Hendrik Otremba: „Benito“

Dieser Roman ist eine brückenschlagende Reise. Ein Werk, das Kunst mit Wut verbindet, Wahn und Wirklichkeit gegenüber stellt und viele Grenzen auslotet. Auch literarisch ist das Buch ein Ereignis und verdeutlicht das Gegenwärtige durch die Betrachtung der Vergangenheit und durch einen leichten Blick in die Zukunft. Sprachlich und inhaltlich ist der Roman eindringlich erzählt. Im Mittelpunkt steht eine jugendliche Freundschaft, die sich wandelt und Jahre später das Naive verliert. Ein blinder Aktionismus, der durch Radikalisierung im Terror mündet und dann die Schuldfrage stellt. Die beschriebene Reise wird von Pfadfindern auf einem Fluss erlebt. Das Gewässer erlangt wie die Handlung etwas Reißendes und die Menschen, die sich täglich einer guten Tat stellen wollten, verlieren die Bodenhaftung.

Die Handlung wird nicht chronologisch erzählt und erhält dadurch enorme Vielschichtigkeit. Durch den Terroranschlag, der bereits früh erzählt wird, bekommt der Text einen enormen Spannungsbogen. Ein Werk, das einen wie die Helden mitreißt, straucheln lässt und am Ende steigt man zittrig mit aus dem dunklen Fluss und steht erstaunt und begeistert auf vermeintlich festem Boden.

Der Hauptcharakter hat in seiner Sabbatzeit eine ungewöhnliche Einladung erhalten. Er war in Italien in einer Auszeit und kehrt bärtig und mit langen Haaren nach Deutschland zurück. Hier beginnen seine gedankliche Reise und seine Erinnerung. Er ist ein Schriftsteller, der auch doziert und damals in seiner Pfadfinderzeit den Namen Cherubim trug. Sie hatten damals alle Fahrtennamen. Da waren unter anderem Kippe, Maus, Fliegentöter, Häuptling und Benito. Als Cherubim gerade elf Jahre alt war, machte er mit seiner Pfadfindergruppe eine dreiwöchige Kanufahrt. Sein Vater, der Schwimmlehrer, der ihm nie das Schwimmen beigebracht hatte, hat seine Mutter verlassen und je weiter die Reise geht, desto verbundener fühlt sich Cherubim mit der Natur, dem Fluss und den anderen. Er vergisst auf großer Fahrt seine Familienprobleme. Benito sitzt mit ihm in einem Boot. Benito, der blinde Junge, der sein Bein stets nachzieht.

Jahre später reist Cherubim nach Bonn zu einem Kongress in dem großen Hotelkomplex Paradies. Namentlich reist somit ein übernatürliches Wesen in ein paradiesisches Gebäude. Doch der Schein trügt, denn am Tag des Empfangs kommt es dort zu einem Terroranschlag. Viele Menschen aus dem öffentlichen Leben sind angereist und während der laufenden Feierlichkeit und der Show, stürmt ein Mann mit einem Maschinengewehr den Saal und verriegelt die Türen. Er schießt lange wild um sich. Doch gibt es ein Blutbad? Ist der Anschlag nur eine Vortäuschung und hat der Täter, der sich selbst anzündet und sich dann töten lässt, nicht Ähnlichkeiten mit Benito?

Verstört wankt Cherubim aus dem Szenario und stellt sich seinen inneren Fragen. Erneut begibt er sich gedanklich zurück auf die Flussfahrt, die ebenfalls aus dem Ruder lief. Das Abenteuer, das die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsenen verdeutlichen sollte, fließt in eine verstörende und surreale Welt. Der blinde Benito verändert seine Perspektiven. Der introvertierte Junge wird zornig. Ein Pfadfinder verirrt sich oder hat sich die Gesellschaft verlaufen?

Ein kunstvoller und kluger Roman, der viel zu sagen und zu erzählen hat. Eine Reise in und durch die Dunkelheit mit Blick auf das Individuelle und die Allgemeinheit. Gerne gibt man sich solcher literarischen Strömung hin. Ein großartiger und lesenswerter Roman, der viele Leser verdient und eigentlich auch einige Preise erhalten sollte. Ein Lesefest!

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Ilinca Florian: „Bleib, solang du willst“

Ein moderner Familienroman, der genauestens auf das alltägliche Leben zweier starker Schwestern schaut. Die Erzählung sich aber nicht im Alltag verheddert, sondern immer detaillierter und berührender wird. Am Ende stimmt das Gelesene nachdenklich und hinterlässt eine traurig-schöne Leere.

In dem vorherigen Werk der Autorin, „Das zarte Bellen langer Nächte“, ging es um das Finden und das Abgrenzen und um das selbstbewusste Nebeneinander. Dieses Themenpaket vertieft sie nun und sucht für ihre aktuellen Figuren ein unabhängiges, freies Leben.

Das eigene Schicksal zu lenken fällt bereits schwer. Unmöglicher ist es, dieses in die Hand zu bekommen, wenn es sich um einen geliebten Menschen handelt. Wie schnell sich das Leben wandeln kann, erfahren Martha und Charlotte. Zwei Schwestern, die sehr unterschiedlich sind. Martha ist impulsiv, gefühlsbetont und leicht chaotisch. Charlotte verkörpert von allem fast das genaue Gegenbild. Ein versehentlicher Handytausch ist der Anfang des Dramas. Martha ist Mitte zwanzig und lebt mit ihrem Mann, Niklas, in Weimar. Ihr gemeinsamer Sohn, Emil, ist gerade acht Monate alt. Niklas hat versehentlich Marthas Handy eingesteckt und sein eigenes zuhause liegengelassen. Nachrichten treffen ein, die durch den angezeigten Kurztext sein freizügiges Liebesleben offenbaren. Martha zieht kurzentschlossen zu ihrer Schwester nach Berlin. Beide eint neben der belasteten Beziehung zur ihrer Mutter auf den ersten Blick nicht viel. Martha träumt von einer Karriere als Jazzsängerin und die ältere Charlotte arbeitet in der Unternehmensberatung. Später organisiert Charlotte Martha auch einen Job am Empfang dieses Unternehmens. Die durchgestylte und stets organisierte Businesswelt scheint nicht zu der leicht verträumten Martha zu passen. Überall treffen verschiedene Welten aufeinander. Die mittellose und von Träumen als Sängerin getriebene junge Frau mit Kind ist in der Großstadt auf die Hilfe ihrer großen Schwester angewiesen. Dabei sind Streitigkeiten, die im Alltag oder der gemeinsamen Vorgeschichte wurzeln, vorprogrammiert. Aber im vermeintlichen Gegeneinander kristallisiert sich stets ein Füreinander heraus.

Was sind die eigenen Wünsche im Leben, was möchte ich erreichen? Ist das Leben überhaupt planbar? Sehr authentisch und nahbar wachsen die Charaktere aus den Zeilen. Die Dialoge sind realistisch eingefangen und spielen mit der jeweiligen Sprache der Figuren. Ein Roman, der die Liebe und das Miteinander feiert. Das Ende, das natürlich nicht verraten wird, lässt einen über das Leben nachdenklich werden.

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Ingebjørg Berg Holm: „Wütende Bärin“

Die Natur als bildreiche Kulisse eines Familienthrillers. Der zermürbende Kampf zwischen Mutter und Vater um das Sorgerecht des gemeinsamen Kindes, der berufliche Werdegang und das Tierische im Mann. Die Frauen treten nicht als Opfer auf, geraten aber durch das egozentrische und toxische Auftreten eines Mannes in Schieflage.

Der Beginn setzt gleich einen Spannungsbogen und die darauffolgende Notlage, die aus Sicht der Frauen beschrieben wird, wird dadurch immer drastischer. In der Eiswüste liegt eine Leiche. Die Schneeschicht verweht und lagert sich um den toten Körper. Wird der Kadaver durch das Wetter und den Niederschlag verdeckt oder kann ein Raubtier, zum Beispiel ein Eisbär, das verwesende Fleisch vorher wittern? Im anfänglichen Bild bleibt auch das Giftige und Unzerstörbare, hier der Plastikschutz des Thermoanzugs, übrig. Das Natürliche vergeht innerhalb der Natur. Doch schafft der Mensch es immer wieder, seine Spuren dem Umfeld aufzudrücken. Dies gilt global, das heißt im Makrokosmos, wie innerhalb der kleinsten Gruppe, der Familie, dem Mikrokosmos.

Wie brüchiges Eis sind die Beziehungen der Protagonisten. Nina und Njål arbeiten als Forscher zusammen an einem Projekt. Sie haben eine gemeinsame Tochter, Lotta. Das Kind war anfänglich die feste Bindung zwischen den Eltern. Doch wird es immer eisiger zwischen den Fronten. Sie leben nebeneinander, aber lange nicht mehr miteinander. Die Beziehung zerbricht und sie kämpfen um das Sorgerecht. Nina, die eigentlich nie Kinder wollte, muss sich den gewieften Manipulationen ihres Mannes bei den Schlichtungsversuchen stellen. Auch in der Forschung und bei den Publikationen und einem prestigeträchtigen Auftrag konkurrieren beide. Beide sind aber bereit, das Kind jeweils in Ihren Lebensmittelpunkt zu stellen. Die Geschichte wird aus drei Hauptperspektiven erzählt. Die von Nina, von Njål und von dessen Ex-Frau Sol. Sol, die von Njål verlassen wurde, weil sie keine Kinder bekommen konnte, ist als Seelsorgerin tätig.

Njål sieht sich als ein Wikinger, der gleichfalls in der Moderne zuhause ist. Er lebt und zelebriert alte Kulte, die voll Männlichkeit strotzen. Seine Weltsicht ist eng an sein Selbst gebunden und sein Denken und Handeln kreist meist um sein eigenes Wohl. Somit ist seine Sprache und sein Einfluss stets fern des Einfühlsamen, sondern eher manipulativ und aggressiv. Seine Beziehung zu Sol und nun die zu Nina zerbricht wie dünnes Eis.

Die Umgebung der Handlung ist die erbarmungslose Natur und hier mündet letztendlich der Verlauf. Das Kalte und die Dunkelheit des hohen Nordens kriechen in die jeweiligen Seelen. Ein erbitterter Kampf um das Miteinander und um das Leben beginnt. 

Ein psychologischer Roman, der die Kälte spürbar macht. Die Körperlichkeit steht anfänglich im Vordergrund und gräbt sich dann immer tiefer in die Sehnsüchte und Verletzungen der drei Perspektiven. Es ist der dritte Roman der norwegischen Autorin und ihr erstes Werk, das ins Deutsche übersetzt wurde. Aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann.

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Literatur-Quickie am Beispiel von „Dorval, Quebec“ von Frank Schliedermann.

Erzählungen to go. Diese Literatur-Quickies gehören in den Reigen der Leseschätze. Es sind besondere Texte in einem besonderen Verlag, der durch seine Erscheinungsform Literatur für den Alltag anbietet. Bücher, die Wartezeiten überbrücken, den Wein (ersatzweise: Bier, Whisky oder Kaffee) abrunden oder einfach pur gelesen werden können.

Es gibt diese kleinen Bücher schon seit Ewigkeiten für kleine Menschen, die sogenannten Pixi-Bücher. Nun gibt es diese auch für größer wirkende Leute. Es gibt unter anderem Literatur-Quickies von Friedrich Ani, Jan Drees, Ute Cohen, Maike Wetzel, Mirko Bonné oder Juli Zeh – diese Liste lässt sich natürlich noch beliebig verlängern. In den neuen Ausgaben ist auch Rainer Moritz vertreten und erzählt von einem Mann, der wie Martin Walser wohnen wollte, aber sich nie zu leben wagte. Alban Nikolai Herbst beschreibt in „Gläserne Zeit“ jene literarischen Türen, die uns stets in neue Welten hereinlassen – aber auch wieder heraus?

Ein neuer Literatur-Quickie liegt als Manuskript schon lange im Leseschatz. Frank Schliedermann beschreibt eine real überspitzte Situation in einem Pflegeheim. Dieser Text ist auch in einer wunderschönen, ins Englische übersetzten Ausgabe verfügbar. Frank Schliedermann hat bereits den Hamburger Literaturpreis erhalten und schreibt sehr lebendig und tiefgründig. Die Kurzgeschichte „Dorval, Quebec“ basiert auf einer wahren Geschichte, die sich 2020 in einem Pflegeheim in einer Kleinstadt nahe Montreal ereignet hatte. Sein treffsicherer Blick lenkt unsere Aufmerksamkeit auf diverse Missstände hin.

Der Alltag in einer Pflegeeinrichtung wird meist gewinnmaximierend durch die Betreiber organisiert. Dabei wird die Menschlichkeit oft reduziert. In guten Zeiten war genügend Personal da, um die Bewohner zu begleiten und ihnen stets behilflich zu sein. Dies ist jetzt oft nur noch als eine „Satt- und Sauber-Maschinerie“ wahrnehmbar. Was passiert in einer Einrichtung während der Pandemie? Was ist mit der Vereinsamung? Dies beschreibt Schliedermann sehr nahbar anhand weniger Charaktere und Situationen. Eine Praktikantin, die als die Neue mehr zu tun bekommt, als sie dürfte oder könnte. Alte Menschen, die auf Menschlichkeit hoffen und doch mehr in ihrer Vergangenheit oder Phantasie leben. Pflegekräfte, die an das Ende ihrer Kräfte geführt werden, weil durch Quarantäne immer weniger Kollegen erscheinen. Die Heimleitung versucht via Stream die Situation zu erklären und verhängt neue Maßnahmen. Am Ende wird nahezu das gesamte Personal aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr erscheinen und die Bewohner werden tagelang auf sich selbst gestellt sein.

Die Charaktere werden durch kleinste Kunstgriffe sehr lebendig und erhalten durch wenige Bilder große Geschichten. Der Mann, der von seinem Vater lernt, dass das Radio oft klüger ist, als man selbst, wird dann auf vielen Ebenen ein Opfer. Andere Bewohner kommen zu Wort, die sich demenzkrank in den Räumlichkeiten zurechtfinden müssen, solange sie sich noch frei bewegen dürfen. Der Alltag in einem Pflegheim wird sehr authentisch nachempfunden. Eine beklemmende und unter die Haut gehende Geschichte, die aber auch nicht an Humor spart.

Ein Quickie mit Nachhall.

Siehe auch Leseschatz-TV vom 01.11.2021: Literatur-Quickies

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Raju Sharma: „Primus – Das Erbe der Leviten“

Raju Sharma hat erneut einen weltklugen Spannungsroman geschrieben. Es ist der dritte Roman von Sharma und das zweite Abenteuer von Charlotte Mannheimer, einer jungen Doktorandin aus Hamburg. Nach „Hineni – Abrahams Messer“ wird Charlie in einen Fall verstrickt, der sich um ein streng gehütetes Geheimnis dreht, dessen Wurzeln bis in die Zeit des Alten Testaments zurückreichen. „Primus – Das Erbe der Leviten“  lässt sich aber auch wunderbar ohne Kenntnisse des vorherigen Werkes lesen. Wiedermal zeigt sich, das Raju Sharma ein intelligenter, weltoffener und kluger Erzähler ist. Der Autor ist hauptberuflich in verschiedenen Funktionen des Schleswig-Holsteinischen Landesdienstes tätig. Mit „Primus“ hat Sharma eine schriftstellerische Entwicklung gemacht. Die Sprache und die Erzählstruktur sind flüssiger, bildreicher und zielführender. Eventuell liegt es auch daran, dass er das vorliegende Werk alleine geschrieben hat. Bei „Hineni“ hat noch Christoph Müller mitgewirkt.

Charlie hat einen Spionagekurs belegt und bekommt einen einfach wirkenden Freundschaftsauftrag. Sie schuldet nach ihrem vorherigen Abenteuer noch einigen einen Gefallen. Sie soll bei einem Kuraufenthalt eine Frau beobachten. Diese Frau ist eine Galionsfigur der neu erstarkten rechten Parteien. Charlie soll herausfinden, ob diese Frau bei Plänen von Anschlägen involviert ist. Bei einem Besuch in einer Bar, wo sie die Frau und ihr Gefolge beobachtet, lernt Charlie zwei Priester kennen. Da Charlie ihre Doktorarbeit über den Sechstagekrieg geschrieben hat, wird einer der Priester hellhörig und möchte ihr etwas zeigen. In seinem Besitz ist ein Papierfragment gelangt, das er aufbewahren soll. Die Bedeutung des Schriftstücks erscheint ihm unklar und er bittet Charlie um Rat. Charlie hat eine Vermutung und kontaktiert ihren alten Doktorvater. Das Fragment ist so gestaltet, dass es nur mit weiteren Teilen ein Ganzes ergeben kann. Also gibt es noch weitere Fragmente, die einen Schlüssel zu einem alten Geheimnis darstellen. Im Zuge der Recherche stößt Charlie auf eine bisher geheime Bibliothek und auf einen lange verborgenen Schatz. Charlie gerät in eine gefährliche Mission und mysteriöse Todesfälle säumen die Suche nach der Wahrheit.

Ein spannender Bildungsroman, der eine globale und über die Zeiten gespannte Geschichte erzählt. Raju Sharma verbindet Weltgeschichte, Kultur und Religion, ohne dabei an Bodenhaftung zu verlieren. Dort wo zum Beispiel Dan Brown stets etwas überspannt, bleibt Sharma realistischer und erschafft keine Superhelden, sondern lässt seine Figuren wachsen. Eine junge Studentin, die in einen Handlungssog gerissen wird, der in den Zeiten der Entstehung der Bücher von Moses seinen Ursprung hat.

Siehe auch Leseschatz-TV

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Linda Boström Knausgård: „Oktoberkind“

Linda Boström Knausgård schreibt Gedichte, Erzählungen und Romane, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Doch ist sie den meisten wohl eher bekannt als Figur aus dem ausufernden Zyklus ihres Ex-Mannes Karl-Ove Knausgård. Sein Blick auf sie kann nie ein ganzer sein und somit ist dieser autofiktionale Text umso spannender, denn hier ringt eine Frau um ihre Existenz und um das Bewahren der Identität, der Erinnerung und der Würde. Wer also Knausgård liest, sollte Knausgård lesen.

Der Text hat eine fast schon einfache Struktur, dennoch lassen sich die Inhalte zuweilen schwer fassen, denn die Wahrnehmung der Erzählerin ist durch das Umfeld der Psychiatrie, in der die Erinnerungen fixiert werden, geprägt. Die geschiedene Schriftstellerin leidet unter Depressionen und einer bipolaren Störung und wurde zwangseingewiesen. Aufgrund der gestellten Diagnose ordnen die Mediziner eine Elektroschocktherapie an. Diese Elektrokrampftherapie dient zuweilen immer noch der Behandlung therapieresistenter und schwerer depressiver Verläufe. Die Stromschläge wirken auf die Erzählerin, Linda, verstörend und sie kann und darf nicht über ihre Behandlung mitbestimmen. Sie lebt in der Klinik entmündigt. Die ganze Therapie ist mechanisch und wirkt wenig auf das Wohl der Patientin ausgerichtet. Sie ist kritisch dem Umfeld gegenüber und droht in einer Dunkelheit zu ertrinken. Die Klinik wird für sie zur Fabrik und die Pfleger, die sie bereits am Geräusch des Türöffnens einschätzen kann, gehen mal behutsam mit ihr um oder versuchen schnell und dadurch schmerzhaft, die entsprechenden Zugänge zu legen.

Der Aufenthalt und die Elektroschocktherapie drohen ihre Erinnerungen zu löschen. Die Mediziner vergleichen dies sogar mit dem Neustart eines Computers. Der Mensch wird dabei gänzlich minimiert, reduziert und fast schon entmenschlicht. Die Wahrnehmungen von Raum und Zeit verwischen während der Therapie. Was macht Linda noch aus? Was wird von ihr bleiben? Dies treibt sie um. Die Sorge um ihre vier Kinder veranlasst sie, an ihren Gedanken und Erinnerungen festzuhalten. Angeregt durch eine Pflegerin vergegenwärtigt sie ihren bisherigen Weg und fixiert ihre Erinnerungen. Ihre Kindheit, ihre Rolle als Mutter und ihr persönliches Leben beschreibt sie intim, schnörkellos und intensiv. Das Einfache wird anfänglich lediglich suggeriert und steigert sich in eine bild- und sprachgewaltige Dichte.

Ein autobiografischer Roman, der poetische Stromschläge erzeugt. Erinnerungen an „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ werden beim Lesen wach. Der Versuch der inneren Befreiung, der Weg zur eigenen Stärke und die Suche nach Glück gehen hier einen schmerzerfüllten Weg. Ein lesenswertes und bewegendes Werk, das aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein übersetzt wurde.

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Eugenia Senik: „Das Streichholzhaus“

Der Text wirkt nüchtern und ist es dann letztendlich nicht. Es ist eine beeindruckende Lektüre über Menschlichkeit und zählte 2019 zu den besten ukrainischen Büchern (PEN Ukraine). Seit 2022 liegt nun die deutsche Übersetzung von Matthias Müller vor. Das Werk wird aufgelockert durch passende Illustrationen von  Serhii Kostyshyn. Der Blick verweilt auf Obdachlosen und gibt diesen Menschen ein komplexes Gesicht.

Der Roman ist gleichzeitig ein Blick auf die Gesellschaft. Die beschriebene Gesellschaft ist durch Konsum und Wegwerfgedanken geprägt. Auf der einen Seite die Sucht nach Belohnung, nach Objekten, die sinnvoll den Alltag verschönern, aber auch erleichtern und doch schon später ihren Zweck überholt zu haben scheinen. Diese Dinge sind es, die die junge Frau sortiert, einschätzt und wieder dem Kreislauf zuführen soll. Eine Heimgemeinschaft im Westschweizer Jura führt Haus- und Wohnungsräumungen durch. Obdachlose, die in diesem Obdachlosenheim gestrandet sind, werden Zeugen der Überflussgesellschaft. Sie sichten, reparieren die gebrachten oder abgeholten Dinge und verkaufen diese im eigenen Laden.

Die Erzählerin, Anna, ist eine junge Frau aus der Ukraine. Ihr fällt es schwer zu sagen, wie es kam, dass sie plötzlich mittellos wurde. Die Arbeit erfüllte sie nicht und sie hatte gekündigt und verlor dadurch ihre Wohnung. Sie hatte ihr Lebensfeuer verloren. Da sie ihren Platz in der Gesellschaft und auf der Erde noch nicht gefunden hatte, war es ihr egal, wo sie obdachlos war. Sie wollte frei sein und landete in der Schweiz.

Dies war ihr Weg in das Obdachlosenheim, wo sie in die Heimgemeinschaft integriert worden ist. Nicht nur die weggeworfenen Dinge erhalten durch die Gruppe ein neues Leben, sondern auch die agierenden Menschen. Die Mitbewohner haben alle ihre Geschichten, die die Erzählerin nun sammelt und festhält. Aus verschiedenen Regionen und Ländern kommen sie und haben alle eine bewegende Vergangenheit.

Die Autorin hat mehrere Monate selbst in diesem Obdachlosenheim verbracht und widmet das Werk den Menschen und ihren Geschichten. Jede ist ein Puzzlestein, ein Streichholz eines gesamten Gebäudes. Das Werk aus der Ukraine ist ein lesenswertes Buch, das den Blick an den Rand unserer Gesellschaft wirft.

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Éric Henninot: „Die Horde des Windes“

Graphic Novel von Éric Henninot nach dem Roman von Alain Damasio.

Die Visionen von Alain Damasio begeistern und die Charaktere und Handlungen seiner Werke verstehen zu fesseln. Die Texte verzaubern die Realität und man gerät in einen Leserausch, der jeweils bis zum Ende anhält. Wenn man sich auf die Werke einlässt, wird man sehr belohnt. Handlung und Sprache hinterlassen übersprudelnde Gedankenbilder. Ein visueller und anspruchsvoller Spaß.

„Die Horde des Windes“  Graphic Novel von Éric Henninot nach dem Kultroman von Alain Damasio. Übersetzung von Tanja Krämling. Splitter Verlag. Insgesamt sind es drei Comic-Bände.

Mit diesem Werk wird man Hordler! Die Hordler sind eine Gemeinschaft. Sie sind mehr als eine Familie. Es ist die 34. Horde. Ihr Ziel ist es, die mystische Quelle des Windes zu finden. Ein Wind, der ohne Unterbrechung über die Welt hinwegfegt. Ein Sturm, der beständig aus einer Richtung bläst. Mal weniger stark, mal tödlich, aber immer gegenwärtig.  Golgoth marschiert vorneweg, hinter ihm Sov, der Schreiber, dann der Rest.  Vor 27 Jahren, als sie noch Kinder waren, sind sie aufgebrochen. Ihr Ziel rückt langsam, aber spürbar näher. Nach mysteriösen Begegnungen steht die 34. Horde vor ihrer härtesten Prüfung, die Durchquerung der gefürchteten Lache von Lapsane. Schafft es Sov, sich gegen den wachsenden Irrsinn von Golgoth zu behaupten? Gibt es das erlösende Ziel? 33 Horden haben es vor ihnen nicht geschafft – seit 800 Jahren …

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Zur Erinnerung an den Leseschatz von Alain Damasio: „Die Flüchtigen“. Matthes & Seitz Verlag. Übersetzung von Milena Adam. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Dieser phantastische Realismus spielt in einem nahen zukünftigen Frankreich. Die Technologien beherrschen den Alltag. Doch gibt es auch eine Lücke, etwas ist aus dieser digitalen Überwachung entschlüpft. Neben der visuell geprägten Welt gibt es Leben, das sich wie etwas Flüchtiges im versteckten Klangraum aufhält.  Mehr bei mir im Leseschatz.

Diese Visionen sind phantastisch gut.

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Dagur Hjartarson: „Schnee über den Buchstaben“

Diese Lyrik ist bodenständig und entzieht sich nicht dem Leser. Es sind Gedichte, die wie jede Lyrik, etwas ganz Persönliches sind. Durch die Thematik und die nahbare Sprache fühlt man sich mit den Texten schnell verbunden. Das Buch „Schnee über den Buchstaben“ beinhaltet zwei Gedichtbände, die um die persönliche Erfahrung und das Zusammenleben einer Familie kreisen. Die älteren Werke haben etwas Verletzliches, sogar von einer Angst durchtränktes. Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen. Alles wirkt zerbrechlich und von einer Vergänglichkeit berührt. Die poetische Sicht verändert sich in Folge. Nach dem Teil „Die Hirnoperation“ folgt das „Familienleben auf der Erde“ und der intime Blick in das familiäre Innenleben wächst in die Betrachtungen des Umfeldes.

Der Titel „Schnee über den Buchstaben“ ist als Zeile dem Gedicht „Die Stadt“ entnommen. Der Tumor als namenloses Grauen verschwindet und die Lebensfunktionen erwachen. Das Bild vom Schnee, der auch etwas Vergängliches hat, verdeckt hier die Buchstaben und somit die Sprache. Schnee, der in seinem Zustand aber niemals bleibt, sondern sich auflöst und das Darunterliegende frei gibt. Reiner Schnee, der durch das Umfeld schmutzig wird und die Färbungen des Umfeldes annimmt. Dieses Bild passt zu den vorliegenden Texten, die sich stückweise im Leser entfalten und chronologisch gelesen ein gesamtes Werk mit einem komplexen Bogen darstellen.

Die Gedichte lesen sich schön und verstehen es, durch ihren eigenen Klang den Leser an sich zu fesseln. Die Werke offenbaren den Wunsch nach Schutz und familiärer Wärme. Der Verlust des Halts und das Erkennen, dass alles vergänglich ist, bringen diese Lyrik in eine Anfangsstimmung, die sich daraus löst und eine poetische Weltsicht offenbart. Dabei bleibt alles naturverbunden und dem Alltag niemals entrückt. Auch wenn die Texte etwas Verzauberndes haben, sind sie nüchtern und dem gegenwärtigen Erleben entsprungen. Das Nüchterne und Bodenständige machen den großen Reiz dieser Werke aus.

Diese lyrischen Entdeckungen kann man zweisprachig erleben. Die isländischen Originaltexte stehen der gelungenen Übertragung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer gegenüber.

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Marianna Kurtto: „Tristania“

Eine vulkanische Pirateninsel als Handlungsort des Romans, der die Figuren auf eine innere Irrfahrt schickt. Es geht ums Ankommen und Heimat finden  – in der Landschaft, dem Land und innerhalb der Familie. Stets lauert in den Zeilen etwas Verborgenes. Etwas, das unter der Oberfläche versteckt ist. Ob es aber ein Schatz oder vernichtende Lavaströme sind, wird sich während des Handlungsverlaufs zeigen.

Durch den Perspektivenwechsel und in einem verzaubernden literarischen Rhythmus baut sich langsam ein ganzes Universum auf, das auf einer kleinen Insel im südlichen Atlantischen Ozean angesiedelt ist. Mit einer gekonnten Reduktion wird ein stiller und beeindruckender Roman erzählt, in dem die Charaktere vor einer kargen Kulisse auf mehrere Ausbrüche zusteuern.

Die meisten Menschen führen ein bescheidenes Leben in der rauen Natur. Die althergebrachten Lebensgewohnheiten treffen auf die moderne Entwicklung, die sich auf der Insel nur erahnen lässt. Viele wünschen sich ein anderes Leben und träumen sich von der Insel fort. Lars verlässt oft die Heimat und fährt als Fischereihändler raus. Auch reist er häufig in das ferne England und in London erspürt er einen Neuanfang, als er Blumen für seine Frau kaufen möchte. Er verliebt sich neu und verschwindet einfach. In seiner Heimat, auf der Insel, lässt er somit seine Frau und seinen Sohn Jon zurück. Martha, die Lehrerin von Jon, träumt auch von etwas anderem. Sie schaut den Schiffen hinterher und will am liebsten mit diesen weg. Sie ist mit Bert verheiratet, der anscheinend das einfache Leben für sich akzeptiert hat. 

Lise, Lars Frau, wartet auf dessen Heimkehr. Als dieser nicht kommt, muss sie mit Jon das Leben alleine meistern lernen. Im Roman brodelt beständig etwas im Untergrund. In den Beziehungen zueinander, in der Gesellschaft und letztendlich in der Erde. Die Handlung spielt um den Schicksalsmoment, der die Insel Tristan da Cunha im Oktober 1961 erschüttert. Am 8. Oktober 1961 bricht der Vulkan aus und es kommt zu Erdbeben, Felseinstürzen und Lavaströmen. Können alle gerettet werden, besonders Jon, der plötzlich verschwunden ist?

Die Menschen sind alle mit der Insel verbunden. Sie werden durch die Erdaktivitäten und die persönlichen Wünsche auf die Probe gestellt. Die Familien zerreißen und müssen sich neufinden. Das Besondere am Buch sind die Lebensumstände auf der rauen und kargen Insel mit ihren steinigen Wegen. Im Handlungsverlauf wird einiges lediglich angedeutet, manches sogar ausgespart, dies macht die Kluft innerhalb der Gemeinschaften und letztendlich auch in der Natur deutlich. Die Entbehrungen, das Sehnen und die inneren und äußeren Explosionen setzen den Spannungsbogen. Die einzelnen Geschichten bewegen und werden durch eine bildreiche und zart poetische Sprache getragen. Der Handlungsort, der an Piratengeschichten erinnert, wird zum Schauplatz des stillen, melancholischen und wunderschönen Romans. Es ist das erste Werk der finnischen Autorin Marianna Kurtto, das ins Deutsche übertragen wurde. Die wunderbare Übersetzung stammt von Stefan Moster.

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