Iris Wolff: „Leuchtende Schatten“

Iris Wolff schreibt Romane, die aus stillen Bildern wachsen und uns durch eine wunderschöne Sprache an die Lebenswege der Charaktere heranführen. Hauptaugenmerk liegt immer auf der Freundschaft, Liebe und einem Zugehörigkeitsgefühl. Die Figuren, die Iris Wolff erschafft, ob Haupt- oder Nebencharakter, sind stets alle von Bedeutung. Es sind literarische Reisen, die uns zu bestimmten Erinnerungsmomenten der Protagonisten geleiten. Anhand des Handlungsverlaufs wird die Frage aufgeworfen, was von der Geschichte, der familiären Vergangenheit den Einzelnen prägt. Gibt es eine Freiheit, ein Losgelöstsein von der Historie? Die persönliche Geschichte und Familie der Autorin ist dabei immer auslösend für die Romanwelt. Iris Wolff wurde 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen geboren. Die Familie wanderte nach Deutschland aus und 2012 veröffentlichte sie ihren Debütroman „Halber Stein“. „Leuchtende Schatten“ ist ihr zweites Werk, das nun durch den Verlagswechsel erneut in einer Taschenbuchausgabe erschienen ist. Es folgten „So tun, als ob es regnet“, „Die Unschärfe der Welt“ und „Lichtungen“, die allesamt Leseschätze sind. Vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden Ostblocks und der Geschichte des 20. Jahrhunderts spielen die Romane. Es sind feinfühlige Werke und die Sprache schwebt förmlich durch die ganzen Geschichten. Durch die poetischen Schilderungen und Charakterisierungen werden die Figuren sehr nahbar und lebendig. Mit deutlichen Bildern und einer klaren Sprache erleben wir die Verknüpfungen von Familien und deren Begegnungen in einer politisch wandelbaren Zeit.

„Leuchtende Schatten“ lässt uns ganz zart eintauchen in eine Welt, deren Wandel ganz subtil beginnt. Ganz behutsam wird alles aufgebaut, um dann den Protagonisten ihre Geheimnisse und Geschichten zu entlocken. Es spielt vor dem politischen Hintergrund des Wandels, des Krieges und des Zusammenbruchs Siebenbürgens. Dabei ist das Weltgeschehen Begleiter und Auslöser der Handlung, doch zeigt sich die Auswirkung hierbei im Privaten und Individuellen. Die Hauptthemen kreisen um die Gefühlsmomente des Schützenwollens und des selbst Schutz benötigen, Lieben möchten, aber Verlust ertragen lernen und Freundschaft halten, aber nicht binden können.

Ella wächst in ärmeren Verhältnissen auf und die Familie lebt eng zusammen. In der Schule beobachtet sie die neue Klassenkameradin, die jeden Tag ein neues Kleid trägt und wohl gerade in eine der Villen eingezogen ist. Es ist Harriet und Ella fühlt sich sofort zu ihr hingezogen. Ella ist eine Träumerin und still verliebt. Eine freundschaftliche Liebe empfindet sie auch sofort für Harriet. Während eines Badetages am See kommt es zu einem Unfall. Harriet geht übermütig schwimmen und zieht die Aufmerksamkeit auf sich und gerät dabei in Gefahr. Ella, die sofort reagiert, kann Harriet das Leben retten. Dies ist der Anfang einer Freundschaft, die sich für beide immer sehr vertraut anfühlt. Doch Harriet verschweigt etwas und ein Geheimnis umgibt sie. Durch die politischen Ereignisse der Jahre 1943 und 1944 wird die Welt für Ella und Harriet eine andere. Tiefgreifende Veränderungen, Verluste und die bisher unausgesprochene Vergangenheit beenden das Kindliche.

Familie und Freundschaft als Zeugen der Ereignisse. Das Persönliche steht dabei in dieser Literatur immer vor dem Weltgeschehen, das als Kulisse im Hintergrund die Welten verändert. Welten, die auf die Figuren einwirken und verwandeln. Die Charaktere wachsen an den individuellen Gegensätzen. Das zerstörerische Umfeld bahnt sich hierbei seinen Weg in das zarte Innenleben. Fluchträume und Identitätsbereiche sind dabei immer ein Kern der Entwicklungen. Alles wird eher durch eine Gefühlslandschaft beschrieben, die eine Leichtigkeit mitbringt, die aber nicht immer mit einer Leichtigkeit zu erfassen ist. Denn einiges wird in die Handlung wie nebenbei eingeflochten, ganz leise zeigen sich die Veränderungen. Die Werke sind von Harmonie und Schönheit getragen, die aber nicht zwingend Harmonie und Schönheit zeigen. Der Wunsch nach Freiheit und Liebe wird in jeder Szene spürbar und nimmt uns auf wunderbare Weise gefangen.

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