
Geben wir freiwillig unsere Kultur auf? Kultur ist ein weitgefasster Begriff. Er beinhaltet unsere speziellen kulturellen Einflüsse und besteht aus den von Menschen geschaffenen Ideen, Kreationen, Lebensweisen und Werken, die uns prägen. Was ist uns die Kunst und die Kultur wert? Die Pandemie und die jetzigen, schnellen technischen Entwicklungen waren und sind ein Beschleuniger der negativen Wertschätzung. Meist wird auch das fertige Produkt bewertet und sogar mit ähnlichen Werken verglichen. Selten wird der Entstehungsprozess berücksichtigt. Selten die Mitwirkenden am fertigen Objekt. Oft wird zum Beispiel im Buchhandel das Druckmedium von Kunden aufgrund des Materialwerts bewertet.
Matthias Hornschuh hat ein faktenorientiertes Werk verfasst. Es liest sich als Kritik, bietet aber auch viele Lösungsansätze an. Das Buch „Wir geben auf. KI, Kultur und die Entwertung der Wissensarbeit“ ist eine für uns alle lohnenswerte Lektüre. Denn für das kulturelle Ausmaß der Entwicklung der künstlichen Intelligenz und ihrer Auswirkung ist der Text eine gelungene Zusammenfassung. Künstliche Intelligenz ist bereits in der Begrifflichkeit falsch, denn in Wahrheit bleibt nur das Künstliche standhaft. Denn es gibt keine künstliche Intelligenz ohne menschliche Intelligenz. Die Entwicklungsphase und der Lernprozess jener KI basiert auf dem zugespielten Wissen unserer Kultur. Die eingespeisten Texte, Werke, Klänge und Ideen sind menschliche Kreationen. Meist ohne Wissen oder Vergütung der Schöpfenden. Kulturschaffende, Künstler und Kulturorte leben oft von der Hand in den Mund. Nun wird diese Arbeit fremdverwertet ohne Berücksichtigung des Urheberrechts. Kultur sollte uns allen zugänglich sein, aber Kultur kann nur entstehen, wenn wir die Schöpfenden leben lassen. Auch der Begriff „Denkprozess“ bei Verwendung der KI ist irreführend, denn eine künstliche Intelligenz ist nicht kreativ oder hat keine emotionale Intelligenz, um Sachverhalte richtig zu ordnen. Sie sucht lediglich ihre Speicher nach möglichen Antworten ab. Wenn diese sich selbst lehren und keine Kontrolle mehr besteht, verselbständigt sich die Wahrheit. Auch der Missbrauch ist erleichtert. Schnell können Musik, Bilder oder Texte Verwendung finden, die abgeändert oder in anderer Sachlage eine verfremdete Realität erzeugen. Wer benutzt letztendlich wen? Wir die KI oder diese bereits uns?
Die großen Erzeuger der KI geben enorm viel Geld aus und verwenden unglaublich viele Ressourcen, haben dann aber nicht die Mittel, die kreativen Menschen, die Kulturträger, Künstler zu bezahlen, deren Werke sie einfach verwendet haben? Es benötigt wieder eine Wertschätzung gegenüber der Kunst und der Kultur. Der Weg zur Kunst muss uns etwas bedeuten. Laut Nina George reproduziert KI das Wahrscheinlichste, während Literatur vom Unwahrscheinlichsten erzählt.
Das Buch von Matthias Hornschuh zeigt die volkswirtschaftliche und existentielle Bedeutung geistigen Schaffens. Es ist die Kultur, die unsere menschliche Grundlage ist. Diese dürfen wir uns nicht nehmen lassen und sie ist kein überflüssiger Luxus. Die Debatte über die KI ist voller Missverständnisse, Denkfehler und stets zwiegespalten. Sobald eine Kritik genannt wird, wird oft jene Kritik als Fortschrittsverweigerung tituliert. Doch müssen wir immer und schnell jeden Fortschritt mitmachen und gutheißen, gerade wenn es auf Kosten der Menschlichkeit, Kreativität und Kultur geht? Wir sollten kein kopfloser Schwarm werden, der gerade noch zu schwimmen versteht, aber sein Ziel nicht mehr kennt. Wir benötigen künstlerische Ruheräume. Auch will keiner die Entwicklung stoppen, geht wohl auch kaum, doch wäre ein behutsamerer Umgang wünschenswert.
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