
Der Stellenwert der Lyrik ist leider nicht sehr hoch, doch gibt es eine neue Zuwendung, die begrüßenswert ist. Ein Land hat daran einen besonderen Anteil. Island gilt als Literaturnation, denn hier ist die Literaturszene sehr lebendig. Die Literatur wird hier kontinuierlich konsumiert, es gibt diverse Literaturfeste und Literaturpreise. Es gibt ebenso eine enorme Kreativität und einen immensen Schaffensprozess, denn durch den literarischen Ausstoß könnte man fast schon meinen, alle Einwohner Islands schreiben. Neben den Bühnenstücken, Romanen, Sachbüchern und Erzählungen nimmt die Lyrik einen ganz besonderen Stellenwert dabei ein. Lyrik ist unverwüstlich und beständig. Poesie begleitet uns bewusst oder unbewusst durch den Alltag. Sie erscheint nicht nur in der Belletristik und der bildenden Kunst, sondern auch in der Musik. Jedes Lied, jeder Song hat Lyrics, die sich der Melodie, der Harmonie oder Dissonanz bedienen, um den Sprachklang zu erweitern.
Lyrik aus Island ist nahbarer, ist zuweilen zugänglicher und sehr geerdet. Alltagslyrik vermischt sich dabei mit großen Naturbildern, die eine Emotionalität erzeugen und die uns berühren und anregen. Mag es an der Landschaft und den isländischen Begebenheiten liegen. Hier gibt es Feuer und Eis, Felsen und sattes Grün. Zahlreiche Geysire, heiße Quellen und schroffe Küsten treffen auf eine Weitläufigkeit, die doch begrenzt ist. Die Widersprüche, die sich doch vereinen sind eine Quelle von Bildern, die das Leben manifestieren.
Lyrik, die Gedanken formt und aus gemeißelten Wörtern besteht, ist ein Raumwunder, das in der Reduktion individuelle, kulturelle und gesellschaftliche Kosmen umspannt. Um sich einen Eindruck der Formen, Farben und Klänge dieser Wortpoesie zu machen, bietet die Literaturzeitschrift „die horen“ mit dem Band 303 einen wunderbaren Einblick in die Welt der Lyrik aus Island. Die Facetten und der Reichtum der poetischen Möglichkeiten werden dabei umfasst und es kommen Stimmen vor, die preisausgezeichnet sind und unseren Kosmos zu erweitern verstehen. Zusammengestellt wurde die Auswahl von Wolfgang Schiffer, Johann P. Tammen und Florian Welling. Die Ausgabe beginnt mit „Das Alphabet des Feuers. Lyrik in Island“ und beinhaltet Poesie aus drei vorgegebenen Preiskategorien. Hierbei sei auch an die wunderbare CD-Anthologie mit gleichem Namen von Wolfgang Schiffer erinnert. Es folgt das Kapitel „Nova 2025“, in dem Florian Welling auf die Hannoversche Autor*innenkonferenz eingeht und es folgen noch weitere kleine Einblicke aus der Welt der großartigen Literatur, die Unverhofftes anzeigt und Ausblicke auf Kommendes anbietet.
Doch der Kern sind die Gedichte aus Island, die durch Bilder ergänzt werden. Es sind fünfzehn Gemälde des isländischen Malers Jón Thor Gíslason, die gleich der vorgestellten Lyrik von der Andeutung, der Betonung des Sichtbaren im Unsichtbaren leben. Auch das Titelbild der Ausgabe stammt von ihm. Ferner die Bilder von Thomas Fleckenstein, der durch seine Stillleben die Natur Islands ungewöhnlich und kunstvoll einfängt. Die versammelten Gedichte stammen von mehr als vierzig Autorinnen und Autoren, die durch die Auswahl die ganze Spannbreite an Themen, Emotionen und Formvielfalt zelebrieren. Die Übersetzungen stammen alle von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason.
Eine besondere Ausgabe der Literaturzeitschrift, die die Lebendigkeit der Lyrik feiert und einen neuen oder vertiefenden Einblick in die Sprachwelt der Poesie anbietet. Die Lyrik ist niemals still, sie ist lärmend in der Ruhe und besänftigend in der alltäglichen Raserei. Ein Reichtum unserer Kunst, die wir unbedingt in unseren lesenden Alltag einbinden müssen, denn Gedichte nehmen wenig Zeit zum Erfassen in Anspruch. Sie sollten dann auch mehr erfühlt als durchdacht werden, denn die Gedanken wachsen dann bereits in uns dank der Lyrik.
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Herzlichen Dank, lieber Hauke. Die Übersetzer-Komplizen Jón Thor Gíslason und ich fühlen sich geehrt.