Melania G. Mazzucco: „Vita“

Ein dichter und cineastischer Familien- und Auswandererroman. Melanie Mazzucco recherchiert über ihre Familie, stößt auf Vita, auf die Geschichte ihres Großvaters und auf einen jungen US-Soldaten, der wiederum 1944 in Süditalien gelandet ist und ebenfalls sich mit dieser Geschichte, als Sohn von Vita, verbindet.

Eine klassische Auswanderergeschichte, die von Süditalien nach Ellis Island, New York verläuft und einen Zeitstrahl von 1903 bis in die Gegenwart umspannt. Im Frühling 1997 wurde Melanie Mazzucco in die USA mit einer Delegation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern eingeladen. Dort sollte sie, wie alle anderen, eine Rede über italienische Literatur halten. Nach der Veranstaltung wandert sie nachts durch die Metropole und landet plötzlich in Little Italy. Sie fühlte sich wie in eine Filmkulisse versetzt und sie empfand eine deprimierende Stimmung. Sie irrte weiter durch die Stadt und eine Immobilienanzeige lässt sie innehalten. Der genannte Straßenname wirkt vertraut und sie beginnt, sich an die damaligen Geschichten, die in der Familie erzählt wurden, zu erinnern. Hier war Diamante, ihr Großvater, der aus Süditalien geflohen war, gestrandet. Da sie nichts Genaues über die damaligen Ereignisse weiß, beginnt sie zu recherchieren. Dies ist einer der Erzählströme im Roman, der durch diese Abschnitte einen sehr authentischen Stellenwert erhält.  

1903 verlässt Diamante in sehr jungen Jahren sein Heimatdorf Tufo di Minturno. Es wurde die Schiffspassage nach New York für ihn gebucht und das nötige Geld für die Einreise in die Unterhose genäht. Somit ist seine Ankunft in der Ferne bereits schamhaft und erniedrigend. Er reist nicht alleine, mit dabei ist die noch jüngere Vita, deren sogenannter Vater sie am Pier erwarten soll. Vita ist mit den dortigen Erlebnissen überfordert und Diamante und sie schlagen sich von der ersten Minute selbst durch und kommen dann letztendlich doch an. Agnello, Vitas Vater, hatte den Sprung nach Amerika schon früh gewagt und sich etwas aufgebaut. Er betreibt einen Handel und eine kleine, schäbige Pension, in der Tagelöhner unterkommen können. So auch Diamante und Vita. Doch wird den beiden Kindern nichts geschenkt und sie müssen täglich hart mit anpacken und arbeiten. Es gibt keine zu harte oder zu schmutzige Arbeit, die hier zugemutet wird. Moral oder Kindeswohl sind Fremdwörter und so lernen die Kinder, sich immer mehr in dieser Welt zurechtzufinden. Dies lässt sie zusammenwachsen und doch verlieren sie sich auf ihren Wegen aus den Augen. 

1944 stößt eine Einheit von US-Soldaten nach Tufo di Minturno vor, angeführt von Vitas Sohn, der versucht die Geschichte seiner Mutter zu verstehen. Was ist aus der Zuneigung zwischen Diamante und Vita geworden? Wo sind sie verblieben? Diese Suche und die autobiographische Recherche von  Melanie Mazzucco verweben sich mit dem Hauptstrang der Geschichte. Es ist ein Roman, der einen sehr großen Wahrheitsgehalt hat, sich dann aber Freiheiten nimmt, die die Literatur zulässt. Es ist eine klassische Auswanderergeschichte, die doch einige Klischees umschifft, eine nachfühlbare Stimmung erzeugt und sehr dicht erzählt ist. Eine Familiensaga, eine Liebesgeschichte, eine Gesellschaftsstudie und der Bericht eines Aufbruchs zur erhofften Freiheit. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl übersetzt.

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