Frank Berzbach: „Die Kunst zu lesen“

Ein Buch über das Lesen. Eine Ansammlung von Texten über die Liebe zum Buch. Literatur ist Inhalt unseres Lebens. Romane können eine Flucht aus der Realität anbieten, aber auch genau diese, die Wirklichkeit, besser verständlich machen. Mit Schriftstücken können wir gedanklich die Welt bereisen und sie uns ein klein wenig näher bringen. Seitdem Momo eine Stundenblume erhalten hat und Kassiopeia Momo verlässt, um sie zu finden, reiten wir doch alle auf Fuchur durch das Reich Phantásiens und erleben unsere intimen Glücksmomente.

Frank Berzbach ist Sammler, Vielleser und ein Autor, der zu begeistern versteht. Sein Buch mit zwei Titeln, „Die Kunst zu lesen“ und „Wir sehen die Welt, ihre Kunstschaffenden und ihre Schönheit. Sich ihr hinzugeben bedeutet, sie zu lesen“, trägt den Übertitel: „Ein Literaturverführer“. So ist das Buch auch zu lesen, als ein Verführer, und man stöbert mit Frank Berzbach durch seine Buch- und Plattensammlung und erinnert sich und notiert eigene Lücken. Die beiden Titel ergeben sich durch die großartige Gestaltung des Buches. Der transparente Schutzumschlag bedeckt den langen Titel und es ergibt sich durch Streichungen im Layout der kürze Titel: „Die Kunst zu lesen“. Das Buch ist illustriert von Ada Romanova.

Ist lesen eine Kunst? Das Konsumieren fällt leichter als das Erschaffen von Weltliteratur. Doch ist es, indem man sich der Literatur widmet, eine ganz persönliche Zuwendung und es entsteht etwas Eigenes. Somit wird die Kunst zur Kunst. Das Lesen und die Welt der Bücher können die Welt verändern. Zumindest den individuellen Blick auf und in diese.  Wer liest, sieht und erlebt mehr. Wer Bücher über Kunst oder Musik liest erlebt diese intensiver. Dies lässt sich auf alles anwenden. Literatur kann uns zu leidenschaftlichen Menschen machen. Bücher machen die Welt erfahrbarer und erlebbarer. Dies zeigt Frank Berzbach uns in jedem Kapitel, das er dem entsprechenden Personenkreis seines Umfeldes gewidmet hat. Jedes Kapitel ist somit ein Schreiben, wenn nicht sogar ein Brief an die Menschen, die wiederum Frank Berzbach Anstoß gaben, etwas zu lesen oder die entsprechende Musik zum Buch auszuwählen. Briefe sind ebenfalls fixierte Gefühls- oder Wissensmomente, die einem Drang nachgeben, sich mitzuteilen. Somit sind diese bereits auch schon Fragmente der Literatur. Wenn man diesen Literaturverführer liest, folgt man den klugen Gedanken des Autors über sein Bücherregal. Dabei ertappt man sich immer wieder, dass man sich mit dem Autor freut, weil man gleiches denkt oder fühlt. Buchmenschen werden bei der Lektüre in Frank Berzbach einen Seelenbruder finden. Das Buch bietet ferner viele Anregungen und Hinweise, so dass man dieses Werk über die Literatur einfach lieben muss. Es kann ein Vademecum für jeden Buchmenschen werden.

Ein Buch, das sich liest wie ein Gespräch mit einem guten Freund. Man hört gemeinsam gute Musik, trinkt eventuell einen feinen Wein und redet über Bücher. Dabei ist es ein Gespräch unter Freunden und fern von Bildungsprahlerei. Das hat Frank Berzbach nicht nötig, sondern er zeigt eher wie faszinierend, magisch und wichtig die kunstvolle Literatur ist. Jedes Buch hat die Chance, Leben zu verändern, wenn wir uns den Zeilen gegenüber öffnen. Dies sollte man einfach tun und unbedingt „Die Kunst zu lesen“ lesen. Ich verspreche, es werden erlesene Stunden!

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Jürgen Meier: „Wöbkenbrot und Pinselstrich“

Der Roman erzählt die Geschichte zweier Familien von der Kaiserzeit bis zu den Studentenbewegungen der Nachkriegszeit. Anhand dieses literarischen Einblicks in die einzelnen Schicksale werden wir Zeugen der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts und somit kristallisiert sich auch unsere aktuelle Geschichte heraus. Es beginnt bei den patriotischen und nationalsozialistischen Ideologien in der Gesellschaft des vorherigen Jahrhunderts und endet mit der Generation, die sich von dieser menschenverachtenden Weltanschauung  und der Verblendung lösen möchte. 

Es beginnt 1910 und Johannes Becker beginnt in Chemnitz sein Ingenieursstudium. Voller Tatendrang und Ehrfurcht zieht er in seine neue Umgebung. Als Student lernt er schnell und macht innerhalb der Burschenschaft von sich hören und wird zügig einer der Bundesbrüder. Johannes, der sein Studium zügig absolviert hat, darf sich nicht, wie er es sehnlichst wünschte, dem Heer anschließen. Ingenieure werden für die Planung der Kriegsmaschinerie benötigt. Auf einer Rückreise von einem Vortrag lernt er Hulda Koch kennen. Sie wird von ihm schwanger und versucht dieses vorerst vor ihm geheim zu halten, doch greift ihr Vater ein und somit kommt es zur Ehe. Sie wendet sich in Folge aber von Johannes ab, da er zunehmend der Ideologien der Nationalsozialisten folgt.

Familie Meyer in Ostwestfalen ist die zweite Familie, deren Schicksal beschrieben wird. Karl bereichert sich am jüdischen Eigentum und sein Sohn, Gottfried, folgt seiner Verblendung für Hitler. Der Wunsch, der in seinem Namen keimt, ist somit nicht gesät. Später lernt er Ingeborg Becker kennen, die Tochter von Johannes. Der Krieg und die Nachkriegszeit lassen die Charaktere unverändert zurück. Gottfried bleibt geprägt durch die nationalsozialistischen Ideologien. Der Krieg, die Gewalt, der Hass und die Massenvernichtungen haben ihn nicht verändert. Er hat aus der menschenverachtenden Zeit keine Lehre ziehen können. Sein Sohn, Georg, wird es sein, der sich aus dem Sumpf der Vergangenheit lösen möchte. Georg sieht die große Schuld und schließt sich der jungen Generation an, die sich und die Gesellschaft von den braunen Ideologien befreien will.

Der Roman zeigt die individuelle Verstrickung zweier Familien im vergangenen Jahrhundert. Der Blick zurück verweist auf unser Jetzt. Der Roman ist tiefgründig, spannend und gut geschrieben. Die Figuren erlangen eine Plastizität und spiegeln durch ihr Handeln einen ganzen gesellschaftlichen Werdegang.

Der Hildesheimer Autor Jürgen Meier arbeitet in einer Werbeagentur ist Journalist und Autor. Von ihm liegen Buchveröffentlichungen und Theaterstücke vor. Für den NDR und MDR hat er einige Dokumentarfilme gemacht. Mit „Wöbkenbrot und Pinselstrich“ hat er einen toll geschriebenen, spannenden und historischen Familienroman veröffentlicht.

Siehe auch: „Wöbkenbrot und Pinselstrich“ – Lesung und Gespräch  im Rahmen von Leipzig liest extra (YouTube)

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Dany Laferrière: „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“

Wird nicht der schreibende Mensch ein empfundener Nachbar von uns, wenn man dessen Werke liest? Ist die Identität für das Begreifen einer Lektüre von Nöten? In dem Roman von Dany Laferrière werden auf humorvolle Weise die Identität und die Zugehörigkeit beleuchtet.

Dany Laferrière wurde in Port-au-Prince Haiti geboren. Aufgrund des politischen Klimas sah er sich gezwungen ins Exil zu gehen. Er lebt in Montreal und seine Werke sind bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Einen ähnlichen Weg beschritt auch sein Erzähler im Roman. Das Buch erschien 2008 im französischen Original und liegt nun in der deutschen Übersetzung von Beate Thill vor.

Der aus Haiti stammende Autor lebt in Montreal. Er ist oft mittellos und schuldet seinen Vermietern auch zuweilen die Miete. Er lebt vom Schreiben und denkt gerade über sein neues Werk nach. Werk ist dabei eigentlich schon zu weit gegriffen, denn das Wichtigste ist vorerst ein guter Titel. Bei bestimmten Werken der Weltliteratur haben sich die Titel in der Gesellschaft verfestigt, so dass durch Nennung jeder ein Bild hat. Dabei ist es meist unwichtig, ob das Werk gelesen wurde oder nicht. Hiervon träumt der Autor. Als sein Verleger weiteres Wissen möchte, entscheidet sich der Erzähler spontan für den Buchtitel „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“. Der Titel gefällt und entlockt dem Verleger sogar einen Vorschuss.

Warum sollte ein auf Haiti geborener Schriftsteller, der in Kanada lebt, nicht auch ein japanischer Schriftsteller sein? So kreisen zumindest die Gedanken des Erzählers um den zukünftigen Lesestoff. Das Buch, das noch gar nicht geschrieben ist, wird in Folge viel Staub aufwirbeln. Den japanischen Schriftstellern fühlt sich der Autor verbunden. Eigentlich nur seiner stets im Taschenformat mitgeführten Ausgabe eines Reiseberichtes von Bashô. Doch auch Murakami wird noch in Folge auftauchen. Aber auch die isländische Sängerin Björk. Somit Weltstars, die stets durch ihre Herkunft und den entsprechenden Klangraum ihre Kultur in die Welt tragen. Japan selbst reizt den Erzähler nicht als Reiseziel. Seine Neugier und die Suche nach authentischen japanischen Erfahrungen bringen ihn mit der Clique der japanischen Sängerin Midori zusammen. Seine Suche ist holprig, da er die asiatischen Menschen und Länder mehrfach verwechselt.

Seine Recherche und die Verbreitung seiner Idee des Titels „Ich bin ein japanischer Schriftsteller“ bringen ihn immer häufiger in brenzlige Situationen. Die Verzettelungen greifen durch einen Suizid innerhalb der Gefolgschaft der Sängerin. Auch in Japan hört man von ihm und die Behörden zeigen Interesse an seiner Person und dem ungeschriebenen Buch. Ferner erlangt der Erzähler in gewissen Kreisen Kultstatus.

Der Roman ist ein kurzweiliger, humorvoller und kultureller Ritt. Die knappen Kapitel und Szenen steigern das Lesetempo und das Vergnügen. Die Bedeutung der Identität und das Zugehörigkeitsgefühl werden hier auf sehr charmante Weise ins Absurde getrieben. Durch die bewusst verwendeten Klischees, die klugen Bilder und Sätze ist der Roman eine intelligente und lesenswerte Komödie.

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Mieko Kawakami: „Heaven“

Heaven, nicht der Himmel, nur „Heaven“ ist der Zufluchtsort der Protagonisten. Ein Roman, der beim Lesen viele Gefühlsausbrüche heraufbeschwört. Durch die wachsende Empathie wird das Werk zu einer emotionalen Fahrt, die von jungen Menschen berichtet, die stoisch das Erdulden für sich akzeptieren. Aus dem Japanischen wurde das Buch von Katja Busson übersetzt.

Das Innenleben des namenlosen Erzählers ist für den Leser offen, bleibt aber seinem Umfeld stets verschlossen. Sein Herz und Verstand sind groß und dennoch verbirgt er dies. Das Umfeld ist ein alltägliches, graues und pessimistisches Bild. Es spielt kurz vor der Jahrtausendwende in Japan und eine dezente Weltuntergangsstimmung nistet sich ein.

Der vierzehnjährige Erzähler lebt bei seiner Stiefmutter. Selten kommt der Vater von der Arbeit nachhause. Die Sicht des Jungen ist düster und verzweifelt. Denn er wird von seinen Mitschülern drangsaliert, gemobbt und gedemütigt. Die körperlichen Schläge erreichen ihn stets so gekonnt, dass keine Spuren zu sehen sind. Als hätten die Peiniger die Gewalt als beständige Aufgabe perfektioniert. Der Grund ist seine Andersartigkeit und sein Augenleiden. Er hat eine Fehlstellung und schielt. Die Schikane erduldet er schweigsam, denn wie er sich verhält, ist es meist falsch und erzeugt nur neue Pein. Somit versucht er wenig aufzufallen.

Eines Tages findet er einen Zettel in seiner Federtasche, auf dem nur ein Satz mit Bleistift skizziert wurde: „Wir gehören zur selben Sorte“. Die Notiz stammt von dem Mädchen Kojima, die wie er in der Klasse gemobbt wird. Es entstehen ein Briefwechsel und eine Freundschaft. Ihre Treffen und ihre Schreiben werden ihr gemeinsamer heimlicher Rückzugsort. Sie finden Orte, die für sie Stätte der Freiheit werden. „Heaven“ ist ein Bild, das in einem Museum ausgestellt wird. Das Bild zeigt ein Paar, dem laut der Interpretation von Kojima etwas Schreckliches passiert sein muss. Doch das Paar hat den Horror überwunden und lebt nun in seinem Glück, die beiden sind in einem Zimmer, ihrem Heaven angekommen. Das Bild reflektiert die Sehnsucht von Kojima und dem Namenlosen. Beim Museumsbesuch offenbaren die beiden sich auch einen Wunsch. Sie möchten sich vergegenständlicht sehen. Neutral sein. Weder, wie in der Gemeinsamkeit, ihr Glück finden noch durch die beständige Angst geprägt werden. Der Moment dazwischen wäre ihr Lebenswunsch. Vorher haben sie nie über den alltäglichen Schrecken gesprochen, sie haben diesen in der Gemeinsamkeit ausgeschlossen.

Das pessimistische Bild und die traurige Lebenssituation der Charaktere nehmen den Leser mit. Mieko Kawakami beweist großartiges Feingefühl für Menschen und Situationen. Die Bilder, die sie mit ihrer Sprache erzeugt, machen den Lesenden zu einem Teilnehmer. Auch wenn es jugendliche Figuren sind, ist es ein Buch voller erwachsener Tiefe. Die letztendliche Willkür des Schreckens ist es, die dem Erzähler und dem Leser den meisten Grusel beschert. Eine Gewalt, die keine Begründung sucht, sondern einfach ausgeführt wird, weil die Möglichkeit dazu besteht. Ein Ventil der Sinnlosigkeit. Doch gerade dies macht das Buch zu einem ganz besonderen Werk. Denn die Sehnsucht und die Suche nach einem friedvollen Ort, einem Rückzugsort werden bildreich eingefangen.

Ein großartiges, bestürzendes und lesenswertes Werk voller Hoffnung und Freundschaft. Die Sicht auf die Ausweglosigkeit, Ausgrenzung und Hilflosigkeit wird erlebbar in Worte eingefangen. Ein Buch, das keinen unberührt lassen wird.

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Tobias Premper & Martin Lechner: „Gelati! Gelati!“

Diese Miniaturen vermögen das, was große Literatur schafft. Im Kleinen ist zuweilen alles gesagt. Das Nichtige, das Großartige, das Groteske und das Witzige. Das Buch ist ein Aufruf zur Reduzierung, das beim Lesen eine steigernde Erwartungshaltung erzeugt und man durch die Kurzprosa schmunzelnd taumelt. Unbedingt chronologisch lesen, denn der Aufbau überrascht wie der Inhalt. Zuweilen wird die vorherige Thematik oder das Bild erneut aufgegriffen. Die Miniaturen sind in drei Teile gegliedert. Jeweils sind es dreiunddreißig Texte des jeweiligen Autors und die letzten dreiunddreißig Fragmente sind von beiden zusammen geschrieben. Es sind somit 99 kleine Kieselsteine, die ins Meer geworfen gehörig Wellen schlagen können…

Es sind Fragmente, Satzstrukturen, die meistens ins Komische wandern. Auch wenn mal gestorben, gemordet und verletzt wird, ist es immer witzig und man freut sich auf den nächsten Abgrund, der sich literarisch öffnet. Immer sind es paradoxe Situationen, die ins Urkomische driften.

Ein Killer, der mit seiner Anzahl an Ermordeten prahlt, die er aber selbst trinklaunig immer weiter bescheiden herunterzählt, um letztendlich selbst zu verblassen. Ein Junge, der alleine zuhause ist, seine Freiheiten im Kopf durchgeht und gerade dadurch einfach sitzen bleibt und nichts tut. Wir erfahren Dinge, die wir bestimmt wissen sollten, auch dass wir letztendlich überflüssig sind. Durch den überfüllten Alltag wird dann schon mal die Prophezeiung einer Wahrsagerin vergessen oder eine Frau trägt erneut das Totenkopfkleid und die Straßenführung kann individuell als ein Angriff erlebt werden.

Die ganze Dramatik im Leben bekommt hier ihren Witz. Die Situationskomik, die meist aus ungewöhnlichen Bedingungen erwächst, macht in diesem Fall süchtig.

Wie soll man eine Inhaltsangabe bei so einem großartigen Miniaturen-Reigen schreiben? Das Buch muß erlebt und gelesen werden. Es begeistert, unterhält und bringt einen immer wieder zum Lachen. Am Ende ist noch ein Gespräch zwischen den beiden Autoren inszeniert und abgerundet wird es mit einem Nachwort von Georg Klein.

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Friða Ísberg: „Lederjackenwetter“

In einer zweiten Haut muß man sich wohlfühlen. Sie schützt vor den äußeren Umständen. So ist auch das Buch „Lederjackenwetter“ von Friða Ísberg ein Raum, in dem man Schutz und Einklang findet. Ein Klangraum, in dem man sich immer wieder wohlfühlt. Der Klang dieser Lyrik, dieser Lautmalerei und die Entwicklung der einzelnen Gedichte ergeben einen wunderbaren Reigen.

Mit den Kapiteln wandeln wir von einer Person zu zwei, um letztendlich ein Wir zu werden. Ganz persönliche, klug komponierte und toll eingefangene Stimmungen machen das Buch zu einem Erlebnis. Es sollte auch als ein Ganzes gesehen und gelesen werden. Wenn der Reigen im Ganzen wahrgenommen wurde, lohnt es sich, erneut in die lyrischen Momente zurückzukehren. Wie ein Konzeptalbum, das erst im ganzen Durchlauf verstanden werden kann, aber jeder einzelne Song für sich einzeln auch perfekt funktioniert. Der Vergleich zu einem Konzeptalbum ist beim „Lederjackenwetter“ auch ein passender, denn die Lederjacke ist zuweilen ein Symbol der Rockmusik, die aus harter, aber melodischer Musik besteht. Wieder ein Schutzraum. Eine Schallmauer, die einen umhüllt und Zuflucht gewährt. Das Gitarrenspielen, Hardrock-Hören und das Tragen einer Lederjacke ist eines der vielen Sinn- und Naturbilder der Lyrik von Friða Ísberg.

Die Gedichte sprechen von einem Suchen nach dem geeigneten Platz, dem Ringen nach Zuflucht und einem Schutzpanzer vor den äußeren Einflüssen. Jedes Rüstzeug wird angelegt, um das Sensible, Verletzliche im Inneren zu bewahren und zu erhalten. Besonders in der Jugend suchen wir nach Schutzräumen und seelischen Verstecken. Voller bildhafter Kreativität sprudelt die Lyrik von Friða Ísberg auf den Lesenden ein. Eine poetische Sicht auf den Lebensweg. Ein Wachsen, das nicht verwurzelt ist wie ein Baum, sondern sich in eine wunderschöne Wiese ausgießt. Das spiegelnde Ego sucht und findet eine alte Seele und ein Wir erwächst aus den Gedichten. Die Wiese mit ihren vielen Pflanzen und Unkräutern wird erwachsen und die Lederjacke wird zuweilen zu schwer.

Es lohnt sich immer wieder die wunderbaren Texte aufzusuchen, denn dadurch kristallisieren sich neue Bilder heraus. Das Buch „Lederjackenwetter“ ist ein Gedicht bestehend aus vielen. Ein purer, bildgewaltiger, humorvoller und kluger Lesespaß.  

Die kunst- und klangvolle Übersetzung aus dem Isländischen stammt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gíslason. Die Übersetzung steht jeweils neben dem Original und es ist sehr empfehlenswert, beide Sprachlaute der Lyrik auf sich wirken zu lassen. Der liebe und großartige Wolfgang Schiffer liest auch für Leseschatz-TV das Gedicht „Byrdi“ / „Bürde“ aus „Lederjackenwetter“ auf Isländisch und in der Übersetzung.

Vielen Dank, lieber Wolfgang Schiffer

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Dilek Güngör: „Vater und ich“

Es geht um Sprachlosigkeit und Schweigen. Um Annäherung, Verstehen und den anderen Menschen so zu akzeptieren, wie er ist. Dabei spielen das Geschlecht, das Alter und die Herkunft keine Rolle. Im Roman gibt es eine Stille, die uns alle berührt und betrifft. Gerade innerhalb der Familie oder bei geliebten Menschen fällt es schwer, offen über viele Themen zu sprechen. In einem ungezwungenen Gespräch oder Interview, in dem stets eine menschliche Distanz besteht, kann man schneller in einen Redefluss geraten. Man ist dem nahestehenden Menschen gegenüber gehemmter, weil man sich und den anderen schneller verletzen könnte. „Vater und ich“ ist eine Vater-Tochter-Geschichte, die im Kleinen große Momente erfasst. Sagt nicht oft der Blick in ein Gegenüber mehr als ein Dutzend Worte? Ist ein verschmitztes Lächeln nicht Aussage genug?

Ein introvertierter Vater wird von seiner Tochter besucht, die als Kind die Sprache inhaliert hat, Worte wortwörtlich gesammelt hat und nun als Journalistin tätig ist. Sie hat mit ihren Gesprächen und Interviews für die Medienwelt Erfolge feiern können. Ein Gespräch lebt aber nicht nur vom Sprechen und davon, auf das Gesagte zu reagieren, sondern auch vom genauen Hinhören. Diese Stille, die beim Hinhören und Hineinhorchen entsteht, erfüllt nun das Elternhaus, in das Ipek für kurze Zeit heimkehrt. Als sie noch ein Kind war, standen Ipek und ihr Vater sich sehr nahe. Beide liebten die kindlichen Albernheiten. Aber mit der Pubertät wuchs stillschweigend zwischen den beiden eine Stille. Das Schweigen war keine negative oder fremdelnde Lücke. Ipek kann diese nicht wirklich erfassen. Die Mutter ist die Vermittlerin und der innere Kern der Familie. Sie ist für ein verlängertes Wochenende mit Freundinnen weggefahren, daher macht sich Ipek auf den Weg, um den Vater zu besuchen, damit dieser nicht alleine ist. Bereits auf der Zugfahrt weiß sie, wie er sie abholen wird, sie kennt ihn genau. Sie weiß auch, dass sie um Gespräche tänzeln werden. Das Schweigen zwischen Ihnen wird eine Herausforderung für sie.

Der Vater ist in den Siebzigerjahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Er hat sich einiges seiner Vergangenheit bewahrt, vieles aber aus der neuen Heimat für seinen Lebensalltag übernommen. Das vermeintliche Desinteresse an seiner Tochter trifft Ipek sehr. Er, der Vater, zeigt sich mehr im Handeln, im Tun und Wirken. Ipek, die nach Worten sucht und mit diesen innerlich ringt, sucht seine Nähe und beobachtet ihn beim Teekochen, beim Möbelrestaurieren und Polstern sowie im Garten.

Die Suche nach dem Abhandengekommenen wird innerhalb eines Kammerspiels sehr lebendig. Beide suchen die Beschäftigung – ein Reden mit Händen, ein Vermitteln durch Gestik und, wenn nötig, mit Worten. Ist Miteinanderreden vonnöten, wenn sich Selbstverständlichkeit ergibt? Vertrautheit, Vaternähe und ein gelassenes Beieinandersein wiegen viele Worte auf.

Es geht im Text um Familie, Integration, Sprachbarrieren und das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Generationen. Im Vordergrund ist es eine anrührende Tochter-Vater-Beziehung, die uns alle in gewisser Weise reflektiert und das Gelesene in den persönlichen Bezug stellen lässt. 

Alle Themen werden sinnbildlich ergriffen und der Inhalt wird mit viel Empathie für die Figuren erzählt. Das Komplexe wirkt hier leicht, zart und fast nur spürbar eingearbeitet. Dies ist die große Kunst des Werkes.

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Shumona Sinha: „Das russische Testament“

Die Werke von Shumona Sinha sind immer eine Bereicherung und ein poetischer Blick auf unsere Welt. Es sind auch ihre Bücher, die einen Keim legen, der die Hoffnung birgt, die Welt besser zu verstehen und auch besser machen zu wollen. Ihre Sprache und der Inhalt verzaubern jedes Mal. Ihre Kunst ist es, den geschichtlichen Schrecken in Schönes zu verwandeln. Aber nicht die menschlichen Abgründe werden verschönert. Es ist eine lyrische Prosa, die uns die Welt stets etwas besser verstehen lässt.

Nach „Erschlagt die Armen!“, „Kalkutta“ und „Staatenlos“, die alle Leseschätze sind, hat Shumona Sinha eine Liebeserklärung an die Literatur geschrieben. Das Wirken und die Macht der Bücher sind ein Motor jeder Gesellschaft und dürfen nicht verblassen. Die Literatur als Exil und als Wegweiser in die Freiheit. Lesen als Flucht vor der Realität. Lesen als ein begreifen wollen und eine persönliche Reflexion. Doch gibt und gab es Schriften, die manipulieren, die Menschen und Staaten beeinflussen möchten. Diese zu erkennen und einzuordnen kann nur geschehen, wenn man das Umfeld bereits erlesen konnte. Von der Kraft der Literatur handelt „Das russische Testament“. Erneut wurde der Roman von Lena Müller aus dem Französischen übersetzt.

Im Prolog und am Ende taucht die Erzählerin in der Ich-Perspektive auf. Sie blickt auf ihre eigene Geschichte, die ihres Vaters und auf die einer Inderin, die sie brieflich kontaktiert hat. Das Schreiben erreicht sie als sie bereits 80 Jahre alt ist und in einem Altenheim in Sankt Petersburg lebt.

Tania wächst in Kalkutta in den 1980er Jahren auf. Als Kind lernt sie schon früh die magische Wirkung der Literatur kennen. Für sie ist diese anfänglich eine Flucht aus der Realität. Ihren russischen Vornamen hat sie auf Wunsch ihres Vaters erhalten, der eine kleine Buchhandlung betreibt. Im kommunistischen Westbengalen ist die sowjetische Kultur allgegenwärtig. Tanias Vater vertreibt legale und illegale Übersetzungen der Weltliteratur, besonders der Russischen. Tanias Lesesucht beginnt mit Kinderbüchern, die ihr in Folge die Welt der ganzen Literatur eröffnen. Die Flucht in die Literatur wird bestärkt durch die Lieblosigkeit ihrer Mutter, die Tania seit der Geburt verschmäht. Somit ist das Elternhaus keine wirkliche Zuflucht und kein beschützendes Heim. Tania hat stets etwas der Welt enthobenes und ihr Umfeld reagiert diesbezüglich unterschiedlich auf sie.  

Als Studentin geht sie auf die Suche nach ihrem Weg und streift dabei das Rebellische. Die Welt der Bücher bleibt ihr beständiger Begleiter. Dabei stößt sie auf eine Regenbogenwelt aus dem Raduga Verlag aus Russland. Der jüdische Journalist Lew Kljatschko gründete in den 1920er Jahren einen Verlag, dessen Werke in der ganzen Welt übersetzt erschienen. Auch ins Bengalische wurden die Bücher aus dem Raduga Verlag übertragen und somit wird Tania auf diesen Verlag aufmerksam. Doch gibt es den Verlag nicht mehr. Während der Stalinzeit musste Kljatschko seine Tätigkeit einstellen und entging nur knapp einem Todesurteil.

Tania ist an der Geschichte des Verlages und des Verlegers interessiert und setzt einen Brief auf, den Adel erhält. Adel ist die Tochter des Verlegers und lebt nun als Achtzigjährige in einem Heim in Sankt Petersburg. Beide Frauen nähern sich somit einander an und die Geschichte beginnt, sich zu verbinden.  

Shumona Sinha ist eine großartige Autorin. Ihre Werke strahlen voller Leben und die Geschichten berühren sehr. Die Literatur von Shumona Sinha beinhaltet starke Bilder, die immer den Ruf nach Freiheit und Frieden widerspiegeln. Das Metaphorische und die Sprache sind voller Poesie und Sinnlichkeit und beschreiben dabei zuweilen den Schrecken, den nur Menschen sich ausdenken können. Tania ist eine Figur, die sich gänzlich durch die Macht der Literatur findet und zuweilen in Träumen und Bildern von einem Schwan, dem Sinnbild der Lyrik, begleitet wird. Adel hingegen sieht einen Wolf oder einen Fuchs, der ein kluger Kämpfer sein kann. Beide eint der Wunsch nach Befreiung, der Kampf ums Überleben und die Sehnsucht nach Freiheit.

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Husch Josten: „Eine redliche Lüge“

Husch Josten ist ein Garant für kluge und gute Unterhaltung. Ihre Werke bestechen durch ihren Erzählstil und die aktuellen Themen, die sie gekonnt in ihre Bücher einwebt. Es sind stets die Figuren und ihre Lebensfragen, die nach Beenden der Lektüre lange nachklingen. Husch Josten hat nicht nur viel Fantasie und Einfühlungsvermögen, sondern auch viel Humor. Sie erzählt klug und einnehmend über diverse Fragen unserer Zeit und philosophiert über die bewegenden Fragen des Lebens. Es geht auch um moralische Grundsätze und Identität. Es geht um das, was wir sehen, übersehen und sehen wollen.

Der Roman ist angesiedelt in der Normandie in der Domaine de Tourgéville. Durch das Setting und die Handlungen, besonders die Gespräche in und um das Ferienhaus, erinnert der Roman an französische Filme, besonders an die wunderbaren Filme von und mit Juliette Binoche, besonders an „Zwischen den Zeilen“.  Denn der Roman lebt auch vom Aufeinandertreffen unterschiedlichster Charaktere, die bei traumhafter Kulisse die Welt zu erfassen versuchen und sich selbst finden, d.h. verlieren.

Die Erzählerin ist Elise, die sich an ihren Sommer in der Normandie erinnert. Als ältere Frau lebt sie auf ihrem Boot und reflektiert den Moment, der sie jenen Sommer geprägt hatte.

Eigentlich hatte eine Freundin diese Arbeitsstelle bekommen, doch durch einen Wink des Schicksals arbeitet Elise für einen Sommer für das Paar Margaux und Philippe in deren Ferienhaus in der Normandie. War es es ein Zufall, sofern es diesen gibt, dass sie auf das gesellige Paar stieß? Das Seebad wird nach der Saison von einer Tristesse bestimmt. Dennoch geht von dem Ort etwas Betörendes aus. Besonders die Architektur der Domaine de Tourgéville. Mit viel Licht, Rundungen und diversen Etagen und Zimmern wird dieses Domizil für einen Sommer das Sinnbild der Gesellschaft.

Elise lernt die Sprache und kümmert sich um den Haushalt. Sie putzt, geht einkaufen und ist bei den Festessen sozusagen auch Gastgeberin. Margaux, eine Frau, die die Blicke auf sich lenkt, fasziniert Elise sehr. Oft sind im Ferienhaus geladene Gäste und die junge Frau wird durch ihren Aufenthalt und die dortige Arbeit zu einer genauen Beobachterin der Szenerien und Gespräche. Die illustren Gäste bringen jeweils ihre Weltsicht in die Gespräche beim Diner ein und somit wächst innerhalb dieser kleinen und wechselhaften Gemeinschaft ein Kabinett der gegenwärtigen Gesellschaft. Es geht um Banales, um Kultur, besonders Literatur, Kunst und die philosophischen Lebensfragen. In dieser Zeit erkennt Elise das Spiel zwischen Sein und Schein. Die Täuschungen, die wir bereit sind zu spiegeln, zu erkennen oder zu übersehen. Wo verbirgt sich das individuelle Glück? Die Normandie und die Gesellschaften haben anfänglich eine Ausstrahlung der Leichtigkeit und Gelassenheit. Doch kommt dann jener Moment, der alles erschüttern lässt.

Husch Josten versteht es erneut, mit viel Wissen, Humor und Sprachgefühl eine Geschichte zu erzählen, die ganz viel in sich verbirgt. Manches liegt ganz offensichtlich an der Oberfläche und die feinen Anspielungen wollen entdeckt und erlebt werden. Husch Josten beschäftigt sich stets sehr tiefgründig mit komplexen Themen und Sachverhalten, die sie in lesenswerte Literatur umsetzt. Ein unterhaltsames und kluges Buch, das die Fragen der Gegenwart aufwirft. Das Werk ist niemals thematisch überfüllt, sondern charmant und mit viel Witz geschrieben. Ein typisches Josten eben. 

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Frank Göhre: „Die Stadt, das Geld und der Tod“

Ein schnittiger Noir-Krimi aus der Feder des dreifachen Gewinners des Deutschen Krimipreises. Im Noir-Roman ist alles dunkel, die Probleme ausufernd und nicht nur individuell. In diesem Roman wirkt es, als wäre der Mensch nicht zum Glücklichsein geschaffen. Trotz der Düsternis ist es ein Lesespaß mit schwarzem Humor und einem charmanten Drive. Frank Göhre ist ein Meister der schnellen Schnitte. Seine Kapitel und Szenen sind kurz, punktuell und stets ausreichend, um im Kleinen ganz viel zu erzählen. „Die Stadt, das Geld und der Tod“ schaut in die Abgründe Hamburgs im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Der Weg zum organisierten Verbrechen beginnt hier mit flinken Fingern, die später Clubbetreiber werden und im Immobiliengeschäft Fuß fassen. Die Kontakte reichen über Kaffeegroßhändler, Drogenschmuggel von Ecuador bis Kopenhagen und sind auch in der Wirtschaft und der Politik gut vernetzt.

Ivo ist vor vielen Jahren aus einem abgelegenen Dorf in den Karpaten nach Hamburg gekommen. An seinen Händen klebte noch das Blut eines Friseurs, der wahrscheinlich die Ehre Ivos Schwester verletzt hatte. In den Achtziger Jahren macht Ivo in Hamburg Karriere im Familienclan Radu. An der Spitze steht der Immobilienkaufmann Nicolai Radu. Die Familie besteht ferner aus einem Gebrauchtwagenhändler, einem Diskothekenbetreiber, einer Juristin, einer Haushälterin und dem Chauffeur und Mann fürs Dreckige. Ferner bestehen noch Verbindungen in die Karpaten, wo unter anderem Hotelanlagen am Meer geplant werden. Nicolai Radu trifft sich regelmäßig mit einem Rechtsanwalt, einem Chefredakteur und einem Sternekoch zum Pokern. Hier werden Ideen und Geschäfte bedacht. Zum Beispiel soll ein abgebrannter Club demnächst zu einem Restaurant umfunktioniert werden.

Die Handlung beginnt mit dem Fund einer Leiche. Im Park von Eimsbüttel wird die Leiche des 16 Jährigen Schülers David gefunden. Er ist an einer hohen Dosis Amphetamin gestorben. Sein Vater ist Ivo, der kurz danach aus einer Haftstrafe entlassen wird und nun zum Clan seines Blutsbruders Nicolai zurückkehrt. Die Trauer ist nicht ganz so groß, denn kannte er seinen Sohn so gut wie gar nicht. Doch möchte er wissen, was passiert ist und wie sein Sohn umgekommen ist. Wer steckt eventuell hinter dessen Tod?

Der Roman lebt von seiner Zackigkeit. Alles wird cineastisch und mit kurzen Schnitten erzählt. Die Handlung baut sich durch die kurzen Szenen sehr schnell auf und nimmt gehörig an Fahrt auf. Die Stimmungen und Charaktere werden punktuell erfasst und mit tollen stilistischen Mitteln zum Leben erweckt. Witzig ist die gelungene Spielerei mit dem genannten Soundtrack im Text. Es macht einen enormen Unterschied, welche Figur entsprechende Musik oder passenden Radiosender hört. Wenn man frech ist, kann man behaupten hier ein Gegenstück zu den „Buddenbrooks“ gelesen zu haben. Dort, wo Thomas Mann lange Sätze und großangelegte Kapitel und Beschreibungen für den kunstvollen Untergang einer norddeutschen Handelsfamilie benötigt, zerschlägt Frank Göhre in der Verknappung und mit Verbrecher-Slang ein ganzes Imperium. 

Erneut macht es unglaublich Spaß Frank Göhre zu lesen. Seine Sprache hat einen besonderen Sound und verleiht dem handelnden Personal eine Glaubwürdigkeit und mit ihnen erwacht ein ganzer, tiefer und dunkler Kosmos in der Metropole Hamburg. Frank Göhre erzeugt stets pures Kopfkino und beweist sich als Meister der kurzen, schnellen Szene im Noir-Krimi. Siehe auch Leseschatz-TV (YouTube): Frank Göhre: „Verdammte Liebe Amsterdam“.

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