Gudrun Büchler: „Koryphäen“

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Koryphäen sind Menschen, die an der Spitze stehen, ursprünglich Chorleiter. Meist versteht man eine Koryphäe als jemanden, der in einem Gebiet Besonderes geleistet hat, sozusagen ein Experte für etwas ist. So lernen wir auch zwei Hauptprotagonisten kennen, die jeder für sich eine Koryphäe ist. Der eine arbeitet auf einer erbauten Plattform im Atlantik, der andere sucht die Einsamkeit auf einer paradiesischen Insel. Beide sind der Wirklichkeit enthoben – denn die Handlung spielt in einer nicht definierten Zukunft. Die Höhe, d.h. die Sphäre, in der sich die beiden treffen, wird durch den ständigen Durst auf Tomatensaft deutlich. Niedriger Luftdruck verändert den Geschmacksinn und lässt den Verlust von Bodenhaftung oder sogar Menschlichkeit erahnen. Die Polaritäten zwischen der Erdnähe, dem Enthobenen, der natürlichen Insel und einer gebauten Plattform über dem Meer spiegeln den Kern der Handlung. Es ist die Spannung zwischen der Gesellschaft und deren Systemen und dem Individualismus.

Auf der Plattform im Atlantik werden Profile und genetische Informationen der Menschen gesammelt. Es sind bereits 80% der Menschheit digital codiert. Die Suche nach Algorithmen für die Optimierung der lebenswichtigen Ressourcen sollen gefunden und geschrieben werden. Große Verbände sind interessiert an jenen Daten. Bleibt der Mensch der Zukunft noch ein Zufallsprodukt? Curt ist Leiter dieser Serverfarm und ist für die Auswahl der Suchläufe und sogenannten Castings zuständig. Alles gebilligt von Regierungen, Interessensverbänden und der Kirche. Dabei verstößt die Arbeit auf der Plattform gegen die Menschenrechte und den Datenschutz. Ferner laufen Gedanken über eine Unterwanderung der eigentlichen und bestehenden digitalen Netzwerke. Denn wer benötigt ein Smartphone mehr, der Besitzer oder jene, die die Daten über den Nutzer durch das Gerät sammeln?

Den Sprung zu einer losgelösten Kunst der Kommunikation erlangt Hausman, ein ehemaliger Wissenschaftler, der nun als Aussteiger auf einer Insel im indischen Ozean lebt. Er verbindet sich mit dem grenzenlosen Bewusstsein und erlangt dadurch Zugang zu allen Gedanken, Orten und Menschen.  Mit seinem Bewusstseinsfaden verknüpft er sich mit dem telepathischen Netz der Menschheit. Lediglich sein Gummibaum, den er mit seinem Computer verbunden hat, meldet, wenn sich sein reales Umfeld verändert. In diesen körperlosen und globalen Streifzügen wandert er durch Raum und Zeit. Als ein Attentat auf den Papst ausgeführt wird und dieser im Koma liegt, gesellt sich dieser u.a. mit in die Sphärenwelt. Als Hausman das Bewusstsein von Curt berührt, werden Curts sensorische Fähigkeiten geweckt. Nun wissen und ahnen beide, dass das Wissen über grenzenloses Bewusstsein und freie Energien gefährlich ist und die Netze geraten außer Kontrolle…

„Menschen können zwar getötet werden, aber kein Gedanke, der einmal gedacht worden ist.“

Ein Roman, der mit der Vielschichtigkeit des Bewusstseins, der Realität und der Wirklichkeiten spielt. Der Mensch endet nicht bei seinen Konturen und verbindet sich digital sowie psychisch stets mit seinem Umfeld. Im Gegensatz zu ihrem Vorgängerroman: „Unter dem Apfelbaum“ verlässt Gudrun Büchler etwas die Bodenständigkeit, versteht es aber sehr zu unterhalten und anzuregen. Obwohl ein tatsächlicher Spannungsbogen fehlt, versteht es die Autorin, die Bilder und Handlungsstränge gekonnt aufzubauen und uns Leser zu fesseln. Ein Buch, das nicht allein durch die Aufmachung auf uns zurückblickt, wenn nicht sogar uns Leser anstarrt.

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Selja Ahava: „Dinge, die vom Himmel fallen“

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Der Roman schildert stets die Sprachlosigkeit gegenüber den Augenblicken, in denen aus heiterem Himmel etwas geschieht, dass den Lebensweg oder die Sichtweise auf das Leben komplett verändert. Es sind Dinge, die in unserem Leben passieren, die das Gefühl der Sicherheit und des Gewohnten auf den Kopf stellen.

Gleich dem Vorgängerroman „Der Tag, an dem ein Wal durch London schwamm“ geht Ahava der Frage nach, wie man das verrückte, einem sich entgleitende Leben in Sprache fassen kann. Meist werden ihre Protagonisten gegenüber dem Schicksal still, verharren in einer Starre oder werden verrückt. Die Perspektive des Romans ist hauptsächlich aus der Sicht von Saara geschrieben. Am Anfang des Buches ist sie acht Jahre alt und steht dem Leben noch offener und staunender gegenüber als der verkopfte Erwachsene. Als Kind hat man das Recht, an die Welt der Märchen zu glauben und diese im Alltag zu integrieren. So ist eine Metapher im Roman, die Märchen der Gebrüder Grimm, die Saaras Mutter immer falsch zu Ende erzählte. Die Märchen sind ebenfalls voll mit Gruseltaten und unfassbaren Dingen, die ein Kind in seiner Phantasie aber nur so weit zulassen kann, wie es der heranwachsende Geist zu begreifen vermag.

Saara lebt mit ihren Eltern in Finnland in einem gerade gekauften Haus, das stark renovierungsbedürftig ist. Sie nennen ihr Heim liebevoll das Sägemehlhaus, weil im ganzen Haus Häckerling und Sägemehl von den Decken und aus den Fugen rieselt. Im Sommer will die Familie ein aus Autoreifen bestehendes Hochbeet bauen und als die Mutter den Garten betritt, fällt mitten im Sommer ein ballgroßer Eisbrocken vom Himmel und erschlägt sie. Der grässliche Anblick bleibt Saara erspart, weil der Vater sie sofort beiseite nimmt. Doch ist er es, der sein Leben lang unter diesem Bild zu leiden hat. Er wird diesen Schicksalsschlag nie richtig verarbeiten können. Saara hingegen scheint Jahre später einen Weg zu finden. So ein Eiskristall kann durch eine defekte Wasserleitung eines Flugzeuges oder ähnliches entstehen und gefriert dann im Fall und wächst kontinuierlich an. Ist es Zufall oder Schicksal? Solche Dinge, die eigentlich nicht sein dürften, bleiben ein Bestandteil in Saaras Familie. Da Pekka, der Vater, es im Sägemehlhaus nicht mehr aushält, ziehen sie zu der Tante Annu, die durch einen Lottogewinn vermögend geworden ist und sich ein großes Gutshaus gekauft hat. Aber auch Annu widerfährt unglaubliches, denn sie gewinnt erneut den Hauptgewinn beim Lottospiel. Das eigentliche Glück entpuppt sich für sie als Schock. Denn die Macht des Schicksals zweifach herauszufordern und dann auch zu bezwingen, übersteigt die Vorstellungskraft und stellt bisherige Denkmuster in Frage. Annu verfällt in einen dreieinhalbwöchigen Dornröschenschlaf. Saara beobachtet alles in kindischer Naivität und erlebt fast alles wie ein märchenhaftes Abenteuer, in dem ihr imaginärer Freund Hercule Poirot ihr zur Seite steht. Durch die Krimis angeregt, erlebt sie klare Linien und menschliche Umrisse, die auch mal verwaschen können, gleich einer gezeichneten Bodenmarkierung eines Leichenfundes.

Saaras Vater sucht Antworten im Internet und durchforscht jede Statistik über Unglücke und die daraus resultierenden Folgen. Die Tanta Annu schreibt einen schottischen Fischer an, der auch mehrfach vom Schicksal auserwählt wurde. Hamish MacKay wurde viermal vom Blitz getroffen, überlebte jedes Mal und trotzt den Naturgewalten jeden Tag aufs Neue.

Jahre später, Saara ist ein Teenager, ziehen sie zurück ins Sägemehlhaus. Doch erneut schlägt das Leben ungeplante und ungewollte Wendungen ein. Wieder ist es das Schweigen über das Unaussprechliche. Aber auch der Wille des Lebens, sich stets seinen Weg zurückzuerobern. Gleich einem Apfelbaum, der wächst wo er eigentlich keinen Halt findet, oder nicht wachsen dürfte…

Ein wunderbares Buch über die Dinge, die uns jederzeit zustoßen können, die Ohnmacht gegenüber dem Schicksal und unsere Schutzlosigkeit. An jeder Ecke kann das Unerwartete unser Leben beenden oder verändern. Wie geht man mit diesen Momenten um und wie lernen wir, diese zu begreifen und dann auch wieder loszulassen? Kann die Zeit alle Wunden heilen? Diesen Fragen geht Ahava in ihrem Neuen Werk nach, das erneut von Stefan Moster übersetzt wurde, und schreibt voller Hingabe zu ihren Charakteren und baut eine Handlung auf, die einen vieles überdenken lässt.

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Odafe Atogun: „Tadunos Lied“ 

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Ein Roman, der sich fast wie ein Märchen liest. Doch ist es ein aktueller Text, der das Lied der Freiheit singt, die Macht der Musik verdeutlicht und nebenbei ein kleiner Liebesroman ist.

Ein Musiker, der gegen einen ungerechten Staat getextet und gesungen hat, musste ins Exil gehen. Bei seiner Rückkehr hat er nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Stimme verloren und wird aufgefordert, sich für die Liebe oder den Widerstand zu entscheiden.

Taduno ist in Nigeria ein bekannter Musiker. Er hat mit Liebesliedern angefangen, doch als das Militärregime immer korrupter wurde, begann er gegenanzusingen. Er hat seine Musik benutzt, um auf die Politik aufmerksam zu machen und der diktatorischen Regierung zu schaden. Da er sich dadurch in Gefahr gebracht hatte, ging er nach der Folter ins Exil. Seine Platten wurden in den Läden verboten und konfisziert. Alles, was mit Taduno in Verbindung zu bringen war, wurde verboten und vernichtet. Auch seine Existenz.

Hier beginnt die Handlung des Romans. Taduno ist seit drei Monaten im Exil und bekommt ein Schreiben von seiner großen Liebe Lela, die in der Heimatstadt geblieben war. Sie hofft, er möge seinen Frieden gefunden haben, warnt aber, sollte er jemals seinem Heimweh nachgeben, er sich auf unliebsame Veränderungen und Überraschungen einzustellen habe. Das Land und die Stadt haben sich auf unbeschreibliche Weise verändert. Dies beunruhigende Schreiben rumort in ihm und er fragt sich, was in seiner Heimat vorging. Sein Kopf und sein Herz sind bei Lela, ohne die er sich eigentlich keine Zukunft denken kann und mag. Trotz der drohenden Gefahr reist er zurück.

In seiner Heimatstadt muss er feststellen, dass ihn, den damaligen berühmten Sänger, keiner mehr erkennt. Seine ehemaligen Nachbarn und Freunde erinnern sich nicht an ihn. Der Name ist verflogen und er hat sein Gesicht im wahrsten Sinne verloren. Die Gemeinschaft nimmt ihn auf und lässt ihn in seinem Haus wohnen, sie sind aber vorerst ihm gegenüber sehr reserviert. Alles wirkt, als hätte er nie existiert. Der größte Schicksalsschlag trifft Taduno, als er erfährt, dass Lela vom Geheimdienst entführt worden ist. Die Regierung hat sie verschleppt, weil sie ihn, Tadeo, suchen. Doch kennt keiner mehr seinen Namen, seine Lieder oder sein Aussehen. Durch Lela wollen sie ihn finden. Wenn er ein Loblied auf die Regierung singen würde, würden sie sie freigelassen.

Doch sein Problem ist, dass er seine Stimme und seine Identität verloren hat. Wie kann er denn Lela befreien, wenn ihn keiner mehr erkennt und wie soll er ohne Stimme ein Loblied singen? Er beginnt seine Gefühle durch sein Gitarrenspiel auszudrücken. Seine Melodien erzählen mehr, als er es zurzeit mit einer Stimme könnte. Seine Suche nach sich selbst läuft über die Musik. Dabei gewinnt er alte Freunde zurück, auch den damaligen Inhaber des Tonstudios, der ebenfalls durch Tadunos Protestsongs in Gefahr geraten war und untertauchen musste.

Wird Taduno sich dem Regime beugen und ein Loblied singen können, um damit seine Liebe zu retten? Kann er gegen seine Überzeugung ansingen?

Ein schönes Buch, das zart geschrieben ist, aber umso mehr im Leser erklingt. Ein Roman über das eigene Gewissen und den Mut, zu seiner Überzeugung zu stehen. Der Text ist einfach, aber leicht poetisch zu lesen. Es ist ein politischer, anregender Liebesroman. Wir lernen einen Protagonisten kennen, der sich durch seine Musik erklärte und als man ihm diese wegnahm, aufhörte zu sein. Als ihm dann auch noch seine Liebe geraubt wird, muss er sich und seine Musik neu finden.

Ein ruhiger Roman, der gegen jede Tyrannei geschrieben wurde und uns durch den spannenden Plot zwingt, Tadunos Lied zuzuhören. Ein Roman über Unterdrückung, Terror, Freundschaft, Zivilcourage und das Einstehen für die eigene Überzeugung.

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Daniel Zahno: „Mama Mafia“

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Ein frischer Mafia-Roman, der spannend ist und an die Klassiker seines Genres erinnert. Auch der Pate steht Pate, denn es kullern u.a. in einer Szene Orangen davon. Ein Roman, der zügig zu lesen ist, klug und unterhaltsam geschrieben ist, als hätten sich beim Schreiben Dennis Lehane und die Coen-Brüder vereint.

Mama Mafia als Ziehmutter, die den unfreiwilligen Helden liebevoll aufpäppelt, füttert, saubermacht und ihn großzieht. Wie jede Mutter ist auch Mama Mafia unglaublich stolz auf ihren Zögling und hat auch einiges mit ihm vor.

Der Roman beginnt in einem Handygeschäft in New York, hat dort dann seinen Wendepunkt und der finale Treffpunkt wird ebenfalls jenes Geschäft sein. Harvy ist ein Rocksänger und jobbt nebenbei in einem Café und als Fahrradkurier. Seine Band ist bisher nicht sehr erfolgreich und daher fristet Harvy ein Leben als Überlebenskünstler. Er nimmt es mit dem Eigentum nicht ganz so genau, denn wenn er eine edle Kaffeemaschine sieht, kann er meist nicht wiederstehen, diese mitgehen zu lassen. Er ist mit einer Bekannten gerade in einem Apple-Store im Grand Central Station und schaut sich die neuesten Modelle an. Sein Handy funktioniert nicht mehr richtig und ein neues könnte er sehr gut gebrauchen. Er schafft es mit zufälliger Raffinesse das Gerät zu klauen und kann sogar dem durch den Alarm aufgeweckten Wachpersonal entkommen. Da er sich auch durch gelegentliche Diebstähle über Wasser hält, hat er Kontakte, die ihm helfen, das stibitzte Handy neu zu codieren. Dennoch bekommt er plötzlich eine Nachricht von einem Unbekannten. Er wurde beim Diebstahl gefilmt und wird nun erpresst. Schnell lokalisiert er, woher die Nachricht kam und verschafft sich mit einem fingierten Kurierauftrag Zutritt zu diesen Räumlichkeiten. Er kann den Laptop entwenden, von dem wohl die Nachricht versendet wurde. Doch der Besitzer des Rechners, Joe Garcia, ist ihm auf der Spur und macht als Überbringer eines Kurierauftrags einen Gegenbesuch bei Harvy. Es kommt zu einer Rangelei und durch ein Missgeschick hat nun Harvy auch noch eine Leiche zu entsorgen.

Es stellt sich später heraus, dass Joe Garcia ein Mafiamitglied war, der die Polizei infiltriert hatte und dass Jennifer, die Frau, die für ihn gearbeitet hat, die Geliebte des Mafiabosses Tony Tangeroli ist. Harvy und Jennifer kommen sich näher, als es eigentlich gesund für sie wäre. Jennifer und Tonys Mutter werden Liebhaber der Musik von den Racoons, Harvys Band. So wird die Mafia aufmerksam auf die Musik und Tony organisiert für die Racoons einen Vertrag bei Sony. Ab sofort steht Harvy unter der Beobachtung der Mafia und wird auch immer mehr zum engeren Freund und Berater von Tony. Dennoch geht er eine Liebesbeziehung zu Jennifer ein. Als er Tony bei einem Anschlag durch einen verfeindeten Clan das Leben rettet, wird er immer mehr ein Mitglied der Tangeroli-Familie. Ab jetzt beginnt es, für ihn und Jennifer immer gefährlicher zu werden. Auch in der Band rumort es, denn der große Erfolg birgt auch seine Schattenseiten und der Ruhm, der auf Mafiamethoden erbaut ist, schmeckt nicht allen Musikern. Für Harvy, als Ziehsohn von Mama Mafia, beginnt ein gefährliches Spiel zwischen den Clans, seinen Freunden und der neuen Mafia-Familie.

Eine rasante, flüssige Lektüre mit diversen Anspielungen auf Mafia-Romane und Filme. Eine packende Geschichte, die wandlungsreich ist und mit einigen Überraschungen aufwartet.

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Juliana Kálnay: „Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens“

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Ein Debutroman einer jungen Kieler Autorin, der bunt ist und uns Leser verwirrt, begeistert und uns zu voyeuristischen Beobachtern macht. Der kurzweilige Episodenroman wirkt wie ein expressionistisches Theaterstück, in dem Szene für Szene ein Bild zusammengesetzt wird. Ein Bild eines Hauses und deren Bewohnern. Doch ist es ein Bild, das, kaum gesehen, wieder verschwindet, gleich einem in Sand gemalten, farbefrohen Mandala. Ein Haus, in dem es rumort und unentdeckte Türen und Räume auftauchen und diese mit seinen Mietern verschwinden können…

Der Roman liest sich wie ein surrealer Besuch bei „Biedermann und die Brandstifter“. Ferner werden durch diesen experimentellen Roman Erinnerungen an Michael Endes Stück „Die Spielverderber – Oder Das Erbe Der Narren: Commedia Infernale“ wach.

Es ist ein phantastisches Buch voller irrer und skurriler Figuren und Geschichten. Ein Mehrfamilienhaus mitten in der Stadt, das bewohnt wird von Menschen, die sich mehr oder weniger gut kennen. Das Buch erzählt in kurzgehaltenen Kapiteln von den jeweiligen Bewohnern des Hauses Nummer 29. Wir begegnen chronisch schlaflosen Menschen, die uns verschroben im Treppenhaus begegnen und sich gerne einladen lassen. Wir lernen Ronda kennen, die ein Aquarium mit Goldfischen hat. Doch hält die Fische nichts in ihrem lebenswichtigen Nass. Ronda wacht auf und entdeckt, dass ihre Fische nicht im Aquarium bleiben wollten. Die toten Tiere werden in Blumenerde unter Katzenminze beerdigt, was wohl auch für den komischen Geruch im Haus sorgt. Es gibt auch eine Wohnung im vierten Stock mit Katzenklappe, die lediglich zum Balkon führt. Jetzt wohnt dort ein Bewohner, der kein Haustier hält, aber dies als Minifluchtweg ansieht. Im Haus leben auch einige Kinder, die anfänglich viel mit Maia spielen. Maia spielt gerne Verstecken und buddelt Löcher, gleich einem Maulwurf, bis sie später ganz verschwindet. Die zentrale Figur im Haus scheint Rita zu sein, die schon ewig im Haus Nummer 29 wohnt. Sie kennt alle und beobachtet das Leben um sie herum.

Gleich der „Vegetarierin“ von Han Kang lernen wir ein Ehepaar kennen, dessen Liebe aus einem natürlichen Umfeld in eine unnatürliche Transformation erwacht. Don der jetzt als Baum auf Linas Balkon steht, gepflegt und geliebt wird, ist ein Magnet für Besucheranstürme und seine Früchte der Grundstoff süßer Marmeladen. Ein Mitbewohner, der sich durch die offenstehende Tür Zugang verschaffen hat, lebt fortan im Fahrstuhl und richtet seine Kochnische im vierten Stock ein. Das Haus und seine Bewohner haben alle ein Eigenleben. Die Bewohner beleben das Haus und das Haus ist der Handlungsort des allmählichen Verschwindens, denn es gibt nicht nur Kinder, die sich durch die Mauern beißen und graben, sondern auch eine Wohnung, die die Mieter verschluckt. Rita ist die Person, die wohl alles versteht und ihr Wissen gerne teilen würde.

Der Werbespruch eines großen Möbelunternehmens wabert beim erstaunten Lesen im Kopf herum. Denn es gibt Menschen, die Wohnen einfach und es gibt Menschen die erfüllen ganz und gar ihren Wohnbereich. Alle Nachbarn sind, zumindest durch das Haus, miteinander verbunden. Doch spiegeln sie ebenfalls den Zeitgeist der inneren Vereinsamung. Gleich Schnecken, die ihr Haus mit sich herumtragen und durch ihr Leben kriechen. Laut dem Buch gibt es auch Nacktschnecken, dessen Haus sich auflöst und gänzlich verschwindet…

Anfänglich lässt sich der Roman schwer einordnen, durch die sehr kurzen Kapitel durchwandert man aber sehr schnell das ganze Haus und liest den Text gebannt und verfolgt staunend die ganzen Geschichten.

Ein phantastischer, surrealer und kurzweiliger Roman. Die Autorin hat ein sehr außergewöhnliches, gewöhnungsbedürftiges Werk geschaffen. Sprachbegabt versteht es Juliana Kálnay uns durch das Treppenhaus ihrer großen Phantasie zu jagen. Gleich Rita im Roman lernen wir Leser, durch Wände zu sehen und werden Zeuge jener komischen, berührenden Episoden.

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Hanya Yanagihara: „Ein wenig Leben“

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Ein monströses Buch, das man, sobald man die ersten Seiten gelesen hat, verschlingt, oder besser gesagt das uns Leser verschlingt. Denn gleich einem Mahlström wird man in die Handlung hineingezogen. Ein Roman, der sprachlich und literarisch toll zu lesen ist und nicht nur durch seinen Umfang viel vom Leser abverlangt. Man wird mit den Figuren sofort vertraut und leidet im wahrsten Sinne mit ihnen. Das Buch ist monströs, weil es voll ist mit Leid und die Melodramatik gerne überreizt, was dem Lesegenuss aber keinesfalls schadet. Es ist ein Wechselspiel zwischen dem gebildeten, kunstliebhabenden und dem einfachen, ländlichen Amerika. Ein Gegenwartsroman, der durch seine Rückblicke lebt. In der erzählerischen Gegenwart, die aber keinen realen Bezug bekommt, treffen wir auf wohlwollende, großzügige und hilfsbereite Menschen. Doch flechtet sich immer mehr die Vergangenheit der Charaktere in die Handlung mit ein und öffnet jenen angedeuteten Mahlström an Leid, Gewalt und Missbrauch. Im Vordergrund steht und glänzt aber immer die Freundschaft und die Liebe.

„Mein Leben, wird er denken, mein Leben. Aber weiter wird er nicht denken können, und er wird diese Worte im Geiste wiederholen – Mantra, Fluch und Ermutigung zugleich…“ (Seite 211)

Es ist eine lebenslange Männerfreundschaft, die ihren Anfang im College in New England nahm. Nach dem Studium sind alle nach New York gezogen, um dort ihre beruflichen Ziele zu verwirklichen. Hier beginnt die Handlung gleich einem typischen Roman über das Erwachsenwerden. Die Wohnungssuche, die Partys, die Verhältnisse und die alltäglichen Identitätskrisen. Es sind die vier Freunde: Willem Ragnarsson, der auf einer Farm in Wyoming aufwuchs und aus einfachen Verhältnissen stammt. Er hat früh seinen Bruder verloren, was für die psychologische Entwicklung des Romans wichtig ist. Er ist ein gutaussehender Mann, der am Anfang des Buches von einer Karriere als Schauspieler träumt, die sich im Verlauf der Handlung auch immer mehr bewahrheitet. Jean-Baptiste Marion, der stets nur JB genannt wird, ist der Sohn von Einwanderern aus Haiti und strebt ein Künstlerleben an. Er arbeitet in einem Atelier, das er sich mit anderen jungen Künstlern teilt und jobbt nebenbei an der Rezeption einer Kunstzeitung, mit der Hoffnung dort die Redaktion auf ihn aufmerksam machen zu können. Malcom Irvine stammt aus einem wohlhabenden Elternhaus. Im Gegensatz zu JB, der in einer heruntergekommenen Wohnung lebt und Willem, der sich mit Jude eine Wohnung sucht, lebt Malcom anfänglich noch bei seinen Eltern. Aber er lebt unter dem Rad seines Vaters, einem afroamerikanischen Juristen. Malcom baut in seinem Zimmer architektonische Modelle und wird von seiner Mutter emotional getragen. Die zentrale Figur im Roman ist Jude St. Francis, um den sich auch der ganze Freundeskreis zu drehen scheint. Jude ist ein gebildeter, junger und aufopfernder Mann, der Mathematik und Jura studiert. Ihm geht es um die Philosophie und um die Klarheit der beiden Fächer, die auf den ersten Blick wenig gemein haben. Doch ist er auch der Unbekannteste aus der Clique und langsam erfahren wir Leser auch immer mehr aus der Kindheit und Jugend der Protagonisten, besonders den Leidensweg von Jude.

Durch anfänglich kleine Bemerkungen und dann immer mehr werdende Andeutungen erfahren wir von den Schmerzen und inneren Dämonen, die in Jude wohnen und ihn niederschmettern. Keiner der Freunde weiß, woher er diese Schmerzen hat. Alle meinen, es sind die Beine, doch ist es die Wirbelsäule die ihn plagt. Hinzu kommt, dass er seinen inneren Hyänen durch angelernte Selbstzüchtigungen zu bändigen versucht. Eines Abends weckt Jude Willem mit einem Handtuch um den Arm gewickelt und bittet ihn um Verzeihung und um Hilfe. Jude ritzt sich und in dieser Nacht hat ihn der Schnitt mehr verletzt als er gewollt hatte. Ein befreundeter Arzt nimmt sich stets seiner an und kann erahnen, welche Pein in Jude schlummert. Langsam baut sich das ganze Drama auf und wir Leser erfahren seinen Leidensweg. Er war ein Findelkind, das man neben einem Kloster beim Müll gefunden hatte. Im Kloster lernt er die Entbehrungen kennen, aber er sehnt sich nach Persönlichkeit und Eigentum. Von den Mönchen wird er gemaßregelt und körperlich bestraft. Doch ist dies lediglich der Anfang seiner Geschichte, die es gilt als Leser selbst zu entdecken, denn der Sog der Geschichte liegt besonders in dem Erkunden und Abtauchen in die Welt der Dunkelheit.

Später ist es die Freundschaft zu Malcom, JB und besonders zu Willem, die ihm Halt gibt. Neben der dunklen Vergangenheit steht die Hoffnung auf eine Zukunft ohne die Ungeheuer der Vergangenheit. Hinzu kommen Harold und Julia, die Jude finanziell und emotional unterstützen und ihn auch als jungen Mann adoptieren.

Das Buch ist teilweise schwer zu ertragen und in Teilen überspitzt geschrieben. Aber es ist ein Roman, in den man versinkt und große Empathie im Leser weckt. Es sind Männer, die den Roman beherrschen, Frauen sind meist Nebenfiguren. Die überfüllte Melodramatik mit ihren Cliffhangern ist ein gut eingesetztes Handwerksmittel, um den Leser an den Text zu fesseln. Der ganze Roman entwickelt eine enorme Anziehungskraft und das Zentrum des Traumas aus Missbrauch und Gewalt lässt einen erstaunen und erschauern.  Ich meine es nicht negativ, aber das ganze Buch ist gleich einer großartigen Fernseh- (Spielfilm-) Serie, von deren Charakteren man beim Schauen so gebannt ist, dass man nicht aufhören kann hinzusehen.

Ein in Amerika viel diskutiertes Buch, das nun auf Deutsch erschienen ist und ebenfalls viele Leser berühren wird. Ein Buch, das mit viel Sprachgefühl und einer gut erzählten Geschichte geschrieben wurde. Ein Roman, der ein Gefühlschaos heraufbeschwört und trotz der im negativen und im positiven überspitzten Darstellungen sehr überzeugen kann. Ein Roman, der einen nicht mehr loslässt, über unaussprechlichen Schmerz, Grausamkeit und ernste, tiefe Freundschaft. Er baut durch die Erzählstruktur Empathie zu den Charakteren auf. Dies ist der Reiz des Werkes, denn man liest mit einem Grausen den Text über die schrecklichen und schönen Möglichkeiten des Lebens. Auch der Umschlag des Buches spiegelt dies wider: Ein Mann in einem intimem Moment. Ein Blick, der uns eigentlich wegschauen ließe, denn es könnte ein Orgasmus oder ein tief empfundener Schmerz sein, den der Mensch gerade durchleidet. Das Buch wird wohl eines der viel diskutiertesten Werke des Jahres werden…

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Siehe auch die Besprechung der Klappentexterin , auf: letteratura , Letusreadsomebooks (zur engl. Ausgabe) und masuko13

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David Garnett: „Mann im Zoo“

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Ist eine Artgerechte Tierhaltung im Zoo möglich und sind wir Menschen nicht auch Tiere?

Der Roman „Mann im Zoo“ wirft Fragen auf und ist nebenbei eine sehr gute, literarische Unterhaltung, die bereits 1924 in England erschienen ist. Die Geschichte von Diogenes im Londoner Zoo ist auch gespickt mit viel britischem Humor.

Wir lernen John Cromartie bei einem Besuch mit Josephine Lackett im Londoner Zoo kennen. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein Liebespaar, doch sie streiten sich beim Flanieren vor den Tieren. Sie hat seinen Antrag abgelehnt und verweigert sich der Verlobung. Der Streit wird immer beleidigender und sie nennt ihn ein Überbleibsel, einen Tarzan, der zu seinen Freunden ausgestellt gehört. Da sie ihn, den Tarzan in ihren Augen, nicht heiraten möchte, verabschiedet er sich und sie gehen getrennte Wege.

Die Vorwürfe haben ihn getroffen und er überlegt, ihren Ratschlag anzunehmen. Nicht, um es ihr zu beweisen oder sie zu verletzten, er findet, der Homo Sapiens gehört ebenfalls in dem Zoo ausgestellt, da sonst auch alle anderen Tiere im Tierpark zu sehen sind. John schreibt tatsächlich einen Brief an die Verwaltung des Zoos und bietet sich dem Park als Ausstellungsstück an. Sein Brief wäre wohl nicht so angenommen worden, wenn sich nicht ein unbeliebtes Mitglied des Vorstandes so sehr in Empörung über jenes Anliegen hineingesteigert hätte. Der unliebsame Vorstandsmensch droht mit seinem Rücktritt, würde man in Erwähnung ziehen, John Cromarties Bitte nachzukommen. Also ist die Einstellung als Mensch im Zoo zügig ausgesprochen. John bekommt einen Käfig mit eigenem Bad und Schlafraum. Er möge sich aber sonst stets vorne aufhalten und sich gerne wie jedes andere Tier benehmen. Fortan lebt John im Zoo zwischen seinen neuen Nachbarn, einem Schimpansen und einem Orang-Utan. Er wird die Zooattraktion, die bestaunt, belacht und gerne aufgesucht wird. Abends nutzt er seine Freigänge im Park und lernt, sich den tierischen Instinkten und Verhalten anzupassen. Der Pfleger des Affenhauses ist auch für seine Belange zuständig und so lebt er sich schnell ein und lebt Diogenes gleich in seinem Gehege. Da er aber mehr Besucher an seine Gitterstäbe lockt als seine Nachbarn, macht er sich auch nicht gerade unter den Tieren beliebt, da diese nun weniger Zuwendung und Aufmerksamkeit bekommen. Seine Ignoranz gegenüber seinen Zellengenossen verstärkt deren Haltung, die für ihn gefährlich werden könnte. Lediglich mit einem Karakal, einer afroasiatischen mittelgroßen Katze, die auch als Wüstenluchs bezeichnet wird, freundet er sich an.

Da er seinen Einzug in den Zoo nicht als Belehrung, Rache oder dergleichen angetreten ist, wächst nun in ihm eine Unruhe und Befürchtung darüber, was er tun soll, wenn Josephine ihn im Zoo aufsucht. Noch schafft er es, die Besucherströme auszublenden und nicht wahrzunehmen, aber was passiert, würde sie ihn so sehen? Denn natürlich hat sie auch der Presse entnehmen können, dass John tatsächlich im Zoo ausgestellt wird. Ist er verrückt geworden? Was ist mit seinem Leben? Was mit seiner Liebe?

Als sie dann doch vor ihm steht, verbietet er ihr sogar den Besuch. Doch da er nun ein Tier unter Tieren ist, kann ihn jeder, ob er möchte oder nicht, aufsuchen und ansehen.

Als der Zoo noch weitere Menschen aus allen Regionen ausstellen möchte, eskaliert es und Tier und Mensch kommen sich unliebsam näher. Ob John und Josephine sich doch erneut als Menschen begegnen und was aus der Idee wachsen kann, Menschen und Tiere auf eine Ebene als Ausstellungsstücke zu stellen, sei nun dem Leser überlassen, der sich auf sehr vergnügliche Lesestunden freuen kann. Ein Roman voller tierischer Menschen und menschlicher Tiere. Die meisten sind dickköpfig und verrennen sich. Fast alle Beweggründe geschehen aus Eifersucht, Liebe und Neid. Ein feiner, unterhaltsamer und gut geschriebener britischer Roman, der nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Siehe auch renies-lesetagebuch

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