
Diese Lyrik ist minimalistisch und besteht oft nur aus einer Zeile. Dadurch ist es wie ein Winterspaziergang auf weißem Papier und die Schrift wird der Fußabdruck. Dabei ist es die Leere, die den Raum einnimmt und durch das Wort eine Fülle erhält, die alles ausfüllt. Das Monströse ist das, was in oder außerhalb von uns, oft im Du, auf uns lauert. Bleiben wir beim Bild des Winterspaziergangs, der eine Klarheit schafft und das Helle, Blendende erspürt und durch den Weg Spuren hinterlässt, die vom abgelegten Schmutz der Füße liegen geblieben sind. In diesen Zeilen dreht sich die Leere zu Fülle, das Kopflastige wird verwurzelt und die Emotionen bekommen durch die poetische Fixierung eine Schwere.
Es ist eine zweisprachige Ausgabe und die Seiten füllen sich mit Ungesagtem, Gesagtem und Gefühltem. Es ist der erste deutsch-arabische Band von Dima Albitar Kalaji. Aus dem Arabischen von Kerstin Wilsch, Leila Chamaa und Dima Albitar Kalaji übersetzt. Das Monster hat viele Gesichter: Schwermut, Schlafmangel, Patriarchat, Ausgrenzung, Einsamkeit und Liebe. Das Persönliche und das Innenleben platzen in diesen ganz kurzen Zeilen hervor, nehmen kaum schriftlichen Raum ein, um dann uns, den Körper, Verstand und unseren Kosmos zu berühren, umzustülpen oder auszufüllen. Die Distanz zum Gesprochenen, Geschriebenen, Gelesenen und Gehörten hebt sich auf und wir empfinden mit. Das Leben in der Diaspora wird mit jeder Zeile deutlicher. Bleiben wir erneut beim Bild des Winterspaziergangs, denn die Verfasserin, das lyrische Ich lernte stets auf brüchigem Boden zu wandeln, metaphorisch auf dem Eis, das jederzeit brechen könnte. Doch sie kennt die Brüche, Risse und gefährlichen Stellen. Sie benennt in ihrer verknappten Sprache das, was nicht weggebrochen ist, das was uns im Leben trägt. Oft ist es erneut ein Du.
Trauer, Verlust und Wehmut stehen neben Mut, Liebe und Vertrauen. Die Leere erfüllt das ganze Herz und verklärt dabei nichts. Die Lüge wird ausgesprochen durch das ausgewählte Du und die Traurigkeit fällt auf uns herab wie Regen, der nicht fällt. Die Wahrheiten sind in der monströsen Betrachtung oft die Hälfte der ganzen Lüge. Letztendlich ist dies ein Versuch, die Umstände, die Welt, die Menschen und sich selbst in diesem Raum zu begreifen. Das erzählende Ich stellt die Frage: „Wie kann das, was ich bin, so weit entfernt sein von dem, was ich bin?“. Licht taucht aber immer auf und zeichnet die Dunkelheit weg, um das Leben mit Illusionen zu würzen. Diese Gedichte bekommen eine Stimme, die in uns zu zittern beginnt, immer wenn wir diese lesen.
Eine Sammlung an Gefühlen, Gedanken, die in kurzen prägnanten Worten dem Fremden Vertrauen schenken. Lyrik ist die Kunst, das Wesentliche stehen zu lassen, alles andere, das Beiwerk zerfällt. In dieses Buch kehren wir oft heim, um den und unseren Monstern entgegenzutreten.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV