
Ein weiteres Puzzlestück aus der Welt von und um Annie Ernaux. Es geht um Eifersucht und um die Besessenheit, mehr über die neue Frau im Leben des ehemaligen Lebenspartners zu erfahren. Dabei hat sie ihn vor wenigen Monaten verlassen. Die Erzählstimme beendet aus Überdruss und aus einem Freiheitswunsch die Beziehung nach sechs Jahren. Sie halten noch Kontakt, telefonieren und sie sucht morgens beim Aufwachen seine Körperlichkeit. Doch da ist diese Leere und dann, eines Abends, ruft er an und teilt ihr mit, dass er seine kleine Wohnung aufgibt und mit einer anderen Frau zusammenzieht. Seitdem zieht sich das Leben der Erzählerin innerlich zusammen. Sie sind kein Paar mehr, sie hat es gewollt und doch kreisen nun ihre Gedanken und Gefühle um die neue Situation. Die Unbekannte ist es, die sie einzukreisen versucht. Sie möchte ein Bild erhalten. Sie kennen und mit sich vergleichen dürfen. Die andere Frau füllt ihren Kopf und die Brust aus. Die Frau beschäftigt sie und sie ist regelrecht von ihr besessen. Das Tägliche bekommt sie kaum mit, die Nachrichten und die Ereignisse blendet sie in dieser Zeit gänzlich aus. Überall ahnt sie die andere Frau, meint und hofft, ihr zu begegnen. Wenn sie in deren Wohnbezirk tritt, auch aus triftigem Grund, empfindet sie es als unangenehm. So erklärt sich eventuell auch der eigentliche Titel „Besetzung“ der an Kriegszeiten erinnert und dennoch den psychologischen Prozess der Erzählstimme wiederspiegelt. Denn ihr Empfinden ist ein sehr körperliches und der Schmerz besetzt den Verstand und den Körper. Die Empfindungen steigern sich in ungesunde Phantasien.
Die Grande Dame der literarischen Miniaturen gewährt uns erneut einen privaten Blick in ihr Leben, das durch die Bezüge, wie alle ihre Werke, ein Sinnbild der Gesellschaft ist. Auch wenn es Literatur ist, schöpft die Meisterin aus ihrem Lebensfundus. Wie immer bei ihren wunderbaren Werken. „Die Besessenheit“ ist ein sehr kräftiger Text, der uns mitfühlen lässt. Im knappen Raum öffnet sie erneut ganze Welten. Das Schreiben ist für sie, so schreibt sie selbst, eine Möglichkeit, das zu retten, was schon nicht mehr ihre Realität ist. Sie sucht mit Eifer die Wirklichkeiten, um diese in ihrer Literatur lebendig werden zu lassen. Dabei ist das ganz Private immer eine öffentliche Darstellung. Ihre Literatur sind Aufarbeitungen von Lebensmomenten, die immer Tabuthemen fokussieren. Daher zählt sie einfach zu den bedeutendsten Gegenwartsstimmen der französischen Literatur. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Sonja Finck.
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