Henning Schöttke: „Invidias Gesetze“

Invidias Gesetze Henning Schöttke Stories and Friends

Henning Schöttke hat nun den fünften Roman seines Todsünden-Zyklus veröffentlicht. Diese Reise reift von Buch zu Buch und  bekommt immer mehr Tiefgang. Die Romane von Henning Schöttke sind innerhalb des ganzen Zyklus eingebunden, können aber jeder für sich stehen und apart gelesen werden. Doch ist es stets wie ein gutes Nachhausekommen. Man trifft auf alte Bekannte, findet Anspielungen aus anderen Kapiteln, Charakteren oder Büchern, die einen erinnern und nach Beenden des Textes erstaunen lassen. Jedes der Werke steht symbolisch für eine Todsünde und überträgt die Bedeutung der Sünde, sofern man davon sprechen kann, in die Moderne. Es sind stets Entwicklungsromane, die Frauen auf ihren Lebenswegen begleiten. Dabei wird der Zeitgeist stimmungs- und kunstvoll eingefangen sowie existenzielle Lebenssituationen und Grundlagen thematisiert.

„Invidias Gesetze“ erzählt die Geschichte von Invidia, die in den 50er Jahren aufwächst und in der Schule auf Recht und Unrecht gestoßen wird. Sie ist interessiert an den Fragen rund um Schuld und Strafe. Ihre Eltern führen eine Zwangsehe und der Vater neigt zu Wut- und Gewaltausbrüchen. Die Mutter, die oft das Opfer des Vaters wird, sucht ihren Trost in der Religion und steigert dies bis zum Krankhaften. Invidia ist anfänglich noch zu klein, um die Schieflage im Elternhaus zu erkennen. In ihr regt sich etwas, das sie immer mehr zu faszinieren scheint. Anfänglich fesselt sie ihre Puppen, beginnt dann Bilder von gefesselten Menschen zu sammeln und bekommt immer mehr Fesselfantasien. Dies behält sie für sich und vertraut sich nicht einmal ihren älteren Geschwistern an.

Als der Vater immer öfter fremdgeht und Gewalt ausübt, ist es Invidias ältere Schwester, die den Vater mit einem seiner Golfschläger aus dem Haus treibt. Die Mutter, die immer voller Scham agiert, flüchtet sich ganz in ihre fromme Welt. Invidia beobachtet eines Tages auf dem Schulhof, wie ältere Kinder einen viel jüngeren ärgern und dabei ein Fix und Foxi-Heft entwenden und beschädigen. Dieser Moment ist einer jener Schlüsselmomente im Leben von Invidia, die sich nun fortlaufend Gedanken über Recht und Unrecht macht. Sie ist introvertiert, da sie ihre Fantasien besonders als Teenagerin nicht einzuordnen weiß und sich als unmoralisch empfindet. Auf ihrer ersten Party lernt sie die erste Liebe kennen, hört aber auch erstmalig etwas über Masochismus und Sadismus.

Als Erwachsene strebt Invidia eine juristische Laufbahn an und wird Staatsanwältin für Sexualdelikte. Dabei quälen sie ihre eigenen Fantasien und die dadurch resultierenden Schuldgefühle. Ferner schleicht sich eine Bedrohung in ihr Leben. Das beklemmende Gefühl beginnt mit ausgetauschten Bonbons in ihrem Wagen. Hat Invidia sich mal selbst ein falsches Urteil über jemanden gebildet? Was wird aus ihren Fantasien? Kann sie diese ausleben oder therapieren? Somit ist „Invidias Gesetze“ ein Entwicklungsroman, der von den ganz genauen und glaubhaft gezeichneten Charakterisierungen lebt, aber auch einen enormen Spannungsbogen aufbaut.

Die Romane, die in keiner festgelegten Reihenfolge gelesen werden müssen, sind großartig und machen süchtig auf die jeweiligen Frauenschicksale in den anderen Texten. In jedem Buch gibt es versteckte oder sehr offensichtliche Verknüpfungen mit den anderen Figuren und Geschichten. Es gibt viele Stellen aus den anderen Romanen, die einen Zusammenhang mit „Invidias Gesetze“ haben. Dies macht einen der Reize der Bücher aus, denn somit wird der gesamte Romanzyklus ein Gesamtkunstwerk, in dem man stets Neues entdecken und sich bei jedem Buch an die anderen erinnern kann. So trifft man z.B. wieder auf Gula, Petra oder Lena oder stolpert beim Lesen in Szenen, die man aus den anderen Büchern bereits kennt, weil es Berührungspunkte zwischen den Protagonisten gibt.

Henning Schöttke wächst als Autor mit seinen Werken und Figuren. Die Romane sind immer eine Reise in Zeit und Raum und eröffnen dem Leser viele neue Ansichten. Die Bücher sind Unterhaltung auf hohem Niveau und gleichzeitig Literatur, die fesselt und begeistert. Mit wenigen Skizzen zeichnet der Autor Figuren und Szenerien, mit denen man gerne seine Zeit verbringt oder in die man sich immer wieder gerne begibt. Man leidet, liebt und lebt mit den Charakteren.

Zum Buch in unserem Onlineshop

 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Saša Stanišić: „Herkunft“

Saša Stanišić Herkunft Luchterhand

Dieses Buch, über das wohl viel gesprochen und das mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet wurde, ist nun auch ein Leseschatz. Weil es einfach so gut ist und es eines der Preisträger ist, der gelesen gehört. Herkunft als Rückblick, der aber auch den Tendenzen der Gegenwart einen Spiegel vorhält. Ein Buch, das mehr oder weniger ein Roman ist, das durch die Beobachtungen, den Humor und die Lust am Fabulieren begeistert.

Als die Großmutter von Saša Stanišić dement wird, sich das Vergessen bemerkbar macht, möchte der Autor sich erinnern. Die Großmutter, die eine große Rolle im Leben von Saša Stanišić spielt und somit auch im Buch, lebt noch in Bosnien und beide treffen sich für längere Gespräche. Das Vergessen und das Erinnern berühren sich und verweben damit die Fiktion in der Literatur. Den Buchdeckel von „Herkunft“ ziert ein Drache. Drachen kommen auch in den Legenden vor und können kluge, sanftmütige und edle Tiere sein. Manchmal auch gefräßige, feuerspeiende Wesen.

Als die Großmutter am 7. März 2018 in Višegrad siebenundachtzig ist, aber sich als elf Jahre altes Mädchen empfindet, beginnt die literarische Reise, die sich mit der umfänglichen Frage beschäftigt, woher man kommt. Heimat und Herkunft sind Zufälle in der persönlichen Biografie, irgendwo geboren worden zu sein. Wieweit hat die Umgebung auf das Kommende im Leben einen Einfluss? Saša Stanišić erzählt die Geschichte seiner Familie. Einiges kennen wir aus „Wie der Soldat das Grammofon repariert“. Der Nationalismus ist es, der sie zwingt, nach Deutschland zu fliehen. „In Bosnien hat es geschossen am 24. August 1992, in Heidelberg hat es geregnet. Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein zufälliges. Dort wirst Du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“ (Seite 123).

Mit viel Hingabe erzählt Saša Stanišić von seiner Kindheit bevor der Krieg kam. Er erzählt von skurrilen Menschen, zum Beispiel vom Flößer, der nicht schwimmen konnte. Seine Großmutter ist immer wieder sein Bezug zur Herkunft und zur Gegenwart. Er erzählt von der Ankunft in Deutschland. Von seinen Freunden von der Tankstelle, dem eigentlichen Jugendtreff. Aber auch die Liebe zum geschriebenen Wort, dem Klang der Sprache und der Kraft der Literatur, die ihn fesselt und zu jenem Autor werden lässt, den man jetzt feiert. Herkunft und oder Heimat können aber auch lediglich Gefühle sein. Erinnerungen an die Situationen. Zum Beispiel als man sich für The Undertaker begeistern konnte, oder still und heimlich „Wind of Change“ von den Scorpions mitpfiff.

Der Pionierschwur als Traum: „…Dass ich alle Menschen der Welt wertschätzen werde, die Freiheit und Frieden anstreben.“ Wie schön das tatsächlich wäre. Das Finale haben wir, wie immer selbst in der Hand, wir entscheiden. So auch im Buch.  Das Ende, „Der Drachenhort“ ist ein besonderes, ein auferlegtes „Wie-geht-es-weiter-Spiel“. Beginnend mit der Frage der Großmutter, ob man ihr Mann sei. Wie man antworten würde, entscheidet, auf welcher Seite man weiterzulesen hat. So ist man vermeintlicher Herr über den Fortgang.

Ein intelligenter, sprühender und großartiger Roman, der unglaublich viel Spaß beim Lesen macht. „Herkunft“ als kunstvolles Gedankenspiel in einer Zeit, in der sich erneut und schrecklicherweise der Nationalismus ausbreiten möchte. Ein würdiger, humorvoller und tiefgründiger Preisträger. Bitte lesen!

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Livesendung aus der Buchhandlung mit vielen Gästen

Lust aufs Lesen und Stöbern geweckt

Gemütliches Licht, tausende Bücher in den Regalen, große Vasen mit frischen Blumen, ein Schaukelstuhl – und mittendrin NDR 1 Welle Nord-Moderatorin Insa Söhrnsen. Zwei Stunden lang Von Binnenland und Waterkant live aus der Buchhandlung: mit vielen Gästen, guten Buchtipps und das alles bei Wohnzimmeratmosphäre.

Die Sendung (ohne Musik) ist unter diesem Link abrufbar:  https://www.ndr.de/wellenord/sendungen/binnenland_und_waterkant/Lust-aufs-Lesen-und-Stoebern-geweckt,buchtipps470.html

Vielen, vielen Dank! Die Live-Sendung aus unserer Buchhandlung hat uns sehr viel Spaß gemacht!

Danke an das ganze NDR1 Welle Nord-Team! Danke an alle Zuhörer – auch hier in der Buchhandlung! Danke an die Gäste, besonders: Alisa Woronow, Jürgen Bucksch und Jan Christophersen!

017

Danke an die nette Moderation von Insa Söhrnsen und die Plattschnackerin Lina Bande!

Das Fazit des schönen Abends: Mit vollem Herzen Buchhändler

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Denise Mina: „Klare Sache“

Denise Mina Klare Sache ariadne

Ein großartiger Spannungsroman, der sich am besten mit dem „Master of Suspense“ Alfred Hitchcock vergleichen lässt. Denise Mina tritt jedenfalls literarisch mit diesem Thriller in jene großen Fußspuren und versteht es, diese gekonnt zu füllen.

Denise Mina, Jahrgang 1966, brach nach einer rastlosen Kindheit in Glasgow, Paris, London, Invergordon, Bergen und Perth die Schule ab, jobbte halbherzig in diversen Jobs und qualifizierte sich fürs Jurastudium an der Universität Glasgow. Statt danach wie geplant in Kriminologie und Strafrecht zu promovieren, begann sie zum Glück Kriminalliteratur zu schreiben.

„Klare Sache“ bedeutet wohl der Wunsch der Protagonistin, endlich zur Sache zu kommen, denn klar ist in ihrem Leben bald nichts mehr. Im Original heißt das Buch „Conviction“ und wurde von Zoë Beck übersetzt. Es ist ein rasanter, abwechslungsreicher Roman, der diverse Themen anspricht. Unter anderem den schnellen Zuwachs und die Faszination der Podcast-Sendungen. Dabei wird eine dezente Medienkritik ausgesprochen besonders in Hinsicht auf die Verbreitung von „Wahrheiten“ im Internet, d.h. in den sozialen Medien. Nebenbei geht es um Spekulationen, Gewalt, Verschwörungstheorien und zudem versprüht der Inhalt eine Menge mystischen Realismus.

Die Erzählerin und Heldin des Buches ist Anna McDonald. Zwei Dinge werfen Anne gleich an einem Tag aus dem alltäglichen Leben. Sie war vor kurzem noch mit einem Mann zusammen,  der nun eine neue Beziehung mit ihrer besten Freundin Estelle anfängt und auch gleich ihre beiden Töchter, die sie sehr liebt, mitnehmen will. Ihre Flucht aus der Realität und große Leidenschaft sind True-Crime-Podcasts. Sie hat gerade am Morgen einen Neuen, Vielversprechenden ausfindig gemacht und angefangen zu hören. Es geht um einen Mord auf einem versunkenen Schiff und hat den Titel „Der Tod und die Dana“. In dieser auf einem wahren Fall basierenden Dokumentation trifft sie auf damalige Bekannte und weckt damit im wahrsten Sinne alte Gespenster. Denn es geht bei der Geschichte um das versunkene Schiff um eine getötete Familie und um einen Fluch, der sich schon seit Jahren um das Boot rankt. Dieser Fluch war bereits Inhalt eines Gruselfilms. Der Mord an der Familie ist unter fragwürdigen Umständen geschehen. Es sollte ein luxuriöser Ausflug sein. Die Yacht fährt ohne richtige Beleuchtung und ohne die vorab bezahlte Crew aus dem Hafen hinaus. Auf See kommt es dann zu einer Explosion und das Schiff sinkt und reißt den Vater mit seinen Kindern in den Tod. Ein späterer Tauchgang zu dem Wrack macht die Geschichte unheimlicher, denn durch das Öffnen einer Tür verändert sich der Kabinendruck und die Toten scheinen sich wie in Bewegung zu befinden. Ferner meint man den Geist auf dem Schiff im Licht des Tauchers, der ebenfalls ums Leben kommt, erahnen zu können. Anna McDonald ist von dieser Geschichte wie elektrisiert. Denn sie kennt den Mann, der auf dem Schiff ums Leben gekommen ist und der post mortem unter Verdacht steht, den Familienmord inszeniert zu haben. Die ganze Geschichte übt eine enorme Macht auf Anna aus und verändert ihr bisheriges Leben. Denn es werden abgelegte Erinnerungen wach und eine alte, steinreiche Feindin betritt erneut das Umfeld von Anna.

Anna sitzt wiederholt in den Scherben ihres Lebens, denn sie hat eine unbekannte Vergangenheit und heißt eigentlich auch ganz anders. Sie begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit und bekommt Unterstützung von Fin Cohen, dem Mann von Estelle, der als ehemaliger Popstar aus der Versenkung aufgetaucht ist und auch mit vielem im Leben hadert. Eine Jagd beginnt, ausgelöst durch den Podcast „Der Tod und die Dana“ und schließt immer engere Kreise um das Leben der Protagonisten.

Es geht um das Verborgene und Brüchige im Leben. Das Auffallende und Versteckte, das bewusst oder unbewusst das Leben bestimmen und lenken kann. Dieser Krimi ist so gut, dass er fast schon perfekt ist. Das was unter der Oberfläche zutage kommt, macht auch den Leser beim Entdecken immer süchtiger und verfängt diesen in die Handlungsfäden und Figuren.

Zum Buch / Shop

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Ana Marwan: „Der Kreis des Weberknechts“

Ana Marwan der Kreislauf des Weberknechts Otto Müller Verlag
Wieder so ein kleiner, feiner literarischer und philosophischer Roman aus dem Otto Müller Verlag. Durch den Inhalt und die Sprache werden bei diesem Debütroman Erinnerungen an die Werke von Husch Josten und Marlen Schachinger geweckt. Es geht um den Gedankenkreislauf eines Egomanen,  der sich durch sein Schreiben an einem Buch und das zufällige Aufkreuzen einer Nachbarin in seinen und ihren Lebensfäden verheddert.

Ana Marwan wurde 1980 in Slowenien geboren und lebt in Wien. Ihr erster Roman „Der Kreis des Weberknechts“ ist belebt von skurrilen Figuren und  ist ein schöner, kluger und ironischer Lesespaß.

Karl Lipitsch ist sehr auf sich selbst fixiert und mag keine anderen Menschen, besonders Frauen stören öfters sein Weltbild. Er nennt sich selbst einen Misanthropen und verbringt seine Lebenszeit am liebsten lesend und schreibend. Er schreibt an seinem großen Werk. Es wird wenig Umfang haben, soll aber seinen Geist beleuchten. Warum schreibt er es überhaupt, wenn er Menschen so wenig mag und auch den Lesern des kommenden Werks weniger zutraut als sich selbst? Auch was er schreibt, bleibt dubios. Am Ende meint er sich an seine Zukunft zu erinnern und durch diese Fixierung des Zeitenstrahls, der letztendlich ein Kreis für ihn wird, erahnt man seine Gedankenspielereien. Die Zeit steht immer wieder im Mittelpunkt und wird auch durch seine Proust-Lektüre bestärkt.

Beim Schreiben ist der nicht sehr sympathisch wirkende Lipitsch gerne für sich. Doch wandern seine Gedanken neuerdings stets zu der Nachbarin. Auf einer Rückreise am Flughafen haben die beiden sich zufällig getroffen. Da Mathilde kurz seinen Koffer sieht, erkennt sie seine Adresse und ist über diesen Zufall sehr begeistert, denn dass die beiden sich nicht erstmalig auf der Straße, sondern fern des Wohnorts getroffen haben, ist für sie ein schöner Zufall. Er insistiert, nur weil es eine Entfernung zum wahrscheinlicheren Treffpunkt gibt, muss es doch nicht immer ein Wink des Schicksals sein. Doch bleibt die Nachbarin Mathilde nun in seinem Wirkungskreis. Sie sucht das Gespräch, bringt Tee und Kuchen und lädt ihn zu ihren geselligen Abenden unter Nachbarn ein. Er, der Einsiedler, beginnt sich langsam zu öffnen. Doch die tatsächlichen Gedanken, Wünsche und Gespräche verlaufen abweichend von seinen inneren Monologen. Seine Innenwelt beginnt sich zu verändern. Allerdings bleibt er unnahbar und empfindet sich stets anders, besonders und ihr überlegen. Auch Mathilde sieht etwas in ihm und denkt ihm gegenüber die Überlegene zu sein. Als die Gespräche auf Proust kommen, muss er ihr zugestehen, dass sie auch sehr belesen und gebildet ist. Die Treffen und ihre netten Salonfeste mehren sich und Lipitsch empfindet langsam mehr als Interesse, es wird Zuneigung, wenn nicht sogar Liebe. Er versucht, sich aus diesem neuen Lebenskonstrukt zu winden, aber je mehr er unternimmt und versucht sie aus seinen Gedanken zu verbannen, desto fester werden die Fäden, die sie um ihn, gleich einem Netz, ausgeworfen hat. Die Nähe, die er nicht ertragen kann, wird ihm durch eine Reise, die sie unternimmt, genommen. Die Distanz schmerzt ihn dann aber und die neu entdeckte Freiheit ist für ihn keine echte. Lipitsch schreibt nicht nur an seinem Werk, sondern auch Briefe an Mathilde. Er beginnt sich erneut im Lebenskreis zu verrennen…

Ein Roman über die Muster des Zwischenmenschlichen. Mit sehr viel Beobachtungsgabe, Sprachgefühl und Humor beleuchtet die Autorin das Wechselspiel innerhalb von Beziehungen. Dieser Roman ist eine feine Entdeckung.

Zum Buch / Shop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Alexa Hennig von Lange: „Die Weihnachtsgeschwister“

Alexa Henning von Lange Die Weihnachstgeschwister DuMont

Eine moderne Weihnachtsgeschichte, die Besinnliches neben den familiären Wahn stellt. Der Text bietet Spannendes, Lustiges und eine Prise Kitsch. Jene Prise ist es aber, die gerade sehr anrührt und somit den Glanz der Weihnacht beleuchtet und das zeigt, was uns das Fest bedeuten kann. Eine berührende und heitere Geschichte, die zeigt, was Familien zusammenhält und was wir stückweise in Bezug auf große Familienfeste, besonders Weihnachten, aus den Augen verloren haben.

Drei Geschwister, die selbst schon Familien haben, fahren Weihnachten zu ihren Eltern. Wie jedes Jahr. Sie werden immer die Kinder ihrer Eltern bleiben und benehmen sich auch so. Sie, die einst sehr eng und vertraut waren, haben sich durch das eigene Leben auseinandergelebt und sehen sich fast nur noch zum Weihnachtsfest. Alle wurmt etwas, alle sind voneinander genervt und meinen, man würde ständig schlecht übereinander denken. Jeder suggeriert den anderen Geschwistern eine Meinung über sich und den anderen. Es bleibt ein beständiger Hunger nach Zuneigung, Erfüllung und Aussprache. Es bleibt leider vorerst nur ein Hungergefühl. Doch hecken die Eltern eventuell etwas aus und hinterlassen eine weihnachtliche Botschaft.

Ein Tag vor Heiligabend treffen die Geschwister Tamara, Ingmar und Elisabeth mit ihren Kindern und Partnern im Haus ihrer Eltern ein. Es ist winterlich und der Schnee rieselt besinnlich vom Himmel. Alles sieht festlich aus, würde der Schnee nicht durch das menschliche Auftreten weggewischt und den schmutzigen Grund durchschimmern lassen. Die Stimmung kippt wie fast immer, wenn die drei egozentrischen Geschwister aufeinandertreffen. Doch erweckt das traute Heim zunächst alte Erinnerungen voll weihnachtlicher Vorfreude. Das Kindliche will wieder entdeckt und erlebt werden. Auch die eigenen Kinder sollen ebenfalls erinnerungsvolle Weihnachten erleben, ob mit Weihnachtsmann oder ohne, muss aber auch noch geklärt werden.

Als sie abends alle am Tisch sitzen, kommt es zu den ersten Reibereien. Als hätte die Mutter es auch gewusst, gibt es in diesem Haushalt bei einem Familientreffen erstmalig Suppe aus der Dose. Der Frieden verabschiedet sich mit lautem Gepolter. Tamara ist irgendwie immer neidisch auf Elisabeth, da diese neben der Familie Karriere machen kann und auch nicht das Dummchen zu sein scheint, wie Tamara es gerne darstellt. Auch ist da noch Holger, der neue attraktive Mann an Elisabeths Seite, der sehr an einen damaligen Freund von Tamara erinnert. Ingmar mit seiner Frau Siri (das Gegenstück zu Alexa?) und ihren Zwillingen, haben genaue Vorstellungen im Leben. Sie versuchen, umweltbewusst zu leben und möchten lieber ein Leben mit Konsumverzicht. Ingmar wirft auch besonders Tamara mangelndes Einfühlungsvermögen vor und wenig Interesse an den Mitmenschen. Elisabeth versucht, gleich ihrer Mutter, ein Lächeln zu bewahren und möchte vermitteln. Es soll doch ein schönes Fest werden und alle sollen nett zueinander sein. Doch gerade diese Bemühungen und die Nachfrage nach dem morgigen Ablauf zu Heiligabend, lässt die Gemüter aufkochen. Die Nacht wird im nahe gelegenen Hotel verbracht. Als die Geschwister mit ihren Anhängen zum Frühstücksbuffet eintreffen, scheinen die Wogen etwas besänftigter zu sein. Aber es wurde Vortags zu viel gesagt und es schwebt einiges in der Luft, sodass die Stimmung erneut zu kippen droht.  Tamara, Ingmar und Elisabeth brechen alleine zu ihren Eltern auf, um mit diesen zu sprechen. Doch als sie am Elternhaus ankommen, scheinen die Eltern weg zu sein. Ist Ihnen etwas passiert? Hatten sie genug von den ewigen Streitereien? Wer stellt denn nun den Weihnachtbaum auf? Wer kocht und backt den Stollen? Müssen die drei Geschwister das Weihnachtsfest alleine retten und somit sich selbst?

Eine schöne zu Herzen gehende Weihnachtsgeschichte.

Zum Buch / Shop

4 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Frank Rudkoffsky: „Fake“

Frank Rudkoffsky Fake Voland & Quist

Ein junges Paar, das für sich jeweils Ventile sucht. Sophia und Jan sind Eltern geworden, das Baby, Max, ist ein Schreikind. Sophia pausiert in ihrer Karriere und Jan hofft auf eine als Journalist. Beide toben sich im Internet aus und das Spiel zwischen Wahrheit und Fake gerät gefährlich ins Wanken.

Frank Rudkoffsky, Autor, Journalist, Blogger und Mitherausgeber der Literaturzeitschrift ]trash[pool, hat einen klugen, besonderen, modernen und pointierten Roman geschrieben. Er spiegelt unsere Welt leicht überspitzt und öffnet damit viele Perspektiven. Durch die Sprache und die Situationen entsteht auch oft ein Witz, der Situationskomik und auch schwarzer Humor sein kann. Somit ist der Roman „Fake“ eine tragikomisches Werk mit sehr viel Empathie und Tiefgang.

Eigentlich träumten beide von Karriere und der ganzen Welt. Die Welt ist eine Karte an der Wand geblieben, auf der Sie ihre Weltreise lediglich in Gedanken machen. Sie kennen sich aus der Großstadt Berlin und die Arbeit von Sophia verschlägt sie nach Stuttgart. Sie hat bis zu Ihrer Schwangerschaft bei Daimler gearbeitet. Jan macht ein Volontariat bei der Stuttgarter Zeitung und hofft auf eine Einstellung. Doch auf die ausgeschriebene Stelle ist auch ein Kollege aus, der dann letztendlich eine andere Laufbahn betritt, von der Jan weiterhin nur träumen darf. Auch die offene Stelle in der Redaktion wird extern belegt. Sophia sehnt sich ab und zu nach Ruhe, denn Max verlangt viel Aufmerksamkeit und muss ständig bemuttert werden. Leider fehlt überall das `Bevatern´. Das Stillen ist meist auf eine Brust beschränkt und sehr schmerzhaft. An gemeinsame Pärchen-Stunden ist gar nicht zu denken. Sex ist nach der Geburt auch noch eine ferne Sehnsucht. Immer wenn Sophia eine helfende Hand gebrauchen könnte, muß Jan noch etwas redigieren. Beide entfremden sich stückweise und benötigen jeder für sich einen Fluchtpunkt oder ein Ventil für das emotional Aufgestaute. Jan beginnt zu laufen. Anfänglich noch viel zu schnell, aber er kann sich kontinuierlich steigern. Sophia regt sich virtuell ab. Ihre innere Verzweiflung und Wut lässt sie im Internet platzen. In diversen Foren, zum Beispiel auf Facebook, tummelt sie sich unter diversen Fake-Profilen, die sie tabellarisch für sich festhält. Sie wird zum Internet-Troll und beginnt die Onlinewelt zu triezen, zu provozieren und zu beschimpfen. Sie steigert sich in ihre Rollen hinein und wird danach fast schon süchtig – auch wenn ab und zu eines ihrer Profile gesperrt wird.

Jan hat für seine Recherchen ebenfalls falsche Identitäten im Internet angemeldet. Er stößt dabei auf eine Welt, die noch weiter im Hass verankert ist. Diese Parallelwelt, die mit der Pegida ihren Anfang nahm, wird immer bizarrer, menschenverachtender und bedrohlicher. Sophia hat eine von Jan stillgelegte Identität übernommen und schmückt diese mit einer unheilbaren Krankheit, um auch endlich mal Mitgefühl zu erfahren. Dabei löst sie aber auch etwas aus, dass sie nicht geahnt hätte. Die Aktionen von Jan setzen ebenfalls einiges frei und beide, Jan und Sophia, verlieren ihren menschlichen Kompass. Beide geraten in den Bann von Trollen. Aktiv oder passiv und bringen das Wohl ihrer Familie immer mehr in Gefahr.

Der Roman hat eine sehr große Faszination. Es wird stets aus der Ich-Perspektive erzählt, jeweils im Kapitelwechsel zwischen Jan oder Sophia. Der Inhalt ist ein moderner Zerrspiegel unserer virtuellen und realen Gesellschaft. Das Tragische an der Komik des Textes ist, dass man als Leser sehr oft über die Postings von Sophie lacht. Sei es, wenn sie in einer Muttergruppe fragt, ob man besser vorher abpumpt oder auf dem Himalaya, in der Höhe, das Baby normal stillen könne oder bei ihrer Frage an PETA, wie ihnen denn ihr neuer Pelzmantel gefalle. Ein harmloses Spiel kann sich sehr schnell verselbständigen und die Grenze zwischen Fake und Wahrheit, Virtuellem und Realem verwischen sich.

Frank Rudkoffsky kann sich sehr tief in die Gedanken- und Gefühlswelt seiner Protagonisten einfühlen und diese gekonnt wiedergeben. Die gesellschaftlichen Ausbrüche und Entgleisungen am Beispiel unseres Umgangs untereinander im Internet wirken erschreckend. Diese sind aber wohl doch nur dezent in der Übertreibung und nah an der Realität. Die Wut und der Frust als Triebfeder, die hier nachfühlbar wird, aber andere Perspektiven ermöglichen sollte. Denn nicht alle Menschen verstecken sich hinter Gefaketem, sondern versuchen authentisch zu sein und zu bleiben. Es gibt auch im Text und im wahren Leben Momente der Liebe, des Zuhörens und der Stille. Ein lesenswerter, kluger Leseschatz!

Zum Buch in unserem Onlineshop

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes