Ron Corbett: „Preisgegeben“

Ein düsterer Kriminalroman, in dem es um mehr als das Überleben geht. Als Handlungsort gewählt und stimmungsvoll beschrieben wird die ganze unbändige Natur, in der sich das größte und gefährlichste Raubtier bewegt, der Mensch. Durch die Schließung einer Polizeistation wurde der Bezirk des Detective Frank Yakabuski erweitert und er muss enorme Fahrzeiten zu bestimmten Tatorten einplanen. Auch bei diesem Fall muss er mit seinen Kollegen einen weiten Weg fahren, um ermitteln zu können. Dabei wird die Weite der Landschaft, aber auch die Trostlosigkeit immer deutlicher. Im Mittelpunkt stehen abgeschiedene Ortschaften und Siedlungen, die durch Armut geprägt sind. Dabei ist der erste Leichenfund lediglich der Auftakt und es wird immer düsterer und beklemmender. Es kommen Schicksalsstränge ans Licht, die mit den dortigen Gegebenheiten verwurzelt sind.

Es beginnt mit einem grausigen Fund. Ein Holzarbeiter findet eine dürftige Hütte am Ragged Lake. Der fiktive Ort liegt in einer unwirtlichen Gegend nahe der nordamerikanischen-kanadischen Wasserscheide. Eine Familie, wohl Squatter, hatten sich dort niedergelassen und diese einfache Behausung mit plattgedrückten Getränkedosen als Dachziegel gezimmert. Jetzt sind sie tot. Alle drei wurden brutal ermordet, auch dem kleinen Mädchen hat man keine Gnade gewährt. Der Holzarbeiter ruft die Wache in Springfield an, die wiederum Yakabuski kontaktiert. Er und zwei weitere Polizisten machen sich auf den Weg in die isolierte Region im hohen Kanada. Welche Vergangenheit hat die Squatter-Familie, die ermordet wurde?

Dies ist lediglich der Auftakt weiterer und schlimmerer Geschehnisse. Als Frank Yakabuski, lediglich Yak genannt, sich auf den Weg macht, werden bereits dubiose Telefonate geführt, die sein Kommen ankündigen. Yakabuski ist ein Armeeveteran mit polnischen Wurzeln und hatte mal als verdeckter Ermittler eine Rockerbande infiltriert. Es scheint, diese Vergangenheit könnte ihn wieder einholen.

Die mühevolle Anreise mit Schneemobilen macht deutlich, was die Polizisten in dieser unfreundlichen Welt zu erwarten haben. Das Wetter und die Menschen erschweren es immer mehr, die Schuldigen zu finden und die Anwohner zu beschützen. Das Leben in dieser rauen Umgebung ist geprägt von Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Aber auch die Geschichte der Ureinwohner des Nordens wird beleuchtet und tritt zutage.

Ein brutaler, ehrlicher Noir-Krimi. Das Großartige an diesem Roman ist die Natur. Eine unbändige Natur, in der der Mensch, wie ein Raubtier, einen Überlebenskampf führt. Die Charaktere entfalten sich beim Lesen immer tiefgründiger und lassen auf weitere Fälle hoffen. Das Nachwort von Ulrich Noller ist sehr lesenswert und rundet das Buch mit wissenswerten Zusatzinformationen ab. Das Buch wurde von Jürgen Ruckh herausgegeben und von Sven Koch aus dem Amerikanischen übersetzt.

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Arezu Weitholz: „Beinahe Alaska“

Wie schön es sein kann, wenn man erkennt, dass es manchmal klug ist, sich von der Suche nach dem Perfekten im Leben zu verabschieden. »Beinahe Alaska« erzählt von einer Reise, die einen anderen Verlauf als geplant nimmt. Ein Abweichen, d.h. eine Umkehr von der eigentlichen Passage zeigt dadurch den Reisenden andere Möglichkeiten. Das beinahe Ankommen kann eine Bereicherung im Leben sein.

Der Roman beginnt mit der Aufzählung, was eventuell kommen könnte. Dieses vorangestellte „Es wird“ endet mit der Erkenntnis „Ich könnte“. Das Meer zeigt uns und besonders der Protagonistin, wie flüchtig alles ist. Die Erlebnisse, die die Protagonistin mit den Mitreisenden erlebt, zeigt, wie wenig wir von den Anderen wahrnehmen. »Menschen sind wie Eisberge: Von den meisten sieht man nur ein Siebtel.«

Die Erzählerin soll an einer Expeditionskreuzfahrt teilnehmen, um die Arktis zu fotografieren. Die Schiffspassage soll von der Südspitze Grönlands nach Alaska führen. Diese Reise kommt der Fotografin gerade recht. Denn sie ist gerne unterwegs und meidet ihr Zuhause. Sie hat keine Familie und ihr Beruf fordert sie stets auf, nach vorne zu sehen. Der Blick zurück, besonders der familiäre Verlust, wirkt schmerzhaft. Doch nimmt sie all ihre Emotionen und Gedanken mit an Bord. Durch die Weite des arktischen Gewässers und der Enge auf dem Schiff schweift ihr Blick von sich auf die Anderen. Sie fühlt sich, als allein reisende Frau, unwohl zwischen den anderen Passagieren. Es gibt zum Beispiel einen eitlen Schriftsteller, der nicht die Reise als Objekt seiner Recherche nutzt, sondern die älteren Mitreisenden eines Buchclubs. Eine schrille Influencerin, die keine Umgangsformen besitzt und die ganze Schiffscrew und das wissenschaftliche Begleitpersonal. Am liebsten sitzt die Fotografin bei einem seeerfahrenen, älteren Herrn am Tisch, um mit diesem einfach den Blick auf das Meer zu genießen.

Da das Eis unberechenbar ist, muss neuer Kurs genommen werden und es geht Richtung Neufundland. Dennoch plant die Crew auf der Passage Sehenswürdigkeiten ein und bietet einige Landausflüge an. Die Erzählerin sucht meistens den Abstand und beobachtet die Menschen, die wie Blattläuse die Land- und Ortschaften kurzweilig befallen. Ihr Fokus wandert aber auch zu sich selbst. Sie möchte die Umgebung nicht mehr durch ein Fernglas oder Objektiv wahrnehmen. Durch diesen Fernrohr-Blick vergrößert man zwar etwas, minimiert aber dadurch den Ausschnitt und verkleinert seine Welt. So funktioniert auch der süchtig machende Blick auf Smartphone und Co. Sie beginnt zu zeichnen und merkt, wie auch im Leben, wie hilfreich es ist, etwas wegzulassen. Sie registriert, wie wenig sie tatsächlich benötigt. Doch ohne einen Horizont, ohne einen Bezugspunkt, spielt das Leben mit einem seine Streiche.

Die Weite des Nordens als Fluchtpunkt, in dem man aber keine Chance hat, sich zu verstecken. Eine Reise, die neben der Natur auch einen Blick auf sich und sein Umfeld zulässt, wenn nicht sogar herausfordert.

Ein schöner, kluger und leicht sarkastischer Roman. Der Blick auf die Figuren ist mit viel Empathie beschrieben und die Reise mit den ganzen Facetten ist lebendig und schön erzählt. Die Autorin versteht es, mit Hilfe der Sprache und ihren Bildern Emotionen und Gedanken zu erwecken. Arezu Weitholz hat neben ihren Romanen und Gedichten auch Texte für Die Toten Hosen, Udo Lindenberg, 2raumwohnung und Herbert Grönemeyer geschrieben. Das Buch ist eine schöne und tolle Lesereise.

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Jürgen Bauer: „Portrait“

Ein Portrait ist eine künstlerische Darstellung eines Menschen. Es gibt sehr berühmte Gemälde, die bis heute Rätsel aufgeben. Wer ist der Dargestellte, ist es eine Frau oder ein Mann? Wie weit hat sich der Künstler in dem Bild selbst verewigt? Jürgen Bauer hat ein literarisches Portrait mit Worten gemalt, in dem drei verschiedene Menschen, eine Mutter, ein Liebhaber und eine Ehefrau, jeweils das Portrait eines Mannes entwerfen.

Dieser Mann ist Georg, der im ersten Teil von seiner Mutter angesprochen wird und sie ihm ihre Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mitteilt. Georgs Mutter, Mariedl, beginnt vor der Zeit seiner Geburt. Sie hatte stets ein einfaches und entbehrungsreiches Leben und war eine hart arbeitende Landwirtin. Als sie von Georgs Vater ganz pragmatisch gefragt wird, ob sie ihn heiraten wolle, sagt sie zu, wechselt den Hof und wird Mutter. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs wächst Georg auf dem Hof auf, den Mariedl alleine bewirtschaftet. Da ihr Mann mutig gegen das Naziregime gesprochen hat, musste er fliehen und ist seitdem verschwunden. Georg hat einen Bruder, der sich besser mit der Landwirtschaft arrangiert hat. Ein Onkel, der als Industrieller ein sorgenloseres Leben führen kann, unterstützt Mariedl und die Kinder, wo er kann. Georg, der bisher sehr introvertiert und still war, erhält die Möglichkeit zur Schule und sogar später aufs Gymnasium zu gehen und erwacht aus seiner inneren Stille. Zum Leidwesen seiner Mutter wird aus ihm kein Landwirt, sondern er studiert in Wien und macht später Karriere. Viele Jahre später kommt es zu den ersten Besuchen von Georg, der mal mit seiner Frau oder mit einem einige Jahre jüngeren Mann anreist.

Dieser jüngere Mann ist Gabriel, der auch dem Landleben entkommen möchte und in Wien seine Freiheit sucht. Er reist in den siebziger Jahren gänzlich naiv in die Großstadt und will Abenteuer, schnellen und schmutzigen Sex erleben. Wortwörtlich wird er von Georg auf der Straße aufgelesen und aufgenommen. Es ist keine wahre Zuwendung aus Liebe, sondern der Reiz aneinander und das Begehren, das sie zusammenführt. Georg bekämpft als angesehener Mann der Gesellschaft seitdem innere und äußere Konflikte. Das Leben als Homosexueller in dieser Zeit ist immer noch geprägt von Angst, Unterdrückung und Missachtung und gerade Gabriel rebelliert dagegen und wird immer lauter. Georg hadert mit dem Politischen und seinem Wunsch nach Privatem.

Durch die Leidenschaft zur Oper lernt Georg Sara kennen. Sie hatte auch keine schwerelose Kindheit und entschließt sich, Sängerin zu werden. Sie kommt ebenfalls nach Wien und hier treffen sich die Wege. Sie hat als Sängerin und besonders als Opernsängerin keine Erfolge. Sie heiratet Georg, da sie in ihm einen Mann sieht, den sie nach ihren Vorstellungen formen und lenken kann.

Es sind somit drei Geschichten, drei Sichtweisen, in deren Zentrum Georg steht. Es sind seine Mutter, die in ihm den versnobten, feinen Pinkel sieht, der sich für etwas Besseres hält. Sein Liebhaber, der krank wird und seine Ehefrau, die mehr den Schein wahrt und die Macht innerhalb der Beziehung haben möchte.

Georg als Mittelpunkt, als die Figur, um die sich alles dreht und den alle mit ihren Erzählungen ansprechen. Warum sie dies machen, erschließt sich erst am Ende. Wer ist Georg? Zeichnen die Mutter, der Liebhaber und die Ehefrau ein wahres Portrait von ihm? Sind es letztendlich doch nur sie selbst, die von sich erzählen?

Vieles wird anhand der Charaktere und deren Erzählungen thematisiert. Die Betrachtungen und Porträts, die wir von einander unbewusst oder bewusst erstellen, malen das Bild unseres Umfeldes. Welches Bild macht sich jeder vom anderen? Was bleibt im Verborgenen, wird verdrängt oder eventuell übersehen? Was erkennt man im anderen Menschen und was sieht man von einem selbst in dem Betrachteten?

Jürgen Bauer haucht seinen Figuren sehr viel Leben ein und jeder Bericht hat einen eigenen Erzählton. Die Projektionen werden immer farbiger und das Portrait des ganzen Romans reift im Betrachter, d.h. im Leser. Wohl der bisher stärkste Roman von Jürgen Bauer, dessen Umschlag ein von ihm selbstgemaltes Ölbild zeigt.  

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Buchblog-Awards 2020 FINALIST!

DANKE AN ALLE LIEBEN BUCHMENSCHEN!

Wir sind Ihnen und Euch so dankbar, denn erneut sind wir FINALIST!

Die Finalisten des Buchblog-Awards 2020 stehen fest und wir sind einer der fünf besten Buchhandlungsblogs. Siehe: https://www.buchblog-award.de/news/finalisten2020/

Das ist eine so große und tolle Auszeichnung!

Danke an alle, die für uns gestimmt, uns nominiert haben und mögen, was wir so machen! Wir freuen uns wirklich sehr und feiern mal unseren Leseschatz!

Danke auch an das tolle Bubla-Team!  #bubla20 

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Sandra Weihs: „Delilah“

Ein wunderschöner Roman über Liebe, Freundschaft, das Erwachsenwerden und die tiefverwurzelte Sehnsucht nach Freiheit.

Die Erzählerin sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt auf den Garten und in ihre Kindheit zurück. Immer wieder rücken der Apfelbaum und seine Früchte in das Blickfeld. Wie die paradiesische Frucht, so sind auch die Namen der Hauptcharaktere voller Anspielungen und Deutungsmöglichkeiten. Diese sind Penelope und Delilah.

Penelope ist die Erzählerin, die als Schülerin schüchtern in Erscheinung tritt. Als eine neue Klassenkameradin in ihr Leben tritt und sich im Klassenraum neben sie setzt, beginnt ein gegenseitiges Umkreisen. Die neue Freundin nennt sich Delilah. Dies ist nicht ihr wahrer Name. Sie hat sich selbst so genannt und trägt diesen wie eine angezogene Rolle, die aber gänzlich zu ihr passt und sie erfüllt. Mit dem Auftritt von Delilah beginnt eine Art des Strahlens um das Leben von Penelope. Durch Delilah erhält alles eine Einfachheit, eine Schönheit und die schwermütigen Gedanken scheinen zu verfliegen. Delilah zieht alle in ihren Bann. Sie hat drei Arten des Lachens. Das freie, aus dem Herzen kommende, was-soll-schon-passieren Lachen, das Lachen über sich selbst und das stillere Lachen, indem eine Sehnsucht, ein Wunsch verborgen liegt und durch diese introvertierte Geste etwas Zartes, Trauriges mitschwingen lässt.

Die jungen Frauen werden gute Freundinnen. Delilah hat etwas Zartes, Wildes und Freies, das sich auf die Menschen in ihrem Umfeld abfärbt. Während eines langen Herbstes bilden sie einen Freundeskreis aus jungen Frauen und Männern, die im Leben noch Suchende sind. Delilah sieht überall die Liebe, die ihren Weg, auch durch die stärksten Hindernisse, findet. So ist es kein Wunder, das sie von vielen gemocht und geliebt wird. Dabei geht sie oft ihren eigenen Weg. Dies zeigt sich auch im Bild der Obsternte, als Penelope das Fallobst einsammelt, Delilah aber nur Augen für die schönen, gereiften Äpfel am Baum hat.

Penelope, die als auktoriale Erzählerin auf die Geschichte zurückblickt, erinnert sich auch an die Zeiten nach dem Herbst voller Liebe und Freundschaft. Es folgt ein klirrender Winter, in dem die Freundschaften auf die Probe gestellt werden. Die Freundschaft zu Delilah und die aufkommende Beziehung zu Jonas im Zentrum jenes Winters und dem folgenden, wechselhaften Sommer.

Ein wunderschön geschriebenes Werk. Delilah begeistert durch die Leichtigkeit, Schönheit und Vielseitigkeit. Eine feinfühlige Geschichte einer Jugend. Es geht um Freundschaft, die erste Liebe, um Selbstfindung und Freiheit. Das Buch ist in einer klaren, bildhaften Sprache geschrieben, die sich trotz der Thematik niemals ins Verkitschte oder zu Verträumte verrennt.

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Hüseyin Yurtdas: „Der Verkrochene“

Ein Buch, das uns herausfordert und nicht zum lediglich schönen Lesen einlädt. Vielmehr provoziert der Text und man gerät mit den kleinen Reden, d.h. Kapiteln, in den Bann des Protagonisten. Am Ende ist man froh, es erlebt zu haben und man taucht immer weiter in die Gedankenspiele der Figur und in die eigenen ein. In 99 kleinen Abschnitten (manchmal ist es nur ein Satz) sprudelt das Innenleben des Erzählers auf uns ein. Er nennt sich selbst einen Idioten, einen einsamen Lügner und doch beginnt man, an die Wahrheiten zwischen den Zeilen zu glauben. Man gerät mit dem Buch selbst ins Straucheln und vergräbt sich mit dem Text in die Innenwelt eines modernen Menschen. Ist es ein Prometheus, der bereits bei Goethe gewütete hatte, ein verlorenes Ich, wie bei Gottfried Benn oder ist das Ganze eine Publikumsbeschimpfung, die sich bei Peter Handke an den Zuhörer wendet, bei Yurtdas aber fast mehr an den Erzähler selbst gerichtet ist?

Der Verkrochene ist ein junger Mann, der bereits als Jugendlicher vereinsamte und Liebe vermisst. Er hatte Beziehungen, aber diese sind wohl am kränkelnden Egoismus gescheitert. Er spielt mit seinem Umfeld und besonders mit uns, den Lesern und Zuhörern seiner Texte. Man beginnt zu glauben, ihn zu kennen, seine Eigenarten erkannt zu haben. Doch sagte er selbst, er wäre ein Lügner. Welche seiner vielen Visionen seines Selbst ist wahr? Wer ist er? Wir glauben ihm, dass er sich selbst nicht erträgt. Er ist weinerlich, pessimistisch, düster und wohl ein defekter Mensch. Doch dann zieht er seinen Lügen über sich selbst die Decke weg. Mit seinem anfänglichen Gejammer und Gemecker nervte er, dann schlägt er um und perlt sich anders aus seinen Texten heraus.  Er wendet sich direkt an uns, wie auf der Brechtschen Bühne.

Er sehnt sich nach der Gesellschaft, nach Anerkennung und Liebe. Seine Selbstäußerungen sind verstörend. Seine Bilder zeigen ein verletztes und verwundetes Ego. Dabei redet er gegen sich und andere tabulos. Ist er der moderne Mensch, der hier zu uns spricht? Seine Inszenierungen sollen uns täuschen und sind imaginäre Machtspiele. Die persönliche und geistige Entwicklung steht im Schatten der Anerkennung aus dem Umfeld. Das sich Hineinsteigern aus Angst, Verlorenheit und Einsamkeit in Bilder, die man von sich selbst entwirft, um Gehör zu finden, ist allzu oft Blendwerk. Die Ablenkung vom Selbst als Taktik des Verkrochenen.

„Der Verkrochene“ zählt zu einer ehrlichen Undergrounderscheinung der türkischen Literaturszene der letzten Jahre und liegt nun in der deutschen Übersetzung von Barbara Yurtdas vor.

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Yoko Ogawa: „Insel der verlorenen Erinnerung“

Was passiert, wenn wir immer mehr vergessen? Nicht als Individuum, sondern als Menschheit. Was passiert durch den Verlust der Erinnerung mit der Kultur, der Gesellschaft und dann doch wieder mit dem Individuum? Yoko Ogawa hat eine faszinierende Parabel über Verlust geschrieben. Verlust von Vergangenem, Seiendem und dadurch letztendlich auch von Freiheit. Etwas Schleichendes, aber Unabwendbares geschieht in dieser Fabel, in der vieles sich verabschiedet wie Schnee, der sich in einem strömenden Gewässer auflöst.

Der internationale Bestseller erschien bereits 1994 in Japan, liegt nun erstmalig in der deutschen Übersetzung von Sabine Mangold vor und war für den Booker Price nominiert. Ogawa ist eine der bedeutendsten Autorinnen Japans und begeistert immer wieder aufs Neue mit ihren Werken.

Die Handlung spielt auf einer vom Festland weit entfernten Insel, auf der sich die Menschen mit einem Phänomen und einem totalitären Staat abgefunden haben. Das Phänomen betrifft ein regelmäßiges Verschwinden von Dingen. Es ist vorerst ein Gespür, eine Ahnung, dass wieder etwas verloren gehen wird. Am kommenden Tag ist es dann auch schon weg und alles, was daran erinnern könnte, muss vernichtet werden. Dafür sorgt die Erinnerungspolizei. Anfänglich waren es unbedeutendere Sachen, dann griff das Vergessen immer weiter um sich und nahm zum Beispiel die Spieluhren, die Vögel und die Rosen mit. Die Rosen auch als Symbol der Liebe, denn durch das Leben auf der Insel verkümmern immer mehr die Herzen der Menschen. Das Vergessen frisst sich auch durch die persönlichen Erinnerungen. Fällt ein Ding in den Fluss des Vergessens, ist auch die individuelle Erinnerung daran gelöscht. Wie bei einem Puzzle, dem man ein oder mehrere Teile wegnimmt, verschwindet Stück für Stück das Gesamtbild und der Bezug zum Ganzen. 

Doch gibt es Menschen auf der Insel, denen man die Erinnerungen an die Geschichten nicht nehmen kann. Bei diesen Personen klappt die Auslöschung nicht und somit sind sie eine Gefahr für den Staat und ein Opfer der Erinnerungspolizei. So hat sich auch die Mutter der Heldin lange an Vergangenem festgeklammert und wurde dann doch abgeholt und eventuell ausgelöscht. Die Hauptfigur ist eine Schriftstellerin, die gerade einen neuen Roman schreibt, in dem die Protagonistin ihre Stimme verliert und nur mit Hilfe einer Schreibmaschine kommunizieren lernt. Mit dem Defekt dieser Maschine, wird die Romanfigur ein Opfer des Schreiblehrers. 

Die Schriftstellerin geht regelmäßig mit ihrem Lektor R das Manuskript durch, der Anmerkungen oder Veränderungen vorschlägt, dabei wird deutlich, dass er zu den Menschen gehört, die nicht vergessen können und die verlorene Dinge noch im Kopf und Herzen tragen. Da die Erinnerungspolizei immer skrupelloser vorgeht, reift der Plan, den Lektor zu verstecken. Mit Hilfe eines älteren Freundes, der auf einer vergessenen Fähre lebt,  bauen sie eine Kammer im Untergeschoss ihres Hauses, um R dort zu verstecken. Aber auch die Razzien der Polizei werden immer häufiger und brutaler. Was passiert, wenn die Menschen selbst verschwinden müssen? Wo Erinnerungen, Geschichten oder sogar Bücher vergessen, wenn nicht sogar verbrannt werden, verbrennt sich dann nicht auch letztendlich die Menschheit?

Eine wunderbare Fabel. Ein kleines Meisterwerk, das als Parabel die aktuellen politischen Geschehnisse weltweit einspannt und uns gleichzeitig die Welt neu durchdenken lässt.

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Rolf Lappert: „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“

Rolf Lappert Das Leben ist ein unregelmäßiges Verb Hanser

Ein Roman, der gänzlich begeistert und so unterhaltsam, klug und umfangreich ist, dass er einem Vergleich mit John Irving, dem großen amerikanischen Erzähler, standhält. Es ist besonders die genauste Ausarbeitung der Charaktere, die hier zu fesseln versteht. Die Figuren sind sofort präsent, nahbar, werden immer plastischer und bekommen eine enorme Tiefe. Es geht um Kinder, die in einer Kommune aufgewachsen sind und sich plötzlich der wahren Welt stellen müssen. Doch ist diese Befreiung für die Jugendlichen ein Schritt in die Freiheit?

Es ist keine Lebensgemeinschaft, die den Kindern etwas Schlimmes abverlangt. Sie werden nicht politisiert, missbraucht oder radikalisiert. Sie wachsen lediglich ohne Schulbildung auf und helfen bereits als Kinder in der Landwirtschaft. Sie leben abgeschottet von der restlichen Welt. Die Realität und Bildung erhalten sie von den „Alten“, den Erwachsenen, vorgelebt und aus Werken der Weltliteratur vorgelesen. Diese Hippie-artige Gruppe, die mit ihren eigenen Regeln lebt, sich der Realität verweigert und den Kindern vorgaukelt, diese Welt aus den Büchern gäbe es gar nicht, wird plötzlich aufgehoben. Behörden lösen die Kommune auf, die Erwachsenen müssen sich verantworten und die Jugendlichen werden getrennt untergebracht. Diese Jugendlichen sind: Frida, Ringo, Leander und Linus.

Sie empfinden sich als eine Einheit, zusammen sind sie etwas und nun, da sie getrennt sind, bilden sie leere Worte, die nicht mehr in der Lage sind Sätze, geschweige denn eine Geschichte zu bilden. Als die Landkommune, genannt „Winnipeg“, 1980 in Norddeutschland entdeckt und aufgelöst wurde, bricht für die geretteten Kinder eine Welt zusammen. Wie Geblendete stehen sie plötzlich im Licht einer neuen, ihnen fremden Welt. Die neue Umgebung überfordert sie. Sie fühlen sich vertrieben und fremd in dem jeweiligen Umfeld. Die Behörden, die Medien und die Menschen, die sich ihrer annehmen, sehen es als ihre Rettung an. Doch können die Jugendlichen diese Rettung nicht begreifen. Hier beginnt die Handlung des Romans, der ein literarisches Panorama offenbart und faszinierend die einzelnen Biographien aus den unterschiedlichen Perspektiven aufbaut. Mal als herkömmlicher Erzähler, mal als ein Bericht gegenüber einer Journalistin. Am Anfang weiß man noch nicht, was mit allen passiert ist. Besonders der Verbleib von Linus ist fraglich. Die Biographien und die Werdegänge von Leander, Ringo und Frida werden im Roman ausführlich ausgearbeitet. Leander leidet anfänglich am meisten, wirkt gänzlich überfordert und entwickelt fast autistische Züge. Ringo wird es sein, der ihn besucht und durch ein makabres Krötenspiel aus der Starre erlöst. Frida kommt zu Großeltern, die sie für sie nicht erwärmen können und auch mit der Situation hadern. Frida geht seitdem immer wieder neu auf die Suche nach sich selbst und irrt im Werdegang durch die Welt und das Leben. Ringo wirkt gefestigt und gerät erneut in den Fokus der Medien als Held, als er ältere Bewohner aus einem brennenden Seniorenheim rettet. Somit bleibt er, zwar auch innerlich kaputt, ein Medienereignis.

Alle sind auf der Suche nach Glück und Festigung ihres Daseins innerhalb der Gesellschaft, die für sie immer die Neue bleiben wird. Das Leben wird für sie alle schwer bleiben und die damals abgeschirmte Jugend, die sie selbst als nicht falsch angesehen hatten, wirkt weiterhin beständig als Erwachsene nach.

Das ganze Buch moralisiert nicht. Ein Roman, der durch die Fülle und die Vielfalt lebt. Die Geschichte ist brillant aufgebaut und erzählt. Mit den Perspektiven wechseln auch die Stimmungen und die Sprachfarbe. Ein wunderbares, tiefgründiges Werk, das unfassbar gut geschrieben ist und mit glaubhaften Haupt-, sowie Nebenfiguren und Details belebt ist. Ein Anwärter für den Leseschatz des Jahres.

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Máirtín Ó Cadhain: „Die Asche des Tages“

Máirtín Ó Cadhain Die Asche des Tages Kröner

Irische Literatur hatte und hat immer noch oft Kultstatus. Dies liegt wohl an der fröhlichen Melancholie und dem schwarzen sowie hintergründigen Humor. Máirtín Ó Cadhain ist einer dieser Autoren, die diesen Kultstatus behaupten und neben James Joyce, Roddy Doyle und besonders Flann O’Brien in jedes Bücherregal gehören. Máirtín Ó Cadhain ist wohl leider einer der unbekannteren Autoren, dabei gilt er als einer der wichtigsten Autoren und Erneuerer der irischsprachigen Literatur.

Der Held in „Die Asche des Tages“ wird lediglich N. genannt. Er macht gerade etwas durch, das wohl viele kennen dürften. Etwas, das eigentlich unbedingt erledigt gehört, verschiebt man so lange, bis es zu spät, von anderen erledigt oder gänzlich unmöglich ist, noch verarbeitet, bzw. in Angriff genommen zu werden. Bei N. wird es immer schwieriger, denn es handelt sich um die Beisetzung seiner Ehefrau. Eigentlich sollte er sich um die Beerdigung, die Trauerfeier und alles andere, das so bei einem verstorbenen Ehepartner anfällt, kümmern. Da er bereits viele Fehlstunden bei der Arbeit hat, ist er aber erstmal in das Büro gegangen. Hier rufen ihn die Verwandten an, die ihn ausmeckern, weil er nicht an der Seite der Verstorbenen ist und hilft. Er verlässt das Büro, geht aber nicht nachhause, sondern trifft Bekannte und in einem Pub wird ihm eine Telefonnummer einer Krankenschwester gegeben, die eventuell bei der Aufbahrung behilflich sein könnte. Doch bekommt N. Bedenken, diese zu kontaktieren. Weil er sich als Witwer sorgt, wie er zukünftig alles alleine wirtschaftlich gestemmt bekommt, versucht er Rabatte bei dem Beerdigungsinstitut zu erhalten. Aber auch hier sind die Menschen, bei denen er anfragt, keine rechte Hilfe. So macht sich N. schon seine Gedanken, verdrängt aber die eigentliche Situation und taumelt verloren durch Dublin. Hierbei wird immer deutlicher, dass er ein pathologisches Problem zu haben scheint. Seine Odyssee durch die Stadt ist somit eine tiefe, traurige und humorvolle Charakterstudie. Hätte er nicht eigentlich genug Sorgen, wird auch anfänglich sein Portemonnaie gestohlen. Doch er streunert weiter durch die Stadt, während die Menschen weiterhin ihren Tätigkeiten nachkommen. Für ihn wird es  durch seine stundenlange Irrfahrt immer unmöglicher, nachhause zurückzukehren. Ein Zuhause, in dem aller Wahrscheinlichkeit die Verwandten der Verstorbenen auf ihn warten. Diese aus seiner Sicht grantigen Schwestern haben ihn bereits angekeift und in seiner Hoffnung werden sie die Trauerfeier aber wohl auch besser ohne ihn organisiert bekommen. Dieser Gedanke und auch der Mut, sich zu entschuldigen, beflügeln ihn. Aber dann kommen irgendwann doch die Schwere, das schlechte Gewissen und die Erinnerung an das, was alles noch vor ihm liegt, zurück und er irrt weiter…

Man leidet mit N., auch wenn man ihn gerne an den Schultern schütteln möchte. Man glaubt ihm seine Gedanken und denkt, er wird alles irgendwann eventuell doch meistern. Der, der es meistert, ist der Autor. Ein typisch schräger, irischer Roman. Máirtín Ó Cadhain reiht sich mit dieser feinen Wiederentdeckung und Übersetzung von Gabriele Haefs in die Kultwerke (z.B. Flann O’Brien in der Übersetzung von Harry Rowohlt) der irischen Literatur ein. Also, gerne alles aufschieben und Máirtín Ó Cadhain lesen!

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Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Christine Wunnicke Die Dame mit der bemalten Hand Berenberg

Egal wo wir Menschen leben oder woher wir kommen, wir schauen alle zu den Sternen. Das ganze Firmament beinhaltet in jeder Kultur unzählige Geschichten. Ein Sternbild ist klein oder groß, jeweils wie wir es gelernt haben. Für einige ist es zum Beispiel die Kassiopeia und für andere ist dies nur ein Auszug, eine bemalte Hand, aus einem größeren Sternbild. Dennoch verbindet das Sternedeuten und -betrachten. Es ist in gewisser Weise eine Sehnsucht nach Erklärung, Sprache und Wissen. Gleichzeitig aber auch Wegweiser in der astronomischen Navigation.

In dem wunderschönen und teilweise humorvollen Roman geht es um den Mathematiker, Kartografen und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der auf Meister Musa, einen persischen Gelehrten und Astrolabienbauer aus Jaipur, im Jahre 1764 trifft. Meister Musa hat gerade ein kunstvolles Astrolabium an einen Kunden geliefert, der dies gar nicht zu würdigen weiß, sondern nur als Sammelstück in seine Ausstellung stellt. Eigentlich wollte Meister Musa weiter nach Mekka reisen. Doch auf der Reise in Indien, nahe Bombay, gerät das Schiff in eine Flaute und Meister Musa lässt missgelaunt an einer kleinen Insel anlegen.

Carsten Niebuhr reist mit einer Forschungsgruppe, im Auftrage des dänischen Königs und des Göttinger Theologen und Orientalisten Johann David Michaelis, nach Arabien und nach Vorderasien. Johann David Michaelis hält wenig von dem jungen Niebuhr und schikaniert ihn vor der Abreise bei seinen Vorlesungen. Die Forschungsreise soll Beweise und Wahrheiten für den Inhalt der Bibel sammeln. Doch Carsten Niebuhr möchte auf den von Johann David Michaelis formulierten Fragenkatalog gerne stets mit dem eigenen oder bestätigten Unwissen antworten. Alle wissenschaftlichen Gefährten werden auf der Reise sterben und Niebuhr erkrankt an der bis dahin unerforschten Krankheit Malaria. Daher ist es fraglich, ob alles, was er in Folge erlebt, sich tatsächlich so zugetragen hat. Er strandet auf seiner Reise ebenfalls auf der vor Bombay liegenden Insel Elephanta. Die Insel ist heutiges Kulturerbe.

Es treffen also Meister Musa und Carsten Niebuhr aufeinander. Sie warten auf Rettung und begeben sich zusammen auf Erkundung der jeweils anderen Kultur. Persisches Wissen trifft auf die Errungenschaften der frühen Neuzeit. Geschichten treffen auf Mystik und Poesie.

Mit feiner Ironie und ganz viel Poesie ist dieser Roman ein Eintauchen in eine reale und doch fantastische Welt. Die wissenschaftliche „Arabische Reise“ als Ideengrundlage von Europäern, die in die Ferne reisen, um eigentlich doch nur ihre Geschichten belegt zu finden und doch dann auf mehr gestoßen werden. Ein Warten auf Rettung zweier Menschen unterschiedlicher Kulturen, die sich nicht nur über Sternbilder unterhalten. Wie es endet steht wahrlich in den Sternen.

Ein Roman, der mit Historischem spielt und daraus eine eigene Kunst macht. Das Buch ist eine kluge und unterhaltsame Lesereise.

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