Archiv der Kategorie: Erlesenes

Annie Ernaux: „Der Platz“

Annie Ernaux Der Platz Suhrkamp

Annie Ernauxs Werke sind stets autobiografisch. Nach „Die Jahre“ und „Erinnerung eines Mädchens“ erscheint nun „Der Platz“ auf Deutsch. Alle Werke gelten als prägend für die französische Gegenwartsliteratur und sind genaue Beobachtungen ihrer persönlichen Herkunftsverhältnisse. „Der Platz“ erschien bereits 1984 und erschuf eine neue Form der Selbstbetrachtung, wobei sie sich diesmal selbst reduziert und hinter ihren Vater stellt. Alle Werke leben von einer gestochenen Leichtigkeit, die aber jeweils eine poetische, literarische Tiefe erzeugt. „Die Jahre“ sind ihre Geschichten, aber auch ein Gesellschaftsporträt und eine zeitgeschichtliche Chronik. Es sind ihre Eindrücke, die zuweilen auch nur aus einem Satz bestehen. Gespannt kann man nun auf die Verfilmung warten, denn „Die Jahre“ lebt durch die verknappte Sprache und Fülle an Beobachtungen. Alle Werke wurden aus dem Französischen sehr einfühlsam von Sonja Finck übersetzt.

„Der Platz“ beginnt mit der Erinnerung von Annie Ernaux, als sie ihre Ausbildung beendet und verbeamtet wird. Ihre Mutter gratuliert ihr und der Vater stirbt zwei Monate später. Es ist das Jahr 1967. Die Vorbereitungen für die Trauerfeier und die Beisetzung geben den Anlass sich mit dem Leben des Vaters auseinanderzusetzen. Er war stets der Arbeiter, der Blaumannträger, der den gesellschaftlichen Aufstieg schaffte, dann aber stets die Angst vor dem erneuten Abstieg hatte. Die Geschichte beginnt ein paar Monate vor dem zwanzigsten Jahrhundert in der Normandie. Der Großvater war Fuhrmann und arbeitete seit seinem achten Lebensjahr immer hart und hatte keine Zeit für Geselligkeit oder Bildung. Die Großmutter hatte hingegen eine Klosterschule besucht. Ihr Sohn, Annie Ernauxs Vater, ging zur Schule und lernte. Doch mit zwölf nahm ihn sein Vater aus der Abschlussklasse zu jenem Hof, wo auch er tätig war. Die Familie konnte es sich nicht leisten, ihn einfach so weiter durchzufüttern. Er arbeitete fortan als Knecht. Annie Ernaux erinnert sich immer, wenn sie Proust oder Mauriac liest, dass diese Autoren über die Zeit schreiben, als ihr Vater Kind war. Die Welt, in der er aufgewachsen ist, ist für sie reinstes Mittelalter. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete ihr Vater in einer Seilerei und lernte dort seine zukünftige Frau kennen. Nach dem Versuch mit diversen Arbeiten um die Runden zu kommen, kauften die beiden einen Laden für den alltäglichen Bedarf, in der Hoffnung, der Armut zu entkommen. Doch bis sie Erfolge erzielten, war es ein beschwerlicher Weg. Als sie dieses Geschäft aufgaben und später einen neuen Lebensmittelladen mit anliegender Kneipe erwarben, stellte sich langsam ein Wohlstand ein. Der Vater blieb aber stets wie er war und als seine Tochter eine höhere Schule besuchte, entfremdeten sie sich Stück für Stück. Doch war der Vater auch stolz auf seine Tochter. Letztendlich war wohl einer seiner Lebenszwecke, dass seine Tochter mal jener Welt angehören sollte, die beständig auf ihn herabgeblickt hatte.

Annie Ernauxs Blick richtet sich auf ihren eigenen Weg, auf das Milieu, das sie durch ihre Bildung verlassen konnte. Es wird aber niemals gejammert, die Familie war bemüht, ihr Glück zu finden. Der Text stellt die Frage der Zugehörigkeit und setzt sich mit der Gesellschaft auseinander. Das Buch erzählt die persönliche Geschichte der Autorin und ihrer Familie und zeigt, dass Bildung, das Lesen und ein Bewusstsein für Kultur lebensverändernd sind. Ein Werk voller Erinnerungsbilder, die zart, mit einer leichten Sprache und doch stets literarisch festgehalten wurden.

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Siehe auch Leseschatz-TV: Annie Ernaux: „Die Jahre“ (YouTube)

 

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Julia Rothenburg: „hell/dunkel“

Julia Rothenburg hell dunkel Frankfurter Verlagsanstallt

Nach Koslik sind nun zwei neue, tiefgründige Charaktere in die Welt der Literatur hineingeboren worden: Valerie und Robert. Julia Rothenburgs Debütroman „Koslik ist krank“ war eine gelungene literarische Überraschung. Jetzt hat die junge Autorin ihren zweiten Roman veröffentlicht. Nach dem starken Debüt um den Mann, dessen Leben in wenigen Tagen im Krankenhaus umgekrempelt wird, war ich gespannt, ob die Intensivität und Qualität auch im nun folgenden Roman gehalten werden kann. Julia Rothenburg hat sich mit „hell / dunkel“ gesteigert, ihr Roman ist noch intensiver, direkter und komplexer. Die Autorin hat eine enorme Empathie für ihre Figuren und ihr Talent zu schreiben ist sehr beachtlich.

Trotz der auktorialen Erzählperspektive gibt es stets zwei Sichtweisen, eine helle und eine dunkle. Kurz, die von Valerie und die von Robert. Valerie ist die helle, die jüngere von beiden. Sie ist neunzehn Jahre alt, lebt bei ihrer Mutter und geht noch zur Schule. Als sie gerade mit wenig Begeisterung am Schulsport teilnimmt, versucht sie die meist etwas vorwurfsvollen Meldungen ihrer Mutter zu ignorieren. Die Mutter ist sehr krank, war oft in Behandlung und immer liegt es an Valerie, für die Mutter da zu sein. Die Krankheit der Mutter ist zurückgekehrt und sie ist erneut in die Klinik gekommen. Als Valerie von der Schule heimkommt, ist plötzlich Robert wieder da. Robert, der dunklere von beiden, ist dreiundzwanzig Jahre alt. Für Geschwister werden sie allein durch ihr Aussehen selten gehalten. Beide haben aber durch die familiäre Situation und das Krankheitsbild der Mutter arge Probleme. Roberts Vater ist Italiener, der in den Restaurants in Berlin den Musiker mimt. Doch auch diese Beziehung zwischen den Eltern ist gescheitert, gleich die mit Valeries Vater. Daher ist Robert vor Jahren aus Berlin weggezogen, um in Marburg seine Ausbildung zu machen. Valerie ist als die Jüngere bei der Mutter geblieben. Doch nun ist Robert unerwartet zurückgekommen. Mit seiner Ankunft beginnt Valerie sich anfänglich zurückzuziehen, sie möchte mal dem Halbbruder die Verantwortung übergeben können. Doch rennt Robert auch vor seinen Problemen davon. Seine Ausbildung und Beziehung hat er einfach verlassen und beendet. Wegen der Krankheit der Mutter ist er nun zurückgekehrt und verspricht auch zu bleiben. Die Mutter hat laut der Diagnose nur noch wenige Tage zu leben und gemeinsam stehen sie vor Fragen, auf die es keine einfachen Antworten geben kann. Wie sie mit dem schleichenden Abschied umgehen müssen, wie sie die letzten Tage für die Mutter gestalten und wie sie selbst mit ihren drei Grundgefühlen Wut, Trauer und Schmerz umzugehen haben.

Sie waren schon immer sehr miteinander verbunden und nun, durch diese schwere Zeit, verringert sich zunehmend ihre Distanz zueinander. Das Unfassbare, das sie erleben, macht sie immer sensibler und sie kommen sich immer näher. Die Nähe zu anderen Freunden oder Partnern kann niemals dieses Seelenloch füllen, das sich in ihnen öffnet. Ihre Nähe, die sie erst nicht zulassen können, hat viele Seiten: mal ist sie geschwisterlich zankend, dann wieder voller Schmerz und immer wieder kommt es zu zärtlichen Annäherungen, die tröstend, aber auch immer brisanter werden.

Die Geschichte eines ungewöhnlichen Geschwisterpaares, das einen Neubeginn sucht und dabei Abschiednehmen lernen muss. Der Roman lebt von den ganz genau beobachteten Nuancen des Miteinanders. Mit einer enormen Sprachqualität entwirft die Autorin einen erstaunlichen Roman. Mit viel Einfühlungsvermögen und einfühlsamer Sprache tastet sich die Autorin an ihre Figuren und die Handlung heran. Ein außergewöhnlicher und intensiver Roman.

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Tadeusz Dąbrowski: „Eine Liebe in New York“

Tadeusz Dabrowski Eine Liebe in New York Schöffling

Dies ist mal so ein ganz anderer Liebesroman. Das Buch bietet eine Mischung aus derben und feinfühligen Gedankenspielen. Tadeusz Dąbrowski beschreibt eine männliche Sicht auf die Gefühle seines Protagonisten und umkreist damit die Rätsel, die die Liebe beinhalten kann. Der Text bleibt stets einfühlsam, lyrisch und voll herzlichem Charme und Witz.

Die Handlung könnte innerhalb weniger Sätze erzählt werden und doch hat der Roman viel zu erzählen. Das Zwischenmenschliche wird ohne Kitsch, dafür mit viel Wahrhaftigkeit erfasst und in Sätze gekleidet, die es verstehen, im Leser etwas nachklingen zu lassen. Mit viel Gespür und der passenden Sprache hat Tadeusz Dąbrowski ein Werk geschaffen, das sich als Liebesroman bezeichnen lässt, aber dann doch auch irgendetwas ganz anderes ist. Tadeusz Dąbrowski ist ein renommierter polnischer Lyriker, der hiermit seinen Debütroman geschrieben hat.

Das Buch bedient niemals den süßen Kitsch, wobei es sich dann doch der Klischees bedient: Das Spiel des Kennenlernens, das Verlangen, die gebildeten Vorurteile, die wachsende Begierde, der Verlust und dann doch und immer wieder die Liebe. Aber das alles in so ganz anderer Art, dass es Spaß macht, dem Text und den Figuren durch New York zu folgen.

Der Erzähler ist gleich dem Autor ein polnischer Lyriker. Er befindet sich gerade auf Lesereise und gastiert in New York. In einer U-Bahn trifft er auf eine Architektin. Sie kommen durch das Buch, das er dabei hat, ins Gespräch. Ihr Name ist Megan und sie hat ein reges Interesse an Kunst. Doch sieht er in ihr lediglich das, was er zu sehen bereit ist. Für ihn ist sie eine typische Amerikanerin: Blond, jung und oberflächlich. Die ehelichen Verbindungen stehen ihnen irgendwie nicht im Weg und er beginnt sein Spielchen. Es reizt ihn, diese junge, blasse und hübsche Frau zu erobern. Er will ein erotisches Abenteuer. Je näher sich beide kommen, desto mehr empfindet er. Er fühlt sich magisch von ihr angezogen. Zuerst hat er in ihr nur die oberflächliche Frau gesehen, die es zu erobern galt. Dabei ist er es gewesen, der durch seine Coolness und Begierde nur an der Oberfläche gekratzt hat. Sie verleben einen berauschenden Abend mit gutem Essen, viel Alkohol und erleben das New Yorker Nachtleben. Als er seinem Ziel nahe gekommen ist, verflüchtigt es sich auch wieder. Seine Lesereise geht weiter. Aber es kommt zu einem erneuten Zusammentreffen, denn er will und muss sie einfach wiedersehen. Doch hat er auch ein Leben und eine Familie in Polen.

Der Reiz ist die Wandlung eines Mannes, der vorurteilsbelastet in die Beziehung taumelt und sich dann verliebt und seinen Gefühlen Ausdruck geben will. Sein Herz wurde erobert, d.h. berührt. Er sucht und braucht ihre Nähe und Zuwendung. Doch wissen wir, dass er den am Anfang beschriebenen metaphorischen Wasserfall herabgestürzt ist. Er schreibt nun seine Geschichte und therapiert sich damit selbst. Megan ist Literatur geworden. So steht, wie am Anfang, auch gegen Ende ein Buch im Vordergrund. Sie hat ihm ein Buch geschenkt, das sie bewegt hat. Auch hier hadert er mit dem Gehalt des Inhalts, sieht dann doch, es geht um das Leben –  um sein Leben? Und was ist das überhaupt, das Leben und die Liebe?

Ein Roman über Liebe, Begierde und Wirklichkeiten. Mit einer besonderen Sprache wird von der Liebe erzählt, die intensiver wird, wenn sie sich zu verflüchtigen droht.

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Joey Goebel: „Irgendwann wird es gut“

Joey Goebel Irgendwann wird es gut Diogenes

Manche Autoren könnten Rockstars sein. Man freut sich auf das neue Buch wie auf eine neue Platte. Joey Goebel ist so ein Autor und ein großartiger Erzähler. Sein neuestes Werk kann man auch als eine Art Konzeptalbum beschreiben. Jeder „Song“ steht für sich und zusammen ergeben die einzelnen Kapitel dann einen Roman. Der Vergleich kann auch inhaltlich bestehen bleiben, denn in den Texten verweben sich immer wieder Anspielungen auf großartige Alben und ihrer Künstler. Von den Ramones, Nirvana bis hin zu Thelonious Monk.

Der rote Faden der Handlung ist das Gefühl des Abgeschnittenseins. Alle Protagonisten empfinden eine Einsamkeit und leben isoliert. Als würden sie in einer Seifenblase, in ihrer eigenen geschaffenen Welt leben. Doch versuchen alle, diese Membran, die sie von der Außenwelt trennt, zu durchbrechen. Sie sehnen sich nach Zusammengehörigkeit, Liebe und Anerkennung. Der Ruf nach draußen erfolgt meist leise, in ersten kleinen Bewegungen. Mal per E-Mail oder in einem Hotel am Pool mit der Einladung zu einem Bier. Doch oft sind die Charaktere so in ihrer Einsamkeit gefangen, dass sie bei den Versuchen scheitern. Aber dennoch geben sie niemals auf. Alle hegen in sich einen Keim der Hoffnung auf Zweisamkeit.

Joey Goebel schreibt einen Kleinstadtroman, der sich durch die einzelnen Kapitel entfaltet. Es ist ein Kosmos, der immer atmosphärischer wird und an die Werke von Richard Russo erinnert. Die Geschichten sind einfühlsam und lakonisch erzählt. Der Versuch, der Einsamkeit zu entkommen, wirkt oft komisch, ist einzigartig aber auch melancholisch. Joey Goebels Satire bleibt erstmals sehr viel stiller als seine bisherigen Werke, eventuell weil Amerika die literarische Satire an die Wirklichkeit abgeben musste.

Am Anfang lernen wir einen Mann kennen, der auf seine Angebetete wartet, während er sich seine Drinks genehmigt. Diese tritt dann auch auf und er führt mit ihr einen inneren Monolog. Sie ist jeden Abend pünktlich bei ihm und allen anderen der Kleinstadt. Denn sie ist die Nachrichtensprecherin, die ihm im Fernsehen jeden Abend begegnet. Er ist verliebt und beginnt den Versuch, sie in der Realität zu treffen. Doch dabei bekommt er einen weiteren, nerdigen Mitverliebten als Mit- bzw. Gegenspieler. Unser Held hat einen einfachen Job, möchte aber mit seinen Drehbüchern erfolgreich werden. Sein bisheriges Werk steht Pate für alle kommenden Geschichten. Das Drehbuch handelt von einem Protagonisten, der keine Freunde hat und ständig in seinem Auto sitzt. Er erlebt das Leben durch die Windschutzscheibe. Einer Frau geht es ähnlich und das Drehbuch endet so, dass nun beide in seinem Wagen sitzen und die Welt lediglich durch Glas sehen und empfinden.

Eine weitere Geschichte erzählt von einer Lehrerin. Da ihr Mann im Gefängnis ist und sie dasselbe Schicksal ihren Schülern ersparen möchte, bietet sie sich als Fahrhilfe bei feuchtfröhlichen Partys an.  Eine Punkband hat ihren ersten Auftritt und der schüchterne Sänger erlebt den Rausch vor dem Publikum und träumt sich dann später einsam in seinem Bett in eine bessere Welt. So ergeht es allen Hauptfiguren in den Texten. Sie sehnen sich nach einer anderen Wirklichkeit und nach Geborgenheit innerhalb einer Gemeinschaft. Sie suchen den Kontakt zu anderen Menschen und scheitern meist an sich selbst. Sie erleben die Welt durch eine Glasscheibe und treten unermüdlich auf diese trennende Membran ein, um die äußere Welt in ihr Innerstes einzuladen oder anders herum.

Ein Buch, das uns zeigt, dass immer Hoffnung besteht, dass es irgendwann gut werden könnte. Ein großer Roman voller subtilem Humor, Feingefühl und sehr lebendigen Figuren. Es ist ein Roman aus einzelnen Geschichten. Es gibt viele kleine Andeutungen und Charaktere tauchen wieder in folgenden Kapiteln auf. Alles steht in Bezug zueinander. Ein Buch, in dem man, sollte es man erneut lesen, bestimmt noch weitere kleine versteckte Hinweise finden könnte. Eventuell ist es eines der stärksten Werke von Joey Goebel.

Abgerundet wird das Buch von einem exklusiven Interview, das Benedict Wells mit Joey Goebel geführt hat.

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Lennardt Loß: „Und andere Formen menschlichen Versagens“

Lennardt Loß Und andere Formen menschlichen Versagens weissbooks

Wie bei einem Kraken schlängeln sich die Arme um die eigentliche Handlung und haben, gleich dem Oktopus pro Arm ein eigenständiges Hirn, d.h. eine fast für sich stehende Geschichte. Ein Flugzeugabsturz im April 1992 über dem Südpazifik steht im Mittelpunkt. Unter den Passagieren ist Marina Palm, die als einzige Überlebende eine unbewohnte Insel erreicht. Doch ist dies nicht ihre Geschichte, wobei eigentlich sind alles ihre Geschichten, denn die einzelnen Kapitel erzählen von jenen Menschen, die ihren Lebensweg kreuzen oder beeinflussen.

Der Roman lebt von der Fülle an Details und der Phantasie des Autors, die seine Figuren zum Leben erweckt. Alle Charaktere schaffen es, eine Neugier auf deren Leben und auf den Verbleib der Marina Palm zu wecken. Jedes Kapitel für sich ist voller Drama, grotesker Strukturen und Details. Der Autor spart nicht an Ironie und Witz und erzählt keine übliche Überlebens-, d.h. Rettungsgeschichte.

Es beginnt mit einem ehemaligen RAF-Terroristen, der Marina Palm während des Fluges nach Argentinien kennenlernt. Die zweiundzwanzigjährige hat sich auf den Weg gemacht, ihren Vater zu besuchen. Der Ex-Terrorist will sich in Buenos Aires eine noch aus alten Zeiten in ihm steckende Kugel entfernen lassen, die lebensbedrohlich in seinem Körper wandert. Als die Maschine über dem Pazifik abstürzt beginnt ein Ringen ums Überleben. An den Flugsitz 9A gebunden versuchen sie beide, sich ans Leben zu klammern, doch wird es nur Marina letztendlich auf jene Insel schaffen.

Die Familie Palm hat in der Folge ihres Lebens mit dem Schicksal zu kämpfen, dass ihre Tochter bei einem Flugunglück ums Leben gekommen ist. Marinas Vater ist mit Grundstücken und Immobilien zu Vermögen gekommen und wurde nach der Wende durch das Betreiben diverser Parkhäuser zum Parkhauspapst ernannt.  Auch in der Politik konnte er für sich kleine Erfolge erzielen. Seine Frau, die schon als Marina ein Kind war gerne Horrorfilme gesehen hat,  nimmt auch das Kleinkind mit in die verrauchten Kinos, um sich an diversen B-Movies und Splatterfilmen zu ergötzen. Später, als sie getrennt leben, will sie selbst einen blutigen Film drehen, in dem sie ihre Trauer um den Verlust ihrer Tochter verarbeiten möchte. Wie weit Marinas blutrünstige Mutter mit ihrem Film Erfolge oder eventuell einen Kult geschaffen hat, bleibt abzuwarten.

Ein Junge, der als Handmodel gefragt ist, aber sonst ein Nerd mit neurotischer Veranlagung ist und via Google Earth die Welt erlebt, ist der Erste, der mitbekommt, dass auf einer kleinen, unbewohnten Insel jemand gelebt zu haben scheint, oder sogar noch am Leben ist…  Doch vergisst er dies wieder, als er zu seinem Vater nach Kanada zieht.

Marina hatte einen Freund, der nun als Nachwuchsboxer gefeiert wird. Als er seinen ersten, richtigen Kampf hat beginnt er aus seinen Niederlagen Gewinne zu erwirtschaften und macht auch Marinas Geschichte zu Geld.

Ob Marina eine Robinson-Crusoe-Geschichte erlebt oder ob sie überlebt, bleibt ebenfalls abzuwarten.

Mit einer Leichtigkeit, sogar Coolness wagt sich der Autor an seine Figuren und Geschichten heran, die aus ihm herauszusprudeln scheinen. Die Stärke des Buches liegt darin, wie die einzelnen Stränge miteinander verbunden sind.  Ein Roman als Puzzle mit einer Fülle an kleinen Details, Hinweisen und Humor. Nora Gomringer vergleicht das Buch wegen des amerikanischen Erzählprinzips mit der Serie „Breaking Bad“, ich  möchte dann auch „Lost“ ins Boot verwerfen, denn durch die Verästelung und Detaildichte erinnert das Werk auch an diese Serie.

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Stefan Moster: „Alleingang“

Stefan Moster Alleingang Mare

„Alleingang“ ist ein Roman über die Freundschaft. Über das Gefühl der Zugehörigkeit beziehungsweise auch dem Fremdeln. Gleichzeitig wird das Panorama der achtziger Jahre geöffnet und stellt uns einen Helden vor, der herzlich ist, lieber zupackt als redet und auf die schiefe Bahn gerät.

Stefan Moster gehört zu den feinen, stillen Autoren, deren Werke sich alle lohnen entdeckt zu werden, zuletzt „Neringa“. Mosters Romane sind schöne Bücher, die still und leise große Themen ansprechen und wunderbar geschrieben sind. „Alleingang“ ist sein zugänglichster, eventuell auch sein einfachster Roman, der dennoch eine große Geschichte erzählt und wie ganz nebenbei die literarische Tiefe aufbaut.

Die Handlung spielt an einem Tag. Am Tag der Freilassung von Freddy. Er wird aus dem Gefängnis entlassen und sein Weg in die Stadt, weg von der Haftanstalt, wird eine Reise in seine Erinnerungen und zeitgleich die Geschichte, warum er erneut inhaftiert war.

Zurückblickend wird seine Vergangenheit erzählt. Er wächst in einer großen Familie auf. Die Großmutter kümmert sich um die vielen Kinder. Zumindest ist sie die Erwachsene im Umfeld der Kinder, die in dem heruntergekommenen Haus in chaotischen Zuständen heranwachsen. Freddy schließt Freundschaft mit Tom, der aus einem wohlbehüteten Elternhaus stammt. Zwei Freunde, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Toms Großvater erlaubt den beiden, bei großen Boxkämpfen aufzubleiben, um diese zu später Stunde live im Fernsehen mitzuerleben. Das Bild des Stärkeren, des sich behaupten müssen keimt in Freddy. Beide Jungs träumen von der Freiheit, doch jeder sieht die Welt auf seine Weise. Die Kluft zwischen beiden wird langsam spürbar. Später zieht Tom in eine Studenten-WG, während Freddy seine Ausbildung als Kfz-Mechaniker beginnt. Die Clique um Tom sind alternative junge Menschen, die viel über die politische Situation reden und planen, auf Demonstrationen zu gehen. Freddy ist gerne dabei, macht sich aber weniger Gedanken und ist eher ein Mann der Tat. Die Freunde finden es schick, jemanden wie ihn dabei zu haben, gerade weil er es ja auch ist, der stets den Wagen organisiert, damit sie zu den Demos kommen können. Doch nimmt die Clique eher friedlich an den Demonstrationen teil, um später darüber reden zu können. Freddy begibt sich mitten hinein und schreckt auch nicht vor Gewalt zurück.

Die Differenzen nehmen kontinuierlich zu. Bildhaft wird dies deutlich auf ihrer gemeinsamen Griechenlandreise. Als alle zum ersten Mal das Meer sehen, ist Freddy außer sich vor Glück und kann seiner Begeisterung kaum Ausdruck verleihen. Die anderen wirken verkopft und träge, als sie vor den Gewalten der Natur stehen. Auch die Art, wie die Freunde Freddy behandeln oder ansehen, treibt ihn zu jenem Alleingang. Als er zum Beispiel die Wagen in der Werkstatt ausleiht, gehen seine Freunde damit kopflos und undankbar um. Er selbst wird auch etwas dreister und wird mit dem Besitz anderer sehr freizügig. Er klaut sich zum Beispiel in Amsterdam eine Lederjacke und als ihnen in Griechenland die Reifen geklaut werden, organisiert er diese zurück und bestraft die Diebe auf seine Weise. Seine Bereitschaft zum Handeln stößt bei seinen Freunden meist auf Unverständnis. Sie demonstrieren gegen die Startbahn West, gegen Atomenergie, Pershing-Raketen und proben die freie Liebe. Freddy ist dabei, geduldet, aber gehört irgendwie nie richtig dazu. Doch ist Freddy stets bereit alles für die Freundschaft zu machen und sogar bis zum Äußersten zu gehen.

Ein Roman über Wahrhaftigkeit, Freundschaft, Loyalität und die eigenen Überzeugungen. Stefan Moster erzählt mit einer Leichtigkeit, die enormen Spaß macht und hat einen Helden ins Leben gerufen, den man sehr schnell ins Herz schließt. Das Zeitgeschehen, die politische und gesellschaftliche Entwicklung gehen einher mit den Protagonisten.  Ein toller, gelungener Roman, der seine Tiefe entwickelt und puren Lesespaß verspricht.

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Meike Dannenberg: „Gefährdet“

Gefährdet Meike Dannenberg btb

Ein Krimi, der durch seine realistische Einsicht in die Polizeiarbeit, den klug komponierten Fall und die sympathische und kluge Heldin für spannende und gute Unterhaltung sorgt. Die Handlung spielt in Hamburg. Eine Stadt mit einem der größten Häfen Europas. Dies hat nicht nur den Reichtum diverser Reeder hervorgebracht, sondern auch kriminelle Energien freigesetzt und auch ein riesiges Rotlichtviertel erschaffen. Der Aufbau und der Spannungsbogen wirken nicht, wie bei vielen anderen Krimis, zu sehr konstruiert sondern folgen der nachvollziehbaren und flüssig erzählten Geschichte.

Auf dem Heimweg, kurz bevor die Kinder ihr Elternhaus erreichen, werden sie zügig und kraftvoll gepackt und in einen Transporter gezwängt. Später erkennt der Junge ziemlich schnell ihr Gefängnis. Es ist ein Container. Es ist kalt und seine jüngere Schwester leidet mehr als er selbst unter den Bedingungen. Angst breitet sich aus, denn diese Container stehen am Hafen, um doch eigentlich verschifft zu werden….

Die in Berlin lebende Spezialistin des BKA, Nora Klerner, wird nach Hamburg gerufen, denn sie soll bei dem Fall um die vermissten Kinder behilflich sein. Es sind die Kinder des Hamburger Reeders und Lokalpolitikers Justus Stein. Doch das sonderbare an der Entführung ist, dass es bisher keine Lösegeldforderungen gibt. Als Nora Klerner ihre eigenen Recherchen beginnt, stößt sie auf eine Familie, die anscheinend ihre Geheimnisse hat und sich in dubioses Schweigen hüllt. Die Mutter wirkt apathisch und der Vater bleibt in seiner Rolle als bestimmender Machtmensch und bildet damit keine großen Sympathien bei den Ermittlern.

Es kommt auch zu einem Wiedersehen zwischen Nora und ihrem Kollegen Johan Helms, mit dem sie bereits an einem anderen Fall zusammengearbeitet hatte („Blumenkinder“). Johan arbeitet bei der operativen Fallanalyse und fühlt sich mit seinen bisherigen Aufgaben unterfordert. Er soll Profile von potentiellen Attentätern erstellen, die sich im religiösen Umfeld bewegen. Dies entspricht nicht seinen Idealen und er sieht solche Profilerstellungen als sehr fragwürdig an. Ferner ist er auch als Dozent für Polizeianwärter tätig. Als er eines Tages allein im Büro seiner Einheit ist, kommt ein Anruf mit der Bitte, dass einer der aktiven Fallanalysten sich zu einem Tatort begeben möge. Ein russischer Ex-Zuhälter wurde ermordet. Dieser Mord, der wahrscheinlich mit Gas ausgeführt wurde, sieht nach einem Racheakt aus.

In kurzen ortsgebundenen Kapiteln werden die Handlungsstränge Stück für Stück zusammengeführt. Die Vergangenheit von Nora spielt eine Rolle, die mit dem Brief einer Behörde zu tun hat, der ihr kurz vor ihrer Abreise nach Hamburg zugestellt wurde. Die Geschichte von Tarek Barusha und seiner Schwester Emna scheint irgendwie mit dem Fall zusammenzuhängen. Tarek hat irgendetwas vor und verhält sich auffällig. Hat der Mord an dem ehemaligen und brutalen Zuhälter etwas mit den entführten Kindern zu tun?  Welches Geheimnis verbirgt die Familie Stein? Wo sind die Kinder Livia und Lasse, von denen nur wir Leser wissen, dass sie sich bei eisigen Temperaturen in einem Container befinden? Warum gibt es keine Lösegeldforderung und was haben die Entführer vor? Ist Rache ein möglicher Beweggrund?

Ein rasanter Krimi, der gut und flüssig geschrieben ist. Es ist nach „Blumenkinder“ der zweite Roman um die BKA-Spezialistin Nora Klerner. Ein Krimi, der klug und sehr spannend ist. Die Autorin hat sich gute Einblicke in die Welt der Polizeiarbeit gemacht und versteht es, diese glaubhaft und nachvollziehbar zu erzählen. Für mich sind die Romane eine positive Überraschung und lassen auf weitere Fälle hoffen.

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