
Sophie Sumburane hat einen Krimi geschrieben, der auf einen wahren Fall zurückgreift und durch den Schreibstil und die Charakterentwicklungen zu den belletristischen Kriminalromanen zählt. Dieser Roman handelt vorrangig von den Menschen und Opfern, die in diesem Fall übersehen und vergessen wurden. Sie schenkt diesen Menschen Beachtung, um Ihnen das Menschliche zurückzugeben, das ihnen genommen wurde. Letztendlich beschreibt das Buch einen langen Weg in die Freiheit. Sophie Sumburane stieß bei ihren Recherchen auf große Wunden, die diese Ereignisse verursacht haben und hat diese nun zu einem Roman verarbeitet. Dabei streift sie viele Begebenheiten, Entwicklungen und Themen und baut diese subtil oder ganz ersichtlich, je nach passender Möglichkeit, mit ein. Die Handlung erzählt einen spektakulären Fall in den letzten Stunden der DDR, der von den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen umspielt wurde. Der Roman „Keine besonderen Auffälligkeiten“ erscheint zeitgleich mit der ARD-Dokuserie „Crime Time“, in der die Autorin mitwirkt.
Dieser True-Crime ist mehr ein Roman, denn die Hauptfiguren, Hedi und Gabi, sind fiktiv und Sumburane benennt vieles, verändert aber auch Namen um den tatsächlichen Vorbildern ihre Freiheit zu lassen. Der Täter bleibt namenlos, denn es geht um seine Opfer, die somit in den Fokus geraten und die menschliche Würde zurückerhalten. Der Roman fängt die damalige Stimmung gekonnt auf und lässt die durch den Fall und die Wendezeit verunsicherte Gesellschaft sehr lebendig werden. Aus unterschiedlichen Perspektiven baut sich die ganze Handlung zusammen und benutzt auch damalige Quellen als Fundament der Geschichte.
In dem brandenburgischen Dorf Deetz geht Hedi schwimmen. Sie wundert sich noch über die dort abgelegten und wohl vergessenen Kleidungsstücke. Während sie im Wasser ist, sieht sie einen Mann, der sie beobachtet. Diesen Mann sieht sie erneut, als sie mit ihrer Freundin Gabi ebenfalls dort freizügig badet. Den Mann, den sie dort kurz sehen konnten, passt zu der späteren Täterbeschreibung, denn ein Mord passiert in einer nahegelegenen Kleingartenanlage. Das Opfer wurde misshandelt und ermordet aufgefunden. Die Gemeinde möchte nicht wahrhaben, dass einer von Ihnen so eine abscheuliche Tat begangen haben könnte. Eventuell war es ja ein Mensch aus dem Westen, wo doch alles Böse herkommt. Doch der Staatsschutz und die Polizei ermitteln vorerst gegen den Ehemann der Verstorbenen. Doch wird dieser wieder freigelassen, überlebt aber nicht seinen Verlust. Der Sexualmord wird dann überschattet durch die zeitgeschichtlichen Ereignisse. Der Fall der Mauer und die Wiedervereinigung verändern alles. Die Polizei ist überfordert, weil sie immer weiter durch die Abwanderung dezimiert wurde und die damaligen Stasimitarbeiter sind aufgeflogen und oder untergetaucht. Die Lebensbedingungen haben sich für die Menschen in Deetz verändert und Frust und Arbeitslosigkeit breiten sich aus. Auch Hedi folgt ihrem Verlobten nach Berlin. Doch ist für sie der Wechsel in die vermeintliche Freiheit und in die Großstadt eher ein Gefängnis, denn aus Angst, dass sie den Täter gesehen haben könnte und aus beständiger Eifersucht und Besitzdenken, isoliert Hedis Verlobter sie in der Wohnung. Gabi lässt dies alles keine Ruhe, denn ein weiterer Mord ist geschehen, doch erhält dieser noch weniger Beachtung, denn die Tote wurde auf einer Müllhalde gefunden. Gabi beginnt ein Volontariat bei der Bild-Zeitung, die nun überall erhältlich ist, um mehr über den Fall ermitteln und über diesen schreiben zu können. Doch zeigt die Redaktion mehr Interesse an schnellen Schlagzeilen. Erst als es zu weiteren Fällen kommt, wird deutlich, dass es sich um einen Serientäter handelt, der als „Rosa Riese“ Schlagzeilen erhält.
Sumburane lässt in diesem Roman eine großartige Milieustudie einfließen, die die damaligen Ereignisse verwendet, um auch auf unser Jetzt zu zeigen. Die Wende- und die Nachwendezeit wird spürbar nachempfunden. Die neuen Begebenheiten, die Träume und die Möglichkeiten verwandelten sich auf einen Schlag. Lebensläufe wurden verändert, Ausbildungen brachen ab oder waren nicht mehr möglich. Die an das System der DDR gewöhnten Menschen waren plötzlich in einem neuen Umfeld und mussten den Weg zu ihrer Freiheit finden. Dies ist der Weg von Hedi und Gabi, die in den Strudel der Zeit, der Umbrüche und den damaligen Fall um das bestialische Phantom mitgerissen werden.
Ein packender Kriminalroman, der das Genre durch den Wahrheitskern, die gelebten Stimmen und die Charaktertiefe enorm ausdehnt.
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