Nassir Djafari: „Tausend Fenster“

„Tausend Fenster“ ist der vierte Roman von Nassir Djafari und behandelt wieder seine großen Themen: Exil, Fortgehen, Flucht und die politische, gesellschaftliche und familiäre Verbunden- und Zerrissenheit. Seine Werke sind tolle, zugängliche Prosa, die eine menschliche Aktualität hat und gerne von einer breiteren Leserschaft erfasst werden sollte. Die Handlung nimmt einen sehr fesselnden Verlauf und die Spannung steigert sich gleichzeitig mit der Empathie zu den Figuren.

Djafari wurde 1952 im Iran geboren und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Nach seinem Studium ist er aktiv für die internationale Entwicklungszusammenarbeit tätig und durchdringt dadurch die Fragen um Herkunft, Identität und Zugehörigkeit. Er schreibt über das Fortgehen und Ankommen, das Leben zwischen den unterschiedlichen Kulturen und den Spannungsfeldern der Politik, der Umbrüche und der Familie. In seinem neuen Roman geht es nicht um den Iran, sondern um die Tschechei und dieser spielt im Jahr 1972, nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings. Die Handlung wechselt fast mittig die Perspektive und das Bild vervollständigt sich. Denn gleich am Anfang wird ein Spannungspunkt gesetzt, der uns regelrecht an die Geschichte fesselt.

Pavel Horak ist mit Jana verheiratet und als Journalist tätig. Durch die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche gerät er in den Fokus, verliert seine Arbeit und wird drangsaliert. Letztendlich darf er nur noch bei der Müllbeseitigung tätig sein. Der Fluchtgedanke ist ein täglicher Begleiter und die Absichten verfestigen sich. Ein Schleuser ist bezahlt und der Plan steht. In einem umgebauten Auto soll es über die Grenze nach Westdeutschland gehen. Der Fahrer wird erst Pavel transportieren und dann zurückkehren, um Jana zu holen. Pavel steigt ein, beziehungsweise  klettert in den entsprechenden kleinen Hohlraum und schafft es nach Nürnberg. In einem Hotel wartet er nun auf die Ankunft seiner Frau. Das Warten ist er gewöhnt, doch die Anspannung nimmt zu, ob die Flucht auch Jana gelingen wird. Nach einem kurzen Spaziergang, um die Nerven zu beruhigen, kehrt er zum Hotel zurück und sieht den umgebauten Wagen vorfahren. Eine Frau steigt aus. Aber es ist nicht Jana.

Pavel zieht wie geplant weiter nach Frankfurt zu Bekannten, die bereits vor langer Zeit umgesiedelt sind. Die Angst um Jana treibt Pavel um, denn was ist seiner Frau passiert? Wurde die Flucht vereitelt? Wollte sie gar nicht mit und wer ist die fremde Frau? Der Schleuser verspricht zu helfen und eine Zeit des Wartens bricht erneut an und Pavel beginnt, gedanklich sein Leben zu durchdringen. Der Perspektivwechsel kehrt dann zu Jana, die von ihrer Ehe mit Pavel erzählt und von ihrer starken Bindung zu ihrer aufmüpfigen Schwester, die immer wieder in Schwierigkeiten steckt.

Diese Literatur verdeutlicht die politische und gesellschaftliche Enge, die Menschen zur Flucht zwingt. Durch die sofortige Spannung will man einfach erfahren, was passiert ist. Die Handlung baut sich großartig erzählt auf, denn durch die Erinnerungen und den Perspektivwechsel wird letztendlich alles stückweise aufgeklärt und nachvollziehbar beschrieben. Der Titel „Tausend Fenster“ ist ein Schlager, der von Udo Jürgens komponiert und vom tschechischen Sänger Karel Gott gesungen wurde und handelt von der Anonymität und Einsamkeit in den Städten. Es sind die Fenster, die Möglichkeiten zeigen, Schutz geben, aber auch Privates öffentlich machen können. So auch der Roman, er zeigt an persönlichen und individuellen Schicksalen das öffentliche Leben, das durch Politik oder Gesellschaften zu Umbrüchen gezwungen und getrieben wird.

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