Tobias Sommer: „Jagen 135“

Septime Jagen 135

„Das Glück der Menschen ist die Unwissenheit über den Weg dorthin.“

Wieder ein Buch, das gleich beim Betrachten im Leser erahnen lässt, was zu erwarten ist. Der Buchumschlag zeigt eine Wendeltreppe über die kopfüber eine Person fliegt oder nach unten stürzt. Als Jugendlicher liebte ich folgenden Satz, der mich beim Lesen von „Jagen 135“ erneut begleitete: „Ich wollte auf der Wendeltreppe geradeaus denken“.

Eine bizarre Welt wartet auf den Leser und bietet literarische, nie klischeehafte, fast schon expressionistische Unterhaltung. Ein Roman, der viel zum Nachempfinden anregt, viel Raum für eigene Gedanken lässt und eine Handlung um die Tiefen unserer Menschlichkeit thematisiert. Denn es geht um den Weg zum Glück. Nicht um das Glück als Ziel, sondern als Weg durch den Dschungel der Seelenlandschaft. Das Buch handelt vom Unglück, also vom verirrt sein, vom Sterben, Töten und Selbstmord.

„Jagen 135“ wird von dem Ich-Erzähler Konrad Jagen erzählt, der für eine große deutsche Zeitung tätig ist. Eines seiner damaligen Kriegsfotos hat ihn berühmt gemacht. Er hatte eine Hochzeit im Kriegsgebiet fotografieren wollen, als ein Bombenattentat die Feierlichkeiten brutal zerstörte. Das Foto geht durch die Medien und fundamentiert Jagens Wohlstand. Eigentlich müsste er nicht mehr arbeiten, denn finanziell haben er und seine Frau, eine Modedesignerin, ausgesorgt. Es reizt ihn das nicht Erreichte, das fast Unmögliche und er möchte seine Geschichten mit Bildern erzählen.

Der Roman spielt in einer Zeit, als es noch keine Handys oder digitalen Kameras gab und er bekommt den Auftrag, den Ort abzulichten, der seit Jahrhunderten Lebensmüde anzieht. Ist es ein alter Hexenplatz, verströmt der Ort Mystisches oder setzt magische Kräfte frei? Jagen verfängt sich in seiner Suche, denn der Wald scheint sein Eigenleben zu haben. Nicht alle Regionen offenbaren sich gleich und das gesuchte Zentrum lässt sich daher nicht orten. Der gesuchte Platz wird mehr als ein Sammelpunkt für Unglückliche und der eigentlich kurze Aufenthalt in der Region dehnt sich immer mehr aus. Die Landschaft und die Zeit bleiben im Roman nicht greifbar. Ein kleines Dorf mit wenig Charme und einem in Dreck versinkenden Hotel, in dem lediglich Mücken bleiben und überleben. Die Landschaft ist begrenzt und durch Grenztürme bewacht. Ob zum Schutz vor dem Inneren oder dem Äußeren bleibt ebenfalls unerklärt. Nachts bekommt diese Region ihre eigene Dynamik und die unbemannten Türme werfen ab und zu ihr Licht ins Dunkle. Jagen geht die Pfade ab und belichtet, er will sichtbar machen, warum Menschen diesen Wald aufsuchen und warum Generationen, die eigentlich glücklich sein könnten, in Melancholie versinken.

Jagen trifft den merkwürdigen Herrn Kautz, der ebenfalls durch das Gebiet streift und sich sogar auch später bewaffnet. Ferner trifft er auf Susanne, die ihren Sohn verlor und sich ebenfalls auf die Suche nach der letzten, schrecklichen Gewissheit macht. Die Menschen im Dorf kapseln sich immer mehr ab und wollen den Trubel um diese Ereignisse nicht und säubern jeden Hinweis auf die Selbstmörder. Jagen und Susanne geraten immer mehr in das Visier dieser Dorfgemeinschaft, die zu fast allem bereit wäre, um die Neugier zu beseitigen.

Jagen fühlt sich auch verfolgt. Ein unheimlicher Wanderer mit ausgeprägtem Schuhabdruck, der die Lemniskate, d.h. eine acht oder die Unendlichkeit beinhaltet. Je länger der Aufenthalt von Jagen in dieser Region andauert, desto näher kommt dieser Verfolger Jagen und tritt immer mehr in seinen Radius. Der Wanderer kennt das Herzstück des Waldes wie sein eigenes und er scheint auch Jagen zu kennen…

Ein dichter Roman voller Anspielungen und Gedankenwelten. Das Buch hat viele Metaphern, die erkannt oder nur erfühlt viel im Leser bewirken. Eine Welt voller Grenzen und Abkapselungen, die eine leichte Melancholie versprüht, aber thrillerartige Spannung aufbaut. Die Handlung liest sich krimihaft, bedient sich aber nie solcher Muster und vertieft viel mehr ohne große Anstrengung beim Leser zu fordern.

Der Autor Tobias Sommer, der in Schleswig-Holstein lebt, hat bereits viele Preise erhalten und wird wohl in der deutschen Literaturszene kein Insidertipp mehr bleiben. Denn das vorliegende Buch ist tolle Kunst und nebenbei kluge Unterhaltung. Ein Buch, das die Assoziation zu den Romanen: „Wald“ von Doris Knecht, „Die Wand“ von Marlen Haushofer und zu Tom Waits „Black Rider“ hervorruft. Ein dramatischer Roman, voller düsterer und kluger Eleganz.

Zum Buch

3 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

3 Antworten zu “Tobias Sommer: „Jagen 135“

  1. Das klingt sehr interessant….sowohl auf der Wendeltreppe geradeaus zu denken als auch, dass der Roman keine große Leseanstrengung beim Leser erfordert, obwohl er mir doch anspruchsvoll zu sein scheint!

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