Jurij Hudolin: „Der Stiefsohn“

Jurij Hudolin Der Stiefsohn Septime

Ein deftiger Roman, der von einer Familientragödie erzählt und dabei Gesellschaftliches und Politisches beleuchtet. Die Handlung spielt Ende der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Jugoslawien. Noch ist Jugoslawien ein friedlicher Staat, doch geben die Nationalisten in den Republiken immer mehr den Ton an. Die Staaten beginnen zu verfallen und es breitet sich Unzufriedenheit aus. In diese Zeit werden wir als Leser geworfen und mit viel intimer, deftiger und detailreicher Sprache und Handlung wird eine traumatische Geschichte erzählt.

Ein Roman, der eine moderne Antwort auf „Via Mala“ sein könnte, der dennoch ganz anders ist, aber doch stark an jenes Werk von Knittel erinnert. Der Autor, Jurij Hudolin, wurde 1973 in Ljubljana geboren und ist seit seinem Lyrikdebüt, das er mit achtzehn Jahren veröffentlichte, einer der bekanntesten slowenischen Lyriker und Schriftsteller. Sein Werk ist intelligent und neigt oft zu scharfen Äußerungen. „Der Stiefsohn“ wurde aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut übersetzt und trägt passenderweise den Untertitel „Das Leben auf des Teufels Land 1987- 1990“.

Der Erzähler hat das Bedürfnis, die Zeit als Abbild der eisernen Hand des Teufels schriftlich festzuhalten und möchte daher die Geschichte von Benjamin, dem Stiefsohn des im Titel genannten Teufels, erzählen. Als Benjamin zwölf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Auf einer Gewerkschaftsfeier lernt Ingrid, Benjamins Mutter, Loris Civitiko kennen. Loris ist ein sehr wohlhabender Gastwirt und Großgrundbesitzer an der istrischen Küste. Mag es Blauäugigkeit oder Verliebtheit sein, Ingrid meldet Benjamin von seiner Schule in Slowenien ab und reist zu ihrem Liebhaber. Dieser Neuanfang entpuppt sich als Horrorszenarium für Benjamin. Loris ist ein Teufel. Er ist gemein, brutal und meint, enorme Macht zu besitzen. Er verbreitet Argwohn, Misstrauen und Angst. Er beherrscht Land und Menschen. Loris Selbstwertgefühl ist gänzlich überschätzt und seine Macht missbraucht er, wo immer es sich ergibt. Alle und alles haben sich ihm unterzuordnen, besonders die Angestellten und Frauen. Benjamin wächst nun in Panule bei Pula mit seiner teilnahmslosen Mutter und seinem gewalttätigen Stiefvater auf. Loris betrügt Ingrid und vergewaltigt Frauen. Sex nicht als Ausdruck der Liebe, sondern als reiner Trieb und als Positionierung innerhalb der Gemeinschaft. Auch wirtschaftlich zieht Loris alle Register, um sich zu bereichern. Sein Land und die Gastronomie als Geldquelle, die er stets zu seinen Gunsten zum regen Sprudeln bringt. Benjamin erlebt das Leben dort gespalten. Das misshandelte Kind bekommt vor Loris Angst und empfindet Hass. Doch fasziniert ihn auch der Einfluss und das Auftreten seines Stiefvaters, der wie ein Pate Menschen unter sein Joch stellt.

Ein Roman, mit dem man selbst in Zwiesprache geht, der einen fordert und begeistert. Ein gesellschaftlicher und politischer Text, der die damalige Zeit und den Verfall des jugoslawischen Vielvölkerstaats einbindet und in den Vordergrund die existenziellen Fragen des Lebens stellt. Es ist einfallsreiches Werk, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Ein Buch, das nicht gerade sensibel ist, aber das ist, was es ist: lesenswerte und wichtige Weltliteratur.

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Line Madsen Simenstad: „Königin-Maud-Land ist geheim“

Line Madsen Simenstad Königin-Maud-Land ist geheim Mare

Diese fünf Kurzgeschichten zeigen in der Verknappung das Talent der Autorin. Es sind Storys, die voller melancholischer Schönheit sind. Es sind die kleinen Momente, die großes erzeugen und damit das Besondere der zerbrechlichen Figuren erlebbar machen. Ein Debütwerk, das durch sein Mitgefühl, seine Zartheit und  das erzählerische Talent begeistert.

Es sind fünf Geschichten, die in ihrer Klarheit und poetischen Sprache immer die Beziehungen der Charaktere beleuchten. Beziehungen in ihrer Auflösung, Distanz und Verdichtung. Dabei sind die Beschreibungen einfühlsam und werden besonders durch die Verletzlichkeit der Figuren immer eindringlicher. Es sind Menschen voller Sehnsucht nach Liebe und Nähe. Das Kränkelnde und die Risse in der Beziehung oder der Psyche bauen sich nebenbei auf und verwandeln das Szenarium in eine Traurigkeit, die unfassbar stimmungsvoll und schön in Worte gefasst ist.

Es geht um die Liebe, die in jungen Jahren noch durch hoffnungsvolle und verzauberte Träume erwacht. Schwestern reden über diese Gefühle und hoffen auf den Knall, den Funken zwischen zwei Menschen. Das Ende ihrer Kindheit beginnt auf einem Steg beim sommerlichen Baden in traumhafter Kulisse. Ein Vater, der im Sterben liegt und sich Gedanken über seine Beisetzung macht, wirkt wie ein rotes Gestirn vor der Implosion. Seine Familie erstarrt vor dem, was durch seinen Tod auf sie zukommen wird. Letztendlich sind es die kleinen Freuden und Momente, die sie aneinander binden. Besonders die Auswahl des Songs, der bei der Trauerfeier gespielt werden soll, verbindet den Sterbenden mit seiner Tochter, die sich sonst in den Alkohol flüchtet. Das Königin-Maud-Land entpuppt sich als kleine Wohnung in der Stadt, in der eine Mutter krankhaft ihr Kind vor der Welt beschützen will. Gleich einem Kaktus. Doch ist es das Umfeld, das nach ihr greift und vor dem sie sich letztendlich verbarrikadiert. Daher soll das Königin-Maud-Land unbedingt geheim bleiben. Eine Tochter, die mit ihrem Vater Silvester feiert. Der Vater hat eine neue Partnerin und die beständigen Bezugspersonen für die Tochter sind die jeweiligen Hunde. Sie und der Sohn der neuen Frau im Leben ihres Vaters glauben nicht an die Beziehung der Eltern und letztendlich wird es auch ein trostloser Jahreswechsel. Eine Frau steigt in Oslo in ein Taxi und bittet um eine Fahrt mit Umwegen zum Zielort. Während der Fahrt kann sie sich dem fremden Mann im Auto anvertrauen. Ihr Freund hat gerade jetzt, in der Weihnachtszeit, die Beziehung beendet. Er hatte vor kurzem einen Verlust erlitten und sie konnte sich ihm nicht öffnen und für ihn da sein. Die Fahrt schafft es, dass sie sich etwas fängt, aber dennoch im Kreis fährt.

Momente voller Sehnsucht und Schmerz, die dabei so schön geschrieben sind, dass dies Werk auf großartiger Weise für Kurzweil und sehr viel Mitgefühl sorgt. Dieses literarische Debüt von Line Madsen Simenstad, das von Ilona Zuber aus dem Norwegischen übersetzt wurde, lässt auf mehr von der Autorin hoffen.

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Jan Wilm: „Winterjahrbuch“

Jan Wilm Winterjahrbuch Schöffling & Co

Dieser autofiktionale Roman ist der Soundtrack der Gefühlswelt des Autors und besonders seiner Einsamkeit. Jan Wilm reist für ein bezahltes Forschungsanliegen nach Kalifornien, um gerade dort über Schnee zu schreiben. Dabei schmilzt der Schnee in seiner Fokussierung und das Interesse verlagert sich in die eigenen Betrachtungen über Zeit, Vergänglichkeit, Kunst und natürlich die Liebe.

Da es sich um einen Roman handelt, ist die Grenze zwischen Fiktionalem und einem Tagebuch, das von Winter zu Winter reicht, verschwommen. Der erste Winter, die Ankunft in Kalifornien, lässt ein Zaudern zu. Ein Hadern des Protagonisten mit dem neuen Lebensumfeld und das distanzierte Feld, das sich zwischen Leser und der Figur Jan Wilm aufbaut. Ist es erneut einer jener „Ego-Romane“, wie sie bereits kunstvoll von Karl Ove Knausgård oder Gerhard Henschel verfasst wurden? Wieder einer jener Autoren, die ihr Selbst mit all ihren Schwächen und zynischer Melancholie weit ausgefächert vor ihren Lesern ausbreiten? Der Roman wird mit Song- und Literatur-Zitaten, die Jan Wilm begleiten, geschmückt und bietet somit immer mehr eine tiefgründige und literarische Reise, die sich nicht nur für den Leser lohnt. Dieses Buch ist keine Dokumentation des Alltäglichen, sondern eine sich immer mehr verdichtende Komposition, die aus der Einsamkeit der Figur erwächst.

Der Erzähler, Jan Wilm, wurde verlassen und hat großen Liebeskummer. Dieses empfundene „Wir“, dass nun lediglich zu einem ich und du verkommen ist, fehlt ihm und er leidet sehr. Er flieht mehr oder weniger nach L.A., um ein Buch über seine Forschung über Schnee und über Gabriel Gordon Blackshaw, der einst den Schneefall fotografisch in Kalifornien fixiert hatte, zu schreiben. Am Getty Institut liest Jan Wilm dessen Tagebücher, die Biographie und sichtet das vorhandene Bildmaterial. Hierbei ist der Schnee nicht nur ein Forschungsobjekt als Naturereignis, sondern eine wachsende Metapher. Schnee als meteorologisches Ereignis, aber auch als Sinnbild. Schnee als Bild der Einsamkeit, der Kälte und der Reinheit. Was verbindet jeder mit Schnee? Den ersten Schneefall im Winter seiner Kindheit? Schneeweiß wie ein weißes, leeres Blatt oder das Weiß zwischen den Zeilen. Schnee ist, wie alles, immer auch vergänglich. Der Niederschlag in allen Erscheinungsformen ist immer auch ein Teil des Meeres. Schnee ist im Englischen auch ein Verb: to snow und bedeutet täuschen. „Vielleicht lebt man ausschließlich, um sich von seinem Leben abzulenken.“

Je näher der Sommer rückt, desto mehr nimmt die Aufmerksamkeit am gefrorenen Nass ab. Jan Wilm durchbricht dezent seinen inneren Kreislauf und verlässt sein, eventuell sich selbst vorgegaukeltes, Interesse am Schnee. Er beginnt L.A. zu erleben. Er lässt sich auf andere Menschen ein. Doch das Körperliche ist kein Genuss, nur ein leidiges Tun aus dem Trieb heraus. Er verachtet sich und kann sich dadurch niemandem, besonders Frauen, öffnen. Er ist einsam unter Menschen im hell strahlenden L.A. der verspielten Eitelkeiten. Als er sich im Herbst doch endlich öffnen kann und Liebe erfährt, naht erneut der Winter und mit diesem die Abreise. Das Verlassen und die Einsamkeit bleiben ein Bestandteil seiner Empfindungen. Denn der tatsächliche Kern seines Verlassenseins erschließt sich dem Leser gegen Ende.

Ein Werk, das bis in die einzelnen Sätze kunstvoll erarbeitet wurde. Es ist ein literarischer Roman, der bereits beim Lesevorgang durch seine kluge Art fesselt und zu begeistern versteht. Eine Reise in die kalte Einsamkeit auf die die wärmende Sonne Kaliforniens scheint.

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Heinrich Hauser: „Donner überm Meer“

Heinrich Hauser Donner überm Meer Weidle Verlag

Ein begeisternder Roman, der bereits 1929 im S. Fischer Verlag verlegt wurde und jetzt noch im Weidle Verlag erhältlich ist. Der Text lebt von der Dualität und man meint förmlich, seinen Atem dem Sprach- und Erzählrhythmus anzupassen. Die Dualität lebt besonders in den literarischen Beschreibungen der Natur, der Städte und Errungenschaften der Technik und Maschinen. So ist der Titel „Donner überm Meer“ auch kein Naturschauspiel, sondern das Dröhnen des sich vom Land entfernenden Flugzeugs. Das Abheben und das Verlassen des Natürlichen bleibt eines jener Beweggründe der menschlichen Charakterisierungen im Roman. Ein Text, der ganz genau hinsieht und beschreibt. Das Leben steht auch oft im Kontext zum Sterben. Immer wird auch das Vergängliche anhand von Naturbildern vergegenwärtigt. Die Maschinen dagegen glänzen oft in ihrer prachtvollen Funktionsweise. Dies als Kritik oder als Begeisterung zu sehen, liegt am Leser und seiner eigenen Interpretation.

Die Erzählweise ist eine ganz moderne und sehr literarische. Gleich am Anfang begeistert und fasziniert die Sprache, die jene Qualität bis zum Ende beibehält.

„Der Stein und ich lächeln uns an aus den vielen Falten, die der Regen und der Wind in uns hineingewaschen hatte. Unsere Gesichter glänzten vor Nässe. Regen troff aus den grauen und schwarzen Flechten, die auf dem Stein wuchsen wie eine Mondlandschaft mit Kratern; Regen fiel Tropfen um Tropfen vom Rand meiner rauhwolligen Mütze.“

Ein Mann, der Ich-Erzähler, ist in Irland und wandert viel durch die Natur. Er beobachtet und erlebt die Landschaft. Er ist ein Schriftsteller und reist allein, um seinen Roman endlich zu vollenden.

Neben den Beschreibungen seiner Reise lesen wir seinen Roman, mit dem er ringt. Dieser handelt von Fonck, einem Piloten, der in einer Großstadt auf Lala trifft. Sie kommt gerade von einer zweifelhaften Behandlung eines zwielichtigen Arztes. Lala hat eine heimliche Abtreibung vornehmen lassen. Fonck sieht sie und fühlt sich zu ihr hingezogen. Er nimmt sie mit auf sein Gästezimmer. Doch bevor er mehr über sie in Erfahrungen bringen kann, muss er den Notarzt rufen, da der Eingriff nicht professionell durchgeführt wurde. Eine neue Operation kann sie aber auch letztendlich nicht retten und die keimende Liebe kränkelt und versiegt.

„Mit gesenktem Kopf schritt er, unnahbar, in den Visionen seiner Einsamkeit.“

Der eigentliche Erzähler, der Schriftsteller, der von seinen Reisen erzählt, taucht neben der Erzählung rund um Fonck und Lala immer häufiger auf. Er beschreibt seine Wanderungen in Irland und seine Reise, die letztendlich in Hamburg enden wird. Alle und alles ist miteinander verwoben. Das Innere und Äußere, das Oben und Unten sowie die Natur und das Städtische. Eine Sehnsucht nach Versöhnendem keimt im ganzen Text. Versöhnung von Mensch und Maschine, von Frieden in der Beziehung zwischen Natur und Mensch. Die tödliche Beziehung beendet die Sehnsucht und erschafft dadurch etwas Neues. Ein Reisebericht, der zum Roman wird und sprachlich und inhaltlich immer noch begeistert.

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Ian McEwan: „Die Kakerlake“

Die Kakerlake Ian McEwan Diogenes

In dieser Politik-Satire befindet sich alles in Umkehr. Auch der Bezug zu Kafkas „Verwandlung“ ist ein verdrehter. Eine aberwitzige Satire, die viel Kurzweil bietet und nebenbei schön bissig ist.

Ian McEwan sagt selbst: „In einer solchen Zeit fragt sich ein Schriftsteller, was er machen kann. Darauf gibt es nur eine Antwort: schreiben“.

Eine Kakerlake wacht eines Morgens auf und ist Jim Sams, ein Mensch. Nicht nur irgendeiner, sondern der mächtigste Mann Großbritanniens, der britische Premierminister. Sein erstes Wort als Mensch lautet „Okidoki“ und langsam kommt die Erinnerung. Er hat einen Plan, eine Mission zu erfüllen. Mit dem Aufstieg vom Bürgersteig hat er sich dem kollektiven Geist überantwortet. Es gilt den Reversalismus, die Umkehr des Geldflusses, umzusetzen. Anfänglich ein Gedankenspiel, dann ein Witz, nun Realismus. Der Umkehr des Geldflusses soll das gesamte Wirtschaftssystem reinigen. Ein Aufschwung ist damit zu erwarten. Man bekommt Geld beim Einkauf und zahlt dafür, dass man arbeiten darf. Das Horten von hohen Geldsummen wird bestraft. Die Reden des Premierministers vor seiner mehrbeinigen und zweibeinigen Anhängerschaft schaffen den Wandel und der Reversalismus soll zum Tage x eingeführt werden. Nur die Außenpolitik äußert Bedenken. Der amerikanische Präsident, Archie Tupper, gerät auch in den Strudel der Ereignisse. Hat er womöglich auch vorher mehr als zwei Beine besessen?

Die Reden des Premierministers beflügeln seine eigenen Gedanken, besonders wenn er an sein eigentliches, hinter der Täfelung lauerndes Publikum denkt. Wie stolz wohl seine eigene Familie auf ihn ist. Akrasia macht die Runde und alles scheint perfekt zu laufen… Die eigentliche Herrschaft ruht auf einer Spezies, die mindestens dreihundert Millionen Jahre alt ist. Meist war sie dem Spott und Hohn ausgesetzt. Bestenfalls ignoriert. Doch nun kehrt sich das Blatt. „Die Wünsche der Menschen sind oft im Widerstreit mit ihrer Intelligenz.“ Die Schabe als Symbol eines unbeliebten Tiers, aber auch eines der Umkehr. Der Schutzpanzer, das festigende Skelett, ist beim Menschen der innere Kern. Somit tragen wir im Gegensatz zur Schabe das Verletzliche nach außen.

„Die Kakerlake“ (die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Bernhard Robben) ist ein riesengroßer Spaß. Eine absurde und bitterböse Politiksatire aus Großbritannien. Dieser Komplott gegen die Menschlichkeit und das verwandelte Ungetier sind eine lesenswerte und launige Lektüre.

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Henning Schöttke: „Invidias Gesetze“

Invidias Gesetze Henning Schöttke Stories and Friends

Henning Schöttke hat nun den fünften Roman seines Todsünden-Zyklus veröffentlicht. Diese Reise reift von Buch zu Buch und  bekommt immer mehr Tiefgang. Die Romane von Henning Schöttke sind innerhalb des ganzen Zyklus eingebunden, können aber jeder für sich stehen und apart gelesen werden. Doch ist es stets wie ein gutes Nachhausekommen. Man trifft auf alte Bekannte, findet Anspielungen aus anderen Kapiteln, Charakteren oder Büchern, die einen erinnern und nach Beenden des Textes erstaunen lassen. Jedes der Werke steht symbolisch für eine Todsünde und überträgt die Bedeutung der Sünde, sofern man davon sprechen kann, in die Moderne. Es sind stets Entwicklungsromane, die Frauen auf ihren Lebenswegen begleiten. Dabei wird der Zeitgeist stimmungs- und kunstvoll eingefangen sowie existenzielle Lebenssituationen und Grundlagen thematisiert.

„Invidias Gesetze“ erzählt die Geschichte von Invidia, die in den 50er Jahren aufwächst und in der Schule auf Recht und Unrecht gestoßen wird. Sie ist interessiert an den Fragen rund um Schuld und Strafe. Ihre Eltern führen eine Zwangsehe und der Vater neigt zu Wut- und Gewaltausbrüchen. Die Mutter, die oft das Opfer des Vaters wird, sucht ihren Trost in der Religion und steigert dies bis zum Krankhaften. Invidia ist anfänglich noch zu klein, um die Schieflage im Elternhaus zu erkennen. In ihr regt sich etwas, das sie immer mehr zu faszinieren scheint. Anfänglich fesselt sie ihre Puppen, beginnt dann Bilder von gefesselten Menschen zu sammeln und bekommt immer mehr Fesselfantasien. Dies behält sie für sich und vertraut sich nicht einmal ihren älteren Geschwistern an.

Als der Vater immer öfter fremdgeht und Gewalt ausübt, ist es Invidias ältere Schwester, die den Vater mit einem seiner Golfschläger aus dem Haus treibt. Die Mutter, die immer voller Scham agiert, flüchtet sich ganz in ihre fromme Welt. Invidia beobachtet eines Tages auf dem Schulhof, wie ältere Kinder einen viel jüngeren ärgern und dabei ein Fix und Foxi-Heft entwenden und beschädigen. Dieser Moment ist einer jener Schlüsselmomente im Leben von Invidia, die sich nun fortlaufend Gedanken über Recht und Unrecht macht. Sie ist introvertiert, da sie ihre Fantasien besonders als Teenagerin nicht einzuordnen weiß und sich als unmoralisch empfindet. Auf ihrer ersten Party lernt sie die erste Liebe kennen, hört aber auch erstmalig etwas über Masochismus und Sadismus.

Als Erwachsene strebt Invidia eine juristische Laufbahn an und wird Staatsanwältin für Sexualdelikte. Dabei quälen sie ihre eigenen Fantasien und die dadurch resultierenden Schuldgefühle. Ferner schleicht sich eine Bedrohung in ihr Leben. Das beklemmende Gefühl beginnt mit ausgetauschten Bonbons in ihrem Wagen. Hat Invidia sich mal selbst ein falsches Urteil über jemanden gebildet? Was wird aus ihren Fantasien? Kann sie diese ausleben oder therapieren? Somit ist „Invidias Gesetze“ ein Entwicklungsroman, der von den ganz genauen und glaubhaft gezeichneten Charakterisierungen lebt, aber auch einen enormen Spannungsbogen aufbaut.

Die Romane, die in keiner festgelegten Reihenfolge gelesen werden müssen, sind großartig und machen süchtig auf die jeweiligen Frauenschicksale in den anderen Texten. In jedem Buch gibt es versteckte oder sehr offensichtliche Verknüpfungen mit den anderen Figuren und Geschichten. Es gibt viele Stellen aus den anderen Romanen, die einen Zusammenhang mit „Invidias Gesetze“ haben. Dies macht einen der Reize der Bücher aus, denn somit wird der gesamte Romanzyklus ein Gesamtkunstwerk, in dem man stets Neues entdecken und sich bei jedem Buch an die anderen erinnern kann. So trifft man z.B. wieder auf Gula, Petra oder Lena oder stolpert beim Lesen in Szenen, die man aus den anderen Büchern bereits kennt, weil es Berührungspunkte zwischen den Protagonisten gibt.

Henning Schöttke wächst als Autor mit seinen Werken und Figuren. Die Romane sind immer eine Reise in Zeit und Raum und eröffnen dem Leser viele neue Ansichten. Die Bücher sind Unterhaltung auf hohem Niveau und gleichzeitig Literatur, die fesselt und begeistert. Mit wenigen Skizzen zeichnet der Autor Figuren und Szenerien, mit denen man gerne seine Zeit verbringt oder in die man sich immer wieder gerne begibt. Man leidet, liebt und lebt mit den Charakteren.

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Saša Stanišić: „Herkunft“

Saša Stanišić Herkunft Luchterhand

Dieses Buch, über das wohl viel gesprochen und das mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet wurde, ist nun auch ein Leseschatz. Weil es einfach so gut ist und es eines der Preisträger ist, der gelesen gehört. Herkunft als Rückblick, der aber auch den Tendenzen der Gegenwart einen Spiegel vorhält. Ein Buch, das mehr oder weniger ein Roman ist, das durch die Beobachtungen, den Humor und die Lust am Fabulieren begeistert.

Als die Großmutter von Saša Stanišić dement wird, sich das Vergessen bemerkbar macht, möchte der Autor sich erinnern. Die Großmutter, die eine große Rolle im Leben von Saša Stanišić spielt und somit auch im Buch, lebt noch in Bosnien und beide treffen sich für längere Gespräche. Das Vergessen und das Erinnern berühren sich und verweben damit die Fiktion in der Literatur. Den Buchdeckel von „Herkunft“ ziert ein Drache. Drachen kommen auch in den Legenden vor und können kluge, sanftmütige und edle Tiere sein. Manchmal auch gefräßige, feuerspeiende Wesen.

Als die Großmutter am 7. März 2018 in Višegrad siebenundachtzig ist, aber sich als elf Jahre altes Mädchen empfindet, beginnt die literarische Reise, die sich mit der umfänglichen Frage beschäftigt, woher man kommt. Heimat und Herkunft sind Zufälle in der persönlichen Biografie, irgendwo geboren worden zu sein. Wieweit hat die Umgebung auf das Kommende im Leben einen Einfluss? Saša Stanišić erzählt die Geschichte seiner Familie. Einiges kennen wir aus „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Der Nationalismus ist es, der sie zwingt, nach Deutschland zu fliehen. „In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet. Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst Du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“ (Seite 123).

Mit viel Hingabe erzählt Saša Stanišić von seiner Kindheit bevor der Krieg kam. Er erzählt von skurrilen Menschen, zum Beispiel vom Flößer, der nicht schwimmen konnte. Seine Großmutter ist immer wieder sein Bezug zur Herkunft und zur Gegenwart. Er erzählt von der Ankunft in Deutschland. Von seinen Freunden von der Tankstelle, dem eigentlichen Jugendtreff. Aber auch die Liebe zum geschriebenen Wort, dem Klang der Sprache und der Kraft der Literatur, die ihn fesselt und zu jenem Autor werden lässt, den man jetzt feiert. Herkunft und oder Heimat können aber auch lediglich Gefühle sein. Erinnerungen an die Situationen. Zum Beispiel als man sich für The Undertaker begeistern konnte, oder still und heimlich „Wind of Change“ von den Scorpions mitpfiff.

Der Pionierschwur als Traum: „…Dass ich alle Menschen der Welt wertschätzen werde, die Freiheit und Frieden anstreben.“ Wie schön das tatsächlich wäre. Das Finale haben wir, wie immer selbst in der Hand, wir entscheiden. So auch im Buch.  Das Ende, „Der Drachenhort“ ist ein besonderes, ein auferlegtes „Wie-geht-es-weiter-Spiel“. Beginnend mit der Frage der Großmutter, ob man ihr Mann sei. Wie man antworten würde, entscheidet, auf welcher Seite man weiterzulesen hat. So ist man vermeintlicher Herr über den Fortgang.

Ein intelligenter, sprühender und großartiger Roman, der unglaublich viel Spaß beim Lesen macht. „Herkunft“ als kunstvolles Gedankenspiel in einer Zeit, in der sich erneut und schrecklicherweise der Nationalismus ausbreiten möchte. Ein würdiger, humorvoller und tiefgründiger Preisträger. Bitte lesen!

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