Salih Jamal: „Suki“

Ein Roman, der zeigt, wie wichtig Nähe und Verlässlichkeit sind. Der neue Roman von Salih Jamal spielt erneut mit Zwischenmenschlichkeit und schöpft sein Ideenreichtum aus dem Beobachten, dem Zeitgeschehen und den Inspirationen der Literatur. Es ist die Geschichte von Suki, die immer im Dazwischen wandelt, wie der junge Parzival, der nicht nur dem Namen nach stets mitten hindurch preschte. Denn „Suki“ ist eine Weihnachtsgeschichte, eine Liebesgeschichte, die es nur nicht wirklich weiß und beinhaltet wie bei dem Parzival eine Suche. Das Ergebnis ist das Mitgefühl und die Gabe, für jemanden da zu sein und zu bleiben.

Salih Jamal verbirgt in seinem Werk oft Anspielungen auf die Werke der Weltliteratur. „Suki“ ist trotz der Fülle ein leichter Roman, der auch für junge Leser geschrieben wurde und sich besonders als Schullektüre eignet. Der Roman erzeugt einen Raum der Stille, denn es geht um Pausen im Lärm der Zeit und er gibt keine Antworten, denn diese liegen stets in uns. Der Name Suki stammt aus dem Japanischen und bedeutet mögen, gern- oder liebhaben. Auch die Aussprache, wie es am Ende des Buches erklärt wird, beinhaltet einen nichtmitgesprochenen Buchstaben, der nur angehaucht wird. So ist auch die ganze einfühlsame Lektüre zu verstehen.

Die sechszehnjährige Suki wächst bei ihrer Großmutter in Berlin auf. Ihr Vater ist nach dem kurzen Flirt wieder nach Japan verschwunden und die Mutter hat daraufhin ein neues Leben mit einer anderen Familie begonnen. Suki spielt somit im Leben ihrer Eltern keine große Rolle und hat eine enorme Sehnsucht nach Nähe und Bindung, doch fürchtet sie sich gleichermaßen davor. Die Verlustangst und das fehlende Vertrauen steigern sich im Schultag durch die Klassendisharmonien und die Weltkrisen. Sie sucht eine innere Wärme, die sie durch den Konsum von Zucker zu überbrücken versucht. In der Schule hat sie eine Freundin, die ebenfalls eher am Rande der Gruppendynamik steht. Den Halt kann Suki lediglich bei ihrer Oma finden, die versucht für sie ein Heim zu schaffen. Doch die Räumlichkeiten sind drinnen wie draußen immer durch etwas Künstliches geprägt. Neonlicht wirft seine Schatten auf die winterliche Großstadt. Die Handlung ereignet sich an wenigen Tagen um Weihnachten und Neujahr.

Die verletzliche und trotzige Suki fällt in der Schule durch ihren persönlichen Zwischenruf zu Kafkas „Die Verwandlung“ auf. Ihre Lehrerin Anna Fischer wirkt ebenfalls in ihrer Lebenssituation verloren und kann in Suki etwas erkennen. Sie empfindet sich auch nicht als Mensch, die retten möchte oder kann, aber sie kann da sein. Durch einen Unfall stoßen beide zusammen und Frau Fischer bringt Suki in die Klinik. Doch es ist nichts, was wenige Stiche nicht beheben können und doch hat dieser Wendepunkt die beiden Frauen zueinander geführt. Frust und Unverständnis führen zu einer Emotionsverwirrung, deren Entladung sich in einem spontanen Steinwurf zeigt. Suki beobachtet ihre Lehrerin auf dem Friedhof und möchte verstehen, was in ihr vorgeht. Doch ist es wiederum die Lehrerin, die fragt: „Was fehlt Dir?“. Es entsteht zwischen den beiden eine Zerbrechlichkeit und Nähe. Beide erfahren, wie wichtig es ist, dass jemand bleibt.

Somit ist Suki eine moderne Parzivalgeschichte, die den Fischerkönig (Anna Fischer), die Bluttropfenszene und die Gralsfrage beinhaltet. Doch ist es nicht ganz so pathetisch und ritterlich, denn die Rettung und das Finden ist immer ein leichter Weg, den wir leider oft nur übersehen. Die Trauer, die in den Figuren ist, wird erfahrbar, hat aber nicht immer ein erklärendes Warum anzubieten. Somit liegt das Erkennen, die innere Umwandlung der Kälte in der Mitmenschlichkeit. Die Empathie und die Wahrnehmung sind genug, um das Gegenüber zu erfassen, doch bedarf es Geduld und Standhaftigkeit, um auch die Bindungen zu halten. Gerade in der Gegenwart sind somit solche Texte von Bedeutung und können, besonders für jüngere Lesende, eine große Bereicherung sein. Der Mangel an wahren Begegnungen ist das Fundament unserer Vereinsamung und ein einfaches Händehalten oder Bleiben ist oft bereits genug. Das was in der Handlung passiert, geschieht oft im Leisen, im Ungesagten und Unsichtbaren. Dennoch ist der Bilderreichtum groß und es gibt vieles in diesem Märchenbrunnen zu finden.

Salih Jamal hat erneut einen Roman geschrieben, der durch seine Bildkraft wirkt. Seine Themen sind zeitlos und hochaktuell. Trotz des Blicks in die Gegenwart und in das Zeitgeschehen, verbindet Jamal seine Betrachtungen mit alten klassischen Werken, wie bei Suki mit Wolfram von Eschenbach, Franz Kafka oder Erich Kästner.

Danke, daß ich Wegbegleiter des Romans sein durfte und ebenfalls erneut auf der Rückseite zitiert werde. 

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