
Nach „Viktor“ hat Judith Fanto erneut einen historischen Roman geschrieben. Er handelt von Freunden, die sich seit Kindheitstagen kennen, und davon wie diese innige Freundschaft durch den Nationalsozialismus zerstört wird.
Hermann, der Manno genannt wird, ist der Betrachter. Er ist ein stiller Beobachter, der alles ganz genau aufnimmt und innerlich verarbeitet. Doch agiert er selten, er handelt oft nicht, sondern wirft seinen Blick auf die Ereignisse. Er ist ein talentierter Zeichner, der das Gesehene ganz genau wiedergeben kann, aber es mangelt ihm an Fantasie, daher wird er später kein Künstler sondern ein Restaurator. Jemand, der Altes und Kunstvolles repariert, bewahrt und wieder glänzen lässt. Im Gegensatz zu einem seiner damaligen Freunde, der gefühlvoll mit Düften arbeitet, diese sammelt und verwandelt. Die Handlungsorte sind die niederländische Kleinstadt Haarlem und Wien. Die Handlung wird durch einen Brief, den Hermann 1948 erhält, ummantelt. Der Brief löst eine Kette von Erinnerungen aus und der Blick wandert zurück in die Vergangenheit, die sich hauptsächlich in Wien abspielt, in der Metropole, die gerade den Zusammenbruch der Monarchie und den aufkommenden Nationalsozialismus erlebt.
Die Mutter von Hermann arbeitet als Dienstmädchen bei führenden Schiffsbauern in den Niederlanden. Als sie ihre Dienstherren auf eine Kur begleitet, trifft sie auf einen Unteroffizier der österreichischen Armee, der sie schwängert und deswegen auch heiraten muss. Als die Großmutter und kurz darauf auch noch die Mutter stirbt, holt Hermanns Tante ihn nach Wien, um sich um seine Erziehung zu kümmern. Die Tante ist aber nicht die liebende Frau, sondern eine herrische und exzentrische Dame, die als Kurtisane in höheren Kreisen verweilt. Manno lernt die Sprache und die Gewohnheiten und kann sich dank eines Hauslehrers schnell einleben. Doch fühlt er sich wie ein Gefangener, der seine Freiheit in den Sommermonaten findet, die er zur musikalischen Unterrichtung in einem Jugendheim verbringt. Dort lernt er Béla, Franzi, Max, Lotte und Bertl kennen. Sie werden ein Freundeskreis, der unzertrennlich ist und die Sommermonate werden der jährliche Höhepunkt. Manno bekommt wieder Lust am Leben teilzunehmen. Als das Jugendheim geschlossen wird, treffen die Freunde sich zufällig wieder und sie bestärken während der Studienjahre ihre innige Freundschaft. Sie erleben schöne Zeiten in Cafés, am Altaussee, bei Bélas Familie in Ungarn und beim Narzissenpflücken für Bélas Parfümerie. Auf ihren Spaziergängen, Treffen und Gesprächen ist Manno oft der Beobachter, der stille Freund, der vieles sieht und innerlich bewahrt. Er sieht die Entwicklungen der Freunde, ihre Leidenschaften und Ansichten. Außerhalb von Wien erleben sie eine Leichtigkeit, die die sich der wandelnden Metropole mit ihrer Verrohung, dem Fremdenhass und Antisemitismus entzieht. Doch die Freundschaft wird durch die persönlichen Entwicklungen, Ideologien und dem kulturellen Hintergrund immer politischer. Anfänglich war es innerhalb des Freundeskreises unwichtig, dass Béla schwul oder Max und Franzi jüdisch sind, doch spätestens mit dem Einmarsch des Nationalsozialismus öffnen sich innerhalb der Gemeinschaft Abgründe.
Die Handlung zeigt, wie schnell sich Ansichten und Freundschaften verändern. Wie schnell Ausgrenzung und Gewalt gesellschaftlich toleriert wird. Wie schnell ein Machtgefüge den Alltag, die Politik, die Kultur und die Menschlichkeit verändert und unwirklich werden lässt. Die Verunsicherung, die Ängste und die Sprachlosigkeit werden spürbar. Aber auch die Machtlosigkeit und die Gefahr des Nichthandelns werden aufgezeigt. Das anfängliche Verdrängen der drohenden Gefahren zeigt, wie naiv leider die Menschen sind und waren. Dies zeigt Fanto anhand der wunderbar gezeichneten Figuren und lässt uns teilhaben an den damaligen Zeiten. Ihre Charaktere werden dabei nicht zu Schablonen bestimmter Gesellschaftsstrukturen oder Schichten. Die Personen sind sehr glaubwürdig und einfühlsam beschrieben. Auch die Handlung baut sich langsam auf und die Brüche bilden sich behutsam und zart, bis sie erst später gänzlich sichtbar werden. Mit sinnlichen Bildern und Sprache verführt uns der Roman in schöne sowie in schreckliche Zeiten und stellt diese gegeneinander, um das Menschliche und das Unmenschliche in uns zu zeigen.
Der Betrachter beobachtet, wie Freundschaft entsteht und wie belastbar diese ist. Wann ist es ratsam als Beobachter zu erwachen, aktiv zu werden und seine unbeteiligte Rolle zu verlassen?
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