Meena Kandasamy: „Schläge“

Meena Kandasamy Schläge Culturbooks

Der Untertitel lautet „Ein Porträt der Autorin als junge Ehefrau“. Meena Kandasamy ist ein gewaltiger autobiografischer Roman gelungen, der begeistert und unter die Haut geht. Doch findet sich ihn ihm auch die Hoffnung auf die Kunst. Die Kunst, die Sprache und die daraus resultierenden Bilder sind als Ventil und Vermittler der Emotionen wichtige Bestandteile der Gesellschaften. Der Roman ist zart poetisch und herb gewaltig. Es geht um eine junge Frau, die Autorin, die von ihrem Mann gedemütigt, isoliert, geschlagen und missbraucht wird. Sie kann sich durch die Unbesiegbarkeit der Sprache befreien und fixiert ihr Drangsal in Form von literarischer Kunst.

Nachdem sie geflohen ist, kehrt sie heim. Ihre Mutter will die seelischen Schmerzen nicht wahrnehmen, sondern befreit sie vorerst vom körperlichen Schmutz. Zum Beispiel sind es die Läuse, in der Erzählung der Mutter werden es immer mehr, die der geschundenen Frau vom Kopf fallen. Diese Verwahrlosung ist dem Ehemann geschuldet. Doch auch die Füße, die die junge Frau auf ihrer Flucht getragen haben, rücken in den Betrachtungen der Mutter in den Vordergrund. Der Vater beweint und verarztet die Wunden der Tochter. Wie sieht es im Inneren der Frau aus? Meena Kandasamy will ihre Geschichte erzählen und erlebbar machen. Sie verarbeitet durch das Schreiben ihr Erlebtes und will ihre eigene Geschichte zurück. Jetzt ist sie eine Autorin, Übersetzerin und Aktivistin. Sie wurde in Chennai geboren und lebt jetzt in London.

Sie erzählt, was ihr zugestoßen ist. Sie ist jung und lernt einen Universitätsdozenten kennen und lieben. Er wirkt auf sie imposant und charismatisch. Nach der Ehe wird ihre bisherige Welt abgeschlossen. Mit der räumlichen Veränderung beginnt die eigentliche Isolierung. Sie ziehen in eine Region Indiens, wo sie gänzlich der Kommunikation beraubt wird. Sie spricht nicht die dortige Sprache und ihr Mann verbietet ihr die sozialen Netzwerke und verlangt ihre Passwörter für ihre Profile und Mail-Adressen. Immer mehr wird ihr das eigene Leben und besonders ihre Freiheit geraubt. Durch seine Ausbrüche erahnt sie das Kommende und er beginnt sie zu schlagen.

Die Entwicklung der Isolierung und Gewalt steigert sich kontinuierlich. Die physische und psychische Last und Gewalt wirken wie eine Lawine, die langsam über die Frau und jetzt über den Leser hinwegrollt. Der vermeintlich perfekte Mann aus der kurzen Kennenlernphase ist ein Monster geworden oder war es bereits schon immer, nur konnte er sein eigentliches Wesen anfänglich vor ihr kaschieren.

Durch die Literatur gewinnt sie ihre Freiheit zurück. Es beginnt mit imaginären Liebesbriefen, die sie schreibt, um zu schreiben und zu fühlen. Sie vernichtet diese Briefe sofort wieder, somit sind diese Texte nichts Bleibendes. Nicht aber das Resultat daraus. Sie lernt ihre Stärke zu erkennen und sie schwört sich, sich zu wehren und zu befreien. Ihr Widerstand ist letztendlich ihre Geschichte, ihre Sprache und gipfelt in diesem brillanten Buch.

Ein schockierender, lesenswerter und wichtiger Roman. Das Buch ist heftig und toll zugleich und zeigt, warum Literatur und Kunst so wichtig sind. Das Buch wurde aus dem Englischen von Karen Gerwig übersetzt.

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Helena von Zweigbergk: „Totalschaden“

Helena von Zweigbergk Totalschaden Nagel & Kimche

Ein Roman, der mit viel Einfühlungsvermögen und leichtem Witz von der Verletzlichkeit der Familie erzählt. Agneta und Xavier sind seit vielen Jahren verheiratet und haben erwachsene Töchter, die nicht mehr bei ihnen wohnen. Eigentlich war es eine glückliche Ehe. Doch irgendetwas Falsches hat sich in die Gefühlswelt eingeschlichen. Etwas hat sich verändert und Agneta registriert, dass etwas fehlt, kann es aber noch nicht greifen oder benennen.

Es beginnt mit fünf toten Hasen. Xavier liebt den Wald und hat von seinen Kollegen der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften den Jagdschein geschenkt bekommen. Dabei bedeutet Xavier das Jagen nichts, ihm sind lediglich der Wald und die Natur wichtig. Doch nun hat er zum ersten Mal jene fünf Hasen geschossen. Agneta und Xavier versuchen das Beste daraus zu machen. Sie wollen eigentlich die toten Tiere verdrängen, möchten die Hasen aber auch nicht umsonst gestorben wissen. Bei der weiteren Verarbeitung registrieren die Beiden unbewusst, wie sie den anderen eigentlich benötigen. Es soll ein Festschmaus mit Freunden werden. Doch als Agneta die Hasen in der Küche zubereiten möchte, setzt sie das ganze Haus aus Versehen in Brand. Dieser häusliche Totalschaden zeigt ebenfalls die Trümmer der Ehe, des gemeinsamen Lebens auf.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Agneta, die sich langsam mit den verdrängten Problemen auseinandersetzen muss. Wichtig sind dabei auch die drei Töchter. Xavier kam mit seiner dreijährigen Tochter Maria nach Schweden, nachdem seine Frau in Argentinien ermordet wurde. Daher ist Maria stets der Mittelpunkt in Xaviers Leben. Als Agneta und Xavier sich kennenlernen und heiraten, bekommen sie noch zwei Töchter. Als die Kinder später als Erwachsene zuhause ausziehen, ist aus den vielen Ehejahren ein routiniertes Miteinander geworden. Doch wird auch deutlich, dass besonders Agneta etwas fehlt. Der Totalschaden entzweit und öffnet alte und neue Wunden. Die Charaktere erleiden Leid, Schuld, Sorgen, Neid und Verlust. Können die Töchter helfen? Ist eine Gemeinsamkeit noch möglich und können die negativen Emotionen überwunden werden?

Wie immer ist die Ehrlichkeit und die offene Herzlichkeit der innere Kern jeder Gemeinsamkeit. Sobald dieses gemeinsame Nest zerstört ist, wird es beschwerlich dies wieder aufzubauen oder gemeinsam ein neues zu finden. Die Figuren sind nicht gradlinig, sondern vielschichtig angelegt. Der Roman baut mit der Entwicklung der Figuren eine Situation auf, die mit der Heimauslöschung seinen Anfang nimmt und immer wandelbarer wird.

Ein schön geschriebener und unterhaltsamer Roman. Der Handlungsverlauf ist nicht der eines typischen Familienromans. Die kleinen kaputten Bilder wachsen bis zum Brand und erlöschen immer mehr, um den Figuren Raum zur Entwicklung zu geben. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde der Roman von Hedwig M. Binder.

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Alexandra Riedel: „Sonne Mond Zinn“

007Der Titel „Sonne Mond Zinn“ ersetzt die Sterne durch den Nachnamen des Protagonisten. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser auf kleinstem Raum angelegte Debütroman auch eine Reise in die Weiten des Weltraums einspinnt. Der Raum besteht aus nichts und darin bewegen sich die Himmelskörper und kommen sich durch die vorgeschriebene Reise etwas näher. Doch kommt es selten zu einer Kollision. So ist auch die Distanz im Text ein wichtiger Bestandteil. Innerhalb der Figuren, der Räumlichkeiten und letztendlich auch kunstvoll eingesetzt zum Lesenden.

Es ist Gustav Zinn, der die Geschichte seiner Mutter erzählt. Anton Hamann ist verstorben und hinterlässt Isolde und die beiden Söhne Ulrich und Anselm. Gustav arbeitet auf einer Insel als Fluglotse und erhält überraschend einen Anruf der Witwe, die ihm mitteilen möchte, dass ihr Ehemann verstorben ist. Er sei zur Trauerfeier eingeladen. Anton Hamann ist der Großvater von Gustav, der Vater seiner Mutter Esther, die nicht zur Begräbnisfeier erscheint. Esther Zinn ist die uneheliche Tochter von Anton.

Während der Anreise, Ankunft und Trauerfeier beginnt Gustav Zinn einen inneren Monolog mit seiner Mutter. Somit spricht der Ich-Erzähler diese oft per Du an, um eine Nähe zu suggerieren, die mindestens räumlich nicht vorhanden ist. Alles wird immer distanzierter und auch etwas grotesker durch die Charaktere, die sich zum Leichenschmaus einfinden, und die wachsende Phantasie, die durch die Anekdoten, Erinnerungen und Gesprächsfetzen angeregt wird. Die Witwe, die Gustav eingeladen hat, ignoriert weitestgehend den Gast. Ulrich ist es, der versucht sich Gustav zu nähern, aber doch durch Alkohol die Bodenständigkeit verliert.

Der Leichenschmaus ist auch visuell einer. Ein grotesk wirkendes Spanferkel, das in einem Umfeld serviert wird, das keine Besinnlichkeit oder Herzlichkeit erkennen lässt. Gustav ahnt, dass die uneheliche Tochter dem Verstorbenen doch etwas bedeutet haben muss. Der für Gustav unbekannte Großvater war Astronom und hat lieber allein den Blick in die Sterne geworfen als die Menschen in seinem Umfeld wahrzunehmen. So ist auch dieser Text ein Beobachten und Registrieren, um die Umlaufbahnen der Menschen zueinander zu verstehen. Ab und zu winkt der Witz und der Slapstick durch die eigentliche Familientragödie. Charlie Chaplin tanzt ab und zu durch den Text, weil Gustavs Mutter für das Kino schwärmte, besonders für jenen Schauspieler. So bricht vieles  facettenreich auf, wie das Licht im Kinosaal, im Tower des Flughafens, bei der Begräbnisfeierlichkeit im Garten und beim Blick in die Sterne.

Ein Spiel aus Wirklichkeiten, Möglichkeiten und Sehnsüchten. Elternliebe als Zentrum. Doch was passiert, wenn diese fehlt? Wohin wandert der Schmerz? Ein poetischer Roman voller Tiefe, Weite und Humor. Der kurze Roman ist sich genug. Alles ist ausreichend und mit nicht zuviel beladen erzählt.

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Zoë Beck: „Paradise City“

Beck Paradise City Suhrkamp

Ein Zukunfts-Thriller, der unsere Gegenwart nur etwas weiterdenkt. Was wäre, wenn in der Orwell-Welt unsere heutigen Errungenschaften bereits möglich gewesen wären? Was, wenn man diese Möglichkeiten für die Zukunft weiterspinnen würde? Was würde jener Big Brother alles damit machen? In dem Werk von Orwell „1984“ wird auch durch kleinste Hinweise ein Bild im Leser geweckt. Bei Orwell ist es gleich am Anfang die Uhrzeit, die eine Verschiebung der Realität verrät. Zoë Beck versteht es ebenfalls, durch  kleinste Bilder große Welten aufzubauen.

Zoë Beck hat eine Vorliebe für Science-Fiction und schreibt nach „Die Lieferantin“ einen Roman, der in der verlängerten Gegenwart spielt. Doch ist diese paradiesische Stadt kein wirkliches Traumland und spielt nach jener Klima-Katastrophe, auf die wir zusteuern könnten. Durch eine Pandemie sind viele aus der Bevölkerung gestorben. Doch ist dieser Roman fern von einer Spiegelung der jetzigen Corona-Krise (auch wurde das Buch weit vorher geschrieben und lag mir vor der Epidemie als Manuskript vor – Danke Zoë!). Es ist tiefgründig und baut dabei ein spannendes Szenario auf.

Es spielt in Deutschland und die heutige Küstenlinie hat sich gänzlich gewandelt. Weite Teile des Landes sind entvölkert und die Menschen, die eine große Pandemie überlebt haben, leben in geballten Städten. Berlin ist lediglich eine Touristenattraktion. Die Hauptstadt ist Frankfurt, die mit dem ganzen Umlandbezirk zu einer Megacity gewachsen ist. Das Leben wird reglementiert. Die Technologien bestimmen und kontrollieren den Alltag. Für alles gibt es die passende App. Auch die Gesundheit wird ständig über eine solche kontrolliert. Es wird sich um einen gekümmert. Alles wird mehr oder weniger bestimmt, auch der Wohnraum muss beantragt und genehmigt werden.

Durch diese Zentrierung des menschlichen Lebens erobert sich langsam die Natur ihren Raum zurück. Dabei kommt es ab und zu wohl auch zu tierischen Übergriffen. Die Heldin, Liina, ist Journalistin und arbeitet für ein nichtstaatliches Nachrichtenportal. Eigentlich sollte sie gerade eine brisante Geschichte übernehmen, doch wurde sie kurzfristig zu einer banal klingenden Recherche geschickt, weil anscheinend erneut Tiere auf Menschen losgegangen sind. Während Liina widerwillig dieser Story nachgeht, passiert ihrem Chef und heimlichen Geliebten, von dem sie ein Kind erwartet, ein traumatischer Unfall. Er ist vor einen einfahrenden Zug gestürzt. War es Suizid oder wurde er gestoßen und die Täter haben moderne Videoblocker verwendet? An welcher brisanten Geschichte hat er gerade gearbeitet, die eigentlich Liina zugesagt wurde? Als dann auch noch die Kollegin stirbt, mit der er zuletzt Kontakt hatte, wird für Liina klar, es handelt sich um ein Komplott. Ihre Recherche wird immer beklemmender und sie kommt einer Wahrheit auf die Spur, die sie in große Gefahr bringt.

Ein fesselnder Thriller. Die Figuren sind sehr plastisch ausgearbeitet und die Bilder, die beim Lesen entstehen, wirken cineastisch. Das Szenario ist erschreckend glaubwürdig und die Handlung des Romans wird immer spannender. Ein verflochtener Roman, der als Spannungsroman, aber auch als Gesellschaftskritik und Warnung zu lesen ist. Ein zum jetzigen Zeitpunkt lesenswerter und passender Thriller.

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Ralph C. Doege: „Yume“

Ralph C. Doege Yume Septime

Ist alles ein Traum, ein Trauma und was ist die Realität? Ein Experiment vermindert oder besser gesagt verändert die Wahrnehmung und die Aufmerksamkeit des Protagonisten. Für den Leser ist es ein gedankliches Verwirrspiel.

Tokio als Ort des Geschehens. Die Hauptstadt von Japan verkörpert mindestens auch zwei mögliche Wahrnehmungen. Die geschäftige Stadt ist bunt, durch Wolkenkratzer geformt und beleuchtet in Neonlicht. Doch beherbergt sie ebenfalls, neben dem Modernen, das Traditionelle mit den historischen Park – und Tempelanlagen.  Auch die Religionen Shintō und Buddhismus sind unterschiedlich und dennoch gibt es Vermischungen und sie sind auf den ersten Blick schwer zu unterscheiden. Auch gibt es oft das Bild oder die Statue eines schlafenden Buddhas. Denn darum geht es in Yume. Schlaf und Träume in Bezug auf die Realität. Yume, in Japanisch 夢, bedeutet: Traum, Wunschtraum und Vision.

Es sind Zwillingsbrüder und einer hatte einen Unfall und liegt nun im Koma. Somit macht sich der andere auf die Reise nach Tokio. Der lange Flug und der Jetlag verringern bereits den zeitlichen Bezug bei der Ankunft. Raum und Zeit werden langsam surreal für den Reisenden. Aber dafür ist er auch hier. Durch moderne Technologien will man in Erfahrung bringen, wie weit der im Koma Liegende da ist und wahrnimmt. Seine Hirnaktivitäten werden gemessen, können aber nicht dechiffriert werden. Daher versucht man, mit Hilfe der YUME die Bilder zu enträtseln. Das neurowissenschaftliche Gerät YUME kann Hirnvorgänge dekodieren. Um die Daten, d.h. Bilder in einen Einklang zu bringen, benötigt man den Zwillingsbruder. Es geht um Visualisierung von Traum- und Gedankeninhalten. Somit wird der angereiste Zwillingsbruder oft und viel in Tokio schlafen müssen. Doch gelingt dies?

Im taumelnden Wachzustand erkundet er die Stadt. Die moderne und die alte Welt. Dabei beginnt der Träumende im Reisenden zu erwachen und im Traum, der Schlafende aktiv zu werden. Er erinnert sich, er beginnt zu sehen und es beginnt das Aufwachen…

Das Buch ist für den Lesenden auch eine kleine Reise nach Tokio. Man erlebt die Stadt und dank der schwarz-weißen Fotos des Autors bekommt das Setting ein stimmungsvolles Gesicht.

Das Buch ist leider viel zu kurz und man ist selbst positiv schlaftrunken nach der Lektüre. Etwas mehr hätte wohl dem Text gutgetan. Aber eventuell ist es gerade die Kürze, die den Reiz ausmacht und die Rätsel des Inhalts besonders hervorhebt. Das Leseerlebnis ist gleich einem Sekundenschlaf, nach dem man erfrischt, aber auch noch vom Traum benommen und irritiert in die Realität entlassen wird.

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Jean Stafford: „Die Berglöwin“

Jean Stafford Die Berglöwin Dörlemann

Das Ende der Kindheit steht im Mittelpunkt dieser großartigen Wiederentdeckung und Neuübersetzung. Wie aus vermeintlich untrennbaren Kindern ein Geschwisterpaar wird, das sich immer mehr voneinander zu trennen beginnt und auf Distanz geht.

Die amerikanische Schriftstellerin Jean Stafford erhielt den O.-Henry-Preis und den Pulitzer-Preis. Ihr bekanntestes Werk „Die Berglöwin“ (Original: The Mountain Lion) erschien 1947 und wurde jetzt neu von Adelheid und Jürgen Dormagen übersetzt. Ergänzt wird der Roman am Ende mit einem lesenswerten Nachwort von Jürgen Dormagen.

Erzählt wird die Geschichte von Molly und Ralph. Beide sind anfänglich acht- beziehungsweise zehnjährige Kinder, die eine Entwicklung durchlaufen, die faszinierend und psychologisch ausgearbeitet wurde. Dabei sind es Charaktere, mit denen man als Leser nicht wirklich sympathisiert. Das Werk als solches ist eine literarische und sprachliche Bereicherung für den Lesenden. Die Handlung spielt Ende der 20er Jahre. Molly und Ralph leben mit ihrer Mutter und den älteren Schwestern in einem vornehmen Vorort von Los Angeles. Sie wirken wie ein unzertrennliches Geschwisterpaar und sind bereit mit vielen Konventionen zu brechen. Ihre Mutter ist leicht konservativ, überkorrekt und vernachlässigt dabei etwas die Kinder. Diese verstehen es, aus den Situationen ihre Vorteile herauszuziehen und versuchen der gesellschaftlichen Langeweile, den Routinen und besonders dem Schulalltag zu entkommen. Ein Höhepunkt im Jahr ist der Besuch des Großvaters. Diesen scheinen aber eigentlich nur Molly und Ralph zu mögen. Der Grandpa ist Großgrundbesitzer und welterfahren. Er besitzt eine gewisse Bauernschläue und widersetzt sich auch gerne der Prohibition. Als dieser aber unerwartet bei dem jetzigen Besuch einem Herzanfall erleidet und stirbt, soll seine Beisetzung dort vor Ort durchgeführt werden. Bei der Trauerfeier zeigen sich die wahren Gesichter der Erwachsenen, die die Kinder beim Leichenschmaus selten, wenn überhaupt wahrnehmen. Durch Scharlach und eine weitere Drüsenstörung wirken die Kinder leicht kränklich, leiden auch oft unter Nasenbluten. Daher werden Ralph und Molly nach Colorado zu ihrem Onkel auf dessen Ranch geschickt. In dieser fremden, wilden Welt verabschieden sich die Kinder langsam von ihrer Kindheit und der Bruch zwischen ihnen setzt ein. Molly widmet sich immer mehr der Literatur und will selbst Schriftstellerin werden. Ralph sehnt sich nach der Jagd auf das titelgebende Tier und fürchtet um die geistige Verfassung seiner Schwester. Aus der geschwisterlichen Nähe wird langsam eine Art Hass. Dieser räumliche und psychologische Wechsel steht im Einklang mit dem Beginn der Pubertät und dem Eintritt in die Welt der Erwachsenen.

Ein psychologisch und literarisch großartiger Text. Der Roman lädt ein in eine Welt, in der die Figuren authentisch und genauestens beobachtet ins Leben gerufen werden. Die Charakterisierungen und deren Aussagen sowie Dialoge sind der damaligen Zeit entsprechend und wirken dabei zu Teilen unmenschlich. Doch das überraschende Ende und besonders auch der letzte Satz sind jenen Menschen gewidmet, die die Kinder nie als gleichwertig betrachtet hatten. Der Text selbst wertet nicht, sondern lebt vom genauen Beobachten und den wunderbaren Beschreibungen. Die Handlung und die Sprache entwickeln eine Anziehungskraft, der man als Leser schwerlich entkommen kann.

Ein großer amerikanischer Roman, den man für sich entdecken kann und sollte.

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Karosh Taha : „Im Bauch der Königin“

TAHA DuMont

„Im Bauch der Königin“ verführt uns, spielt mit uns und ist eine, nein, es sind mindestens zwei großartige Geschichten. Es sind nicht nur zwei Möglichkeiten, zwei Wahrheiten oder Perspektiven, die Karosh Taha aufzeigt. Was ist Wahrheit und Realität? Gibt es die Wahrheit ganz und unbedingt oder ist diese ein individuelles Konstrukt? Es ist ein wahrlich besonderes Buch. Auch die Aufmachung, in einem Wendeformat, ist sehr gelungen. Denn hat man die eine Geschichte beendet, wendet man das Buch und liest eine ganz andere und doch irgendwie dieselbe, die uns die vorherige ganz anders darstellt. Ein Buch mit zwei Körpern, die sich verbinden und doch jeder für sich steht.

Dies ist der zweite Roman von Karosh Taha. Sie  wurde im Nordirak geboren und lebt mit ihrer Familie in Deutschland. Ihr Debüt „Beschreibung einer Krabbenwanderung“ war ein intensiver und toller Roman über das Ankommen und die Suche nach Freiheit. „Im Bauch der Königin“ erzählt gleich der vorherigen „Krabbenwanderung“ von der deutsch-kurdischen Gemeinschaft und ist großartige Literatur. Die Autorin konnte sich zu ihrem Debüt enorm steigern.

Beide Bücher, die zusammen ein ganzes ergeben, sind auch unterschiedlich geschrieben. Dabei ist es für den Leser nicht wichtig, mit welcher Geschichte er beginnt. Wobei das Lesebändchen wohl einen kleinen Hinweis zu geben vermag. Beide Geschichten sind Wahrnehmungen um einen identischen Personenkreis, in dessen Zentrum der Bauch der Königin in Form einer freizügig lebenden Frau Shahira auftaucht. Sie ist aber stets das zentrale Bauchgefühl und nicht die wirkliche Hauptfigur. In der ersten Geschichte berichtet die Ich-Erzählerin Amal. Sie wird als ein Mogli-Kind bezeichnet, weil sie als Mädchen unter Jungs groß wird und sich oft wie ein solcher benimmt. So hat sie auch gleich zu Beginn des Textes ihren Mitschüler Younes verprügelt. Da sie ein Mädchen ist, wird ihr dies angelastet und viele gehen auf Distanz zu ihr. Doch ist es ihre anfängliche Art, für sich einzustehen und sich in der Welt zu behaupten. Frauen werden in dieser Community auch unterschiedlich angesehen. Besonders Shahira, die Mutter von Younes. Sie bricht mit ihrer Freizügigkeit einige Regeln und begeistert durch ihre Erscheinung und stößt gleichermaßen die Gemeinschaft ab. Später freundet sich Amal besonders mit Younes an. Beide suchen ihre Zuflucht beieinander. Younes ist lange in einem selbstauferlegten Wartemodus, weil er sich seinen Vater zurückwünscht und ist dadurch im Freundeskreis sehr verletzlich. Amals Vater geht eines Tages ebenfalls. Er als Architekt hadert mit seinen beruflichen Möglichkeiten in Deutschland und verlässt die Familie.  Amal, Younes und Shahira werden in der Gesellschaft zu Außenseitern und beschützen sich gegenseitig. Besonders vor der Clique um Raffiq, die immer wieder provoziert. Jahre später kommt es zu einer Eskalation und Zerwürfnissen der Freunde und Lebenswünsche. Amal begibt sich daraufhin auf die Suche nach ihrem Vater in Kurdistan.

Die gewendete Wahrnehmung stellt Raffiq in den Vordergrund. Erneut sind es Younes und seine freizügige Mutter Shahira, die das Zentrum der Aufmerksamkeit bilden. Raffiqs bester Freund ist Younes, der sich sehr kraftvoll entwickelt hat. Keiner möchte sich ihm in den Weg stellen und schon gar nicht mit ihm kämpfen. Raffiqs Gedanken kreisen oft um Shahira, die für ihre Lebensweise von vielen in Frage gestellt wird. Als sie anfangen sollen, sich um ihre Zukunft zu kümmern, ist in Raffiq immer noch einiges im Unklaren. Seine Freundin, Amal, plant einen Auslandsaufenthalt mit ihrer Freundin in Amerika. Da Raffiq die Distanz stört, versucht er diese Reise zu boykottieren. Sein Vater, der seine Familie verlassen hat und in der Gastronomie in Frankfurt tätig ist, kann bei seiner Lebensplanung auch nicht mehr aktiv behilflich sein. Raffiq muss sich der Frage stellen, was er im Leben eigentlich will.

Bei beiden Sichtweisen gibt es Überschneidungen, wie zum Beispiel den Badesee und die sogenannte Königin des Buches. Aber hat man die eine Wahrnehmung gelesen, wird diese fast gänzlich anders erneut dargestellt. Menschen erscheinen ganz anders und deren Rollen in der Gesellschaft und in dieser Handlung sind plötzlich ganz andere. Zwei Perspektiven werden beleuchtet und die jeweiligen Realitäten können ganz andere sein. Es werden Handlungen unterschiedlich bewertet, beurteilt und gedeutet. Auch die Geschlechterfrage ist dabei bei der Betrachtung von Bedeutung. Welche ist wahr? Bestimmt beide. Vieles wird durch die kunstvolle Wendung neu oder anders bewertet. Ohne es zu merken hat Karosh Taha uns, den Leser, leicht manipuliert und gerade dadurch begeistert.

Karosh Taha schreibt einfach wunderbar. Sie hat viel zu sagen und zu erzählen. Man kann nach Beenden des Textes hoffen und wünschen, dass man weiterhin viel von der deutschsprachigen Schriftstellerin zu lesen bekommt.

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Ulrike Damm: „Musik stört beim Tanzen“ & „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“

Ulrike Damm

Ein Wendebuch, das zwei Seiten einer stillen und persönlichen Einkehr zeigt. Das kunstvolle Buch von Ulrike Damm beinhaltet den Roman „Musik stört beim Tanzen“ und die Erzählung „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“. Beides unter dem Banner unpublished_1, beziehungsweise unpublished_2. Im Roman ist das Schweigen der Protagonistin selbst auferlegt, aus dem Moment heraus entstanden und für eine längere Zeit innerlich beschlossen. Die Frau in der Erzählung ist tatsächlich erkrankt und beginnt zu vergessen. Sie möchte verstehen und begreifen, bevor sie das Leben vergisst.

Beide Texte stellen die Frage, wie man es im Leben richtig macht. Gerade, wenn es genug ist und man alt wird, Bilanz zieht und müde wird. Eventuell schweigt man und lässt andere machen. Dann hätte man Zeit für sich im selbstgewählten Refugium und bleibt schweigend im Abseits. Oder man sucht sich eine Krankheit, eine die zum vorherigen Leben passend gewählt ist. Eine Krankheit bringt einen aus dem Alltäglichen heraus.

Der Roman ist aufgebaut wie ein Tagebuch. Es umfasst die Zeitspanne 09. November 2004 bis 20. August 2006. Es liest sich wie ein sehr intimer Bericht der Protagonistin. Man fühlt sich wie ein stiller und heimlicher Beobachter ihrer ganz persönlichen Gedanken und Erlebnisse. Man empfindet sich als Voyeur, der die Möglichkeit bekommen hat, die Notizen in die Hand zu nehmen und nicht mehr aufhören kann, sich in die Welt der Verfasserin zu vertiefen. Sie schreibt das Tagebuch mit Bleistift. Erst zaghaft, den Moment festhaltend, dann werden die inneren Rufe immer deutlicher. Ab und zu schreit sie die Emotionen und Gedanken fühlbar, dass die Bleistiftspitze droht abzubrechen. Die nach außen wirkende Leere und Stille ist somit gänzlich voll und zumindest nicht ruhig. Es beginnt plötzlich und unerwartet. Man hatte sich zu einem Konzert getroffen und in der Pause geht Auguste nach Hause. Als sie gefragt wird, was los sei, hat sie keine Kraft und Lust zu antworten. Die Worte bleiben ihr im Halse stecken. Die lauten Worte wurden aufgebraucht, wenn nicht sogar aufgefressen. Sie benötigt eine Auszeit der Sprache. Schnell wird die Diagnose gestellt, sie sei krank. Fast alle in ihrem Umfeld sprechen mit ihr nicht darüber. Haben somit ihr Geheimnis: Auguste ist dement. Aber sie hat auch ihr Geheimnis, sie ist es nicht. Sie schweigt und kommentiert weiterhin nichts laut und als Kranke diagnostiziert kommt sie somit ins Heim. Sie erhebt keinen Widerstand, sondern findet sich äußerlich damit ab. In ihr ist es aber selten still. Das reduzierte Leben erscheint nur als ein solches. Sie beobachtet und notiert sich einiges. Ein innerer Wandel beginnt in der beschlossenen Stille. Sie gewinnt sich selbst mehr oder weniger zurück und ihre Eigenständigkeit und Weisheiten werden immer lauter.  Das Bild, das bereits durch den Titel gegeben wird, ist passend. Das Laute um einen herum kann ablenkend sein und sogar störend. Ein Tanz entsteht aus der Interpretation und dem Gefühlten des Gehörten und ist somit ein Ausdruck des Innenlebens durch Kunst. Dies gilt auch gänzlich für dieses Werk.

Wendet man das Buch, hat man die Erzählung „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“ vor sich liegen. Hier ist es ein Vergessen. Man beginnt als Leser gedanklich zu rudern, denn hatte man eben die Texte von Auguste im Roman gelesen, so meint man nun eine andere Seite der Medaille zu erfassen. Hier ist es die Geschichte von Augustine, die an Alzheimer erkrankt ist. Sie beobachtet ebenfalls die Veränderungen. Der schleichende innere Wandel, der mit dem Vergessen einkehrt. Es sind ihre Erinnerungen, an denen sie versucht festzuhalten. Ihr Leben rinnt aus dem Bewusstsein und sie versucht die rinnenden Erinnerungskörner festzuhalten. Hat die Krankheit einen Bezug zu ihrem gelebten Leben? Das Sein besteht aus Momenten des Hoffens.

Zwei Texte, die zusammengebunden sind und gewendet ein Ganzes ergeben. Ein sinnliches, kluges und kunstvolles Werk. Ein literarischer Text, der voller Weisheit und intimer Beobachtungen ist. Ulrike Damm ist Künstlerin, Autorin und Verlegerin. Sie verbindet visuellen Ausdruck mit Wort-Bild und Inhalt. Das Buch ist in ihrem eigenen Verlag erschienen. Sie ist eine Archivarin diverser Kunstformen und hat es verstanden, mit „unpublished_1 und_2“:„Musik stört beim Tanzen“ und „Ich bin nicht müde, ich bin verrückt“  einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

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Dietmar Krug: „Von der Buntheit der Krähen“

Dietmar Krug Von der Buntheit der Krähen Otto Müller Verlag

Der neue Roman von Dietmar Krug zeigt erneut, wie gekonnt der Autor große und heikle Themen in Literatur verwandelt. Nach „Die Verwechslung“ ist nun „Von der Buntheit der Krähen“ erschienen und ist sprachlich und inhaltlich noch komplexer und großartiger gelungen. Der Text lebt von der Struktur, den Klängen und dem eigenen, sich immer mehr steigernden Rhythmus. Die Charaktere und der Handlungsverlauf sind analytisch und stets kunstvoll ins literarische Leben gerufen worden und bilden einen Abglanz der Gesellschaft.

Thomas ist damals dem Dorfleben entflohen. Er suchte das Stadtleben und die Befreiung von den kleinbürgerlichen Erwartungen, wenn nicht sogar Fesselungen. Als Kritiker konnte er sich eine Zeitlang behaupten. Doch durch andere Abhängigkeiten und den Verlust der herkömmlichen Medienwirksamkeit und das Abhandenkommen der ursprünglichen Bedeutung des geschriebenen und gedruckten Wortes, sieht er sich erneut mit existentiellen Fragen konfrontiert. Er kehrt zurück. Nicht geläutert, sonders als Suchender. Er will für sich Klarheit erkennen und erfassen. Er will sich neu orientieren und richtet sich in seiner alten Heimat neu ein. Er mietet sich in ein abgelegenes Häuschen, das vorher von Hippies bewohnt wurde. Das neue Heim und der angrenzende Garten sind verwildert, doch bietet diese Kulisse ihm die Möglichkeit, erstmalig Zeit für sich zu finden, um den noch zu beschreitenden Weg zu erahnen.

Noch jemand ist ins Dorf zurückgekehrt: Karl, Thomas Jugendfreund. Karl hat ebenfalls mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen. Er verbirgt anfänglich seine zarte, angegriffene Seele unter dem derben Menschen, der er eigentlich nicht ist. Er wuchs auf einem kleinen Hof auf und wurde schon früh zur vermeintlichen Härte des Lebens erzogen. In Folge wurde er beständig zum Außenseiter. Doch wuchs mit seiner Verletzbarkeit seine starke Hülle und somit konnte er sich teilweise Respekt verschaffen. Doch ist er immer ein Gefangener, nicht nur wegen seiner Vorgeschichte, sondern auch, weil er in einem Körper lebt, den er nicht als seinen empfindet. Unter seiner bäuerlichen Erscheinung trägt er anfänglich noch versteckt ein Kleid. Er war und ist ein Provokateur, der auch juristische Probleme hatte und somit auch im Gefängnis einsaß. Nun ist er, wie Thomas, zurück ins Dorf gekehrt.

Der Schauplatz ist ein Dorf. Ein Dorf, das bewohnt wird von Menschen, die Angst vor dem Fremden und den Anderen haben. Gerade das Erscheinen von Karl, der mit seinem Coming-Out ringt, provoziert die Gemeinschaft. Ein filigranes Geflecht von Menschen, die alle irgendwie mit sich zu kämpfen haben. Eine Gemeinschaft, die gesellschaftlich zerrissen ist. Das vermeintlich Dunkle wird beim genauen Betrachten bunt. Gleich dem Federkleid der Krähen, das, wenn man es genau betrachtet, auch vielfarbig ist.

Ein eindringlicher und intensiver Roman, der das Innere, die Vielfältigkeit und diverse Wahrheiten herausschält. Die Natur und die Menschen werden sinnlich und sprachlich sehr gekonnt um- und beschrieben. Auf den angelegten Oberflächen kristallisieren sich Wahrheiten und die wirkliche Tiefe sprudelt langsam aber unaufhaltsam aus dem Text hervor.

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Anna Hope: „Was wir sind“

Anna Hope Was wir sind Hanser

Wer will ich sein, wer könnte ich sein und wer bin ich?  Dies ist der Kern des Romans von Anna Hope, der von Eva Bonné aus dem Englischen (Originaltitel: „Expectation“) übersetzt wurde. Es sind drei unterschiedliche Frauenschicksale, die sich in jungen Jahren, als sie noch meinten, fast alles sei möglich, kennengelernt hatten. Doch verläuft das Leben meist anders. Was ist aus den Wünschen und Plänen geworden? Was ist aus den damaligen Menschen geworden?

Hannah, Lissa und Cate sind enge Freundinnen und wohnen in einer gemeinsamen Wohngemeinschaft in London Fields. Eigentlich würden sie sich so eine Wohnung und Gegend nicht leisten können, doch haben die Frauen Glück, weil der Vermieter den wirtschaftlichen Aufschwung der Umgebung nicht mitzubekommen scheint. Sie planen und reden viel über die Zukunft. Die eigentliche Handlung des Romans spielt später, als sie Mitte dreißig sind und alles anders ist als damals gedacht. Die kursivgestellten Rückblicke geben Einblicke in die Zeit des Anfangs jener Freundschaft und die jeweiligen Lebenswünsche.

Hannah ist eigentlich glücklich und mit Nathan verheiratet. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als ein Kind. Sie ist gänzlich davon eingenommen und alles andere erscheint ihr wertlos. Seit Monaten versuchen sie es auch mit medizinischer Unterstützung. Dabei verliert sie immer mehr sich, ihren Mann und ihre wahren Sehnsüchte aus den Augen. Lissa hat als Schauspielerin bisher keinen Erfolg gehabt. Trotz geglückter Ausbildung wird sie bei diversen Castings stets übergangen. Sie gibt aber nicht auf, an ihrem Traum festzuhalten, senkt aber immer mehr ihre Erwartungen. Als sie für eine Inszenierung von „Onkel Vanja“ von Tschechow zum Vorsprechen geht, scheint endlich ihr Traum Wirklichkeit werden zu können. Cate ist nach der Geburt ihres Sohnes mit ihrem Mann nach Canterbury gezogen. Mit der Ehe und dem Umzug hat sie aber das Gefühl, selbst zu verschwinden. In ihr wachsen ein Wunsch nach einem Entkommen und die Sehnsucht nach ihrer damaligen großen Liebe. Sie war und ist eigentlich noch immer in eine Frau verliebt, die seit der Zeit der großen Demonstrationen verschwunden ist. Ein kleines Spinnen-Tattoo erinnert sie stets an diese verlorenen Emotionen. Die Männer sind in der Handlung Nebenfiguren, auch Sam, der Mann von Cate, und Nathan, der Mann von Hannah. Beide Ehefrauen entfremden sich an einem Punkt von ihren Männern und auch ihre Freundschaft wird auf eine Probe gestellt.

Die drei Hauptfiguren in Anna Hopes Roman „Was wir sind“ kämpfen mit ihren Zielen und Wünschen im Leben.  Die Charaktere sind glaubhaft und tiefgründig gezeichnet. Beim Lesen kommt das sehr positive Gefühl einer anspruchsvollen Fernseh-Serien-Stimmung auf und man ist fixiert auf die jeweiligen Lebensentwürfe. Durch die gutgeschriebenen Dialoge und eindringlichen Szenen entsteht eine angenehme Bindung zu der Handlung und den Protagonisten.

Es geht um jene Zeit im Leben, in der man meint, vieles sei möglich und machbar. Die Welt und die Verlockungen warten auf einen. Doch kommt ziemlich schnell der Punkt, an dem man registriert, dass man unbemerkt eine Schwelle überschritten hat, die uns zurücksehnen lässt und das Seiende und Kommende in Frage stellt.

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