
Nach „Der Fluch des Hasen“ geht es weiter mit „Dein Utopia“. Diese Literatur aus Korea ist schön und stets sehr befremdlich. Alles ist bizarr, unheimlich und humorvoll. Wer Vergleiche mag, könnte den Bezug zu Stephen King, Roald Dahl und Haruki oder Ryu Murakami ziehen. Erneut sind es Geschichten, die Zukünftiges verwenden, aber immer zurück auf uns zeigen. Die Perspektiven müssen nicht immer menschlich sein und doch steckt in allen der Wunsch, mehr Menschlichkeit zu finden. Das Positive in uns soll durch den Blick auf das Abgründige betont werden. Wir haben uns in unserer Entwicklung verloren, denn wir feiern den Fortschritt, der schneller wächst als wir mitkommen und wir trotz des wandelnden Umfelds immer noch der kleine Mensch sind. Denn was bedeutet es, Mensch in unserer technologisch durchdrungenen Gesellschaft zu sein?
Bora Chungs utopische Geschichten sind während der Pandemie entstanden und tragen dadurch einen düsteren Unterton, der aber immer auch einen schwarzen Humor hervorzaubert. Das Absurde stößt auf unseren Alltag, auf unsere Beziehungen, Bürokratie und auf unsere technologischen Errungenschaften. Dabei bleiben wir höflich, auch wenn wir unser Lunchpaket öffnen und genussvoll an Mitmenschen knabbern. Dabei ist diese Geschichte keine typische Zombie-Episode, sondern verfremdet uns durch eine Pandemie zu höflichen Kannibalen. Wir tauchen in eine Behörde ein, die sich selber durch Bürokratie und Hierarchiespielereien lähmt und nichts anderes erforscht, als die Unsterblichkeit und die Mitarbeiter genau jenes Geheimnis bewahren. Immer ist der Blick auf das Absondere, das Utopische gerichtet und die Frage stellt sich dann nur, wie utopisch wir uns fühlen, auf einer Skala von Eins bis Zehn. Zumindest wird diese Skala auch erklärt und der Messwert variiert tagesabhängig. Unsere Technik, die irgendwann sich selbst überlassen wird und doch eine Daseinsberechtigung mit Fürsorgepflicht im Speicher empfindet. Aber auch das Alltägliche wird in diesen Erzählungen beleuchtet. Zum Beispiel die Ehe. Die Ehefrau fällt durch ihre Mitteilungsbedürftigkeit per Telefon auf. Sie telefoniert ständig, auch am Hochzeitstag. Der Ehemann fragt sich, mit wem sie spricht und was für eine Sprache es ist. Wie soll er damit umgehen, als sie behauptet nicht von der Erde zu sein? Das Menschliche wird erodiert, gescannt und sondiert. Der Mensch steht in diesen Texten gleichberechtigt mit Dingen wie Bäume oder unsere Gerätschaften, wie zum Beispiel ein Fahrstuhl oder ein Auto, die auch zu Wort kommen. Haben die Maschinen sich besser und weiter entwickelt als wir, sind sie, dass wäre ja zu verrückt, glücklicher als wir? Wir sind unheilbar und leben dennoch unbeschwert, lachen, essen und lieben, bis uns unsere Errungenschaften oder fremde Einflüsse einholen und die Realität aufplatzt. In den Geschichten werden Perspektiven aufgezeigt, die sich entwickeln und unser düsteres Menschenbild ins Absurde führen und uns nicht selten auch über diese Situationen und letztendlich über uns lachen lassen. Das was in uns passiert und das was draußen in unserer Welt passiert, ist Horror, ein Witz, eine Utopie und ein verrücktes Zusammenspiel. Somit alles, was in diesen Geschichten überspitzt erzählt wird. Das Normale wird umgedreht und das Gesellschaftliche und das Alltägliche werden ins Groteske geführt und erschaffen durch diese Literatur einen ganz anderen Blick auf unser vermeintlich modernes Leben. Aus dem Koreanischen wurde das Buch von Ki-Hyang Lee übersetzt.
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