
Was erhalten wir, wenn wir die künstliche Intelligenz umstülpen? Biologisches Sein? Was, wenn die Biosphäre umgestülpt wird? Was besteht in der modernen Technologie noch oder schon aus Natur? Das ursprüngliche Unterseekabel, das leuchtende Display und unseren ganzen Daten sind natürlichen Ursprungs. Die künstliche Intelligenz ist von uns erzeugt worden und erzeugt wiederum Leben. Eine Natur innerhalb der Unnatürlichkeit? Wo beginnt und entsteht neues Leben und wann beginnt endlich die Angst?
Dies ist der Kern der wunderbaren Weird-Fiction von Jonáš Zbořil. Also eine Literatur, die Elemente aus Horror, Fantasy und Science-Fiction auf unheimliche, aber auch poetische Weise vermengt. Flora taucht hier als Begriff, als Leben, als Lebensspender und als ein beunruhigendes Wesen auf. Doch sind es die Menschen, die es erfinden, finden, behüten und wachsen lassen. Wie gehen wir mit dem Wachstum der von uns erzeugten Intelligenzen um, die sich selbst Wege suchen, um Leben zu finden? Dies klingt alles etwas philosophisch, ist es irgendwie auch und dennoch hat der Roman eine faszinierende Leichtigkeit, Raffinesse und entwirft eine spannende Dynamik, die uns regelrecht einverleibt.
Die Wirklichkeit in diesem Roman wirkt leicht dystopisch, denn die Katastrophen sind alltäglich geworden und es gibt in der Natur verseuchte und vermüllte Sperrgebiete. Doch ist der Roman gegenwärtig und spielt nur mit verzerrten Realitätsbildern. An einem Stadtrand ist eine Steppe entstanden, diese ist schwer zugänglich, wird patrouilliert und darf auch nicht offiziell betreten werden. Hier machen Adam und Sára einen Spaziergang. Es ist ein Gebiet, wo einst Gartenanlagen und Wochenendhäuser standen. Auch die Datscha von Adams Großmutter steht hier noch ungenutzt. Wenige Menschen begeben sich hierher, später sind es einige streunende Kinder und die damalige Nachbarin der Großmutter, die in ihrer dortigen Behausung geblieben ist. Adam und Sára gehen dort in der übriggebliebenen Natur spazieren, während über ihnen der Straßenlärm rumort. Sie finden Leben, ein Gesicht mitten im Wust der Flora. Es ist ein kleines Wesen, ein Ding, wie Adam es gerne nennt. Etwas aus Natur, nicht Fleisch, nicht wirklich ein Tier, nicht nur Pflanze. Aus dem Korpus stehen Kabel wie insektoide Beine hervor. Es ist ein stilles Wesen, das kaum Leben zeigt und doch spürt Sára mehr. Das kinderlose Paar entscheidet sich, das Ding mitzunehmen und sie ziehen in die Datscha der Großmutter in der abgesperrten Region ein. Adam, der weiterhin in die Stadt fährt, um zu arbeiten, geht etwas auf Distanz, während Sára Muttergefühle entwickelt. Die Handlung geht durch die Jahreszeiten und es entwickelt sich immer mehr Leben. Sie nennen das Wesen bereits Flora und die Nachbarin und zufällig auftretende Kinder werden Zeugen. Flora agiert wenig, scheint aber irgendwie vernetzt zu sein und wird immer unheimlicher, während es kontinuierlich wächst. Seltsame Dinge passieren, tote Tiere oder Pflanzen werden lebendig. Flora zeigt Interesse, aber auch das Umfeld regt sich. Adam beginnt sich immer mehr Sorgen zu machen und fragt sich, was wirklich hinter Flora und den Ereignissen steckt.
Ein Roman, der um uns ein Gewächs ausbreitet und sehr ungewöhnlich erzählt ist. Der dezente Grusel verbirgt eine reale Gegenwart und ist vielschichtig lesbar. Die Bilder, die der Text erzeugt, und seine Themen sind vielschichtig. Es geht um Partnerschaft, Klimawandel, künstliche Intelligenz und das Gemeinwohl. Doch wirkt hier alles subtil eingeflochten und die Gedanken wachen langsam, um dann in uns zu wuchern. Der Text ist kurzweilig, durch kleine Szenen aufgebaut, die durch Illustrationen ergänzt werden.
Ein überraschendes Werk, in dem es um das Miteinander, um Empathie für Fremdes und um den Umgang mit der Natur und der erschaffenen Unnatürlichkeit geht. Aus dem Tschechischen wurde der Debütroman von Sophia Marzolff übersetzt.
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