Mareike Fallwickl: „Das Licht ist hier viel heller“

Mareike Fallwickl Das Licht ist hier viel Heller Frankfurter Verlagsanstalt

Es fällt schwer, sich diesem Buch zu entziehen. Sobald man weiter in die Handlung eingetaucht ist, will und kann man gar nicht mehr aufhören zu lesen. Mareike Fallwickl, die mit „Dunkelgrün fast schwarz“ debütierte und begeisterte, konnte sich mit „Das Licht ist hier viel Heller“ steigern. Ein intensiver, emotionaler und kluger Leseparkour. Mareike Fallwickl hat mit ihrem zweiten Werk erneut eine enorme Empathie für ihre Figuren und deren Handlungen entwickelt. Es geht im Roman um viel. Doch ufert dieser niemals aus oder ist überladen. Handlungsverlauf, Humor, Spannung und Glaubwürdigkeit sind ausgewogen und wurden kunstvoll eingesetzt und kombiniert. Es geht um Familie und das mögliche Scheitern von Liebe und Freundschaft. Machtmissbrauch steht immer wieder im Vordergrund und zeigt sich unter anderem in der digitalen Scheinwelt, am Beispiel der Buchbranche und im alltäglichen Miteinander. Die #MeToo-Debatte und die feminine Selbstbestimmung sind ebenfalls große Themen im Text.

Der Roman liest sich wie ein Countdown bis zur Läuterung oder keimenden Einsicht. So beginnt das Leseereignis mit dem zehnten Kapitel, um dann bei null zu enden. Wenger ist ein Antiheld, ein Autor, dessen neuere Romane nur noch floppten. Er ist ein Egomane, der sich selbst betrauert, seinen großen Erfolgen nachweint und sich von seiner Familie und Freunden verlassen fühlt. Er ist ein Mann, der sich in den Mittelpunkt stellt und sich auch mal nackt auf dem Bett sitzend selber googelt. Seine Frau hat ihn verlassen. Sie lebt mit einem jüngeren Fitnesstrainer zusammen und zelebriert ihren Jugendwahn als Influencerin im Internet. Die gemeinsamen Kinder, Zoey und Spin, besuchen ihn regelmäßig in seiner Junggesellenwohnung und werden Zeugen seiner Verwahrlosung. Zoey und Spin sind fast erwachsen und wurden von ihren Eltern oft alleine gelassen. Sie nennen sich auch nur mit ihren Spitznamen und haben sich geschworen, nicht durch das vorgelebte Elternleben kaputt zu gehen. Doch, inwieweit Zoey und Spin beziehungsfähig sind und sich der Liebe öffnen können, wird sich zeigen müssen.

Wenger, der vor einem Scherbenhaufen steht und eine Schreibblockade hat, erhält eines Tages Briefe. Briefe, die an den Vormieter seiner Wohnung adressiert sind. Dennoch macht er diese auf und gerät in einen emotionalen und gedanklichen Strudel. Die Schreiben sind von einer Buchhändlerin, der etwas Schlimmes zugestoßen ist und die darüber ehrlich und wahrhaftig schreibt. Wenger liest diese Schreiben und es bricht in ihm etwas Neues aus. Aber auch Zoey liest diese Briefe und auch in ihr werden durch diese Worte Barrieren gebrochen und sie kann sich aus ihrer Verpuppung lösen, denn auch sie hat etwas Schreckliches erleben müssen. Wir werden Zeuge, wie weit Wenger sich seinem Weltbild stellt und seine Kinder sich dem Leben und der Liebe stellen können.

Es geht um Ehrlichkeit und darum, das Unausgesprochene ans Tageslicht zu bringen. Sich aufeinander einlassen und nicht nur ein Abbild der digitalen Welt zu werden. Man sollte wieder lernen genau zu beobachten, füreinander da zu sein und im richtigen Moment auch den Mund zu öffnen. Ein wichtiger, aktueller Roman, der aufwühlt, oft emotional trifft und bis zum Ende begeistert. Kein Wohlfühlbuch, aber ein Roman unserer Zeit, der gelesen gehört und über den man sprechen sollte.

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Ulrike Draesner: „Kanalschwimmer“

Ulrike Draesner Kanalschwimmer mare

Ein poetischer Roman, der in vielerlei Hinsicht einige Grenzen überwindet. Ein Buch über einen Mann, der einen langersehnten Traum wahr werden lässt. Er wollte einmal im Leben durch den Ärmelkanal schwimmen. Dies macht er nun, teils aus Trotz, als Hoffnungsschimmer, als Sehnsucht und als Befreiung. Dabei geht der Blick auch stets zurück. Warum und was treibt ihn an? Das Schwimmen wird zu einer Grenzerfahrung.

Charles ist Anfang sechzig und seine Frau Maude beschließt, dass ein weiterer Mann Platz in ihrem Leben hat. Daraus erwächst erneut Charles Wunsch, jetzt auch einen seiner Lebensträume zu verwirklichen. Am Abend vor seinem Start beginnt auch seine gedankliche Reise zurück. Sein Schwimmen wird begleitet von einem Beiboot, von dem aus er regelmäßig gefüttert wird und dass ihn auch, sofern er das andere Ufer und Land erreicht hat, zurückbringen wird. So wird sein stundenlanges Schwimmen durch trübes Wasser ein Erhellen seiner Gedankenwelt. Er wirft Rückblicke auf seine Beziehung und Ehe, die sich nun nach vielen Jahren zu verändern scheint.

Alles wirkt anfänglich etwas ausufernd, doch kristallisiert sich daraus eine enorme Handlung und man wird mit den Protagonisten durch die Gezeiten getragen. Es ist eine Beziehungsgeschichte, aber im Vordergrund steht die Handlung des Schwimmens. Doch auch dies ist Metapher. Der Wunsch, etwas zu erreichen. Durch das Erzwingen dieses unglaublichen Schwimmerlebnisses wird sich der Held verändern. Doch kann man dies selten allein. Es sind Menschen nötig, die einen mit Nahrung versorgen und die Wegweiser sein können. Letztendlich sind andere Menschen immer in der Nähe, um Schutz, Halt und Rettung zu geben. Der innere Kampf wird immer deutlicher. Ist sein Traum, der körperlich viel verlangt, auch tatsächlich durchzustehen? Schafft er es, das Ziel zu erreichen?

Ein Buch, das wie sein beschriebenes Element mäandert und zeigt, dass auch die Zeit und das Leben niemals geradeaus verlaufen.

Ein Roman, der beeindruckt und die Grenzerfahrungen erlebbar macht. Die Sprache und Bilder sind stimmungsvoll und rhythmisch dem Verlauf der Handlung und der Bewusstwerdung angepasst.

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Joachim Schnerf: „Wir waren eine gute Erfindung“

Joachim Schnerf Wir waren eine gute Erfindung Kunstmann

Dieser Roman ist alleine dadurch ein Wunder, weil er alle Emotionen beinhaltet und beim Leser weckt. Es ist eine Komödie, bei der man oft Luft holen muss, weil einem der Atem stockt oder man gerührt und traurig doch ins Schmunzeln geraten kann. Es ist ein zartes, wunderbares Buch, das die Geschichte einer jüdischen Familie in Frankreich erzählt, die sich zum Pessachfest trifft. Der Roman thematisiert auch immer wieder die Vertreibung, den Auszug und die Kunst des Überlebens. Beginnend mit dem Auszug aus Ägypten, also der Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, später der Holocaust und das Überleben, d.h. das Leben neu zu definieren oder zu finden. All dies durchlebt der Protagonist in einer Nacht (so auch der eigentliche Titel: Cette nuit), in der er sich auch vor der Frage wiederfindet, wie er es schaffen soll, seine Familie zusammenzuhalten.

Salomon wacht auf, bleibt aber vorerst liegen. Erneut wird ihm das Alleinsein bewusst. Seine Frau ist vor kurzen verstorben und nun liegt es an ihm die Vorbereitungen für das Pessachfest zu treffen. Eigentlich wollte Sarah bis zu diesem wichtigen Fest durchhalten und ihr Erbe mit den Kindern und Enkeln besprechen. Salomon genießt es, noch im Bett zu liegen und ihre vergangene Gegenwart nachzuspüren. Seine Frau fehlt ihm sehr und er fragt sich, wie er es schaffen soll, die bald anreisende Familie im Zaum zu halten. Bisher war Sarah stets der ruhende und besänftige Pol innerhalb aller großen und kleineren Reibereien. Salomon erinnert sich an viele vergangene Feste und Momente. Jedes Jahr gab es ähnliche Diskussionen und Streitereien. Diverse Absurditäten wurden erlebt und dargeboten. Zwischen den rituellen Geschichten und Liedern wurde zwischen ihren Kindern, die selbst schon Familien haben, oft provoziert und gestritten. Salomon trug auch stets seinen Anteil dazu bei. Er als einer, der Auschwitz überlebt hat, nahm sich die Freiheit immer wieder seine KZ-Witze zu erzählen.

Doch dieses Fest soll anders werden, es gibt in der Familie einiges zu klären, besonders, wie es nun nach Sarahs Tod gelingen soll, die Familie weiterhin zusammenzuhalten. Salomon macht sich seine Gedanken. Er durchdenkt wie er was sagen will und kann. Wie wird es ihm gelingen, angesichts des Verlustes das Leben neu zu gestalten? Während er sich gedanklich sortiert und an der Vergangenheit festhält oder hadert, steht er langsam auf. Als es auch schon an der Tür klingelt …

Ein Roman, der es versteht, sich tief im Leser einzunisten, um ein kleines Gefühlschaos loszutreten. Ein sehr feinfühliger, einfühlsamer, humorvoller und tragischer Text, der von Nicola Denis aus dem Französischen übersetzt wurde.

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Gøhril Gabrielsen: „Die Einsamkeit der Seevögel“

Die Einsamkeit der Seevögel Insel Verlag

Ein atmosphärischer Roman, der Emotionen lokalisiert und versucht, diese vorhersehbar zu machen. Aber es wird sich zeigen, dass die Gefühls- und Seelenwelt sich nicht wie eine Wettervorhersage berechnen lässt.  Eine literarische Reise in die Einsamkeit einer Frau, die sich zu verlieren droht. Der Text baut eine enorme Dichte auf und erzeugt eine beklemmende Spannung, die immer greifbarer wird. Die Sprache und die Bilder haben eine Intensität, die einen die Einsamkeit der Protagonistin spüren lässt. Das Buch erinnert etwas an den Roman „Krieg“ von Jochen Rausch und benutzt ein gleiches Ende wie Donal Ryan in „Die Sache mit dem Dezember“. Gerade am Schluss ist man sprachlos und beginnt das Gelesene neu zu reflektieren.

Der Roman „Die Einsamkeit der Seevögel“, im Original „ Ankomst“ (Ankunft), wurde aus dem Norwegischen von Hanna Granz übersetzt. Die Geschichte beginnt am Ende der Welt. Eine Wissenschaftlerin begibt sich im Winter für ein Forschungsprojekt in die nördlichste Region Norwegens. Dort beobachtet sie die klimatischen Veränderungen und möchte die Einflüsse dieser messbaren Tendenzen auf die Seevögel untersuchen. Der Klimawandel hat gravierendere Ausmaße als wohl bisher vermutet. Sie reist alleine an und wird nur höchstens einmal im Monat von einem Kapitän aufgesucht, der ihr ihre Bestellungen liefert. Es sind unter anderem Vorräte für zwei Personen, denn eigentlich wollte Jo, ihr Geliebter, nachkommen. Doch dieser vertröstet sie immer wieder aufs Neue. Im Gegensatz zu ihr, kann Jo nicht sein Kind und seine Exfrau einfach so verlassen. Sie und Jo haben sich durch die Kinder kennengelernt. Daraus wurde Liebe und sie hat daraufhin ihren Mann verlassen. Als dieser durch die Trennung immer aggressiver zu werden scheint und sogar ihr gemeinsames Kind gegen sie aufbringen möchte, zieht sie sich zurück und überlässt ihm die Erziehung. Sie flüchtet sich in die Natur und Wissenschaft. Ihr Exmann, der lediglich S genannt wird, ruft immer wieder an oder sendet für sie bedrohlich klingende Nachrichten.

Da Jo nicht nachgereist kommt, ist sie allein in ihrer kärglichen Hütte. Umgeben von Winter, Felsen und dem tosenden Meer. Sie beschäftigt sich neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch mit der Vergangenheit des Ortes. Die  Menschen, die damals dort gelebt haben, bilden einen weiteren Grundstein ihrer ausufernden Phantasie und dies beeinflusst immer mehr ihre Wahrnehmung. Sie fragt sich, warum Jo immer wieder seine Ankunft verschiebt. Hinzu kommen plötzlich Geräusche, die sie meint zu hören. Spielt ihr der Wind einen Streich? Oder ist wirklich jemand da und verlegt auch ab und zu Gegenstände? Wurde sie bei einer Fahrt zur Messstation geschubst, oder ist sie lediglich unglücklich gefallen? Verliert sie durch ihren Aufbruch in die Ödnis und die Einsamkeit langsam den Bezug zur Realität? Ist sie in der einsamen Wildnis wirklich allein?

Der Roman erzeugt durch die Sprache und die Bilder eine enorme Stimmung und wird ab der Mitte des Textes auch immer spannender. Ein Naturthriller, der in die Tiefe einer einsamen Seele blickt. Das Ende wird man dennoch leicht ungläubig lesen und steht gleich der Protagonistin allein vor einer Tür, die aber viele Möglichkeiten erdenken lässt …

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Pia Solèr: „Die Weite fühlen“

Pia Soler Weissbooks

Dies sind Aufzeichnungen einer Hirtin, d.h. einer Frau, die das städtische Leben verlässt, um Alpenhirtin zu sein. Sie wurde 1971 in  Vrien geboren und kennt die Landwirtschaft. Dieses Buch ist keine Neuheit, doch habe ich es erst jetzt für mich entdeckt. Das autobiografische Buch reiht sich sehr gut ein in die Werke von Erling Kagge: „Stille“ und „Gehen. Weiter gehen“.

Ein zufälliges Treffen mit der Journalistin Daniela Kuhn, die auch das Nachwort geschrieben hat, legte 2009 den Grundstein für das vorliegende Büchlein. Vorerst war eine Reportage über Pia Solèr angedacht. Über ihr alltägliches und normales Leben, das wie aus einer anderen Welt erscheint. Nach dem Artikel wurde der Kontakt zu dem Verleger Rainer Weiss hergestellt und die Idee, die Erlebnisse und Gedanken mal zu Papier zu bringen, wurde Realität. Es wurden etwas mehr als hundert Seiten und diese widerlegen die erste Scheu, die Pia Solèr hatte: „Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich etwas zu sagen habe“.

Ein kleines lebensweises Büchlein, das irgendwie verzaubert. Es zeigt das Leben eines in sich ruhenden Menschen, der sich in der Natur gefunden hat. Dabei wird der Text niemals kitschig oder verklärend. Es geht um das Abwerfen von Ballast, den Überlebenskampf und das Gemeinsame mit der Natur und den Tieren. Der Blick von den Bergen auf die städtische Gesellschaft kann klärend wirken.

Die Freiheit, die Pia Solèr findet, ist auch mit Verpflichtungen verbunden, d.h. mit dem Annehmen von natürlichen Umständen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Schafe und natürlich die Hunde.

Eine bereichernde und schöne kleine Lektüre!

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Nicolas Mathieu: „Wie später ihre Kinder“

Nicolas Mathieu Wie später ihre Kinder Hanser Berlin

Ein großer französischer Gesellschaftsroman. Es geht ums Erwachsenwerden, um Ausgrenzung, Aggression, Trauer und natürlich um die Liebe. Im Mittelpunkt steht die Jugend, die sich im Lebensdrama wiederfindet und versucht, sich zu finden und zu überleben.  Der Roman ist in vier Abschnitte, vier fiebrige Sommer eingeteilt. Es beginnt im Jahr 1992 und macht dann jeweils einen zweijährigen Sprung, um im Jahr 1998 zu enden. Die Kapitelüberschriften sind passende Songtitel. Eigentlich reicht das Hören und Betrachten dieser einzelner Songs, um den Verlauf des Romans zu verstehen: So beginnt die Reise mit der Band, die es großartig verstand, Melancholie in Wut umzuwandeln: Nirvana. Dies lässt sich passend auf die Protagonisten umwandeln. Sie sind jung, geplagt von Ziellosigkeit, Langeweile und Perspektivlosigkeit. Daraus erwächst eine unterschwellige Aggression, die sich nicht immer nach außen zeigen muss. Daraus erwächst der Metal, der durch Guns n’ Roses zum Erklingen kommt. Laute, fast unbändige Kraft will sich harmonisch (melodisch) austoben. 1996 ist es der französische Rap, der sich durch Suprême NTM ins Bewusstsein brennt. Hierbei geht es um Feindseligkeit gegenüber der Ordnung und den gesellschaftlichen Regeln und der Text endet mit dem Aufruf, dem Wunsch, einfach überleben zu wollen – gesungen von Gloria Gaynor.

„Wie später ihre Kinder“ erzählt von Jugendlichen in unterschiedlichen Lebenssituationen und wurde bereits mit dem renommierten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt 2018, ausgezeichnet. Übersetzt wurde der Roman von Lena Müller und André Hansen.

Der Roman spielt am Rande der Gesellschaft. Es sind die Arbeiter, die Arbeitslosen und die Aufgegebenen.  Ein Ort im Osten Frankreichs, in dem die Industrie stillgelegt wurde. Die Jugendlichen im Ort haben Wünsche, Hoffnungen und den Drang auszubrechen. Es beginnt 1992: „Anthony war vierzehn, und es war Sommer. Alles muss einmal anfangen“ Er paddelt mit seinem Cousin in einem entwendeten Kanu an eine abgelegene Badestelle, um Nacktes zu sehen. Hier beginnt die Reise. Hier trifft Anthony auf Steph. Zwischen Beiden entsteht langsam etwas, etwas wie Verlangen und Liebe. Doch gibt es zwischen Ihnen auch eine Kluft, die sie versuchen, zu überwinden. Die Eltern sind auch alle unterschiedlich. Alkoholiker, Gelegenheitsarbeiter, d.h. Gärtner und Einwanderer. Durch die Perspektivlosigkeit, mit der sich die Jugendlichen konfrontiert sehen, erwächst bei einigen auch kriminelle Energie. Diese Ströme treffen erstmalig bei einer Party aufeinander. Anthony hat sich das Motorrad von seinem Vater geborgt, das ihm während des Festes von Hacine entwendet wird. Alle sind durch die Örtlichkeit miteinander verbunden. Alle warten auf ihre Chancen im Leben und vertreiben sich die Langeweile mit Lebensspielen, Liebe, Drogen und erträumten Ausbrüchen aus dem Umfeld. Sie werden durch die Gesellschaft und besonders durch die Elterngeneration geprägt. Doch ist es der Lebenswille, der sie antreibt. Der Versuch, dem Baukastensystem des vorgelebten Lebens der Eltern zu entkommen. Sie wollen ihr eigenes Leben entdecken und ohne Vorurteile und unabhängig leben.

Wieweit kann ein Ort, eine Herkunft oder Erziehung Grenzen aufbürden? Ein Roman der von einer inneren Leere zu berichten weiß und diese mit ganz viel Leben füllt. Die Liebe und die Sehnsucht sind die Motoren der Jugendlichen, die nichts zu leben versuchen, was aus ihnen selbst heraus möchte (Siehe auch „Demian“ von Hesse).

Wie ein gesprungener Spiegel setzt sich der Roman aus vier großen und mehreren kleinen Teilen zusammen. Ein Text, der sich fiebrig in das Gehirn des Lesers einnistet und mit seinen Figuren dort verweilen möchte. Ein großartiger Entwicklungs-, Coming-of-Age-, Liebes- und Gesellschaftsroman. Eine Chronik der Gegenwart bestückt mit Kindern ihrer Zeit. Die toll gezeichneten Figuren zeigen die heutigen Missstände auf. Erwachen von Ausgrenzung, Rechtspopulismus und Gewalt steht dem Wunsch nach Liebe, Anerkennung und Chancengleichheit gegenüber.

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Berit Glanz: „Pixeltänzer“

Berit Glanz Pixeltänzer Schöffling & Co

Dieser Roman verbindet Altes mit Neuem, Kunst mit Künstlichkeit, Öffentlichkeit mit Anonymität. Ein vielschichtiger Roman, der in der hippen, technik-hypenden Gegenwartswelt Berlins beginnt und seinen Bogen schlägt zu den expressionistischen Künstlerwelten Hamburgs. Der Wunsch nach Anonymität geht einher mit einer blühenden Sehnsucht nach Analogem. Sich hinter Masken zu verstecken, war schon immer ein Ausdruck der Gesellschaft und Kultur. Damals ging man auf Maskenbälle und heute verbirgt man sich hinter Avataren. Der Titel „Pixeltanz“ verbindet hier jenen Tanz, der aus der Ausdruckskunst stammt und stets die Körperlichkeit benötigt. Der gegenwärtige Maskentanz braucht keinen realen Kontakt mehr und erlebt sich im digitalen Massenstrom.

Elisabeth arbeitet bei einem Startup in Berlin. Sie überprüft hauptsächlich die Codierungen der zu entwickelnden Software. Neben dieser Kontrollfunktion soll sie in ihrem Team stets Ideen sammeln und die vorgegebenen offenen Punkte zügig abarbeiten. Es ist ein junges Unternehmen, in dem Teamdruck herrscht, aber auch die üblichen Belohnungen und Spielereien der selbstbewussten Digital Natives. Elisabeth, die sich passenderweise auch stets Beta nennt, ordnet sich ihre Welt nach ihren eigenen Mustern. Sie passt jeden Tag die Farbe ihres Rubik, d.h. Zauberwürfels an. Sie erkundet kontinuierlich alle Berliner Eisdielen, um jeweils das Erdbeereis zu probieren. Erdbeereis als Bild eines ewig Bestehenden. Denn trotz der heutigen Vorliebe, stets neue Eiskreationen zu entwickeln, wird es Erdbeereis wohl immer und überall geben. Sie macht Fotos von Tieren, die sie später mit ihrem 3D-Drucker in der farblosen Plastikwelt verewigt.

Ihr Abenteuer beginnt, als sie sich eine App mit dem Namen Dawntastic herunterlädt. Diese Software schafft eine vermeintliche globale Nähe. Es ist ein Weckdienst, der einen zu der gewünschten Zeit anruft. Die Anrufe kommen von anderen Menschen, d.h. Usern weltweit. Sie wird eines Tages von einem Fremden mit einer Maske im Profilbild kontaktiert. Er nennt sich Toboggan und da sie mehr über ihn und die Maske in Erfahrungen bringen möchte, beginnt ein langes Suchspiel. Beta öffnet kurzerhand einen Blog und versucht so, weiteren Kontakt zu jenem Fremden aufzubauen. Er meldet sich auch tatsächlich. Mal mit einem kurzen Kommentar zu einem Beitrag, mal versteckt er seinen Text im Quellcode oder hinterlässt in einem Foto einen QR-Code.

Alle Hinweise deuten auf das Leben und Werk des Künstlerpaares Lavinia Schulz und Walter Holdt. Beide lernten sich 1919 in Hamburg kennen. Schulz und Holdt entwarfen gemeinsam Tanzvorführungen in eigens dafür entwickelten Ganzkörperkostümen, unter anderen die Maskenfigur „Toboggan“. Diese avantgardistischen Tanzvorführungen stellten etwas Groteskes, Provozierendes und den Wunsch nach Veränderung dar. Dieser Wunsch nach einem Ausbruch und einer Realitätsveränderung ergreift Beta auch immer mehr, je weiter sie sich mit den Leben der Künstler und ihrer Hingabe zur Kunst beschäftigt.

Die Erzählungen um das Künstlerpaar reihen sich textlich gekonnt in die Geschichte um Beta, die diese zu lesen bekommt. Geschrieben von jenem geheimnisvollen Fremden. Wer ist dieser Toboggan? Auch jene Frage treibt Beta an.

Der Roman ist toll geschrieben. Die verschiedenen Welten sind jeweils großartig dargestellt. Was sich fantastisch anhört, wird Realität und die Maskenfiguren können gegenwärtig immer noch im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besichtigt werden. Auch der „Toboggan“ (mehr auf: mkg-hamburg) wartet dort auf seine Besucher. Ein Debütroman, der mich begeistert hat und hoffentlich viele Leser finden wird. Ein kluges, schönes und sinnlich-körperliches Leseerlebnis.

Mit freundlicher Genehmigung des Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Siehe eine weitere Besprechung von Brigitte Hofmann auf Feiner Buchstoff.  Zum Buch in unserem Shop

 

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