Amanda Lee Koe: „Ministerium für öffentliche Erregung“

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Es sind 14 Kurzgeschichten, die in die Seele des Lesers einsickern. Erzählungen, die von Schicksalen handeln, die sich in den gewöhnlichen Alltag einschleichen oder gleich einer Abrissbirne daherkommen. Einige Geschichten sind lebensumspannend und andere legen einen kurzen Blick frei auf ein Leben, das hinter der Fassade der Protagonisten spielt. Menschliche Abgründe, Rassismus, Abhängigkeit, Machtspiele und Trostlosigkeit ziehen sich durch die Sammlung, die man atemlos liest und die einen aufwühlt.

Die Autorin Amanda Lee Koe beschreibt das weibliche Leben in Singapur und öffnet ein Panorama an sozialkritischen, emotionalen und ergreifenden Momenten im Leben ihrer Figuren. Die Charaktere sind trotz der Kurzgeschichten tiefgründig und nuancenreich gezeichnet. Die in Singapur und New York lebende Autorin bekam für „Ministry of Moral Panic“ viele Preise, darunter: 2014 den Singapore Literature Prize for English Fiction und 2016 den Singapore Book Award.

Wir treffen auf gestrauchelte, einsame Individuen auf deren Suche nach Zwischenmenschlichem. Es sind meist Außenseiter, die aus schwierigen Situationen kommen oder in diese geraten. Alle sind menschlich und beschämend, aufwühlend und erwecken tiefes Mitgefühl. Diese herzstockenden Erzählungen reihen sich für mich in den Reigen der großartigen Bücher  „Wovon wir träumten“ von Julie Otsuka oder „Ich nannte ihn Krawatte“ von Milena Michiko Flasar ein.

Wir treffen auf einen Musiker, der in Kurzzeitpflege in einem Heim auf seine Jugendliebe trifft, die durch sein Auftauchen aus ihrer Demenz erwacht und ihre eigentliche Familie und Leben ausblendet.  Ein bizarres Kunstwerk aus blutigen Kadavern, die gleich der Liebe sich umkreisen und sich aufreiben und eine Spur des Ekels hinterlassen. Eine sich als hässlich empfindende Frau, die unter der Ausgrenzung der schönen Frauen ihrer Umgebung leidet und durch teure Geschenke einen Jungen an sich bindet, der sich dann auch für die weitere Begleitung bezahlen lässt und sie dadurch als Siegerin aus der Geschichte geht. Eine Kellnerin, die den Soap Star bedient und diesem in sein Zimmer folgt, weil er in ihrer Phantasie die Rolle des Vaters, den sie nie hatte, einnimmt. Kurz danach wird sie zu seinem Suizid verhört. Jeder Mensch für sich ist eine Insel und durch Interaktionen lassen wir Besucher zu, die bleiben oder nur kurzweilig in das Leben des anderen eintauchen. Ein amerikanischer Austauschschüler, der wie ein geliebter Teddy in das Leben eines Mädchens eintaucht, aber dann im persönlichsten und intimsten Moment erkennt, dass er meint, nur mit weißen Mädchen Sex haben zu können. Durch diese verschmähte Liebe versinkt das Mädchen noch mehr in ihre Einsamkeit. Eine Frau, die vergewaltigt wird und eigentlich zu einer Hochzeit mit dem Peiniger gezwungen werden soll, der Vater dies aber nicht durchsetzen kann, weil es vier Vergewaltiger waren. Im Ausland wird sie durch eine dubiose Firma als schlechtgestellte Haushaltshilfe verkauft. Diese Frau, Zurotul, ist der einzige Charakter, der in zwei Geschichten, die in der Mitte des Buches lediglich durch eine weitere Erzählung getrennt sind, auftaucht. Ein Mädchen, die ein Küken zerdrückt, weil sie testen wollte, wie weit sie gehen kann, nimmt dies als Bild für ihr ganzes Leben mit.

Dies sind nur Beispiele aus dem Potpourri der realistischen, menschlichen Zusammenspiele. Es sind Fingerzeige in Wunden, die geöffnet werden oder freigelegt werden. Es sind robuste Frauen, die durch das Leben zerbrechen oder daran erstarken. Ein Buch, in dem man sich verliert und gebannt jeder Geschichte folgt und daraus viel für sich mitnimmt und auch wenn die Erzählung verklungen ist, wird diese im Leser nachklingen.

Toll, dass der CulturBooks Verlag, d.h. Zoë Beck, die das Buch auch übersetzt hat, und Jan Karsten nun auch das gedruckte Buch für sich entdeckt haben und somit diesen Leseschatz vielen deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht haben.

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Bilder von Phillip Wood

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