
Der neue Roman von Ulf Erdmann Ziegler handelt von einer ungewöhnlichen Beziehung und vom vermissten Vaterglück. Dabei streift Ziegler die Tabuthemen gleichsam zart wie die Verweise auf Literatur und Film. Es ist eine Freundschaft zwischen einer gerade noch Schülerin und einem älteren Mann. Dabei bleibt der Status eines Vaters zu einem Kind bestehen. Eine Verbindung, die ihm seine Grenzen zeigt und die Welt auf den Kopf stellt, denn letztendlich zeigt die gemeinsame Zeit, wer sich kindlich verhält. Der Lolita-Gedanke drängt sich auf, doch diese Grenze wird nicht durchbrochen. Es ist die Zeit, die sie, das Mädchen, mit dem wahren Vater vermisste und er, als älterer Mann, der einem Kind Fürsorge schenken möchte, nun gefunden zu haben scheint. Zeit ist dabei auch der Kernpunkt der Handlung. Zeit, die man jemandem schenkt und zuhört. Beim Zuhören kommen meist die besten Gedanken. Dies erinnert an „Momo“ von Michael Ende und schon taucht sie auf, die Schildkröte, die hier als Wasserschildkröte ständig in ihrem Element döst. Miki heißt das Mädchen und taucht wie Momo plötzlich auf. Sie ist vaterlos, denn dieser ist verstorben und sie und ihre Mutter kommen zu einem Kolleg nach Berlin. Miki soll das Jahr zur Schule gehen, doch verweigert sie sich dieser und schwänzt oft den Unterricht. Ole lebt mit seiner Frau Dolly im selben Gebäude, das durch einen Anbau erweitert wurde und dadurch unterschiedliche Höhen aufweist. Diese erlauben Mikis Besuch durch das Küchenfenster in Oles Wohnraum. Alles wirkt in diesem Roman verspielt, die Räumlichkeiten und die Namen. Miki klingt wie das Mädchen mit den Stundenblumen, Dolly erinnert an das biologische Experiment und die räumlichen Differenzen werden durch unterschiedliche Ebenen und global durch Japan und Deutschland angedeutet. Miki und ihre Mutter Haruko stammen aus Japan und ihr Weg führt über Berlin, Frankfurt zurück nach Tokio. Alles dreht sich um Schutzräume, die aber auch Intimes zu verbergen wissen. Ole bleibt immer der Mann, der in sich den Vaterersatz für Miki sieht und dadurch seinen Vaterwunsch zu erfüllen versucht.
Ole merkt mit Ende Fünfzig, dass ihm, trotz der erfüllten Liebe zu Dolly, etwas im Leben fehlt. Dann taucht Miki auf, die vierzig Jahre jüngere Tochter einer Japanerin und eines Deutschen. Das Schulmädchen rückt seit dem zufälligen ersten Treffen immer wieder in sein Bewusstsein. Da sie auch entschließt, die Schule nicht mehr zu besuchen und bei ihm durch ihre häufigen Schmerzen einen Beschützerinstinkt erweckt, verbringen beide viel Zeit miteinander. Ihre Gespräche tun beiden sehr gut, doch keimt auch immer das ungute Gefühl, wie weit diese ungleiche Beziehung für sie und für das Umfeld noch duldsam ist. Doch die Zeit endet und er beginnt diese Geschichte aufzuarbeiten. Er schreibt, als Miki wieder in Tokio ist. Ole kennt Japan, war bereits dort und freut sich, als er von Miki eingeladen wird. Diese Reisen, es werden zwei, möchte er auch alleine ohne Dolly machen und zieht in die Familie von Miki ein. Dabei fokussiert er meist sich und achtet weniger auf die gesellschaftlichen und generationsbedingten Umbrüche. Er schläft in jenem Zimmer, in dem auch Mikis Wasserschildkröte lebt. Die Schildkröte und Ole haben in sich eine Bestimmung, sie erwarten Miki. Hiermit ist erneut das Bild von Michael Ende in den Bezug genommen. Denn Kassiopeia, Momos Weggefährtin mit dem stündlichen Blick in die Zukunft, verlässt in einer Szene Momo. Als Momo fragt, wohin sie gehe, antwortet das sprechende Tier, sie würde sie suchen. Um diese Szenerie von Ende hat Ziegler sein zentrales Bild gebaut. Aber auch Humbert von Vladimir Nabokov taucht namentlich kurz auf. Somit ist der Roman um den Ich-Erzähler mit vielen literarischen Anspielungen versehen. Ein Mann, der es bereut, nie Vater geworden zu sein, trifft auf eine vaterlose junge Frau. Dabei entsteht eine merkwürdige Liebesgeschichte, die zwischen einem älteren Mann als Vater und einem Schulmädchen als Kind entsteht. Da sie sich dem System, besonders dem Schulsystem, zu entwinden versucht, gerät er als älterer Mensch mit seiner bisherigen Lebensrolle an seine Grenzen. Das kurze Glück, als sie in Japan als Vater und Tochter angesehen werden, verdampft als er lediglich den Wunsch nach Staus und Freundlichkeit erkennt. Eine Beziehung, die sich aber nicht auf das Körperliche, sondern auf Fürsorge, Dasein und Zuhören stützt.
Ein Roman, der Grenzen benennt und auflöst, uns in einem merkwürdigen Gefühl abholt und bis zum Ende zum Nachsinnen und Nachfühlen einlädt. Die Geschichte verbindet Welten, zwischen Jung, Alt und zeigt die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und Japan. Ein Werk über Sehnsüchte, Schmerz und Melancholie. Aber immer wieder ist es die Zeit, die wichtig ist, um uns gegenseitig zu sehen, zuzuhören und dann auch sich lösen zu können. Zumindest von den Erwartungen an andere und an das Schicksal. Dieser Roman entfaltet sich beim Lesen und keimt in uns weiter, wenn das Ende erreicht ist.
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