Merle Kröger: „Die Experten“

Ein tolles Buch, das einen fesselt und durch den Wahrheitsgehalt gruseln lässt. Es beginnt wie ein guter Familienroman, der sich dann immer mehr zu einem dokumentarischen Thriller verwandelt. Alles ist sehr gekonnt vereint. Die zentralen Charaktere und deren Handlungsverläufe wurden in geschichtliche Ereignisse gesetzt und somit ist dieser Roman ebenfalls ein historischer Roman. Das umfangreiche Quellenverzeichnis belegt den Wahrheitsgehalt und die gute Hintergrundrecherche. Es ist ein Roman mit einem guten erzählerischen Bogen, der vieles vereint, dabei aber niemals die Grenzen der Belastbarkeit überschreitet und dadurch begeistert.

Es sind drei Fotoalben, ein grünes, ein blaues und ein dunkelrotes. Diese werden durchgesehen und anhand der Bilder baut sich der Handlungsverlauf auf. Jedes Kapitel beginnt mit einer Fotobeschreibung die sich dann im folgenden Kapitel erklärt. Im Vordergrund steht dabei Rita Hellberg, die in das Abenteuer hineingerissen wird.

Es sind die sechziger Jahre und der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser will seinem Land wieder zu Stärke verhelfen und strebt eine Unabhängigkeit an. Sein Slogan lautet dabei stets von der Nähnadel bis zur Rakete. Dies bedeutet, dass alles vom Kleinen bis zum Großen, im Land selbst gefertigt werden soll. Nur fehlt es noch an Spezialisten. Besonders Wissenschaftler, die sich mit Flug– und Raketenforschung auskennen. So wirbt der Präsident viele deutsche Ingenieure, Flugzeugbauer und Raketenforscher ab. Diese hatten in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem in Peenemünde für die Nazis Raketen und Flugzeuge gebaut. Durch die Entnazifizierung und Entmilitarisierung nach dem Krieg durften diese Arbeiten nicht fortgesetzt werden. Viele drängten dennoch darauf,  ihre Projekte fortzusetzen und sahen nun in Ägypten ihre Chance. So ist auch der Vater der Heldin des Romans einer dieser sogenannten Experten. Friedrich Hellberg konstruierte Überschallflugzeuge und sieht seine Zukunft nicht in der wieder erlaubten Luftfahrtindustrie in Deutschland. Somit geht er mit seiner Frau und der jüngsten Tochter Pünktchen nach Kairo, um an Düsentriebwerken und Kampfflugmaschinen zu arbeiten. Rita ist noch Schülerin, wurde aber gerade des Internats in Plön verwiesen und will kurz die Familie in Ägypten besuchen. Der Bruder, der seine Freiheit und den Jazz liebt, bleibt in Hamburg, weil er sich nicht gut mit dem Vater versteht. Der Vater hat auch mit Rita seine Pläne und der eigentlich befristete Besuch war von vornherein anders durch ihn geplant. Rita soll in Ägypten bleiben, denn die Familie gehöre laut dem Vater zusammen. Der Sohn taucht bei dieser Berechnung gar nicht mehr auf. Rita bekommt kurzerhand eine Arbeit als Sekretärin im Team um den Wissenschaftler Wolfgang Pilz. Dadurch erlangt sie langsam immer mehr Einblick in die Machenschaften der „Experten“.

Es ist mehr als ein normaler Thriller. Die richtigen Spannungselemente tauchen etwas später auf. Aber dennoch bekommt man beim Lesen von Anfang an oft eine Gänsehaut. Es sind die untergetauchten Kriegsverbrecher und Nazis, die sich als Experten in Ägypten tummeln, die einen das Grausen lehren. Sympathie erlangt Rita, die Heldin des Werkes. Sehr gekonnt verwebt die Autorin die fiktionale Geschichte mit den historischen Ereignissen. Rita macht ihre Entwicklung und nabelt sich nicht nur vom Elternhaus ab. Sie wird zu einem Geheimnisträger und muss lernen, sich zu entscheiden, wo sie im Leben steht. Gerade das Familienleben mit den polarisierenden Elternteilen beschreibt Merle Kröger sehr empathisch. Die eingestreuten Dokumente geben dem Buch eine Glaubhaftigkeit, die eher an eine gute Dokumentation erinnert. Ab dem blauen Fotoalbum und dem Auftauchen der Geheimdienste und dem Verschwinden von Menschen, wird das Buch immer mehr zu einem Thriller. Diesen Spagat zwischen dem fiktionalen und dem wahren – und selten erzählten – Kern der Geschichte beherrscht Merle Kröger großartig.

Dieses Buch verdient eine uneingeschränkte Leseempfehlung und sollte von vielen gelesen werden.

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Ina Westman: „Heute beißen die Fische nicht“

Ein wunderbares Buch, in dem eine Familie, besonders die Frau, um ihre Gemeinsamkeit und um ihre Überzeugungen kämpft. Ein toll ausformulierter Roman voller Tiefgang und Stimmung. Im Kern steht stets die Frage nach unserer Menschlichkeit. Ina Westman wurde 1974 geboren und ist eine Schriftstellerin, renommierte Bloggerin  und Kommunikationsmanagerin in der Verlagsbranche in Helsinki. Dies ist ihr zweiter Roman, der von Stefan Moster aus dem Finnischen übersetzt wurde.

Eine Familie verbringt den ganzen Sommer auf einer entlegenen kleinen Insel in der finnischen Schärenlandschaft. Es ist das Ehepaar Emma und Joel, die mit ihrer Tochter Fanny einen Rückzug aus ihrem städtischen und alltäglichen Leben in der natürlichen Idylle suchen. Joel ist Lehrer und ist der Anker innerhalb der Familie, denn Emma hat innere und äußere Wunden, die sie an bestimmten Tagen gänzlich aus der Bahn werfen. Aus diesem Grund sind sie zu der Insel des Großvaters gefahren, um hier Emma eine Zeit der Genesung zu verschaffen. Doch hat Emma jeden Tag starke Kopfschmerzen und wird von Halluzinationen geplagt. Sie ist Journalistin und hatte immer den Drang und Wunsch, den Menschen zu helfen. Durch ihre Taten, Berichte und die Fotos, die sie aus allen Krisenregionen mitbrachte, wollte sie auf die Entmenschlichungen hinweisen. Aber irgendetwas muss auf einer ihrer Reisen passiert sein. Joel wollte Emma stets mehr an die Familie binden, doch ihr Wunsch, immer wieder in die Welt zu gehen, um ihre Leser auf diverse Missstände aufmerksam zu machen, war größer als ihr persönlicher Familiensinn. Nun ist sie verwundet heimgekehrt und hat keine Erinnerung an die Geschehnisse. Mit einer Wunde am Kopf, den Schmerzen und den Wahrnehmungen, die auch immer etwas Gespenstisches haben, versucht sie, im Leben neuen Halt zu finden. Ihre adoptierte Tochter ist der wichtigste Halt, den Emma und Joel, im Leben haben. Fanny versucht, ihre Eltern zu verstehen und spricht oft mit ihrem Großvater, der in seiner Welt- und Weitsicht einen spirituellen Pol innerhalb dieser Familienkonstellation gibt. Doch sind die Grenzen der Realitäten auf der Insel für alle unterschiedlich. So wird auch jede Perspektive beleuchtet und besonders Emma hadert mit ihrer Umgebung. Sie sieht Boote und Menschen, die gar nicht da sind. Sind dies ihre verdrängten Erinnerungen, die ihr einen Streich spielen? Was ist damals passiert und wie können Joel und Emma wieder im Einklang leben? Langsam baut sich aus diversen Splittern ein Puzzlebild zusammen.

Ein sehr berührender Roman, der durch seine Bildhaftigkeit und durch die Sprache begeistert. Ein Roman voller Stille, Idylle und den Gegenteilen. Weltgeschehen trifft auf das Persönliche und immer ist es die Menschlichkeit, die sich hier behaupten muss. Rassismus, der sich gegenüber der adoptierten Tochter zeigt. Es sind der Schrecken und die Auswirkungen der Kriege, Hungersnöte und die Flüchtlingsdramen, die Emma miterleben musste. Letztendlich ist es im Roman die Familie, die im kleinen Kreis lernen muss, die Vergangenheit zu bewältigen und in der schönen Einöde sich selber zu finden. Die Entfremdung, die innerhalb der Familie und der Liebe passieren kann, trifft hier auf einer kleinen Schäreninsel auf die großen Weltprobleme. Aber es ist die Liebe und die Stärke, die sich behaupten können. Ein faszinierender und bezaubernder Roman, der viele Fragen anspricht und diese anhand einer kleinen Gruppe auf einer kleinen Insel verdeutlicht.

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Raphaela Edelbauer: „DAVE“

„Dave“ wirkt wie ein irrer Ritt in der REM-Phase. Ein tolles Buch über künstliche Intelligenz, Daten, Bewusstsein und deren Deutung und Bedeutung. Der Protagonist wird als Blaupause für die Datenlücken innerhalb der Datenströme einer zu erschaffenden künstlichen Intelligenz benutzt. Eine Maschine, die menschliches Bewusstsein simuliert, nein sogar menschlich werden soll. Reichen dafür Daten und pure Informationen? Was benötigt also eine solche Maschine und wer könnte an so einer Entwicklung ein Interesse haben? Der Mensch als kleiner Gott erschafft Leben, das sein eigenes vereinfachen soll. Aber birgt dies nicht die eigentliche Gefahr? Die künstliche Intelligenz in Welten der Science-Fiction-Literatur hat oft negative Auswirkungen auf die Menschheit. Science-Fiction, Literatur, Wissenschaft und viele andere Quellen und Anspielungen tauchen in diesem Roman auf.  

Der Held in „DAVE“ ist Syz, der in einer abgeriegelten Büro- und Laborwelt als Programmierer tätig ist. Ein Komplex, der sich von der Außenwelt abgeschirmt hat und alles innerhalb seines Kosmos, vom Karrierestatus abhängig, auch zu bieten hat. Syz schläft wenig und die Nahrung wird nur zweckdienlich aufgenommen, um schnellstmöglich wieder am Computer zu sitzen. Für alle, die dort tätig sind, ist es ein Abtauchen in die Datenströme, die DAVE füttern und zum Leben erwecken sollen. DAVE ist eine künstliche Intelligenz, die auch durch einige kleine Testphasen gegangen ist, aber noch lange nicht fertig programmiert ist. Doch waren die Testphasen auch immer mit Störungen versehen und es kommt gleich am Anfang des Romans zu einer enormen Überhitzung, die manche Etagen fast in Brand gesetzt hätte. Syz lebt für seine Arbeit, hat sich auch bereits mehrfach um eine Beförderung bemüht, die aber immer wieder abgelehnt wurde. Es sind einfach zu viele Menschen im Labor tätig. Wir lernen Syz kennen, als er eine Ärztin die Räumlichkeiten zeigen soll und er seit langem wieder mehr Interesse am Menschen entwickelt als an der Maschine. Durch Schlafmangel wirkt es, als würden die Szenerien langsam konturlos werden und Syz wird nach anstrengendem Schichtdienst auch während seines Kurzschlafes in die Machtzentrale entführt. Hier wird ihm ein Karrieresprung angeboten, der sein weiteres Tun sehr beeinflussen wird. Nicht seine Programmierfähigkeiten sollen DAVE wachsen lassen, sondern seine Menschlichkeit. Ab diesem Moment wird Syz Welt surrealer und er kann seinen Erinnerungen und Erlebnissen nicht ganz trauen. Kann er überhaupt jemanden trauen? Wer hat Interesse an DAVE, an ihm und an dem ganzen Bewusstsein? Bündelt sich die finale Apotheose tatsächlich in DAVE?

Ein großartiger Lesespaß, der über unsere Geschichte und Entwicklung philosophiert. Das teilweise Offensichtliche bleibt dennoch stets spannend und das ganze Buch ist voller kluger, witziger und grotesker Ideen. Leben wir nicht auch in einer Gesellschaft, die nicht die Computer menschenförmig, sondern die Menschen computerförmig machen möchte? Ein Roman, der wie das Werk von M.C. Escher, voller Paradoxen ist. Ein kluges, irres Buch, das wichtige Themen unterhaltsam anspricht und durchdringt. Um aus dem Buch zu zitieren: „Jetzt DAVE, jetzt DAVE, jetzt DAVE!“ Also: jetzt DAVE lesen! DAVE lesen! DAVE lesen!

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Maryse Condé: „Mein Lachen und Weinen“

Ein kleines Buch, in dem die Erinnerungen der großartigen Autorin aufblitzen. Es sind autobiographische Kindheitserinnerungen, die sich einzeln wie Kurzgeschichten lesen, aber chronologisch ein lesenswertes Ganzes ergeben. Der Titel „Mein Lachen und Weinen“ deutet schon die Gegensätzlichkeit der Emotionen, die diese wahren Geschichten beinhalten, an. Das Buch ist 1999 bereits im Original erschienen und wurde nun aus dem Französischen von Ingeborg Schmutte übersetzt, die auch den Text durch wissenswerte Anmerkungen ergänzt hat.  

Es beginnt mit einem Familienporträt und das ganze Buch hat die Autorin ihrer Mutter gewidmet. Sie wächst in einer gutsituierten Familie in Pointe-à-Pitre, Guadeloupe auf. Geboren wurde sie 1937 und diese literarischen biographischen Schnipsel beginnen mit ihrer Geburt und ziehen einen Bogen bis in ihr Teenageralter. Ihre Eltern hatten bereits ein gewisses Alter erreicht, als sie erneut schwanger wurden.  Die Mutter deutet ihre Schwangerschaft vorerst als ein Anzeichen ihrer Menopause. Maryse wird somit als kras à boyo, als das letzte Kind in diese kinderreiche Familie geboren. Maryse ist das jüngste von acht Kindern. Die Eltern fühlen sich gänzlich als Franzosen und ihre Heimat ist Frankreich. Doch beherrschen stets Rassen- und Klassenkonflikte den Alltag. Somit handeln diese Geschichten von Herkunft- und Identitätssuche. Ihr Abnabeln von den Eltern ist getragen von einer Art des Entfremdungs-Konflikts. Als Maryse Condé später ihre wahren Leidenschaften und Interessen findet, muss sie sich ebenfalls den Eltern gegenüber behaupten. Ihre bisherige und bekannte Welt wird ihr zu klein und sie studiert in Paris.

Mit einer Leichtigkeit und mit feinen, klugen Sätzen umgarnt Maryse Condé ihre Kindheit und entwirft damit ein ganzes gesellschaftliches Panorama. Die Geschichten sind emotional und ergreifend geschrieben. Ein Buch, das fasziniert und erfahrungsreicher macht. Maryse Condé promovierte an der Sorbonne und lebte danach viele Jahre in Westafrika. Sie lehrte anschließend bis 2002 in New York und erhielt für ihr literarisches Schaffen viele Auszeichnungen. Ihre Romane und Theaterstücke sind stets politisch und für ihr Gesamtwerk wurde ihr der alternative Nobelpreis verliehen. Dies vorliegende Buch ist wohl eine ihrer persönlichsten Schriften.

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T.C. Boyle: „Sprich mit mir“

T.C. Boyle hat wieder eine aufsehenerregende Geschichte geschrieben, in der es erneut um unseren Platz in der Natur geht. Besonders das Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Sieht sich der Mensch immer noch als Krone der Schöpfung an und meint, Tiere hätten keine Verstand oder sind nicht zu Gefühlen fähig, sollte er bei Tieren einfach mal genauer hinsehen oder dieses unterhaltsame Buch lesen. Dass T.C. Boyle es immer wieder versteht, gelungene Lesestunden zu kreieren, wissen wohl nicht nur seine Fans. Neben dem Lesevergnügen werden bei seinen Romanen aber auch wichtige Themen angesprochen oder skurrile Persönlichkeiten, Geschichten oder Forschungsprojekte zum Leben erweckt. T.C. Boyle, für manche auch der Rock-Star der amerikanischen Literatur, verbindet somit stets Wissen mit Humor und Spannung.

Es beginnt auch mit Rockmusik. Die Talking Heads haben ihr zweites Album veröffentlicht und die Studentin Aimee sieht, wie viele andere auch, eine Fernsehshow, um sich vom Lernen abzulenken. Diese Gameshow verändert ihr Leben. In dieser Sendung hat Professor Schemerhorn seinen Auftritt, der behauptet, er bringe Affen das Sprechen bei. Sein Beweis entpuppt sich als eigentlicher Star der Spielshow. Es ist Sam, der zweijährige Schimpanse, der mit Gebärdensprache kommuniziert und während der TV-Show unter anderem einen Cheeseburger bestellen möchte. Aimee weiß nun was sie will, sie möchte für dieses Projekt tätig werden und für Professor Schemerhorn arbeiten, der zufälligerweise auch an ihrer Uni doziert und eine neue Assistentin sucht. Es gibt eine weitere Mitbewerberin, aber Sam, der die eigentliche Entscheidung zu fällen hat, hat sich sofort Aimee ausgesucht. Der Einstieg für Aimee ist sehr chaotisch, denn kurz vor ihrem Eintreffen auf der Farm hatte Sam einen kleinen Wut- und Tobsuchtsanfall. Der kleine Schimpanse verliebt sich in Aimee und hat sie zu seiner neuen Bezugsperson erkoren.

In kleinen Zwischenkapiteln springt der eigentliche Handlungsverlauf in zukünftige Geschehnisse und Sam ist seiner gewohnten Umgebung beraubt und in einem Käfig eingesperrt. Die Wärter scheinen aus seiner Sicht etwas dumm zu sein, denn sie verstehen seine Gebärden nicht und behandeln ihn sehr unmenschlich. In den Nachbarkäfigen beobachtet Sam Käfer. Etwas später ist auch noch einer dieser schwarzen Käfer in seine Zelle gekommen. Sam, der stets mit Menschen lebte und diese als Familie ansah, versteht langsam, was diese Käfer zu sein scheinen.

In der Haupthandlung versucht Professor Schemerhorn, sein Projekt populär zu machen und versucht, weitere Fernsehauftritte zu organisieren. Aimee lebt sich gut ein und hat sich ebenfalls in den kleinen Schimpansen verliebt und ist stets für diesen da. Dass das Experiment Schwierigkeiten bekommt, ahnt man zumindest durch die Zwischenspiele, in denen sich Sam in einem Käfig befindet. Von der Vision der Vermenschlichung des Tieres können nicht alle überzeugt werden und die Fördergelder werden eingestellt. Der Schirmherr des ganzen Projekts kündigt seinen Besuch an.

Was unterscheidet uns vom Tier? Gibt es in der Natur auch Wertevorstellungen, Ethik und Moral? Kann ein Tier, hier ein Schimpanse, der uns Menschen sehr ähnlich ist, Zukünftiges erblicken? Kann er planen, empfinden und seine Gedanken formulieren?

Ein typischer Boyle, der aus dem Englischen von Dirk van Gunstern übersetzt wurde. Dieser Roman ist keine Aufwärmung von „Link – Der Butler“ oder „Planet der Affen“, macht aber hier und dort kleine Andeutungen. Eine wichtige, einfühlsame, bildgewaltige und komische Geschichte, die uns Menschen wieder auf ihren Platz innerhalb der Natur setzt.

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Yvonne Adhiambo Owuor: „Das Meer der Libellen“

Bücher sind Tore in andere Welten. „Das Meer der Libellen“ ist ein Roman, der uns neben dem Entwicklungsverlauf der Protagonistin auch viel aus der Welt zeigt. Aber auch immer wieder das Meer. Das Meer als Badestelle, Sehnsuchtsort, Lebensgrundlage und auch als Bedrohung. Auch die Gezeiten nehmen Einfluss auf die Menschen.

Die Handlung beginnt auf Pate, einer Insel vor der Küste Kenias. Munira hatte einst einen Mann kennengelernt, der aber niemals ernste Absichten verfolgte und sie, als sie ungewollt schwanger von ihm wurde, alleine ließ und aus ihrem Leben verschwand. Sieben Jahre später ist ihre Tochter Ayaana ein kluges, wissbegieriges Mädchen, das sich stets vom Meer angezogen fühlt. Sie trägt, so heißt es, das Meer in sich. Sie badet gerne vor Sonnenaufgang und lässt sich gerne treiben. Auf dem Weg zum Meer lernt sie den ehemaligen Matrosen Muhidin kennen. In ihm findet sie ihren Vaterersatz und nimmt ihn auch ein in dieser für ihn neuen Rolle. Er prägt sie und kann ihr auch einiges beibringen. Dies wiederum schließt sie vom Schulunterricht und den anderen Kindern der Insel aus. Doch wird sie immer erwachsener und kann sogar später ihre Schulprüfung mit guten Noten ablegen. Die Meeresgezeiten und die Zeiten auf der Insel verheißen nicht immer Gutes. Auf der Insel werden die Ereignisse der Welt angespült und stranden mal kurz oder länger. So kommen zum Beispiel Extremisten oder Terroristen auf die Insel, die Zuflucht oder Mitstreiter zu rekrutieren versuchen. Naturgewalten aber auch China greifen nach der Insel. Ayaana muß sich einigen einschneidenden Ereignissen in ihrem Leben stellen. Auch ihre Mutter hat mit ihrem Schicksal zu kämpfen und Muhidin, der für Ayaana, wie ein Vater war, begibt sich auf eine Reise, um in seiner eigenen Familiengeschichte Klarheit zu bekommen. Ayaana erhält die Möglichkeit, nach China zu gehen und verlässt Pate. Ihre Reise wird durch Bildung und die Liebe geprägt. Die eigensinnige und zuweilen selbstbewusste Ayaana wird durch Selbstfindung getrieben und ihre Reise wird, soviel sei verraten,  letztendlich eine Rundreise werden.

Das Meer als Bild der Gezeiten und wechselnden Stimmungen sind Ausgangspunkt dieser Coming-of-Age-Geschichte. Die Insel bildet dabei ein Fixum des Weltgeschehens. Die Natur taucht auf als zerstörerisches aber auch als helfendes Element, gleich den Menschen, die diese bevölkern. Die Geschichte, die diesem Roman zu Grunde gelegt wurde, ist wahr. Doch hat sich die Autorin davon auf künstlerische Weise entfernt. Es ist die Geschichte einer jungen Kenianerin, die als Nachfahrin eines Seefahrers aus der Ming-Dynastie ein Stipendium für ein Studium in China erhielt.

Das Buch hat eine gewisse Faszination und bildet eine gewisse Spannung auf den Verlauf und seine Figuren. Ein Roman voller weltpolitischer Geschehen, der aber vorrangig eine individuelle Entwicklung in den Vordergrund stellt. Die übergeordnete Erzählstimme bleibt meist bei Ayaana, springt aber auch zu den anderen Charakteren und Orten, um der ganzen Geschichte mehr Raum zu geben. Dabei könnte man das Gefühl bekommen, es sei hier und dort etwas übervoll, aber genau dies ist es auch, das ein rundes und erlebnisreiches Leseabenteuer verspricht. Somit entsteht ein Sog, der einen an diese Geschichte fesselt. Die Sprache, die aus dem Englischen von Simone Jakob übersetzt wurde, hat etwas Sinnliches und ist gefüllt mit einfühlsamen Metaphern und Bildern.

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Salih Jamal: „Das perfekte Grau“

Ein Roman über Flucht, Heimkommen und Freundschaft. Freundschaft kann wie ein Zuhause sein. Jeder Freund, der fehlt, wird zu einem abgebrochenen Stück Heimat. So ist auch jede Flucht ein Abbröckeln der Persönlichkeit. Mit jedem versuchten Weggang bleibt immer etwas von einem selbst zurück. Bei jedem Neuanfang wird aber auch das Leben stets ein Stück größer.

Salih Jamal ist vernarrt in Bücher und Literatur und dies zeigt sich in seinen Werken. Er beschreibt und durchdringt vieles. Er kleidet seine Gedanken in Worte, die sich wie eine Haut um den Inhalt legen. Hier und dort durchbricht das Beschriebene den Panzer und lässt Blicke in das Seelenleben der Protagonisten und des Autors erahnen. Salih Jamal schreibt mal zart, mal deftig, aber stets wortgewaltig. Er wirkt durch seinen Text wie ein feinfühliger und emotionaler Denker, der einiges in seinen gewaltigen Wortausbrüchen verkleidet. Das beschriebene Grau ist ein Farbspiel, das die Nuancen des Lebens darstellt. Zwischen Weiß und Schwarz gibt es unfassbar viele Abstufungen. Goethe schrieb am farbigen Abglanz hätten wir unser Sein. Salih Jamal vermutet, dass es eventuell nicht die Farben sind, sondern die Schatten, die uns prägen.

Es ist die Geschichte von Ante, den alle, in Bezug auf „Die göttliche Komödie“, Dante nennen. Er ist ein Getriebener. Er flieht vor sich selbst. Wobei er erkennt, dass diese Flucht unmöglich ist. Er ist bei seiner Flucht vorerst in einem Hotel gestrandet. Dort trifft er auf Rofu, der aus Afrika gekommen und ebenfalls im Hotel tätig ist und auf Mimi, die aus England stammt. Mimi hat ein dunkles Geheimnis und hat ferner eine enorme Anziehungskraft auf Dante. Eines Tages stößt Novelle zu ihnen. Sie ist noch sehr jung und wie alle anderen innerlich verletzt und gebrochen. Die Charaktere sind wie das Hotel renovierungsbedürftig und sie versuchen, ihre Risse zu kaschieren.

Novelle erzählt auf einem Ausflug mit einem Boot ihre dunkle Geschichte. Sie war ein Opfer und ist seitdem sehr verletzt, introvertiert und sehr reizbar und launisch. Aber auch Mimi zeigt plötzlich ihre Wandlungsfähigkeit. Als zwei neue Gäste im Hotel eintreffen, meint sie, in diesen Polizisten zu erkennen, die sie womöglich suchen, denn sie hat mit einem Pilzgericht ihren Mann vergiftet. Dante, Rofu und Novelle helfen Mimi und geraten damit auch in eine Auseinandersetzung und müssen erneut verschwinden. Diesmal gemeinsam. Sie klauen ein Boot und eine neue Flucht beginnt und somit ihre Geschichte. Eine Flucht vor den inneren und äußeren Dämonen. Doch wird ein Flüchtender, ein Getriebener jemals irgendwo gänzlich ankommen können?

Ein wunderbarer Roman, der Grobes neben einer Zartheit duldet. Die Figuren strahlen eine gewisse Faszination aus, die neben dem Handlungsverlauf eine große Spannung aufbauen. Salih Jamal lässt durch seinen eigenen Text die Welt der Literatur durchscheinen. In „Das perfekte Grau“ lebt unter anderem immer wieder der Geist von Philippe Djians „Betty Blue“ auf.

Der Autor und sein Werk haben das Potential zum Kult!

Danke an den Autor und den Septime Verlag für mein Zitat auf der Rückseite des Buches

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Shahriar Mandanipur. „Augenstern“

Shahriar Mandanipur ist ein bekannter und ausgezeichneter iranischer Autor. „Augenstern“ ist ein großer Liebes- und Gesellschaftsroman.

Am Anfang lernen wir Amir kennen, der seinen Blick in die Natur schweifen lässt. Dabei strömen die Gedanken auf ihn ein. Amir ist traumatisiert durch den Krieg und die Verwundungen an Körper und Seele. Er versucht den Verbleib seines rechten Armes und den Verlust seiner großen Liebe im Leben zu rekonstruieren. Seine Erinnerungen bestehen aus zerfetzten Bildern. Immer wieder träumt er von einer mysteriösen Frau und dem Besuch eines Basares. Reflexartig sucht seine verbliebene Hand seinen Ring.

Die eigentlichen Erzähler des Romans sind die Schreiberengel. Gemäß islamischer Tradition schreiben sie die guten und die schlechten Taten auf. Sie sitzen auf den Schultern und halten Zwiesprache über das Vergangene aus Amirs Leben. Auch dieser meldet sich selbst zu Wort, erinnert sich, will seine Gedanken fixieren und eventuell bei den Notizen der Schreiberengel einlenken.

Früher war Amir ein Lebemann und er liebte sein freizügiges Leben. Davon ist lediglich das alte Cabriolet übrig, mit dem er zu Zeiten des Schahs noch Aufsehen erregte. Nun ist er von der iranisch-irakischen Front zurückgekehrt und hat Probleme, seine Innen- mit der Außenwelt in Verbindung zu bringen. Er lebt in Erinnerungen oder in irregeleiteten Fantasien. Etwas möchte aus seinem Unterbewusstsein hervorbrechen. Was ist das für eine Geschichte mit seinem Verlobungsring? Wo ist die Frau, die er so geliebt hat? Wissen seine Mutter und seine Schwester, die auch ihre persönliche Geschichte hat, mehr?

Seine Erinnerungen, die guten und die schlechten, vereinen sich zu einem persönlichen Schicksal. Diese gedankliche Reise hat etwas Märchenhaftes. Auch die früheren Aufzeichnungen der Schreiberengel bleiben für uns nicht verborgen und somit baut sich Stück für Stück die ganze Geschichte auf. Es ist die Geschichte Amirs und die Geschichte der Region. Gewalt, Krieg, Manipulation und Lügen bilden die eine Seite. Aber es gibt auch noch den anderen Schreiberengel, der zu berichten weiß. Es ist die Suche nach der großen Liebe. Amirs Körper und Unterbewusstsein haben das Wissen in sich, er muss es nur selbst freilegen.

Das Erzählkonstrukt ist eigenwillig und aufwendig durchdacht. Amirs Geschichte wird immer vielschichtiger. Im Krieg hat Amir sich mit Schuld beladen und letztendlich wirft ihn die Verwundung durch die Granate zurück. Zurück in sein wohlhabendes Elternhaus. Zurück in seine verlorenen Erinnerungen. Viele Stimmen und Stimmungen werden im Roman eingefangen. In der persönlichen Tragödie der Figur gibt es stets Verweise auf die Entwicklung eines zerrütteten Landes. Der Text lebt durch die Naturbeschreibungen, das Darlegen der Kriegsgeschehnisse, die groben und sinnlichen Beobachtungen des Zwischenmenschlichen und letztendlich von der Liebe. Ein Roman voller Miniaturen, die stets den Blick auf das Große werfen.

Ein abwechslungsreicher Roman, der neben Tragischem auch viel Humor beweist. Ein Roman, der uns ein bisschen mehr unsere Welt erklärt. Übersetzt wurde das Buch aus dem Englischen von Regina Schneider. 

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Colum McCann: „Apeirogon“

Ein Roman, der begeistert und auch, will man ganz eintauchen, vom Leser etwas mehr verlangt. Man liest und möchte immer mehr erfahren und nebenbei selbst recherchieren. Trotz der erlesenen, dunklen Geschichten birgt alles stets einen Keim der Hoffnung von Menschlichkeit und Frieden.

Man spürt auf jeder Seite, dass Colum McCann Schriftsteller und Journalist ist. Er macht aus einer gehörten und wahren Geschichte etwas Eigenes, etwas Großes. Man möchte von einem Meisterwerk sprechen. Er lernt die beiden Protagonisten kennen und lauscht tief gerührt deren Geschichten. Lange hat er dann an den Themen gearbeitet, diese emotional verdaut, weiter recherchiert und letztendlich einen Roman geschrieben. Ein Roman, der auf Wahrem beruht, aber immer Fiktives zulässt. Der Inhalt und das literarische Werk bauen sich immer tiefgründiger auf und zeigen, es gibt immer viel mehr Möglichkeiten, Sichtweisen und Seiten als man denken oder anfänglich sehen möchte. Dies erklärt den Titel. Apeirogon ist eine zweidimensionale geometrische Figur mit einer gegen unendlich gehenden Zahl an Seiten.

Der Roman handelt von Rami Elhanan und Bassam Aramin. Beide Männer sind Familienmenschen und Väter. Ihr Leben ist symmetrisch und asymmetrisch und sie werden Freunde. Beide benötigen aber zum Beispiel für dieselbe Wegstrecke unterschiedliche Fahrtzeiten. Rami ist Israeli und Bassam ist Palästinenser. Der Roman beginnt mit einer Motorradfahrt und als Leser fährt man mit und taucht ein in einen Text, der sich immer weiter auffächert. In der Mitte stehen die beiden Männer und der ganze Palästinakonflikt wird in seiner Komplexität immer deutlicher. Die Lesereise startet in Jerusalem, Bait Dschala über diverse Checkpoints, Ortschaften, Siedlungen und politischen sowie familiären Zusammenkünften. Es ist ein Reigen aus Schmerz, Verlust und der Frage nach Menschlichkeit. Rami und Bassam schildern den Verlust ihrer Töchter. Smadar, Ramis Tochter, wurde 1997, als sie dreizehn Jahre alt war, von einem palästinensischen Selbstmordattentäter getötet. Abir, Bassams Tochter, gerade zehn Jahre alt, wird 2007 von einem Gummigeschoss eines israelischen Polizisten getötet. Hiermit baut sich die persönliche Geschichte der Protagonisten auf. Es werden in Folge immer neue Seiten und Facetten aufgeblättert und letztendlich entsteht ein literarisches, kunstvolles Gebilde.

Der persönliche Schmerz und Verlust schnüren einem die Luft weg und die Beschreibungen sind bildhaft und voller Empathie. Detail- und faktenreich ist der Text aufgebaut und berührt und bildet ungemein. Der Bogen spannt sich über den Palästinakonflikt bis zum Holocaust. Auch wenn es ein Werk von McCann ist, versteht er sich selbst zu reduzieren und Bassam und Rami kommen selbst zu Wort. Es ist ein Buch, das den menschlichen Schmerz, den Verlust einfängt und stets die Frage nach der Möglichkeit eines friedvollen Miteinanders stellt. Ein Kampf um Frieden. Kampf und Frieden hier vereint zeigen die Vielschichtigkeit des menschlichen Lebens.

Es gibt, wie bei dem Apeirogon, in der Betrachtung der Zweidimensionalität immer viel mehr Seiten. Im Leben und in der Welt gibt es Grenzen, die erkannt, überwunden und gelöst gehören. Grenzen, die ein Vogel von oben im Überflug nur belächeln kann.

Colum McCann versetzt sich gekonnt in seine Figuren und schöpft aus deren wahren Erlebnissen. Er hat ein großartiges Buch geschrieben. Das Buch wurde aus dem Englischen übersetzt von Volker Oldenburg.

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Clare Carlisle: „Der Philosoph des Herzens“

Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard

Wenn ein Buch in die Jetztzeit passt, dann wohl das lesenswerte und lehrreiche Werk „Der Philosoph des Herzens. Das rastlose Leben des Søren Kierkegaard“ von Clare Carlisle. Ein Buch zum Lesen in Zeiten der Umbrüche und Krisen.

Der Text bildet einen mehr als gelungenen Einstieg in die Welt des sogenannten Sokrates von Kopenhagen. Clare Carlisle ist Dozentin für Philosophie und Theologie am King´s College in London. Regelmäßig schreibt sie über Literatur und Philosophie und das vorliegende Buch verbindet genau diese beiden Schwerpunkte nachvollziehbar und gut verständlich. Es macht sehr viel Spaß, sich literarisch und gedanklich mit dem Philosophen Kierkegaard zu beschäftigen. Die Autorin geht dabei nicht chronologisch, sondern teilweise bewusst in der Umkehr vor. Dabei stellt sie das Werk neben das Leben der schillernden Persönlichkeit. Das literarische Schaffen von Kierkegaard ist stets verbunden mit seinen persönlichen Lebenssituationen.

Im Zentrum steht immer die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Die Frage nach dem Leben und der eigenen Existenz stellt Kierkegaard aber niemals rein verstandesmäßig, sondern hört dabei stets auf seine Emotionen und ist somit einer der voranschreitenden Denker mit Herz. So möchte ihn uns jedenfalls Clare Carlisle vermitteln. Aus dem Englischen übersetzt wurde dieses Werk von Ursula Held und Sigrid Schmid.

Der Text beginnt im Mai 1843 und der im Mai 1813 geborene Søren Aabye Kierkegaard befindet sich auf der Rückreise nach Kopenhagen. Er verweilte erneut in Berlin, einer Stadt, die ihn immer wieder gedanklich beflügelt. Doch seine Heimat ist Kopenhagen und somit reist er beschwerlich zurück. Hat aber, wie immer, seine Taschen mit Manuskriptseiten gefüllt, die auf seine Leser warten. So lernen wir Kierkegaard als einen Denker, einen im Wohlstand lebenden Dandy kennen, der aber alles in seinem Umfeld und besonders alles in seinem persönlichen Innenleben reflektiert und beleuchtet. Besonders hadert er mit seinem Liebesleben und der von ihm gelösten Verlobung mit Regine Olsen. Er akzeptiert vom Verstand her, dass man sich einer wandelnden Welt anpassen muss, nur das Herz zweifelt daran. Kierkegaard stürzt sich in seine Gedankenwelt als fühlender und gläubiger Mensch. Die Theologie und die gehörten Predigten sind ein häufiger Bestandteil seiner Gedankenwelt, die sich immer um das Menschsein dreht. Ein Mensch, der voranschreitet, aber den Weg nur gänzlich im Rückblick betrachtend versteht. Leben wird durch die Gesellschaft und die Selbstwahrnehmung geprägt, aber die Außenwirkung entspricht nie der inneren Wahrheit. Somit ist der ehrliche Blick ins Herz vonnöten, um uns als Mensch besser verstehen zu lernen.

Ein Buch, das nicht als Biographie verstanden werden kann, sondern eher als umfangreicher Einblick in die Persönlichkeit, das Leben und das Schaffen des bedeutenden Philosophen, der viele Denker beeinflusst hat. Ein Werk, das die Literatur des Philosophen näher bringt und in den Kontext der Zeit und Umgebung der Entstehung stellt. Man taucht ein in die Gefühls- und Gedankenwelt und versinkt in diesem fesselnden Buch.

Ein lesenswertes, aufschlussreiches und gut geschriebenes Werk, das als Einstiegsdroge wirken kann und eine gute Sucht erzeugt. Ein gelungenes Leseabenteuer und eine Bereicherung.

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