
In den Romanen von Markus Orths ist stets viel möglich. Sein Blick auf die Menschheit und auf die Kultur ist schräg, bunt und auch melancholisch. „Die Enthusiasten“ feiert die Magie des Wortes und steht neben dem bisher komplexesten Werk „Alpha & Omega“ in gleichberechtigter Position. Markus Orths empfindet sich keinem Genre verpflichtet und spielt stets gekonnt in und mit allen Bereichen. Dabei sind immer die Phantasie, die Kreativität und die Vermischung von Realitäten mit Fiktion die Triebfeder. Doch was passiert, wenn uns diese schöpferische Kraft entflieht oder sogar entwendet wird? Dies ist die zentrale Frage im Roman. Die Menschheit hat es weit gebracht und kann schwarze Löcher (Alpha & Omega) erschaffen oder sogar eine Künstlichkeit entwickeln, die für uns das Denken übernimmt. Die Grenzen zwischen Kunst und Künstlichkeit werden immer poröser. Auch wenn dies alle Kunstliebenden beängstigen darf und diese Einleitung düster klingt, macht Markus Orths daraus einen irren Spaß. Mit viel Witz und Liebe zum Erzählen gelingt es ihm, eine Geschichte zu erzählen, die sich eventuell selbst erzählt und dadurch die Frage stellt, was darf vom Gesagten oder Geschriebenen geglaubt werden? Buchliebhaber finden sich hier wieder und werden in dem Feuerwerk der Ideen lachend die eigenen Gedanken wiederfinden, wenn diese verloren gegangen sein sollten.
Es beginnt mit einem Blick, der keiner ist. Lediglich eine Illusion irritiert den Erzähler auf einer Bahnfahrt. Er ist einer der Enthusiasten. Er und viel andere in diesem Roman sind Menschen, die mit glühender Leidenschaft einer Sache nachgehen. Sei es die Erforschung der dunklen Materie (Alpha & Omega grüßen erneut), die Passion für das Kino, das Schwimmen, das Lesen oder das Geschichten erzählen. Alle diese mit Eifer gelebten Leidenschaften eint die Verbindung oder das Erwachsen aus dem Nichts. Beim Schwimmen geht die Mutter der Helden soweit, dass sie nur im nassen Element ist, um sich mit diesem verbunden zu fühlen, sich dem Nichts hingibt, dass sie dabei Rekorde erschwimmt ist zweitrangig. Dann ist da noch die Schwester, die die Dunklen-Materie-Teilchen erforscht und der Bruder, der mit seinen nihilistischen Film-Projekten Aufsehen oder Müdigkeit erzeugt. Seine Visionen erzeugen aus dem Nichts das Überraschende und Erschreckende, auch wenn man vorher über zwei Stunden lediglich in einer Einstellung eine Wiese betrachten darf. Aber von Anfang an. Es ist eine Familie, die Literatur und Bücher liebt. Später ist der Sohn, der Erzähler, von einem Werk so besessen, dass er sogar für den Beweis seiner Theorie um das Buch alles machen würde. Als Kinder werden sie dazu angehalten, keine belanglosen Sätze zu sprechen. Die Bitte nach Butter am Essenstisch, soll stets anders, kreativ und schön formuliert sein. Das Haus ist eine wachsende Bibliothek. Überall sind Bücher, auch im Ofen, der geleert werden muss, wenn er benötigt wird. Es gibt eine hochziehbare Ebene, die als Bücherschaukel für noch mehr Stauraum der Literatur sorgt. Es werden Geschichten erzählt und sogar aufgeschrieben und die Kinder wachsen mit dieser Phantasie auf, der sie weiterhin Raum geben, auch wenn ein Drama den ersten Schatten wirft, denn plötzlich ist die Mutter weg. Keiner weiß wo sie ist.
Jedes Jahr pilgern Anhänger von Laurence Sterne zu dessen Grabstätte. Alle lieben das Werk „Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman“. Es gibt den Glauben, das Buch, das aus neun Bänden besteht, habe eine Fortsetzung, einen zehnten Band. Dieser, als literarisches Erbe von Sterne, wäre eine Sensation. Auch der Erzähler und seine Freunde hängen dieser Theorie an. Eine zeitgleiche SMS an die Freunde und den Erzähler kündigt diesen Clou an. Ein ominöser Mensch meint, das Buch zu haben und die Expertisen bestätigen die Echtheit. Er möchte es den Enthusiasten verkaufen. Doch ist es wirklich wahr, ist es ein echter Sterne? Wo kommt das Buch plötzlich her und wie können sie es bezahlen? Alles sprudelt ab jetzt lediglich aus den Zeilen heraus, alles ist wunderbar phantastisch und die Erzählperspektiven vereinen sich, denn die Begegnung mit der Frau im Zug, mit dem falschen Blick, kann keine Zufällige sein. Als der Erzähler eine Massage bucht, unwissend wer ihn behandeln wird, trifft er sie wieder und findet ein Foto seines Bruders in ihrer Wohnung an prominenter Stelle. Spätestens ab jetzt muss er immer mehr in Frage stellen.
Das Buch lebt von den skurrilen Ideen, der Erzähllust und ist enorm unterhaltsam. Es erinnert an „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ von Flann O’Brien oder an „Das Land des Lachens“ von Jonathan Carroll, wäre da nicht die gegenwärtig literaturfressende und vermeintliche Intelligenz. Auch der Kultstatus, den einst zum Beispiel Matt Ruff mit „Fool on the Hill“ erhielt, kann nun getrost auf Markus Orths übertragen werden. Das Schöpferische gerät gegenwärtig in Gefahr und das Nichts von Michael Ende breitet sich weiterhin aus, um unsere Phantasie zu rauben und zur Lüge werden zu lassen, wie Gmork es in der „Unendlichen Geschichte“ schon damals anmahnte. Doch unsere und diese Bücher sind es, mit denen wir das Nichts aufhalten können und müssen. Es ist eine Freude, „Die Enthusiasten“ und die Liebe zum schöpferischen Erzählen für sich entdecken zu dürfen.
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