Helle Helle: „Wenn Du magst“

helle-helle

Wieder ist es ein kurzer Roman von der dänischen Autorin Helle Helle. Ihre Formulierungen und ihre Handlungen sind nie ausufernd und kommen ohne viel Drama aus. Dennoch versteht es Helle Helle immer wieder, eine Stimmung und Spannung aufzubauen, dass man stets mehr erfahren möchte und ihr, als Autorin, erneut sehr gerne lauscht.

Es beginnt im Alltäglichen und wird zu einer beklemmenden Situation in den dänischen Wäldern. Es ist das Treffen zweier Fremder, die sich zufällig über den Weg laufen und durch die missliche Lage zusammengeführt werden. Der weibliche Part bleibt namenlos und wird erst ab der Mitte des Buches tiefer beleuchtet. Es baut sich eine Spannung auf, die stets das Unerwartete erahnen lässt, das gleich einem Grauen hinter dem nächsten Baum lauert. Doch bleibt dies in der Geschichte für den Leser unerfüllt. Aber man möchte wissen, wie es weitergeht, ob die beiden nach einer Nacht im Wald in die Zivilisation zurückfinden und was aus den beiden danach wird.

Es ist Ende Oktober und Roar ist auf einer Tagung. Das Tagungshotel liegt auf dem Land und er wird durch die Umgebung zum Laufen motiviert. Er besorgt sich Laufschuhe, die, wie er erst zu spät mitbekommt, nicht richtig passen. Sein Laufschuheinkauf war ohne Beratung und er hat sich einfach ein Paar ausgesucht, ohne zu merken, dass er zwei verschiedene Größen mitgenommen hat. Nach bereits 15 bis 30 Minuten hat sich Roar im Wald verlaufen und sich eine schmerzende Blase eingetreten. Er irrt umher und trifft auf eine jüngere Frau, die ebenfalls im Wald joggt. Es dämmert bereits und ihr Trinkwasser ist bald schon aufgebraucht. Die Frau wirkt im Vergleich zu Roar wie eine erfahrenere Läuferin, die sich nun aber ebenfalls verlaufen hat. Auch scheint sie im Ganzen lebenserfahrener zu sein. Im Wald finden sie Unterschlupf in einer Schutzhütte und können sich ausruhen, seinen Fuß versorgen und Trinkwasser organisieren. Ab jetzt wechselt ab und zu die Erzählperspektive und wir erfahren mehr aus dem Leben der Frau. Ihre Ankunft in ihrer ersten Wohngemeinschaft und ihr Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe. Die fast Namenlose bekommt in dem Roman die Tiefe, die Roar fast schon verweigert wird und durch sie baut sich eine neugierige Spannung auf.

Durch die Verirrung im Wald werden Erinnerungen an „Das Mädchen“ von Stephen King oder „Jagen 135“ von Tobias Sommer wach, die beim Lesen eine Beklemmung aufbauen. Dies ist aber eine der literarischen Spielereien, die den Leser bis zum Ende fesseln. Ein Leben in einer WG, in einem eigenen Haus, der Aufenthalt in einem Tagungshotel oder der Gang in die Natur können jeweils brüchig sein und sich im Nu in eine andere Situation verwandeln.

Der kleine Roman ist trotz des kleinen Umfangs voller Tiefgang und Humor. Wir stoßen auf Protagonisten, auf die es sich lohnt einzulassen. Helle Helle versteht es stets, das Undramatische dramatisch wirken zu lassen und schleudert die Helden aus dem Alltag in eine Extremsituation. Es sind die skurrilen Charaktere und die minimalistische Sprache, die einen für das Buch einnehmen.

Zum Buch / Shop

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

2 Antworten zu “Helle Helle: „Wenn Du magst“

  1. Wandert sogleich auf meine Wunschliste. Viele Dank für den Tipp! Viele Grüße in den Norden

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s