Radek Knapp: „Der Mann, der Luft zum Frühstück aß“

Radek Knapp Der Mann der Luft zum Frühstück aß Deuticke Hanser Verlage

Radek Knapp erzählt von einem Menschen, der als Kind alles zurücklassen muss und sich im Laufe der Geschichte immer wieder neu definiert, um letztendlich in der Fremde doch sein Zuhause zu finden.

Radek Knapp schreibt in seinem unverwechselbaren Stil mit viel Humor und mit einem gesunden naiven Blick auf die Welt. Die Buchliebhaber, die sich, wie ich, auf Knapps Lesefutter freuen, kann man wohl getrost eher Fans als Leser nennen. Seine Wendungen, Ideen und Formulierungen verblüffen stets aufs Neue und bringen einen nicht selten zum Lachen, wobei es immer einen ernsten Unterton gibt, der nach der kurzen Verweilzeit im Buch den Leser noch zum Grübeln animiert. Der Stil von Radek Knapp lässt sich ziemlich bündig festhalten: schwungvoll kreativ.

Der Titel des Romans erklärt sich aus einer Geschichte, die den Protagonisten des Romans, Walerian, lange begleiten und sogar ein Vorbild sein wird. Ein Mann, der von zwei Gangstern gefangen gehalten wurde und trotz Nahrungsentzug nicht klein beigab. Er ernährte sich einfach von Luft, die ihn sogar so stark machte, dass er die Gefängnistür auftreten konnte und seinen Peinigern lachend entkommen konnte.

Walerian, der Held des Romans, ist der Sohn einer unzurechnungsfähigen Mutter, die ihm eigentlich den Namen Jan geben wollte, ihn dann aber nach ihrem Beruhigungsmittel nannte. Als Walerian noch Kleinkind ist, taucht sie mit ihm im Arm bei den Großeltern auf, mit der Bitte, über das Wochenende auf Walerian aufzupassen. Das Wochenende hat eine Dauer von elf Jahren. Als Walerian zwölf ist, zieht die Mutter mit ihm von Warschau nach Wien. Die Suche nach einer passenden Schule wird zur Qual der Wahl und die schulische Laufbahn ist von kurzer Dauer. Er beschließt, dass er lieber arbeiten möchte und seine Mutter setzt ihn dann auch einfach vor die Tür.

Er ist nun auf sich allein gestellt und genießt seine anfängliche Freiheit, die er in einer schimmeligen Wohnung in einem eher vermögenden Viertel der Stadt bezieht. Da er doch nicht nur Luft essen kann, schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durch. Seinen durch Indiana Jones geweckten Berufswunsch muss er nur unter bestimmten Gesichtspunkten aufgeben. Denn als er als Heizungsableser tätig ist, hat er das Gefühl gleich einem Archäologen in den Schichten des Wiener Lebens zu graben. Er lernt viel über Grenzen, Geschmack und Gewohnheiten der Menschen. Teresa, seine Romanze aus der Handelsakademie, tritt erneut in sein Leben und bringt mit sich den Einstieg in das eigentliche Zuhause. Sie ist es auch, die ihm durch einen Kontakt zu weiteren damaligen Schulkameraden, die mit klugen Handys den Markt erobern wollen, die Augen für seinen tatsächlichen Lebensweg öffnet. Wenn es ihm gelingt, seinen eigenen Weg zu finden, kann seine Heimat überall sein. Er kann sich von der Vergangenheit lösen und sich von seiner zeitraubenden Starrkrankheit befreien. Doch wird jede Heilung von der Wirklichkeit geprüft und der Mensch wird wieder vom Schicksal auf die Probe gestellt. Walerian stiftet erneut, diesmal bewusst, Verwirrung bei einem Selbstmörder und immer wieder ist es die Luft, die allen zu schaffen macht…

„Schnelligkeit ist gut für Atome, aber nicht für die Wesen, die aus ihnen bestehen.“

Radek Knapps Humor und Ideenreichtum sprudeln aus dem feinen kleinen Text, der es dennoch versteht, einen nachdenklich zu stimmen. Knapp erzählt mit einer Leichtigkeit und Hingabe zu seinen Figuren, die er immer wieder an Grenzen bringt und aus der Sicht eines staunenden Menschen beobachtet, der die Naivität als einen Anker in die Wirklichkeit auswirft.

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Vicente Alfonso: „Die Tränen von San Lorenzo“

Die Tränen von San Lorenzo Vincente Alfonso Unionsverlag

Das Buch beinhaltet das Spiel mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit und der kunstvollen Illusion. Ein Roman mit einem kriminalistischen Handlungsstrang, an dem Sigmund Freud wohl seine wahre Freude gehabt hätte. Die mythischen Wolfszwillinge, die Rom gegründet haben sollen und Freud mehrfach beschäftigten, sind die Namenspaten der Protagonisten des neuen Romans des hochgelobten mexikanischen Schriftstellers. Ein fast perfekter Mord kann wohl nur von Zwillingen durchgeführt werden…

Die Handlung spielt in Torréon, einer Großstadt in Mexiko. Während eines entscheidenden Fußballspiels wird in einer Bar ein Mord begangen. Alle sind durch die Übertragung des Spiels abgelenkt und können sich im Nachhinein nicht wirklich an die weiteren Gäste und an die Geschehnisse erinnern. Auch die Polizei hat durch ihre Präsenz beim Stadion viel zu tun und vernachlässigt dadurch die anfänglichen Ermittlungen. Dennoch ist die Mordermittlung schnell beendet. Die Identität des Mörders steht fest – oder doch nicht? Denn es ist einer der Ayala-Zwillinge. Aber welcher? War es Remo oder Rómulo? Es sind eineiige Zwillinge, die sich äußerlich sehr ähnlich sind.

Der Erzähler des Romans ist ein Psychiater, bei dem Remo Ayala in Therapie ist, d.h. war. Doch entwickelten sich die Sitzungen nicht wie erhofft und der Psychiater stellt seine Tätigkeit in Frage und sieht in seinem Nichteingreifen sein eigentliches Versagen. Hätte er viele Leben retten können? Stück für Stück setzt er nun jedes noch so kleine Puzzleteil zusammen und baut aus seinen Notizen, weiteren Berichten und Aussagen sowie Schriftstücken das ganze Bild zusammen.

Ferner macht sich ein Reporter auf die Suche nach dem Verbleib einer Wunderheilerin. Über diese heilige Niña wird viel erzählt und es ranken sich um diese Frau viele Geschichten und Geheimnisse. Ihr eigentlicher Name ist Magda und sie war früher die Assistentin des großen Padilla, einem Zauberer. Auf dessen Tour waren auch die Ayala-Zwillinge dabei. Beide machen mit Magda ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Ist sie die Leidtragende ihrer Begierde oder sind es die Zwillinge? Ist sie das erste Opfer eines oder beider Zwillinge?

Ein Zwilling zu sein bedeutet auch innere Zerrissenheit und fragliche Verbundenheit. Gleich siamesischen Zwillingen empfinden sich die Ayala-Brüder verwachsen. Als Rómulo verschwindet, begibt sich Remo in Behandlung und sein Therapeut will aus Schuldgefühlen den tatsächlichen Geschehnissen auf die Spur kommen. Warum ist Rómulo verschwunden? Erzählt Remo die Wahrheit? Ist den ganzen Erinnerungen noch zu trauen? Spielt das Gedächtnis den Protagonisten einen Streich oder plant jemand eine perfekte Illusion? War es tatsächlich Rómulo, der den Psychiater aufsuchte und vor den Lügen seines Bruders warnte?

„Die Wirklichkeit ist einzigartig, ihre Lesarten sind unbegrenzt.“

Der Roman liest sich wie ein Krimi und ist dennoch Gegenwartsliteratur, die uns ins heiße Mexiko führt. Der Kern der Handlung spielt mit Wahrheiten, Illusionen, Identitätsproblemen und der Geschichte und Politik des Landes. Auch die Aufmachung und Haptik des Buches überzeugt. Diese erinnert, passend zum Inhalt, an einen Todeskult. Ein Roman, der ein rasantes Puzzlespiel ist und sich aus der Psychoanalyse, der Mystik und der Geschichte bedient und gut und vielschichtig unterhält.

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Klaus Böldl: „Der Atem der Vögel“

Klaus Böldl Der Atem der Vögel Fischer

Ein Roman, der ohne viel Handlung auskommt. Das, was das Buch ausmacht, sind das Schauen, die Sicht auf die Natur und der Blick ins Innere, in eine einsame Seele. Die ruhige Klarheit und stille Weite des Nordens steht der beständigen inneren, unklaren Gedankenflut entgegen. Die Stille als Einkehr und das Verlieren in der Natur werden durch die leise entschleunigte Naturlyrik von Klaus Böldl in jedem Satz verdeutlicht. Was das Lesen ausmacht, ist die Stille, die sich im Leser einnistet und die Natur wird das Sinnbild des Seienden, in dem wir uns auflösen.

„Seltsam, dass Plätze genauso vernachlässigt und übersehen werden können wie Menschen!“

Der Protagonist, Philipp, ist jemand, der sich als ungesehen empfindet. Dabei sind seine Sinne, besonders sein Blick auf das Umfeld geschärft. Er nimmt alles auf und reflektiert es. Er wird niemals das Gefühl los, sich in seiner neuen Heimat nur vorübergehend aufzuhalten. Er ist ein Gast, der sich in ein Nest gesetzt hat und sich durch die Liebe zur Natur damit abgefunden hat, dass man ihn wohl für abkömmlich hält. Er und Johanna, bei der er lebt, entfremden sich immer mehr, ohne dass einer von beiden ein Wort darüber verliert.

Philipp lebte in Hamburg, als ihm das Nationalmuseum einen Werkvertrag für die Restaurierung eines Chorgestühls aus dem Mittelalter anbietet und er auf die überschaubare Inselwelt der Färöer Inseln zieht. Sein Eremitenleben bekommt durch Johanna eine Unterbrechung. Johanna arbeitet in einem Krankenhaus und hat aus einer vorherigen Beziehung eine Tochter, Rannvá. Zu der findet Philipp einen besonderen, stillen Zugang. Denn Rannvá ist ein genügsames Kind und kann sich allein sehr gut beschäftigen. Sie begleitet ihn auch oft bei seinen Spaziergängen in der Ortschaft und in der Natur. Seine Sinne sind ständig mit der Wahrnehmung beschäftigt. Er nimmt alles in sich auf, die Klänge, die Farben und die Gerüche der Umgebung. Er beobachtet die Menschen, die Natur und besonders die Tiere, wobei es immer wieder die Vögel sind, die seine Blicke auf sich ziehen. Er ist ein Einzelgänger, der mit seinen Erinnerungen, seinem Verdrängten und seinen beständigen Gedanken beschäftigt ist. Besonders als Johanna und Rannvá nach Dänemark zu der Familie reisen und er nun wirklich alleine ist.

Im Gegensatz zu seinen Mitmenschen, die die Welt als etwas Angepasstes ansehen, ist die Welt nicht auf Philipp zugeschnitten. Er ist es gewohnt, ein Einzelgänger zu sein. Philipp ist jemand, dem alles auffällt, der aber selbst nicht auffällig ist. Seine Spaziergänge treiben ihn an. Seine Wege sind ohne Ziel, als würden sie ins Nirgendwo verlaufen, wobei er unbewusst doch irgendwie auf der Suche ist. Das lautlose Inselleben wird in der Idylle gestört, als eine Frau ertrunken im Hafenbecken gefunden wird, die Philipp kurz zuvor am Flughafen gesehen hatte. Sein verdrängtes und nie von ihm bewusst in Augenschein genommenes Innenleben tritt zu Tage und konfrontiert ihn. Gedanken und Erinnerungen aus seinem früheren Leben, als er noch auf dem Festland lebte, erfüllen ihn erneut.

Das Buch spielt mit dem Innen und Außen. Der Charme des Romans liegt in der Sprache und der Beschreibung der Natur. Wer eine handlungsstarke Lektüre sucht, wird nicht fündig, das Buch lebt von der Stille und den Landschaftsbeschreibungen des Nordens.

Der Autor lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität hier bei uns in Kiel. Seine Liebe zum Norden und zu der Sprache macht er in jeder Zeile erlebbar.

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Siehe auch die Besprechung auf: letusreadsomebooks

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Annie Proulx: „Aus hartem Holz“

Annie Proulx Aus Hartem Holz Luchterhand

Tian Ren He Yi  天人合一. Das chinesische Sprichwort bezieht sich auf die Harmonie zwischen Mensch und Natur und ist das zentrale Thema des neuen und umfangreichen Werkes von Annie Proulx, der Autorin, die fast schon Kultstatus besitzt. Doch macht der Mensch mal wieder eine Disharmonie daraus.

Annie Proulx versteht es erneut, mit bodenständiger und poetischer Sprache fremde Menschen in unnahbaren Landschaften im Leser zu verankern und lebendig werden zu lassen. Ihre vielfach ausgezeichneten Romane und Erzählungen (u.a. „Schiffsmeldungen“ und „Brokeback Mountain“) wurden oft erfolgreich verfilmt. Zehn Jahre mussten ihre Leser nun auf neuen Lesestoff von ihr warten. Die Zeit hat sie bei der Fülle des komplexen Werkes für vielschichtige Recherche und wohl für das Schreiben genutzt. Vom Umfang erinnert es an ihr für mich bleibendes Werk: „Das grüne Akkordeon“. Hier erzählt Proulx die Geschichte Amerikas anhand einer 100 jährigen Odyssee eines Akkordeons, das in Sizilien geschaffen den Weg der Auswanderer nimmt und diese begleitet. Ähnlich beginnt „Aus hartem Holz“. Es sind diesmal französische Siedler, die in den Wäldern Kanadas, d.h. Neufrankreich, ihr Glück suchen. Es folgt ein monumentales Werk über den Kampf zwischen Mensch und Natur. Durch die unendlich wirkende Natur und die undurchdringliche Wildnis werden Siedler nach Neufrankreich gelockt. Die vermeintlich nachwachsenden Rohstoffe werden abgeholzt, beseitigt, gejagt und in eigenen Reichtum umgewandelt. Es werden per Gesetz diejenigen Landbesitzer, die die wilde Natur bändigen und das Feld bestellen. Die Ureinwohner, die in Harmonie mit ihrem Land und den Naturgeistern leben, bekommen von den neuen Landbesitzern keine Rechte zugesprochen. Auch einige Missionare versuchen die Lebensgewohnheiten der Indianer an die eigenen anzupassen. Die Natur dient und nutzt den Menschen und es sei klüger, die Bäume zu fällen, Holz zu verarbeiten und die Felder für den Anbau von Getreide zu nutzen. Aus der Sicht der ansiedelnden Franzosen sind die Ureinwohner faul, weil sie die Erde nicht bearbeiten wollen. Der Roman schildert diese Ausrottung der Ureinwohner, den Bürgerkrieg und die Ausnutzung und wahnhafte Abholzung der Urwälder. Das Umdenken, das Erwachen von Naturschutz beginnt erst in den letzten Jahren. Das Buch beginnt 1693 und spannt den Bogen bis 2013.

Der Roman beginnt mit zwei Franzosen, die in Neufrankreich ankommen und über die Fülle der natürlichen Gaben staunen. Erst viele Jahre später wird das Land Kanada, nach einem indianischen Begriff, umbenannt. René Sel und Charles Duquet sind Holzarbeiter und suchen ihr Glück auf dem neuen Kontinent. Sie verpflichten sich einem Lehnsherrn und hoffen auf das versprochene Land, das ihnen nach drei Jahren Arbeit zugesprochen werden soll. Ihre harte Arbeit besteht hauptsächlich aus Holzfällen. Der Lehnsherr zeigt sich als skrupellos und unehrenhaft. Charles hält es dort nicht länger aus und flieht und bricht somit seinen Vertrag. René bleibt und fordert Jahre später sein Recht auf Land ein. Sein Herr, der sich mit einer nachgereisten Frau aus Paris vermählt, begeht Ehebruch mit Mari, einer bei ihm arbeitenden Indianerin. Sie und ihre Söhne leben unter den Weißen und sie wird nun zu einer Ehe mit René genötigt, damit der juristische Frieden wieder hergestellt wird und allen Eheverpflichtungen nachgegangen werden kann. Die Rücksichtslosigkeit der Kolonisten wird am Beispiel von Charles und seiner späteren Familie am deutlichsten erzählt. Die Familie von René und Mari fußt in den indianischen Traditionen der Mi´kmaq, während Charles nach seinem Weggang ein eigenes Handelsunternehmen gründet. Er beginnt mit dem Holz- und Fellhandel und knüpft Kontakte zu Europa und China. Er gründet in Boston, wegen der guten Lage zu diversen Routen, sein Unternehmen Duke & Sons. Seinen Namen Duquet hat er bereits abgelegt. Seine Gier springt auch auf die folgende Generation seiner Familie über. Die Nachfahren von René Sel haben es entsprechend schwerer in einer von Weißen dominierten Welt. Über 320 Jahre umspannt Proulx nun die Geschichte beider Familien. Eine Geschichte über das Verschwinden der Wälder, das Entstehen der Siedlungen, Städte und des Handelsaufkommens. Das Leben der Figuren wird anschaulich, umfangreich und für den Leser hautnah geschildert. Es sind die Entbehrungen, die Gier, Intrigen und die Rache, die sie antreiben. Erst am Ende des Buches treffen wir auf die ersten Naturschützer, die versuchen die Fauna und Flora wieder aufzubauen.

Es sind viele Figuren, die im Leser aber niemals für Verwirrung sorgen und ein umfangreiches, historisches Panorama schaffen. Ein Roman als Aufruf gegen unsere Umweltsünden. Ein Leseabenteuer, das an „Der Totgeglaubte“ von Punke, „Das Wesen der Dinge und der Liebe“ von Gilbert, „Der erste Sohn“ von Meyer oder an „Die tausend Herbste des Jacob de Zoet“ von Mitchell erinnert. Proulx Anliegen ist nicht zu überlesen, steht es stets im Vordergrund des Textes, doch ist dies auch die kleine Schwäche, denn dies ist zu sehr gehäuft dargestellt. Aber es ist es ein großes Werk, das umfangreich recherchiert und mit der von der Autorin bekannten Genauigkeit geschrieben wurde. Als Leser versinkt man schnell in dem länderumfassenden Epos und geht mal wieder ein Stück erfahrener hervor. Die Weissagung der Cree ruft aus jeden Seiten heraus. Ein Roman über den Menschen und die Natur. Die Natur, die wir Menschen zu unseren Gunsten verwandelten und erst jetzt merken, dass wir es sind, die die Natur zum Überleben brauchen.

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Siehe auch die Besprechung von Zeichen & Zeiten

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Haruki Murakami: „Birthday Girl“

Haruki Murakami Birthday Girl Dumont

„Ein Mensch wird nie mehr als er ist.“

Ein neues Kunstwerk von Haruki Murakami und Kat Menschik. Auch wenn sich das Umfeld verändert, wir von unseren Wünschen und Hoffnungen an das Leben getrieben werden, bleiben wir doch immer der Mensch, der wir sind. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat und auf sein Leben zurückblickt und sich fragt, was man für Wünsche hatte, als man zum Beispiel zwanzig Jahre alt war und diese auf sich im Jetzt bezieht, haben diese noch eine Gültigkeit? Kann man überhaupt noch in sein junges Ich schlüpfen und diese Wünsche, sei es auch nur einer, richtig formulieren?

Die Erzählung von Haruki Murakami, die kunstvoll von Kat Menschik illustriert wurde, erzählt von einer Kellnerin, die ihren zwanzigsten Geburtstag feiert. Aber eigentlich ist es keine Feier, sondern ein Tag wie jeder andere. Eine Kollegin wollte für Sie einspringen, doch ist diese krank geworden. Sie arbeitet in einem italienischen Restaurant, dessen Geschäftsführer jeden Abend um punkt acht Uhr dem Inhaber sein Abendessen, bestehend aus einem Hühnergericht, nach oben auf sein Zimmer bringt. Genau an diesem Tag, am zwanzigsten Geburtstag der Kellnerin, bekommt der Geschäftsführer Magenprobleme und sie soll am Abend das Essen nach oben bringen.  Den Inhaber hat bisher keiner gesehen. Nur der Geschäftsführer verweilt täglich bei ihm während der Essensübergabe. So kommt heute die junge Kellnerin doch zu ihrem Geburtstagsgeschenk. Denn der ältere, edle Herr, der ihr aufmacht, empfängt sie freundlich. Dieser geheimnisvolle alte Mann (in der Illustration ist es Murakami selbst)  verspricht ihr, ihr einen Wunsch zu gewähren. Egal was sie sich wünscht. Er wird es möglich machen. Sie hat aber nur einen Wunsch frei und dieser ist, sobald er ausgesprochen wurde, nicht umzutauschen oder zurückzunehmen. Ihre Antwort überrascht ihn sehr, aber er erfüllt ihr diesen…

Murakamis Sprache ist bildreich, kraftvoll und schlicht.  Er versteht es, in dieser kurzen Erzählung einen bunten Strauß an Emotionen, Verbundenheit und Tiefe entstehen zu lassen, die den Leser rüttelt und innehalten lässt. Der eigentliche Erzähler, der selten auftaucht, stellt sich selbst die Frage, was jener Wunsch war und man geht mit ihm zurück in die eigene Vergangenheit und fragt sich nach dem persönlichen Wunsch, den man als zwanzigjähriger geäußert hätte. Der Geburtstag als Fest der Freude, der Wünsche und Geschenke. Wie viele Geburtstage sind es, die einen wirklich verändern? Mehr als einer? Sind es alle Geburtstage oder ist es eventuell keiner?

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Nona Fernández: „Die Straße zum 10. Juli“

Nona Fernández Die Strasse zum 10. Juli Septime Verlag

Alles beginnt mit einem wiedergefundenen Zeitungsartikel. Juan und Greta kennen sich, seitdem sie Schüler waren. Sie wuchsen während der Pinochet-Diktatur in Chile auf und waren davon als Jugendliche betroffen, da sich auch das Schulsystem im Umbruch befand. Beide gehörten einer Gruppe linker Jugendlicher an, die damals das Gymnasium besetzten und auf dem Dach der Schule rebellierten. Diese kleine Revolution wurde seitens der Polizei aufgehoben und sie wurden länger festgehalten und verhört. Nicht alle wurden daraufhin wieder den Eltern übergeben. Das Verschwinden ist das Hauptthema dieses spannenden, literarischen Romans von Nona Fernández, der im chilenisch-spanischen Original aus dem Jahr 2007 stammt und erst jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt.

Der Roman spielt mit wechselnden Perspektiven und Ansichten. Wir lernen am Anfang Juan kennen, der mit Maite verheiratet ist. Maite will keine Kinder, da sie fürchtet nach dem Mutterschutz durch eine Finte ihres Arbeitgebers entlassen zu werden. Eines Tages bricht Juan aus seiner arbeitsintensiven Welt aus. Er ist dem Stress nicht mehr gewachsen und tritt im wahrsten Sinne auf die Bremse und verlässt das Alltägliche. Maite verlässt ihn daraufhin und Juan versinkt in seiner depressiven Welt. Ihm bleibt lediglich sein Hund, Dalí, der ihn besser zu verstehen scheint als viele aus seinem Umfeld. Das Wohnviertel, in dem Juan lebt, wird geräumt, da dort ein Einkaufszentrum entstehen soll. Der Bauherr, Lobos, setzt Juan mehrfach unter Druck, ebenfalls sein Haus zu verkaufen. Doch in Juan wird jener Rebell der vergangenen Tage wach. Die Erinnerung an seine Vergangenheit wird durch einen alten Zeitungsartikel wachgerufen. Ferner tritt Carmen in sein Leben, die ihm Versicherungen verkaufen möchte. Sie weiß von Lobos Machenschaften und kennt auch den Termin der anrückenden Baumaschinen. Ebenfalls sind in ihrer Kundenkartei Maite und Greta.

Gretas Familie wurde ebenfalls auseinandergerissen. Durch einen tragischen Schulbusunfall kam ihre Tochter ums Leben. Sie und ihr Mann konnten den Verlust ihres Kindes nicht verkraften und trennten sich. Der Mann, der sich mit Alkohol betäubte, ist in der Gegenwart der Geschichte mit Maite zusammen und somit schließt sich einer der Kreise. Gleich Juan versinkt Greta in eine depressive Haltung und ist ständig auf der Suche nach Antworten. Sie verweigert sich dem sozialen Leben und beginnt, gegen das Vergessen anzugehen. Immer wieder geht sie zum Ersatzteilkönig in der „Straße zum 10. Juli“. Sie hat einen alten, defekten Schulbus erstanden, für den sie nun passende Ersatzteile sucht, um ihn wieder fahrtüchtig zu machen und fast originalgetreu nachzubauen. Durch Carmen, die Versicherungsagentin, hört sie nach Jahren wieder von ihrer Jugendliebe Juan. Nun hat ihre rastlose Suche ein neues Ziel, denn Juan ist plötzlich verschwunden. Zuletzt hat man ihn bei ihrer alten Schule gesehen, die nun ebenfalls abgerissen werden soll. Greta beginnt, ihn zu suchen und es zieht sie in sein Haus, das weiterhin als einziges Gebäude den Abrissplänen trotzt. Ihre Suche wird auch ein Erinnern an die damalige Zeit, als ihre Freunde Leo und Negro nie aus dem Polizeigewahrsam wiedergekehrt sind. Sie findet Juans Recherche über die Colonia Dignidad. Ist er deswegen verschwunden? Haben die wirtschaftlichen Interessen, vertreten durch Lobos, mit seinem Verschwinden zu tun? Maite, die von Gretas Exmann schwanger ist, taucht dann auch noch plötzlich auf. Hat sich Juan in seiner Depression selbst etwas angetan? Schafft es Greta, Juan zu finden oder können sie Kontakt zueinander herstellen?

Im Buch geht es um viel: die chilenische Geschichte, die Verbrechen der Vergangenheit und wirtschaftliche Korruptheit. Das Buch mahnt gegen das Vergessen und zeigt besonders seine Stärke in der Schilderung der verschwundenen und missbrauchten Kinder während der Diktatur. Alles im Buch ist miteinander verwoben und bezieht sich auf einander. Es gibt kein Einzelschicksal, das sich von der Handlung der Anderen oder von der Vergangenheit befreien konnte. Auch die Toten spielen bei Nona Fernández immer wieder eine Rolle…

Der Roman wird besonders lebendig durch die wechselnden Perspektiven und entfaltetet dadurch seinen ganzen Spannungsbogen, der bis zum Ende gehalten wird und man fiebert bis zum Ende mit, was tatsächlich mit Juan geschehen ist.

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Iris Wolff: „So tun, als ob es regnet“

Wolff So tun als ob es regnet otto müller verlag

Ein Roman, der in vier Erzählungen Momente im Leben der Protagonisten festhält, in denen die Autorin der Frage nachgeht, was den Einzelnen bezogen auf die Geschichte der familiären Vergangenheit prägt. Gibt es eine Freiheit, ein Losgelöstsein von der Geschichte? Haben wir einen freien Willen? Es treten Dinge und Verhaltensmuster in unser Leben, die zu unserem Charakter gehören, ohne dass wir eine Kenntnis davon haben, woher diese stammen.

Es sind keine unabhängigen Erzählungen, sondern über vier Generationen und vier Ländergrenzen erzählt Iris Wolff über außergewöhnliche Momente, die durch die gemeinsamen Figuren und deren Kinder zusammenfinden. Der Roman beginnt im Ersten Weltkrieg in Rumänien, endet auf den Kanarischen Inseln und umspannt dabei das zwanzigste Jahrhundert.

Jacob, ein österreichischer Soldat, ist mit seiner Truppe im Zug. Sie sind unterwegs zu einem neuen Einsatzort und sie mutmaßen, wohin ihr Transport geht und es wird Budapest gemunkelt. Doch der Zug fährt weiter und Jacob kommt in ein kleines Karpatendorf. Er steht dem Einsatz misstrauisch gegenüber und erkennt im Feind den Menschen, der doch dieselben Bücher liest. Dies lässt ihn auch zum Lebensretter werden, d.h. in einem bestimmen Moment tötet er nicht. Er wird bei einer Bauernfamilie einquartiert, die ihn mehr oder weniger gastfreundlich aufnehmen. Es entsteht eine Bindung zwischen der jüngsten Tochter, der Frau des Hofes und ihm. Bevor seine Truppe weiterzieht, kommt die Frau in der letzten Nacht in sein Bett und erwartet, nachdem er in den Wirren des Krieges untergeht, ein Kind von ihm. Dieses Kind, Henriette, gesellt sich als junge Frau gerne zu den Schlaflosen, die sich nachts im Garten von Elmér treffen. Henriette ist eine starke Frau, die ihren Weg gehen wird. Ihre Schwester hat nicht so viel Glück und wird nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland verschleppt. Henriettes Sohn, Vicco, taucht in der dritten Geschichte als Motorradfahrer auf, der seinen Tod vor Augen hat und befürchtet, die Übertragung der Mondlandung zu verpassen. Immer wenn Vicco über etwas nachdenken möchte, besteigt er sein Motorrad. Hedda, seine Tochter, bewundert ihre Großmutter Henriette, von der sie auch einen Ring erbt, den Henriette vor langer Zeit selbst geschenkt bekommen hatte. Hedda beobachtet auf den Kanaren ein Fischerboot, das mit einem Paar die Hafenmole verlässt und tags darauf vermisst wird.

Das Buch ist Länder und Zeiten umspannend und lehrt, dass nicht unbedingt die Hauptfiguren immer die wichtigen sind. All jene, die in Romanen wie nebenbei erwähnt werden, gehören ebenfalls nicht vergessen. Man taucht ein in eine literarische Welt, in der sich die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit aufheben. Die Geschichte und die jeweilige Politik bleiben im Buch die eigentlichen Nebenfiguren, denn es sind die Charaktere, die stets im Vordergrund stehen. Besonders Henriette bekommt durch die drei Geschichten, in denen sie auftaucht, eine bleibende Tiefe. Ein Roman, der durch Kleinigkeiten groß wird und im zarten, poetischen Ton die Individualität hervorhebt. Das Verständnis einer Gesellschaft aufgezeigt in persönlichen Ereignissen. Das Buch lässt uns Leser eintauchen, wegträumen und den tatsächlichen Augenblick vergessen. Dieses körperlich anwesend sein und doch mit seinen Gedanken ganz aus der Zeit und dem Raum zu gehen, nennt Henriettes Mutter „So tun als ob es regnet.“

Die ganze Aufmachung des Buches überzeugt. Gestaltung und Inhalt sind trefflich abgestimmt. Ein tiefgründiger, kurzweiliger Roman, der sprachlich schön geschrieben ist. Ein atmosphärisches, wunderschönes Buch, das sich immer mehr im Leser entfaltet.

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