Mirko Bonné: „Lichter als der Tag“

Mirko Bonné Lichter als der Tag Schöffling

Mirko Bonné war erneut mit seinem Werk Anwärter für den Buchpreis 2017. So stand er 2009 mit dem Buch „Wie wir verschwinden“ auf der Longlist und schaffte es 2013 sogar auf die Shortlist mit dem wunderbaren Roman „Nie mehr Nacht“. Die Nacht ist eine der Verbindungen dieser drei Werke, die irgendwie in einem Bezug zu stehen scheinen. Der Titel des aktuellen Buches entstammt einer Zeile von Andreas Gryphius und heißt im Ganzen: „Nacht, lichter als der Tag!“. Die Nacht als Sinnbild der Ängste und des Verborgenen. Das dunkle Gemüt und die Depressionen stehen Pate für die Metapher jener Nacht, die uns Bonné durch seine Protagonisten aufzeigt und durch die Kunst zu überwinden versucht. Das Buch hat den Sprung in die Shortlist für den Deutschen Buchpreis nicht geschafft. Bonné schreibt in einer Liga mit Thome und Moster, hat aber stets eine dunklere, lyrischere Ader, die nicht immer zugänglich ist. Es reiht sich Lebensweisheit neben Kunst und Metaphern, die im neuen Text leider ab und zu zu dezenten Phrasen verblassen. Es ist ein gutes und lesenswertes Buch, aber im Vergleich zu seinem Vorgänger war eventuell meine Erwartung zu hoch.

Die Handlung beginnt mit der Beschreibung eines bestimmten, stimmungsvollen Lichtes, das Raimund Merz zu innerer Reflexion anregt. Es wird eine lichte Erinnerung an seine Kindheitstage. Raimund Merz ist Journalist und arbeitet für eine Zeitung „Der Tag“. Er ist mit der erfolgreichen Kieferchirurgin Floriane verheiratet und die beiden haben zwei Töchter. Sie leben fast sorgenlos, vermögend und könnten eigentlich glücklich sein. Die Geschichte beginnt im Hamburger Hauptbahnhof, wo es manchmal jenen besonderen Lichteinfall gibt. Der Bahnhof gilt hier gleich der von Murakami angewendeten Metapher in „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ als ein Ort des Umschlags, d.h. des Ankommens, des Abreisens und der Umorientierung. Zeitglich finden in Hamburg Flashmobs statt, einer davon im Bahnhof. Während dieses Vorfalls wird Merz mit seiner Vergangenheit konfrontiert, die sich dem Leser im Roman peu á peu offenbart. In der Menschenmenge macht er Inger aus. Es ist seine Jugendliebe, mit der er ein Geheimnis teilt. Eine emotionale Flut bricht über Merz ein und seine Seelenzustände werden immer deutlicher. Raimund kennt seine Frau seit der Kindheit. Sie waren eine Gemeinschaft von Freunden, bestehend aus Raimund, Floriane und Moritz. Viele Erinnerungen gehen zurück zu einem Garten am Dorfrand. Dieses Bild des Gartens spiegelt sich in dem Gemälde „Weizenfeld im Morvan“ von Jean Baptiste Corot, in dem auch jenes besondere Licht, dass Raimund so in seinen Bann zieht, festgehalten wurde. Zu dem Freundeskreis stößt Inger, die Tochter eines dänischen Künstlers. Ihre unbeschwerte Kindheit endet, als beide Jungs sich in Inger verlieben. Doch werden Moritz und Inger ein Paar. Die verschmähten, Raimund und Floriane, werden dann ebenfalls ein Paar und heiraten – irgendwie zum gegenseitigen Trost. Floriane, die Karrierefrau, ist es, die mehr an der Ehe hängt als Raimund, der jetzt durch das plötzliche Auftauchen von Inger sein Leben und seine Existenz endgültig reflektiert und in Frage stellt. Er sucht erneut den Kontakt zu Inger, stellt sich dabei aber sehr ungeschickt an. Es geht von da an darum, seine Depression zu verhindern, oder gänzlich zu überwinden. Es sind die Frauen, die mehr Stärke beweisen. Es bahnt sich eine Geschichte aus Lebenslügen an, die, wenn sie aufgedeckt sind, alles ins Wanken bringen werden.

Die Viererbeziehung als Bild vom Gefühl eines falsch gelebten Lebens und Freundschaft. Die alltägliche Trübsal wird durch wenige, lichte Momente unterbrochen. Die festgezurrten Verhältnisse wirken dunkel und sehnen sich nach mehr Licht und Veränderung. So hat Bonné mit dem Roman versucht, das Thema Goethes aus „Die Wahlverwandtschaften“ in die gegenwärtige Literatur einzubeziehen. Ein Liebesroman, in dem die Sehnsucht erwächst nach lichteren Momenten im Leben und dem Ausbruch aus dem ungeliebten Alltag. Das lustlose Eheleben des Helden lässt das Bild einer versagten Liebe in seiner Vorstellung lichtvoller erscheinen. Auch bei „Nie mehr Nacht“ war es die Kunst, die den Protagonisten half und die jeweilige Sehnsucht spiegelte. Denn was es mit dem eingehend erwähnten Bild tatsächlich auf sich hat, wird im Laufe der Geschichte immer klarer. Es beginnt eine Überschreitung von Kunst und dem Leben. In Folge werden die Liebe, Poetik und Malerei eine Verschmelzung von Sehnsüchten.

Das Buch fesselt und gerade am Anfang verspricht es ein euphorisches Abenteuer zu werden. Sprachlich und inhaltlich fühlt man sich gefordert. Doch nimmt das Gefühl leider Stück für Stück ab und man beginnt leicht mit den Figuren zu hadern. Doch gerade das ist es ja auch, was einen guten Roman ausmacht, man beginnt durch das Lesen Neues zu erfahren und sich selbst zu reflektieren. Neue Gedanken und besonders Emotionen greifen nach dem Leser – doch muss man, gleich den Charakteren auch bereit sein, diese zu ertragen. Wenn man sich aber darauf einlassen kann, schlummert hier ein Leseschatz.

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Siehe auch: Marikis großer Buchpreis-Check für „Lichter als der Tag“ von Mirko Bonné #dbp17

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Petri Tamminen: „Meeresroman“

MEERESROMAN MARE

Als Jugendlicher erleidet er mit einer Jolle seinen ersten Schiffbruch und nimmt sein erstes eisiges Bad. Ein Schicksal, das dem finnischen Kapitän aus Turku noch öfter im Leben vorherbestimmt sein wird. „Meeresroman“ ist eine unaufgeregt erzählte und kurze Geschichte über die Gelassenheit im Leben eines maritimen Pechvogels.

Vilhelm Huurnas Karriere beginnt als Schiffsjunge auf einem Schoner. Er erwartet vom Leben das große Abenteuer. Ihm kam eines Tages in den Sinn, dass hinter jedem Horizont womöglich etwas Neues und Gutes auf ihn lauert. Als Schiffsjunge unter griechischer Flagge handelt er rechtzeitig bei einer nahenden Katastrophe, gibt die Verantwortung dann aber an den Kapitän ab. Jahre später wird ihm bewusst, dass darin auch eine wünschenswerte Leichtigkeit war, wenn man die Verantwortung übertragen kann. Er besucht die Seefahrtsschule und durch die Unterstützung der Hofherren seiner Heimat wird ihm sein erstes Schiff als Kapitän zugeteilt. Doch westlich von Bornholm passiert es: er läuft auf Grund und sein erstes Schiff unter seinem Kommando erleidet Schiffbruch. Die Hofherren investieren erneut in ihn und finanzieren ihm stets weitere Schiffe, die er befehligen soll. Vilhelm bereist weiterhin die See, denn er hat wenig Zeit, sich zu grämen oder seine Schiffe zu missen. Immer wieder soll er in See stechen, um die von den Hofherren ausgelegten Summen für die neuen Segler wieder hereinzufahren. Sofern er Ladungen bekommt, ist es meist Holz oder Kohle. Es kommt aber auch vor, dass er nach dem Löschen keine neue Fuhre organisieren kann und lediglich mit Sand als Ballast die Heimreise antritt. Er sieht auch alle anderen mehr als Kapitäne an und sich selbst empfindet er eher als ein Missverständnis, denn das Unglück bleibt ihm nach wie vor hold. Er versenkt weiterhin seine Schiffe. Er erleidet u.a. vor Skagen Schiffbruch, eines seiner Schiffe wird beim Auslaufen von einem Dampfschiff gerammt und vor Borkum läuft er auf Grund. Insgesamt werden es fünf Schiffe, die er versenkt. Meist sind es Ungeschicke oder einfach nur Pech.

„Die Schiffe waren untergegangen, nicht er.“

Auch nagt in ihm eine Einsamkeit, die er bei diversen Anlässen versucht zu überspielen. Das weibliche Geschlecht findet meist keinen Gefallen an seiner Gegenwart. Doch als es zu einer Ehe kommt, schlägt erneut das Schicksal zu. Auch wahre Freundschaften mag er kaum finden. Die meiste Zeit bleibt er allein und die Schiffe, die er gefahren ist, gibt es nicht mehr und auch die meisten Menschen sind aus seinem Umfeld verschwunden. So beschließt er im Alter, als er seine Erinnerungen reflektiert, endlich sein Leben in Angriff zu nehmen, doch da merkt er, dass er es bereits gelebt hatte.

Eine Parabel, die uns gleich dem Roman „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler einen Menschen vorstellt, der trotz seiner Seeunglücke sein Glück sucht und mit einer Leichtigkeit ein ganzes Leben erzählt, dass vieles im Leser erkennen lässt. Eine kleine feine Bereicherung, die auch gleich dem Tagebuchroman von Harry Martinson („Reisen ohne Ziel“) das Leben auf dem Meer mit seinen Handelsrouten des 19. Jahrhunderts beschreibt. Auch Kiel steuert Vilhelm Huurna mit einem seiner Segelfrachter an. Dort er wird versehentlich bei einem gedankenvollen Gang am Kai fotografiert.

Das Buch ist, wie es bereits „Literaturen“ schreibt, erhellend und rührend. Die Tragikomik aus dem Finnischen wurde erneut sehr gekonnt von Stefan Moster übersetzt.

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Kirstin Breitenfellner: „Bevor die Welt unterging“

Picus Breitenfellner Bevor die Welt unterging

Ein Roman über das Erwachsenwerden in den achtziger Jahren. Die Zeit war geprägt von Ängsten vor den politischen Entwicklungen und dem stets schwelenden Kalten Krieg. Das Wettrüsten und die atomare Macht verbreiteten ihren Schrecken und die Angst vor der Möglichkeit einer mehrfachen globalen Vernichtung. Kann man – oder darf man sein Leben genießen, während die Welt stirbt?

Die Heldin des Buches heißt Judith und ist wahrscheinlich ein biografischer Spiegel der Autorin. Sie ist ein Teenager als die achtziger Jahre beginnen. In Afghanistan tobte ein Bürgerkrieg und Anfang 1980 erfolgte eine Großoffensive Russlands. 1981 geht MTV auf Sendung und die Jugendlichen identifizieren sich mit und durch die Musik, die durch den Walkman ein beständiger Begleiter wird. 1982 verliert Helmut Schmidt im Bundestag das konstruktive Misstrauensvotum und Helmut Kohl wird zum sechsten Bundeskanzler ernannt und spätestens jetzt beginnt es, in den jungen Köpfen politisch zu rumoren und die ersten Kohl-Witze machen ihre Runde. 1983 veröffentlicht der „Spiegel“ einen ersten größeren Bericht über AIDS, dass bis dato als eine Art Lungenentzündung behandelt wurde. So erleben wir die damalige Zeit erneut aus dem Blick der Protagonistin, die ihren Platz in der Welt noch finden muss. Doch hat sie beständig Angst, keine Zeit mehr für das Leben zu haben, da jederzeit die Welt untergehen könnte. Sie wächst in einer Kleinstadt, d.h. in Biblis auf und der Atomreaktor und ihr Vater, der für eine Chemiefabrik arbeitet, sind mahnende Begleiterscheinungen ihrer Jugend. Judith und ihre Clique sind dabei, ihren Schulabschluss zu machen und durchleben das typische Teenagerleben mit der ersten Liebe und sind zwischen den Eltern und der globalen Entwicklung hin und her gerissen. Das Arten- und besonders das Waldsterben steht bevor, das atomare Wettrüsten steht den Versicherungen der Eltern gegenüber, dass sie in einer Epoche des Wohlstandes, des Wachstums und des Friedens aufwachsen. Der Wissenschaftsvermittler Hoimar von Ditfurth erklärt Judith mit seinen Büchern die Welt und trotz der scheinenden Ausweglosigkeit und dem nahenden Weltuntergang erleben die Freunde eine ganz normale Jugend. Sie wollen Freaks sein, bloß keine Spießer oder Popper. Sie möchten frei und unabhängig sein. Aber wenn jemand nicht mitmachte, waren sie auch wieder gekränkt. Besonders als Judiths beste Freundin ihr die Freundschaft aufkündigt und immer mehr zum Jungs-Schwarm innerhalb der Popper-Szene wird. Judith und ihre Clique lesen und demonstrieren. Bücher müssen für sie das Leben erklären und somit wird der „Papalagi“ ein treuer Begleiter, bis sie erfahren, dass es wie vieles anderes ein fiktiver gewollter Text ist. Dennoch möchten sie nicht gleich ihrer Elterngeneration ein Teil des Problems sein, sondern zu Lösungen beitragen. Die vorherige Generation fährt ja selbst mit dem Auto zu einem Grillfest „Der Grünen“. 1986 kommt es im Atomkraftwerk von Tschernobyl zu einem Super-Gau und Judith hofft, die Menschen lernen aus dem Drama des Reaktorunfalls. Doch erneut erkennt sie, dass die Vernunft des Menschen nicht auszureichen scheint, sich selbst zu retten. Sie reist mit ihren Freunden nach Berlin und macht einen Kurztrip in die DDR, die kurz darauf Geschichte wird. Denn 1989 kommt es in Leipzig und anderen Städten zu öffentlichen Protesten und wenige Tage darauf beginnen die Montagsdemonstrationen und läuten den Anfang vom Ende der DDR ein.

So erleben wir ein Teenagerleben voller Ausflüge, Partys und Sorgen um die eigene Zukunft, mit der Frage, was man mit sich nach der Schule anfangen soll. Eine kleine Zeitreise durch die achtziger Jahre mit den wohligen Cordsofas und den Songs einer Generation, d.h. einer Ära des Protests und Demonstrationen.

Der Roman liest sich einfach und es macht irgendwie Spaß, die eigene Kindheit und Jugend anhand des Buches erneut zu erleben. An einigen Stellen hat der Text zu viele Phrasen, aber er schafft einen aktuellen Bogen in die Gegenwart. Wir und die heutige Jugend haben wohl immer noch die gleichen Themen und Probleme. Der Klimawandel, der Reaktorunfall in Fukushima und der aufkommende beängstigende Rechtspopulismus zeigen, dass wir Menschen wenig bereit sind zu lernen…

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Julia Rothenburg: „Koslik ist krank“

Julia Rothenbuger Koslik ist krank Frankfurter Verlagsanstalt

Ein Romandebüt von Julia Rothenburg über eine verordnete Entschleunigung eines Mannes um die Vierzig, dessen Leben in wenigen Tagen im Krankenhaus umgekrempelt wird. Für das Manuskript erhielt Julia Rothenburg bereits den Retzhof-Preis für junge Literatur. Der Roman liest sich gleich einem Kammerspiel mit sehr genau gezeichneten Figuren, die sich in einem Klinikkomplex aufhalten. Die junge Autorin hat einen Mann mittleren Alters ins Leben gerufen, der wegen eines Verdachts auf Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird.

René Koslik hatte einen geregelten Alltag. Alles schien für ihn in bester Ordnung gewesen zu sein. Seine innere Abwesenheit glänzt nach außen als Arroganz und das Grau des Krankenhauses spiegelt irgendwie seine innere Leere. Denn der robust erscheinende Mensch erträgt nicht alles und der Körper schafft sich seine Ventile. Einen Schlaganfall zum Beispiel.

René Koslik weiß nicht, ob er tatsächlich krank ist, er hat nie darüber nachgedacht. Kann es sein, dass man etwas Schreckliches hat, ohne dass man es merkt? Sein Leben in der Klinik erlebt er als zufällig. Doch schleicht sich die Angst bei jeder Untersuchung in sein Unterbewusstsein. Während seines Aufenthaltes im Klinikum hat er Zeit, sich seine Gedanken zu machen. Im Krankenhaus kann er sich selbst nicht entkommen. Da bei ihm bisher keine tatsächlichen Befunde diagnostiziert werden konnten, müssen noch einige Tests gemacht werden. Anfänglich ist Koslik in dem Gebäude untergebracht, in dem auch die Untersuchungen stattfinden. Wann er jeweils zu den Behandlungen abgeholt wird, bleibt immer undurchschaubar und sein Zimmernachbar Friese, der anscheinend viel kranker ist, erlebt den Klinikrummel viel duldsamer. Kosliks Aufenthalt lässt ihn immer lethargischer werden. Seine Grübeleien bekommen durch einen weiteren Patienten eine neue Anregung. Es ist sein ehemaliger Kommilitone und ewige Konkurrent Frank, der meist im Bademantel durch die Gänge streift und im Essenssaal auftaucht. Frank möchte sich oft mit Koslik treffen, um über alte Zeiten zu reden. Doch Koslik versteht es, sich immer wieder herauszureden und meint ihm gänzlich aus dem Weg gehen zu können, als er verlegt wird. Da Koslik noch gut zu Fuß ist, wird er in den Komplex verlegt, der aus einem alten Hotel umfunktioniert wurde. Hier lernt er den gesprächigen Bude und die Maltherapeutin Klemm kennen. Da sich seine Untersuchungen verzögern, wird Kosliks Aufenthalt zu einer Neuorientierung und Selbsterkenntnis. Seine Tage im Krankenhaus vergegenwärtigen ihn seine allgemeine Situation. Die Zukunft liegt vor ihm in einem ungewissen Nebel und die Vergangenheit wird ihm durch seine Mutter, die Schwestern und dem immer wieder auftauchenden Frank ins Bewusstsein gebracht. Frank hat weiterhin Kontakt zu ihrer ehemaligen Freundin Marlies, die durch ihre jetzigen Besuche bei Frank auch erneut in Kosliks Leben stolpert.

Durch die Ungewissheit um seine Gesund-, d.h. Krankheit und die Konfrontation mit den anderen Klinikinsassen und Besuchern wächst in Koslik eine Unruhe und Melancholie, der er gleichzeitig auch immer überdrüssiger wird. Er bekommt immer mehr schlechte Laune, die das beständig Unterdrückte zu Tage fördert. Er steigert sich aus seiner inneren Verkrampfung in eine Wut, die sich auf sein Umfeld richtet. Sein ehemaliger Wille zur Anpassung verflüchtigt sich immer mehr. Aber reflektiert er sich genügend? Ist es nicht auch sein Ego, das ihn den anderen gegenüber arrogant erscheinen lässt? Alles scheint in und um Koslik im Wandel begriffen zu sein. Sein Weltbild stellt sich durch die wenigen Tage in der Klinik auf den Kopf. Sind ihm tatsächlich in einem Wartezimmer die drei Nornen erschienen? Jedenfalls wird ihm die von ihm selbst unterdrückte Wahrheit vergegenwärtigt.

Das Labyrinth der Klinik ist eine fesselnde Kulisse für dieses Schauspiel um einen Mann, der uns von Julia Rothenburg auf den Seziertisch gelegt wurde. Ein Debutroman einer jungen Autorin, die es versteht, sich ihren Charakteren gänzlich hinzugeben und ihnen Leben einzuhauchen. Der Roman ist für mich eine gelungene literarische Überraschung.

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1. Buchblog-Award! #bubla17

Ihre Stimme zählt!

bubla-longlist

Liebe Buchliebhaber,

ich habe mich für den ersten Buchblog-Award beworben und mein Leseschatz hat es in die Longlist geschafft. Jetzt ist es soweit – heute startet die Abstimmungsphase für den Buchblog-Award 2017!

Bis zum 11. September wählt die Öffentlichkeit ihre Lieblings-Kandidaten von der Longlist.

Hier können Sie mir Ihre Stimme geben:

http://www.buchblog-award.de/news/portfolio/leseschatz/

Sie wählen mit Ihrer Stimme Ihren Favoriten auf die Shortlist des Buchblog-Awards 2017. Dann entscheidet die fünfköpfige Jury über die Gewinner.

Mehr über den Award: Buchblogger, Bookstagrammer und Co. sind aus dem Literaturbetrieb nicht mehr wegzudenken: Mit Leidenschaft und Herzblut besprechen sie aktuelle Neuerscheinungen und Klassiker, Bücher aller Genres und Formate. Mit ihren Texten, Videos, Fotos oder Podcasts wecken sie die Begeisterung ihrer Community, geben wertvolle Leseempfehlungen außerhalb des Feuilletons und regen spannende Diskussionen an. Das muss honoriert werden! Der Buchblog-Award 2017 zeichnet erstmals den besten deutschsprachigen Buchblog aus. Er wird auf der Frankfurter Buchmesse verliehen. Mehr

Vielen Dank,

Ihr Hauke Harder, alias der Leseschatz 😉

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Anne von Canal: „Whiteout“

Whiteout Anne von Canal mare

Ein Whiteout ist ein meteorologisches Phänomen, das den Horizont verschwinden lässt. Himmel und der Grund, d.h. der Boden werden zu einer Fläche. Alles wird zu einem weißen Leuchten. Meist tritt dies in den Polar- oder Bergregionen auf, wenn es in Schneegebieten nebelig wird oder Schneefall einsetzt. So verwischen sich in dem Roman auch langsam die Fixpunkte. Die Protagonistin verliert ihre Bodenhaftung durch ihre Bohrungen in der Vergangenheit. Das wortlose Verschwinden einer Freundin der Ich-Erzählerin hat eine Wunde hinterlassen, die in der Eiswüste wieder aufbricht. Gleich der von David Bowie erschaffenen Figur Major Tom, dessen Songs im Roman oft gehört werden, verlieren sich die Charaktere in einer menschenunfreundlichen Umgebung.

Hanna ist Glaziologin und mit vier weiteren Kollegen auf einer Antarktisexpedition. Mit Hilfe einer Bohrung so tief wie der Eifelturm hoch ist, wollen sie im Eis in die Vergangenheit reisen. Das Eis vergisst nichts und jede Wetterlage und jedes Phänomen lassen sich in den Eisproben, die sie heraufschaffen, ablesen. Bereits als Kind wollte Hanna Entdeckerin oder Forscherin werden. Sie wollte etwas großes, etwas anderes finden. Immer wieder hört sie mit ihrem Bruder, Jan, ihre Hörspiel-Platte um Scott und Amundsens Wettlauf zum Pol. Später hat sie ihren Traum umgesetzt und ist Leiterin in einem Camp in der Eiswüste.

Während der Aufbauphase der Bohrungen im Eis, erreicht Hanna plötzlich eine E-Mail von Jan. Er schreibt nur wenige Zeilen, doch seine Worte lassen ihre Erinnerungen wieder aufbrechen und sie kann sich immer weniger auf ihre Crew und die Arbeit einlassen. Sein Schreiben bezieht sich auf ihre Spitznamen aus der Kindheit. Scott, d.h. Fido, soll laut der Mail von Jan gestorben sein.

Jetzt kreisen Hannas Gedanken beständig um ihre Vergangenheit und um die Freundschaft zu Fido, der Pfarrerstochter. Das zu erforschende und eingefrorene Klima rückt immer mehr in den Hintergrund. Fast alles bietet Hanna einen Anstoß, um sich an ihre Kindheit zu erinnern. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen der weißen, eisigen Landschaft und der lichten, sonnigen Zeit ihres Erwachsenwerdens. Hanna ist mit vier weiteren Kollegen ins Eis gereist und lebt dort unter extremen Bedingungen. Die fünf Menschen arbeiten sehr eng und nah beieinander, ohne sich wirklich zu kennen. Aber auch die Geschichte ihrer Kindheit hatte seine Geheimnisse. Die drei Kinder, Jan, Fido und Hanna waren eine sehr vertraute Gemeinschaft und planten die gemeinsame Zukunft. Doch nach einem gemeinsamen Urlaub in Frankreich kam es zu einem wortlosen Bruch. Fido ist ihren eigenen Weg gegangen, sie ist ganz still, ohne Hanna etwas zu sagen, weggegangen. Sie hat niemals eine Andeutung oder die kleinste Vorwarnung oder Erklärung abgegeben. Fido ist einfach so aus Hannas Leben verschwunden und nun, zwanzig Jahre später, erreicht sie die Nachricht von Jan.

Hanna ist in der Eiswüste gefangen und ihre Gedanken und Emotionen lassen sie immer dünnhäutiger werden. Auch ihre Kollegen haben unter ihren Launen zu leiden und die Situation spitzt sich immer mehr zu. Hanna kann den offenen Fragen nicht länger aus dem Weg gehen. Gerade jetzt, während draußen ein heftiger Sturm aufzieht, der das Camp in wenigen Stunden gänzlich erreichen wird.

Anne von Canal versteht es, nach „Der Grund“ erneut eine Grenzsituation mit ganz genau gezeichneten Charakteren zu entwerfen. „Der Grund“ war ebenfalls ein poetischer Text, der viel Raum für Emotionen und eigene Gedanken lässt. „Whiteout“ ist weniger verschachtelt und wohl etwas weniger raffiniert, dennoch ein wunderbares Buch, in dem es Anne von Canal ganz genau versteht, immer zum richtigen Zeitpunkt mit dem Erzählen aufzuhören, damit die entstehende Stille, d.h. hier die weiße Leere, viel im Leser auslösen kann. Die Bilder und die Gegenspiele wirken anfänglich etwas einfach: Frankreich, Antarktis, Bohren und die Suche in der Vergangenheit. Doch ist alles passend und niemals überspitzt dargestellt. Das Werk entwickelt seinen ganz eigenen Sog und versteht es, den Leser gänzlich mit den gut beobachteten Figuren zu fesseln und zu unterhalten. Am Ende beginnt in einem selbst eine kleine Rückschau auf das Gelesene, denn was ist der Auslöser, dass jemanden einfach wortlos gehen mag? Was bleibt bei den Zurückgelassenen? Wie kann es zwanzig Jahre nach den Geschehnissen immer noch zu einer solchen Zerreißprobe kommen?

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Anna von Canal liest aus „Whiteout“ auf zehnseiten.de . Siehe auch die Besprechung auf zeichenundzeiten

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Grégoire Hervier: „Vintage“

Grégoire Hervier Vintage Diogenes

Das Buch beinhaltet meine beiden großen Leidenschaften: einen guten Roman und die Liebe zum Rock.

Thomas Dubré ist ein erfolgloser aber guter Gitarrist, arbeitet gelegentlich als Journalist und jobbt in einem Gitarrenladen. Eines Tages kauft ein Sammler eine wertvolle und seltene Paula, d.h. eine Les Paul Goldtop mit der Auflage, der Ladenbesitzer möge die Gitarre persönlich abliefern. Dieser schickt aber Thomas auf die Reise. Nach dem Flug wird er zum Boleskine House nahe dem Loch Ness gefahren, dass auch schon einmal Jimmy Page besessen hatte. Das Haus ist auch im Video von Led Zeppelins „The Song Remains the Same“ zu sehen und ist durch den vorherigen Besitzer, Aleister Crowley, der es nur für eine okkultistische Sitzung erworben hatte, bekannt. Der reiche Schotte ist ein begeisterter Gitarrensammler und liebt die Klänge seiner Schätze. Seine Gitarrensammlung ist unglaublich umfangreich und beinhaltet diverse Kultgitarren. Thomas darf auf diesen spielen und ist gänzlich begeistert. Durch seine Leidenschaft für die historischen Instrumente offenbart ihm der Sammler sein Geheimnis und sein eigentliches Anliegen. Er behauptet, die legendäre Gibson Moderne besessen zu haben.

Die Gibson Moderne ist ein 1957 entworfenes, seltenes E-Gitarren-Modell. Ob diese Gitarre überhaupt in weiteren Stückzahlen hergestellt wurde, ist bis heute ungeklärt und bietet Raum für diverse Spekulationen und Legenden. Der Sammler in den Highlands behauptet, es gab diese Gitarre und er habe eine davon besessen. Da ihm diese abhandengekommen, d.h. gestohlen worden sei, bittet er Thomas, den Beweis dieser legendären Gitarre zu erbringen, damit die Versicherung den Schaden, d.h. den Verlust übernimmt. Thomas willigt ein, da ihm alle Reisekosten bezahlt werden und sollte er belegen können, dass die Gibson Moderne tatsächlich gebaut worden ist, bekäme er eine Million Dollar.

Nun beginnt ein Road-Trip, der die Geschichte der Gitarre und somit des Rocks erzählt. Thomas Suche führt ihn von Frankreich über Australien nach Amerika. Da die Gitarre, die Thomas aufzuspüren versucht, eines der legendärsten Instrumente aller Zeiten ist, trifft er auf besessene Musikliebhaber, verrückte Gitarrensammler, Elvis-Imitatoren und zwielichtige Typen. Seine Reise führt ihn bis in die Tiefen des Ursprungslands des Blues und ihm wird immer deutlicher, auf was für eine gefährliche Reise und Recherche er sich eingelassen hat, da die Gitarre anscheinend ihre Opfer fordert…

Ein Buch, das zwei meiner großen Leidenschaften vereint. Guten Lesestoff und die Liebe zur Musik. Der Roman ist aufgebaut wie ein guter und anspruchsvoller Song mit einem Intro, den Strophen, der Bridge, Refrain, vielen abwechslungsreichen Solis und dem Outro. Durch die Wendungen liest sich der Text wie ein Abenteuer- und Kriminalroman, der sehr kurzweilig ist und sehr viel über die Geschichte der Musik, d.h. die Blues- und Rockgeschichte erzählt. Man hat das Gefühl, Zeuge eines tollen Konzerts gewesen zu sein. Wenn das Saallicht ausgeht und die Helden die Bühne erstürmen und melodischen, gepflegten Lärm mit wimmernden Gitarren verbreiten und man dann verdattert nach dem Auftritt in der wieder viel zu hellen Halle vor der Bühne steht und ganz heiser nicht aufhören mag Zugabe zu rufen…

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Der Soundtrack (Fundstück bei Diogenes): »Whatever happened to our Rock ’n‘ Roll?« Das kann man hier sehr gut nachhören. Hier ist das Mixtape zu Vintage

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