
Eine Hymne an die Literatur. Steven Uhly führt uns hinters Licht. Dies ist wörtlich gemeint, denn er zeigt die Welt hinter der Literatur, die Leidenschaft des Lesens und besonders des Erzählens und Schreibens. Hinters Licht führt er uns aber auch, weil er erneut einen Charakter entwirft, der Steven Uhly heißt, also ein Autor, der sich selbst erfindet, um diese Figur in uns entstehen zu lassen und damit sind wir bereits im Thema, in der Dreifaltigkeit der Literatur. Das Erzählen, das Schreiben muss dem Schreibenden Freude bereiten, damit es beim Lesenden ebenfalls eine Freude wird. Dieser neue Roman von Uhly ist eine Liebeserklärung an die Buchwelt, an die Literatur und gehört gelesen. Er meidet dabei auch nicht die aktuellen Entwicklungen in der Literaturwelt, die sich oft um sich selbst dreht, um der gewöhnlichen Nachfrage des Marktes gerecht zu werden. Sein Hauptkern dreht sich um die Emotion, die neben der Sprache, die irreführend sein kann, eine allgemeinverständliche Kommunikation ermöglicht. Das Gefühl und die Empathie machen uns alle ähnlich und das erzählende Ich, das etwas vom Erzähler Recherchiertes nachempfindet, um es uns nachfühlen zu lassen, kommt uns näher als jede Faktenthese.
Bei seinem vorherigen Roman „Death Valley“ hat Uhly sich auch als Figur erfunden und den Kern von dem noch älteren Werk „Den blinden Göttern“ in „Nichts als Freude!“ weiter ausgeholt. Uhlys Werk kommt im Werk vor, benötigt aber kein Wissen darüber. Wie oft kann ein Schreibender sich selbst erfinden? Muss das erzählende Ich gleich dem Verfasser sein? Somit ist Literatur stets ein Tanz aus Wahrheit und Fiktion. Zu diesem Tanz lädt uns Uhly ein und hinterlässt pure Freude beim Lesen, beim Entdecken, beim Nachfühlen und Nachdenken.
Die Rahmenhandlung baut sich geschickt um die Gesprächshandlung auf, die den Kern ausmacht. Claire, Stevens fiktive Frau, nimmt an einem internationalen buddhistischen Kongress in Toronto teil. Sie ist Übersetzerin und das einzige, was sie übersetzt, sind buddhistische Texte. Steven Uhly reist mit und er trifft auf Freunde von seiner Frau, ebenfalls Übersetzer und Buddhisten, deren Tochter Autorin werden möchte. Steven wird ein Brief überreicht, der ihn fragt, ob er sich mit der jungen Frau treffen würde, weil sie erfahren möchte, wie es ist, einen Roman zu schreiben. Nicht wie man einen schreibt, sondern wie es sich anfühlt. Diese ungewöhnliche Neugier reizt Steven und er trifft sich mit der angehenden Autorin. Seine Ausführungen sind pure Leidenschaft für die Literatur. Dabei kommen dann im Handlungsverlauf Bedenken auf, weil er sich mit einer jungen Frau trifft, während seine Frau bei dem Kongress auf einen älteren Mann trifft, der ständig mit Claire flirtet. Auch die Forschungsarbeit von Claire tangiert das Zentrum der Betrachtungen auf die weltenschaffende Literatur. Doch erfindet Uhly womöglich die Handlung, die Figuren neu, um den Kern seiner Thesen um das Erzählen, um die Literatur zu bekräftigen? Er macht es zumindest mit sehr viel Freude, so dass wir nicht anders können, als ebenfalls dieser Freude zu verfallen.
Gerade in Zeiten, in denen Literatur oft ausgehöhlt wird durch eine Flut an austauschbaren Werken und beständigen Faktenchecks standhalten muss, ist es eine Freude, sich auf das Wesentliche der Literatur zu fokussieren. Literatur ist die Kunst, die uns durch Emotion und Empathie mit dem Weltgeschehen verbindet oder uns davor bewahren kann. Sie kann uns immer wieder retten. Literatur, sofern sie uns Freude bereitet, darf alles sein und darf ebenfalls alles. Egal welcher Weg beim Schreibprozess Verwendung findet, der bis ins kleinste vorhergeplante Plot, die Fixierung des Weges durch den Anfang oder die pure Triebkraft des Schreibens, das sich treiben lassen und den Figuren die Handlung überlassen, sofern die Charaktere stark genug und lebendig sind. Letzteres ist Stevens Weg zum Buch, denn er kennt die Figuren und lässt diese somit selbstbeobachtend auf dem Papier frei. Schön, dass wir das erleben dürfen. Eine unbedingte Leseempfehlung, die uns am Ende noch mit einem dünnen, feinen Gedicht überrascht.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV