
Feridun Zaimoglu gibt den Ungehörten eine Stimme und dadurch knallt das Stimmlose ganz zart in unser Bewusstsein. Die dunkle Seite des Mondes ist bereits oft besungen oder kunstvoll belichtet worden, nun schauen wir mit „Poem Noir“ auf die düstere Seite der Erde. Emotionen, Gefühle, Gedanken blitzen auf und werden durch Bilder, durch Sprache und durch Andeutungen erfasst. Dabei spielen die Sprache, die Rhythmik und das Sprachbild immer eine Rolle. Jeden Tag, so versprach es Feridun Zaimoglu in den sozial ausgeworfenen Netzen, trägt er ein Gedicht vor, einen Text, bis die Quelle versiegt. Die Quelle sprudelt und das Buch liegt vor. Es sind Miniaturen, Vignetten, Kurztexte und Gedichte, die von der Abseitigkeit erzählen. Die Wirren der Zeit, das Leben auf den Straßen geben den Klang der Texte vor. Wer den Autor kennt, weiß, Feridun swingt sich beim Lesen und Schreiben stets ein, um seinen Ton zu finden. Wer sein Lebensumfeld kennt (wir sind fast Nachbarn), sieht, fühlt und hört aus jeder Zeile das, was ihn wohl inspiriert hat. Erneut spielt er mit den Tönen und Lebensperspektiven und reißt uns sprachlich mit. Ein außergewöhnlicher, untypischer und doch ganz typischer Zaimoglu.
Die Texte tänzeln um Nähe und Distanz, um Anziehung und Abstoßung und um Liebe und Abneigung. Es sind Stimmen, die erklingen, die zum großen Bild nicht passen wollten, die Unzugehörigen. Alles wirkt wie aus Träumen, denn im Schlaf durchleben wir viele Situationen, Bilder, Visionen und Gefühlsmomente. Wie durch dunkle Wahrnehmungen speichert sich langsam in uns beim Lesen etwas ab und wir erlangen einen Blick auf das bisher Ungesehene, Verbannte und Gemiedene. Doch ist alles eine Seite unseres gemeinsamen Lebens. Im Traum reden wir mit Menschen, die es nicht gibt, wie eine der Erzählstimmen, die mit dem nicht vorhandenen Bruder über einen Blumenstrauß spricht. Figuren aus der Geschichte tauchen auf, Menschen, die zum Beispiel die Dunkelheit besetzten und verbreiteten. Menschen, die gefundenes Essen versuchen zu verspeisen, Menschen, die sterben und doch weiter atmen. Die Tage, so eine Stimme, an denen sie Kunst machte, sind vorbei. Jeder Tag ist ein neuer Tag, ist ein frischer Tag, ein anderer, fremder Tag. Fabeltiere, Wesen und Kinderspiele treffen auf die erwachsene Welt. Wir lesen, inhalieren und haben oft Angst, die erzeugten Bilder nicht gänzlich gesehen oder verstanden zu haben und doch wächst dadurch immer mehr ein Gefühl, das uns mitnimmt und lange begleiten wird. Das Unaussprechliche erhält Vokabeln, die erfassbar sind, denn unaussprechliche Wörter, so eine Stimme, schreibt man nicht auf, denn sonst würden wir unser Gesicht nass weinen. Es sind Stimmen, die keine Festigkeit haben, sie waren einst wie wir und haben verloren. Sie sind nicht gelassen, niemandem überlegen oder selbstsicher. Diese Momente zeigen das, was unsere Gesellschaften auch erleben, das was wir uns antun und sie zeigen, dass wir stets wegsehen. Diese Texte brauchen in uns eine Gärung, um sich in uns festzuschreiben.
Es lohnt sich, mit unserem Kieler Autor den Blick in die dunkle Seite des Lebens zu werfen und diese „Poem Noir“ wie einen schweren Wein zu genießen. Wohliger Schwindel, Kopfweh und Gefühlsaufwallungen sind dann garantiert.
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Hört sich gut und interessant an!