
Malin C. M. Rønning führt mit ihrem neuen Roman thematisch weiter aus, was sie bereits mit dem vorherigen Roman „Skabelon“ begonnen hat. Skabelon ist die Schablone für die Sichtweise eines Kindes. Ganz behutsam, sehr feinfühlig und subtil beschreibt sie über Erfahrungen und Erlebnisse aus der kindlichen Perspektive. Mit „Das zwölfte Haus“ ist es der Blick der Erwachsenen auf die Kindheit. Die körperliche Gestalt erhält eine weitere Form und Ummantelung hinzu, das vermeintlich schützende Heim. Durch mehrere Umzüge der Erzählerin bezieht sie gerade ihr zwölftes Haus und durch eine Nachricht begibt sie sich auf eine Reise zurück in die alte Heimat und gedanklich in ihre Vergangenheit. Die emotionale Reise ist wie beim vorherigen Werk ein Wechselspiel aus Umfeld, Innenleben, Seele und Körperlichkeit. Der Titel kann auch als der Ort verstanden werden, der in der Mythologie für das Unbewusste und Spirituelle steht. Es ist das Haus der Intuition, des Mitgefühls und des Verdrängten.
Malin C. M. Rønning schreibt voller Empathie und Wertschätzung ihren Figuren gegenüber. Erneut ist es ein gefühlvoller Funkenflug. Dies auch wortwörtlich, denn es wird das Thema der Hexenverbrennung erwähnt und das furchtbare Bild wird umgedreht, verwandelt und neu eingebracht. Der Roman ist etwas grober als „Skabelon“, dies liegt aber auch an den Charakteren, die anders, älter und bewusster in das Drama eintauchen. Das Bewusste wird in dem Rückblick der Hauptfigur möglich, denn der damalige Blick war der eines Kindes, das sieht, aber nicht umsetzt oder versteht, was erlebt oder sichtbar ist.
Molli hat mit sechzehn Jahren das Familiäre verlassen und arbeitet in der Pflege. Sie betreut ältere Menschen. Besonders eine Bewohnerin hat es ihr angetan. Eine Frau, die immer viel Liebe bekam. Wenn man viel hat, kann man auch viel geben und das spürt und benötigt Molli. Sie meldet sich immer seltener bei ihrer Mutter und die Treffen werden auf das Nötigste reduziert. Jetzt meldet sich Karla, die Mutter, denn Bill, Mollis Bruder, liegt im Koma. Er und sein Freund wurden am Fluss gefunden, Ib, Bills Freund, hat nicht überlebt. Molli reist zurück an den Ort ihrer Kindheit. Dabei beginnt sie, sich zu erinnern und möchte von vielen Dingen, die sie damals erlebte und durchlitt, erzählen.
Plötzlich verändert sich alles in Mollis Kindheit. Die Mutter hat einen neuen Partner und sie ziehen zu diesem. Die Vorstellungen über das neue Heim, die auf den Versprechen der Mutter erwuchsen, verschwinden mit der Realität. Das neue Haus ist innerhalb eines Industriegeländes und der Lebenspartner ist herrisch, bestimmend und kontrollierend. Karla versucht stets, für ihre Kinder die Ausbrüche gering zu halten, geht dann aber auch oft auf egoistische Distanz. Selten hat Molli noch Kontakt zu ihrer besten Freundin und Bill zieht sich immer mehr in sein Kellerzimmer zurück. Dann tauchen neue Freunde, Ib und seine Schwester, auf und die Stimmung zum neuen Lebenspartner der Mutter und den Jugendlichen wird immer abgrenzender. Die Gefühlslage von Bill wird geprägt durch den Song „½ Mensch“ von den „Einstürzenden Neubauten“, der in verschiedenen Zitaten den damaligen Sommer begleitet. Die Enge, die Ängste und sich steigernde Gewalt werden ein täglicher Begleiter. Das Ventil öffnet sich, als Karla ihren Partner für Monate auf Geschäftsreise begleitet. Der in der Nähe wohnende Onkel soll einen Blick auf die Kinder haben, doch ist er keine zuverlässige oder gewissenhafte Person und es kommt zu einer Eskalation. Molli versucht, sich zu entziehen und durch gelernten, wohl naiven Schutzzauber den Wirren zu entkommen. Dabei ist sie stets Beobachterin und sieht mehr als sie versteht. Jetzt im Rückblick bekommt sie für ihre Geschichte mehr Verständnis und die Menschen in ihrem Umfeld erhalten ganz andere Gesichter oder verlieren dies sogar.
Ein wunderschöner und trauriger Roman über Vernachlässigung und um die Gefahren eingeschränkter und uneingeschränkter Freiheit. Die Einsamkeit eines Kindes während eines endlos langen und heißen Sommers aus der Erinnerung einer Erwachsenen, die durch ihr jetziges Erzählen den ganzen Umfang erfasst. Es ist der Weg aus einem trostlosen Drama heraus und das Überwinden der gewaltvollen Kindheit zu einer starken Frau. Die Selbständigkeit ist für Molli als Kind ein Begriff, den sie erst später erfüllen und begreifen kann. Der Roman wurde aus dem Norwegischen von Andreas Donat übersetzt.
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