Markus Orths: „Max“

Markus Orts Max Hanser

Ein Künstlerroman, der einen prägenden Wegbereiter des vergangenen Jahrhunderts beleuchtet. Maximilian Maria Ernst wurde am 02. April 1891 in Brühl geboren. Er studierte in Bonn Kunst und nach seinem Militärdienst während des Ersten Weltkriegs gründete er 1919 zusammen mit Johannes Baargeld und Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe. 1922 zog Max Ernst nach Paris und wendete sich dem Surrealismus zu. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als Deutscher mehrfach interniert, konnte aber 1941 nach Amerika auswandern. 1953 kehrte er nach Frankreich zurück und starb 1976 in Paris. Viele seiner Begleiter, Frauen und Freunde waren bekannte Persönlichkeiten u.a.: Leonora Carrington, Peggy Guggenheim, Marcel Duchamp, Pablo Picasso, André Breton, Paul Éluard.

Markus Orths hat eine Roman-Biographie geschrieben, die in sechs Abschnitte unterteilt ist. Diese sind nach den sechs Frauen, die in Max Ernsts Leben eine bedeutende Rolle eingenommen hatten, gegliedert. Aber es dreht sich nicht nur um das Liebesleben des Künstlers, sondern der Roman entwirft das Panorama eines ganzen Jahrhunderts.

Es beginnt mit Louise Straus genannt Lou. Sie ist die erste Frau von Max Ernst. Sie leben in Köln und bekommen den gemeinsamen Sohn Jimmy. Die beiden hatten sich während des Studiums kennengelernt und während Max eher der schaffende, der praktische Künstler wird,  bleibt Lou die Theoretikerin. Sie ist eine selbständige Frau und arbeitet als Kunsthistorikerin und Journalistin. Im Ersten Weltkrieg dient Max an der Front und steht kommenden Freunden gegenüber. Später treten Paul Éluard und seine Frau Gala in das  Ehe- und Künstlerleben von Max und Lou. Da Max Ernst sein Leben lang auf der Suche nach wahrhaftiger Liebe sein wird, erlischt seine Zuneigung zu Lou und er geht mit Paul und Gala nach Paris und lebt sich bei den dortigen Dadaisten ein. Lou hat die traurigste Geschichte, denn sie wird als Jüdin in Auschwitz ermordet. Max Ernst geht weitere Ehen und Affären ein. Seine Liebe ist gleich der Zeit wandelbar und schnelllebig. Doch immer steht seine Kunst im Mittelpunkt, die im aufkommenden Nationalsozialismus als entartet deklariert wird. Letztendlich kann er durch die Hilfe von Peggy Guggenheim in die USA fliehen. In Amerika lernt er Dorothea Tanning kennen, mit der er bis zum Ende zusammenbleiben wird.

„Die Emotionen der Menschen wurden scheinbar durch das Schreckliche heftiger befeuert als durch das Schöne“

Gleich den Werken von Max Ernst entsteht eine literarische Collage, die Szenen aus dem Leben des großen Künstlers beleuchten. Max Ernst hat bleibende Gemälde und Skulpturen geschaffen. Er hat die Kunstgeschichte mitgeprägt und war ein kreativer Kopf des Dadaismus, Surrealismus und Expressionismus.

Markus Orths ist ein Autor, der in keine Schublade passt. Er schreibt Kinderbücher und Romane. Sein Roman „Das Zimmermädchen“ wurde verfilmt und mit „Alpha & Omega“ hat er sein schrillstes Werk voller durchgedrehter Ideen geschrieben. Jetzt hat er sich gleich Klaus Modick mit „Konzert ohne Dichter“ oder Volker Weidermann mit  „Träumer“ einem Künstler und seiner Epoche zugewandt. Das Buch ist gleich dem Künstler Max Ernst sehr vielschichtig. Markus Orths ist es gelungen, großartig zu unterhalten und nebenbei die Charaktere und die jeweilige Zeit sehr lebendig werden zu lassen. Orths erzählt allgemein sehr lebendig und voller Leidenschaft für die intellektuelle Kunstszene. Ein toller und gut zu lesender Kunst-Biographie-Roman.

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Peter von Becker: „Céleste“

Celesete Becker Mare

Der Roman ist in fünf Episoden eingeteilt. Jede Geschichte wirkt für sich auf den ersten Blick wie eine Insel. So sind auch die Schauplätze fast immer Inseln: Japan, die Äolischen Inseln, Capri, Korsika und Sylt. Inseln sind losgelöst vom Kontinent und dem Wortgebrauch nach verlässt man mit dem Reisen auf eine Insel den festen Boden. Doch auch wenn es so scheint, eine Insel wäre ein Ausnahmezustand, etwas Losgelöstes, ist sie doch mit dem Grund, mit den Kontinentalplatten verbunden.

Das Buch ist ein leicht zu lesender Roman, der sich aber erst gegen Ende gänzlich dem Leser offenbart. Es geht um die Verbundenheit im Leben. Dem lichtvollen Außen auf den Inselwelten stehen die dunklen Geheimnisse der Protagonisten gegenüber. Das Buch ist ein Episoden-, Kunst- und Liebesroman. Ein weltoffener Text, der durch die jeweiligen Settings seinen besonderen Charme bekommt. Sobald man in den Geschichten versunken ist, bekommt der Roman einen Spannungsbogen, der den leichten Hauch eines historischen Kriminalromans versprüht.

Die fünf Kapitel, die auch mal nur als Vorspiel, d.h. Vorgeschichte, agieren, sind bis auf die namensgebende Geschichte recht kurz. Es sind fünf Protagonisten, die beim Einstieg in den Text anfänglich nur wenig miteinander gemein zu haben scheinen. Es beginnt mit einem Autor, der gegen seinen Willen auf einer italienischen Insel festgehalten wird. In der darauffolgenden Episode erzählt ein Kulturreferent der deutschen Botschaft in Rom über eine ungewöhnliche Begegnung. Nach einem Schicksalsschlag trifft er an einer Strandbar eine blinde Pornoschauspielerin. Ein Philosoph und Autor bekommt eine Einladung zu einer Lesung nach Sylt. Auch er lernt jemanden kennen und gerade am Ende, im Finale des Buches, schließen sich die einzelnen Stränge.

Im Mittelpunkt des Romans steht Céleste Salvatori. Sie ist eine berühmte und angesehene Künstlerin und wird als eine Art Königin der Kunstszene gefeiert. Sie ist 99 Jahre alt und möchte vor ihrem Ableben ihre Geschichte erzählen. Per E-Mail bittet Sie einen Anwalt, den sie bereits lange kennt, sie aufzusuchen. Sie möchte ihn sehen und ihm ihre Geschichte erzählen. Doch darf er erst nach ihrem Tod mit seinen Aufzeichnungen an die Öffentlichkeit treten. Edvard, der Anwalt, willigt ein, da er somit auch Benedictine wiedersieht, die Tochter von Céleste, mit der er mal eine Beziehung hatte. Es geht um Liebe und Verrat, um Blendung und biographische Verirrungen. Céleste hat während des Zweiten Weltkrieges in der französischen Résistance gekämpft und ihr abenteuerliches Leben birgt ein tödliches Geheimnis.

Das Buch ist außergewöhnlich und zunächst verbirgt sich der Clou des Romans. Jede Geschichte hat aber ihren besonderen Ton und auch, wenn diese teilweise sehr kurz sind, machen sie neugierig auf das kommende Ganze. Es tauchen anfänglich nur Fragmente einer Gemeinsamkeit auf. Doch im Finale sieht man klarer und schaut auf ein Ganzes zurück.

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Hari Kunzru: „White Tears“

White Tears Hari Kunzru Liebeskind

Ein Blues-Song, den es eigentlich nie gab ist der Auftakt eines Abenteuers, das die Protagonisten und uns Leser in einen Strudel der Ereignisse reißt. Es geht um die Besessenheit von Musik und deren Geschichte. Am Ende des Romans verbindet sich alles. Alles wird ein Klang, gleich einem Song voller Blues. Alle Figuren sind verbunden, vermischt und der Klang, den Sie hinterlassen schafft ihre Verbindung zum Leser. Blues ist Schmerz und Leid und hat eine tiefverwurzelte Geschichte. Er ist Ursprung, Quelle und Inspiration vieler Musiker, Stile und Genres. Musik hebt die lineare Zeit auf. Gefühle der Vergangenheit können in der Gegenwart nachempfunden werden und reichen weit bis in die Zukunft. „I’ve got the blues” oder “I feel blue” ist die Ableitung und die Erklärung des Blues. Wenn die Traurigkeit, das Leid und der Schmerz die eine Seite sind, was befindet sich dann auf der anderen Seite, der B-Seite? Ein unerträgliches Lachen?

Es beginnt mit zwei Freunden, die in New York leben und zusammen ein Tonstudio betreiben. Carter kommt aus einem vermögenden Elternhaus, dessen Familienbesitz tief in der amerikanischen Geschichte fußt. Seth ist mittellos, lebt von der Unterstützung durch Carter und ist stets auf der Suche nach Tönen. Beide sind musikalisch kreativ und verdienen ihren Lebensunterhalt als Musikproduzenten. Seth streift mit seinem Aufnahmegerät durch New York, immer in der Hoffnung auf neue Töne. Während einer seiner Streifzüge nimmt er im Tompkins Square Park einen Gitarristen auf und entdeckt bei einer seiner Aufnahmen, die er im Washington Square Park gemacht hatte, eine unbekannte Stimme, die einen Blues voller Emotionen singt. Hier zeigt sich eine der Stärken des Autors, der es großartig versteht, Musik in Sprache zu verwandeln. Im Studio säubern sie die Spur und kristallisieren den Song heraus. Carter legt den Gesang über das aufgezeichnete Gitarrenspiel, das perfekt mit dem Gesang harmoniert. Sie verwandeln die Datei in eine glaubwürdige Aufzeichnung, voller Knacken, Knistern und typischen analogen Nebengeräuschen. Der Song bekommt dadurch etwas sehr tiefes, altes und glaubwürdiges. Sie stellen den Song ins Internet und Carter schreibt aus Spaß diesen Song einem fiktiven Interpreten Charlie Shaw zu, der diesen Blues 1928 aufgenommen haben soll. Der Song wird eine Sensation und viele Sammler werden hellhörig. Besonders einer, der in jedem Forum versucht, Kontakt mit Carter und Seth aufzunehmen. Er würde die Aufzeichnung kennen und die Platte schon seit Ewigkeiten suchen, denn er wolle wissen, was auf der B-Seite ist. Seth trifft sich mit diesem Sammler, der wirklich behauptet Charlie Shaw hätte tatsächlich gelebt. Jetzt beginnt eine Talfahrt für alle Protagonisten, denn Carter wird plötzlich überfallen und liegt seitdem im Koma. Seth begibt sich mit Carters Schwester, Leonie, für die Seth sehr viel empfindet, auf eine Art Mission. Sie reisen in den Süden der USA zu dem Ursprung des Blues auf der Suche nach dem vermeintlich fiktiven Sänger Charlie Shaw. Die Reise von Seth und Leonie verläuft irgendwann parallel zu der damaligen Reise der besessenen Plattensammler, von dem einer in der Gegenwart behauptet, Charlie Shaw als Musiker zu kennen. Die beiden Erzählstränge verlaufen nebeneinander und langsam vermischt sich alles. Alles wird mysteriöser und die Naturgesetze scheinen sich aufzuheben. Die Reise geht zurück zum Ursprung des Blues und in die schwarze Geschichte Amerikas. Eine Reise in die Vergangenheit voller Trauer, Schmerz und Tod.

Seth verliert den Bezug zur Wahrnehmung der Zeit, besonders zur Gegenwart und seiner Zukunft. Seine Welt löst sich auf und der Schmutz der Vergangenheit wird aufgewirbelt. Alles wird ein Echo, denn Schallwellen verschwinden anscheinend nie ganz.  Sie werden schwächer, aber die Resonanz bleibt wahrnehmbar. In der Gegenwart ist das Knacken und Knistern des Vinyls der Digitalisierung gewichen. Kunst wird auf Einsen und Nullen reduziert und immer weiter komprimiert und büßt dadurch etwas von seiner Seele ein.

Das Buch ist eine literarische und musikalische Reise in das finstere Herz Amerikas. Eine großartig erzählte Geschichte und ein wunderbarer, düsterer sowie poetischer Roman.

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Leseschatz-TV: Bücher mit Musik u.a. mein Highlight: „White Tears“ von Hari Kunzru

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PARIS NOIR

Paris Noir CulturBooks

Paris ist die Stadt der Liebe und des Lichts. Mit der französischen Metropole verbinden wir gemütliche Cafés, buntes Leben auf den Gassen und Straßen und natürlich die vielen Museen und Sehenswürdigkeiten. Paris ist eine Stadt, in der das Leben und die Kultur brodeln. Aber ist Paris nur jene lichtvolle und liebenswerte Stadt? Mit „Paris Noir“ wandeln wir durch verschiedene Stadtteile und kommen der Dunkelheit sehr nahe.

Die zwölf Geschichten bringen die literarische Gattung „Noir“ zurück zu ihrem Ursprung. Die wohl geläufigste Bedeutung des Begriffs bezieht sich auf eine Untergattung des französischen Kriminalromans. Mit dem Buch reist man durch Paris, durch die Grauzonen der Gesellschaft und in die tiefdunklen Schauplätze. Jede Erzählung spielt in einem anderen Viertel und es entsteht ein fesselndes, beklemmendes und literarisches Porträt von Paris. Es ist ein Reigen an tollen Kurzgeschichten von namhaften Autoren oder talentierten Newcomern. Das Buch lädt ein, die Schattenseiten des Stadtlebens und Paris selbst auf eine ungewöhnliche und schwarze Weise zu entdecken.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. In jedem Abschnitt befinden sich vier exklusive Storys von unbekannten und preisgekrönten Autoren. Die Geschichten handeln unter anderem von einer Prostituierten, die von korrupten Polizisten erpresst wird und unerwartet Hilfe von einem Chauffeur erhält. Wir lernen Kleinkriminelle, Psychopathen, Gangster und Detektive kennen. Ferner Agenten, die selbst die gejagten ihrer Auftraggeber werden und beseitigt werden sollen oder zwei Araber, die durch das Quartier Latin schlendern und eigentlich auf einem brutalen Raubzug sind. So wandelt sich Stück für Stück die Stadt der Liebe und des Lichts in eine gewaltvolle, dunkle Metropole, die aber durch die Texte nichts von ihrer Faszination einbüßt. Nicht jede Geschichte zündet Begeisterung im Leser, aber gerade durch die Vielfalt der Geschichten und Abgründe wird man regelrecht durch die diversen Blickwinkel auf die schwarze Stadt getrieben. Die dutzend Erzählungen sind wandlungsreich, düster und bieten schaurige, stimmungsvolle und gute Unterhaltung.

Das Buch wurde von Aurélien Masson herausgegeben und die exklusiven Kurzgeschichten sind von: Salim Bachi, Didier Daeninckx, DOA, Jérôme Leroy, Dominique Mainard, Laurent Martin, Christoph Mercier, Patrick Pécherot, Chantal Pelletier, Jean-Bernard Pouy, Hervé Prudon und Mark Villard.

Dies ist der Auftakt internationaler Noir-Anthologien. Es folgen Berlin- und USA-Noir im Jahr 2018.

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Irene Dische: „Schwarz und Weiß“

Irene Dische Schwarz und Weiß Hoffmann & Campe

Irene Dische schreibt stets mit scharfem Blick auf die Gesellschaft. Diesmal ist es der amerikanische Traum, der wohl nicht nur in heutiger Zeit teilweise ausgetrumpt ist. Es ist eine Familien,- Lebensgeschichte, die die letzten drei Jahrzehnte des letzten Jahrtausends mit viel Verstand, Humor und Fragen beleuchtet. Es ist ein Bildungsroman, der ganz nebenbei auch großartig unterhält.

Immer wieder taucht Jo im Text auf. Wie ein unheilverkündender Engel. Jo ist die Mutter von Duke, der in Gegenwart von Jos Einschüben im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Der Spannungsbogen ist gleich zu Anfang gesetzt, denn danach beginnt der Roman in der Vergangenheit mit der Liebesgeschichte zwischen Lili und Duke in den siebziger Jahren. Duke Butler wirkt wie ein Träumer und es ist die Liebe zu Lili Stone, die ihn in New York bleiben lässt. Sie ist die Tochter jüdischer Emigranten und kulturell gebildeter Menschen. Ihre Mutter ist Journalistin und ihr Vater ein Komponist. Duke, ein Schwarzer, stammt aus armen Verhältnissen und kommt gerade aus dem Vietnamkrieg. Er ist Trompeter, der nicht wirklich spielen kann, was im Bigband-Sound aber nicht von Bedeutung ist. Duke und Lili kennen sich bereits aus Afrika. Als Duke Fronturlaub hat, nimmt die aufgeschlossene Familie sich seiner an. Man will sich um ihn kümmern. Duke bekommt die Zuwendung, die sich Lili erhoffte. Ein Attest befreit ihn vom Dienst in „Nam“ und er bekommt eine Anstellung im Weinhandel. Da Duke vom Wein nichts versteht, ist er ein Fass, in das eigenes und neues Weinempfinden eingegossen werden kann. Gerade durch seine naive Herangehensweise und blumigen Beschreibungen des Getränks wird er ein gefragter Weinexperte. Er schmeckt die feinsten Nuancen des Weines, ist aber blind gegenüber menschlichen Schattierungen.

Lili tritt als verträumtes Pummelchen mit großer Brille auf. Duke und Lili verkörpern anfänglich das perfekte amerikanische Paar. Er, der ungebildete aus dem Süden, findet die Liebe seines Lebens und bekommt die große Chance aufzusteigen. Auch Lili verändert sich, sie mausert sich im wahrsten Sinne des Wortes. Sie entpuppt sich und als sie auch letztendlich die Brille ablegt wird sie von der Modelwelt entdeckt. Beide machen Karriere in New York und erleben die Siebziger und Achtziger Jahre.

Doch durch die Stimme von Jo und die Verwandlung von Lili in Lilith werden die Tiefen und unterschiedlichen Schattierungen der beiden, der Gesellschaft und der kommenden Geschichte angedeutet. Die Handlung nimmt diverse Wendungen. Lili scheint wie gemacht für die Werbewelt mit ihrer oberflächlichen Weltbetrachtung. Sie beherrscht das Spiel, wohingegen Duke meist kleinste Manipulationen verborgen bleiben. Hinter ihrem weiblichen Charme und ihrer Intelligenz brodelt eine Dunkelheit. Beide sind gutwillige Menschen, die aber auch Diabolisches in sich verbergen.

So webt der Roman einen Bogen über den großen Kontinent und über einen Reigen an Figuren. Weiß trifft auf Schwarz und es sind die Schattierungen dazwischen, die das Buch ausmachen. Der amerikanische Traum vom einfachen, ungebildeten Menschen zum gefragten Experten und Medienstar. Die Gier nach Wohlstand, Glamour und Geld steht der Liebe gegenüber. Eine Liebe, die aber auch zerstörerisch sein kann. Ein Roman, der sich mit vielem auseinandersetzt und genauestens beobachtet. Mit viel Hingabe und Humor werden die Nuancen der individuellen Träume der gesellschaftlichen Realität gegenübergestellt und überspitzt. Es kommt zu schockierenden Ausbrüchen, Bekenntnissen und brutalen Übergriffen. Schwarz und Weiß als Kontrast zweier Nicht-Farben, die in sich das ganze Spektrum der Farben verbergen. Das Buch macht irgendwie atemlos und versteht zu begeistern.

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Matthew Weiner: „Alles über Heather“

Alles über Heather Matthew Weiner Rowohlt

Dieser kleine Roman bietet psychologische und spannende Unterhaltung mit sehr viel Kurzweil. Zwei gesellschaftliche Pole treffen aufeinander. Eine Kleinfamilie, die an sich selber scheitert, und ein Mann, der im Leben wenig Glück und Liebe findet und eine Katastrophe auslöst.

Das Buch ist szenisch geschrieben und ein Debutroman eines sehr erfolgreichen Autors. Matthew Weiner ist Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. Er war für sehr erfolgreiche Serien u.a. „The Sopranos“ und „Mad Man“ tätig.

Aber auch das Buch selbst gehört betrachtet. Das kleine Buch ist aufwendig und sehr handlich produziert. Der Titel wirkt sehr schlicht und hinter der Schrift erkennt man ein weibliches Gesicht. Es ist auch eine wunderschöne, junge Frau, die den Kern der Handlung bildet, aber auch das Zentrum aller weiteren Protagonisten wird.

Es beginnt mit den Eltern von Heather. Karen und Mark Breakstone, die mit fast schon je vierzig Jahren heiraten. Sie werden von ihren Freunden verkuppelt, die es alle bereits zu Wohlstand gebracht haben und glücklich verheiratet sind. Mark hat so viel Erfolg bei der Arbeit, dass er sehr viel Geld verdient, aber bei der Karriereleiter stets überholt wird, weil er sich aus dem sozialen Umgang innerhalb des Unternehmens zurückhält. Karen lässt auch ihre im Verlagswesen angesammelten Erfahrungen hinter sich und möchte mit Mark eine Familie gründen. Sie führt stets Listen, die ein Für und Wieder ihrer großen Lebensfragen gegenüberstellen. Der einzige Punkt für die Ehe mit Mark ist nicht das Geld, sondern sie möchte mit ihm ein Kind. Dieses Kind ist Heather und die Familie lebt anfänglich glücklich und frei von Sorgen in Manhattan.

Zehn Jahre bevor sich Mark und Heather zum ersten Mal trafen, wurde Robert Klasky geboren. Robert, nur Bobby genannt, wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter in New Jersey auf. Bobby ist ein medizinisches Wunder, da er lebend auf die Welt kommt, obwohl seine Mutter auch während der Schwangerschaft nicht auf Drogen und Alkohol verzichten wollte. Bobby sieht das Heroin als das Beste im Leben seiner Mutter an und auch als Kind ist er gerne bereit, ihr und den wechselnden Partnern und Kunden bei der Zufuhr der Droge behilflich zu sein. Als er bei einer versuchten Vergewaltigung angezeigt wird, kommt Bobby ins Gefängnis.

Nach der Haft versucht er sich in der Gesellschaft wieder einzugliedern. Aber durch seine Vorgeschichte und den erneuten Einzug bei seiner Mutter verliert er immer mehr an Menschlichkeit. Er kann sich gewaltvoll von seiner Mutter lösen und beginnt auf dem Bau zu arbeiten.

Mark und Karen entfremden sich immer mehr. Ihr gemeinsames Lebenszentrum ist ihre Tochter, die sie verwöhnen und als diese in die Pubertät kommt, beginnen die Familienbande immer labiler zu werden. Das ganze Dasein der Eltern ist auf Heather gerichtet und als diese sich abnabelt, beginnt es immer mehr innerhalb der Familie zu kriseln. Sie wohnen in einer sehr vermögenden Gegend und die Penthouse-Wohnung über ihnen wird luxuriös umgebaut. Hier kreuzen sich die Wege der Protagonisten. Bobby ist mit auf dem Bau tätig und sieht Heather. Jetzt weiß er, was er will. Heather spürt seine Blicke, aber als Teenager fühlt sie sich wohlig begehrt und genießt es auch ein wenig. Doch als Mark die Blicke von Bobby wahrnimmt, beginnt die schwarze Geschichte…

Das Buch wurde nach Erscheinen in Amerika als eine Sensation gefeiert. James Ellroy, Michael Chabon und Nick Cave sowie weitere Künstler und Medien schreiben überschwänglich über das kleine Buch. Jetzt liegt es in deutscher Übersetzung vor und wird auch hier viele Leser begeistern können.

Der Kunstgriff des Textes sind die kurzen Abschnitte, die die jeweiligen Figuren szenisch ins Bild setzen und deren dunkle Psyche langsam herausschälen. Nicht nur wegen des Umfangs liest man das Büchlein zügig zu Ende, sondern auch wegen der sich steigernden und fiebrigen Stimmung, die die Handlung bis zum letzten Satz aufrechterhält.

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Tristan Garcia: „Faber. Der Zerstörer“

Tristan Garcia Faber der Zerstörer Wagenbach Verlag

Der Name Faber steht für den Schaffenden, den Handwerker, Künstler, Arbeiter und Pionier. Doch ist Faber im Roman und im Titel auch der Zerstörer. Das Rätsel des Buches ist die Geschichte dieser Figur und welche Faszination sowie Angst er durch seine Anwesenheit verbreitet. Als Leser lernt man Faber als einen gefallenen Helden kennen. Er ist der Letzte einer gescheiterten Aussteiger-Gesellschaft und haust in einer spartanischen Hütte in den französischen Pyrenäen. Er ist verwahrlost und wirkt autistisch. Seine Freunde Madeleine und Basile sind seinem oder einem Ruf gefolgt, ihn zu retten. Welche Macht oder welche Faszination übte Faber auf seine Freunde aus, dass sie in dem egozentrischen Menschen, der nun lediglich ein Wrack ist, einen Helden sahen oder sogar noch sehen. Wer ist Faber und warum ist er plötzlich in deren Leben aufgetaucht und genauso geheimnisvoll wieder verschwunden?

Es geht um die Bewunderung, die man als Jugendlicher noch für Menschen und Ideen haben kann. Ein gedankliches Ideal, das es im Leben zu finden gilt, aber das es wohl nie im Leben gänzlich geben wird. Jede Generation sucht ihren eigenen Halt und hat ihre eigene Vorstellung von der Zukunft. Die Generation um Faber besteht aus durchschnittlichen Mittelschichtskindern, die, wie alle Jugendlichen, die Fehler der Erwachsenen anprangern und vermeiden wollen. Als Jugendlicher verlangt man die Einlösung des Versprechens, das das Leben einem gemacht hat. Doch bleibt es oft Phantasie und die Realität gestaltet sich mit dem Erwachsenwerden anders. In diesem und vielen weiteren aktuellen Romanen, die um diese komplexen Themen kreisen, spielt die Musik von Nirvana eine treibende und beschreibende Rolle. Ein Sound, der um den empfundenen Weltschmerz komponiert wurde und sich in einem wütenden Aufschrei aufbäumt.

Die Handlung spielt in einem fiktiven Ort Mornay, das auf Französisch wie totgeboren klingt. Dies ist eine Anspielung auf das Siegel, dass sich die drei Helden des Romans ausgedacht haben. Eine Feuerkrone aus drei Zacken, die über den Ringen (wohl eine Anspielung auf „Die göttliche Komödie“), die die Stadt symbolisieren, stehen. Dieses Zeichen haben sie auf ihre Schreiben gesetzt, mit denen sie Menschen Angst einjagen wollten. Würden sie dieses Schreiben selbst bekommen, wäre es ein Hilferuf einer der drei Freunde. Da Basil und Madeleine jeweils ein Schreiben bekommen haben, reist Madeleine in die Pyrenäen, um ihren damaligen Freund Faber in den Ort ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend zurückzuführen. Trotz seines sehr verwahrlosten Erscheinungsbildes ist Faber immer noch jener Rebell, der er damals war und seine Ausstrahlung schreckt ab, aber wirkt auch auf andere Weise sehr einnehmend. Er erscheint egozentrisch und leicht größenwahnsinnig. Basil und Madeleine leben und arbeiten beide noch mit ihren jeweiligen Lebenspartnern in Mornay.

Die drei kennen sich aus der Schulzeit. Medhi Faber ist plötzlich einfach da und setzt sich für seine neuen Freunde ein. Die drei werden nicht nur dadurch ein sehr enges Gespann. Doch bleibt Faber stets der Unnahbare, den etwas Mystisches umwebt. Was ist sein Geheimnis? Warum fügt er sich selber Wunden zu? Hat sein Schmerz etwas mit dem Tod seiner Eltern zu tun? Faber ist als Jugendlicher und auch als Erwachsener gewaltbereit und sehr geschickt in Manipulationen und anderen zauberhaften Kniffen. Sein Verhalten beginnt aufzufallen, als er den Lehrkörpern sehr böse Streiche spielt. Hier wächst Faber über sich hinaus. Sein Ego nimmt mit seiner Intelligenz zu und schwillt an. Der Zerstörer tritt immer mehr hervor und die Realität vermischt sich mit Übersinnlichem. Faber wird im wahrsten Sinne immer diabolischer. Als Jugendlicher wird er politisch aktiv und seine Rebellion verursacht ein großes Chaos in der Stadt. Nach seinem plötzlichen Weggang und der Wiederkehr als Erwachsener bringt er erneut das Chaos und die Zerstörung mit. Doch wer steht wirklich hinter dem vermeintlichen Hilferuf? Wer hat die Briefe versendet? Was ist damals wirklich mit den Eltern von Faber passiert? Ist er wirklich der teuflische Dämon, wie er sich empfindet und seine Freunde ihn letztendlich meinen zu sehen? Ist alles ein eingefädelter Racheplan?

Langsam baut sich der Text wie ein Bollwerk auf und die Geschichte wird  spannend aus den wechselnden Perspektiven erzählt. Es sind die drei Freunde, die erzählen. Gegen Ende kommt eine weitere Stimme hinzu, der eigentliche Erzähler rundet das Bild ab.

Ein toller, verwirrender Roman, der einige Fragen aufwirft. Eine Geschichte, die fesselt und besonders die Figuren plastisch hervortreten lässt. Ein raffiniertes, besonderes Buch, in dem sich Grenzen verwischen: Länder- und Stadtgrenzen, psychologische und philosophische Barrieren und die Grenze zwischen den Jugendlichen und dem erwachsenden Weltempfinden. Die feine Linie zwischen fantastischer Literatur und einem Entwicklungsroman verschwimmt in diesem Roman zusehends. Ein bewegendes Buch, das überrascht, belehrt und unterhält.

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