
Wir wohnen und leben sehr zurückgezogen und die Ausgehkultur schwindet zunehmend. Somit leben wir in unseren Waben, wie Bienen in Wohnstöcken und doch verbindet uns der Lebensraum und wir sind lediglich durch dünne oder dicke Wände getrennt. Wände, die doch viel durchlassen und das jeweilige Private, Intime und Individuelle wird unbemerkt durch eine gleichmäßige Durchmischung von- und miteinander beeinflusst. Diese Durchmischung passiert durch das kurze Treffen im Treppenhaus, im Hof, beim zwangsläufigen Mithören, bei der Paketannahme und den gemeinsamen Fahrstuhlfahrten. Wir haben viele Berührungspunkte und diese beleben den Debütroman „Wand an Wand“. Ein Großstadtroman, der die kleinen und großen Dramen des Lebens andeutet. Wie kleine Kammerspiele, die sich zusammensetzen und einen Einblick in das Gesellschaftliche geben. Es sind längere Szenen aus unterschiedlichen Perspektiven eines Wohnkomplexes in Berlin, die bühnenreif wirken und die Tiefe zulassen, aber dann auch die Oberflächlichkeit unserer Zeit zeigen. Die Dialoge zeigen eine Sehnsucht nach Verständnis, eine Hoffnung auf schnelle Verabschiedung oder ein zynisches Überheben des Selbst. Alles ist innerhalb dieser und unserer Gesellschaft erlebbar. Die Spanne geht vom melancholischen Rückzug bis hin zur narzisstischen Selbstdarstellung. Alle hoffen auf Verbesserung der Lebenssituation, auf bessere Arbeit, besseres Gehalt, besseren Sex oder eine bessere Familie. Der ganze Mikrokosmos ist stets im nahen Umfeld zu erleben, alles spielt sich bei uns ab, Wand an Wand sozusagen.
Maja Zade zeigt einsame, verletzte Menschen, die wir alle liebgewinnen. Menschen, die meist in der Gemeinschaft doch einsam wirken. Im Mittelpunkt steht ein Wohnhaus in Prenzlauer Berg mit seinen Etagenwohnungen, die gemietet oder gekauft sind, mit den Hofgebäuden und den anliegenden Geschäften. Hier treffen wir auf unterschiedliche Gestalten, die alle in ihrem eigenen Universum leben, das innerhalb des Kosmos der anderen seine Bahnen dreht. Es gibt Überschneidungen, Wiedererkennungen und eine gemeinsames Fest. Auch den Blick von gegenüber erhaschen wir und sehen Menschen, die gleichzeitig auf ihren Balkonen untereinander rauchen und sich unbemerkt gleich verhalten. Eine Frau betreibt im Haus eine Massagepraxis und kann ihrem Bruder nicht verzeihen, dass er ihr damals ihre Freundin ausgespannt hat. Eine der Bewohnerinnen arbeitet in einem luxuriösen Hotel und wird von ihren Kollegen zu Promispielen und in dubiose Situationen gebracht. Keanu Reeves und sein Doppelgänger tauchen auf und haben ihre ganz eigene private Lebensmatrix. Ein alleinerziehender Mann, mit einem kleinen Säugling, trauert seiner Ehe nach, denn seine Frau hat ihn sehr abrupt verlassen. Eine Autorin, die eine Schreibkrise versucht zu überwinden, sorgt sich um ihre an Krebs erkrankte Freundin, deren Tochter sie in Folge bei sich aufnimmt. Ein Männerpaar zieht in eine frei gewordene Wohnung und erhält Besuch von der Tochter aus einer vorherigen Ehe und sie werden dadurch von vergangenen Verletzungen und Enttäuschungen heimgesucht. Die Menschen leben miteinander, aneinander vorbei und fliehen in ihre Tagträume und Hoffnungen. Ein gemeinsames Essengehen mit einem alten Freund aus Kindheitstagen stellt die damalige Gemeinsamkeit sehr in Frage, denn der gute Freund ist ein Rassist geworden. Hier wird das Geflecht des Lebens auf wunderbare Weise sichtbar gemacht. Ein Wohnhaus mit zwei Höfen, dem Hinterhaus und einem Kastanienbaum wird die Kulisse für die fast alleinstehenden Ereignisse, die durch die Fenster, Wände und Türen auf die anderen und uns eindringen und auf uns einwirken. Diese Vielstimmigkeit erschafft viele Spannungsbögen und eine Nähe zu den Charakteren, die wir alle an uns heranlassen und über die wir mehr erfahren möchten. Es wird viel Wein getrunken, der den Schmerz betäubt, die Hemmungen zu sprechen löst und die Welt durch die fernen Anbauregionen noch mehr sinnlich ausdehnt. Die Wohnwelt als Bühne. Das Theater wird auch besucht, aber die Figuren sich über den dortigen Bühnensalat nur wundern können. Somit steht das Staunen, neben den Wundern, das Lachen neben dem Weinen. Das ganze Gefühlsdrama wird wunderbar ins Rampenlicht gestellt. Wir erfahren so viel wie nötig, denn diese Wände verschlucken auch einige Worte und es bleibt einiges somit ungesagt oder unbelebt, um dann in uns weiterzuleben.
Der Vergleich mit einem Bühnenstück ist passend, denn Maja Zade ist Dramaturgin und versteht es ihre Theatererfahrung in Literatur zu verwandeln. Diese Minidramen sind voller Leben und Lebendigkeit. Alle Perspektiven sind aus der jeweiligen Ich-Perspektive erzählt und nehmen den passenden Sprachklang des Erzählenden-Ichs an. Ein bewegender, melancholischer, zeitgenössischer und stets komischer Blick auf unseren Alltag. Es ist keine Sammlung an diversen Erzählungen, sondern wenn wir in diesen Kosmos eintauchen, verbindet sich alles immer mehr miteinander und letztendlich auch mit uns, um auch uns irgendwie zu verwandeln. Zumindest der Blick auf das Umfeld wird ein anderer. Ein wunderbarer Debütroman.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV