Bernd Marcel Gonner: „Oderberger“

Dieses Versepos kloppt sich ins Gemüt und entfaltet sich dabei langsam und gärt innwendig. Es lebt von der Sprache, der Rhythmik und den Polen, die sich verbinden, abstoßen und mit der Handlung und Entwicklung einen ganzen Roman in Lyrik erfassen. Doch benötigt das Werk Zeit. Zeit der Verdauung. Das Buch gibt es bereits seit 2020 und ist der Auftakt, der mit „Volk der Freien“ fortgeführt wird. Nun liegt „Oderberger“ als großartiges Hörbuch vor. Somit kann man das Werk wie folgt am besten inhalieren: lesen, hören und dann beim erneuten Hören mitlesen.

Die Pole sind dem Umfeld entsprungen. Die Handlung beginnt 1989 in Ost-Berlin. Die heraufbeschworene Kulisse ist geprägt durch Häuserschluchten, Rauch, Mief und Scherben. Schnee wird gegen Ende blutgetränkt sein. Hier tauchen sie auf, die vier Helden. Vier blutjunge Punks und Ausreißer. Ihr Leben ist in dieser erfassten Lebensphase voller Banalität, Gewalt und Liebe. Die Sprache ist eine Lyrik, die vorerst nicht an Punks denken lässt. Somit ist ein Kunstwerk entstanden, das vermeintlich Primitives in raffinierte Schönheit verwandelt. Die Alchemie des Textes kann mit einem Kieler Graffiti beschrieben werden: „Beim Pissen begriff ich den Kosmos“.

Das Plumpe, das auffällige nicht auffallen wollen und das Groteske werden allein durch die Sprachkunst des Epos zu etwas Enthobenem. Dabei wirkt es lediglich nur beim ersten Betrachten als gekünstelt, als überbordend und die Szenerie entstellend. In „Oderberger“ ist das Leben stets an der Kante. Mit dem Verlauf des Gesanges fräsen sich die Zeilen in den Geist ein und das Gesagte erklingt bisweilen verzögert. Der Mensch als Individuum benötigt helfende Hände, auch in der Anarchie. Punks als Paradiesvögel, als anrührende Helden, die sich erfinden oder verlieren und neuerfinden. Es sind: Rue, der mit den kurzen Beinen, ein Oderberger Heiland, Toxo, der Schöne mit seinen Seelenkrawallen, Wolle, der unreine Tor und der Knaller Flocke.

Mode oder Schick ist ihnen fremd. Sie leben oft in fremden Hosen in Abrisshäusern und ihre Revolte wendet sich von innen nach außen. Ihre Worte sind Hülsen, die wie buntes Graffiti die Wände zieren. Ihrer Geschichte lauschen wir, werden Zeugen und ein „O – der – ber- ger“ verklingt. Hier weiß man nicht immer, ob Herz oder Hirn angesprochen wird. Beben tut nach der Lektüre beides. Als hätten sich zum Beispiel Goethe und Bukowski betrunken und hier den letzten Schliff vorgenommen.

Ein Punkermärchen, das sich entfalten muss. Das Hörbuch ist tolles Kopfkino von Matthias Ransberger, der den Versen und den jeweiligen Figuren viel Leben einhaucht.

Eine Sehnsucht nach Liebe, die durch Nietenarmbänder kaschiert wird. Also Augen und Ohren auf! Die Revolte dauert an!

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Ré Soupault: „Überall Verwüstung. Abends Kino“

Ein Reisebericht der ganz anderen Art. Ein Tagebuch einer fragilen und zerstörten Schau. Die zerrissene Landschaft ist das Beispiel einer Fehde zwischen Deutschland und Frankreich. Der Blick der Künstlerin fällt auf das zerstörte Süddeutschland und sie schreibt eines Tages: „Überall Verwüstung. Abends Kino“ Diese Aussage schmückt nun das Tagebuch ihrer außergewöhnlichen Reise.

Ré Soupault wurde 1901 als Erna Niemeyer in Pommern geboren. Sie war Bauhaus-Schülerin in Weimar und gehörte zur europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Über ihren ersten Mann, dem Dadaisten Hans Richter, lernte sie u.a. Man Ray und Sergeij Eisenstein kennen. 1931 gründete sie in Paris ihr erstes eigenes Modestudio „Ré Sport“. In der Pariser Künstlerszene traf sie ihren späteren Ehemann Phillipe Soupault, mit dem sie viele Reise machte. Mittellos kehrte sie nach Ende des 2. Weltkrieges aus dem Exil in den USA nach Europa zurück. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, mit dem sie aber Jahre später wieder zusammenziehen wird. Sie arbeitete als Übersetzerin und Rundfunkautorin. Sie starb 1996 in Paris.

Im Jahr 1951, als sie in Basel lebte und langsam wieder gesellschaftlich und künstlerisch Boden unter die Füße bekam, erwarb sie das erste Modell eines Vélosolex, ein Fahrrad mit Hilfsmotor, das 0,4 PS leistete und ca. 1,2 Liter einer Zweitaktmischung auf 100 Kilometer verbrauchte. Sie machte eine Reise und ihr wichtigstes Gepäckstück war ihre Olivetti-Reise-Schreibmaschine. Am Samstag, den 8.9.1951 bricht sie in Basel auf und am 15.10.1951 kehrt sie nach 1500 Kilometern Reiseweg zurück. Mitgebracht hat sie seitenweise Berichte, Notizen und Texte über ihre Eindrücke, die nun ihr Nachlassverwalter, Manfred Metzner, in seinem Verlag „Das Wunderhorn“ herausgebracht hat. Der Text des Reisetagebuches wird originalgetreu wiedergegeben. Lediglich Schreibfehler wurden korrigiert. Somit ist dies ein historisches und authentisches Dokument.

Die Reise geht unter anderen nach Trier, Colmar, Stuttgart, München und Oberstdorf. Sie beobachtet die Menschen, die Gegebenheiten und hält alles fest. Die Melancholie des Wiederaufbaus und die Sehnsucht nach Normalität. In ihrer Wahrnehmung fehlt den Menschen und der Kultur oft die Kontur. Das Vélosolex ist ein treues Gefährt, das nur ab und zu einen Werkstattbesuch benötigt. Die ganze Reise ist eine Übergangsphase der bereisten Landschaft und von Ré Soupaults Leben. Die Betrachtungen sind voller Hoffnung und es gelingt, wie die Biographie es beweist, der Neuanfang.

Ein lesenswertes Zeitdokument, das mit viel Feingefühl und einer enormen Aufmerksamkeit geschrieben wurde.

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Mooses Mentula: „Der Schildkrötenpanzer“

Das Leben erleben und die eigene Geschichte finden sind die Bausteine dieses großartigen finnischen Romans. Das Erlebte und das Erlesene ist es, das uns prägt. Ob die Geschichte dabei die eigene oder die erzählte, d.h. die erlebte oder die beschriebene ist, bleibt im Moment des Erfassens nebensächlich. Figuren und deren Schöpfer nehmen stets unbewusst oder bewusst Einfluss auf unseren persönlichen Lebenslauf. Dabei ist das Abenteuer, die Komödie, das Drama in der Entwicklung gleichwertig. Ob es nun Zitrone oder Limonade gibt liegt im Moment des erfassten Handelns. Das Leben, das wir betrachten, ist oft durch einen Schutzschirm vor der Wirklichkeit geschützt. Oder wird die Wirklichkeit vor der Illusion bewahrt? Im Roman wird die Illusion am Anfang durch ein Aquarium verdeutlicht. Das Becken schaut sich unser Held lediglich per Stream an und ist somit Beobachter der Realität und dann doch aus diesem Leben Verrückter, als würde er tatsächlich vor einem Fischbecken stehen.

Tino verpasst immer wieder den Anschluss und hadert mit dem Leben. Er ist bei seinen Eltern ausgezogen, um seine Selbständigkeit zu finden. Die Eltern, besonders der Vater, beobachten dies mit großer Sorge, denn Tino ist zwar ein kluger Mann, doch umschifft er oft die geforderten Umstände. Jetzt geht er auf die Vierzig zu, hat in seinem Leben nicht viel erreichen können. Sein Wunsch, Medizin zu studieren scheiterte an der Aufnahmeprüfung für die Universität. Seine Idee, Straßenbahnfahrer zu werden, misslang nach dem Einführungskurs am ersten Arbeitstag, als er einen psychotischen Schub hatte. Seitdem ist er in Behandlung und Freund seiner verschriebenen Psychopharmaka. Sein Leben findet in seiner kleinen Messiewohnung statt. Dort erhält er lediglich unerwünschte Besuche von seinen Eltern oder dem Vermieter. Die Welt außerhalb erträgt er kaum und er meidet menschlichen Kontakt.  Einkaufen (besonders das Bier holen) bedeute für ihn stets eine große Überwindung. Als er auf dem Weg zum Markt von einem neugierigen Mädchen angesprochen wird, flüchtet er in einen Trödelladen. Dort erwirbt er von einem ominösen Händler einen Schildkrötenpanzer und einen vom Händler zusammengestellten Beutel voller Bücher.

Die Bücher geben Tino neuen Schwung. Er liest die Werke von Jack London, Jack Kerouac, Jean Genet und Charles Bukowski und sein inneres Leben wird belebt. Er beginnt zu schreiben und das Gelesene wandelt sich in seiner Phantasie zu etwas Eigenem und sein Umfeld fließt in seine Geschichten hinein. Je mehr er somit erlebt, umso phantastischer werden seine Geschichten, die für ihn immer realer werden. Stets ist der Panzer der Kröte ein Beiwerk der erfassten Geschichten. Doch greift die Realität ein und die Ämter möchten ihn sehen, damit er seine Unterstützungen weiterhin behalten kann. Als ihm die frühzeitige Rente, also der gänzliche Ausstieg aus dem Berufsleben vorgeschlagen wird, wird sein Umfeld surreal, denn der zwielichtige Händler, der ihm den Schildkrötenpanzer verkaufte, taucht in seinem Leben als Lehrmeister auf. Das Tinos Lebenswahrnehmung immer bunter wird, liegt an der Person des Verkäufers, der sich als Charles Bukowski entpuppt. Aber es tauchen noch weitere eingreifende Charaktere auf, die Mutter des Kindes, das ihn in den Trödelladen trieb oder in einer Nebenrolle zum Beispiel Jack Kerouac.

Jede Geschichte ist wahr, wenn man sie mitfühlend erlebt. Dabei ist es vorerst unwichtig, wie das Leben kreiert wird, ob real, zum Beispiel in der Südsee, im Aquarium oder in einem Wohnmobil, mit einem Stift oder an einer Tastatur.

Ein übersprudelnder Lesespaß voller irrwitziger Ideen, Handlungen und Charakteren. Ein Roman, der uns herausfordert, das Leben zu leben, die eigene Geschichte zu schreiben und dabei Spaß zu haben.

Der wunderbare Roman wurde von Stefan Moster, der mit seinen eigenen Werken und Übersetzungen ein beständiger Gast im Leseschatz ist, aus dem Finnischen übersetzt.

Los, lesen, leben – jetzt!

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David Wonschewski: „Blaues Blut“

Hier gerät ein psychologischer Stein ins Rollen und verbirgt sich in einem ganzen Feld. Ein Sammelsurium an Egos trifft hier in einem fast schon handlungsarmen, aber stets kurzweiligen, Spiel zusammen. Aus einem Stein werden Felder und geboren ist der Protagonist Frankenfelder. Die Namensgebungen sind zuweilen verborgene Wegweiser.  Als Beispiel versteckt sich ein brachialer Witz in einer Figur und der Antagonist wächst wie eine ungesunde Wucherung.

Im Roman lauert derber Tiefgang. Der Text verschleiert den Anspruch zuweilen in Einfachheit und lässt an cineastische Werke wie zum Beispiel „Fight Club“ erinnern. Der Humor kommt auch nicht zu kurz. Ein schwarzer Humor und der witzige Blick auf eine stagnierte und moralisierte Gesellschaft, der den Sound eines Beuteltiers von Marc-Uwe Kling besitzt. David Wonschewski wird auch zuweilen mit Thomas Bernhard und David Foster Wallace verglichen. David Wonschewski ist als Kulturjournalist für Radio, Print und für Onlineportale tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das musikalische Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, schreibt lesenswertes über Literatur und hat nun selbst seinen Weg als Autor gefunden. Mit „Blaues Blut“ feiert er seine dritte Veröffentlichung.

Der zu lesende Text wird mit Blut geschrieben. Es ist blaues Blut aus Tinte, das die Geschichte von Frankenfelder erzählt. Der Prolog und der Epilog beschreiben das Sterben. Jemand wurde mit einem Messer tödlich verwundet. Als der Körper im Sterben liegt, vereinen sich weitere Protagonisten um ihn herum und agieren, als sei er bereits gegangen. Nun beginnt die Reise in die verzettelnden Gedankenspiralen der agierenden Egos. Als Abiturient war Frankenfelder ein grübelnder, kritischer junger Mann. Die gesellschaftlichen Erwartungen lassen ihn sich verändern und ein kurzer Ausrutscher im alkoholisierten Vollrausch hinterlässt seinen Stuhl auf einem Biedermeier-Stuhl. Damit erwacht die handlungsgebende Biedermeiersehnsucht. Gleich dem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“. Aus Frankenfelder wird ein verhaltensauffälliger Mensch. Eine Organisation rechtschaffener kontinentaleuropäischer Männer, kurz OrkM, setzt einen Mitarbeiter auf ihn an, der lediglich IM Krebs genannt wird. Doch sieht er in Frankenfelder noch keine wirkliche Gefahr für sich oder für die Gesellschaft. Etwas mehr Konsumbereitschaft oder ein Mehr an Feminismus würden Frankenfelders Biographie geraderücken. Doch die Leitung von OrkM sieht in ihm einen Misanthropen und sendet den Krebs mit dem Befehl der zeitnahen Entsorgung des sinnentleerten Nationalbürgers Frankenfelder aus. Der weitere Verlauf liest sich aus zwei Perspektiven, die von IM Krebs und von Frankenfelder. Doch sind da noch Cosmin und Cristina, die auftauchen. IM Krebs, auf Gedankenmanipulation spezialisiert, beschattet und beeinflusst fortan Frankenfelder, der sich dem Spiel und dem Zwang der Gesellschaft entzieht. Die zeitnahe Entsorgung wird Krebs 20 Jahre kosten. Doch die Entsorgung ist nur eine Verlagerung, denn Frankenfelder ist nicht weg und hat eventuell das ganze Spielchen umgedreht …

Ein Roman, der von Gedanken lebt, die der Egos und jene, die sich im Lesenden einnisten. Das Werk ist grotesk, bizarr und versteht es, das Derbe, das Bittere neben einer zarten, philosophischen Poesie stehen zu lassen. Beide Seiten sind Seiten eines Ganzen und bedingen einander, somit ist durch die Sprache auch ein Bezug zum Inhalt gelegt. Das Leseerlebnis kann auch als Multivisionsshow genossen werden, denn es gibt eingestreute QR-Codes bzw. Links, die zu Songs von Christoph Theussl oder zu Lesepassagen des Autors führen.

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Steinunn Sigurdardóttir: „Nachtdämmern“

Dies ist das Lied von Feuer und Nichts. Islands Landmasse besteht aus vielen Gletschern. Der Gletscher Vatnajökull ist der größte Islands und somit auch der größte Europas. Die Lyrik ist aber nicht nur eine Ode der Trauer, des Abgesanges, sondern eine Liebes- und Lebensgeschichte. Die isländische Autorin fängt in Ihren Gedichten die Liebe zur Natur ein. Schön, berührend und klangvoll beschreibt sie die Landschaft, die Urgewalt der Natur und ihre eigentliche Erhabenheit gegenüber den Menschen. Doch die Menschheit, die es letztendlich so weit gebracht hat („O ja, bis an die Sterne weit!“ – selbst Faust ergo Goethe erahnte die Ironie unserer Entwicklung), ist ein großer Motor zur Vergänglichkeit. Denn neben der Schönheit der Lyrik und der Liebe zur Natur ist das Buch eine poetische Klage über die Umweltzerstörung und den Klimawandel.

Das Buch, die Gedichtsammlung, ist auch als ein Gesamtwerk zu lesen. Die poetische Reise ist ein Langgedicht, eingeteilt in einzelne Gedichte und Kapitel. „Nachtdämmern“ stellt den eigentlich ewigen Gletscher in den Mittelpunkt. Steinunn Sigurdardóttir sieht ihn als Kind in seiner weißen Pracht und dem blauweißen Glitzern im grünen Umfeld der Insellandschaft. Doch besteht die Gletschermasse, wie wir Menschen, zum größten Teil aus Flüssigkeit. Das Feste verflüssigt sich beständig im Laufe des Lebens der Ich-Erzählerin. Sie erkennt durch ihre vermissten Anblicke, dass wir, anders als die Tiere, das Universum begreifen können. Der Mensch betrachtet sich gegenüber seinem Umfeld als erhaben und vergisst ein Teil zu sein und wird zum Zerstörer. Unser Verstand erfasst den Schaden, den wir erzeugen, und wir lassen es dennoch geschehen.  

Am Leben entlang der Erzählerin, der Autorin, erblicken wir die Schönheit und die Kraft der Natur. Das tobende Meer, die grüne Wiesen- und Mooslandschaft umzäunt von Bergen und Gletschermassen. Ein Ort, der als Sinnbild unserer Phantasie und Erdverbundenheit oft real und in der Vorstellung bereist wird. Doch ist es ein Ort der Polaritäten, der Extreme und wirkt verzaubernd auf uns und zeigt, wie nichtig der Mensch gegenüber der Naturgewalt erscheint. Das Land der Naturgeister wird durch das barsche Auftreten der Menschheit entzaubert und die Gletscher beginnen zu schmelzen. Die Lebenserinnerungen beginnen aus der Sicht des kleinen Mädchens und wandern zur Erwachsenen. Dabei verändern sich der Rhythmus und der Klang.

Ein wunderschönes, ruhiges Buch. Die Klage, der Klimawandel wird nicht extra belehrend betont, sondern keimt in der Betrachtung der schwindenden Schönheit. Ein kleines und großes Buch zugleich. Ein wunderschönes und trauriges Werk. Aus dem Isländischen übersetzt von Kristof Magnusson.

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Amanda Lee Koe: „Die letzten Strahlen eines Sterns“

Dieses Buch strahlt förmlich. Ein großartiger Roman über drei unterschiedliche Frauen, die bis heute für Gesprächsstoff sorgen und die Kunstwelt nachhaltig beeinflusst haben. Ein literarisches Leuchtfeuer, in dem die realen Charaktere, Marlene Dietrich, Anna May Wong und Leni Riefenstahl, zu Romanfiguren werden. Man vergisst, dass die Frauen, die Geschichte und ihr Umfeld der Wahrheit entsprechen und versinkt wie bei einem cineastischen Wunderwerk gänzlich in der Kunst.

Das zeiten- und weltenumspannende Werk beginnt mit einem Foto. Im wahrsten Sinne ist dies der Auslöser, der ein zufälliges Zusammentreffen beleuchtet. Es ist das Jahr 1928 und in Berlin wird ein Presseball gefeiert. Marlene Dietrich ist eine aufstrebende Schauspielerin und hofft auf eine große Karriere. Daher hat sie sich auf dieses Fest geschlichen und sorgt für Blickfang. Leni Riefenstahl, die später als Regisseurin berühmt und berüchtigt wird, sehnt sich auch als Schauspielerin nach Hollywood. Anna May Wong ist es, die die männlichen Blicke auf sich zieht und vor der sich eine wartende Menge an Tanzpartnern bildet. Anna May Wong ist bereits eine erfolgreiche Schauspielerin mit Hollywood-Erfahrung. In einer Tanzpause erblickt der Fotograf Alfred Eisenstaedt die drei beieinander stehenden Frauen und macht Fotos. Es sind zwei, die nun den Roman umspannen. Durch diese kurze Ablichtung bekommen die drei Frauen ein Profil, das sich in Folge der Handlung episodenhaft verfestigt.

Das Foto als Grundlage für den Anfang der umfangreichen Geschichte ist ein gelungener Einstieg. Wie Strahlen breiten sich nun die Lebenswege durch Jahrzehnte aus und streifen dabei die Höhen und Tiefen. Das Buch entfächert sich wie ein großer Kinofilm mit weltumspannenden Kulissen, diversen Blickwinkeln, diversen Nebenrollen und Hauptschauspielerinnen, die in die Rollen ihres Lebens schlüpfen. Alles erscheint in einem unterschiedlichen Licht, wie die jeweiligen Settings und Rollen vor und hinter den Bühnen und Kameras.

Marlene Dietrich liebt das Rampenlicht und steht gerne im Vordergrund. Sie überstrahlt auch im Roman. Doch sind es letztendlich auch die letzten Strahlen eines Stars, der einsam in seiner Wohnung in Paris lebt. In Paris taucht eine bewegende Nebenrolle auf, Bébé, die aus China gekommen ist, prostituiert wurde und nun Hausmädchen bei der Dietrich ist. Jedes Kapitel trägt ein Ornament passend zu den drei Hauptcharakteren, deren Perspektiven fixiert werden. Die Handlung wandert durch die wechselnden politischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Neben der Strahlkraft der Stars gibt es auch die Tiefenschärfe, die Schattenwelt mit ihren Konturen. Die Frage nach Mitschuld taucht zumindest bei Leni Riefenstahl auf, die sich mit ihren Propagandafilmen dem Nationalsozialismus anbietet.

Spannend und aufregend ist der Roman über alle Kapitel hinweg. Das Buch beleuchtet Geschichte und die asiatische Sicht auf europäische Geschichte macht das Werk besonders. Ein Roman, der wunderbar geschrieben ist und die wahre Geschichte in Literatur verwandelt. Reale Figuren treten auf und ab und geben den Hauptschauspielerinnen ihren Raum, um sich gänzlich zu entfalten. Dabei verwischt die Wahrnehmung zwischen Realität und Kunst. Das Buch wird lange strahlen, wie jene Stars, die auch zuweilen fragwürdig waren. Es sind aber Strahlen, die bis in unsere Gegenwart reichen.

Das Buch ist ein glänzendes Lesefest und wurde von Zoë Beck aus dem Englischen übersetzt. Amanda Lee Koe lebt in Singapur und New York. Ihre Kurzgeschichten „Ministerium für öffentliche Erregung“ (siehe auch im Leseschatz) hat viel Anerkennung erhalten. „Die letzten Strahlen eines Sterns“ ist ihr erster Roman.

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Valeria Shashenok: „24. Februar… und der Himmel war nicht mehr blau“

Was passiert, wenn plötzlich Krieg ist? Etwas Schreckliches, das bisher fern der persönlichen Wahrnehmung und lediglich durch Fernsehbilder ein Teil des Alltags ist, greift das persönliche Leben an. Wenn plötzlich in der eigenen Umgebung gekämpft wird und Raketen einschlagen, meint man sich in einem schlechten Kriegsfilm zu befinden. Doch für viele Menschen ist dies kein Hollywood, kein Nachrichtenbeitrag aus der Ferne, denn mit einem Schlag hat sich das Leben für viele verändert. Krieg bedeutet Zerstörung, Leid und der Verlust der Menschlichkeit und letztendlich des Lebens. Es gab nie eine Zeit des globalen Friedens. Der Mensch ist nicht friedvoll. Auch wenn man es gerne so hätte. Krieg wird auch oft durch andere Begrifflichkeiten kaschiert oder verbal verharmlost. Doch ist er, was er ist.

Viele, auch ich, können nicht aus eigener Erfahrung vom Kriegsgeschehen berichten. Literatur ist ein guter Wegweiser zum Verstehen. Zumindest ein Weckruf zur Empathie.

Mit dem Büchlein „24. Februar… und der Himmel war nicht mehr blau“ wird der Schrecken spürbar, was es bedeutet, plötzlich im Krieg zu sein. Valeria Shashenok ist jung, hat die Träume eines jungen Menschen und ist hungrig auf die Welt. Sie möchte fotografieren, die Welt erleben und ihr Erlebtes mitteilen. Sie nutzt bereits die sozialen Kanäle. Dann wird sie übermüdet von den Eltern aufgefordert, mit in den Luftschutzbunker zu kommen. Valeria Shashenok wurde 2002 in Tschernihiw, einer Stadt nördlich von Kiew, geboren. Als am 24. Februar 2022 die erschütternden Ereignisse das dortige Leben auf den Kopf stellten, beginnt sie, anfänglich aus Langeweile, über den Alltag im Bunker zu berichten. Im Bunker gibt es WLAN und sie nutzt den Hashtag: „Things that just make sense in a bomb shelter“ und erhält viele Klicks und geht um die Welt. Auch die Medienwelt wird auf sie aufmerksam. Sie bekommt Gehör und schafft es letztendlich auch nach Italien zu fliehen. Sie alleine, denn die Eltern harren noch im Kriegsgebiet aus.

Ein Buch, das etwas von einem sehr guten Schulaufsatz hat und dennoch viel mehr ist. Der Bericht einer jungen Frau, die vom Leben als Fotografin träumt und plötzlich über das Leben vom Krieg schreibt und berichtet.

Ein lesenswerter Bericht aus einer leider wirklich gewordenen Welt. Das Grauen hat viele Stimmen und es bleibt die Hoffnung, dass zum Beispiel Literatur es schafft, die Menschen empathischer werden zu lassen, damit der Schrecken, das Leid und der unnütze Tod kein Bestandteil mehr unseres Lebens ist. Ein naiver Traum, aber ein Traum…

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Tatiana Țîbuleac: „Der Sommer, als Mutter grüne Augen hatte“

Dieser Roman beschreibt Bilder, die der Protagonist Aleksy mit lakonischen Worten einfängt. Er, der eigentlich malt, schreibt nun und erinnert sich an seine Jugend und an jenen Sommer, in dem er seine Mutter erstmalig wieder richtig wahrnahm und pflegte. Aus dem zynischen, garstigen und aggressiven Ton (der dadurch zuweilen auch humorvoll ist), der aus dem damaligen jungen Mann herausplatzt, wird  ein nahbarer Klang, der Nähe zulässt. Der Lichtblick sind stets die Augen, die das Licht einfangen und auch ein Innenleben projizieren. Es sind die Augen, die Aleksy bei seiner Mutter schön findet. Anfänglich nur diese. Der Rest der Mutter ist in seinen Augen dumm und hässlich. Mit seinem wachsenden und erweiterten Blick bekommt die Mutter auch mehr Struktur, Schönheit und Wissen. Leider sieht Aleksy dieses erst, als sie im Sterben liegt.

Aleksy wirkt lieblos und aggressiv. Es ist der letzte Schultag und seine Mutter holt ihn vorm Schulgebäude wartend ab. Es dauert länger bis Aleksy zu ihr geht. Er lässt sie lange stehen und erträgt es kaum, sie zu sehen. Sie ist alleinerziehend und möchte ihrem Sohn eine gemeinsame Reise vorschlagen. Er hasst seine Mutter so sehr, dass er auch oft Mordgelüsten in seiner Phantasie nachgibt. Doch sagt er überraschend zu. Dabei hatte er mit seinen Freunden einen Trip nach Amsterdam geplant und freute sich auf Sex und Drogen. 

Mutter und Sohn reisen nach Südfrankreich und mieten ein älteres, kleines Haus. Die dortige Enge lässt Aleksys Blick sich weiten. Er erhascht Licht in seiner Dunkelheit und die Mutter bekommt etwas Liebenswürdiges. Gerade in dem Moment, als sie von ihrer Krankheit erzählt. In Frankreich verändert sich alles für Aleksy. Beide haben ein Trauma zu verarbeiten. Der Verlust der Schwester, beziehungsweise der Tochter, hat beide in eine tiefe Trauer gestürzt. Die Mutter hatte damals auch den trauernden Sohn nicht annehmen können und seitdem wuchs das Zerwürfnis.

Der Sommer lässt beide wieder zusammenwachsen. Die Nähe irritiert die Gefühlswelt von Aleksy. Auch sein Liebesleben und seine beständigen Gedanken verwirren den jungen Mann, der später zurückkehrt, um dort zu malen und letztendlich die ganze Geschichte aufzuarbeiten.

Der Roman hat eine Sogwirkung durch den Sprachklang und die Bilder. Der Inhalt wird durch die Sprache jeweils passend eingefangen. Durch den Tablettenmissbrauch wirkt einiges wie berauscht und lässt an Halluzinationen denken. Der nach außen getragene Hass, der sich nur anfänglich zeigt, ist die reflektierte Selbstwahrnehmung des Protagonisten. Hass und Liebe werden die Motivation seiner Bilder. Bilder werden durch ihn und letztendlich durch die Autorin zu Worten.

Tatiana Țȋbuleac hat ein kraftvolles und sprachlich dichtes Werk geschrieben, das voller Dramen ist. Neben dem ganzen Unglück hat der Roman auch stets etwas Ursprüngliches, etwas Rohes und unfassbar Schönes. Der Text wandelt sich wie der Blick zu den Augen der Mutter: Die Augen der Mutter als Versehen, als Augen, die nach innen weinen, als Blickfang der nicht erzählten Geschichte bis hin zu den Narben jenes Sommers. Die Übersetzung aus dem Rumänischen stammt von Ernest Wichner.

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Bettina Wilpert: „Herumtreiberinnen“

Der Titel ist eine Anspielung auf Frauen, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen. Frauen, die eigenständig sein wollen und durch die jeweils politischen Umstände daran gehindert werden. Es ist auch die damals gängige Bezeichnung für Frauen, die nicht dem sozialistischen Weltbild der DDR entsprachen. Der Roman erzählt von drei Frauenschicksalen in drei verschiedenen Zeitebenen: 1940er Jahre im Nationalsozialismus, 1980er Jahre in der DDR und in der Gegenwart. Die Verbindung ist ein Gebäude in der Lerchenstraße in Leipzig, das in der Zeit unterschiedliche Funktionen innehatte. Der Roman spielt mit der jeweiligen politischen Situation. Welchen Einfluss hat die jeweilige Epoche auf die individuelle Entwicklung der Frauen, die durch ein spezielles Gebäude miteinander verbunden sind?

Der Roman lebt von der Freude am Erzählen und der enormem Empathie der Autorin ihren fiktiven Figuren gegenüber, die erlebte Geschichte erfahrbar machen. Manja lebt in den 1980er Jahren in Leipzig und hat bereits in der Schule für Aufsehen gesorgt, als sie einen Aufsatz fertigte, der ihren Freiheitswunsch spürbar machte. Sie ist siebzehn Jahre jung und erlebt sich und ihr Umfeld noch als Teenager aber auch als eine junge heranwachsende emanzipierte Frau. Neben der Schule jobbt sie und verbringt ihre Freizeit gerne mit ihrer Freundin Maxie. Maxie hat etwas Wilderes, Aufmüpfigeres an sich, das Manja begeistert. Ein feministischer Freiheitsdrang zur Selbstbestimmung keimt in ihren Begegnungen, die nicht immer legale Wege gehen. Sie stromern gerne in der Stadt oder in der nahen Umgebung. Auf einem Jahrmarkt treffen sie auf Manuel, für den Manja viel empfindet. Manuel ist als Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR gekommen und ist in einer Baumwollspinnerei tätig. Als sie sich eines Tages in seinem Zimmer, auf dem Frauenbesuch nicht gestattet ist, treffen, werden sie bei einer Razzia der Volkspolizei erwischt. Manja wird auf der venerologischen Station, Tripperburg genannt, eingesperrt. Sie weiß nicht, warum sie hier ist, und so brutal behandelt wird.

Die Ich-Erzählerin wird durch Lilo und Robin unterbrochen. Lilo wächst im Nationalsozialismus auf und ihre Familie wird geprägt von den Aktionen des Vaters, von denen sie anfänglich wenig mitbekommt. Später hilft sie ihm und wird genau in dem Gebäude, in dem Jahre später Manja wegesperrt wird, inhaftiert, weil sie den kommunistischen Widerstand unterstützt hat. In der Gegenwart ist das Gebäude ein Flüchtlingsheim. Robin ist Sozialarbeiterin und ihr neues Tätigkeitsgebiet führt sie in dieses Gebäude. Somit werden die drei Schicksale durch den Raum in der Zeit verbunden.

Die drei Frauengeschichten sind fiktiv, aber sehr authentisch und an der Wahrheit orientiert erzählt. In der DDR wurden unfassbar viele Frauen in venerologische Abteilungen als Herumtreiberinnen eingewiesen. Somit macht das Buch ein selten erzähltes Kapitel deutscher Geschichte auf. Der Roman ist ein literarisches Ereignis und weckt viel Sympathie für seine Heldinnen. Ein zeitloser Roman, der die Zeiten belebt.

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Seraina Kobler: „Tiefes, dunkles Blau“

Seraina Koblers erster Krimi hat alles, was ich an Kriminalgeschichten liebe: Tolle und glaubhafte Figuren, ein schönes Setting und eine kluge Handlung. Der Hauptcharakter nimmt den Leser sofort für sich ein.

Seraina Kobler hat Linguistik, Kulturwissenschaften sowie literarisches Schreiben studiert. Sie arbeitete mehrere Jahre als Redakteurin bei verschiedenen Zeitungen. Ihr atmosphärischer Debütroman „Regenschatten“ ist eine Dystopie, die auch den Kern dieses Krimis in sich verbirgt: Der Umgang von uns Menschen miteinander und mit der Natur. „Tiefes, dunkles Blau“ ist ein Krimi in traumhafter Kulisse, der mit dem Gedanken spielt, was passieren könnte, wenn Wissenschaft auf die menschliche Schwäche trifft. Dies erinnert an die großartige Reihe um den Kieler Zoologen Hermann Pauli von Bernhard Kegel. Seraina Koblers Roman hat aber etwas mehr Wohlfühlatmosphäre in ihren Umschreibungen der Orte. Der Zürichsee und die darumliegende Landschaft bereiten beim Lesen pure Urlaubsstimmung. Eine Polizistin, die Kulturelles und Gastronomisches in ihrem Privatleben zelebriert, erscheint unglaublich sympathisch und weist hier und dort wohl viele Übereinstimmungen mit der Autorin auf.

Der Prolog erzählt von einem unfreiwilligen Beifang eines Fischers. Er hat in den letzten Tagen weniger Glück beim Fischfang und freut sich, als sein Netz etwas Schwereres eingefangen hat. Doch ist es eine männliche Wasserleiche, die die Winde emporzieht. Dann macht die Handlung einen kleinen Sprung zurück in der Zeit. Nach circa sechzig Seiten setzt der Verlauf wieder hier ein und die Wasserleiche versetzt die Züricher Polizei in Aufruhr.

Rosa Zambrano hat neu bei der Wasserpolizei angefangen und ihr Einsatzort ist der Zürichsee. Sie genießt das Leben in der Stadt und nutzt die Natur, besonders den See, für ihre Erholung oder für den Sport. Sie lädt sich gerne Freunde ein, die sie sehr gekonnt bewirtet. Weil sie noch keine bleibende Partnerschaft hat, empfindet sie eine kleine Leere im Leben und hat Sorge, eventuell kinderlos zu bleiben. Sie lässt bei einem Facharzt, Dr. Jansen, in einer Kinderwunschpraxis eine Kryokonservierung machen.

Dr. Jansen entpuppt sich später als genau jene Wasserleiche, die aus dem See gefischt wird. Der erfolgreiche Arzt hat auch nebenbei ein Biotech-Unternehmen geleitet, daher gehen die Ermittlungen in diverse Richtungen. Seine Ehe ist gescheitert und er hat eine neue Freundin, bei der er etwas versteckt hat. Ferner wirkt es, als hätte er zuweilen einen Escort-Service engagiert. Somit werden die Umstände, die zu seinem Mord geführt haben könnten, immer zwielichtiger und vielschichtiger.

Dies ist der erste Fall für Rosa Zambrano, der sie als Kriminal- und als Seepolizistin herausfordert. Durch den Fall, begegnen ihr Menschen aus der Vergangenheit, die ihr Liebesleben durcheinanderbringen. Der Fall stellt sie vor die Frage, ob die Natur, d.h. die Biologie ihren vorgesehenen Lauf nehmen soll oder ob der Mensch das Recht hat, mit seinem errungenen Wissen und Können einzugreifen und das Schicksal zu seinen Gunsten zu beeinflussen.

Eine Ermittlerin, die man sofort mag. Man bestaunt mit ihr ihren schönen Garten und möchte gerne Gast sein, wenn sie zum Essen einlädt. Auch bekommt man beim Lesen stets Lust, gut zu kochen. Das Buch hat viele sinnliche Momente und lebt vom Umfeld um den spannenden Fall, der zeitgemäße Fragen stellt.

Wohl ein Krimi-Highlight im Frühjahr, der auf eine Fortsetzung hoffen lässt, denn Wasserpolizei in dieser Qualität ist bisher nicht aufgetaucht.

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Siehe auch Seraina Kobler zu Gast auf Leseschatz-TV – Vorstellung und Lesung ihres Romans „Regenschatten

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