die Schülerin, die in der ersten Geschichte mit ihrer Freundin vom Lande nach Hiroshima in die Mädchenschule kommt. Hier muss sie mit Hunger und den neuen Lebensbedingungen zurechtkommen. Auch wurden diese Mädchen als Schaffnerinnen und sogar als Zugführerin der Straßenbahn ausgebildet, da die Bevölkerung durch den Krieg und den Militärdienst immer weiter dezimiert wurde. Es gibt auch eine kleine, traurige Liebesgeschichte. Das Mädchen erlebt hautnah den Bombeneinschlag und wird schwer verwundet. Danach ist für sie alles anders. Nach der Genesung auf dem Land kehrt sie in die Stadt zurück und kann wieder zur Schule gehen, Bahnfahren und später in einem Restaurant arbeiten. Aber es dauert länger, bis sie sich einlebt und akzeptiert wird. Ihr Wunsch steht für die Aussage des Buches, sie wünscht sich eine Welt, in der es nie wieder Kriege gibt. Nie wieder!

Diese Lektüre ist mehr als lesenswert. Sie macht betroffen, schult die Empathie und füllt diverse Wissenslücken. Das Buch ist als Schullektüre sehr geeignet und für jeden, der Comic-Kunst schätzt sowie sich für die damaligen Ereignisse interessiert, eine Bereicherung. Das Buch geht viel weiter, als ein herkömmliches Manga, denn nach dem Schmerz gibt es die Hoffnung, dass wir alle endlich mehr verstehen lernen. 

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Sophie Sumburane: „Keine besonderen Auffälligkeiten“

Sophie Sumburane hat einen Krimi geschrieben, der auf einen wahren Fall zurückgreift und durch den Schreibstil und die Charakterentwicklungen zu den belletristischen Kriminalromanen zählt. Dieser Roman handelt vorrangig von den Menschen und Opfern, die in diesem Fall übersehen und vergessen wurden. Sie schenkt diesen Menschen Beachtung, um Ihnen das Menschliche zurückzugeben, das ihnen genommen wurde. Letztendlich beschreibt das Buch einen langen Weg in die Freiheit. Sophie Sumburane stieß bei ihren Recherchen auf große Wunden, die diese Ereignisse verursacht haben und hat diese nun zu einem Roman verarbeitet. Dabei streift sie viele Begebenheiten, Entwicklungen und Themen und baut diese subtil oder ganz ersichtlich, je nach passender Möglichkeit, mit ein. Die Handlung erzählt einen spektakulären Fall in den letzten Stunden der DDR, der von den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen umspielt wurde. Der Roman „Keine besonderen Auffälligkeiten“ erscheint zeitgleich mit der ARD-Dokuserie „Crime Time“, in der die Autorin mitwirkt.

Dieser True-Crime ist mehr ein Roman, denn die Hauptfiguren, Hedi und Gabi, sind fiktiv und Sumburane benennt vieles, verändert aber auch Namen um den tatsächlichen Vorbildern ihre Freiheit zu lassen. Der Täter bleibt namenlos, denn es geht um seine Opfer, die somit in den Fokus geraten und die menschliche Würde zurückerhalten. Der Roman fängt die damalige Stimmung gekonnt auf und lässt die durch den Fall und die Wendezeit verunsicherte Gesellschaft sehr lebendig werden. Aus unterschiedlichen Perspektiven baut sich die ganze Handlung zusammen und benutzt auch damalige Quellen als Fundament der Geschichte.

In dem brandenburgischen Dorf Deetz geht Hedi schwimmen. Sie wundert sich noch über die dort abgelegten und wohl vergessenen Kleidungsstücke. Während sie im Wasser ist, sieht sie einen Mann, der sie beobachtet. Diesen Mann sieht sie erneut, als sie mit ihrer Freundin Gabi ebenfalls dort freizügig badet. Den Mann, den sie dort kurz sehen konnten, passt zu der späteren Täterbeschreibung, denn ein Mord passiert in einer nahegelegenen Kleingartenanlage. Das Opfer wurde misshandelt und ermordet aufgefunden. Die Gemeinde möchte nicht wahrhaben, dass einer von Ihnen so eine abscheuliche Tat begangen haben könnte. Eventuell war es ja ein Mensch aus dem Westen, wo doch alles Böse herkommt. Doch der Staatsschutz und die Polizei ermitteln vorerst gegen den Ehemann der Verstorbenen. Doch wird dieser wieder freigelassen, überlebt aber nicht seinen Verlust. Der Sexualmord wird dann überschattet durch die zeitgeschichtlichen Ereignisse. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung verändern alles. Die Polizei ist überfordert, weil sie immer weiter durch die Abwanderung dezimiert wurde und die damaligen Stasimitarbeiter sind aufgeflogen und oder untergetaucht. Die Lebensbedingungen haben sich für die Menschen in Deetz verändert und Frust und Arbeitslosigkeit breiten sich aus. Auch Hedi folgt ihrem Verlobten nach Berlin. Doch ist für sie der Wechsel in die vermeintliche Freiheit und in die Großstadt eher ein Gefängnis, denn aus Angst, dass sie den Täter gesehen haben könnte und aus beständiger Eifersucht und Besitzdenken, isoliert Hedis Verlobter sie in der Wohnung. Gabi lässt dies alles keine Ruhe, denn ein weiterer Mord ist geschehen, doch erhält dieser noch weniger Beachtung, denn die Tote wurde auf einer Müllhalde gefunden. Gabi beginnt ein Volontariat bei der Bild-Zeitung, die nun überall erhältlich ist, um mehr über den Fall ermitteln und über diesen schreiben zu können. Doch zeigt die Redaktion mehr Interesse an schnellen Schlagzeilen. Erst als es zu weiteren Fällen kommt, wird deutlich, dass es sich um einen Serientäter handelt, der als „Rosa Riese“ Schlagzeilen erhält.

Sumburane lässt in diesem Roman eine großartige Milieustudie einfließen, die die damaligen Ereignisse verwendet, um auch auf unser Jetzt zu zeigen. Die Wende- und die Nachwendezeit wird spürbar nachempfunden. Die neuen Begebenheiten, die Träume und die Möglichkeiten verwandelten sich auf einen Schlag. Lebensläufe wurden verändert, Ausbildungen brachen ab oder waren nicht mehr möglich. Die an das System der DDR gewöhnten Menschen waren plötzlich in einem neuen Umfeld und mussten den Weg zu ihrer Freiheit finden. Dies ist der Weg von Hedi und Gabi, die in den Strudel der Zeit, der Umbrüche und den damaligen Fall um das bestialische Phantom mitgerissen werden.

Ein packender Kriminalroman, der das Genre durch den Wahrheitskern, die gelebten Stimmen und die Charaktertiefe enorm ausdehnt.

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Alexander Schnickmann: „Gestirne – Weltraumgedichte“

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2026. Dies sind die Abenteuer von Schnickmann.  Dies sind kosmisch schöne, humorvolle Gedichte. Der Wunsch nach Ferne, Weite und nach Auflösung wird hierbei das Gepäckstück für einen Weltraumflug. Die unbegreifliche Unendlichkeit zeigt uns in ihrer Dunkelheit und Kälte unsere erdwarme Endlichkeit.

Die unendliche Weite und das tödliche Umfeld treffen in lebensbedingender Atmosphäre auf den Zufall des Lebens. Alles bedingt einander, umkreist und zieht sich an. Die Flugbahn und die Aggregatzustände stehen dabei stets in Verbindung zu den anderen Himmelskörpern oder dem Nichts. Die kosmische Sicht ist ein Blick in uns. Im All gefriert alles, nur aus unseren Mündern steigt unerlässlich Rauch auf. Das Individuum verliert sich im Weltraum und kann dennoch an Bedeutung gewinnen. Das Licht reist durch Dunkelheit und wird erst in der Reflexion sichtbar. Dieser Lichtstrahl wird vom erzählenden Ich aufgefangen und bringt Helligkeit in seine Betrachtungen. Er hält die Welt an, um auszusteigen, er steigt empor, um zurückzuschauen. Die Welt rückt dabei in eine Ferne und wirkt unerreichbar wie die Liebe. Die lyrische Stimme weiß von den Planeten mehr zu sagen als vom Gegenüber. Ihr Wunsch nach Verständnis wird eine Space Odyssee oder – Oddity? Manchmal meint man auch, David Bowie, Patti Smith oder Björk singen hier leise mit. Im galaktischen Flug wird eine internationale Sprache gesprochen und das Englische spielt in den Gedichten mit. Diese Lyrik funktioniert auch durch die Setzung, denn die Form gibt ebenfalls Ideen und Stimmungen weiter. Die Texte schauen nur vermeintlich weit, denn das Raumschiff „USS Schnickmann“ ist ein geschrumpftes U-Boot, das im lyrischen Ich abtaucht. Es ist ein verlorener und trauriger Blick voller Sehnsucht nach gefestigter Umlaufbahn, Liebe und doch nach unabhängiger Freiheit. Somit ist das All nur eine Ausflucht und der Flug sucht sein Ziel und Nähe. Wir sind alle Sternenstaub und der Blick durch das lyrische Teleskop schaut lediglich in eigene Zustände.

Diese sprachlich schöne Himmelskarte ist, wie könnte es bei einem Weltraumflug anders sein, eine Herausforderung. Doch gibt es in der fernen und nahen Welt viel zu entdecken, empfinden und schmunzeln. Diesen Flug durch und zu den Gestirnen macht man wohl, einmal angefangen, immer wieder.

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