Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“

Christine Wunnicke Die Dame mit der bemalten Hand Berenberg

Egal wo wir Menschen leben oder woher wir kommen, wir schauen alle zu den Sternen. Das ganze Firmament beinhaltet in jeder Kultur unzählige Geschichten. Ein Sternbild ist klein oder groß, jeweils wie wir es gelernt haben. Für einige ist es zum Beispiel die Kassiopeia und für andere ist dies nur ein Auszug, eine bemalte Hand, aus einem größeren Sternbild. Dennoch verbindet das Sternedeuten und -betrachten. Es ist in gewisser Weise eine Sehnsucht nach Erklärung, Sprache und Wissen. Gleichzeitig aber auch Wegweiser in der astronomischen Navigation.

In dem wunderschönen und teilweise humorvollen Roman geht es um den Mathematiker, Kartografen und Forschungsreisenden Carsten Niebuhr, der auf Meister Musa, einen persischen Gelehrten und Astrolabienbauer aus Jaipur, im Jahre 1764 trifft. Meister Musa hat gerade ein kunstvolles Astrolabium an einen Kunden geliefert, der dies gar nicht zu würdigen weiß, sondern nur als Sammelstück in seine Ausstellung stellt. Eigentlich wollte Meister Musa weiter nach Mekka reisen. Doch auf der Reise in Indien, nahe Bombay, gerät das Schiff in eine Flaute und Meister Musa lässt missgelaunt an einer kleinen Insel anlegen.

Carsten Niebuhr reist mit einer Forschungsgruppe, im Auftrage des dänischen Königs und des Göttinger Theologen und Orientalisten Johann David Michaelis, nach Arabien und nach Vorderasien. Johann David Michaelis hält wenig von dem jungen Niebuhr und schikaniert ihn vor der Abreise bei seinen Vorlesungen. Die Forschungsreise soll Beweise und Wahrheiten für den Inhalt der Bibel sammeln. Doch Carsten Niebuhr möchte auf den von Johann David Michaelis formulierten Fragenkatalog gerne stets mit dem eigenen oder bestätigten Unwissen antworten. Alle wissenschaftlichen Gefährten werden auf der Reise sterben und Niebuhr erkrankt an der bis dahin unerforschten Krankheit Malaria. Daher ist es fraglich, ob alles, was er in Folge erlebt, sich tatsächlich so zugetragen hat. Er strandet auf seiner Reise ebenfalls auf der vor Bombay liegenden Insel Elephanta. Die Insel ist heutiges Kulturerbe.

Es treffen also Meister Musa und Carsten Niebuhr aufeinander. Sie warten auf Rettung und begeben sich zusammen auf Erkundung der jeweils anderen Kultur. Persisches Wissen trifft auf die Errungenschaften der frühen Neuzeit. Geschichten treffen auf Mystik und Poesie.

Mit feiner Ironie und ganz viel Poesie ist dieser Roman ein Eintauchen in eine reale und doch fantastische Welt. Die wissenschaftliche „Arabische Reise“ als Ideengrundlage von Europäern, die in die Ferne reisen, um eigentlich doch nur ihre Geschichten belegt zu finden und doch dann auf mehr gestoßen werden. Ein Warten auf Rettung zweier Menschen unterschiedlicher Kulturen, die sich nicht nur über Sternbilder unterhalten. Wie es endet steht wahrlich in den Sternen.

Ein Roman, der mit Historischem spielt und daraus eine eigene Kunst macht. Das Buch ist eine kluge und unterhaltsame Lesereise.

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Paolo Maurensig: „Der Teufel in der Schublade“

Paolo Maurensig Der Teufel in der Schublade Nagel & Kimche

Paolo Maurensig hat endlich ein neues Werk geschrieben. Der Text ist eine Schachtel in einer Schachtel und kommt als Fabel nicht an Goethe vorbei. Ein Protagonist, der mephistophelisch eine Dorfgemeinschaft aufwiegelt und sich dabei schlau empfindet wie jenes Fabeltier Reineke Fuchs. Eine aberwitzige Erzählung, die uns hier im Roman als eine eigene Geschichte aufgetischt wird. Was passiert wenn der Leibhaftige seine Giftpfeile in unser aufgeblähtes Ego schießt und dabei unseren Ehrgeiz und die Eitelkeit bis zum Ende ausreizt?  Ist der Hass ansteckend und kann er sich wie eine Tollwut verbreiten?

Paolo Maurensig begeisterte vor Jahren mit „Die Lüneburg-Variante“, „Spiegelkanon“, „Der Schatten und die Sonnenuhr“ und „Sommerspiel“. Werke, die alle einen tiefen Eindruck hinterlassen haben und in die Weltliteratur gehören. Durch „Der Teufel in der Schublade“ ist ein neues, kurzweiliges Meisterwerk erschienen und lässt hoffen, dass das Gesamtwerk in Kürze wieder verfügbar gemacht wird. Aus dem Italienischen wurde es von Rita Seuß übertragen.

Der eigentliche Erzähler taucht nur kurz auf, denn dieser findet ein Manuskript, das ihm anonym zugespielt wurde. Auch in diesem Text ist der Protagonist nur jemand, dem die eigentliche Geschichte von einem Geistlichen erzählt wird.

In einem Dorf, das der Einfachheit halber nur „Dichtersruh“ genannt wird, logierte vor rund 200 Jahren Johann Wolfgang von Goethe. Seitdem fühlt sich jeder Mensch dort zum Schreiben berufen. Doch ist von den Menschen aus dem Dorf noch nichts veröffentlicht worden. Dennoch geben die Bewohner nicht auf und versenden fleißig ihre geistigen Ergüsse an die Verlage. Eines Tages kommt ein Luzerner Verleger in das Dorf. Eigentlich sind Neuankömmlinge ungern gesehen und Neuansiedelungen mehr als unerwünscht. Aber als sich jener Dr. Fuchs als bedeutender Verleger vorstellt, bricht jedes Eis und alle Dämme. Ihm wird ein Verlagshaus in Aussicht gestellt und als Interimslösung Räumlichkeiten des Rathauses. Nur der Geistliche ahnt, nicht nur durch seine beständige Angst vor Füchsen, wen sich hier seine Gemeinde eingeladen hat. Er sieht in ihm den Teufel. Die Schreibwelt in Dichtersruh wird von Dr. Fuchs noch mehr angestachelt. Schnell ist die Idee eines Literaturpreises entstanden. Das ganze Dorf ist in Aufregung und alle reichen ihre Manuskripte ein. Doch das Gremium versendet bisher nur Absagen. Dies spaltet die Gemüter und die ganze Dorfgemeinschaft. Als dann auch noch ein Oberhaupt der Kirche stirbt, werden die Bewohner unruhig und wenden sich an den Pater, der von vornherein vor dem Teufel gewarnt hatte. Kann dieser das Dorf vom Leibhaftigen befreien?

Das Bedrohliche ist in uns selbst. Der Hass, der Neid und die Missgunst verwandeln uns und können sich wie eine Seuche ausbreiten. Paolo Maurensig spielt gekonnt mit der Literatur, mit den Figuren und letztendlich mit uns, seinen Lesern.  Der Roman ist ein tolles Spiel auf mehrdimensionaler Ebene.

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Michael Engler: „Wilhelms Pilz“

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Nach „Wo, zum Teufel, liegt Memmingen“ und „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“ hat der probsteier Surrealist Michael Engler nun ein weiteres Prosawerk veröffentlicht. Es ist wieder ein typischer Engler. Mit Christopher Ecker wohl auch einer der unbekannteren Autoren aus Kiel, die aber durch ihre Kunst entdeckt gehören. Beide schreiben herausfordernde Literatur, die Grenzen überschreitet und das Phantastische und Surreale einbezieht. Bei Engler weht auch gerne ein ganz kleiner Hauch Bukowski und ganz viel Witz durch die Texte. Das Pendel bei der Erzählung schwingt zwischen derbem Philosophischen und klugem Humor.

Die Wanderschaft des Protagonisten wird unter- und später abgebrochen, um das körperliche Fortkommen in der Landschaft in einen Seelentrip zu verwandeln. Er lernt zu erkennen, dass eventuell sein erhobener Blick auf sein Umfeld seinem egozentrischen Individualitätsdrang entwachsen ist und den Menschen nicht gerecht wird.

Wilhelm will von Krokau nach Krakau wandern. Auf diesem Weg macht er bei der Familie seiner verstorbenen Frau Halt. Ein Geburtstag soll gefeiert werden. In dieser Gesellschaft ist er als Witwer eher ein Zaungast. Da er vor den anderen Gästen eingetroffen ist, entschwindet er, nachdem er Pudding genascht hat, aus der Biedermeier-Welt in die Natur und findet zufällig einen Pilz. Dieser Pilz steht plötzlich da, blau und anziehend für Wilhelm. Er hadert, diesen zu pflücken. Erst sind es die eventuellen Förster, die ihn beim Pilzklau erwischen könnten, dann das schlechte Gewissen gegenüber der Natur. Doch steckt er den Pilz schnell ein. Als er etwas vom Pilz unbewusst abgeschabt hat und unüberlegt und spontan die Finger ableckt, merkt er bereits die Wirkung des eukaryotischen Lebewesens. Auf der Geburtstagsfeier streut er von den anderen Gästen unbemerkt wenige Anteile auf die ausgelegten Schnittchen und die Familienfeier läuft aus dem Ruder.

Später, als er seine Wanderung Richtung Krakau fortsetzen möchte,  bekommt er einen ungewollten Mitwanderer, der trotz seines Greisenalters Wilhelm viele Wege aufzeigen kann und seine Wahrnehmung nicht nur mit Hilfe des Pilzes zu erweitern versteht. Die Reise schlägt das Ruder herum und das Ende ist für Wilhelm eine kleine Erkenntnis.

Ein schön durchgeknallter Lesespaß mit humorvollem Tiefgang. Das Surreale und Traumwandlerische ist nicht wie bei dem vorherigen Werk „Geschichte vom Ende des Bewusstseins (Zakopane)“ der Höhe-, sondern der Wendepunkt. Ein feiner, surrealer und typischer Michael Engler-Text. Diesmal ist das Büchlein mit einem kleinen Klapp-Cover auch ein haptisches und visuelles Erlebnis.

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Iris Wolff: „Die Unschärfe der Welt“

Iris Wolff Die Unschärfe der Welt

Erneut ein sehr feinfühliges Werk von Iris Wolff. Die Sprache schwebt förmlich durch die ganze Geschichte. Durch die poetischen Schilderungen und Charakterisierungen leben die Figuren noch länger im Lesenden. Mit deutlichen Bildern und einer klaren Sprache erleben wir die Verknüpfungen von einer Familie und deren Begegnungen in einer politisch wandelbaren Zeit. Iris Wolff erzählt erneut Geschichten und außergewöhnliche Momente über mehrere Generationen und Ländergrenzen hinweg. Gleich ihren vorherigen Werken ist „Die Unschärfe der Welt“ ein atmosphärisch wunderschönes Buch, das sich immer mehr im Leser entfaltet.

Was machen Grenzen, die wir uns auf Landkarten oder in der Sprache setzen, mit uns? Was bedeuten Erinnerung und die Bilder, die sich andere von uns gemacht haben? „Die Unschärfe der Welt“ verbindet und entzweit, um am Ende letztendlich doch einen Bogen geschlagen zu haben. Die Unschärfe verliert ihre Konturlosigkeit und die Figuren treten mit ihren Geschichten immer plastischer hervor. Iris Wolff agiert mit Inhalt und Sprache wie eine Zauberin, die wie jeder Magier anfänglich in ein Thema einführt, dann etwas offenbart und wieder verschwinden lässt bis es wieder auftaucht. Ein Zauberkünstler lebt für das Finale. Vorher zeigt er uns, was er möchte, was wir sehen sollen, um uns dann zu überraschen.

Vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der Geschichte des 20. Jahrhunderts wächst dieser Roman mit seinen Figuren. Da sind Hannes und Florentine, die zwei Reisende beherbergen, die Jahre später erneut die Wege der Familie kreuzen werden. Aber hätten die beiden den jungen Liebenden aus der DDR auch dann geholfen, wenn sie gewusst hätten, was sie damit in Gang gebracht haben? Ihr Sohn, Samuel, der sehr introvertiert und still durch das Leben wandert, bildet den hauptsächlichen roten Faden. Er lernt das Leben und Lieben kennen und hilft Oz, einem Freund. Doch ist es auch die Liebe, die diese beiden Menschen über Grenzen hinweg entzweien wird.  Hier fliegt auch mal ein fauchender Drache als Symbol der Bedrohung durch die traumsichere Episode. Auch die Geschichte der Großeltern wird erzählt und die von Bene, dem Buchhändler, der nicht verstehen kann, warum man Bücher überhaupt leihen mag, wenn diese doch zum Leben des Lesenden dazugehören. Jedes Buch birgt doch die Chance, den Leser so zu berühren, dass man jenes Buch niemals wieder hergeben mag. So auch die Bücher von Iris Wolff. Diese Werke und die Lebenswege und Schicksalsschläge der hier beschriebenen Wahlverwandten bleiben in Erinnerung und gehören in den Kanon der wichtigen, jungen Literatur.

Ein kunstvoller Roman, der begeistert und einen mit der schönen Sprache durch die Geschichte schweben lässt.

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Alexa Hennig von Lange: „Die Wahnsinnige“

Alexa Hennigvon Lange Die Wahnsinnige DuMont

Der Kampf einer Frau, die ihre Emotionen zeigt und lebt, um Selbstbestimmung und Freiheit. Es ist ein Roman vor historischer Kulisse. Johanna I. von Kastilien ist Infantin und könnte den Thron eines Weltreiches erben. Doch geht sie in die Geschichte als Johanna die Wahnsinnige ein. Alexa Hennig von Lange hat diese historische Persönlichkeit zum Glück gefunden und schreibt über sie einen Roman, der das womögliche Leiden dieser Frau in Literatur verwandelt. Viel zu lange war der Wahnsinn weiblich. Frauen wurden sogar noch bis in das 19. Jahrhundert als Wahnsinnige oder Hysterikerinnen weggesperrt. Dieses Schicksal ereilte auch Johanna von Kastilien. Doch war sie wirklich eine Wahnsinnige?

Johanna von Kastilien wurde 1479 in Toledo geboren und starb 1555 in einem Kloster in Tordesillas, in dem sie die letzten fünfundvierzig Jahre ihres Lebens in Gefangenschaft verbracht hatte. Bis zuletzt war sie Titularkönigin von Kastilien, León, Aragón und dem neu entdeckten Amerika (westindische Inseln und Festland am Ozean). Sie hat diesen Titel nie angestrebt und er fiel ihr auch letztendlich erst zu, als alle anderen, die Anrecht auf den Thron hatten, verstorben waren.

Der Roman beginnt mit einem Brief, den Johanna von Kastilien an ihre Tochter im Jahr 1525 schreibt. In diesem wird der tiefe Wunsch nach einer besseren Welt spürbar. Ein Sehnen nach Freiheit in einer verrückten und männerdominierten Welt. Doch möchte man eine Welt neu formen, muss man sich selbst verändern. Die Handlung beginnt 1503 in der Festung La Mota. Johanna von Kastilien soll hier aus Sicht der Menschen ihres Umfeldes zur Vernunft kommen. Ihre Mutter, Isabella, die Königin, regiert mit herrischer Hand und strenger Härte. Viele starben durch ihren Erlass auf dem Scheiterhaufen. In ihrer Tochter sieht sie nicht die Erbin ihres Weltreiches. Johanna bedeutet die Macht nichts. Sie hat ein Gespür für Ungerechtigkeiten und zeigt ihre Gefühle und lebt diese oft aus. Sie wurde, als sie noch ein Kind war, mit Philipp dem Schönen aus Flandern verheiratet. Diesen hat sie schon länger nicht mehr gesehen. Anfänglich wurde aus der politischen Hochzeit auch Liebe. Doch Philipp ist untreu und hält sich viele Mätressen und somit schwindet die Hoffnung auf Liebe in Johannas Welt und es wächst in ihr Wut, Trauer und Schmerz. Diese junge, verletzte Frau will 1503 zu ihrem Mann, um mit ihm zu reden und ihm ihre Wut zu präsentieren. Doch wird sie auf Geheiß ihrer Mutter festgehalten. Sie wird durch die Bediensteten und die Kirchendiener betreut und bewacht. Sie geht nicht zur Beichte und fordert ihr Umfeld heraus. Sie will ihre Freiheit, die anscheinend nur den Männern vorbehalten ist. Sie möchte Liebe erfahren und für ihr Leben selbst Entscheidungen treffen dürfen. Sie, die als Jugendliche verheiratet wurde und Kinder bekam, als sie selbst noch eines war, beginnt ihre Emotionen zu zeigen. Oft sind es Wutausbrüche. Doch ist sie deshalb eine Wahnsinnige? Hat sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle oder will sie nur menschlich behandelt werden in einer Zeit, in der Ungerechtigkeit und das Streben nach Macht vordergründig waren? Ist es das Umfeld, das wahnsinnig war oder hat es diese junge Frau wahnsinnig werden lassen? Diesen Fragen geht die Autorin nach und hat damit einen historischen Roman geschrieben, der durch den Blick zurück ein Bild der Gesellschaft beschreibt. Eine Welt, in der Machtmissbrauch, Ausbeutung und Härte immer weiter verfeinert wurden und sich eventuell bis heute nicht groß verändert haben.

Alexa Hennig von Lange hat ihren Stoff gefunden und füllt diesen mit Leben. Der Roman erzeugt eine passende Stimmung und trotz der modernen Fingerzeige ist es ein Roman im historischen Gewand. Die innerlich rebellische Autorin hat eine Persönlichkeit zum Leben erweckt, die ihr somit aus der Seele gewachsen wirkt. Der Roman beschreibt den Wunsch nach Individualität in Bezug auf das Umfeld und die eventuelle Bestimmung. Ein sehr lesenswerter Roman.

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JJ Amaworo Wilson: „Damnificados“

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Ein Märchen, das keines ist. Ein Abenteuerroman, der schelmisch die Wirklichkeit beschreibt. Der Roman wird fast schon einfach erzählt, entfaltet aber eine enorme Wirkung, erzeugt cineastische Bilder, spielt mit Kultur, Mythen sowie Religion und beweist einigen Humor.

Es ist der Aufschrei der Opfer, der Armen und der Verdammten. Sie haben einen Anführer, einen Krüppel, der sich um seine mitstreitenden Seelen sorgt und kümmert. Die Geschichte von Nacho Morales, dem Krüppel, ist somit auch irgendwie die Geschichte von Moses und Noah. Denn er wurde als Säugling von einem Lehrer im Schilf eines Flusses gefunden und führt nun eine Schar Überlebender der Müllkriege an und baut eine Art Arche.

Diese Arche ist aber eher ein Monolith, ein Koloss von einem Bauwerk. Es ist ein Turm und das drittgrößte Gebäude von Favelada. Er steht dort am Rande der Stadt, die auf Müll erbaut wurde. Alles beginnt damit, dass die Menschen ihren Müll in die Wüste schickten. Doch die Menschen, die sich dort ansiedelten, lieferten diesen Müll zurück und es begann der erste von fünf Müllkriegen. Die Opfer, die Verdammten und die Armen ziehen nun in diesen Turm. Angeführt von Nacho und seinem kraftvollen Begleiter. Der Turm wurde damals von einem Irren errichtet, der sich ausversehen zu Tode stürzte, und steht schon seit Generationen leer. Das Gebäude wird durch die Damnificados besetzt und bedingt wohnbar gemacht. Es müssen noch biblische Plagen und mystische Wesen vertrieben, bekämpft und überstanden werden. Doch die Gemeinschaft wächst zusammen und bekommt auch immer mehr Zuwanderer. Strom und fließend Wasser gibt es auch ab und zu. Es gibt einen Bäcker, der auch schon mal das Antlitz Jesus bäckt. Es gibt einen Schönheitssalon und Schulen. Die Etagen füllen sich mit Leben und aus dem Leben im Turm wird eine Utopie. Nachos Bruder, der verlorene Sohn, taucht auch wieder auf, wie leider auch die Nachfahren des Erbauers des Turms, die ihr Eigentum zurückverlangen. Eine erneute Schlacht bedroht nun die Damnificados, ein Kampf, der aussichtslos erscheint.

Biblische Bilder tauchen immer wieder auf. Der Turmbau von Babel, die Sintflut, Moses und viele mehr. Die Vielschichtigkeit der Kulturen und die diversen Sprachen sind aber kein Zerwürfnis wie einst in Babel, sondern schaffen ein buntes Miteinander. Der Autor JJ Amaworo Wilson, Sohn einer Nigerianerin und eines Engländers, wurde in Deutschland geboren. Er lebte an vielen Orten der Welt und hat somit seine eigene Vielfältigkeit in das Werk einfließen lassen. Das Buch wurde bereits mit Preisen nominiert. Diese Geschichte um den Turm, der in dieser Utopie auf Müll gebaut und von den „Verdammten“ besetzt wurde, ist inspiriert vom „Torre de David“ in Caracas. Dieser wurde von Bewohnern der Armenviertel besetzt bis zu der Räumung im Jahr 2014. Wilson hat daraus einen märchenhaften Abenteuerroman geschrieben. Die Einfachheit erzeugt starke Bilder und erzählt die Geschichte der weltweit sozialen Ungerechtigkeiten. Eine Fabel, die mit biblischen und historischen Verweisen auf unsere Gegenwart zeigt. Eine Utopie, die durch den realen Bezug Wirklichkeit sein könnte, wären da nicht die riesigen Libellen oder der zweiköpfige Wolf mit seinem Rudel. Ein bunter Roman, voller skurriler Ideen und Charaktere. Aus dem Englischen von Conny Lösch.

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Kristof Magnusson: „Ein Mann der Kunst“

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Im neuen Roman von Kristof Magnusson geht irgendwie die Kunst baden. Ein zurückgezogener Künstler trifft auf Kunstfreunde, die zu entscheiden haben, ob der berühmte Maler ein eigenes Museum bekommt. Dabei prallen Welten aufeinander und einiges gerät aus dem Ruder und eskaliert. Der witzige und unterhaltsame Roman lässt einen wahrhaftigen und überspitzten Blick in den Kulturbetrieb zu und malt ganz nebenbei ein buntes Gemälde unserer Gesellschaft.

Im Mittelpunkt steht ein berühmter Maler. Seine Werke sind weltweit bekannt und gefragt. Für viele Kunstströmungen war er ein Wegbereiter. Er mimt den Unnahbaren und ist menschenscheu. Durch seine wenigen Auftritte wirkt er zuweilen sogar menschenverachtend. Er inszeniert sich und ist ganz ein Mann der Kunst. Er lebt zurückgezogen und dem allgemeinen Leben enthoben. Er blickt im wahrsten Sinne des Wortes auf uns herab. Dies symbolisiert auch sein Wohnsitz. Er lebt in einer alten Burg in den Hängen des Rheins.

Die Hauptfigur ist in der Baubranche tätig und stolpert durch seine Mutter in das kommende Abenteuer. Diese ist Kunstfan und somit im Vorstand des Fördervereins eines Kunstmuseums. Es kommt zu einer Erbschaft und ein Grundstück neben dem Museum könnte genutzt,  beziehungsweise bebaut werden. Somit träumt die Museumsleitung von einem eigenen Museum für den weltberühmten Künstler KD Pratz. Bundes- und Ländergelder sind ziemlich zügig organisiert und bewilligt, wenn der Förderverein ebenfalls eine finanzielle Unterstützung zusagt. Da der Ausnahmekünstler aber durch seine schwierige Persönlichkeit nicht nur Bewunderer hat, plant man einen Ausflug zu dessen Burg, um die Fördervereinsmitglieder und den Künstler für die Idee des neuen Museum zu begeistern. Soviel darf verraten werden, dass dieser Wochenendausflug gänzlich aus dem Ruder läuft. Nicht nur der Künstler inszeniert sich und achtet auf seine Wirkung und den persönlichen Einfluss. Der Maler provoziert und zeigt auf das Unvollkommene in der Gesellschaft, der Kultur und der Weltpolitik. Dabei erhöht er sich selbst und das einstige Idol einiger Angereister verliert immer mehr an Achtung. Stück für Stück verlieren alle ihre Gemütsruhe und es eskaliert.

Kristof Magnusson spielt mit seinen Figuren und reizt diese. Er spannt den Bogen um diverse Kunstformen innerhalb des Künstlerromans. Die Comicwelt steht gleichberechtigt neben der darstellenden und bildenden Kunst. Die charismatische Selbstdarstellung spannt den Bogen bis zum künstlerischen Musikbusiness und gipfelt im Vergleich mit der Bühnenfigur des irischen Sängers Bono Vox. Mit viel Verve überspitzt Magnusson seine Beobachtungen und schreibt über die Kunstschaffenden, die künstliche Scheinwelt und die glitzernden Charaktere der Kunststars. Der Kulturbetrieb und seine Förderer treffen sich und bilden dann doch einsame Inseln, die es nicht schaffen, Zugang zueinander zu finden. Oder doch? Wird es am Ende das KD Pratz Museum geben oder geht die Kunst baden und daraus wird wieder neue Kunst, eine Mitmachkunst für jedermann?

Kristof Magnusson schreibt mit viel Humor und versteht es, besonders die Dialoge sehr lebendig wirken zu lassen. Das ganze Werk ist flüssig zu lesen und belebt durch die schrulligen Figuren. Ein sehr unterhaltsamer und spaßiger Roman.

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Anja Goerz: „Jakobs Schweigen“

Anja Goerz Jakobs Schweigen dtvDer neue Krimi von Anja Goerz wurde inspiriert von einem wahren Fall. Der Roman baut eine feine Spannung auf. Die Gespanntheit liegt  in dem, was passiert ist und was die Charaktere gemacht haben, damit das geschilderte Drama geschehen konnte. Mit wenigen Skizzen umfasst Anja Goerz ein Setting und das ganze Personal. Im Mittelpunkt steht eine wohlhabende Familie, die im innersten aber zerworfen und gebrochen ist. Viele Beziehungen sind verfahren und zerstört. Die spannende Frage ist, ob es eine Situation gibt, die so ausweglos erscheint, dass man seinen Vater erschießt?

Der Prolog erzählt den Mord an einem angesehenen Rechtsanwalt in Bremen. Er wird mit vier Schüssen ermordet. Bevor er verstirbt, erkennt er den Mörder und seine letzte innere Frage bleibt das Warum.

In den folgenden Kapiteln kommen die Protagonisten im Umfeld des Ermordeten zu Wort. Laut der Polizei ist der siebzehnjährige Jakob, der Sohn des Erschossenen, dringend tatverdächtig. Dieser wurde von einer Zeugin vermeintlich gesehen und er hat Zugang zu der Kanzlei und allen Räumlichkeiten. Ferner tauchen auch noch Schmauchpuren auf, die ihn ebenfalls belasten. Doch Jakob zieht sich zurück und schweigt. Alle innerhalb des Umfelds der angesehenen Familie sind durch diesen Mord entsetzt. Ein ehemaliger Polizist, der mit der Großmutter befreundet ist, sucht diese auf und berichtet vom bisherigen Ermittlungstand. Es ist die Großmutter, Dora, die an die Unschuld von Jakob, ihrem Enkel, glaubt. Für sie bricht eine Welt zusammen. Ihr Mann ist verstorben und nun wurde ihr Sohn ermordet und der Enkel wird des Mordes verdächtigt. Ihre Tochter, Kirsten, die ebenfalls ihre Probleme hat und wieder zu ihr gezogen ist, betäubt sich mit Alkohol und ist unzuverlässig und emotional instabil. Ihr Schwiegersohn, der Mann ihres Sohnes, hasst sie und ihr Freundeskreis wendet sich von ihr ab. Was bleibt ihr noch? Nur die Kraft, Jakob zu helfen, denn sie bleibt standhaft von dessen Unschuld überzeugt. Wolfgang, ein Freund und ehemaliger Rechtsanwalt, unterstützt sie bei ihren Nachforschungen. Dabei tritt immer mehr die innere Zerrissenheit der Familie zutage und durch die Recherche wird die wahre Tragödie sichtbar und erschüttert sie.

Doras Mann, Hanjo, war damals das Familienoberhaupt. Er war ein strenger, altmodischer und sehr konservativer Mann. Als sein Sohn, Michael, seine Homosexualität entdeckt, wird dieser fast aus dem inneren Kreis der Familie ausgeschlossen. Dabei wird auch dieser später wiederum seinen eigenen Sohn, Jakob, mit strenger Hand erziehen. Michael toleriert unter anderem dessen vegetarische Weltsicht nicht. Mit einigen Wutausbrüchen und emotionalem Kräftemessen wird der Alltag zwischen Vater und Sohn bestritten. Auch David, der Mann des Ermordeten, hatte seine Geheimnisse, versuchte aber zwischen Michael und Jakob die Wogen zu glätten. Doch jetzt, nachdem Jakob unter Mordverdacht steht, wird auch die Angst deutlich, die David vor Jakob hat. Reichen aber die inneren Zerwürfnisse innerhalb der Familie aus, dass man zu einer Waffe greift?

Durch die wechselnden Perspektiven und in kursiv gestellten Rückblicke baut sich langsam ein gesamtes Bild auf, das aber immer wieder wechselhaft bleibt. Viele Verdachtsmomente werden gestreut und der Roman bleibt bis zum Ende überraschend spannend. Ein psychologisches Rätselspiel, das feine und mitreißende Lesestunden verspricht.

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Danke an Anja Goerz und dtv! Denn dies ist bereits der sechste Roman, auf dessen Rückseite ich zitiert werde.

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Laura Vogt: „Was uns betrifft“

Laura Vogt Was uns betrifft ZytgloggeEin ziemlich intimer Roman, der das Weibliche von innen nach außen stülpt. Bei dieser anspruchsvollen Lektüre wird man zu einem heimlichen Beobachter. Die Themen werden für den Lesenden anschaulich und fast schon spürbar. Ein Roman, der für weibliche und männliche Leser wichtig ist, fast schon therapeutische Wirkung haben könnte. „Was uns betrifft“ betrifft uns, egal welches Geschlecht.

Im Großen und Ganzen geht es um Selbstfindung, Entfremdung, Entfernung, Nähe und Familie. Die Autorin spielt dabei mit den gesellschaftlichen und familiären Rollenbildern, um diese auch wieder gekonnt zu zersprengen. Es ist kein  Beziehungsroman, sondern eher ein sprachliches Einfühlen in das Innenleben der Protagonisten. Im Vordergrund sind es drei Frauen, Rahel, Fenna und Verena. Der Hauptcharakter, die Schwester und die Mutter. Rahel wäre eigentlich Sängerin. Sie schrieb Texte und liebte den Jazzgesang. Doch dann wurde sie schwanger und von Martin, dem Vater des Kindes, sitzengelassen. Dies ist ein wiederkehrendes Trauma in der Familie, das Alleingelassen werden. Auch Verena, Rahels Mutter, hat sich einst getrennt, um jetzt mit einer Frau zusammenzuleben. Somit hat bisher nur die Mutter auf ihre innere Stimme gehört. Rahel verliert ihre Stimme und auch das innere Gespür zu sich selbst kurzweilig. Als das Kind in ihr wächst, lernt Rahel den Schriftsteller Boris kennen. Auf einer seiner Lesungen kommen sich beide näher. Es ist eine Freundschaft, die unaufdringlich und fürsorglich beginnt. Boris schlägt auch ein gemeinsames Wohnen vor. Er lebt in einem großen Haus mit vielen Zimmern, die bisher ungenutzt sind. Aus dieser Gemeinsamkeit wird mehr und Rahel wird erneut schwanger, diesmal von Boris, der bleibt, aber langsam Rahel nicht mehr versteht, da diese in eine nachgeburtliche Depression fällt. Rahel verliert ihre Welt und geht auf Distanz. Besonders zu dem neugeborenen Kind und zu Boris, der immer hilfloser erscheint. Fenna, die  Schwester wirkt getriebener, entschiedener und hat auch mit ihrer Weiblichkeit zu tun. Die Mutter wird kränklich und es kommt zu einem Treffen in Boris Haus. Kann zu einer gemeinsamen Nähe zurückgefunden werden?

Ein Roman über Frausein, Schwangerschaft, Geburt und das Zusammenleben. Ein Text voller Vielschichtigkeit. Mit sehr viel Feingefühl und Einfühlungsvermögen werden die Figuren ausgearbeitet. Das Innenleben macht diesen Roman lesenswert und dadurch sogar spannend. Durch die Sprache und den genauen Blick der Autorin schält sich ein Bild aus der angelegten Oberfläche und bekommt dadurch immer mehr Tiefe. Ein Roman um das Alleingelassen sein und um das Empfinden zwischen Mutter, Tochter, Mann und Frau. Die Vorstellungen des Weiblichen und Familiären werden literarisch beleuchtet und erfahrbar. Der Wunsch nach Individualität, der einhergeht mit der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit. Dies Buch könnte uns alle betreffen.

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Kai Wieland: „Zeit der Wildschweine“

Kai Wieland Zeit der Wildschweine Klett-Cotta

Dieser Roman beweist die Wichtigkeit der Literatur. Diese Kunst betritt Niemandsorte, die verloren wirken, aber doch in sich Keime der Phantasie, der Kreativität und des Erschaffens tragen. Ein Erfassen und Fixieren durch Wort oder Bild. Ein Foto nimmt auf, belichtet das Seiende. Die Literatur lässt das Gesichtete durch den Autor lebendig werden. Diese zwei Kunststränge stehen mit im Vordergrund des Romans. Sie werden sogar im folgenden Verlauf zu Rivalen. Gleich am Anfang wird einer der Protagonisten mit Tyler Durden, der Person, die nur in der Vorstellung der Hauptfigur im Film „Fight Club“ lebt, verglichen. Somit ist auch die Beziehung der beiden Hauptcharaktere in diesem Roman von vornherein fragwürdig.

Leon ist als Reisejournalist tätig. Er ist ein Getriebener, ein Mensch, der befürchtet stets etwas zu versäumen. Daher hat er für das beständige und sesshafte Leben seiner Familie wenig Verständnis. Er will vieles erreichen, können und sein. Dabei investiert er für den Weg zu seinen Zielen wenig. Er will Gitarre spielen können, übt aber niemals. Er will surfen, geht aber lediglich ab und zu boxen. Im Boxring trifft er auf Janko und es kommt zu einer ersten Konfrontation, die aber beide zusammenwachsen lässt. Denn Janko ist Fotograf und Leon bekommt von seinem Verlag den Auftrag, in Frankreich „Lost Places“ zu suchen und zu beschreiben. Janko soll mit, damit er diese sogenannten Niemandsorte mit seiner Kamera einfängt.

Leon lebte lange am Rande eines Waldes. Diesen Wald sollte er als Kind nicht betreten, denn dort hausen Wildschweine, die Leon aber noch niemals zu Gesicht bekommen hat. Sein Vater schlägt jetzt dem erwachsenen Leon vor, dass sie beide die Wohnsitze tauschen. Wird dem Vater tatsächlich das Haus zu groß oder möchte er, dass Leon endlich einen Anker im Leben setzen kann?

Die Handlung hat somit zwei Handlungsstränge. Beide sind durch die Bilder der verlorenen Ortschaften geprägt. Das innere, kulturelle und gesellschaftliche Verlassen eines Lebensraumes. Die Familiengeschichte um Leon, seine Schwester und den Vater, der im Laufe der Handlung auch gesundheitliche Probleme bekommt. Der andere Strang ist die Reise nach Frankreich, in dessen geografischem Zentrum Dünkirchen steht. Leon und Jankos verschiedene Sichtweisen werden immer deutlicher. Beide streben ihren Idealen und Idolen nach und es kommt zum Zwist.

Das Buch lebt von der Polarisierung und den exzentrischen Figuren. Die Handlung wird belebt durch die Bilder, die der Text heraufbeschwört. Der Inhalt und die Sprache sind durch leichte Melancholie und feinen Humor geprägt. Vieles findet im Roman einen Vergleich in Bezug auf Literatur, Musik, Film und Fotokunst. Diese „Lost Places“ sind Sinnbilder von etwas Verlorenem und Fallengelassenem. Aber diese Orte wecken auch den Wunsch an etwas festzuhalten, an etwas zu glauben. Das Vermissen ist komplex und bedeutet viel mehr als etwas besitzen zu wollen. «In den Hipster-Cafés dieser Welt füllen sich alte Holzregale mit gebundenen Büchern, und gleichzeitig verschwinden Buchhandlungen aus unseren Städten.« (Seite 156)

Mit diesen Roman beweist Kai Wieland erneut, dass er sich einen Platz in der wichtigen jungen Literatur erschrieben hat.

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