Victor Jestin: „Hitze“

Victor Jestin Hitze Kein & Aber

Dies ist ein Roman um eine Tragödie und deren Auswirkung, die sich nur innerhalb weniger Stunden ereignet. Eigentlich sollen es freie und schöne Sommerstunden am Strand sein, doch für den Protagonisten ist nicht nur die sommerliche Hitze zu viel. Ein Text, der ganz dezent an Poes „Das verräterische Herz“ (auch bekannt als „Das schwatzende Herz“ (The Tell-Tale Heart) erinnert. Bei Poe waren es die reizbaren und überdehnten Nerven eines Schuldigen. Bei Victor Jestin ist es ein Teenager, der unschuldig schuldig wird oder zumindest sich durch seine Passivität in große Schuldgefühle verstrickt.

Es sind die letzten Tage der Sommerferien. Der siebzehnjährige Léonard ist mit seiner Familie auf einem Campingplatz am Strand. Für einige sind es die letzten warmen Sommerstunden, bevor sie wieder abreisen. Léonard freut sich auf die Heimfahrt, liegen doch einige Tage hinter ihm, die nicht wirklich nach seiner Vorstellung verlaufen sind. Er hatte sich bemüht, die Ferien zu genießen, den Strand, die Freunde und die Partys. Doch mag er dies alles nicht, besonders das Feiern bedeutet ihm nichts. Die anderen Teenager suchen ihre Grenzen, ihren ersten Sex und eventuell die passende Sommerliebe. Léonard versucht den Festgeräuschen zu entkommen. Er mag nicht die Musik, die fast nur körperliche Reize auslöst. Er sucht etwas mehr – kann es selbst aber noch nicht fassen, nur, dass er auch eine Sehnsucht nach Liebe empfindet und später etwas mit Musik machen möchte. Die Sehnsucht nach Nähe erfährt er durch die verführerische Luce.

Als Léonard in seinem Zelt nicht schlafen kann, weil die Partygeräusche zu laut sind, geht er spazieren. Dabei trifft er auf Oscar, ein Jugendlicher wie er selbst. Ohne sich zu rühren oder zu handeln schaut er zu, wie Oscar in den Seilen einer Schaukel erdrosselt wird. Als Léonard beim Tatort eintrifft, lebt Oscar noch und somit wird er Zeuge seines Suizids. Als er sich aus seiner Starre löst und Oscar tot aus den Seilen gefallen ist, lässt er den Leichnam verschwinden, weil er sich schuldig fühlt.

Da sich die Abreise verzögert, wachsen somit auch die Schuldgefühle, die innere Zerrissenheit von Léonard. Starb Oscar, weil er nichts dagegen unternommen hatte? Angst und Beklemmung lassen ihn in den letzten heißen Sommerstunden am Strand taumeln. Seine Pubertät und die damit einhergehende Körperlichkeit und Sehnsüchte verdrängt er immer mehr und versinkt in seine Stille. Doch diese Introvertiertheit weckt in seinem Umfeld immer mehr Interesse an seiner Person oder seinem innerlichen Schmerz, den kein anderer ergründen kann. Oscar wird vermisst und nur er weiß, was passiert ist. Wie geht er weiter damit um? Ist er Schuld? Hat sein Nichthandeln Konsequenzen?

Ein knapper Roman, der aber mit seiner Sprache auskommt und in seiner Kürze doch alles sagt. Ein Romandebüt, das begeistert, verstört und jene äußerliche und innerliche Hitze spürbar macht. Aus dem Französischen (La Chaleur) übersetzt von Sina de Malafosse.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Theres Essmann: „Federico Temperini“

Theres Essmann Federico Temperini Klöpfer NarrZwei Männer, fast schon zwei Welten, die kollidieren und somit Raum für Neues schaffen. Ein zarter Klang ist es, der mit seiner Schwingung an Intensität zunimmt. Bei Saiteninstrumenten, wie zum Beispiel einer Geige oder Gitarre, wird die Saitenschwingung des angespielten Grundtons auf dieselbe Saite eines daneben liegenden Instruments übertragen. So verhält es sich auch bei den beiden Protagonisten dieser Novelle. Ein kurzweiliger Text, der eine ungewöhnliche Freundschaft in den Mittelpunkt stellt.

Der Ich-Erzähler ist Jürgen Krause. Er hadert mit seinem beruflichen und privaten Lebenslauf und ist Taxifahrer in Köln. Seine Ehe ist gescheitert und eine seiner größten Sorgen ist, dass sein Sohn, Leo, sich mehr zu dem neuen Lebenspartner seiner Exfrau hingezogen fühlen könnte, als zu ihm, dem eigentlichen Vater. Eines Tages erhält er einen knappen und bestimmten Anruf von Federico Temperini, der ihn als Fahrer, fast schon als Chauffeur, buchen möchte. Federico Temperini zahlt für den ganzen Abend und möchte lediglich zur Philharmonie gefahren werden. Jürgen Krause soll draußen warten, denn es ist ungewiss, ob der Fahrgast bereits vor Ende des Konzertes heimgefahren werden möchte. Es soll nicht bei diesem einen Auftrag bleiben. Federico Temperini bucht immer wieder diese Fahrten. Meistens geht es zum Konzertsaal und jedes Mal wird Jürgen Krause sehr gut und im Voraus bezahlt. Die Annäherung der unterschiedlichen Männer geschieht tänzelnd. Oft sind es die wortkargen Kritiken, die Temperini zu dem soeben gehörten Konzert zum Besten gibt. Doch sind diese stets von einer sachlichen Präzision. Wer ist dieser sonderliche und mystisch wirkende Fahrgast?

Der Vater von Jürgen Krause war Chauffeur und hatte viele Berühmtheiten gefahren. Auch Eric Clapton, dessen Biografie Jürgen Krause gerade liest. Nun wird er durch Temperini erstmalig mit der klassischen Musik ernsthafter in Berührung gebracht. Denn die Neugierde wächst, auch weil immer wieder das Gespräch auf Niccolò Paganini gelenkt wird. So ist Krauses derzeitiges gehörtes Saitenwunder Clapton berühmt durch seine ruhige, langsame Spielkunst auf der Gitarre. Dagegen wurde Paganini, der berühmte Geigenvirtuose, bereits zu Lebzeiten durch seine ekstatische und brillante, ausufernde Spieltechnik zur Legende. Die Gitarre und die Geige sind zwei Bilder dieser beiden unterschiedlichen Männer, die sich durch die Taxifahrten und gemeinsame Spaziergänge anfreunden.

Hier trifft das Vergangene, das Althergebrachte auf die Moderne. Immer mehr bekommt Krause von Temperini Informationen über das Leben von Paganini in Form von diversen Dokumenten zugespielt. Krause erhält somit gedruckte Medien anstelle von Internetinformationen. Er, der ständig in Köln mit dem Wagen unterwegs ist, kauft auch selbst noch lieber im Internet als im Handel. Er nutzt oft das Telefon, ohne mit den Menschen wirklich zu reden. Dies wird ihm langsam immer bewusster. Er erfährt immer mehr über Federico Temperini und dessen Handverletzung, die er beständig zu kaschieren versucht. Bis Temperini plötzlich bei einer gebuchten Fahrt nicht auftaucht…

Ein musikalisches, kleines Werk, das schön erzählt ist. Es sind zwei gescheiterte Lebensläufe, die zueinander finden und sich ergänzen. Es geht um Verlust, Freundschaft und Anerkennung. Der Text ist eine kleine Bühne für einen Moment des Stillhaltens und der Betrachtung des Gegenwärtigen.

Danke für den Lesetipp von Birgit Böllinger, die mir dieses Buch sehr ans Herz gelegt hat. Siehe ihre Besprechung auf Sätze & Schätze

Zum Buch / Shop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Lu Bonauer: „Die Liebenden bei den Dünen“

Lu Bonauer Die Liebenden bei den Dünen Kommode Verlag

Eine fast perfekte Novelle, die zum Weinen schön ist. Es geht um die große und ewige Liebe und wird dabei niemals kitschig oder verklärend. Der Text überzeugt durch Inhalt, Form und Wirkung. Ein intensives und schönes Leseerlebnis, das den Rang zur großen Literatur erklimmen wird.

Die Liebenden bei den Dünen sind ein älteres Ehepaar, Romy und Silas. Sie haben sich jung kennengelernt. Es war die Weltliteratur, die sie zueinander brachte. Beide suchten und glaubten fest an die unendliche und wahre Liebe, die sie nun gefunden hatten. Diese hält ewig und hat nur wenige Momente des Zauderns. Es ist eine Liebe, die nicht Besitz ergreift, sondern gewährt und doch die beständige Nähe sucht. Er wird Arzt und sie wird dank ihrer Leidenschaft zur Literatur als Lehrerin tätig werden. Beide machen fast alles gemeinsam. Sie genießen die Zweisamkeit und meiden immer mehr große Menschenmengen. Später haben sie ein Strandhaus und verbringen dort schöne Zeiten. Gemeinsam werden sie alt und hier beginnt die Novelle.

Sie glauben, dass die Liebe niemals erloschen sein kann. Sie wollen im Leben alles gemeinsam machen und auch, wenn der Moment gekommen ist, gemeinsam sterben. Sehr früh hatten sie sich einst dieses Versprechen gegeben. Als Romy an Alzheimer erkrankt, halten sie fest an diesem Pakt. Sobald es mit dem Krankheitsbild schlimmer wird, wollen sie gemeinsam gehen. Es ist ihr Geburtstag und heute soll es geschehen. Der letzte Spaziergang und dann, wenn alles bereits gesagt und gemeinsam erlebt wurde, wollen sie ihr sogenanntes Sterbeli trinken. Sie sitzen in Harmonie vor ihrem Haus in den Dünen und genießen die Eintracht und die Natur. Sie halten sich an den Händen und sind bereit zu gehen.

Wenige Stunden später erwacht Silas. Er kann vorerst die Realität nicht greifen und fassen. Hat er geträumt? Als er die Situation erfasst und neben sich seine tote Frau erblickt, fragt er sich, warum er noch lebt? Hat er sie verraten, sie im Stich gelassen? Hat sie ihn verlassen und nicht an die Gemeinsamkeit im Leben und Tod geglaubt? Kann er ihr nun noch folgen? Er taumelt durch die Gegend, das Haus und somit auch durch seine Erinnerungen. Doch beginnt er seine Erinnerung an die Geschehnisse in Frage zu stellen. Er hat Schuldgefühle, weil er überlebt hat. Das Überleben schmerzt. Dann macht er eine Entdeckung, die ihn vieles anders erscheinen lässt.

Eine klassisch erzählte Novelle, die neben dem Höhe- und Wendepunkt auch einen Kunstgriff am Ende verwendet. Dort, wo Worte nichts mehr sagen können, bleibt das Schweigen…

Eine Text, der nirgends ein Zuviel aufweist, stets ausgewogen mit den Motiven und Figuren spielt. Eine ungewöhnliche und ergreifende Liebesgeschichte. Wer an die Liebe glaubt, sollte diese Novelle lesen. Wer auf der Suche ist nach Literatur, die an Klassiker wie Shakespeares „Romeo und Julia“ oder Aitmatows „Dshamilja“  heranreicht, wird hier fündig.

Zum Buch / Shop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Christoph Höhtker: „Schlachthof und Ordnung“

Christoph Höhtker Schlachthof und Ordnung Weissbooks

Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage…  Der Roman wirkt wie die im Buch beschriebene Droge. Dies ist einer der Illusionen des Werkes, denn es gibt hier unter anderem das Buch im Buch, den Text im Text und somit beginnt sich alles zu vernebeln. Wie kann man das Gelesene nur in Worte fassen, wenn man fast schon angenehm verkatert das Lesen beendet?

Es ist ein Roman, der seine Handlung in die ganz nahe Zukunft verlegt und 2022 beginnt. Es sind diverse Dokumente und Figuren, die immer greifbarer für den Leser werden und gleichzeitig nimmt das losgelöste Schweben durch das irre Buch zu. Anfänglich sucht man noch den Bezug zu den Charakteren im vorangestellten Personenregister, doch benötigt man dieses Verzeichnis immer weniger, weil Marom R500 wohl auch von uns Besitz ergriffen hat. Die Charaktere sind übrigens den verschiedenen Realitätsleveln minus zwei, minus eins und null zugeordnet.

Es ist ein erstaunliches und unglaublich witziges Buch. Anfänglich erinnert es an „Wie die Schweine“ von Agustina Bazterrica oder an „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling. Der Autor lässt seine Figuren auch das sagen, was wohl schrecklicherweise oft gesellschaftlich gedacht und viel zu oft auch ausgesprochen wird. Dabei verlässt er mit seinen Charakteren das politisch Korrekte. Das Buch ist übersprudelnd, voller wirrer Ideen und oft grotesk. Aber es ist stets ein Lesespaß, besonders durch den Wortwitz und die durchgeknallte Handlung.

Die Handlung ist global angesiedelt und alle Figuren haben irgendwie Beziehungspunkte miteinander. Zumindest durch eine Wunderdroge und den Autor Gerke im Roman, der auf seine Sprechstunde beim Arzt wartet und sich diese Figuren ausdenkt und erlebt. Es gibt einen Pharmakonzern, Winston Pharmaceutics, der in Deutschland eine Zentrale betreibt. Dieser Konzern hat einen Wirkstoff weltweit durchgesetzt. Es ist die Wunderpille Marom R500, die aus dem chemischen Wirkstoff Marazepam, ein Benzodiazepin, besteht. Eigentlich als Angstlöser entwickelt, ist es ein hochwirksames Psychopharmakon. Eine allmächtige Arznei, die fortan alle schlucken und brauchen. Sei es der Topmanager eines Schlachtkonzerns, der einem Journalisten sein Ferienhaus für dessen geplanten Entzug leiht. Dieser Entzug wird natürlich textlich festgehalten, wie der Versuch der geordneten Schlachtungen jenes Fleischproduzenten. Alle sind der Pille verfallen, auch zum Beispiel die Terroristin, der Mann, der Jagd auf Nazis macht oder auch jener Autor, der einen uralten Arzt aufsucht, um sein Rezept zu bekommen. Alle lieben und brauchen ihr Marom. Aber was gibt diese Droge den Menschen wirklich? Wie sehr sind sie noch sie selbst und kann man der Abhängigkeit entkommen? Politisiert die Arznei oder verstärkt sie das Vorhandene, das was in der Gesellschaft keimt?

Ein synthetischer Roman, wie jene Droge. Der Text ist voll mit diversen Mitteln (ich meine natürlich Handlungen) und Witz. Der Inhalt ist eigentlich schwer in Worte zu fassen, man muss das Buch erleben. Es berauscht und hat somit auch diverse Nebenwirkungen. Zumindest nistet sich das literarische Verwirrspiel in den Köpfen des Lesers ein und polarisiert, erheitert, unterhält und kann auch abschrecken. Ein satirisches, finsteres Werk. Eine ordentliche Schlachtplatte mit 124 Fußnoten. Ein fantastischer Roman, der uns eine Realität vorgaukeln möchte.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Graham Swift: „Da sind wir“

Graham Swift Da sind wir dtv

Ein Roman, der tatsächlich verzaubert und auf magische Weise die beschriebene Welt am Ende noch ein Stück größer macht. Es handelt sich um eine Dreiecksbeziehung, die komplex und über die Zeiten hinaus erzählt wird. Drei Menschen, ein Conférencier, ein Zauberer und dessen Assistentin, die zwischen diesen beiden Männern steht.

Ein kleiner Roman der von Mehrdimensionalität erzählt. Ein Varietéspiel, das fast schon hypnotisiert und am Ende, mit dem letzten Auftritt des Zauberers, den Leser mit einem großen Knall entlässt und man von der Realität, die sich um einen befindet, geblendet wird. So hat nicht nur der Zauberer den Schritt weg von seiner Trickkiste zur kunstvollen Illusion gemacht, sondern auch Graham Swift, der hiermit einen sehr raffinierten Kurzroman veröffentlicht hat. Sein internationaler Erfolg „Ein Festtag“ ist filigraner, etwas feinfühliger, aber „Da sind wir“ ist vielschichtiger. Der Roman wurde aus dem Englischen von Susanne Höbel übersetzt.

Jack Robbins betritt zaghaft seine Welt des Theaters. Er zögert seinen Auftritt hinaus, denn zum ersten Mal hat er, trotz seiner jahrelangen Bühnenerfahrung, ein flaues Gefühl im Magen. So der Anfang. Immer wieder tauchen wir ein in die Gegenwart und Vergangenheit der Protagonisten, die sich durch den Zauber der Bühne lieben lernen. Ronnie Dean wird in den Kriegsjahren aufs Land versendet und untergebracht. Hier lernt er nicht nur erstmalig ein Familienleben, sondern auch das Zaubern kennen. Er übt immer begieriger seine Tricks und bekommt später als erwachsener seinen abendlichen Part in der Varieté-Show von Jack.

Um Erfolg im Showgeschäft zu bekommen, suchen sie eine Zauberassistentin. Dies ist der Auftritt von Evie White. Die Zaubernummer wird immer spektakulärer und der Zauberer Pablo und Eve erlangen nicht nur in Brighton großes Ansehen. Den Künstlernamen Pablo hat sich Ronnie ausgesucht. er erinnert an seinen Landaufenthalt und seinen ersten Kontakt mit den Zaubertricks. Aber auch eine traurige Kindheitserinnerung, die mit einem Papagei zu tun hat, spiegelt sich in seinem Zauberer-Namen. Evie kommt Ronnie nicht nur auf der Bühne immer näher und sie verloben sich. Doch ist da auch noch Jack, der ebenfalls Gefühle für Evie entwickelt hat.

Später, als Jack große Erfolge im Showgeschäft gemacht hatte, werden die Blicke auf damals zurückgeworfen. Evie, die eine Affäre mit Jack begonnen hatte, wurde Zeugin, wie Ronnie den Weg vom Zauberer zum Illusionist machte. War eventuell bei seinem letzten Auftritt auch wahre Magie im Spiel? Hat Ronnie sich gleich dem Papagei entmaterialisiert und ist seitdem verschwunden?

Ein Werk das Staunen lässt. War alles Illusion, ein Trick oder echter Zauber? Ein Buch über Freundschaft, Liebe und die Illusion oder den Zauber des Lebens.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Sonja Rüther: „Der Bodyguard“

Sonja Rüther Der Bodyguard Knaur

Sonja Rüther schafft es, immer eine Verbundenheit mit ihren Figuren aufzubauen. Schnell sind diese beim Lesen präsent. Sonja Rüther hat nun ihren ersten Liebesroman geschrieben. Aber wenn man die Autorin kennt, weiß man, es wird keine verklärte oder verkitschte Romanze. Es ist ein unterhaltsamer Genremix aus Liebesroman und Thriller.

Zu Beginn der Handlung wird man an den Film „Bodyguard“ erinnert. Doch verläuft dann alles ganz anders, moderner und etwas realistischer. Sonja Rüther baut auch keine typischen Klischees ein. Sie umschifft diese trotz der gegebenen Rollenfunktionen der Protagonisten, die auch hier und dort zu überraschen wissen.

Maik fängt an bei einem reichen Unternehmer als Bodyguard zu arbeiten. Krankheitsbedingt ist jemand in der bestehenden Schutztruppe nicht ganz einsatzfähig. Die Familie van Holland benötigt dauerhaften Schutz, denn auf die Tochter gab es mal ein Attentat mit Schusswechsel. Maik ist kampfsporterfahren und nimmt die neue Aufgabe professionell an. Er beginnt sofort und seine erste Aufgabe ist die Beaufsichtigung einer Frau, die er nachhause eskortieren soll. Als er auf diese wartet, kommt es im Bad bereits zu einem nicht ganz professionellen ersten Treffen. Als er bei der Frau, die sich als Lynn vorstellt, auch noch ein Geldbündel sieht, geht er davon aus, sie sei eine Escort-Dame des Herrn van Holland. Er soll in Folge stets für die Sicherheit von Lynn sorgen. Maik verliert aber immer mehr seine Professionalität, da er und Lynn sich stets vertrauter werden. Noch geht er auch davon aus, dass sie beide auf der Gehaltsliste von van Holland stehen.

Maiks Freundeskreis trifft sich wöchentlich in einer Hamburger Stammkneipe. Dabei werden sie Zeuge, wie ein Mann eine Frau zu sehr bedrängt. Da Maik solche Situationen schnell in den Griff bekommt, greift er ein und kann den Mann vor die Tür setzen. Die Frau, die nun von ihrem aufdringlichen Bekannten befreit wurde, schließt schnell Freundschaft mit der Clique um Maik, der der Frau in der Nacht erneut zu Hilfe eilen muss, da sie wieder von demselben Bekannten bedrängt wird. Auch in Zukunft scheint es so, als würde dieser Mann Maik weiterhin im Auge behalten …

Maik taumelt in ein Gefühlschaos hinein, denn Lynn und er kommen sich ständig näher. Besonders an jenem Abend, als sie ihn bittet, vor ihren Freundinnen ihren Geliebten zu mimen. Das anfängliche Spiel steigert sich zur Realität. Bei beiden war es Liebe auf dem ersten Blick. Als Maik in Folge erfährt, dass er nicht eine bezahlte Begleitung seines Auftragsgebers bewacht, sondern dessen Tochter, ist das Chaos perfekt. Maik und Lynn gehen vorerst auf Distanz, halten es aber auf Dauer nicht aus. Kann die Liebe im Hinblick auf den Vater, den Kollegen und den Verfolgern überhaupt bestehen?

Ein rasanter und erfrischender Liebes- und Spannungsroman. Sonja Rüther versteht es, stets gut zu unterhalten. Irgendwie schafft die Autorin es, dass man sich in ihren Texten zügig wohl fühlt und gebannt der Handlung folgen möchte. Die Sprache ist den Charakteren und der Handlung angepasst  und bietet somit feines Kopfkino.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Helen Wolff: „Hintergrund für Liebe“

Hellen Wolff Hintergrund für Liebe Weidle

Das Buch ist ein literarisches und verlegerisches Ereignis. Es ist ein schöner Sommerroman, der biographische Züge trägt. Es ist aus der Sicht einer jungen, fast mittellosen Frau geschrieben, die mit einem reicheren Mann nach Frankreich reist. Es ist eine Flucht aus dem braunen, einengenden und düsteren Deutschland in das lichte, offene Frankreich. Er will ihr das pralle, überschwängliche Leben präsentieren, während sie das leichte, unbeschwerte Leben und ihre Freiheit sucht. Seine leichten Exzesse zerstören das Verbindende und stellen den Hintergrund ihrer Liebe in Frage. Sie tritt aus seinem Schatten und verlässt das Passive, um die wahre Fülle des Lebens, der Kultur und der Umgebung zu empfangen. Durch ihre Trennung und das Finden ihres Selbstbewusstseins kann sie ihn, durch ein zufälliges Wiedersehen, leicht verwandeln und den beidseitigen Hintergrund ihrer Liebe zurückerobern.

Der zwanzig Jahre ältere Mann in dieser Erzählung ist der legendäre Verleger Kurt Wolff, die Frau Helen Mosel, später Helen Wolff. Sie war eine der bedeutendsten Verlegerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie schrieb ebenfalls Dramen, Skizzen und diesen Roman, der erst jetzt zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Eventuell lag es auch daran, dass der Roman „Hintergrund der Liebe“ nie verlegt wurde, weil Helen Wolff bei autobiografischen Romanen stets selbst sehr kritisch war und diese oft auch als mindere Literatur ansah. „Hintergrund der Liebe“ ist aber großartige Literatur und bringt einem die große Verlegerin näher.

Die Erzählerin reist mit ihrem älteren Geliebten nach Frankreich. Er lebt auf großem Fuß und zelebriert die Eleganz und das leicht Pompöse. Sie hingegen sucht das Einfache, das Licht durchflutete mediterrane Leben. Er will sie für seine Welt begeistern und sieht nicht, dass er sie hiermit verlieren könnte. Die politischen Grenzen haben sie verlassen, aber nicht die eigenen, die sie zunehmend einengen und sie reißt aus. Sie löst sich von ihm, leicht trotzig und eifersüchtig, und sucht für sich eine passende Sommer-Idylle. Diese findet sie in einer kleinen, spartanischen Hütte in Saint-Tropez. Dort verlebt sie mit einer jungen Katze und den neugefundenen Freunden eine angenehme Zeit. In dieser Periode lernt sie, für sich selbst zu handeln und zu sorgen. Auf einem Tanzfest trifft sie erneut auf ihren verlassenen Geliebten, der sie selbstbewusst und verändert wahrnimmt. Wird der Hintergrund für ihre Liebe erneut möglich werden? Die Geschichte gibt bereits die Antwort.

Ein wunderbar geschriebener Roman. Man erlebt alles mit den Sinnen. Man schmeckt, riecht und erfasst durch die Worte die Natur, Speisen und Getränke. Ein Roman, der uns die Sonne Frankreichs ins Herz scheinen lässt und gleichzeitig einen kurzen Einblick in das Leben der großartigen Verlegerin gewährt.

Der zweite Teil des Buches ist ein Essay von Marion Detjen, der Großnichte von Helen Wolff. Dieser liefert den Hintergrund zu „Hintergrund für Liebe“  und ist eine Kurzbiographie von Helen Wolff, dieser wahrscheinlich wichtigsten Verlegerin des 20. Jahrhunderts, Günter Grass nannte sie „meine eigentliche Verlegerin“, und Uwe Johnson widmete ihr seine „Jahrestage“.

Ein Buch, das eigentlich jeder Buchliebhaber haben und lesen sollte. Eine Bereicherung der Welt der Bücher und Literatur, die dank dem Weidle Verlag endlich das Licht der Welt erblicken durfte. Ein wunderschöner Sommerroman, der stets den Bogen zur Wirklichkeit findet und somit politisch, geschichtlich, emanzipiert und persönlich ist.  Die Einbandillustration stammt von Kat Menschik.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Ashley Curtis: „Hexeneinmaleins“

Ashley Curtis Hexeneinmaleins Kommode Verlag

„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“ um die es sich auch in diesem unterhaltsamen Literatur-Krimi dreht. Es ist ein Shakespeare-Roman, in dem es sogar gleich um zwei spannende Fälle geht. Wer ist jener Professoren-Mörder, der im Roman sein Unwesen treibt und war wirklich Shakespeare selbst der Dramatiker, d.h. Verfasser seiner Werke?

Ashley Curtis, der als Autor, Lektor und Übersetzer tätig ist, spielt mit einer Verschwörungstheorie in der Welt der Literatur, in der Shakespeares Werke in Wahrheit von jemand anderen geschrieben gewesen seien. Es gab bereits schon viele solcher Ideen und Theorien. Man glaubte nicht, dass  William Shakespeare, der aus einfachen Verhältnissen kam, sich solch ein Wissen und solch eine Sprachgewandtheit angeeignet haben könnte. Es gab viele Vertreter dieser Shakespeare-Zweifler und es wurden einige Kandidaten als wahre Verfasser gesucht.

Die Handlung beginnt im Swan Theatre der Royal Shakespeare Company. Es wurde Macbeth aufgeführt. Das Publikum applaudiert und erhebt sich. Nicht aber Professor Thompson. Er liegt zusammengebrochen in seinem Theaterstuhl und die Sanitäter können nichts mehr für ihn tun. Der Professor war zu jenem Kongress angereist, zu dem die Shakespeare-Gesellschaft eingeladen hatte. Er war als einer der Gastredner eingeladen, die eine theatralische Showverhandlung führen wollten, um den wahren Shakespeare zu ermitteln. Thompson hatte im Vorwege verlauten lassen, er habe unumstößliche Beweise gefunden und wollte diese in seiner Rede darlegen. War es also ein Herzinfarkt oder starb der Professor an einer Fremdeinwirkung?

Georgina, eine Studentin von Thompson, will das Manuskript der Rede an sich bringen, damit der Shakespeare-Beweis gerettet wird und die ganze These um den Earl of Oxford, der seinen Anhängern nach Shakespeare als Pseudonym verwendet haben soll, zu entlarven. Doch findet sie das Hotelzimmer ihres damaligen Professors verwüstet vor. Jemand anderes scheint ebenfalls das Dokument mit der Rede gesucht zu haben.

Der Polizist Ian Stokes wird zu den Ermittlungen gerufen und mit dem Fall betreut. Ein Fall der nicht nur die verfeindeten Stratfordianer oder Oxfordianer beschäftigen wird, sondern auch die ganze Presse. Der „Mord in „Macbeth““ bleibt aber nicht der einzige und Stokes interessiert sich vorerst nicht für die ganzen Urhebergeschichten, sondern versucht mit seinem gewohnten Denken den Fall zu klären. Morde geschehen oft aus Habgier oder Neid. Doch verlaufen seine Ermittlungen vorerst ins Leere und er kann den Täter wohl nur finden, wenn er auch den wahren Shakespeare findet. Können gleich beide Fälle geklärt werden? Was hat das mit Macbeths Hexen zu tun?

… „Der Rest ist Schweigen“ …

Ein unterhaltsamer Roman, in dem man sehr viel um jene tatsächliche Auseinandersetzung mit der Urheberschaft Shakespeares erfährt. Ergänzt wird der Text mit einem Nachwort „Die Verfasserfrage oder in der Sache Oxford gegen Shakespeare“ von Frank Günther, dem Shakespeare –Übersetzer und –Kenner. Ashley Curtis hat einen fast schon typischen englischen Cosy-Crime geschrieben, der sprachlich und inhaltlich überzeugt und Spaß macht. Ein Krimi im Krimi sozusagen.

“When shall we three meet again, in Thunder, Lightning, or in Rain? When the Hurley-burley’s done, when the Battle’s lost and won.” (Shakespeare: “Macbeth”)

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Thomas Verbogt: „Wenn der Winter vorbei ist“

Thomas Verbogt Wenn der Winter vorbei ist Oktaven Freies Geisesleben Urachhaus

Ein stiller, langsamer Roman, der nicht nur durch die Handlung und Sprache zum Verweilen, Nachdenken und Festhalten anregt. Ein Spiel zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Was hat im Leben tatsächliche Bedeutung? Was berührt uns so sehr, dass es im Leben beständige Bedeutung hat? Wie weit haben Erinnerungen einen Einfluss auf die Gegenwart und wie lange sollte man an diesen beharrlich festhalten?

Der Roman wurde aus dem Niederländischen von Christiane Burkhardt übersetzt und war bereits für viele Preise nominiert. Der Autor schreibt zart, melancholisch, leichtfüßig, fast schon poetisch cineastisch und setzt sich mit einem Jugendereignis auseinander, dass den Protagonisten bis in sein späteres Leben hinein beeinflusst und sogar verändert.

Der alternde Schriftsteller Thomas hat eine neue Liebe im Leben gefunden und möchte mit dieser zusammenziehen. Vor dem Umzug ordnet er seine Sachen und mistet aus. Dabei werden seine Erinnerungen geweckt. Es sind Fragmente aus seiner Kindheit und besonders auf seinem Weg zum Erwachsenwerden. Auch reicht ab und zu ein kleiner Songschnitzel, um ihn in seine Vergangenheit zu katapultieren. Er erlebt das Abgelegte in dem Erzählzeitraum intensiver als seine Gegenwart. Dies ist einer seiner Charakterzüge, der ihn seit seiner Jugendzeit prägt. Er hat Schwierigkeiten sich zu öffnen, sich von Menschen oder Begebenheiten berühren zu lassen. Erst der Blick zurück, ermöglicht ihm das Erfassen. In seiner Kindheit war der schmerzhafte Verlust seiner Adoptivschwester ein prägender Moment. Seine Freundschaften und Beziehungen gestalten sich stets schwierig. Seine ersten Versuche in der Liebe scheitern, weil er es nicht zulassen kann, geliebt zu werden. Er wagt es nicht, sich berühren zu lassen. An der Schwelle zum Erwachsenwerden schafft es ein jüngeres Mädchen, ihn zu wecken. Durch zwei zarte, unschuldige Küsse wird er endlich, aber nur kurzfristig, aus seiner Schutzschicht, aus seinem seelischen Eis befreit.

In der Gegenwart muss Thomas lernen, was ihn wirklich ausmacht und was ihm im Leben wichtig ist. Ein Abwägen von Festhalten und Loslassen, im Gegenständlichen, aber auch in den Emotionen. Sein bisheriges Dasein wurde durch Scham und introvertierte Hemmnis geprägt. Erst als ihn immer mehr Dinge im Leben zu berühren scheinen und er immer wieder an Linn, das damalige Mädchen, denken muss, beginnt er sich für seine Wirklichkeit zu öffnen.

Ein leichter, schöner Roman über die entscheidenden Dinge im Leben. Ein Roman, der uns zeigt, dass alles, was uns berührt oder bewegt, wichtig ist. Seien es noch so kleine oder stille Momente, die auch diesen Text ausmachen.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Paul Auer: „Fallen“

Paul Auer Fallen Septime

Irgendwie fällt es schwer, das Buch in Worte zu fassen. Ein Roman, der viele Grenzen ausdehnt und überschreitet. Der Inhalt ist magischer Realismus. Es ist ein schönes, wirres und verzauberndes Werk. Beim Lesen hat man stets das Gefühl, man wandle durch ein modernes Gemälde von Hieronymus Bosch. Paul Auer versteht es, den Leser sofort gefangen zu nehmen und ihn auf eine Reise durch Mythen, Märchen, Sagen und Wahrnehmungen zu treiben. Man hadert, wird verstört und doch groß belohnt. Immer wieder beobachtet man sich, wenn man das Lesen beendet hat, wie man die Bilder, Passagen oder Textzeilen erneut heraufbeschwört und durchdenkt.

Es beginnt mit dem Lichtträger, mit einem zentralen Motiv des christlichen Weltbildes, dem Höllensturz, beziehungsweise dem Engelsturz. Dieses Fallen ist nicht nur der Titel, sondern auch eines der Hauptmotive. Es geht um das Schicksal des oder eines Gefallenen. Es ist Christian, in dessen jungen Leben immer merkwürdigere Dinge passieren. Seine Realität vermischt sich mit Traum- und Mythenbildern. Seine Nachbarin, die beständig Goa-Trance-Musik hört, hat rote Augen. Zwei geheimnisvolle Flüchtlinge tauchen auf. Er träumt von der Fortführung der Geschichte Jesus in der Gegenwart.  Es gibt eine alte Sage um den Teufel, die seine Familie irgendwie berührt. Eigentlich hatte sich Christian bisher mit seinem leicht melancholischen Leben arrangiert. Doch nun wirken sich fremde, tote und mystische Lebenskrisen auf sein Leben aus. Alles beginnt zu zerfließen.  Sein Wunsch nach Idylle, Familie und Liebe steht dem Bösen gegenüber. Das Böse wächst und braucht immer mehr. Es wird nie satt… Als dann auch noch ein ominöses Foto auftaucht und sich die, im wahrsten Sinne des Wortes, roten Kreise um seine Wahrnehmung drehen, muss er seinen Mut zusammennehmen, um herauszufinden, was das alles mit ihm zu tun hat und eine skurrile Reise beginnt.

Ein Roman, der vieles heraufbeschwört und irgendwie verzaubert. Der Verstand und die Emotionen werden gedehnt, provoziert und gereizt. Alles auf irre und schönste Weise.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes