#Indiebookday 2018

Anlässlich des Indiebookday (24. März) habe ich eine kleine Auswahl für Leseschatz-TV getroffen.

Die Empfehlungen: 1) Julia Jessen: „Die Architektur des Knotens“ 2) „Berlin Noir. Ein literarisches Städteporträt 3) Pippa Goldschmidt: „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen 4) Michael Engler: „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane) 5) Michael Engler: „Wo zum Teufel, liegt Memmingen“ 6) Kerstin Ehmer: „Der weiße Affe 7) Chew Chia Shao Wei: „Der Fels und der Vogel“ Illust.: Anngee Neo 8) Kat Menschik 9) Bettina Steinbauer: „Das Unbehagen der Elsa Brandt“ 10) Christina Viragh: „Eine dieser Nächte“ 11) „Kiel – Rezepte aus der Küstenküche“ 12) Deniz Yücel: „Wir sind ja nicht zum Spaß hier 13) „Dänemark. Ein Länderporträt“ 14) Friederike Gräff: „Warten. Erkundungen eines ungeliebten Zustands“

Siehe auch Indiebookday 2018 mit Pinkfisch

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Julia Jessen: „Die Architektur des Knotens“

Julia Jessen Die Architektur des Knotens Kunstmann

Durch einen Knoten wird etwas ein Ganzes, aber besteht dennoch aus zwei oder mehreren Einheiten. Einfache Bilder und Szenen des Romans verdeutlichen die Ehe, die Zweisamkeit und lassen sich dann auch auf die Gesellschaft anwenden. Das Buch hat Julia Jessen der Zukunft gewidmet. Der Roman beschreibt die Krise, die durch Angst vor einem Stillstand, vor dem leeren Raum innerhalb einer Zweisamkeit und vor der Apathie entstehen kann. Es ist der zweite Roman der in Hamburg lebenden Autorin Julia Jessen, die mit „Alles wird hell“ 2015 ihren Debütroman veröffentlicht hatte. Julia Jessen spielte in einigen Filmen  und Theaterproduktionen und unterrichtet jetzt Schauspiel. Daher sind es die Dialoge, die den Charakteren aus dem Herzen sprudeln, die das Buch sehr lebendig werden lassen.

Ein Roman über eine ungewöhnliche Trennung und den Versuch einer erneuten Verbindung. Anfänglich ist es ein keimendes Gefühl, dass man etwas anderes im Leben möchte. Eigentlich ist man glücklich und doch ist etwas im Leben anders, als man es sich gedacht hatte. Das in Hamburg lebende Ehepaar Yvonne und Jonas verstehen sich gut, haben zwei Kinder  und einen großen Freundeskreis. Jeder hat innerhalb der Familie seine Rolle bekommen und funktioniert. Doch gerade dies ist es, dass Yvonne immer mehr in Frage stellt.

Es beginnt mit einem kindlichen Spiel. Ihre Jungs bauen in ihrem Zimmer aus all ihren Spielsachen eine große Stadt. Liebevoll bauen sie alles auf und geben den Playmobilfiguren auch ihre jeweiligen Funktionen. Yvonne sieht sich nun aus Kindesaugen in ihrer Rolle innerhalb der Familie und beginnt sich zu reflektieren. Kaum ist der Aufbau der Stadt beendet, beginnt für die Kinder der eigentliche Spaß: die Vernichtung. Dies ist das zentrale Bild im Roman, gleich einem Keim, der nach einem Waldbrand etwas Neues wachsen lässt. Überall tauchen im Text Symbole und Methapern auf, die Gegensätzliches bewirken. Aber plakativ wird der Text niemals, sondern er entwirft das Innenleben einer Krise. Die Suche nach dem Keim eines Neuanfangs, der durch Lösung des festgezurrten Knotens zu einer neuen Bindung verhelfen kann.

Yvonne hadert mit sich und wirkt leicht depressiv. Sie möchte raus aus dem Ich, der erdachten und empfundenen Rolle. Sie möchte weg und weiß nicht wie und wohin. Die Familienfeste erlebt sie zwiegespalten und die Reise zu Freunden nach Dänemark lässt sie gleich der sogenannten „Vision Zero“ einen für sie und ihr Umfeld drastischen Schritt machen. Sie sind zu einer Taufe eingeladen und Yvonne geht nach dem Fest mit einem jüngeren Gast in eine Bar und schläft mit ihm. Sie macht es nicht, weil sie Jonas nicht mehr liebt, sondern einfach, weil sie sich wieder spüren, sich selbst finden und bestätigt wissen möchte. Sie handelt aus dem Effekt heraus und ahnt noch nicht, dass sie somit ihre perfekt aufgebaute Welt zerstört. Sie will ihre Ehe und Familie nicht verlieren, möchte aber nicht so weitermachen wie bisher, ohne dabei zu wissen, was sie tatsächlich ändern möchte. Jonas, dem sie alles erzählt, ist wie vor den Kopf gestoßen.

Es sind Lebenskrisen, die das Wechselspiel aller Emotionen durchlaufen. Einfühlsam schildert Julia Jessen die Auflösung und Aufbauprozesse, denn zum Stammtisch der gescheiterten Existenzen können sich die Protagonisten noch nicht zählen. Muss zwangsläufig Unglück aus Zerstörung wachsen? Angst, Selbstzweifel, Deutlichkeit und die familiären Bindungen lassen die Charaktere handeln. Die Flucht aus der Vorherbestimmbarkeit des geordneten Lebens geht viele an. Sie benötigt zum Glück nicht immer eine Rodung und birgt somit in sich auch etwas Beruhigendes.

Der Roman beschreibt mit Poesie und Bildern die Fliehkraft, die der Trägheit entgegenwirkt, den Druck, d.h. die Kraft, die sich der Verkleinerung entgegenstellt und die Anziehungskraft der Liebe. Beschrieben wird der Wunsch nach der Lösung aus verknoteten Rollenfunktionen und der Sehnsucht nach familiärer Bindung, auch wenn es manchmal nicht mehr so ist, wie es vorher war.

Ein fesselnder Roman über eine Selbstfindung und Rettung. Dieser Neubeginn lässt keinen unberührt und unverändert zurück.

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Pippa Goldschmidt: „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“

Pippa Goldschmidt Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen CulturBooks

Es fällt sehr schwer, sich dem Sog des ganzen Buches und jeder einzelnen Erzählung zu entziehen, denn jede Story ist für sich ein ganzer Leseschatz. Die Texte leben von der Sprache, die gleich der Wissenschaft, besonders der Naturwissenschaft, versucht, das Leben zu erfassen. Denn jede Gleichung ist lediglich ein Versuch, das Universum, die Welt oder das Leben annähernd verständlicher zu machen. Das hat die Literatur mit der Naturwissenschaft gemeinsam, sie ist ein Versuch die Welt zu erklären. Wir Menschen sind immer noch auf der Suche nach der Frucht der Erkenntnis und hoffen, dieser mit Bildern, Formeln und Sprache näher zu kommen. Pippa Goldschmidt gelingt es, komplexe Themen wie die Relativitätstheorie, Antisemitismus, Feminismus und den wissenschaftlichen Alltag in ihre brillanten, surrealen, humorvollen und literarischen Geschichten zu verpacken. Die Texte unterhalten auf großartigem Niveau und man ertappt sich sehr oft dabei, dass man Sätze unterstreichen möchte und  nach bestimmten Formulierungen innehält und das Gelesene nachklingen lassen möchte.

Die Geschichten kreisen stets um die Naturwissenschaften. Man benötigt aber kein besonderes Verständnis oder Vorkenntnisse, um die Texte gänzlich verstehen zu können. Die Erzählungen sind alle klug, verständlich und literarisch und verlangen vom Leser lediglich sich auf die Geschichte einzulassen. Wenn man dazu bereit ist, ist ein großer Lesespaß garantiert.

Der Blick nach außen, ins All, in die kleinste Zelle oder der Versuch, die Neutrinos sichtbar zu machen, ist immer auch der Blick auf das eigene Leben. Hier greift die Relativität. Ordnung und Chaos kippen mit der Sichtweise: Natur kann aus menschlicher Sicht Chaos sein. Aber es ist der Mensch, der meist Chaos in der Natur verursacht. So kreisen die Geschichten um Menschen, die jeder für sich in ihrem eigenen Universum leben. Es gibt dann Überschneidungen innerhalb der Lebenskreise. Diese Schwellenorte sucht Pippa Goldschmidt auf und macht uns, ihren Lesern, die Welt etwas verständlicher.

Die Geschichten sind teilweise paradox, sogar Science-Fiction oder skurril. Auch bekannte Persönlichkeiten tauchen auf. Unter anderen Robert Oppenheimer, der vor seinen eigentlichen Entdeckungen erkennen muss, dass der experimentelle Physiker ein Hansdampf ist. In einer Forschungsstation wird versucht Neutrinos nachzuweisen. Diese subatomaren Partikel huschen durch unser Leben, direkt durch uns durch, ohne zu interagieren. Ganz anders diese Geschichten, die alle etwas im Leser hinterlassen werden. Wir haben es solcher Literatur mit zu verdanken, dass wir nicht nur eine Masse sind, sondern wir fangen mit solchen Büchern einen Funken, der die nicht nachweisbare, aber vorhandene Seele berührt.

Vielleicht wirkt Mathematik wirklich für einige Beschreibungen einfacher, weil uns Menschen ab und zu die richtigen Wörter fehlen. Doch Pippa Goldschmidt hat die richtige Sprache  gefunden und tolle Geschichten um ihre politische, wissenschaftliche und menschliche Weltsicht herum geschrieben. Mit diesem Buch hat man das Gefühl, man nascht beim Lesen vom Baum der Erkenntnis.

Danke an Zoë Beck und Jan Karsten, dass ich das Buch vor Drucklegung lesen durfte und im Klappentext zitiert werde.

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Catharina Junk: „Bis zum Himmel und zurück“

Catharina Junk Bis zum Himmel und zurück Kindler Rowohlt

Der neue und somit der zweite Roman von Catharina Junk ist erneut ein leicht zu lesender, tragisch-komischer Familienroman. Er handelt von einer Drehbuchautorin, die ihre Vergangenheit bewältigen und den Scherbenhaufen ihrer zerrütteten Familie und eigenen Beziehung kitten muss. Gleich am Anfang bekommt die Protagonistin den Auftrag, ein neues Drehbuch für eine neuartige Familienserie zu schreiben. Diese solle laut der Produzentin ans Herz gehen, lustig sein und auch die großen Fragen des Lebens stellen. Nicht erdrückend, eher leicht, aber auch mal zum Weinen. Aber bloß keine Klischees solle die Serie beinhalten. Wobei die Produzentin auch gleich wieder sagt, dass Klischees ja auch irgendwie ihre Berechtigung hätten. Diese Wunschangaben für das Drehbuch sind genau die Umschreibungen von „Bis zum Himmel und zurück“. Alles ist da. Es ist gefühlvoll, spielt mit Klischees. ist ein leichter Stoff und dennoch lebensklug. Natürlich steht die Liebe im Vordergrund. Die Spannung baut sich dann auf, wenn diese fehlt. Der Titel stammt von einer spielerischen Frage der Eltern an die Heldin, als diese ein Kind war, wie sehr man sie lieb haben würde. Die Antwort ergibt den Titel des Buches.

Katja lebt in Hamburg und schreibt für eine typische Krimiserie, die einmal in der Woche ausgestrahlt wird, mit zwei weiteren Kollegen am Drehbuch. Die Arbeit ist fast schon stupide und entspricht nicht ihrem ganzen kreativen Können. Besonders wenn der Star der Serie, die alkoholkranke Hauptdarstellerin, sich ständig einmischt. Katja riskiert in ihrem eigenen Leben wenige Gefühle und zieht sich gerne zurück. Auch in ihrer Beziehung mit Ratko, die eigentlich auch keine ist, ist große Liebe nicht vorgesehen. Lediglich ihre beste Freundin, Alexa, scheint sie sehr gut zu kennen. Als Katja eine neue Familienserie schreiben soll, hadert sie mit ihren Ideen und der Handlung, die sie auf einem Apfel-Hof im Alten Land ansiedelt. Sie bekommt vorerst keinen Zugang zu der Serienfamilie, da sie, wie viele Autoren, sich immer ein Stück selbst für die Charaktere öffnen und einbringen muss. Ihre eigene Familie ist nämlich ein Trümmerhaufen. Als sie ein Kind war, hatte sie eine jüngere Schwester, die durch einen tragischen Unfall ums Leben gekommen ist. Sie hat wenig lichtvolle Erinnerungen an ihre Kindheit. Die Mutter trank und der Vater war oft in Bremen bei der Arbeit. Da sie zugegen war, als ihre Schwester starb, gibt sie sich bis heute immer noch die Schuld, den Unfall nicht rechtzeitig verhindert zu haben. Dies geschah bei einem gemeinsamen Spaziergang mit dem Familienhund. Katja hat bis heute die Vergangenheit niemals richtig verarbeitet. Auch nicht in der Psychiatrie, wo sie als Jugendliche Alexa kennengelernt hat. Katja hat dem inneren Druck durch eigenes Ritzen ein Ventil geben wollen und benötigte daher ärztliche Hilfe. Dies alles erlebt Katja nicht nur durch das zu schreibende Drehbuch neu, sondern auch durch den Anruf ihrer Mutter aus Italien, wo diese jetzt lebt. Ihr Vater liegt in Bremen in einem Krankenhaus im Koma. Seit der Vater aus ihrem Leben verschwand, hat Katja keinen Kontakt mehr zu ihm. Daher möchte sie ihn auch nicht besuchen. Doch dann steht da plötzlich Katjas junge Halbschwester vor der Tür. Beide wussten bis vor kurzem nichts voneinander. Und wie ein herzlicher Wind wirbelt der Teenager gehörig viele Emotionen in Katjas Leben auf.

Catharina Junk ist durch ihren Beruf ein Medien-Junkie und versteht es, sehr pointenreich viele Anspielungen auf Serien, Hörbücher und Romane einfließen zu lassen. Es sind Verneigungen vor den großartigen dänischen Serien, wie „Borgen“, „Kommissarin Lund“ sowie Anspielungen auf das Beuteltier von Marc-Uwe Kling und ihren eigenen Roman „Liebe wird aus Mut gemacht“ (ehemals „Auf Null“). Es bringt nichts, sich vor der eigenen Geschichte zu verstecken, auch wenn diese unbedingt ein neues Drehbuch gebrauchen könnte.

Ein feiner, leichter Roman mit sehr liebenswerten Figuren. Catharina Junk versteht es als Autorin, Drehbuchautorin und Redakteurin, mich als Leser an ihre Charaktere und Handlung zu binden, als würde man eine gute Serie verfolgen, die man sehr gerne schaut, weil man sich etwas in die Figuren verguckt hat…  Nicht ganz bis zum Himmel und zurück, aber immerhin…

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Karosh Taha: „Beschreibung einer Krabbenwanderung“

Karosh Taha Beschreibung einer Krabbenwanderung Dumont

Das Bild einer Krabbenwanderung verdeutlicht den Drang, die Heimat zu verlassen auf der Suche nach einem besseren Leben. Es sind nicht die Schwierigkeiten des Auswanderns, die hier im Vordergrund stehen, sondern die des Ankommens. Die blutroten Krabben machen sich vom Landesinneren auf den Weg ans Meer, um dort ihre Eier abzulegen. Diese Metapher beinhaltet den Kern des Romans und verdeutlicht gerade durch die Bewegung der Krabben, die wohl doch auch mal einen Schritt vor machen, um dann wieder zwei zurückzumachen, den Wunsch endlich anzukommen.

Dieser kraftvolle Debütroman handelt von einer kurdischen Familie, die aus dem Irak geflohen ist und in Deutschland lebt. Im Mittelpunkt steht Sanaa, eine zweiundzwanzigjährige Studentin. Sanaas Geschichte ist wohl eng mit dem Erlebten der Autorin verbunden. Karosh Taha wurde im Nordirak geboren und lebt mit ihrer Familie in Deutschland. Es ist eine Kunst, die Idee einer Geschichte in richtige Worte zu kleiden und dabei die Emotion, die hinter dem Erzählten steht, zu transportieren.  So wird man regelrecht in eine Sprache hineingezogen, die kraftvoll und den Gefühlen der Protagonistin folgend auch mal derb sein darf. Der ganze Roman lebt besonders durch sein Personal. Die Figuren sind sehr lebendig und skurril entworfen und gehen dem Leser wohl länger nicht mehr aus dem Kopf.

Im Roman tauchen immer wieder die roten Krabben auf. Mal im Traum oder in der Erinnerung. Sanaa wurde an einem Strand im Irak von einer Krabbe gezwickt. Als sie fragt, warum die Krabbe das gemacht habe, wird ihr erzählt, dass diese Krabbe wohl bei der Wanderung verlassen, d.h. vergessen wurde und sich nun unwohl fühlt und alle zwicken möchte. Die Familie ist aus dem Irak geflohen. Der Traum von Europa wuchs im Vater und durch die Schussverletzung seiner Frau machten sie sich auf den Weg und strandeten in Deutschland. Nun leben sie in einem Hochhaus in einem Stadtteil, der von vielen Kurden belebt wird. Sanaa studiert und hat einen Freund und auch noch einen Liebhaber. Sie ist immer irgendwie dazwischen. Die Mutter leidet an Depressionen und dadurch versucht Sanaa für ihre jüngere Schwester eine Bezugsperson zu sein. Die Schwester ist noch jung, orientierungslos und gerne wütend. Der Vater wechselt oft die Arbeit und ist meist nicht zuhause. Um sein Wegbleiben ranken sich viele Ungereimtheiten und Geschichten. Ebenfalls das Kennenlernen, die Ehe der Eltern und die Flucht der Familie ist Sanaa in mindestens drei verschiedenen Versionen erzählt worden. Die Mutter zieht sich zurück, verschläft die Tage und steht dann wieder auf dem Balkon und man befürchtet das Schlimmste. Sanaa beginnt sich langsam aufzubäumen. Besonders gegen die bestimmende Tante, die ihre Wohnung belagert und immer Tabakrauchend Sanaa die Luft raubt. Der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit wächst in ihr und sie sucht überall ihre kleinen Fluchten. Der Blick zurück auf das Hochhaus wirkt auf sie wie der Blick in viel zu viele Augen, die sie durch die Fenster anstarren und beobachten. Sie hat auch das Gefühl, verfolgt zu werden von einem großen Mann, den sie wegen seines Wagens lediglich Volvomann nennt und der später enger in ihr Familienleben eingreift, als sie bisher ahnt. Sanaa rebelliert und ist dennoch sehr fürsorglich für ihre Familie und möchte allen gerecht werden und versuchen, alle Wunden zu heilen. Ihr innerer und äußerer Kampf nach Freiheit stellt sie vor große Entscheidungen. Als sich der Rauch der Tante verzieht, wird der Stadtteil mit einem Nebel bedeckt. Jetzt kann Sanaa weiterwandern ohne gesehen zu werden. Doch ist gerade darin die Gefahr für ein gesellschaftliches oder familiäres Miteinander, man lässt sich gegenseitig in Ruhe, geht nicht aufeinander zu und redet nicht miteinander.

Ein intensiver Roman über das Ankommen und die Suche nach Freiheit. Eine Heldin, die anfänglich im Dazwischen lebt: Herkunft und Heimat, Erinnerung und Zukunft, Verantwortung und Losgelöstsein, Geschichten und Wirklichkeit. Ein Roman, der voll ist von Bildern, Leben und Charakteren, die im Leser lange nach Beenden des Textes leben und ihn begleiten werden. Die Sprache ist gehaltvoll und stets zur Szenerie und Figur passend gewählt. Ein Buch wie eine Reise, die man erst beim Ankommen, d.h. beim Zuklappen, gänzlich reflektiert und merkt, wie wohl man sich in der Geschichte und ihren Menschen gefühlt hat.  Wieder ein Debüt, das mich begeistern konnte.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Debütantinnen:

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Anne Reinecke: „Leinsee“

Anne Reinecke Leinsee Diogenes

Wieder ein Debütroman, der unaufgeregt für Aufregung sorgen kann. Es ist ein Künstler-, Liebes- und Entwicklungsroman. Zwischen zwei fast gehauchten „Jetzt“ wird eine Liebe gelebt, die vorher nicht sein durfte und dann erst durch das sich lösen neu erfunden werden darf. Additiv und subtraktiv ist der Unterschied zwischen einer Plastik und einer Skulptur. Bei einer Plastik fügt man Material zusammen und bei einer Skulptur nimmt man etwas vom Körper weg, befreit das Werk aus dem ursprünglichen Umfeld. So sind die Charaktere im Roman „Leinsee“ angelegt. Einige wachsen durch eine externe Zuführung und anderen wird etwas Eigenes weggenommen.

Die Fragen des Buches sind, was bedeutet Familie? Was ist das, was uns antreibt? Was lässt uns kreativ werden? Was lässt uns lieben? Ein Künstlerpaar, das über ihren eigenen Sohn nicht reden mag und diesen auch ins Internat gibt. Zum Schutz des Kindes oder aus Egoismus? Wie kann so ein Kind sich später selbst vertrauen, sich selbst finden und zu seiner Liebe finden?

Karl ist seinen Weg gegangen. Er ist ein Einzelgänger, der sich, noch nicht einmal dreißig Jahre jung, als Künstler einen Namen gemacht hat. Er ist der Sohn von Ada und August Stiegenhauer, dem gefragtesten Künstlerpaar der Gegenwart. Doch haben seine Eltern damals das Kind mehr oder weniger abgeschoben. Zum Kindeswohl wegen des ganzen Rummels oder weil das Glamourpaar der deutschen Kunstszene keinen Platz in ihrem Leben für ein Kind hatten? Karl war im Internat und ging dann doch auch den Weg seiner Eltern. Für ihn war es alles ein Witz. Seine Aufnahme an der Kunstschule und seinen Erfolg mit seinen vakuumierten Werken kann er selbst nicht richtig ernst nehmen. Doch feiert er Erfolge und steht gerade vor seiner ersten eigenen Ausstellung. Seine Mutter wird schwer krank und kommt mit einem Hirntumor in die Klinik. Da der Tumor irreparabel erscheint, nimmt sich August das Leben. August und Ada waren ein sehr enges und verbundenes Paar. Alles machten sie gemeinsam im Leben und nun auch im Sterben. Ada überlebt den Eingriff, hat aber fortan mit räumlicher und zeitlicher Koordination zu kämpfen. Karls bisherige Welt beginnt sich zu wandeln. Gerade durch seine Reise in das Elternhaus und das Atelier des Künstlerpaares am Leinsee. Seine Freundin, die ebenfalls für die Kunst, d.h. für das Schauspiel tätig ist, bleibt und organisiert Karls Ausstellung. Karl freundet sich langsam mit seiner neuen Umgebung an, die ihn mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Eine Pflegerin des Krankenhauses wird eine enge Verbündete von Karl und hilft ihm sich langsam zu lösen. Doch ist er innerlich zerrissen und stellt alles in Frage. Das, was ihm tatsächlichen Halt gibt, ist ein kleines, achtjähriges Mädchen, das ihn immer wieder besucht. Sie ist die Konstante in seinem Leben. Ihre Naivität und Unbekümmertheit reist Karl aus seinem inneren Stillstand. Als aber seine Freundin, die Pflegerin, seine Mutter und Tanja, das Mädchen, während einer Teeparty aufeinandertreffen, kommt es zu einem Bruch. Erst durch das Mädchen findet Karl wieder zurück zum Leben und findet wieder seinen eigenen Zugang zur Kunst. Die Jahre vergehen und er tritt als Künstler seinen eigenen Weg aber auch das Erbe seiner Eltern an. Das Bleibende in Karls Leben wird mal still im Hintergrund oder real immer jene Tanja sein.

Ein Roman, der voller Kunst, Trauer, Glück und Liebe ist. Kunst und Leben sind immer eng verbunden. Dieses Debüt erinnert in seiner Stimmung leicht an die tolle dänische Fernsehserie „Die Erbschaft“. Der Charakter von Karl steht immer im Vordergrund. Leider ist es gerade Tanja, von der wir als Leser mehr erfahren möchten, die aber immer ein Rätsel bleiben wird. Für uns und für Karl.

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Weitere Besprechung finden Sie auf: Zeichen & Zeiten

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Mareike Fallwickl: „Dunkelgrün fast schwarz“

Dunkelgrün fast schwarz Fallwickl Frankfurter Verlags.

Ein tiefgründiges und begeisterndes Debüt. Ein Roman, der dem Leser lichte Momente, aber auch die Schattenseiten des Lebens erhellt. Von einer dunklen Hoffnung wandert man ins fast Schwarze. Die zentrale Szene im Buch spielt sich auf einem Spielplatz ab. Hier tritt ein Kind ohne ersichtlichen Grund ein anderes. Dies war der auschlaggebende Moment für den Roman. Mareike Fallwickl hat dies so tatsächlich mal beobachten können, d.h. müssen. Diese Szene hat sie nicht mehr losgelassen. Daraufhin hat sie über die sogenannten „Arschlochkinder“ nachgedacht. Warum sind diese so? Woher kommt deren Verhalten? Sind die Eltern, die Erziehung oder das Umfeld schuld? Kann so etwas losgelöst von Erziehung und Elternhaus in dem entsprechenden Kind vorhanden sein? Was passiert, wenn diese kleinen Tyrannen erwachsen werden? Der Roman ist Mareike Fallwickls Versuch, fiktive Antworten auf diese Fragen zu geben.

Mareike Fallwickl ist in der Welt der Literatur keine Unbekannte. Sie schreibt Rezensionen und Zerrisse. Lange lesen Mareike Fallwickl und ich uns gegenseitig und wir mögen unsere Meinung und Buchtipps sehr. Daher war ich auf ihr Buch sehr gespannt und neugierig. Kann sie sich als sehr kritische Leserin auch als Autorin behaupten? Dies ist jetzt kurz und knapp zu beantworten: Ja, sie kann. Sie hat eine kluge und tiefsinnige Art zu schreiben, wie nebenbei entwirft sie die Szenerien und fesselt durch die tollen Charakterisierungen.

Der Roman handelt von drei Freunden: Raffael, Moritz und Johanna. Die drei verbindet ein Netz aus Liebe und Abhängigkeit. Der Roman beginnt in der Gegenwart aus der Sicht von Moritz, der mit seiner Frau, Kristin, ein Kind erwartet.  Dann springt die Handlung zurück in das Jahr 1986 und erzählt von Marie, der Mutter von Moritz. Sie sind gerade von Wien aufs Land, in ein einsames Bergdorf, gezogen. Drei Jahre bevor Alexander, der Vater von Moritz, seinen medizinischen Abschluss in Wien macht und nachkommt.

Der Verlauf der Handlung springt zwischen dem gegenwärtigen Erzählstrang der Protagonisten als Erwachsene und deren Tagen aus der Kindheit. 2017 taucht Raffael plötzlich wieder auf. Er tritt in das Leben von Moritz und Kristin, als wäre er nie weg gewesen und richtet sich mit der einen oder anderen Lüge häuslich bei ihnen ein. Kristin ist verwundert, denn Moritz hat bisher noch nie etwas von seinem damaligen besten Freund erzählt. Moritz und Raffael haben sich bereits im Kindergarten kennengelernt. Raffael ist schon als Kind sehr egozentrisch und selbstbezogen. Raffael ist es, der bestimmt und vorweg geht und Moritz ist der, der seinem Freund immer folgt. Doch dann tauchen die ersten Verletzungen auf. Auch der Vater von Raffael ist nicht richtig einzuschätzen. Er, der verheiratete Mann, nähert sich immer mehr Marie, Moritz Mutter, an. Was ist in der Familie los? Was lässt Raffael so sein? Doch alle schweigen, denn er hat einen besonderen Charme und stets ein entwaffnendes Lächeln… Über die Freundschaft zwischen Moritz und Raffael will Marie sich einerseits freuen, aber sie erkennt das Zerstörerische, das Gewaltvolle, das von Raffael ausgeht. In der Schule kommt Johanna dazu und erweitert das Band der Freundschaft. Um an Raffael heranzukommen, geht sie eine Beziehung mit Moritz ein und das Drama nimmt seinen Lauf. Sechzehn Jahre später holt die Vergangenheit sie ein. Alles Ungesagte bricht mit ungebremster Wucht hervor.

Mareike Fallwickl hat den Roman toll konstruiert. Jedes Bild ist gekonnt inszeniert und Stück für Stück baut sich das ganze Werk auf. Man taucht ein in ein Buch voller Verzweiflung, Vergeltung, Sehnsucht, Vergebung und Liebe. Wenn man bei dem Beispiel eines Bildes bleibt, kann man es fast impressionistisch nennen. In der darstellenden Kunst des Impressionismus wurden Schatten und Reflexionen je nach der Lichtwirkung farbig dargestellt. Objekte wurden allein durch verschiedene Farben auf der Leinwand fixiert. So ist nicht nur der Titel ein emotionales Spiel mit Farben, sondern auch im Text tauchen immer wieder Farben auf. Gerade die Wahrnehmungen der Charaktere und der Stimmungen tauchen im bestimmten Kolorit auf. Diese sogenannte Synästhesie ist Moritz zu Eigen und bereichert seine Rolle.

Ein packendes, großartiges Werk, das auf mehr von der Autorin hoffen lässt. Ein Roman über Freundschaft, Leidenschaft und Sanftheit.

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