
Literatur kann die ganze Welt sein und Kosmo ist der Ort, der Weltenraum, in dem wir versuchen unsere eigene Ordnung zu finden. Mit jeder Geschichte und jedem Erlebnis, ob erzählt, gelesen oder erlebt, wird unsere Erinnerung, unser Wissen erweitert und unsere Sicht überschrieben oder verändert. Wozu benötigen wir also eine wissensspeichernde und künstliche Intelligenz, wenn wir bewusstseinserweiternde, kunstvolle literarische Intelligenzen haben? „Kosmo“ ist eine Verneigung vor der Bedeutung unserer Wahrnehmung und Phantasie. Der Roman spielt und vermengt die literarischen Genres. Ein grotesker Bericht aus einem fiktiven griechischen Ort einer äußerst unzuverlässigen Erzählerin. Der vorliegende Text ist der geordnete Untersuchungsbericht, den die Erzählerin ihrem Kündigungsschreiben beifügt, und ist das Resümee ihrer Spezialreise.
Isabella Breier hat viel Freude am Formulieren und am Erzählen. Ihr Roman ist ein komplexer, kosmischer Spaß, der uns aber auch zu fordern versteht. Der Vergleich zu den Werken von Dietmar Dath drängt sich auf, denn die Weltenschöpfung und Durchdringung durch Sprache ist hierbei ähnlich. Sprachforschung und Erinnerungsbilder sind in beiden Werken der verwendete Kosmos. „Kosmo“ ist ein unterhaltsamer Leseritt durch Raum und Zeit und hat eine Struktur, die mit vielen Themen und Gedankenspielereien einen Nährboden an komplexen Besonderheiten darstellt. Literatur, die unsere gefühlte Weltsicht anregt, umschreibt oder erweitert. Das Buch wird zur Erinnerung und das, was im Roman Beständigkeit hat, ist jene Aussage: „Mit jeder Erinnerung einer Erinnerung ändert sich dieselbe zumindest ein bisschen“.
Unsere Kopfwelt und der Gefühlshaushalt sind jeweils ein flüchtiges Konstrukt. Diese meist unrettbare Flüchtigkeit soll gerettet und umfassend kontextualisiert werden. Die Ich-Erzählerin Chave ist noch eine Angestellte des „Anamnisis Institut“ als eine Einheit des Hybridkollegs. Sie ist eine langjährige Expertin der „Temporary Eternal Collection“ und eine enorme Besserwisserin. Sie ist strukturiert und ihr Leben ist dem Archivieren gewidmet. Privates erlebt sie geplant. Trinken und Feiern ganz nach Plan und die Lebenspartner, es sind drei, je nach Stimmung. Einer für die Leidenschaft, einer zum Kuscheln und einer als guter Freund.
Das Buch, ihre Textsammlung, beginnt mit ihrem Kündigungsschreiben an das Institut mit beigefügtem Bericht ihrer Expedition. Diesen Bericht hatte sie noch versprochen und gibt diesen geordnet mit Glossar und Inhaltsangabe ab. Ihr Text ist länger geworden als wohl erwartet. Es war ein Minimum besprochen, nicht aber eine obere Grenze. Somit hat sie alles gegeben und den eigenen Text durch Marginalien ergänzt.
Die Handlung spielt in einer näheren Zukunft und nachdem Chave eine Datei „Gespensterprotokolle“ zugespielt bekommt und die Urheberin verschwindet, begibt sich Chave im Jahr 2048 auf eine Reise quer durch die Zeit. Ihr Reiseziel ist die zauberhafte und sich beständig verändernde griechische Ortschaft Kosmo. Das vorliegende Buch ist somit Chaves Bericht ihrer Investigationsexpedition. Ein Wimmelbild an verstörenden, stürmischen Geschichten in Geschichten. Somit wächst ein Werk über die Bedeutung des Erzählens, der Sprache und des Erinnerns. Aufzeichnungen aus Traumlandschaften, die fraglich sind und doch einen wahren undurchdringlichen Geschichtenbusch in uns verpflanzen.
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