
Ein literarisches Stillleben, in dem das Gefühl des Dazwischen benannt wird und der Wunsch nach Verwurzelung in einer neuen Heimat entsteht. Es sind Betrachtungen, die stets auf Übergängen verweilen, die in der geographischen Veränderung, der kulturellen und der ganz persönlichen Entwicklung beruhen. Es ist der Weg von der Jugend zum Erwachsensein, vom Ankommen und sich lösen können, um sich zu binden. Dabei schweift der Blick im Außen und im Inneren und ganz zart werden wir Zeuge von den Beobachtungen, können uns dem nicht mehr entziehen und wollen es auch nicht. Das Konzept der Anthropologie wird hier auf das normale Leben angewendet. Die Verwandtschaftsstrukturen, unsere Rituale, die Kleidung und Mode und das Lebensumfeld. Dies sind die äußerlichen Wahrnehmungen, die dann, wenn wir auf das Wesen achten, das Fundament der Gesellschaften bilden. Die Erzählerin verinnerlicht dabei, sich sowohl als Beobachterin als auch als Beobachtete zu empfinden.
Ayşegül Savaş wurde 1986 geboren und wuchs in der Türkei und in Dänemark auf. Sie studierte Soziologie und Anthropologie in Vermont und Creative Writing in San Francisco. Sie unterrichtet an der Sorbonne und lebt in Paris. „Die Anthropologen“, ihr dritter Roman, ist bereits ein großer Erfolg und wurde in viele Sprachen übersetzt. Die deutsche Übersetzung stammt von Cornelia Künne und ist ein kurzweiliger Roman voller Herz und Hinwendung an das Leben und an die Figuren. Wir können uns dem Buch kaum entziehen, denn durch die kurzen Kapitel und die weitertreibende Strudelwirkung werden wir mitgerissen. Ein Text voller Schönheit, Feingefühl, Humor und Klugheit.
Asya und ihr Freund Manu ziehen in eine Großstadt, die für alle Städte stehen könnte. Sie sind jung und sorgen sich, für das Kommende noch nicht die wichtigen Lebensregeln verinnerlicht zu haben. Ihr Leben ist noch nicht solide und von improvisieren und imaginieren geprägt. Doch wann festigt sich das eigene Leben? Wann kommen wir an und sind wer? Wo kommen wir dabei an und haben uns von wo gelöst? Diese Fragen geistern in ihren Köpfen, denn sie beginnen neu, weit weg von ihrer Familie und den Herkunftsländern. Ihre Selbstentwürfe wollen sie durch Wohnraum ausdrücken und befestigen. Alles begann aus einer Laune heraus, die nun im Alltag strandet. Sie suchen etwas, das sich nach Zuhause anfühlt. Die Ausflüge in der Stadt, die Wohnungsbesichtigungen und die Besuche eröffnen Asya das Forschungsfeld, sie beobachtet das Umfeld mit dem Blick einer Anthropologin. Sie treffen Freunde, es kommt zu Familiengesprächen und zwischen der Suche, den Unterhaltungen und dem Beobachten beginnt ein Gespür für ein Ankommen im Leben. Die Beobachtungen beginnen in einem Park und ziehen das Augenmerk aus der provisorischen zu den besichtigten Wohnungen, in Cafés und zu stillen, innengekehrten Betrachtungen und Reflexionen. Das Leben in der Großstadt und das Leben in der verlassenen Ferne gehen jeweils weiter und berühren sich. Immer mehr entsteht hierbei etwas Neues, etwas Eigenes und doch Alltägliches.
Dieser Roman lebt von den kurzen Bildern und Betrachtungen, die uns regelrecht für sich einnehmen. Mit einer Leichtigkeit und einer stimmigen Poesie wird hier das Leben liebevoll aufgebaut. Ein Buch, das uns innehalten lässt, begeistert und den Blick schweifen lässt, auf uns, unser Umfeld und auf die Menschen. Wir erkennen dabei, dass es zum Glück noch viel Schönheit gibt.
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