Wolfgang Böhm: „Wellenlänge“

Das Radio ist ein Tor zur Welt. Es ist das Sprachrohr für Unterhaltung, Kultur, Musik und Politik und die Wellenlänge entscheidet über welche Entfernungen das Programm empfangen werden kann. Das Radio als Empfänger der Welten, als Stimme für die Sehnsüchte, Freiheit und Leichtigkeit. Gegenwärtig verschwindet das chronologische Hören durch die beständige Verfügbarkeit der neuen Möglichkeiten. Doch geschichtlich ist es das Instrument, das oft missbraucht wurde, aber viel mehr Wellen von Freiheitsgefühlen und den Widerstand verbreitet hat. Dieser Stimme geht Wolfgang Böhm nun nach und hat einen Roman über jene Wellen geschrieben, die die Menschen verbindet. 1962 erfährt Felix auf einer Autofahrt aus dem Radio, dass seine geliebte Radiostimme, Eva, ihre letzte Musiksendung angekündigt hat. Gerade noch hat er sich über den Musikbeitrag gefreut, nun fängt es an in ihm zu rumoren und eine gedankliche Zeitreise beginnt.

Felix ist ein stiller Junge, der mit seinem Vater das sich verändernde Land beobachtet. Es ist das Jahr 1938 und das Miteinander, der Ton verändert sich und die Uniformen und die Hakenkreuzfahnen nehmen zu. Der Vater findet keinen tiefen Zugang zu Felix, der zwar Sprache und Musik mag, aber selbst im Stillen agiert. Felix Liebe zum gesprochenen Wort wird durch das Radio verdeutlicht. Der Vater hat einen Weltempfänger organisiert und er mag die internationale Musik und die lockere und kritische Unterhaltung. Das, was sie tun, bringt sie immer mehr in Gefahr. Denn das Hören von ausländischen oder sogar Sendern mit kritischen Programmen wird verboten. Es ist Evas Stimme von Radio Luxembourg, die ihn fasziniert. Sie wird zu seinem Star und Vater und Sohn versuchen sie aufzusuchen. Als es auch endlich gelingt und sie das Studio aufsuchen können, beginnt sich die Bindung zu festigen. In Eva findet er seine Stimme zur Welt und in Anna findet er seine erste große Liebe. Doch die Ereignisse verschlimmern sich und der Weltkrieg bricht aus. Er wird Funker, Anna verschwindet und Eva muss fliehen, da ihre Mutter jüdisch ist. Ihre Reise geht über Paris bis nach New York und später über London zurück nach Luxembourg. Auch die Radiowelt verändert sich. Sender werden manipuliert, okkupiert oder stillgelegt. Doch die Wellen verbinden erneut. Mit Glück überlebt Felix den Krieg und hört auf einmal Evas Stimme über den Äther. Ihre Stimme klingt wie einst, doch hat sich alles verändert. Die Leidenschaft zur Musik, zum Radio verbindet erneut die Welten. Es werden mehrere Handlungsstränge aufgebaut, und die Entwicklungen bleiben spannend. Was ist mit der Liebe zu Anna? Können Felix und Eva sich nach den Zeiten wieder sehen? Der Roman ist ebenfalls wellenförmig aufgebaut und gekonnt werden die Wogen aufgebaut, zurückgeworfen, um sich dann verbinden zu können. Das Radiohören war die Quelle für die Weltereignisse. Das freie Hören war ein geistiger Widerstand.

Ein Roman, der durch seinen Erzählstil und die feinen Figurenzeichnungen zu begeistern versteht. Trotz der historischen und düsteren Kulisse der Zeit, hat das Buch etwas sehr Positives und Schönes. Unterschiedliche Liebes- und Lebenswege begegnen uns und schlagen Wellen, die uns mitreisen und hinhören lassen.

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