Friða Ísberg: „Die Markierung“

Bücher zu lesen bedeutet man flieht oder erdichtet sich eine Welt. Literatur bildet, schafft somit Wissen und schult Empathie. Einfühlungsvermögen als Grundsatz der Ethik-Debatte ist zumindest in diesem Roman ein wichtiger Baustein. Denn „Die Markierung“ ist ein spannender Roman, der in einem dystopischen Szenarium viele Empathie- und Ethik-Thesen behandelt. Dies aus der Sicht unterschiedlichster Charaktere, deren Lebensverläufe nah aneinander verlaufen.

Friða Ísberg ist eine isländische Lyrikerin und Autorin, die mit einigen Preisen ausgezeichnet wurde und in viele Sprachen übersetzt wird. In der Deutschen Übersetzung gibt es neben dem vorliegenden Roman ihren Gedichtband „Lederjackenwetter“. Voller bildhafter Kreativität sprudelt die Lyrik von Friða Ísberg auf den Lesenden ein. Eine poetische Sicht auf den Lebensweg. Die Verschmelzung des Individuums mit der Gesellschaft, dem Wir, ist eines ihrer Themen. Der Egoismus als Schutzraum oder als falscher Antrieb für einen ausufernden oder krankhaften Narzissmus. Die philosophischen Gedankenspiele webt Friða Ísberg spielerisch in ihre Texte ein. Somit sind diese niemals überfordernd oder überlasten den Lesefluss. Die Forderung nach Empathie beinhaltet im Guten mehr Mitgefühl für das lebende Umfeld. Wenn dies ausgenutzt oder überdehnt wird, kann die These für ein individuelles Leben begrenzend sein. Besonders wenn lediglich das Gesetz über das deklarierte Gute oder Böse Klarheit schaffen will.

Die Handlung des Romans spielt in einer nahen Zukunft. Um die Sicherheit zu gewährleisten, wird ein Empathietest eingeführt. Dies vorerst freiwillig, aber für bestimmte Berufsgruppen erforderlich. Auch, wenn man bestimmte Wohngebiete betreten möchte. Mit anstehenden Wahlen soll dieser Test gesetzlich verankert und für die Gesellschaft verpflichtend werden. Die daraus entstehende Markierung bedeutet, dass das Testergebnis des getesteten Probanden öffentlich geführt wird. Dies geschieht, damit der Zugang zu gewissen Lebensräumen für Menschen, die den Test bestanden haben, möglich wird. Somit besteht die allgemeine Gefahr in ein gesellschaftliches Abseits zu geraten. Auch in den Schulen wird bereits der Test vorbereitet. Die junge Lehrerin Vetur beobachtet diese Entwicklung sorgenvoll. Der Schulabbrecher Tristan versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen und gerät immer mehr unter starken Druck. Für die Geschäftsfrau Eyja wird der Test zu einer beruflichen und privaten Belastungsprobe. Lediglich für den Psychologen Ólafur ist der Test ein guter Weg zu einer besseren und gewaltfreien Gesellschaft. Anhand dieser Figuren wird die Gefahr solcher Markierungen verdeutlicht und ein friedvolles Miteinander ist ein Traum, war einer und wird wohl einer bleiben.

Ein irrer Ritt zwischen Empathie und vorgetäuschtem Mitgefühl. Ein Roman, der überzeugt und nachdenklich stimmt. Durch den Wechsel der Sichtweisen, der mit jedem Kapitel vollzogen wird, verdeutlicht sich ein Gesamtbild und die Handlung wird ungemein spannend. Lässt sich so etwas wie ein moralisch Gutes in einem Gesetz verorten? Wieviel verordnete Korrektheit verträgt ein Miteinander? Ein kluger und toll erzählter Roman von einer Autorin, die versteht Gedanken in Poesie zu verwandeln und dadurch Empathie entfacht.  Aus dem Isländischen wurde der Roman von Tina Flecken übersetzt.

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Nina Bouraoui: „Erfüllung“

Erneut verführt Nina Bouraoui durch ihre Sprache, die Emotionen und den tiefgründigen Blick in die Psyche. Nach „Geiseln“ ist „Erfüllung“ auch ein großartiges und beunruhigendes Portrait einer Frau, die eine feministische Unruhe verkörpert. Erfüllung folgt dem Verlangen und der Sehnsucht. Dabei spielt die Liebe eine entscheidende Rolle. Doch was passiert, wenn die liebevolle Bindung toxisch, besessen und von einer enormen Melancholie verwandelt wird? Die Liebe taucht oft als eine Leere im Roman auf. Doch bleibt sie der Fixpunkt der Agierenden. Liebe, die in einem Joan Baez Song im Text Erwähnung findet, ist immer politisch. So auch dieser Roman, der durch das persönlich Erlebte die Unruhen der Welt einfängt.

Wir lesen die sieben Hefte der Michèle Akli, die diese in den Jahren 1977 bis 1978 geschrieben hat. Michèle ist Französin, die ihrem Mann Brahim 1962 nach der Unabhängigkeit nach Algier folgte. 1977 beginnen ihre Notizen und Tagebucheinträge. Sie leben in einem kleinen Haus über der Stadt und haben einen zehnjährigen Sohn, Erwan. Die Natur ist ein Rückzugsort für Michèle, denn in ihr kämpfen unterschiedliche Sehnsüchte. Das Schreiben wird für sie ein wichtiger Halt. Ihre Kommunikation mit dem Papier ist ihre Möglichkeit, sich zu sammeln und eine innere selbstauferlegte Beichte abzulegen. Denn ihre Liebe ist verblasst. Die Liebe zu dem Land und besonders zu ihrem Ehemann. Der großzügige Garten wird ihr Refugium, wenn Erwan in der Schule ist. Brahim, der in einer Papierfabrik arbeitet, ist oft unterwegs. Die erloschene Leidenschaft entfacht eine brodelnde Melancholie, die Michèle oft mit Alkohol befeuert. Ihre ganze Liebe gilt lediglich ihrem Sohn. Es ist eine nahezu egoistische Mutterliebe. Sie wird eifersüchtig auf alles, was Erwan liebgewinnen könnte. Als Erwan in der Schule Freundschaft mit Bruce schließt, gerät Michèle in ein Gefühlschaos. Bruce ist ein Mädchen, das zwischen den Geschlechtern lebt, ein Mädchen-Junge, die sich nach ihrem Idol Bruce Lee benennt. Das kämpferische Kinderspiel und das Auftauchen von Catherine, der Mutter von Bruce, bringt das Leben von Michèle in Aufruhr.

Still und gänzlich zurückgezogen schreibt Michèle über ihre Sehnsucht nach Erfüllung. Im Schreiben ist sie ehrlich und frei. Im Gegensatz zu der äußeren Welt, die sie immer mehr einengt und sogar bedrohlich ist. Kann sie in einem neuen Arbeitsumfeld berufliche und gesellschaftliche Erfüllung finden? Kann sie ihren Sohn loslassen? Die Grenzen sind nicht nur die politischen, sondern auch die selbstgesetzen, zum Beispiel das Mann- oder das Frausein.

Im Roman nimmt die Gedankenwelt von Michèle enorm viel Raum ein. Wir tauchen ein in eine weibliche Sicht auf die damalige Entwicklung, die bis heute wirkt. Neben der inneren Sicht gibt es die Beschreibungen der äußeren Erlebnisse, die inhaltlich und sprachlich eine stets wabernde und bedrohliche Gewalt mitschwingen lassen. Der Roman beinhaltet viel Emotion, die erst gezügelt, dann wie bei „Geiseln“ explosionsartig den Text vervollständigt. Aus dem Französischen wurde das Werk von Nathalie Rouanet übersetzt.

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Kristin Valla: „Das Haus über dem Fjord“

Ein Roman mit einer wunderbaren Atmosphäre, die sich im Verlauf der Handlung immer mehr aufbaut, und einer Geschichte, die durch einen gesetzten Spannungsbogen an Tempo zunimmt. Am Anfang ist es eine Familiengeschichte, in der etwas Dramatisches in der Kindheit der Erzählerin passiert. Als sie als erwachsene Frau zurückkehrt, wird fast kriminalistisch ein Geheimnis aufgedeckt. Ein Roman über Trauer, Trauerbewältigung und die wahre Liebe.

Der Zusammenhalt ist ein Leitmotiv der Handlung. Etwas, das uns verbindet, anzieht und zusammenwachsen lässt. Wenn diese Verbindung brüchig wird oder sich durch äußere Umstände löst, verlieren wir den gemeinsamen Halt. Dies ist auch in der Natur zu erleben. Salz, das in der Erde, besonders in der Tonerde lagert und die Partikel verbindet, löst sich mit der Zeit durch Eruption und Niederschlag auf und es kommt zu Rissen oder Erdrutschen. Dies passiert auch am Anfang dieser Geschichte.

Elin ist zehn Jahre jung. Es ist das Jahr 1985 und die Familie ist zu einem Fest eingeladen. Elin möchte das Kleid, das ihre Mutter ihr gekauft hatte, nicht anziehen und es kommt zum Streit. Somit fährt der Vater mit den beiden Söhnen zum Fest und die Mutter bleibt bei Elin. Auf dem Weg an der Küste kommen die älteren Brüder und der Vater ums Leben. Ein Erdrutsch hat sie in den Tod gerissen.

Anfang dreißig lebt Elin in Oslo und ist für ein Modemagazin tätig. Als ihre Mutter stirbt, reist sie in ihr nordnorwegisches Heimatdorf, um das Elternhaus aufzulösen. Während ihres Aufenthalts trifft sie auf Ola, den besten Freund ihres verstorbenen Bruders und ihre damalige Jugendliebe. Die Annäherung ist distanziert, da die beiden auch damals nicht wirklich zueinander fanden. Beim Aufräumen und Sichten der Unterlagen der Eltern findet sie Ungereimtheiten. Notizen ihres Vaters, der stets viele Termine notierte, weisen Lücken auf. In der Vergangenheit und der Geschichte ihrer Eltern scheinen Geheimnisse verborgen zu sein. Die Spurensuche führt weg vom Haus über den Fjord bis nach Südfrankreich. Eine dunkle Geschichte wird langsam freigelegt und alles gerät erneut ins Rutschen.

Ein schön geschriebenes Werk mit authentischen Charakteren. Eine anrührende Schicksalsgeschichte die von der sprachlichen Atmosphäre lebt.  Aus dem Norwegischen wurde das Buch von Gabriele Haefs übersetzt (Ut av det blå).

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Ray Loriga: „Kapitulation“

Ein Roman, der einen zukünftigen Schrecken nüchtern erzählt und durch den emotionslosen Ton viel Gefühlschaos und Gedanken beim Lesevorgang provoziert. Eine Welt, die an Orwells Visionen anknüpft und diese mit aktuellen Werken wie zum Beispiel „Lärm und Wälder“ von Juan S. Guse in Verbindung bringen lässt. Ferner wird der visionäre Roman mit den Texten von Murakami oder Houellebecq verglichen. Dies, weil Ray Lorgia die politische Belletristik durch seinen Text, der etwas vom fantastischen Realismus in sich birgt, mit neu gestaltet.

Der Roman ist eine spannende Parabel auf unsere Gesellschaft, die hier in einer verlängerten Gegenwart platziert wird. Eine Stadt als Raum, in der sich das deklarierte Böse weder verstecken noch gesellschaftlichen Schaden anrichten kann. Eine gänzlich durchsichtige Stadt. Die Menschen, die für die Bevölkerung zuständig sind, denken für diese, während sie dabei über diese nachdenken und Regierungen bilden. In diese Stadt kommen nur Menschen, die keine Verdachtsmomente erregen. Dadurch kommt es zu Verleumdungen. Es gibt Denunzianten, die andere Denunzianten denunzieren. Die Transparenz beeinträchtigt somit nicht nur die Privatsphäre.

Es herrscht Krieg. Bereits seit zehn Jahren, doch kann keiner mehr wirklich benennen, wie der Krieg ausbrach oder wer der Feind ist und für was gekämpft wird. Zumindest weiß es der Erzähler nicht. Er und seine Frau bewirtschaften ihr Anwesen und hoffen auf die Rückkehr ihrer Söhne, die in den Krieg eingezogen wurden und seitdem verschollen sind. Sie empfinden ihren Optimismus selbst schon als unbegründet. Eines Tages ist bei Ihnen im Keller ein fremdes Kind und weint. Sie nehmen sich dieses Kindes an und nennen es in Folge Julio, denn das Kind selbst schweigt beständig.

Die Front verlagert sich laut dem Bezirksvorsteher und die Liegenschaften sollen geräumt werden. Die Besitzer sollen nur das Nötigste und Erlaubte mitnehmen und den Rest, auch die Häuser, anzünden. Benzin wird gestellt. Eine Flucht erscheint unmöglich, denn auch die privaten Fahrzeuge wurden konfisziert. Die Evakuierung in die sogenannte „Durchsichtige Stadt“ wird staatlich organisiert. Alles wird reglementiert und Privates erschwert. Unter einer Glaskuppel findet sich ein Gewirr aus durchsichtigen Straßenzügen, Gebäuden und Geschäften. Medizin, Fotoalben und Kleidung werden alle neu gestellt und erstellt. Wie kann man Ruhe finden in einer gänzlichen Transparenz? Welche Geheimnisse trotzen dem gläsernen Blick? Wer die gesellschaftlichen Regeln missachtet muss mit Konsequenzen rechnen. Kapitulation, ein mögliches Einleben in der Durchsichtigkeit oder ist eine Flucht möglich?

Eine Dystopie in der Geheimnisse verboten und das Leben reglementiert ist. Jeder wird in dieser Welt zum Big Brother, jeder beobachtet, ohne den wahren Beobachter zu kennen. Bis zum Ende eine bestürzende Überraschung. Das Werk wurde aus dem Spanischen von Alexander Dobler übersetzt.

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Minu Ghedina: „Die Korrektur des Horizonts“

Ein ganz feinfühliger und wunderschön erzählter Roman. Es geht um die Brüchigkeit im Leben und um die Momente, die eine Biographie verschieben, abzweigen lassen oder sogar den Menschen ins Wanken bringen. Der Horizont als Ziel und Orientierungspunkt kann durch kleinste Verschiebungen lebensverändernd sein. Die sensible Heldin des Buches baut sich eine Bilderwelt auf und wendet sich oft in ihr Innerstes und versteckt sich selbst in lediglich empfundene Tarnkleidung.

Es ist die Geschichte von Ada, die als junges Mädchen bei ihrer Großmutter aufwächst. Warum, erzählt ihr lange keiner. Sie empfindet sich dadurch als nicht gewollt und abgeschoben und ist stets eine Fremde, wenn sie ihre Eltern und ihre jüngere Schwester besucht. Doch ist die Großmutter immer für sie da und gibt ihr ein Zuhause, in dem sie das Schöne für sich entdecken lernt. Doch das Familiäre, die menschliche Nähe und Liebe fehlen ihr. Ihr Horizont verschiebt sich zum ersten Mal in einer starken Böe, als ihre Schwester sie sogar in der Schule verleugnet.

Halt findet sie im Umfeld der Großmutter, die als Schneiderin tätig ist. Die vielen bunten Stoffe mit ihrer wärmenden, anschmiegsamen oder kühlenden Wirkung auf der Haut, eröffnen ihr eine bisher verborgene Welt. Wenn die Hausaufgaben gemacht sind, darf sie mit der Großmutter das Nähen lernen. Bei Familienfeiern oder Zusammenkünften wird Ada stets als Sonderling behandelt und sie grenzt sich immer weiter ab. Ihr Vater versucht sie oft zu manipulieren und zu beeinflussen, bis Ada erfährt, dass es wohl gar nicht ihr Vater ist. Die Mutter, die sich meist betrinkt, ist nicht zurechenbar in der Erziehungsfrage und hinterlässt bei Ada stets ein verstörendes Bild.

Zum Glück hat die Großmutter das Sorgerecht, denn somit kann Ada als Statistin am Theater arbeiten. Ihre Eltern wollen ihr auch dies verbieten.  Als sie mit der Schule die Inszenierung von Antigone sieht, öffnet sich für sie eine neue Welt. Das Theater zieht sie in den Bann und als sie bei einer Shakespeare-Aktion Freikarten gewinnt, wird ihr Wunsch am Theater zu arbeiten immer deutlicher. Die ersten Erfahrungen sammelt sie als Statistin und gerät dadurch immer mehr in die Kunstwelt. Die Bühne, die Kulissen und besonders die Kostüme mit ihren schönen Stoffen, verführen sie gänzlich und sie wird später eine erfolgreiche Kostümbildnerin.

Doch wird sich in ihrem Leben immer wieder der Horizont verschieben. Das Fehlen der menschlichen Nähe und die Unfähigkeit der Umarmung sind ein schmerzhafter Wegweiser ihres Lebens. Sie wird mit jedem Wendepunkt stärker und meistert viel Unwegsames, doch sind ihre Schwächen beständige Begleiter. Durch die geschichtlichen und politischen Ereignisse wird das innere und äußere Leben vieler Menschen ins Beben gebracht und erneut verschieben sich die Horizonte, auch die von Ada.

Ein wunderbarer Leseschatz, der tiefgründig und facettenreich ist. Die Figurenzeichnung ist sehr empathisch und Ada wächst beim Lesen immer mehr ins Herz ihrer Zuhörer. Die Schönheit, die neben den Schmerzmomenten immer mehr an Wichtigkeit erlangt, wird sinnlich und kunstvoll in Literatur verwandelt. Ein Debütroman einer Künstlerin, die auch das Titelbild gemalt hat, wird hoffentlich viele begeistern.

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Judith Holofernes: „Die Träume anderer Leute“

Wenn aus einer Heldin eine Heldin wird. Eine Biographie, die von einem Rückweg erzählt und somit eine andere Sicht auf eine Rock-Pop Heldin wirft. Es ist nicht die Geschichte vom Durchbruch einer erfolgreichen Band, sondern der sensible und ehrlich erzählte Weg nach dem Erfolg. Ein Blick auf das Danach und dem sich Neufinden und Erfinden. Ein ganz ehrliches Buch voller Träume, das nicht nur für Heldenverehrer lesenswert ist. 

Judith Holofernes Buch beginnt am Ende der Helden-Jahre. Sie ist die Frontfrau einer Band, die sich aber immer als Einheit gesehen hat und niemals den Ausverkauf ihrer Musik in den Vordergrund gestellt hat, sondern ihre Kunst und die daraus resultierende Aussage, Emotion oder Unterhaltung. Durch Glück, Zufall und die richtigen Worte und Entscheidungen waren Wir sind Helden Wegbereiter von vielen Bands, wie u.a. Silbermond. Doch was macht der Erfolg mit jungen Menschen? Menschen, die sich als Freunde vereinen und ganz große Erfolge feiern dürfen? Sie, die Sängerin, Texterin verliebt sich in den Schlagzeuger, Pola, und sie werden eine Familie mit zwei Kindern. Das Popstar- und Familienleben im Alltag wird für beide zur Belastungsprobe. Das Leben der Band ist durch Plattenaufnahmen, Interviews und ausgiebige Tourneen geprägt. Dabei wird deutlich, dass der Tour-Tross für die Kinder fast unmöglich ist und Judith Holofernes den Spagat auf Kosten ihrer eigenen Gesundheit vollzieht. Dort beginnt ihr Bericht, als ihr Körper Alarmsignale sendet, sie aber weiterhin auf der Bühne alles geben will, denn ein Publikum, das sich Sorgen um die Sängerin macht, kann nicht feiern. So entscheiden sich die Helden für ein Ende. Ein Ende, das als Pause tituliert, schleichend die Helden von der gemeinsamen Bühne entlässt.

Judith Holofernes beginnt, sich an den neuen Alltag zu gewöhnen, sie lernt wieder ein Körpergefühl zu entwickeln, in dem sie sich wohl fühlt. Gleich dem Song „Bring mich nachhause“, lernt sie sich und ihre Familie neu zu finden. Sie muss Kraft finden und schöpfen für Neues. Durch die Auszeit und die Literatur beginnt Judith Holofernes wieder festen Grund im Leben zu spüren. Sie beginnt zu schreiben, Lyrik, neue Songs und sie macht Übersetzungen. Sie betrachtet dabei die Musikindustrie, in der Musiker und ihre Kreationen zu Produkten deklariert werden. Sie macht es nun in dezenter Entschleunigung und etwas selbstbestimmter als zur Heldenzeit.

Das Buch fesselt und macht neugierig auf den Werdegang der Künstlerin. Ein lesenswertes und stets  authentisches Werk. Der Text bewegt und macht auf eine positive Weise sehr nachdenklich. Ein Blick auf den Rückweg aus dem Erfolg. Eine Betrachtung der Krisen, Träume und der Zurückeroberung der Kunst. Judith Holofernes hat das Popmärchen beendet und sucht den Weg, das Magische im echten Leben zu integrieren. Eine Künstlerbiographie, die über ganz andere Seiten des Erfolgs schreibt und somit eine wahre und schöne Leseüberraschung ist.  

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Ute Cohen: „Falscher Garten“

Ute Cohen lässt uns erneut in die dunklen Ecken unserer Gesellschaft schauen. Das grüne Tal wird durch bestimmte Hände schmutzig und der idyllische Schein der verblendeten und naiven Bürger ist trügerisch. Die Perspektive ist in den Werken von Cohen stets die der Antihelden, der unsympathischen, skrupellosen und monströsen Menschen. Doch ist die Figurenzeichnung immer so angelegt, dass man ihnen, wie ihre Opfer, verfällt. Sie verstehen, uns mit ihrem Mahlstrom an Gedankenbildern an sich zu fesseln. Ute Cohen zieht sich diese Figuren kunstvoll an, schlüpft in deren Gedanken, Emotionen und verwandelt diese in eine zu dem entsprechenden Charakter passende Sprache.

Ute Cohen hat mit „Satans Spielfeld“ (siehe Leseschatz-TV (YouTube)) ihren persönlichsten Roman geschrieben, der, wie wir letztendlich erfahren haben, ihrer eigenen Biografie entsprungen ist und gerade dadurch das Ungeheuerliche gruseln lehrt. In „Poor Dogs“ tauchen wir in Figuren ein, die jegliche Grundlage der Menschlichkeit aus den Augen verlieren und alles nach Portfolio-Analysen und weiteren Business-Modellen ausrichten. Im Roman „Falscher Garten“ versucht sich ein Psychopath ein gemütliches, grünes Nest zu bauen.  Ein spannender und böser Roman, der die Gedankengänge und Erlebnisse eines Serienmörders freilegt. Dieser empfindet sich als gebildet, klug und dem Umfeld enthoben. Seine mörderischen Werke sind kunstvollen Vanitas nachempfunden. Doch da Leichen seinen Weg und seine Kunst kennzeichnen, ist er betrübt, dass die Medien dies nicht erkennen und ihn stattdessen als Monster bezeichnen. Aus ihm spricht auch eher eine sogenannte Bauernschläue, die ihn die Menschen in seinem Umfeld durch Verniedlichung oder Schubladen-Degradierung in seiner Wahrnehmung klein halten lässt.

Im Berliner Villenviertel Grunewald lebt die Journalistin Susa mit ihren Kindern. Sie hat eine Vergangenheit, die in der Punkszene zu wurzeln scheint und sie geht auch in Folge mal auf eine Demo gegen die soziale Ungerechtigkeit in Bezug auf die Neureichen. Aber mit ihrem neuen Lebenspartner, Valverde, spricht sie nicht über Vergangenes. Er kümmert sich liebevoll um die Kinder, macht ihnen auch extra Nudeln mit Tomatensauce, wenn Susa und er lediglich Salat essen. Er hat handwerkliches Geschick und betätigt sich im Haus und Garten. Susa empört sich oft über die in den Medien titulierte „Uckermark-Bestie“, nicht ahnend, dass ihr Liebhaber jener gesuchte Mann ist.

Valverde sucht das bürgerliche Leben und will einen Neuanfang. Als bei den Nachbarn, dem Schokoladenfabrikanten, der Haussegen schief hängt, wird Valverde aufmerksam, besonders, weil die Frau verschwunden ist. Viele Geschäftsideen sprudeln in seinem Kopf, denn langsam wird sein Geld knapp. Nicht immer sind diese Ideen legal oder sauber. Der falsche Garten ist eine Gedankenspirale, die sich um Valverdes Weltbild dreht.

Eine unterhaltsame Sprungübung in ein vermeintlich grünes Tal. Der Untertitel des Buches lautet „Eine schwarze Kapriole“. Eine Kapriole stammt aus der Reitkunst, gilt aber auch als launenhafter, toller Einfall und als ein übermütiger Streich. Dies gilt uneingeschränkt für den Roman von Ute Cohen.

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Siehe auch Ute Cohen zu Gast auf Leseschatz-TV

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Hendrik Otremba: „Benito“

Dieser Roman ist eine brückenschlagende Reise. Ein Werk, das Kunst mit Wut verbindet, Wahn und Wirklichkeit gegenüber stellt und viele Grenzen auslotet. Auch literarisch ist das Buch ein Ereignis und verdeutlicht das Gegenwärtige durch die Betrachtung der Vergangenheit und durch einen leichten Blick in die Zukunft. Sprachlich und inhaltlich ist der Roman eindringlich erzählt. Im Mittelpunkt steht eine jugendliche Freundschaft, die sich wandelt und Jahre später das Naive verliert. Ein blinder Aktionismus, der durch Radikalisierung im Terror mündet und dann die Schuldfrage stellt. Die beschriebene Reise wird von Pfadfindern auf einem Fluss erlebt. Das Gewässer erlangt wie die Handlung etwas Reißendes und die Menschen, die sich täglich einer guten Tat stellen wollten, verlieren die Bodenhaftung.

Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt und erhält dadurch enorme Vielschichtigkeit. Durch den Terroranschlag, der bereits früh erzählt wird, bekommt der Text einen enormen Spannungsbogen. Ein Werk, das einen wie die Helden mitreißt, straucheln lässt und am Ende steigt man zittrig mit aus dem dunklen Fluss und steht erstaunt und begeistert auf vermeintlich festem Boden.

Der Hauptcharakter hat in seiner Sabbatzeit eine ungewöhnliche Einladung erhalten. Er war in Italien in einer Auszeit und kehrt bärtig und mit langen Haaren nach Deutschland zurück. Hier beginnen seine gedankliche Reise und seine Erinnerung. Er ist ein Schriftsteller, der auch doziert und damals in seiner Pfadfinderzeit den Namen Cherubim trug. Sie hatten damals alle Fahrtennamen. Da waren unter anderem Kippe, Maus, Fliegentöter, Häuptling und Benito. Als Cherubim gerade elf Jahre alt war, machte er mit seiner Pfadfindergruppe eine dreiwöchige Kanufahrt. Sein Vater, der Schwimmlehrer, der ihm nie das Schwimmen beigebracht hatte, hat seine Mutter verlassen und je weiter die Reise geht, desto verbundener fühlt sich Cherubim mit der Natur, dem Fluss und den anderen. Er vergisst auf großer Fahrt seine Familienprobleme. Benito sitzt mit ihm in einem Boot. Benito, der blinde Junge, der sein Bein stets nachzieht.

Jahre später reist Cherubim nach Bonn zu einem Kongress in dem großen Hotelkomplex Paradies. Namentlich reist somit ein übernatürliches Wesen in ein paradiesisches Gebäude. Doch der Schein trügt, denn am Tag des Empfangs kommt es dort zu einem Terroranschlag. Viele Menschen aus dem öffentlichen Leben sind angereist und während der laufenden Feierlichkeit und der Show, stürmt ein Mann mit einem Maschinengewehr den Saal und verriegelt die Türen. Er schießt lange wild um sich. Doch gibt es ein Blutbad? Ist der Anschlag nur eine Vortäuschung und hat der Täter, der sich selbst anzündet und sich dann töten lässt, nicht Ähnlichkeiten mit Benito?

Verstört wankt Cherubim aus dem Szenario und stellt sich seinen inneren Fragen. Erneut begibt er sich gedanklich zurück auf die Flussfahrt, die ebenfalls aus dem Ruder lief. Das Abenteuer, das die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsenen verdeutlichen sollte, fließt in eine verstörende und surreale Welt. Der blinde Benito verändert seine Perspektiven. Der introvertierte Junge wird zornig. Ein Pfadfinder verirrt sich oder hat sich die Gesellschaft verlaufen?

Ein kunstvoller und kluger Roman, der viel zu sagen und zu erzählen hat. Eine Reise in und durch die Dunkelheit mit Blick auf das Individuelle und die Allgemeinheit. Gerne gibt man sich solcher literarischen Strömung hin. Ein großartiger und lesenswerter Roman, der viele Leser verdient und eigentlich auch einige Preise erhalten sollte. Ein Lesefest!

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Ilinca Florian: „Bleib, solang du willst“

Ein moderner Familienroman, der genauestens auf das alltägliche Leben zweier starker Schwestern schaut. Die Erzählung sich aber nicht im Alltag verheddert, sondern immer detaillierter und berührender wird. Am Ende stimmt das Gelesene nachdenklich und hinterlässt eine traurig-schöne Leere.

In dem vorherigen Werk der Autorin, „Das zarte Bellen langer Nächte“, ging es um das Finden und das Abgrenzen und um das selbstbewusste Nebeneinander. Dieses Themenpaket vertieft sie nun und sucht für ihre aktuellen Figuren ein unabhängiges, freies Leben.

Das eigene Schicksal zu lenken fällt bereits schwer. Unmöglicher ist es, dieses in die Hand zu bekommen, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Wie schnell sich das Leben wandeln kann, erfahren Martha und Charlotte. Zwei Schwestern, die sehr unterschiedlich sind. Martha ist impulsiv, gefühlsbetont und leicht chaotisch. Charlotte verkörpert von allem fast das genaue Gegenbild. Ein versehentlicher Handytausch ist der Anfang des Dramas. Martha ist Mitte zwanzig und lebt mit ihrem Mann, Niklas, in Weimar. Ihr gemeinsamer Sohn, Emil, ist gerade acht Monate alt. Niklas hat versehentlich Marthas Handy eingesteckt und sein eigenes zuhause liegengelassen. Nachrichten treffen ein, die durch den angezeigten Kurztext sein freizügiges Liebesleben offenbaren. Martha zieht kurzentschlossen zu ihrer Schwester nach Berlin. Beide eint neben der belasteten Beziehung zur ihrer Mutter auf den ersten Blick nicht viel. Martha träumt von einer Karriere als Jazzsängerin und die ältere Charlotte arbeitet in der Unternehmensberatung. Später organisiert Charlotte Martha auch einen Job am Empfang dieses Unternehmens. Die durchgestylte und stets organisierte Businesswelt scheint nicht zu der leicht verträumten Martha zu passen. Überall treffen verschiedene Welten aufeinander. Die mittellose und von Träumen als Sängerin getriebene junge Frau mit Kind ist in der Großstadt auf die Hilfe ihrer großen Schwester angewiesen. Dabei sind Streitigkeiten, die im Alltag oder der gemeinsamen Vorgeschichte wurzeln, vorprogrammiert. Aber im vermeintlichen Gegeneinander kristallisiert sich stets ein Füreinander heraus.

Was sind die eigenen Wünsche im Leben, was möchte ich erreichen? Ist das Leben überhaupt planbar? Sehr authentisch und nahbar wachsen die Charaktere aus den Zeilen. Die Dialoge sind realistisch eingefangen und spielen mit der jeweiligen Sprache der Figuren. Ein Roman, der die Liebe und das Miteinander feiert. Das Ende, das natürlich nicht verraten wird, lässt einen über das Leben nachdenklich werden.

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Ingebjørg Berg Holm: „Wütende Bärin“

Die Natur als bildreiche Kulisse eines Familienthrillers. Der zermürbende Kampf zwischen Mutter und Vater um das Sorgerecht des gemeinsamen Kindes, der berufliche Werdegang und das Tierische im Mann. Die Frauen treten nicht als Opfer auf, geraten aber durch das egozentrische und toxische Auftreten eines Mannes in Schieflage.

Der Beginn setzt gleich einen Spannungsbogen und die darauffolgende Notlage, die aus Sicht der Frauen beschrieben wird, wird dadurch immer drastischer. In der Eiswüste liegt eine Leiche. Die Schneeschicht verweht und lagert sich um den toten Körper. Wird der Kadaver durch das Wetter und den Niederschlag verdeckt oder kann ein Raubtier, zum Beispiel ein Eisbär, das verwesende Fleisch vorher wittern? Im anfänglichen Bild bleibt auch das Giftige und Unzerstörbare, hier der Plastikschutz des Thermoanzugs, übrig. Das Natürliche vergeht innerhalb der Natur. Doch schafft der Mensch es immer wieder, seine Spuren dem Umfeld aufzudrücken. Dies gilt global, das heißt im Makrokosmos, wie innerhalb der kleinsten Gruppe, der Familie, dem Mikrokosmos.

Wie brüchiges Eis sind die Beziehungen der Protagonisten. Nina und Njål arbeiten als Forscher zusammen an einem Projekt. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Lotta. Das Kind war anfänglich die feste Bindung zwischen den Eltern. Doch wird es immer eisiger zwischen den Fronten. Sie leben nebeneinander, aber lange nicht mehr miteinander. Die Beziehung zerbricht und sie kämpfen um das Sorgerecht. Nina, die eigentlich nie Kinder wollte, muss sich den gewieften Manipulationen ihres Mannes bei den Schlichtungsversuchen stellen. Auch in der Forschung und bei den Publikationen und einem prestigeträchtigen Auftrag konkurrieren beide. Beide sind aber bereit, das Kind jeweils in Ihren Lebensmittelpunkt zu stellen. Die Geschichte wird aus drei Hauptperspektiven erzählt. Die von Nina, von Njål und von dessen Ex-Frau Sol. Sol, die von Njål verlassen wurde, weil sie keine Kinder bekommen konnte, ist als Seelsorgerin tätig.

Njål sieht sich als ein Wikinger, der gleichfalls in der Moderne zuhause ist. Er lebt und zelebriert alte Kulte, die voll Männlichkeit strotzen. Seine Weltsicht ist eng an sein Selbst gebunden und sein Denken und Handeln kreist meist um sein eigenes Wohl. Somit ist seine Sprache und sein Einfluss stets fern des Einfühlsamen, sondern eher manipulativ und aggressiv. Seine Beziehung zu Sol und nun die zu Nina zerbricht wie dünnes Eis.

Die Umgebung der Handlung ist die erbarmungslose Natur und hier mündet letztendlich der Verlauf. Das Kalte und die Dunkelheit des hohen Nordens kriechen in die jeweiligen Seelen. Ein erbitterter Kampf um das Miteinander und um das Leben beginnt. 

Ein psychologischer Roman, der die Kälte spürbar macht. Die Körperlichkeit steht anfänglich im Vordergrund und gräbt sich dann immer tiefer in die Sehnsüchte und Verletzungen der drei Perspektiven. Es ist der dritte Roman der norwegischen Autorin und ihr erstes Werk, das ins Deutsche übersetzt wurde. Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann.

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