Matthias Teut: „Erellgorh“

Errelgorh Matthias Teut Dicht Fest Verlag

Phantastische Literatur lebt von der Fremdheit und der Sehnsucht nach Abenteuer. Es sind meist Orte und Landschaften, in die man eintaucht, die fern unserer schnelllebigen und technisierten Welt angesiedelt sind. Dies macht den Reiz dieser Literatur aus, die meist das Mittelalter und  die Märchen als Vorbilder nimmt und eine gehörige Prise an eigener Magie und fantastischen Wesen hineinstreut. Epische Stoffe, in denen es Wesen, Sprachen und Länder gibt, die in der Phantasie des Lesers eine ihm bisher gänzlich fremde Welt entstehen lassen. So schafft es auch Matthias Teut durch kurze Kapitel die Welt von Erellgorh aufzubauen. Handwerklich und sprachlich ist dieser Zyklus, der aus drei Bänden besteht (Band drei ist in Vorbereitung), bei den großen Vorbildern seines Genres einzuordnen. Die Kapitel sind jeweils aus der Sicht der drei Helden geschrieben und enden meist mit einem offenen Ende, sodass man regelrecht an das Buch gefesselt wird.

Die drei Helden heißen Atharu, Selena und Pitu. Sie leben jeweils in verschiedenen Orten in Jukahbajahn. Ein Land voller Magie und unheimlicher Geschöpfe. Die Menschen leben zurzeit mit den anderen Völkern im Frieden. Der Legende nach haben sich die Elben zurückgezogen und sind fast nur noch ein Mythos. Sie leben in ihrer mächtigen Stadt Erellgorh, verborgen im Dunst des Nebelsees.

Das Abenteuer beginnt für Atharu, als die oberste Alt-Mutter im Sterben liegt. Bei ihr hat Atharu den Zugang zur magischen Welt erlernt. Doch kann er den Zauber noch nicht gänzlich einsetzen und auch sein eigenes, magisches Element liegt vorerst in ihm verborgen. Er kennt sich mit den Kräutern, den Namen und der Wirkung vieler Dinge aus und beherrscht die machtvolle alte Sprache der Elben. Er erbt ein altes Bruchstück eines Medaillons, das er vor Neidern geheim halten muss und dadurch sogar seine Heimat verlassen soll. Die Alt-Mutter sagt ihm, er solle seiner Bestimmung folgen und er erhält weiterhin einen magischen Armreif. Nach den Sterbegesängen macht er sich auf seine große Reise und bekommt Unterstützung seines besten Freundes, einem Jäger und Fährtenleser.

Selena ist eine Küchenmagd, die durch einen Brief von ihrer Mutter zum Aufbruch aufgefordert wird. Sie erhält ein Päckchen ebenfalls mit einem Bruchstück des Medaillons. Sie soll das Päckchen stets sicher verwahren, denn es hänge sehr viel davon ab. Sie solle zum Nebelsee reisen und sich vor anderen in Acht nehmen. Ihre Reise lässt sie ebenfalls in große Abenteuer stürzen und sie lernt Menschen kennen, die ihr nichts Gutes wollen, aber auch innige Freundschaften entstehen. In ihr ist, gleich Atharu, eine Kraft, die sie noch nicht zu kennen scheint. Sie erfährt, dass es etwas Unheimliches, Dunkles in der Welt gibt.

Dann ist da noch Pitu, der Straßenräuber, der stets auf der Flucht lebt und öfters auch die Städte wechselt. Auch er begibt sich auf eine Reise ins Ungewisse. Als er mal wieder fliehen muss, landet er am Hafen und durch eine verstrickte Handlung beim Löschen und Beladen der Schiffe, gerät er unter Deck eines Seglers und seine Reise beginnt.

Die drei Handlungsstränge, die stets in gleichbleibender Reihenfolge erzählt werden, werden immer spannender und garantieren eine epische Welt voller Magie und gut gezeichneter Hauptfiguren, die man zügig lieb gewinnt. Alle drei machen sich auf die Reise und folgen einer Prophezeiung, die sie zum Nebelsee führt. Sie haben große Abenteuer zu bestehen und ahnen noch nichts von der Bedrohung, die auf sie lauert. Denn grausame Schatten jagen nach den magischen Bruchstücken und als Atharu, Selena und Pitu sich endlich begegnen, überschlagen sich die Ereignisse und der Leser befindet sich bereits im zweiten Band der Saga.

Band eins ist nominiert als bestes Romandebüt für den Deutschen Phantastik-Preis 2017.

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Andrew Miller: „Nachts ist das Meer nur ein Geräusch“

Nachts ist das Meer nur ein Geräusch Andrew Miller Zsolnay

Die Geschichte einer Frau, die schwer zu verstehen ist, die sich verschließt und gleich dem Roman nicht mit üblichen Charakterisierungen zu bemessen ist. Die Handlung baut sich stakkatoartig auf und beginnt dann zu kippen. Anfänglich ist die See, die immer ein begleitendes Bild im Roman ist, kabbelig, doch das Gewässer verändert sich immer mehr.

Die unnahbare Hauptfigur erscheint, d.h fällt in die Handlung. Wir als Leser und die weiteren Figuren im Roman, die mit Maud in Kontakt treten, werden von ihr an- und abgestoßen. Sie wirkt fast autistisch und ihre eingestreuten Erinnerungen lassen die erlittenen Wunden erahnen.

Die Handlung beginnt durch einen Unfall, wird durch einen weiteren gesprengt und nimmt erst später mit dem Zweiten wirkliche Fahrt auf. Der erste Unfall geschieht beim startklar machen der Boote für die nächste Saison auf dem Gelände des Segelclubs. Maud fällt vom aufgebockten Boot auf den harten Boden.  Sie fliegt an Tim vorbei und liegt wie tot auf den zerbröckelten Ziegelsteinen. Dann steht sie einfach auf und geht weiter. Diese fast schon mystische Begebenheit lässt die Beiden ein Paar werden. Beide wirken sehr unterschiedlich. Maud stammt aus einfachen Verhältnissen und ist eine begehrenswerte, aber eigenwillige Naturwissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Entwicklung pharmazeutischer Mittel gegen Schmerz. Ihr Erscheinungsbild ist in der wissenschaftlichen Welt durch ihr Tattoo bereits auffällig und wohl für ihren Charakter wegweisend: „Sauve qui peut“  – rette sich wer kann. Tim stammt aus einer vermögenden, adligen Familie und kann über seine Zeit frei verfügen. Seine Leidenschaft gilt der Musik, besonders die klassische Gitarre beherrscht er und spielt gerne auf kostspieligen und edlen Instrumenten.

Der Roman schildert das Zusammenspiel zwischen Tim, der eigentlich Henley heißt und Maud. Er versucht in ihr Innenleben vorzudringen. Er möchte alles von ihr wissen und erfahren, doch sie bleibt stets einsilbig, verschlossen und in sich gekehrt. Sie erscheint dennoch unverfälscht, aber als eine, die ihre Umwelt nicht wirklich wahrzunehmen scheint. Auch ihre Schwangerschaft verändert sie kaum. Als Zoe, ihre Tochter, auf der Welt ist, arbeitet sie weiterhin viel und vernachlässigt etwas ihre mütterliche Fürsorge. Tim wird der Hausmann, der sorgende Vater, der nebenbei für Maud ein Konzert komponieren möchte.

Ein weiterer Unfall schleudert eine Wendung in ihr Leben. Diesmal kommt es aber zu einer familiären Tragödie. Der Unfall zerreißt die unverheiratete Familie gänzlich und Tim, der bereits eine andere Frau kennengelernt hat, distanziert sich immer mehr und Maud sucht den Ort auf, in dem sie sich stets geborgen fühlt. Sie lebt auf einem Segelboot und macht auch später die Leinen los und segelt davon. Doch auch auf dem Atlantik erwartet sie die wechselnde See mit all den treibenden Stimmungen. Ab dem Zusammentreffen mit weiteren Kindern, bekommt das Geräusch des Meeres und des Buches erneut einen anderen Ton.

Ein Roman, der uns Leser ab und zu alleine lässt. Mit unseren Gefühlen, Gedanken und Zuneigungen. Manchmal wirkt das Erzählte nichtig und unwichtig. Dadurch bilden sich kleine Flauten, die aber im Ganzen der Stimmung des Romans zuträglich sind und man als Leser in eine interessierte Strömung eintaucht. Das Buch erreicht irgendwann einen Punkt, ab dem man Maud nicht mehr loslassen möchte. Doch bleibt man als Leser gerade am Ende verdattert zurück und verweilt noch länger bei Maud. Ein Roman, der wie ein Familienroman beginnt, dann, durch das Schicksal gelenkt, das Drama einer Frau erzählt, die sich und uns der Wildnis und dem Meer aussetzt.

Andrew Miller wurde 1960 geboren und lebt heute in Somerset. 1998 erschien „Die Gabe des Schmerzes“, für den er den „Impac Dublin Literary Award“ bekam. 2013 wurde auf Deutsch der sehr lesenswerte Roman „Friedhof der Unschuldigen“ veröffentlicht. Letzterer wurde ausgezeichnet mit dem „Costa Book of the Year Award“.

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Ulrich Schacht: „Notre Dame“

Ulrich Schacht Notre Dame Aufbau Velrag

„Notre Dame“ ist ein Roman, in dem es um Grenzüberschreitungen, das Überwinden von politischen, gesellschaftlichen und den inneren Mauern geht. Die Stadt Paris als Sinnbild der Liebe. Denn es ist die Stadt, von der wir die Schönheit und Vollkommenheit erwarten. In Paris treffen Kunst und Kultur auf den Genuss des Lebens und suggerieren uns den Ort überschäumender Lebensfreude. Es ist nicht der Ort, die Stadt, sondern das Bild, das wir uns von einem Ort aufgebaut haben und in uns tragen. Die Schönheit erleben wir meist im Unbewussten und die wirkliche Freiheit, die wir im Leben und in der Liebe suchen, entsteht durch die Absicht und durch den Willen.

Ulrich Schacht hat einen Roman geschrieben, der sich wie eine Kathedrale vor dem Leser aufbaut. Stück für Stück entfaltet sich das komplexe Werk. Gleich dem kirchlichen Gebäude steht man am Ende vor einem Kunstwerk, das den Grundriss und den Aufriss der persönlichen Lebenskunst und Philosophie  umspannt. Beim Betrachten entdecken wir das schnörkellose Werk, das alles Menschliche und Übermenschliche beinhaltet. Der kleine Mensch als unvollkommenes Wesen wandelt durch diese Kathedrale und wird zum Abglanz der Schönheit auf der Suche nach Freiheit und Liebe.

Der Roman ist kein typischer Wenderoman, auch wenn er viele Momente aus dem Leben des Autors verarbeitet. Ulrich Schacht wuchs in der DDR auf und wurde 1973 wegen Hetze verurteilt und 1976 in die Bundesrepublik entlassen. Er arbeitete als Feuilletonredakteur und Chefreporter, bis er als freier Autor nach Schweden zog.  Schacht erhielt bereits viele Auszeichnungen und Preise für sein Werk (u.a. „Grimsey“).

Torben Berg, der Protagonist, fliegt 1991 in die französische Hauptstadt. Lediglich seiner zwölfjährigen Tochter hat er von seinem Vorhaben erzählt. Er möchte Silvester in Paris verbringen, der Stadt, in der er anderthalb Jahre vorher großes Liebesglück erlebt hatte. Berg ist verheiratet, doch wirkt seine Ehe gescheitert. Er ist ein anerkannter Journalist und lebt in Hamburg. Er ist in der DDR aufgewachsen, wurde wegen staatsfeindlicher Hetze inhaftiert und wurde nach Jahren der Haft in die BRD entlassen. 1989 reist er im Auftrag seiner Zeitung in den bröckelnden Arbeiter- und Bauernstaat. Nach einem Konzert von Wolf Biermann will er die Stimmung einfangen. Er taucht in das Nachtleben ein und lernt Henrike Stein kennen, eine Studentin, die lediglich Rike genannt wird. Auch Rike ist eigentlich in festen Händen. Zwischen den beiden entsteht, trotz des Altersunterschieds, eine besondere Anziehung. Er sendet ihr später seinen neuen Gedichtband und bekommt auch von ihr ein Antwortschreiben, in dem sie ihm gegenüber zugibt, keine Lyrikliebhaberin zu sein, aber seine Worte sie berührt hätten, was ihn wiederum sehr bewegt. Seine Dienstreisen plant und verbindet er, um ihr oft nahe zu sein. Sie finden zueinander und gewinnen eine kurze, intensive Liebe, die ihren Höhepunkt in Paris hat.

Seine Vergangenheit ist mit der DDR verwachsen, wo das Träumen über Freiheit durch äußere und innere Mauern begrenzt war. Die Sehnsucht nach fernen Ländern spiegelt sich in Torben Bergs journalistischen Dokumentationen. Seine Aufzeichnungen und Erfahrungen nutzt er nicht nur für das öffentliche Schreiben. Doch das Verlangen und die Sehnsucht verglimmen, wenn das Bild, das man projiziert, nicht mit dem Alltäglichen übereinstimmt. Die körperliche und seelische Liebe kann verblassen. Das Liebesleid greift bis 1991 und Torben Berg muß erneut seine Grenzen überwinden.

Ulrich Schacht baut den Roman langsam auf und schafft damit ein lohnenswertes Werk, das wohl viel Biographisches beinhaltet. Ein Roman über die Wiedervereinigung zweier Staaten und das Finden der Liebe. Freiheit als Ziel in den historischen Begebenheiten, im Leben und in der Liebe. Ein Roman, der zart, poetisch und wuchtig zugleich ist, gleich dem Bild, das wir uns von einer Kathedrale machen.

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Anja Goerz: „Wenn ich dich hole“

Wenn ich Dich hole Anja Goerz dtv

Ein unblutiger Thriller, der eher durch die Stimmung, als durch die Handlung, eine Spannung aufbaut. Ein kleiner Junge ist in einem abgelegenen Haus in Nordfriesland in Gefahr. Ein Schneesturm erschwert die Rettung und die ganze Familie wird durch Geschehnisse aus der Vergangenheit bedroht.

Ein Besuch bei der Großmutter hat Lewe und seine Mutter, Insa Steensen, nach Niebüll verschlagen. Wiedermal sind Insa und Lewe vorgereist, denn Bendix, der Ehemann, d.h. Lewes Vater, befindet sich auf Geschäftsreise. Doch scheint ihm dies sehr gelegen zu kommen, denn das Verhältnis zwischen ihm und Grete wirkt angespannt. So wird es jedenfalls in der Dorfgemeinschaft wahrgenommen. Es wird viel getuschelt, da sich alle untereinander kennen und sie beobachten konnten, dass Bendix selten bei den familiären Besuchen dabei ist.

Insa und Grete gehen im dörflichen Lebensmittelladen einkaufen, während Lewe alleine im abgelegenen Haus der Großmutter in Nordfriesland bleibt. Es ist Winter und der Schneefall nimmt kontinuierlich zu. Der Ladeninhaber kommt mit beiden ins Gespräch und während des plattdeutschen Smalltalk lässt er beiläufig einen Satz fallen, der darauf hinweist, dass er über die familiäre Situation und Bendix Vorleben mehr zu wissen scheint, wird dann aber von Grete zügig unterbrochen. Beim Auto angekommen, meint Grete jemanden wieder zu erkennen, hadert dann aber doch und stellt das Gesehene in Frage.

Bendix selbst ist auf der Heimreise. Er will in Heathrow umsteigen und wartet auf den Flug nach Hamburg. Doch die Wetterlage verschlechtert sich, viele Flüge werden gecancelt und auch sein Flug verzögert sich. Während er am Terminal wartet, bekommt er Anrufe von Lewe, seinem neunjährigen Sohn. Lewe langweilt sich und will wissen, wann sein Vater endlich nachhause kommt. Bendix wundert sich, warum Grete und Insa nicht bei ihm sind und versucht Insa anzurufen, doch erreicht er stets nur die Mobilbox. Die Fluggesellschaft hält die Reisenden noch im Ungewissen, was mit dem Flug nach Hamburg ist und Bendix befürchtet, es an diesem Tag wohl nicht mehr nach Schleswig-Holstein zu schaffen. Die Anrufe von Lewe werden immer panischer, denn seine Oma und seine Mutter sind immer noch weg und nicht zu erreichen. Bendix nimmt Kontakt zur örtlichen Polizei auf und bittet diese, bei seinem Sohn vorbeizuschauen und Insa und Grete suchen zu lassen. Doch plagt ihn das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Durch den Schneesturm wird nicht nur Bendix Flug gestrichen, sondern auch Grete und Insa sind auf dem Weg vom Einkaufen durch einen Unfall in einen Graben gerutscht. Ein anderer Wagen war plötzlich aufgetaucht. War das ein Zufall? Als Insa langsam erwacht und sich um Grete sorgt, wird sie von hinten niedergeschlagen. Auch die Anfahrt des Polizisten, der nach Lewe sehen möchte, wird durch den starken Wintereinbruch erschwert. Bendix gerät in Panik und versucht mit der Bahn weiterzukommen. Sein Handy-Akku ist fast leer und die Anrufe seines Sohnes bereiten ihm immer mehr Angst, denn dieser meint, dass er im Haus nicht mehr alleine ist. Irgendjemand ist wohl dort.

Die Panik, die Bendix befällt, wird von Seite zu Seite erfahrbarer. Wo sind seine Frau und seine Mutter? Wie kann er seinem Sohn helfen, während er doch noch so viele Reisestunden vor sich hat? Wer ist in dem Haus und was ist tatsächlich mit Insa und Grete passiert? Eine weitere Erzählperspektive erscheint im Roman, Henrike, die die eigentliche Handlung durch eingeschobene Kapitel unterbricht. Es wird immer deutlicher, dass es um die Vergangenheit geht, die nun alle einzuholen scheint.

Ein Spannungsroman, der von der Stimmung lebt. Die Hilflosigkeit, Angst und Panik wird immer greifbarer und geht einher mit dem immer dichter werdenden Schneesturm. Die unterschiedlichen Perspektiven werden zügig aufgebaut und die kurzen Kapitel enden jeweils mit kleinen Cliffhangern. Die Sprache ist flüssig und baut gekonnt die passende Atmosphäre auf. (Fein ist auch, dass es endlich mal wieder ein Charakter mit dem Namen Hauke in die Literatur geschafft hat.)

Ein Roman einer Stimme aus Schleswig-Holstein, denn Anja Goerz ist vielen als Radiomoderatorin (u.a. R.SH, NDR,  radioeins/rbb und Nordwestradio Bremen) bekannt. Sie ist auf dem nordfriesischen Festland nahe Sylt aufgewachsen und lebt jetzt bei Berlin.

Am Donnerstag, 14.09.2017 findet bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt eine Lesung mit Anja Goerz statt. Siehe unsere Veranstaltungen

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Dirk Stermann: „Der Junge bekommt das Gute zuletzt“

Dirk Stermann Der Junge bekommt das Gute zuletzt

Ein so schön trauriger Roman. Stermann versteht es, die Waage zwischen Humor, Leichtigkeit, zarter Melancholie und trauriger Einsamkeit aufrechtzuerhalten.  Dirk Stermann ist ein deutsch-österreichischer Moderator (u.a. Die Fernsehsendung „Die Geschichte eines Abends“), Kabarettist und Autor. Er ist ein Autor, der das Absurde zelebriert und einen fröhlich melancholischen Roman über die Vielfältigkeit der Einsamkeit geschrieben hat. Der Verlag schreibt über das Buch: „Der traurigste Roman der Welt“. Das mag wohl stimmen, wird dem aber dennoch niemals gerecht. Denn ein feiner Humor weht beständig mit. Dennoch ist das Buch so traurig, dass man beim Lesen auf schönste Weise mitleidet. Aber es bleibt trotz des Absurden, des Surrealen niemals zu überspitzt dargestellt und es überfordert nicht mit empathischen Superlativen, wie es Hanya Yanagihara in diesem Jahr gemacht hat.

Das Buch will erlebt werden und lädt den Leser zu einer emotionalen Reise ein. Der Titel verspricht, dass der Held doch noch das Gute bekommen wird. Aber ist es wirklich das Gute für den Jungen? Wieviel Schmerz ist nötig und überhaupt möglich? Gleich den schmerzvollen Stichen von exotischen Ameisen, deren Gift stundenlange Pein verursacht, bleibt am Ende der einsame Schmerz und das macht richtig traurig. Trotz der Gefühlswallungen, die auf den Leser einprasseln lohnt sich das Buch und wird im Leser einiges losbrechen und Stermann zeigt sich erneut als Meister des fröhlich Melancholischen.

„Fernweh in der Häuslichkeit“

Der Roman handelt von Claude, der mit seinen exzentrischen Eltern in Wien lebt. Er ist dreizehn Jahre alt und geht Dank eines Stipendiums auf eine Schule der High Society. Seine Mutter ist Ethnologin und interessiert sich viel mehr für andere Menschen und Kulturen als für ihre eigene Familie. Claudes Vater ist Musiker und spielt im Orchester und in einer Barockband die Posaune. Die Eltern trennen sich Stück für Stück und als die Mutter mit einem Indio zusammenlebt, ziehen sie durch die gemeinsame Wohnung eine Mauer. Nun lebt Claude mit seinem Vater auf der einen und die Mutter, der Indio und Claudes kleiner Bruder auf der anderen Seite. Die Großmutter hält ebenfalls fest an ihrer Tochter und zeigt sich kaltherzig gegenüber Claude, der die Hoffnung für seine Familie nicht aufgibt. Doch auch der Vater lernt ebenfalls eine neue Frau kennen, die sich auf einem waldorfschulgeschwängerten Selbstfindungstrip zu befinden scheint. Claude ist auf beiden Seiten, der Mütterlichen und der Väterlichen, nicht willkommen. Die Mutter zieht aus, um die Welt zu erfahren. Der Vater, ständig auf Tournee, beschließt ebenfalls einen Neuanfang ohne Claude und zieht auch aus der gemeinsamen Wohnung aus.  Da die Wohnung bezahlt ist, bleibt Claude dort wohnen. Allein.

Wäre da nicht der Nachbar, der MS-Leidende Taxifahrer Dirko, der aus Serbien geflohen ist, der sich Claudes annimmt. Von ihm lernt er die dunkle Geschichte Wiens kennen, aber auch sich zu verteidigen. Denn als armes Kind hat er es schwer auf der Schule der Reichen, die ihn beständig ärgern und sogar verprügeln. Als Claude durch eine erneute Prügelei die Schule wechseln soll, lernt er in der neuen Klasse ein gleichaltriges Mädchen kennen. Als die häusliche Situation für Claude immer unerträglicher wird, denn der Vater hat Zimmer der Wohnung untervermietet, beschließen Claude und Minako, das Mädchen, eine eigene Familie zu gründen. Beide minderjährig und naiv werden erneut mit dem Schmerz konfrontiert…

Das Buch ist tief traurig und lustig zugleich. Alle Figuren sind so gekonnt eingesetzt, dass alle sich im negativen oder positiven Sinne im Leser entfalten. Die Kapitel sind den Insektenbissen und deren Schmerzskala angepasst und diese steigert sich mit dem Leid der Hauptfigur und welcher Schmerz auf diese noch lauert, erfährt man am Ende, wo diese dann aber auch in sich ihre Freiheit findet.  Ein Roman, wie ich ihn liebe. Eine gute Geschichte, die skurril ist und mit humorvoller Melancholie erzählt wird. Es gibt im Buch einiges zu entdecken und der Roman lebt von einer ganz besonderen Magie.

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Michela Murgia: „Chirú“

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Die charmante Stimme Sardiniens führt fort, was sie mit Accabadora begann. In Accabadora beschreibt Michela Murgia das Erwachsen einer jungen Frau in einem sardischen Dorf. Das Aufwachsen und lernen bei einer Sterbefrau. Accabadora zeigt uns getriebene Menschen, voller Erinnerungen, die gleich Treibholz auf dem Meer den Gezeiten ausgeliefert sind. Michaela Murgia nimmt das Bild des Treibholzes gleich im ersten Satz ihres neuen Romans wieder auf. Chirú kam gleich einem Holzstück an den Strand. Er wurde durch die Gezeiten geformt und tritt fast schon frech in Eleonoras Leben. Sie ist Ende Dreißig und er erst achtzehn Jahre alt. Auch wenn Welten diese beiden zu trennen scheinen, entsteht eine verrückte Beziehung, die uns in die Kunstwelt führt.

Der Roman birgt gleich Accabadora gewiss viele biographische Bezüge der Autorin, die aus Sardinien stammt und zu den bedeutendsten Autorinnen Italiens zählt.

Der Roman ist aus der Perspektive Eleonoras geschrieben, einer erfolgreichen Schauspielerin, die ein selbstbestimmtes Leben führt. Ihre Blicke in die Vergangenheit vertiefen ihre sanfte Melancholie. Chirú, ein junger Musikstudent, den sie als noch im Werden ansieht, tritt forsch und selbstbewusst in ihr Leben. Er ist ein Junge in der Kleidung eines Erwachsenden, die er noch nicht zu füllen weiß. Er bittet sie um Unterricht und Eleonora nimmt sich seiner an und begleitet seine Entwicklung. Sie lebt bereits in der Künstlerwelt, in die Chirú von ihr nun eingeführt wird. Sie ist eine edle, modebewusste Italienerin, die aber auch stets etwas Trauriges umweht. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und musste sich erst aus dem familiären Umfeld befreien. Ihr Vater, ein dominierendes Familienoberhaupt, hat ihr bis zu ihrer Befreiung das Leben schwer gemacht. Bereits in einer Szene am Anfang des Romans wird dies sehr deutlich. Bei einem Jahrmarktsbesuch wird ihr als Achtjährige ein Spielzeug verweigert, weil sie ihr Kleid beim Spielen beschmutzt hatte. Sie begreift als Kind das Spiel von Wunsch, Begehren, Strafe und Belohnung. Sie erkennt die Herrschsucht und ihr Mitgefühl für die Abgründe anderer und mit jungen Jahren wird ihre Kindheit beendet.

Als erwachsene Frau lebt sie ein einfaches, fast schon einsames Leben und genießt ihre Auftritte im Theater. Chirú erwählt sie als Musiklehrerin, die das Leben durchschaut. Im Vordergrund des Romans steht die Beziehung der beiden zueinander. Ihre Liebe oder eher ihr Begehren ist ungleich und zwischen der Lehrerin und ihrem Schüler stets fragwürdig und heikel. Sie kommen sich näher, wobei er als ein Kind im Manne erscheint, das die Beziehung ausnutzt und manipuliert. Eleonora kann seiner Jugend und seinem unverschämten Selbstbewusstsein nicht wiederstehen. Doch während einer späteren Tournee kommt es zum Bruch und es liegt an den Figuren, ihre jeweils neuen Rollen zu finden.

Die Beschreibungen der Kunstwelt, in die sie eintauchen, sind humorvoll. Der Roman ist gleich einem Lehrstück geschrieben, denn die Kapitel heißen Lektionen und bieten viel Raum für exakte Beobachtungen. Lektionen über die Frage wer oder was uns prägt oder beeinflusst. Es ist eine Geschichte, die witzig und tiefgründig ist und ab und zu mit charmantem mediterranem Kitsch den Leser einnimmt. Der Wechsel zwischen klugen Dialogen, humorvollen Beobachtungen und melancholischen Rückblicken ist gekonnt ausgewogen. Das Tiefgründige ist in kleinsten Anhaltspunkten eingesetzt oder in die kunstvollen Beobachtungen eingestreut. Michela Murgia ist eine einfühlsame Erzählerin, die erneut die Untiefen der menschlichen Beziehungen beleuchtet.

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Toni Morrison: „Gott, hilf dem Kind“

Toni Morrison Gott hilf dem Kind Rowohlt

Langsam entfaltet sich die Handlung und somit bekommen die Figuren in dem neuen Roman der Literaturnobelpreisträgerin eine im Leser bleibende Tiefe. Die Charaktere, meist sind es Frauen, nehmen viel Raum in Anspruch und Toni Morrison versteht es, diesen bildreich und psychologisch zu füllen. Das Hauptthema ist die Würde, die menschliche Stärke und der Mut, für sich einzustehen und seinen eigenen Weg zu finden. Der Ursprung des Schmerzes lässt uns kindlich werden und erst durch das Bewusstmachen und die Aussprache kann man daraus erwachsen.

Toni Morrison lässt abwechselnd jede Figur zu Wort kommen und dadurch bekommen die Geschichte und ihre Figuren eine immer tiefer werdende Dichte. Die Inhalte entfalten sich  peu à peu und der Text entwickelt eine enorme Kraft. Demütigungen, Missbrauch und Rassenkonflikte ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Charakterisierungen. Amerikas schwarze Bevölkerung wird durch dieses schleichende Gift verletzt und lebt mit der Angst vor Diskriminierung. Die Heldin des Romans, Lula Ann, wird als tiefschwarzes Baby geboren. Die Mutter, Sweetness genannt, ist ebenfalls nicht vorurteilsfrei und erschrickt beim Anblick ihres Kindes. Sweetness ist eine sehr helle Farbige, die oft als Weiße angesehen wurde und kann den Anblick oder die Berührung mit ihrem Kind nicht ertragen. Fast erstickt sie das Neugeborene aus einer kurzweiligen Laune heraus. Der Vater stellt durch die Hautfarbe seine Vaterschaft in Frage und verlässt die Familie. Die Mutter zieht Lula Ann alleine groß und lehrt sie den Gehorsam. Sie möchte, dass ihre Tochter niemals auffällig ist. Diese Unterwürfigkeit macht es möglich, dass sich langsam schreckliche Geschehnisse in die Welt der kleinen Lula Ann einschleichen.

Mit dem Erwachsenwerden sträubt sich Lula Ann immer mehr gegen das angepasst sein und betont ihre Körperlichkeit. Sie ändert ihren Namen in Bride, kleidet sich nur noch in edlem, strahlendem Weiß und ist in der Kosmetikbranche tätig und sehr erfolgreich. Sie hat eine Beziehung zu einem eigenwilligen, belesenen Mann, der über seine Vergangenheit gar nichts erzählt. Später kommt heraus, dass er anscheinend zwei Leben geführt hat. Bride wird mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, als eine Frau aus dem Gefängnis entlassen wird, gegen die sie damals als Kind ausgesagt hatte. Die Gründe erschließen sich dem Leser viel später, aber Bride möchte der Frau unbedingt helfen. Doch diese schlägt Bride brutal zusammen und die körperlichen und seelischen Verletzungen zwingen Bride zu einer Auszeit. Ihre Freundin hält noch zu ihr, aber ihr Freund wendet sich von ihr ab, weil er sie nicht versteht und auch meint, sie sei nicht die Frau seines Lebens. Sie reist ihm hinterher und durch einen Unfall wird sie zu einer längeren Heilungsphase gezwungen, die sie ganz in ihre Kindheit eintauchen lässt. In dieser fast schon mystischen Verwandlung und dem Heilungsprozess bei den umsorgten Aussteigern im Wald trifft sie jenseits ihrer kosmetisch aufgeplusterten Scheinwelt auf eine einfache Lebensweise. Sie wird die Bezugsperson eines jungen Mädchens, die auch eine dunkle Vergangenheit in sich verbirgt. Als Bride körperlich genesen ist, sucht sie weiterhin ihren Exfreund. Seine Geschichte ist mit ihrer durch Kindesmissbrauch verbunden. Sie selbst wurde nicht missbraucht, war aber damals eine wichtige Zeugin, die durch ihre Aussage zum ersten Mal den Stolz der Mutter geweckt hatte und endlich von dieser an die Hand genommen wurde.

Es wirkt, als würde sich der Schrecken immer auf gleiche Weise wiederholen und eine Beklemmung wächst, nichts dagegen tun zu können. Doch die Figuren lernen sich zu beschützen und auf verschiedene Art zu behaupten. In jedem Neuanfang und in jeder Geburt keimt immer sehr viel Hoffnung.

Ein großer Roman, der durch ganz genaue und tiefgründige Bilder, die sich Stück für Stück im Leser entfalten, besticht. Der Stil ist eindringlich, subtil, ergreifend und leidenschaftlich für jeden einzelnen Charakter.

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