
Ute Cohen schreitet ihren vorangegangenen Weg zu Ende. Es ist eine Roman-Trilogie, deren Titel sich neben ihren anderen Werken thematisch zusammenfassen lassen. Woher stammt die Gewalt, die unterschwellig, offensichtlich oder ganz leise unsere Gesellschaft und unser Privatleben berührt, verändert oder zerreißt? Ute Cohen schaut genau hin, hört ganz genau zu und scheut sich nicht, das, was sie selbst erleben musste, in Literatur zu verwandeln.
Ute Cohen ist Schriftstellerin, Publizistin und Moderatorin. Ihre Werke befassen sich mit gesellschaftlichen Strukturen, Umbrüchen und gewaltvollen Aushöhlungen. Sie liebt und lebt für die Kultur und neben dem Blick in das Dunkle, zeigt sie Wege daraus, vertieft sich auch gerne mit den Genüssen. Sie scheibt Romane und Sachbücher, die alle eine Freiheit suchen. Eine Freiheit, die geschmackvoll sein darf, aber uns auch einen Kloß im Halse zubereitet. Denn ihre Romane sind selten wohltemperierte, sondern geistige und seelische Herausforderungen. Sie schaut gerne in die gesellschaftlichen Abgründe, um uns das Verdrängte zu zeigen und nicht um zu provozieren, sondern uns empathischer, verständnisvoller und aufgeweckter zu machen.
Jetzt ist frisch „Willents Brut“ erschienen. Es ist ein Roman, der für sich alleine steht, aber mit „Satans Spielfeld“ und „Poor Dogs“ die sogenannte „Trilogie der Gewalt“ abrundet. Alle Bücher sind eigene Betrachtungen und Geschichten. Eine ganz persönliche, eine in der abgehobenen Gesellschaftsklasse und ein Blick in das Familiäre und den Versuch, der häuslichen Gewalt zu entkommen. Der neue Roman ist ihr literarisches Glanzstück, denn es ist sehr sinnlich und poetisch geschrieben. Das Sinnliche muss dabei nicht immer schön sein, denn wir erleben auch den Verfall und den Abgrund. Sprachlich ist es wunderschön zu lesen, offenbart aber keine heile und schöne Welt. Es ist die Geschichte von Arne Willent, der mit seinen Geschwistern Volkhart, Franz und Hanne in der Zeit des Aufbruchs und der gesellschaftlichen Veränderungen aufwachsen. Die äußerliche Veränderung muss nicht zwingend die persönliche Entwicklung sein und der Mensch bleibt oft in seinem Rahmen verhaftet. So der Vater und die nicht handelnde Mutter. Die Kinder werden in eine postfaschistische Welt hineingeboren und die Sechzigerjahre sollten eine Schwelle zum Aufschwung sein. Der Vater begann im Norden als Knecht, doch wurzelt sein Wesen stets in der südlichen Landregion. Sein Verständnis für Landwirtschaft und die Lebensmittel sind wie seine Wesenheit begrenzt und doch von sich sehr überzeugt. Sein wirtschaftlicher Erfolg mit einer Gaststube und die gesellschaftliche Anerkennung baut er auf dem Rücken seiner Familie auf. Er neigt zur Gewalt und nutzt die Kinder aus, missbraucht und schlägt diese. Arne, ein Junge mit verschiedenfarbigen Augen, sieht und erlebt einiges, bis er und seine Geschwister den Ausbruch wagen. Die Mutter nimmt alles als gottgegeben hin, bleibt obrigkeitshörig und schweigt zu der Gewalt. Die Jugendlichen können entkommen und fliehen aus ihrer Vergangenheit, doch das Gift in ihnen sucht sich das Entsprechende in Rausch und Betäubung.
Dieser Romanzyklus beginnt mit „Satans Spielfeld“, das persönlichste Buch von Ute Cohen, denn hierin verarbeitet sie ihre eigene Geschichte. Es ist ein Roman, der uns durchschüttelt. Die Protagonistin, Marie, lebt in der Provinz der 1970er Jahre. Sie ist zwölf Jahre alt und sie erlebt gerade die Körperlichkeit. Das Elternhaus und die Umgebung sind von Streitigkeiten und Tristesse geprägt. Sie lernt zwei Schwestern kennen und es entsteht eine Freundschaft. Diese Familie lebt Marie eine Leichtigkeit vor. Doch der Vater, ein reicher Bauunternehmer und eine feste Größe in der Politik, verführt Marie, vergewaltigt und schwängert sie. Sie ist sein Besitz und sein satanisches Spielfeld ist eröffnet. Ein Buch, das uns das reale Grausen lehrt. Ein wichtiges Werk, aber ein Kraftakt, es zu lesen. Aber welch ein Kraftakt war es, dies zu schreiben?
Mit „Poor Dogs“ tauchen wir in die Machtverhältnisse und Spiele der Wirtschaft ein. Es sind Menschen, die hier in den Vordergrund rücken, die den Bodenkontakt verloren und jegliche Grenzen überschritten haben. Die ethischen und gesellschaftlichen Grundsätze gelten nicht für diese Charaktere. Jegliche Moral wird hier außer Kraft gesetzt. Was sind das für Menschen, die mit riesigen Geldsummen jonglieren? Menschen, die meinen Macht zu besitzen und diese in allen Facetten missbrauchen. André und Eva arbeiten für eine Unternehmensberatung und alles scheint ihnen möglich zu sein. Liebe und Leben werden nach Business-Modellen ausgerichtet. In der Welt ihres Hardcore-Kapitalismus ist alles auf Nutzenmaximierung ausgerichtet. Sie leben und handeln immer mit dem Gedanken an die Gewinnmaximierung. Auch im Privaten. Liebe ist nur ein Begriff und die Beziehungen und die Ehe sind Modelle der sexuellen Grundversorgung. Die Figuren handeln kühl, berechnend und immer nur mit dem eigenen Vorteil im Blick. Politisches und sozial korrektes Handeln verdrängen sie immer mehr. Ein triefend böser Roman, der in sich eine Spannung aufbaut, die eine überspitzte, aber leider wohl auch realistische Welt aufzeigt.
Ute Cohen verdanken wir die unvergessliche Einsicht, die uns Schmerzen bereitet, sprachlos und betroffen macht. Es ist eine Herausforderung, es zu lesen. Aber es sind wichtige Romane einer wichtigen Stimme. Wir können unsere dunkelsten Seiten der Gesellschaft nicht ausblenden, wollen wir sie verstehen. Wir müssen es sehen, um es zu verändern. Somit lohnt es sich sehr, die kraftvollen, persönlichen und sehr poetischen Werke von Ute Cohen zu lesen. Bücher als Aufforderung zum Hinsehen und nicht mehr zu schweigen.
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