Markus Orths: „Picknick im Dunkeln“

Markus Orths Picknick im Dunkeln Hanser

„Picknick im Dunkeln“ ist ein kluger Spaß! Was passiert, wenn einer der größten Denker des Mittelalters die circa siebenhundert Jahre nach ihm mental erfassen soll? Wie man diese Brücke schlägt, kann eigentlich nur mit Witz und Humor erklärt werden. Wer böte sich da nicht besser an als ein berühmter Film- und Bühnenkomiker. So tippeln wir Leser vorerst mit im Dunkeln und mit dem Licht kommt die wichtigste Aussage: „Vergiss das Lachen nicht“.

Markus Orths unterhält mit seinen Werken stets auf großartige Weise. Er studierte Philosophie und schreibt neben seinen Romanen auch Kinderbücher. Er ist auch niemals nur einem Genre treu. Zuletzt war sein Künstlerroman „Max“ erschienen. Auch hat er zusammen mit Michael Stavarič und Marlen Schachinger eine literarische Version des Requiems geschrieben. Sein neuer Roman lässt sich wohl am ehesten mit seinem großartigen Werk „Alpha & Omega“ vergleichen.

„Picknick im Dunkeln“ ist ein Zweimannstück, ein Kammerspiel im Dunkeln, das es auch als Bühnenbearbeitung  gibt. In absoluter, alles verschlingender Dunkelheit ist plötzlich Stanley. Eher bekannt als Stan Laurel, der ein britischer Filmkomiker, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent ist – oder muss man nun sagen war? Ist er im Tunnel, der zum Licht führt? Ist er verstorben und im Zwischenreich? Sein erster Impuls ist, auch seinen lieben Kollegen um Hilfe zu rufen. Oliver Hardy ist vor kurzem verstorben und Stanley hofft innigst, sein Freund möge ihm nun beistehen. Auch wenn dieser wieder leicht genervt fragen würde, in welch einen Schlamassel er sie diesmal wieder gebracht hätte. Stanley tastet seine Umgebung ab, ja es scheint tatsächlich ein Tunnel zu sein. Der Drang sich fortzubewegen ist groß. Somit wagt er sich erst vorsichtig, dann immer etwas mutiger vor. Dabei beginnt die Reflexion auf sein Leben, seine Leidenschaft für die Bühne und den Film. Aber was bedeutet dies alles noch hier, in diesem wohl metaphysischen Raum? Seine stets anhaltende Freude, Menschen zum Lachen zu bringen steht auch neben seinen traurigen Erlebnissen auf den Weg zum Erfolg und später als Filmstar. Während er nun in der Dunkelheit vorwärts geht, stolpert er plötzlich über etwas. Es ist ein stämmiger Mensch, der sich ebenfalls in der neuen Umgebung zurechtfinden muss. Stanley ist überrascht, dass sein neuer Weggefährte ihn nicht kennt, als er sich vorstellt. Aber wie sollte dieser auch? Hat er ja, wie sich nun herausstellt, ungefähr siebenhundert Jahre vor Stanley gelebt. Es ist Thomas von Aquin, ein italienischer Dominikaner und einer der einflussreichsten Philosophen des Mittelalters. Raum und Zeit scheinen sich aufgelöst zu haben oder hier keine Bedeutung zu haben. Warum gerade diese beiden Herren aufeinanderstoßen ist eines der Rätsel, die diese nun während ihres Vorwärtstastens zu lösen versuchen. Sie erörtern ihren Hierseins-Grund, ihre Religiosität, die Geschichte der Philosophie und viele weitere Fragen des Lebens. Stanley empfindet sich als relativ ungebildet und möchte eigentlich lieber über sich und die Filme sprechen.

Das Gespräch der beiden ist unglaublich komisch, aber zugleich auch ernst. Ihr Weg nach oben, oder nach unten, wird durch Gegenstände, Löcher oder ein abruptes Ende aufgehalten. Ist es eine Geschichte ohne Anfang und Ende? Doch geben die Herren nicht auf, sie gehen weiter oder zurück. Durch die Unterhaltung  erörtern sie oft mit trockenem Humor die existentiellen Dinge im Leben. Zum Beispiel: Ist alles Dualität, kennt die Wahrheit tatsächlich keinen Plural? Und was ist mit den Grundbedürfnissen? Ist der größte Dämon im Leben die Ablenkung vom Wesentlichen?

Ein launiges Buch über den Sinn und Unsinn, das uns den Ernst, aber auch den Witz des Lebens lehrt. Ein großer Lesespaß!

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Jacqueline Thör: „Nenn mich einfach Igel“

Jacqueline Thör Nenn mich einfach Igel Elif Verlag

Den Igel bringt man schnell mit seinen Verteidigungswaffen, den  Stacheln am Rücken und an den Flanken, in Verbindung. Aber auch mit seiner Art sich einzurollen, d.h. sich zusammenrollen, um sich ganz zurückzuziehen und sich vor der Außenwelt abzuschirmen. Allgemein als sich einigeln bekannt. Beides als Selbstschutz und als Fluchtmöglichkeit. „Nenn mich einfach Igel“ erzählt von einem Hermaphrodit. Eine Figur, die sich selbst finden und akzeptieren muss. Der Debütroman von Jacqueline Thör wirkt wie ein Märchen, eine Parabel aus der Gegenwart. Es ist die Sehnsucht, die eigene Individualität zu erkennen und zu leben. Gleichzeitig ist es der Kampf und der Wunsch nach Gleichheit.

Jacqueline Thör studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Germanistik und Journalistik. Sie ist als Journalistin für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und Die Zeit tätig. Die Hauptfigur, die Igel genannt werden möchte, ist sehr belesen. Durch das Studium und das Interesse der Autorin ist es somit nicht verwunderlich, dass viele Werke im Text Erwähnung finden. Beginnend mit dem Märchen „Hans mein Igel“ von Grimm bis hin zur moderneren und aktuellen Literatur. Das Buch, an dem Igel nicht vorbeikommt, ist „Demian“ von Hesse. Der Beginn von „Demian“ passt perfekt zu den Seelenqualen von Igel: „Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?” (Hermann Hesse aus  „Demian“)

Igel lebt in einem Wohnheim, dem sogenannten Schloss, weil seine Mutter mal wieder für längere Zeit in einer Entzugsklinik ist. Igel wollte auf eigenen Wunsch wieder in das Schloss. Die Heimmutter, Louise, ist eine Bezugsperson in Igels Leben geworden. Igel arbeitet in einer sonderbaren und verträumten klassischen Buchhandlung und liest jede freie Minute. Seine eigenen Bücher stapeln sich unter seinem Bett, das somit immer mehr zu einem Hochbett wird. Eines Tages entsteht Unruhe im Schloss, denn eine neue Mitbewohnerin wird angekündigt. Alexandra war Insassin einer Jugendstrafanstalt und zieht nun in das Schloss. Alexandras Erscheinung und Auftreten zieht alle in ihren Bann. Igel sieht, dass Alexandra ihm auf den ersten Blick gar nicht so unähnlich ist. Alexandra ist eine androgyne, geheimnisvolle Schönheit, die auch Sascha genannt werden will. Es entsteht eine Nähe zwischen Igel und Sascha. Diese Nähe, Verbundenheit und Liebe wird Igel immer unheimlicher. Denn Sascha hat seine Geheimnisse und erzählt wenig, schon gar nicht, warum er oder sie in der Haft gesessen hat. Igel ist ein Hermaphrodit und wird somit ein Ideal für den androgynen Sascha. Igel lebt und ist das, was Sascha sich wünscht. Sascha eröffnet Igel eine neue Welt, die ihn berauscht, mit einbezieht, aber ihn auch befremdet. Der Wunsch nach Anerkennung, Liebe und Freundschaft ist geschlechterlos. Dies versucht Sascha mit seiner Gruppe den Menschen in ihrem Umfeld zu verdeutlichen. Igel ist erneut hin- und hergerissen und muss sich selbst finden und zu sich stehen. Das Stachelige und die Wunden, die Igel sich selbst zuführt, sind Bilder seiner Verzweiflung und Selbsthass. Ist alles letztendlich ein Märchen, ein Traum, aus dem es gilt aufzuwachen? Ein Buch über Liebe, Freundschaft und auch Verrat.

Ein intensiver, toll geschriebener Debütroman. Der zuweilen surreale und verträumte Text ist sehr tiefgründig, ergreifend und poetisch. Es ist ein Roman unserer Zeit, der hoffentlich viele Menschen erreicht.

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Marie Darrieussecq: „Hiersein ist herrlich“

Das Leben der Paula Modersohn-Becker

Marie Darrieussecq Hiersein ist herrlich Das Leben der Paula Modersohn-Becker Secession

Ein Kunstbuch, das wie ein Mosaik ein Bild um eine der bedeutendsten Künstlerinnen des Expressionismus aufbaut. Marie Darrieussecq hat eine andere Art der Biographie geschrieben. Es ist ein Sammelsurium an Texten, Bildern und Beobachtungen. Auch werden das feministische Bild und der stete Wunsch nach Ausdruckskraft beleuchtet. Warum hat Paula fast nur in Deutschland einen Bekanntheitsgrad? Liegt es daran, dass ihre Schaffensperiode kurz war?  Weil ihr Werk als unvollendet gilt? Liegt es womöglich auch daran, dass sie eine Frau war? Nicht nur diesen Fragen spürt Marie Darrieussecq nach. Sie liest und sichtet Tagebücher, Briefe und natürlich die Gemälde. Dabei vertieft sie sich auch in die Werke der Wegbegleiter von Paula Modersohn-Becker. Beim Studieren dieser originalen Texte und Werke ergeben sich stets Lücken. Leerstellen von Begebenheiten, Zeiten oder Erlebnissen, die nicht festgehalten wurden. Es gibt neben den Überschneidungen der Werke auch jeweils andere Sichtweisen der Weggefährten. Daher war es Marie Darrieussecq wichtig, nicht zu spekulieren. Sie lässt die Quellen sprechen und kommt der Künstlerin somit sehr nah. Marie Darrieussecq hat sich auch in Worpswede umgesehen und webt diese Beobachtungen mit hinein in diese Biographie. Vor ihrem geistigen Auge erscheint Paula bei ihren Bildern. Durch dieses Büchlein, sehen nun auch wir sie.

Der Titel ist ein Rilke-Zitat, denn in dem Leben von Paula Modersohn-Becker spielten auch stets intelligente Männer und Künstler eine  Rolle. Rilke war in sie verliebt, heiratete dann aber Paulas beste Freundin Clara Westhoff. Dieses Künstlerinnenbuch belebt vorrangig, was es bedeutet Frau und Künstlerin zu sein. Paula Becker, später Modersohn-Becker, hatte nur eins im Sinn: Malen. Sie zog in die Künstlerkolonie Worpswede und wurde zu einer der prägendsten Frauen dieser Epoche und des Expressionismus. Sie lernte in Worpswede und Paris und heiratete den Landschaftsmaler Otto Modersohn. Sie fand ihren eigenen kunstreichen Stil. Ihr bekanntestes Werk ist ihr Selbstporträt während ihrer Schwangerschaft. Niemals zuvor hat sich eine Künstlerin nackt porträtiert. In den wenigen Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie zahlreiche Werke, die die Perspektiven jener Kunst des frühen 20. Jahrhunderts beinhalteten.

Das Buch besteht aus kurzen Textabschnitten und zitiert dabei aus unterschiedlichen Quellen. Die Autorin will sehen, was Paula Modersohn-Becker gesehen hat und formuliert dies in diesem kleinen literarischen Kunstwerk, das klug und packend zu lesen ist. Das Buch wurde aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky und Frank Heibert übersetzt.

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Garry Disher: „Kaltes Licht“

Garry Disher Kaltes Licht Unionsverlag

Ein fabelhafter Kriminalroman, der mit einem tollen Ermittler als Helden daherkommt, der im Pensionsalter seine Polizeiarbeit wieder aufnimmt und eine ungewöhnlich gute Figur innerhalb der ganzen Kriminalliteratur abgibt.

Alan Auhl ist jener ruhige und altersweise Held in Garry Dishers Roman „Kaltes Licht“. Er wurde gebeten sogenannte Cold Cases, d.h. ältere und ungelöste Fälle zu bearbeiten. Der aus der Pensionierung zurückkehrende Sergeant wird von seinen jungen Kollegen nicht gerade herzlich und mit offenen Armen empfangen. Sein Einstieg ist von viel Spott und Hohn begleitet. Doch ist er altersmilde und lebensklug genug, um dies mit Wissen und Erfahrung zu überspielen und beharrlich auszublenden.

Die Handlung beginnt an einem milden Oktobermorgen im Garten der Familie Wrights auf der Blackberry Hill Farm. Die junge Familie ist vor Kurzem hierhergezogen. Im verdorrten Rasen beobachtet der Mann, wie eine Viper, ein großer Kupferkopf, sich Richtung Veranda schlängelt. Bevor er zuschlagen kann, was sowieso verboten wäre, verkriecht sich die Schlange unter einer Betonfläche. Der Ursprung oder der Nutzen dieser Fläche ist der jungen Familie bisher gänzlich schleierhaft. Die aufgeregte und verängstigte Familie lässt einen Schlangenfänger kommen, der aber auch nicht viel machen kann. Erst als ein weiterer Handwerker hinzukommt und die Betonfläche Stück für Stück freilegt, kommt nicht nur die Schlange zum Vorschein. Unter der Platte liegt eine skelettierte Leiche. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelte. Da dieser Fall demnach länger her ist, wird die Abteilung für ungelöste Verbrechen eingesetzt und Sergeant Alan Auhl wird beauftragt, diesen zu bearbeiten. Aber es ist nicht nur der Fall des „Plattenmanns“, der ihn fortan beschäftigt. Da gibt es noch den Arzt, dessen erste Ehefrau unter geheimnisvollen Umständen gestorben war. Ferner die beiden Schwestern Elphick. Diese kontaktierten Alan Auhl bisher jährlich und haben nun, durch seine Rückkehr zur Polizei, ebenfalls große Hoffnungen, den Tod ihres Vaters durch den Sergeant aufgeklärt zu bekommen. Es sind diese Fälle, die einen sehr gekonnten Spannungsbogen um den liebenswürdigen und ziemlich neuartigen Ermittler legen. Der stille und vielschichtige Charakter ist ein sehr intelligenter Menschenfreund, der aber auch selbst seine kleinen Macken hat. Wenn ihn mal seine Exfrau besucht, genießen beide die gemeinsame kurze Zeit. In seiner Wohnung in Melbourne bekommen neben seiner Exfrau noch weitere Menschen Asyl und seine Hilfe. Das Bild, das seine jungen Kollegen von ihm haben, wandelt sich vom hilfsbedürftigen Gerolator-Greis zum nicht beirrbaren und erfahrenen Ermittler.

Das Schlangennest bleibt aber nicht nur jenes im Garten der Blackberry Hill Farm, denn es kommen immer mehr Unstimmigkeiten zu Tage und viele Aussagen der befragten Anwohner und eventuellen Zeugen weisen immer mehr Lücken auf.

„Kaltes Licht“ ist ein toller Roman und ein richtig guter Krimi. Mit großartiger Erzählkunst werden, wie ganz nebenbei, die vielen Handlungsstränge entworfen. Jede Figur ist fein gezeichnet und wird beim Lesen glaubhaft lebendig. Übersetzt wurde das Buch aus dem Englischen von Peter Torberg.

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Jurij Hudolin: „Der Stiefsohn“

Jurij Hudolin Der Stiefsohn Septime

Ein deftiger Roman, der von einer Familientragödie erzählt und dabei Gesellschaftliches und Politisches beleuchtet. Die Handlung spielt Ende der Achtzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Jugoslawien. Noch ist Jugoslawien ein friedlicher Staat, doch geben die Nationalisten in den Republiken immer mehr den Ton an. Die Staaten beginnen zu verfallen und es breitet sich Unzufriedenheit aus. In diese Zeit werden wir als Leser geworfen und mit viel intimer, deftiger und detailreicher Sprache und Handlung wird eine traumatische Geschichte erzählt.

Ein Roman, der eine moderne Antwort auf „Via Mala“ sein könnte, der dennoch ganz anders ist, aber doch stark an jenes Werk von Knittel erinnert. Der Autor, Jurij Hudolin, wurde 1973 in Ljubljana geboren und ist seit seinem Lyrikdebüt, das er mit achtzehn Jahren veröffentlichte, einer der bekanntesten slowenischen Lyriker und Schriftsteller. Sein Werk ist intelligent und neigt oft zu scharfen Äußerungen. „Der Stiefsohn“ wurde aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut übersetzt und trägt passenderweise den Untertitel „Das Leben auf des Teufels Land 1987- 1990“.

Der Erzähler hat das Bedürfnis, die Zeit als Abbild der eisernen Hand des Teufels schriftlich festzuhalten und möchte daher die Geschichte von Benjamin, dem Stiefsohn des im Titel genannten Teufels, erzählen. Als Benjamin zwölf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Auf einer Gewerkschaftsfeier lernt Ingrid, Benjamins Mutter, Loris Civitiko kennen. Loris ist ein sehr wohlhabender Gastwirt und Großgrundbesitzer an der istrischen Küste. Mag es Blauäugigkeit oder Verliebtheit sein, Ingrid meldet Benjamin von seiner Schule in Slowenien ab und reist zu ihrem Liebhaber. Dieser Neuanfang entpuppt sich als Horrorszenarium für Benjamin. Loris ist ein Teufel. Er ist gemein, brutal und meint, enorme Macht zu besitzen. Er verbreitet Argwohn, Misstrauen und Angst. Er beherrscht Land und Menschen. Loris Selbstwertgefühl ist gänzlich überschätzt und seine Macht missbraucht er, wo immer es sich ergibt. Alle und alles haben sich ihm unterzuordnen, besonders die Angestellten und Frauen. Benjamin wächst nun in Panule bei Pula mit seiner teilnahmslosen Mutter und seinem gewalttätigen Stiefvater auf. Loris betrügt Ingrid und vergewaltigt Frauen. Sex nicht als Ausdruck der Liebe, sondern als reiner Trieb und als Positionierung innerhalb der Gemeinschaft. Auch wirtschaftlich zieht Loris alle Register, um sich zu bereichern. Sein Land und die Gastronomie als Geldquelle, die er stets zu seinen Gunsten zum regen Sprudeln bringt. Benjamin erlebt das Leben dort gespalten. Das misshandelte Kind bekommt vor Loris Angst und empfindet Hass. Doch fasziniert ihn auch der Einfluss und das Auftreten seines Stiefvaters, der wie ein Pate Menschen unter sein Joch stellt.

Ein Roman, mit dem man selbst in Zwiesprache geht, der einen fordert und begeistert. Ein gesellschaftlicher und politischer Text, der die damalige Zeit und den Verfall des jugoslawischen Vielvölkerstaats einbindet und in den Vordergrund die existenziellen Fragen des Lebens stellt. Es ist einfallsreiches Werk, das kein Blatt vor den Mund nimmt. Ein Buch, das nicht gerade sensibel ist, aber das ist, was es ist: lesenswerte und wichtige Weltliteratur.

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Line Madsen Simenstad: „Königin-Maud-Land ist geheim“

Line Madsen Simenstad Königin-Maud-Land ist geheim Mare

Diese fünf Kurzgeschichten zeigen in der Verknappung das Talent der Autorin. Es sind Storys, die voller melancholischer Schönheit sind. Es sind die kleinen Momente, die großes erzeugen und damit das Besondere der zerbrechlichen Figuren erlebbar machen. Ein Debütwerk, das durch sein Mitgefühl, seine Zartheit und  das erzählerische Talent begeistert.

Es sind fünf Geschichten, die in ihrer Klarheit und poetischen Sprache immer die Beziehungen der Charaktere beleuchten. Beziehungen in ihrer Auflösung, Distanz und Verdichtung. Dabei sind die Beschreibungen einfühlsam und werden besonders durch die Verletzlichkeit der Figuren immer eindringlicher. Es sind Menschen voller Sehnsucht nach Liebe und Nähe. Das Kränkelnde und die Risse in der Beziehung oder der Psyche bauen sich nebenbei auf und verwandeln das Szenarium in eine Traurigkeit, die unfassbar stimmungsvoll und schön in Worte gefasst ist.

Es geht um die Liebe, die in jungen Jahren noch durch hoffnungsvolle und verzauberte Träume erwacht. Schwestern reden über diese Gefühle und hoffen auf den Knall, den Funken zwischen zwei Menschen. Das Ende ihrer Kindheit beginnt auf einem Steg beim sommerlichen Baden in traumhafter Kulisse. Ein Vater, der im Sterben liegt und sich Gedanken über seine Beisetzung macht, wirkt wie ein rotes Gestirn vor der Implosion. Seine Familie erstarrt vor dem, was durch seinen Tod auf sie zukommen wird. Letztendlich sind es die kleinen Freuden und Momente, die sie aneinander binden. Besonders die Auswahl des Songs, der bei der Trauerfeier gespielt werden soll, verbindet den Sterbenden mit seiner Tochter, die sich sonst in den Alkohol flüchtet. Das Königin-Maud-Land entpuppt sich als kleine Wohnung in der Stadt, in der eine Mutter krankhaft ihr Kind vor der Welt beschützen will. Gleich einem Kaktus. Doch ist es das Umfeld, das nach ihr greift und vor dem sie sich letztendlich verbarrikadiert. Daher soll das Königin-Maud-Land unbedingt geheim bleiben. Eine Tochter, die mit ihrem Vater Silvester feiert. Der Vater hat eine neue Partnerin und die beständigen Bezugspersonen für die Tochter sind die jeweiligen Hunde. Sie und der Sohn der neuen Frau im Leben ihres Vaters glauben nicht an die Beziehung der Eltern und letztendlich wird es auch ein trostloser Jahreswechsel. Eine Frau steigt in Oslo in ein Taxi und bittet um eine Fahrt mit Umwegen zum Zielort. Während der Fahrt kann sie sich dem fremden Mann im Auto anvertrauen. Ihr Freund hat gerade jetzt, in der Weihnachtszeit, die Beziehung beendet. Er hatte vor kurzem einen Verlust erlitten und sie konnte sich ihm nicht öffnen und für ihn da sein. Die Fahrt schafft es, dass sie sich etwas fängt, aber dennoch im Kreis fährt.

Momente voller Sehnsucht und Schmerz, die dabei so schön geschrieben sind, dass dies Werk auf großartiger Weise für Kurzweil und sehr viel Mitgefühl sorgt. Dieses literarische Debüt von Line Madsen Simenstad, das von Ilona Zuber aus dem Norwegischen übersetzt wurde, lässt auf mehr von der Autorin hoffen.

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Jan Wilm: „Winterjahrbuch“

Jan Wilm Winterjahrbuch Schöffling & Co

Dieser autofiktionale Roman ist der Soundtrack der Gefühlswelt des Autors und besonders seiner Einsamkeit. Jan Wilm reist für ein bezahltes Forschungsanliegen nach Kalifornien, um gerade dort über Schnee zu schreiben. Dabei schmilzt der Schnee in seiner Fokussierung und das Interesse verlagert sich in die eigenen Betrachtungen über Zeit, Vergänglichkeit, Kunst und natürlich die Liebe.

Da es sich um einen Roman handelt, ist die Grenze zwischen Fiktionalem und einem Tagebuch, das von Winter zu Winter reicht, verschwommen. Der erste Winter, die Ankunft in Kalifornien, lässt ein Zaudern zu. Ein Hadern des Protagonisten mit dem neuen Lebensumfeld und das distanzierte Feld, das sich zwischen Leser und der Figur Jan Wilm aufbaut. Ist es erneut einer jener „Ego-Romane“, wie sie bereits kunstvoll von Karl Ove Knausgård oder Gerhard Henschel verfasst wurden? Wieder einer jener Autoren, die ihr Selbst mit all ihren Schwächen und zynischer Melancholie weit ausgefächert vor ihren Lesern ausbreiten? Der Roman wird mit Song- und Literatur-Zitaten, die Jan Wilm begleiten, geschmückt und bietet somit immer mehr eine tiefgründige und literarische Reise, die sich nicht nur für den Leser lohnt. Dieses Buch ist keine Dokumentation des Alltäglichen, sondern eine sich immer mehr verdichtende Komposition, die aus der Einsamkeit der Figur erwächst.

Der Erzähler, Jan Wilm, wurde verlassen und hat großen Liebeskummer. Dieses empfundene „Wir“, dass nun lediglich zu einem ich und du verkommen ist, fehlt ihm und er leidet sehr. Er flieht mehr oder weniger nach L.A., um ein Buch über seine Forschung über Schnee und über Gabriel Gordon Blackshaw, der einst den Schneefall fotografisch in Kalifornien fixiert hatte, zu schreiben. Am Getty Institut liest Jan Wilm dessen Tagebücher, die Biographie und sichtet das vorhandene Bildmaterial. Hierbei ist der Schnee nicht nur ein Forschungsobjekt als Naturereignis, sondern eine wachsende Metapher. Schnee als meteorologisches Ereignis, aber auch als Sinnbild. Schnee als Bild der Einsamkeit, der Kälte und der Reinheit. Was verbindet jeder mit Schnee? Den ersten Schneefall im Winter seiner Kindheit? Schneeweiß wie ein weißes, leeres Blatt oder das Weiß zwischen den Zeilen. Schnee ist, wie alles, immer auch vergänglich. Der Niederschlag in allen Erscheinungsformen ist immer auch ein Teil des Meeres. Schnee ist im Englischen auch ein Verb: to snow und bedeutet täuschen. „Vielleicht lebt man ausschließlich, um sich von seinem Leben abzulenken.“

Je näher der Sommer rückt, desto mehr nimmt die Aufmerksamkeit am gefrorenen Nass ab. Jan Wilm durchbricht dezent seinen inneren Kreislauf und verlässt sein, eventuell sich selbst vorgegaukeltes, Interesse am Schnee. Er beginnt L.A. zu erleben. Er lässt sich auf andere Menschen ein. Doch das Körperliche ist kein Genuss, nur ein leidiges Tun aus dem Trieb heraus. Er verachtet sich und kann sich dadurch niemandem, besonders Frauen, öffnen. Er ist einsam unter Menschen im hell strahlenden L.A. der verspielten Eitelkeiten. Als er sich im Herbst doch endlich öffnen kann und Liebe erfährt, naht erneut der Winter und mit diesem die Abreise. Das Verlassen und die Einsamkeit bleiben ein Bestandteil seiner Empfindungen. Denn der tatsächliche Kern seines Verlassenseins erschließt sich dem Leser gegen Ende.

Ein Werk, das bis in die einzelnen Sätze kunstvoll erarbeitet wurde. Es ist ein literarischer Roman, der bereits beim Lesevorgang durch seine kluge Art fesselt und zu begeistern versteht. Eine Reise in die kalte Einsamkeit auf die die wärmende Sonne Kaliforniens scheint.

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