Frank Zöllner: „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“

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Leonardo da Vinci war ein Wissbegieriger, ein Naturbegeisterter und ein Künstler, der fast alle Materialien beherrschte. Seine Forschungen, seine Ideen prägten die italienische Renaissance und reichen bis in unsere Gegenwart. Seine Werke sind von bleibender Schönheit und sind wortwörtlich bildende Kunst.

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Wir feiern diesen Lebenskünstler, der 1452 im toskanischen Vinci als unehelicher Sohn des Notars Ser Piero geboren wurde und am 2. Mai 1519 auf Schloss Clos Lucé in Amboise verstarb. Es ist sein 500-jähriger Todestag, der erneut eine seiner Renaissancen eingeläutet hat. Zum Glück bedarf es nicht nur der Werke von Dan Brown, um dies Universalgenie in Erinnerung zu behalten.

Michelangelo Buonarroti und Leonardo da Vinci sind für mich die bedeutendsten schaffenden Künstler. Ihre Werke strahlen und wirken bis zur Gegenwart. Wenn man das Glück hat und vor den Werken in den Museen steht, bekommt man einen Eindruck ihrer Begabung, ihres Könnens und ihres Wissens. Besonders Leonardo da Vinci war bereits als Kind stets wissbegierig und sehr naturbegeistert. Später in Florenz beginnt Leonardo seine Ausbildung bei dem Bildhauer und Maler Andrea del Verrocchio. Doch Leonardo lernt überall und immer. Er war Musiker, Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur und Philosoph. Leonardo schuf zahlreiche Kunstwerke, eine große Anzahl von Entwürfen für Gebäude, Maschinen, Kriegsgeräte, Kunstgegenstände, Gemälde und Skulpturen. Das Tun und Erkennen war sein Lebensmotto. So machte er auch umfangreiche anatomische Studien, um das Leben zu begreifen und auch besser in der Kunst darstellen zu können. Leonardo war eine Ausnahmeerscheinung und doch während seines ganzen Lebens in der nicht gerade armen Renaissance abhängig von Sponsoren.

Das Buch „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“ ist ein wunderbarer Brocken von einem Buch, das jetzt nach neuestem Forschungsstand aktualisiert und als Jubiläumsausgabe erschienen ist. Es ist laut dem Verlag das umfassendste Buch, das es über Leonardo gibt. Es umfasst sämtliche Gemälde und fast 700 Zeichnungen. Besonders reizvoll sind die vielen Detailvergrößerungen. Ein Kunstbuch, das es somit möglich macht, den Werken näher zu kommen als in einem Museum. Das Können des Genies wird in den kleinsten Nuancen sichtbar und begeistert immer wieder aufs Neue. Mit dem umfangreichen Textanteil und ergänzenden Abbildungen umfasst das Werk das ganze Leben und Schaffen von Leonardo da Vinci.

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Ein Buch, das für alle Kunstliebhaber ein Geschenk ist. Frank Zöllner gilt als der Leonardo-Experte und verfasste diverse Kunstbücher. Er ist Professor für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte an der Universität Leipzig.

Die Bilder durfte ich mit freundlicher Genehmigung des Verlages TASCHEN (www.taschen.com) verwenden                                                      Zum Buch / Shop

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Giulia Becker: „Das Leben ist eins der Härtesten“

Giulia Becker Das Leben ist eines der Hätesten Rowohlt

Ein toller, witziger Lesespaß. Es geht um Menschen in einer Kleinstadt. Es sind Figuren, die herrlich schräg und am Rand der Gesellschaft leben. Beim genaueren Hinsehen erlebt man die Protagonisten aber mittendrin in unserer Gesellschaft. Sie agieren in Umfeldern, die eine Zuflucht aus der Realität anbieten. Zum Beispiel eine Bahnhofsmission, die vom Leiter eher als trendiger Aufenthaltsort umfunktioniert wird und bloß nicht mehr die eigentliche Zielgruppe einer solchen Mission ansprechen soll. Ein Badeparadies Tropical Island, dass auf Dauer auch schwer erträglich zu sein scheint. Die Ferienanlage gaukelt ja irgendwie nur das tropische Paradies vor und ist dann doch eine verteuerte Schwimmhalle mit chlorhaltigem Wasser und versalzenem Essen. Die Handlung wird bestimmt durch das Anhalten und den Versuch des Ausbruchs aus dem Gesellschaftlichen und den Beziehungsproblemen. Dies wird verdeutlicht durch das Betätigen der Notbremse eines fahrenden Zuges. Aber dies passierte bereits Jahre vor der eigentlichen Handlung, bestimmt aber immer noch das Leben der Protagonisten.

Giulia Marie Becker ist eine deutsche Autorin, Fernsehmoderatorin und Musikerin. Bekannt ist sie durch die Fernsehsendung „Neo Magazin Royale“ und als Mitglied im Autorenteam von Jan Böhmermann. Nun hat sie ihr sehr witziges und übersprudelndes Debüt geschrieben, das besonders durch das Personal begeistert. Im Vordergrund steht Silke. Sie war mit einem herrischen Mann verheiratet und als sie vor 27 Jahren alle ihre beruflichen sowie privaten Interessen hinter die ihres Mannes stellen sollte, zog sie damals die Notbremse. Da sie dies im wahrsten Sinne des Wortes gemacht hatte, verlor sie ihren Job, ihre Ehe und hat seitdem einen hohen Berg an Schulden. Ein Teil der Schadensersatzforderungen wurde in Sozialstunden umgewandelt, die sie bis heute in der Bahnhofsmission des Ortes abarbeitet. Ihre Familie und Freunde haben sie mit ihren Problemen alleingelassen. Nur Renate hält weiterhin zu ihr. Renate könnte die kleine Schwester von Cindy aus Marzahn sein. Aber auch sie leidet gerade sehr. Ihr Hund ist verstorben. Dies ist auch der Einstig in das Buch, der trotz eines toten Hundes sehr witzig ist. Der Name des Schoßtieres ist Mandarine Schatzi. Als Renate ihr Herzstück alleine in der Wohnung gelassen hatte, erstickt der Hund in einer Punica-Flasche. Ihre Trauer bewältigt Renate erfolgreich mit Teleshopping. Dann gibt es da noch die Männer: der Taubenzüchter Willy-Martin, der sich beim Onlinespiel in seine Gegnerin verguckt. Der kurze Chat wird schnell Realität, denn die Frau zieht kurzerhand zu Willy-Martin zusammen mit ihrem sabbernden Hund. Der Obdachlose Zippo, der sich mit Postkarten-Lyrik durchs Leben kämpft, dann aber so sehr erkrankt, dass er Silkes ganze Aufmerksamkeit bekommt. Plötzlich taucht auch noch Silkes Exmann in der Bahnhofsmission auf. Er will Silke mit seiner gespielten Lebensveränderung zurückerobern.

Silkes ältere Nachbarin, Frau Goebel, will, bevor sie das Zeitliche segnet, noch einmal unter Palmen liegen und Aras sehen. Kürzlich sah sie im Fernsehen einen Beitrag zum ostdeutschen Paradies Tropical Islands. Sie kann Silke und Renate überzeugen, dass auch diese unbedingt mal eine Auszeit benötigen würden. Willy-Martin, der ebenfalls auftaucht, weil er vor seiner neuen Bekanntschaft flieht und Silke aus einer Selbsthilfegruppe kennt, reist mit den drei Frauen über das Wochenende in das verheißungsvolle Badeparadies. Doch ob die vier durch diese spontane Reise genügend Abstand zu ihren eigentlichen Problemen erhalten, wird sich zeigen müssen. Eventuell sind dann noch Rocksongs von Doro, Frank Rosins ehrliche Fernsehbeiträge oder ein Spendenlauf nötig, um den schrägen Figuren die Augen zu öffnen.

Ein schönes, buntes Leseabenteuer voll herrlicher, schräger Protagonisten und Handlungsstränge. Ein Text, bei dem man immer wieder viel zum Schmunzeln und oft zum Lachen animiert wird. Die Charaktere wachsen einem ans Herz und letztendlich bangt man mit diesen mit. Ein launiges Buch, das neben den deprimierenden Leben und dem ganzen Schein und Sein einen der möglichen Lebenswitze erzählt.

Siehe auch die Besprechung von Mareike Fallwickl im Bücherwurmloch

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Vea Kaiser: „Rückwärtswalzer“

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Vea Kaiser schafft es stets, auf gutem Niveau zu unterhalten. Es ist ihr dritter Roman und erneut schreibt sie voller Hingabe für ihre Figuren und Geschichten. Es ist ein Unterhaltungsroman, der Spaß macht. Die eigentliche Handlung, die Überführung einer Leiche in die Heimat, wird durch ergänzende Erzählstränge ausgefächert. Ein durch diverse Lebenskrisen gebeutelter Schauspieler und seine drei Tanten machen sich von Wien auf, um nach Montenegro zu fahren, weil der tote Onkel in seinem Geburtsort beerdigt werden wollte. Die Reise beginnt erst in der Mitte des Romans und ist nicht nur dadurch ein erfrischendes Roadmovie, sondern auch eine Reise durch die Geschichte der Familie Prischinger und durch die Jahrzehnte.

Lorenz Prischinger ist pleite, sein letzter Auftritt als Schauspieler ist lange her. Vor längerer Zeit hatte er eine Rolle in einem Pilotfilm und hofft auf den Startschuss der Dreharbeiten zur eigentlichen Serie. Doch ahnt er vorerst nicht, dass seine Rolle gestrichen wurde und ohne ihn bereits gedreht wird. Wenn jemand bei ihm an der Tür klopft, hat er nun beständig Angst, der Zwangsvollstrecker stehe davor. Denn er hat sich einen gewissen Lebensstandard angewöhnt, den er sich aber schon seit langer Zeit nicht leisten kann. Er lebt in einer Fernbeziehung, die auch kurz vor dem Scheitern steht. Also ist er vorerst mit seinen Problemen allein. Wären da nicht sein Onkel Willi und seine tollen Tanten, Mirl, Wetti und Hedi, die ihm immer wieder mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch jetzt fährt er zu ihnen, um sie um Geld anzubetteln. Doch diesmal wird er dort nur durch das üppige Essen verwöhnt.

Der Rückwärtswalzer beginnt. Die Geschichte von Lorenz Vater, Sepp und seinen drei Schwestern wird zurückblickend erzählt. Damals hatte Sepp auch noch einen Bruder, den Nenerl. Es ist die Geschichte einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel. Die Geschwister sind alle unterschiedlich und erleben ein Drama, das sie jahrelang beschäftigen und begleiten wird. Hedi, die jüngste der Schwestern, lernt später als Krankenschwester Willi kennen und lieben. Zu einer Zeit als Hedi sehr mit ihrem eigenen Leben hadert.

Onkel Willis Geschichte ist ebenfalls durch diverse Wendungen geprägt. Seine Kindheit und Jugend erlebte er in den Bergen Montenegros. Zu Willi wurde er auch erst später. Sein eigentlicher Name ist Koviljo. Sein Vater ist Fuhrmann und Trinker. Da beides keine gute Kombination ist, verliert er durch einen Unfall seine Arbeit. Da Koviljos Mutter, bevor sie schwanger war, als Hausmädchen tätig war, bekommt sie durch eine glückliche Fügung ihre alte Arbeitsstelle zurück. Die Familie zieht ans Meer und Koviljo wird vom neuen Hausherrn zu Willi umbenannt. Hier erlebt Willi neben dem ungewohnten Luxus auch ein neues Familienleben. Als er später als junger Mann einen Unfall hat, trifft er auf Hedi, die ihn pflegt.

Hedi und Willi leben zusammen und immer in der Nähe der Schwestern, Mirl und Wetti. Die Nachkriegszeit hat sie alle geprägt und so versuchen sie, ihre Ess- und Lebensgewohnheiten an die folgende Generation, besonders den gescheiterten Schauspieler Lorenz, zu vermitteln. Als Willi nun plötzlich stirbt, stehen alle vor einer besonderen Herausforderung. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro beerdigt werden. Doch es fehlt das Geld. Willi hatte hierfür ein extra Sparbuch angelegt, das aber von der Familie, ohne sein Wissen, schon lange geplündert wurde. Kurzerhand wird die Reise mit dem kleinen Panda geplant. Lorenz und seine drei Tanten begeben sich auf die abenteuerliche und skurrile Reise von Wien in den Balkan.

Die ganzen Irrungen und Wirrungen innerhalb der Familie und deren Geschichte nimmt Fahrt auf. Neben der Leichtigkeit stehen auch das Tragische, der Verlust und die Geheimisse der jeweiligen Protagonisten.

Es sind erneut die schrulligen Figuren, die Vea Kaiser zum Leben erweckt und ihre Liebe zum Erzählen, die das Buch zu einem Lesespaß machen. Ich hatte sie seit ihrem Debüt „Blasmusikpop“ als Anwärterin einer Irving-Erbin ins Auge gefasst. Jetzt hat sie auch noch einen Bärenforscher ins Leben gerufen, der sie noch ein wenig näher an das amerikanische Vorbild rückt. „Rückwärtswalzer“ ist charmante Unterhaltung mit Kaiser-Schmäh.

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Axel Milberg: „Düsternbrook“

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Der Schauspieler Axel Milberg hat einen Roman geschrieben, in dem er literarisch in seine Kindheit zurückreist. Auch ist das Buch eine Liebeserklärung an Kiel. Der stille, melancholische und humorvolle Schauspieler hat eine tiefe Verbindung zu Kiel, besonders zum Stadtteil Düsternbrook. Hier lebte er seit seiner Geburt im Jahr 1956 bis 1979, als er nach München zog und an der Otto Falckenberg Schule das Schauspielstudium absolvierte. Er ist bekannt durch viele Kino- und Spielfilme. Als Sprecher bei den Drei ??? und als Kieler-Tatort-Kommissar Klaus Borowski wurde er einem großen Publikum bekannt.

Der Roman „Düsternbrook“ ist autobiografisch und erzählt die Kindheit von Axel Milberg. Das Kieler Villenviertel Düsternbrook spiegelt nun seine ganze Welt. Die Erinnerungen sind in kurzen Szenen, d.h. Kapiteln leicht und chronologisch erzählt. Fast schon traumwandlerisch schreibt Axel Milberg. Die Figur des kleinen Axel wird von Seite zu Seite charmanter und zugänglicher. Auch die Landeshauptstadt Kiel, die Stadt, die als Zentrum einen Wasserkeil, die Förde, hat, bekommt eine tragende Rolle im Text. Das ganze Buch lebt durch viel Empathie und Humor.

Axel wächst mit seinem Bruder und seiner Schwester behütet auf. Sein Vater ist Jurist und macht Werbung als Scheidungsanwalt in der Kieler-Straßenbahn, die dem jungen Axel etwas peinlich ist. Er liebt es, mit seiner Mutter in die Innenstadt zu gehen. Entlang der Förde bis zu Karstadt am Alten Markt, um dort seine Wiking-Sammlung mit neuen Modell-Autos zu erweitern. Doch ist innerhalb seiner Familie und auch im Stadtteil Düsternbrook nicht alles heller Sonnenschein. Es zeigen sich auch diverse Schattenseiten. Axel geht auf die Reventlouschule und später auf die Kieler Gelehrtenschule. Sein bester Freund darf ihn irgendwann nicht mehr besuchen, da sie zu sehr mit dem Feuer gespielt hatten. Er verliebt sich beim Tennisspielen in ein Mädchen und bekommt in der Schule erste Bühnenerfahrung. Angeregt durch Karl May hat er ein kleines Theaterstück geschrieben, das auch in der Schulaula aufgeführt wird.

Ein kleiner Spannungsbogen legt sich um die Handlung. Ein merkwürdiger Mensch findet eine Box und diese regt seine krankhafte Phantasie an. Ein rätselhaftes Verschwinden von Kindern breitet sich aus. Axel vermutet, es könnte etwas mit den Außerirdischen zu tun haben, von denen er kürzlich durch einen Vortrag von Erich von Däniken in der Schule erfahren hat. Die Theorien von Dänikens beschäftigen den Jungen länger, denn auch er fremdelt mit seiner Umgebung und dies wäre doch eine passende Erklärung. Als ein Junge aus dem engeren Umfeld von Axel beim Rodeln auf der berüchtigten Todesbahn verschwindet, wird auch das Leben in Düsternbrook dadurch berührt.

Aus dem jungen Axel Milberg wird ein junger Mann, der sich in der Welt noch finden soll. Er beginnt ein Literaturstudium in Kiel, begegnet dann aber Gert Fröbe und sein ewiger Traum, Schauspieler zu werden, nimmt langsam Gestalt an. Nach einer Reise wächst die Idee, Kiel zu verlassen und er geht nach München. Der Roman endet hier, wo das öffentliche Leben von Axel Milberg seinen Anfang nimmt.

Ein schöner Kiel-Roman eines berühmten Schauspielers, der die Türen zu seiner Kindheit öffnet und uns teilhaben lässt. Ein charmanter Roman voller kindlicher Abenteuer und Erlebnisse. Das Buch wird ummantelt durch zwei Bilder, die Axel Milberg als Kind gemalt hat. Auch in den Bildern ist Kiel sehr farbenfroh zu erkennen.

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logo Siehe auch das Interview mit Axel Milberg „Die Welt in einer Nussschale“: www.kielerleben.de

 

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Mustafa Khalifa: „Das Schneckenhaus“

Mustafa Khalifa Das Schneckenhaus Weidle Culturbooks

Ein Roman, der sich tief eingräbt und nach dem Lesen Spuren hinterlässt. Ein erschütterndes Werk, eher ein Zeitdokument, das sich beim Lesen und weit darüber hinaus im Leser einnistet. Die Flut an Bildern, Geschehnissen und Charakteren geht einem sehr nah. Immer wieder wird man als Leser an die Grenzen geführt, die Grenzen, die das Menschliche und Ertragbare überschreiten. Doch gerade dies ist das – sofern man dies bei diesem Roman sagen kann – Faszinierende am Text. Aus der Distanz als Leser erahnt man die Schrecken, die der Protagonist und Autor erlebt haben und kann diese doch nur in Teilen literarisch nachempfinden. Wie ist solche Gefangenschaft in der Realität ertragbar? Der Autor und der Namenlose im Roman haben gelernt, sich zurückzuziehen, sich in einem eigenen, seelischen Schneckenhaus zu verstecken. Nur bedingt nimmt er das Umfeld wahr und verschließt sich letztendlich immer mehr, um zu überleben.

Der Text ist ein Tagebuch, das zeitlos ist. Der Protagonist hat während der Inhaftierung angefangen im Kopf zu schreiben. Erst den ersten Satz, diesen ständig wiederholt, den zweiten Satz gebildet und dann beide wiederholt und so weiter. Wie ein inneres Mantra ist somit dieses Tagebuch im Kopf gewachsen, das nun als Roman vorliegt.

Von 1982 bis 1994 war Mustafa Khalifa in Syrien inhaftiert. Sein 2007 auf Französisch und 2008 in Arabisch erschienener Roman wurde bereits in neun Sprachen übersetzt und gilt als das meistgelesene Buch in Syrien. Gefängnisliteratur ist in Syrien eine wichtige Literaturgattung und schafft somit eine Möglichkeit, sich mit der grausamen Geschichte des Landes auseinanderzusetzen. „Das Schneckenhaus“ ist ein wichtiges Zeugnis und zeigt die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse.

Der Protagonist und die Jahreszahl bleiben im Roman unerwähnt. Auch das Land und der Ort werden niemals genannt. Lediglich durch die Nennung der Gefängnisse, dem Wüstengefängnis und später dem Berggefängnis weiß man sofort, wo sich die Handlung abspielt.

Der Roman beginnt in Paris. Ein junger syrischer Absolvent der Filmhochschule verabschiedet sich von seiner Lebensgefährtin. Er vermisst seine Heimat und fliegt nach sechs Jahren in Frankreich nach Damaskus. Kaum ist er gelandet, gibt es Probleme bei der Passkontrolle. Die Beamten behalten seine Papiere und er wird vom Geheimdienst flankiert zum Verhör gebracht. Ihm wird kein Grund genannt. Später wird herauskommen, dass jemand ihn vor Jahren denunziert haben muss. Die erste Folter beginnt. Er soll einer verbotenen Muslimbrüderschaft angehören, dabei betont er immer wieder, getaufter Christ und obendrein Atheist zu sein. Es kommt zu keiner Anklage noch gerechter Verhandlung. Nach den ersten Erniedrigungen und Gruppenhaftzellen wird er in die wahre Hölle, das sogenannte Wüstengefängnis, verlegt. Mit viel Glück überlebt er die „Willkommensparty“. Aber seine Genesung dauert länger. Er bekommt anfänglich Unterstützung, doch als die Mitgefangenen erfahren, dass er ein Christ ist und sogar behauptet Atheist zu sein, bekommt er auch durch seine Zellgenossen Probleme. Die beständige Entmenschlichung, Erniedrigung und Folter kann er nur überstehen, weil er sich wie eine Schnecke in ein Schneckenhaus zurückzieht. Dabei beobachtet er, notiert im Kopf und wartet auf Erleichterung… Auf diese muss er dreizehn Jahre, drei Monate und dreizehn Tage warten… Doch auch nach seiner Entlassung dauert es lange, bis er die Freiheit erfährt…

Ein wichtiges, schwerverdauliches Werk. Das sich wie ein Faustschlag in die Magengrube der Menschlichkeit liest.

Ein Tagebuch, das während der Zeit der Gefangennahme in Gedanken geschrieben wurde und das nun, nach der Freilassung, zu Papier gebracht wurde, dokumentiert den Terror. Ein Roman als Erinnerung an die Gefangenen und Ermordeten.
Es ist ein Buch, das man nicht selten aus der Hand nimmt, um zu pausieren. Dennoch kann ich nur betonen, wie lohnenswert und wichtig diese Lektüre ist.

Der Roman wurde aus dem Arabischen von Larissa Bender übertragen und durch ein Nachwort von ihr ergänzt, dass sehr zum Verständnis des Textes beiträgt.

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Éric Vuillard: „14. Juli“

Eric Vuillard 14. Juli Matthes & Seitz

Éric Vuillard beleuchtet in seiner Literatur stets Momente der Geschichte. Mit dem Roman „14. Juli“ schildert er die Geburtsstunde der Französischen Revolution. Ein Text, der komprimiert die Revolution erlebbar macht. Man überblickt zügig das ganze Geschehen, das in Frankreich seinen Anfang nahm und die ganze Welt beeinflusste. Das beeindruckende Buch, das von Nicola Denis übersetzt wurde, gibt jenen Menschen einen Namen, ein Gesicht, die dabei waren, die für ihre Freiheit und Gleichberechtigung gekämpft haben. Aus vielen einzelnen und persönlichen Perspektiven schildert Éric Vuillard den Beginn der Unruhen, die Plünderungen und die Erstürmung der Bastille. Es sind Menschen, die hungern und aufgebracht sind. Es ist eine sommerliche Hitze, die die Gemüter immer weiter aufkochen lässt. Die Menschen kommen auf die Straßen und werden immer mehr. Es wird eine Menge, die sich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bewaffnet. Was ist eine Menge, was kann sie bewirken und wie wird daraus ein Volk? Mit wenigen Worten wird das Geschehen im Jahr 1789 sehr temporeich geschildert. Eine Sprache, die literarisch ist. Ein Inhalt, der geschichtsversessen ist und den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Die Legitimation des Absolutismus ist im König verkörpert. Es ist Ludwig XVI. Doch leider ist dieser König nicht der hellste Kopf. Seine Gattin, Marie-Antoinette, war bei seinen Staatsgeschäften involviert. Als Hungerrevolutionen in Paris ausbrachen, reagierten die Menschen auf die herrschende Klasse verbittert, da diese sie durch ihre Aussagen und Taten verhöhnten. Dabei war es diese Klasse und deren Lebensstil, die den König zwang, den Staatsbankrott zu verkünden. Es schossen daraufhin diverse Vereinigungen und Redner aus dem Boden, die den Weg zur Revolution ebneten. Die ersten Unruhen wurden sehr blutig und es gab überall viel Elend und Gewalt. Eines Nachts versammelten sich erste Gruppen auf den Straßen. Waffenarsenale und die Theaterrequisiten wurden geplündert. Aus falschen Speeren wurden echte Schlagstöcke. „Die Realität plündert die Fiktion. Alles wurde wirklich.“ Die Kirchenglocken in Paris schlugen Alarm, doch es war zu spät, die aufgebrachte Menge erstürmte die verhasste Festung…

Es sind die Menschen, die durch ihre Einzelschicksale diesen Moment beleben.  Ein literarisches Werk, das ein geschichtliches Ereignis erlebbar macht. Freiheit, Gleichheit und Brüderlich-, d.h. Geschwisterlichkeit wird im Panorama dieser Erzählung verdeutlicht. Freiheit bedeutet auch Gleichheit aller Menschen. Ein Buch, das begeistert, lehrreich ist und die Zeit in den Mittelpunkt stellt, die Europa für immer verändert hat.

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Tom Perrotta: „Mrs Fletcher“

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Wie schnell kann man sich eine neue Identität geben? Schnell ist eine erdacht und schnell lebt diese in der Phantasie, doch wie weit kann diese im eigenen Leben lebendig werden? Tom Perrotta hat mit Mrs Fletcher eine Figur geschaffen, die sich neu erfinden möchte und mit ihrem noch geheimen Ich ihr bisheriges Leben durcheinanderwirbelt.

Tom Perrottas Romane sind schon öfter Vorlagen für Filmadaptionen gewesen und auch „Mrs Fletcher“ läuft 2019 als HBO-Serie. Der Roman, der von Johann Christoph Maass übersetzt wurde, erzeugt eine gewisse Faszination. Die Figuren und die Handlung sind humorvoll, regen an, schaffen eine Neugier, sind aber auch teilweise vorhersehbar, d.h. schablonenhaft. Es ist ein Roman über die Möglichkeit, ein neues Leben zu führen bzw. seine Position im Leben zu finden und zu bestimmen.

Eve Fletcher lotet mit 46 Jahren ihr Leben neu aus. Auch ihr Sohn muss sich seinen Weg ins Leben bahnen, d.h. diesen finden. Dabei treffen beide auf unterschiedliche Menschen, die Ihnen dabei behilflich sein können und sind. Menschen, die aber meist auch oft in der Selbstfindungsphase sind und mit ihrem bisherigen Lebensstil hadern. Die Menschen, die in sich ruhend sind, laufen vorerst an den Protagonisten vorbei.

Der Roman beginnt mit dem Auszug von Brendan. Eve ist alleinerziehende Mutter und packt gerade den Wagen, damit sie ihren Sohn zum College fahren kann. Brendan hat sich das College aufgrund der dortigen Feiermöglichkeiten ausgesucht und ist selbst heute, am Tag der Abreise, verkatert und überlässt seiner Mutter das Packen. Als die Ex-Freundin ihres Sohnes auftaucht, muss Eve erleben, wie ihr Sohn Frauen behandelt. Doch zu einer Aussprache kommt es dann doch nicht und Eve lädt ihren Sohn später am College ab, wo er lernen muss, was es heißt erwachsen zu werden. Seine Abenteuer, die er dort im Zwischenmenschlichen erlebt, sind nicht alle sehr glorreich.

Mrs Fletcher, d.h. Eve, ist nun allein zuhause und reflektiert ihr Leben. Sie will ab sofort ihre Rolle neu definieren und möchte ihr wahres Ich finden und dieses Leben. Sie möchte mehr wagen, sie möchte sich sexuell ausleben – weiß aber noch nicht wie. Auf diesem Weg trifft sie auf neue und alte Freunde, die ihren Weg begleiten. Ihre Arbeit in führender Position in der geriatrischen Betreuung erfüllt sie anscheinend nur begrenzt. Sie verlangt vom Leben etwas mehr, sie möchte mehr erleben – nur was und wie?

Ein Roman voller Sex, Begehren, Elternschaft und sich in der Welt finden und definieren. Das Leben, die Liebe und irgendwie alles Drumherum werden für die Protagonisten ein Abenteuer, das sie nicht immer wie Helden erscheinen lässt. Eine Lektüre über Identität und sexuelle sowie kulturelle Unsicherheiten.  Die selbst auferlegten Grenzen können überschritten werden, besonders in der Phantasie. Aber diese Übertritte können auch Gefahren beinhalten. Tom Perrotta eröffnen diese Grenzüberschreitungen Möglichkeiten, die er seine Figuren in dem vorliegenden Buch durchspielen lässt.

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