
Es geht um Lebensräume, Freundschaften und um das Miteinander. Freundschaften, die in Kindertagen entstehen, haben andere Bedingungen, sie sind zusammen gewachsen. Die Bekanntschaften, die wir im Leben sammeln, lernen sich rückblickend kennen. Durch das Erzählen, den rückwärtsgerichteten Blick, lernen wir uns besser kennen. Dies ist die Stärke in dem neuen Roman von Julia Rothenburg, denn die Ereignisse bauen sich kontinuierlich und durch die Rückblicke auf. Die Autorin schaut immer tief und feinfühlig in ihre Figuren und belebt diese durch ihre feine Sprache. Sie versteht es erneut, anhand der Charaktere Innenleben zu zeigen, die alltäglich sind und doch sich dem Gewöhnlichen durch die Wortkunst entheben. Ferner ist sie dabei eine ganz genaue Beobachterin von Stimmungen und lässt uns diese mitfühlen. Subtil und deutlich, schonungslos und doch auch ganz zart geht sie dabei vor. Der Roman baut sich langsam auf und erzeugt durch die verschiedenen Ebenen verzwickte Tiefen, die unsere Beziehungen prägen. Julia Rothenburg schaut mit ihren Werken immer auf das menschliche Gefüge und auf das Zusammenleben. Sie schöpft ihre Betrachtungen aus dem Kleinen, doch geht es dabei nicht um Befindlichkeiten, sondern stets um feine Bilder des sozialen Lebens.
Alice hat gerade versucht, für sich Grenzen zu ziehen und wahre Worte zu finden. Nachdem sie diese ausgesprochen hat, geht sie in der Kneipe, wo ein Treffen stattgefunden hat, auf die Toilette. Sie zieht sich erneut zurück und beginnt zu rekapitulieren und es vergeht eine Weile, bis sie das Bar-WC verlässt. Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft, die sich aus alten Schulfreundinnen, Studienkolleginnen und ganz neuen Bekanntschaften gründete. Sie arbeitet als Erzieherin und hat nach einer nicht guten Erfahrung nun eine neue Stelle in Berlin gefunden. Die WG ist ihr erster Anker und das Zusammenleben wächst langsam zusammen. Es sind Mo, Reike und Yv, die nun mit Alice zusammen wohnen und Raum im Leben einnehmen. Die verkürzten Rufnamen sind hierbei wie die Spitzen von Eisbergen, die erst beim weiteren Betrachten ein Ganzes offenbaren. Es entsteht eine Enge und Nähe, die freundschaftlich, aber auch manipulierend, vereinnahmend und bestimmend sein kann. Durch den Rückblick erfahren wir, dass etwas besonders in der Beziehung zu Yv passiert sein muss. Yv, die gleich am Anfang, beim gemeinsamen geplanten, aber nicht gemachten, Möbeleinkauf oder der Einweihungsparty ihre emotionale Unsicherheit zeigt. Etwas ist damals zerbrochen und Alice hat sich eine eigene Wohnung gesucht.
Auf der Arbeit kommt eine Kollegin zurück, die eine Zeit in Frankreich tätig war. Diese Kollegin, Christin, ist ihr sofort sympathisch und die Arbeit in der Kita lässt sie zusammenwachsen. Doch ist Christin nicht immer ehrlich und Alice befürchtet, alten Mustern erneut zu verfallen. Sie geht auf Distanz, um nicht alte Wunden zu öffnen. Gerade jetzt, wo es in ihrer Beziehung zu ihrem Freund durch die Räumlichkeit und die individuellen Entwicklungen auch zu Spannung kommt und Mo und Reike sie erneut in ihre Wohngemeinschaft einladen, weil ein Zimmer wieder frei geworden ist. Alice muss sich entscheiden und selbst für sich abgrenzen, wie weit sie Menschen an sich heran lassen möchte und kann.
Mit viel Empathie und einer einfühlsamen Sprache tastet sich die Autorin an ihre Figuren und die Handlung heran. Durch die Zeitebenen und die sich aufbauende Handlung setzt sich ein psychologisches Bild zusammen. Die Themen um das Miteinander werden dabei nicht verklärt oder trivialisiert. Dieser Roman lebt von der Sprache und den Bindungen, die wir zu den Figuren eingehen.
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