Alexander Häusser „Kurze Tage des Glücks“

Alexander Häusser vermag mit wenigen Skizzen eine Stimmung zu erzeugen, die uns ganz für den Roman einzunehmen versteht. Es ist eine Geschichte über Liebe, Verlust und den Mut, seinen Platz und seine Stimme wiederzufinden und zu bewahren. Erneut geht der Roman von Alexander Häusser weit über einen üblichen Familienroman hinaus. Es ist die Menschlichkeit, die in diesem Roman im Mittelpunkt steht und etwas Licht in dunkle Stunden hereinbrechen lässt.

Annegret lernt Richard auf einer Friedenskundgebung kennen. Es sind die 1930er-Jahre und die Nationalsozialisten greifen nach der Macht. Richard hat durch den vorherigen Krieg einen Verlust erlebt, der ihn nun politisch werden lässt. Er ist als Drucker tätig, druckt und verteilt Flugblätter. Dieser Mut fällt Annegret positiv auf. Sie wuchs auf einem Hof auf und wurde in der Familie als Töffel bezeichnet, die einen Kopf und Hände hat, aber diese nicht gebrauchen kann. Somit wächst sie mit beständigen Hindernissen und Selbstzweifeln auf. Sie arbeitet in der Fischindustrie als Fischfrau und findet auf der Friedenskundgebung ihr unverhofftes Glück. Richard ist Besucher seiner Stammkneipe, die sie ausfindig macht und ihre Liebe ihren Anfang nimmt. Das Umfeld verändert sich immer mehr und Richard arbeitet nun in einer Druckerei, die auch für die Regimepresse druckt und er sich damit in seinem Freundeskreis nicht beliebt macht. Er steht den politischen Strömungen sehr skeptisch gegenüber, will aber für seine Familie aufkommen können. Seine Stimmungen ertrinkt er oft in der Bar und bei seiner Bekannten, die auch Freier empfängt. Annegret und Richard sind Eltern von Karl, der leicht autistische Züge trägt. Er vermeidet es, auf Fugen zu treten und fällt in der Schule als lernschwach auf. Der Roman beginnt am Tag des Unglücks. Als Annegret mitgebrachte Fischreste zubereitet, fällt ihr ein loser Knopf auf, aber ihr fehlt Nähgarn. Also brechen sie und Karl kurz auf, um einzukaufen. Karl sieht etwas, rennt auf die Straße und verunglückt tödlich. An diesem Tag zerbrechen das Glück und die Liebe. Richard flieht vor dem Schmerz und Annegret versinkt in tiefe Apathie und wird kurz in einer Klinik untergebracht. Als sie das Klinikum verlässt, steht ihr die Nachbarin weiterhin zur Seite, aber die Welt hat sich für die Familie und im politischen Umfeld gänzlich geändert. Hakenkreuzer, wie sie in Annegrets und Richards  Umfeld genannt werden, patrouillieren und kontrollieren die Szenerie. Richard ist ganz in seinen Trauer und Schmerz geflohen, während Annegret ihren Trost und Halt bei dem hilfsbereiten Erich findet. Als sie für Erich Gefühle entwickelt, kehrt Richard zurück, da auch ein Freund, der das Land verlassen muss, Hilfe benötigt. Annegret muss schwere Entscheidungen treffen.

 Dieser Text nimmt uns durch die schöne, aber auch zugängliche Sprache gefangen. Die Charaktere sind lebensnah und lassen uns deren innere Kämpfe regelrecht mitfühlen. Die Handlung spielt zu dunklen Zeiten, die immer mehr das menschliche Miteinander unmöglich macht, aber es waren Menschen, die versuchten, die Menschlichkeit zu bewahren. Alexander Häusser hat ein feines Gespür für Stimmungen, Gefühle und innere Entwicklungen. Ein schöner, melancholischer Blick in die Geschichte, die sich in der Gegenwart spiegelt und die Hoffnung zeigt, dass es Menschen mit Mut gibt. Mut, seine Stimme einzusetzen, sich zu behaupten und für das einzustehen, was wichtig ist.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV 

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Hinterlasse einen Kommentar