
Das Werk ist reich an menschlichen und historischen Perspektiven und beginnt mit dem Tod von Hélène Carrère, auch Carrère d’Encausse, der Mutter von Emmanuel Carrère. Es ist sein Wunsch, die großen Umbrüche des 20. Und 21. Jahrhunderts anhand der Lebens-, Liebes- und Leidensgeschichten seiner Familie lebendig zu halten. Emmanuel Carrère schreibt stets Persönliches, um daraus Literatur zu erschaffen, die das Private mit dem Gesellschaftlichen und dem Weltgeschehen verbindet. Er erschafft dadurch eine ganz eigene Literatur, eine die Genregrenzen, Länderabgrenzungen und Gedankenblockaden überspringt. Der Titel deutet die landwirtschaftlichen Zwangskollektive der Sowjetunion an, dabei geht es auf eine Familientradition zurück, denn „Kolchose machen“ bedeutet bei der Familie Carrère, wenn der Vater unterwegs war, dass die drei Kinder bei der Mutter schlafen durften. Emmanuel Carrère widmet das Buch seiner Mutter, einer Russland-Expertin und geht der Frage nach, ob er heute gänzlich umdenken muss. Das Buch belebt Anekdoten und die Ereignisse, die die Familie erlebt und auf ihren Weg gebracht hat, reihen sich nicht chronologisch, sondern eher thematisch aneinander. Es beginnt mit der Trauerfeier, einem Staatsakt, denn Hélène Carrère war eine Historikerin, Hochschullehrerin und Politikerin. Als erste Frau stand sie ab 1999 als Secrétaire perpétuel an der Spitze der Académie française und selbst Emmanuel Macron ist bei der Feierlichkeit anwesend und hält eine Rede. Diese deutet vieles aus dem Leben der Verstorbenen und ihrer Wegbegleiter an und ist der Einstieg in das kommende Romankonstrukt, das Emmanuel Carrère daraus erbaut. Emmanuel Carrère umspannt am Anfang den Weg der Familie, er zeichnet in kurzen Skizzen den vertikalen Familienstammbaum, den er nach dem Prolog immer tiefer beleuchtet. Die Reise umspannt Zeiten und Welten. Die Familiengeschichte wurzelt in Russland, Georgien, Frankreich und ganz Europa. Das Leben im Exil und die Neuanfänge zeigen, wie politische Geschichte das Persönliche beeinflusst. Das Politische ist immer privat und umgekehrt, beides ist immer im verbundenen Wandel verknüpft. Emmanuel Carrère porträtiert die Generationen seiner Familie, betrachtet immer vordergründig seine Mutter, er streift die europäischen Umwälzungen und gelangt dabei in die Gegenwart, zum Ukrainekrieg. Die aktuellen Ereignisse stehen auf den Füßen der Vergangenheit und um den ganzen Koloss begreiflicher zu machen, ist die Geschichte nötig, die dabei immer im Privaten gelebt und erlebt wird.
Beim Staatsakt, dem Begräbnis der Mutter, ist auch der Vater anwesend, der aber schon kränklich dem ganzen nur noch wenig abverlangen kann. Er verstirbt kurz nach seiner Ehefrau und in dessen Arbeitszimmer findet Emmanuel Carrère Ordner mit dessen Ahnenforschung. Dabei war die Betrachtung der Familie väterlicherseits im Vergleich zu der der Mutter sehr gering. Anhand dieser Dokumente baut Carrère nun den Roman auf und beginnt das Gerüst für den Roman zu umreißen. Sobald das Gerüst steht, fängt er an ausführlicher zu werden. Die Kapitel sind durch kleine Untereinteilungen gegliedert, die sich mit der weitverzweigten Geschichte der Familie beschäftigen. Anekdotenhaft, mit viel Humor und Hinwendung beschreibt Carrère das Leben, die Erlebnisse, das Grauen und die Liebe. Carrère möchte dabei selbst Klarheiten erlangen, denn oft hat seine Mutter eine Distanz bewahrt, die ihm als Sohn fraglich erschien. Die Mutter nahm es mit der Wahrheit auch nicht immer ganz genau, wenn es um Persönliches ging. Wie sehen wir auf das eigene Leben, auf das Leben der Familie, gerade wenn im Mittelpunkt eine Frau steht, die im französischen Exil geboren wurde und sich dann bis an die kulturelle Spitze setzen konnte? Eine brillante intellektuelle Frau, die in Kreisen der Macht verkehrte und in ihrer letzten Nacht zum „Kolchose machen“ einlädt und mit ihren Kindern das Ritual zum letzten Mal im Zimmer des Hospizes erlebt.
Emmanuel Carrères eigene Erinnerungen, die Aufzeichnungen des Vaters und die Reisen und Gespräche lassen das Weltgeschehen, das diese besondere Familie erlebte, begreiflicher werden. Somit wird dieser große Roman auch zum Teil unserer Geschichte. Das Werk ist erkenntnisreich und ein Epos, das zeigt, wie sehr uns die Geschichte zu dem macht, was wir sind. Aus dem Französischen wurde der Roman von Claudia Hamm übersetzt. Ein bedeutendes und unterhaltsames Werk, das uns alle verändern, berühren und bereichern wird.
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