Dima Alzayat: „Alligator und andere Storys“

Dies ist ein bissiges Buch. Dima Alzayat beschreibt den täglichen Rassismus und zeigt uns ganz genau, was es bedeutet, in der Fremde als Fremder zu leben. Es sind Lebenssituationen, die meist aus dem einfachen Alltag in den Abgrund driften. Dabei sind diese Geschichten voller Harmonie erzählt und ganz dicht komponiert, so dass jene gesellschaftlichen Untiefen sich ganz leise öffnen, um dann aufzuplatzen. Mit einer Originalität und einer präzisen Zielführung wird hier die dunkle Seite des amerikanischen Traums beleuchtet. Das was beschrieben wird, sind die arabisch-amerikanischen Lebenswelten und das Amerika, das seinen heutigen Ursprung in der Besiedelung, Aneignung, Ausgrenzung und Vernichtung hat. Im Zentrum steht die Geschichte „Alligator“, die auf einem realen Fall basiert. Doch der Titel dieser Story basiert auf einer Touristenattraktion im Jahr 1929 auf Musa Isle. Hier wurde ein Dorf der Ureinwohner gänzlich erneuert und zu einem Zoo mit integriertem Nachbau des Dorfes mit den Einwohnern. Hier werden die Menschen neben Tieren ausgestellt und die Hauptattraktion ist ein Kampf zwischen einem einheimischen Seminolen mit einem Alligator. Hier zeigt sich die perfide weiße Weltsicht, die sich im Laufe der Geschichte und diesen Geschichten ausbreiten wird.

Dima Alzayat erzählt über das, was aus der Geschichte verschwindet, das was erlebt, aber nicht gesagt wird. Was rechtfertigt die drastische Reduzierung der Menschlichkeit für die eigene Macht? Welchen Preis hat der Wunsch nach Zugehörigkeit? Diese Geschichten verbinden Gegenwart mit der Vergangenheit, verbinden das Zuhause mit der verlorenen Heimat. Mit subtilem und trockenem Humor erzählt Dima Alzayat über Familien, menschliche Begierden, Migration, Verlust und Gewalt. Auch wenn die Ereignisse tief zurückgreifen mögen, leben die Auswirkungen in den Familien weiter.

Dima Alzayat wurde in Damaskus, Syrien, geboren und wuchs in San Jose, Kalifornien, auf. Für ihre literarischen Texte gewann sie zahlreiche Preise. „Alligator und andere Storys“ ist ihr Debüt, das nun aus dem Englischen von Jan Karsten übersetzt wurde.

Das Kernstück der Geschichten ist „Alligator“. Es ist die Rekonstruktion eines wahren Falles und die Vielstimmigkeit wird durch Original-Dokumente, -Notizen und -Aussagen verdeutlicht. In Florida wurde 1920 ein syrischer-amerikanischer Händler gelyncht und seine Frau von der Polizei erschossen. Die weiße Sicht auf andere Menschen zeigt sich ganz unverklärt. Der vermeintliche Zuspruch, der menschlich sein soll, birgt meist wieder puren Rassismus. Die Geschichten, die sich um diese legen, erzählen von einer Frau, die ihren Bruder für seine Beerdigung vorbereitet, von Kindern, die von Entführungen hören, diese nachspielen und die Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit verlieren. Die Begebenheiten im Alltag, bei der Arbeit werden durch das Machtgefüge innerhalb der Belegschaft verdeutlicht. Besonders Frauen und Fremde müssen sich täglich gegenüber der Ausnutzung, Ausgrenzung und Anfeindung behaupten. Auch der ungelebte Lebenstraum, das innere Selbst, das nicht gesellschaftlich akzeptiert wird, stirbt leise im Alltag. Die Perspektive aus einem Callcenter auf die Geschehnisse am 11. September zeigen die Kluft zwischen Routine, Erfolgserlebnissen und die wachsende Angst. 

Lebenswitz und die Bedrohung führen in diesen Geschichten einen gelungenen Tanz auf. Ein Tanz, den wir täglich sehen können, doch oft ausblenden. Die Geschichten bewegen und öffnen uns die Augen für eine andere und doch alltägliche Welt. Mit sehr viel Empathie werden viele Menschen mit ihrer Vielfältigkeit lebendig. Alles ist individuelles Leben, das Geschichte durchlebt, erlebt und politisch ist. Ein wunderbares, wichtiges Buch, das die Schwere mit einer Leichtigkeit ausstattet und wir unbemerkt die Geschichten durchleben und dabei die Perspektiven erweitern.

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