Archiv der Kategorie: Erlesenes

Marlen Schachinger Hrsg.: „Wort an Wort: Berührung“

Eine Anthologie mit Kurzgeschichten, die kunstvoll die Welt neu ausloten. Literarische Berührungen, die uns Wort für Wort unsere alltäglichen Lebenswelten am Beispiel eines Dorflebens aufzeigen. Lebenswelten, die in der Jetztzeit sehr fragil geworden sind. Dorf- und Landflucht stehen dem Wachstum der Städte gegenüber. Das Dorf als heimelige Metapher. Doch was ist Heimat? Acht Autorinnen und Autoren blicken in das Dörfliche, in dem sich das Weltliche verbirgt. Die Geschichten leben von aktuellen Inhalten und einem enormen Sprachklang. Der Wandel der Zeit ist beständig in den Zeilen spürbar. Eine Gesellschaft, die sich im Dörflichen wiederfindet.  

Das Dorf als Sehnsuchtsort oder als Portal zu Parallelwelten bietet in dieser Sammlung genug Raum für persönliche Reflektion. Ein Ort lebt von der Gemeinde, der Gemeinschaft und gerade die Gegenwart belegt, wie brüchig viele Gefüge geworden sind. Äußere Umstände erzwingen Veränderung, die oft mit individuellen Schicksalen verbunden sind. Der persönliche Schrecken, zum Beispiel durch Flut, Dürre oder Krieg ausgelöst, darf sich nicht unseren Blicken entziehen. Dies sind Geschichten, die einer Flüchtigkeit trotzen wollen.

In einer Geschichte geht es um sogenannte Lost Places. Es gibt einen Kult um solche Orte. Die Schönheit des Verfalls und die Romantik des Untergangs sind stets eine Frage der Perspektive. Kult für den, dessen Welt nicht gerade aus den Fingern rinnt.

In weiteren Erzählungen geht es um die Farben, die Gerüche der Ortschaften. Die hiesigen Pflanzen und der Geschmack der angebauten Nahrung innerhalb der Lebensräume. Auch Steine sind Botschafter und können Mitteilungen offenbaren, gleich dem unterschiedlichen Lichteinfall der Tages- und Jahreszeiten. Orte werden hier betrachtet, die Zeiten und Geschichte durchlaufen. 

Wir durchqueren mit dem Buch Wahres, Erträumtes und treten mit den Zeilen in einen inneren Dialog. Dies passiert stets beim Lesen und weckt Verständnis und Empathie. Daher ist der kleine Mittelteil etwas befremdlich, in dem der Lesende zu den Texten befragt wird und zu einer Interaktion eingeladen wird.

Das Buch bietet großen Raum für Entdeckungen und ist ein kleiner Schatz. Die Autorinnen und Autoren sind: Isabella Straub, Sara Milena Schachinger, Sofie Morin, Marlen Schachinger, Daniel Zipfel, Sophie Reyer, Clarissa Lempp und Bettina Schwabl.

Ein Reigen an aktueller Literatur, die die Dörflichkeit fixiert und nach dessen Beständigkeit fragt. Ein Blick in den Mikrokosmos und somit in den Makrokosmos unserer Gegenwart.

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Paul Auer: „Mauern“

Erneut verzaubert uns Paul Auer mit seinem neuen Roman. Der Inhalt, der durch eine tolle Sprache erzählt wird, offenbart Figuren, die wir teilweise aus dem vorherigen Werk des Autors kennen. Die Handlung kann am Besten als tragikomisch und als fantastischer Realismus bezeichnet werden, ist aber vorrangig ein kluger und irrer Ritt. Die Charaktere öffnen für sich und für den Lesenden unsichtbare Mauern. Dies ist der dritte Roman von Paul Auer, der wohl sein bisher stärkster ist. Wie bereits im Roman „Fallen“ wird hier einiges wahrlich heraufbeschworen und der Wahrhaftige greift ein. Wenn der Teufel sein Spiel macht, kann wohl nicht alles sich zum Guten wenden. Nebenbei geht es auch um den Schreibprozess und den Wunsch, ein bleibendes Werk in der Literaturwelt zu hinterlassen. Um so ein „Weltbuch“ zu verfassen, ist wohl mancher bereit, seine eigenen Grenzen nach Belieben auszudehnen.

Ein junger Schriftsteller, der in ärmlichen Verhältnissen mit seiner Literatur ringt. Dann hat er Erfolg, sein Debütroman feiert Erfolge und er erbt. Nun ist sein Ego angefeuert und wächst ungebremst. Er ruht sich auf dem Erfolg in einer geräumigen Luxuswohnung aus. Auf dem Balkon mit einem gepflegten Weinbrand und dem Blick auf die alte Schreibmaschine wird ihm einiges bewusst. Eine Frau an seiner Seite fehlt. Nicht irgendeine, sondern die angebetete Exfreundin, die ihn verlassen hatte. Auch die Idee für einen weiteren Roman lässt auf sich warten. Seine Ruhmsucht und sein Ego verlangen den weiteren Rausch und diesen erhält er durch den unerwarteten Besuch. Kein Geringerer als Luzifer und seine Begleitung. Dies ist doch der Stoff, aus dem die literarischen Träume erwachsen können. Ein Weltbuch soll geschrieben werden, um den Lichtbringer ins rechte Licht zu rücken. Als Dank für das sensationelle Werk soll jene verflossene Freundin zurückgewonnen werden.

Ein fantastisches Werk voller Sog- sowie Zugkraft und Raffinesse. Die Triebkraft der Kreativität und Größenwahn buhlen im Ego des Agierenden und stoßen uns in eine kurzweilige und lohnenswerte Lektüre.

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Johannes  Groschupf: „Die Stunde der Hyänen“

In diesem Spannungsroman, der eher eine Gesellschaftsstudie ist, läuft man mit dem Protagonisten in die Dunkelheit, in die schmutzigen Machenschaften der Gesellschaft. Wie Hyänen, die ihren tierischen Trieben in der Großstadt freien Lauf lassen. Ein rasanter Roman, der kurzweilig die Gesellschaft am Beispiel Berlins mit seinen schaurigen Schattenseiten darstellt. Ein typischer Großstadt-Noir-Roman vom preisgekrönten Krimiautor Johannes Groschupf. Teilweise überspitzt und die eigentliche Tätersuche für den Lesenden klärt sich bereits am Anfang. Darum geht es im Buch auch nicht. Das Buch ist pure Unterhaltung mit dunklem Gesellschafts-Thrill.

Es beginnt mit einem Brandanschlag auf einen Bulli, in dem ein ehemaliger Fernfahrer wohnt. Er ist obdachlos, weil er seine Arbeit durch einen tödlichen Unfall verloren hat. In Berlin geht ein Feuerteufel um, der seine Lust auf diese perfide Weise befriedigt. Um diese Geschehnisse lauern Charaktere, die wie Hyänen durch die dunklen Orte streifen. Eine Polizistin, die aus disziplinären Gründen zum Dezernat für Branddelikte versetzt wurde. Eine Journalistin, die eine besondere Gabe hat und von ihrem Mann geschlagen wird. Ein Auszubildender bei der Post, der in einer sektenartigen Gemeinschaft lebt und verliebt ist in eine Frau, die innerhalb dieser Sekte missbraucht wird.

Die Spannung entsteht durch Charaktere und nicht durch die Tätersuche. Berlin als Großstadtmetapher, in der ein hochexplosives Gesellschaftsgemisch angezündet wird. Schlicht, aber nicht simpel, sondern ergreifend erzählt. Ein Roman, der ziemlich schnell die Charaktere lebendig werden lässt und das ganze Setting zum Brodeln bringt. Ein heißer, dunkler Tipp.

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Helle Helle: „SIE und BOB“

Die dänische Meisterin des minimalistischen Erzählens ist mit zwei Romanen, die in der Deutschen Übersetzung als ein Buch erscheinen, zurück. Ihre Werke sind voller stiller Geschichten, die, wenn man nicht aufpasst, in ihrer Fülle sang- und klanglos vorbeirauschen könnten. Man muss Helle Helle zuhören und ganz genau in die Schilderungen hineinhorchen, um alles im Roman erfassen zu können. In der sprachlichen und inhaltlichen Reduktion versteckt Helle Helle emotionale und kluge Kniffe, die das Dramatische langsam erklingen lassen.

Sie sind Mutter und Tochter.  Aber auch das ganze Umfeld. Bob kommt auch in „Sie“ bereits im Freundeskreis vor, um dann im zweiten Teil, d.h. Roman, die Hauptfigur zu werden. Aber beide Geschichten drehen sich um sie, die Tochter, die stets im Mittelpunkt steht. Da die Präsenz der Namenlosen, der Ich-Erzählerin, auch bei Bob raumeinehmend ist, lässt sich hier ein groß angedachter Romanzyklus vermuten. Im zweiten Teil erzählt sie von Bob und ihrem gemeinsamen Leben und besonders von den Erlebnissen, woran sie selbst nicht teilhat.

Das kindliche, leichte Leben verläuft sich für die Erzählerin als die Mutter sagt, sie habe wohl einen Stein verschluckt. Die Krankheit der Mutter lässt diese nur noch wenig Nahrung zu sich nehmen und die Kraft schwindet im Verlauf der Handlung immer mehr. Die Diagnose wird genannt und es sind nur noch wenige Wochen, die die beiden zu haben scheinen. Somit ist der Alltag ein Abschiednehmen. Doch bleibt die Mutter im Roman gegenwärtig und sie verlässt das Buch nicht. Somit ist es ein Alltag einer Schülerin, die in den 80ern aufs Gymnasium geht und Freunde trifft, die Liebe kennenlernt und versucht, ihren Schmerz und den drohenden Verlust in Worte zu kleiden.

Später ist es Bob, den sie aus ihrem Freundeskreis kennt, dessen Perspektive der Roman wiederum aus ihrer Sicht einnimmt. Sie sind ein Paar und wohnen in Kopenhagen. Während sie weiß, was sie will und die Lebensziele zukunftsorientiert erahnt, mäandert er noch in seiner Selbst-und Sinnfindung. Er treibt im wahrsten Sinne durch die Gassen und Straßen der Küstenstadt, bis er einen Job findet. Nebenbei richtet er die kleine, aber gemeinsame Wohnung ein und wünscht sich eine Zukunft mit ihr.

Die Krisen und das Dramatische blitzen in den kurzen Sätzen lediglich auf. Die Sprachmelodie und das Weggelassene erzeugen einen großen Resonanzraum im Lesenden. Mit enorm leisen Tönen wird hier ein Crescendo aufgeführt. Helle Helles Romane verlangen ein aufmerksames Lesen und Einfühlen, um das Erzählte erfassen zu können. Mit viel Empathie und Tiefgang werden die Charaktere skizziert. Ein großer Roman, der mit wenig Handlung Großes zu erzählen versteht. In der Kleinigkeit, aber niemals Nichtigkeit, versteckt sich das Eigentliche. Die Übersetzung stammt von Flora Fink.

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Tschabua Amiredschibi: „Data Tutaschchia“

Dieses Heldenepos über einen Freiheitskämpfer zählt in Georgien zu den bekanntesten Werken der Gegenwartsliteratur und wurde mit dieser Ausgabe erstmals ins Deutsche übersetzt. Eine fiktive Räubergeschichte aus dem Kaukasus, die auf Weltgeschehen hinzudeuten vermag.

Tschabua Amiredschibi hat diesen Roman in Haft erdacht und seinen eigenen Freiheits- und Unabhängigkeitswunsch in dieser Literatur verewigt. Er lebte von 1921 bis 2013 und wurde Opfer des stalinistischen Terrors und 1944 verhaftet. 1960 kehrte er aus seiner Verbannung zurück und unterstützte in Folge die Unabhängigkeitserklärung Georgiens. 1992 wurde er ins georgische Parlament gewählt. Sein Roman „Data Tutaschchia“ hat Kultstatus und wurde nun von Kristiana Lichtenfeld übersetzt.

Data Tutaschchia ist ein Name, der bereits legendenhafte Anspielungen verbirgt, wie sich einer der zahlreichen Anmerkungen im Anhang und der kleinen Vorgeschichte entnehmen lässt. Die persönliche Tragik der Lebensgeschichte des Autors und die brutale Politik sind die Antriebskraft dieses umfangreichen, aber großartigen Romans. Der Erzähler erhält eine Vielzahl von Manuskripten, die ihm der Graf Szegedy, Hauptmann der damaligen Gendarmerie, nach dessen Ableben hinterlassen hat. Diese Schriftstücke sind die Grundlage für die Geschichte des Räubers und Freiheitskämpfers Data Tutaschchia. Somit wird die Geschichte durch verschiedene Textarten, Perspektiven, Anekdoten und Berichte erzählt. Data Tutaschchia wurde gezwungen, als Abrage, als Freiheitskämpfer, in die Berge zu gehen. Er tötete, da jemand seiner Schwester gegenüber einen unehrenhaften Schritt unternommen hatte. Nach der Flucht folgen Vernehmungsprotokolle oder Berichte über den Versuch, den Abragen dingfest zu machen. Es ist das Jahr 1885 als Data Tutaschchia in den Untergrund geht. In Georgien, Teil des Russischen Zarenreiches, toben die Vorboten der Oktoberrevolution. Doch die Politik ist nicht von Interesse für den edlen Räuber, sondern eher die Ungerechtigkeit und die Käuflichkeit der Menschen. Durch seine Taten wird er vom Volk bewundert und verehrt. Er hilft einem Bauern, der sich dann doch als undankbar erweist, aber dadurch den Tatendrang von Data Tutaschchia entfacht. Er ist kein politischer Revolutionär, aber ein freiheitsdenkender Räuber.

Data Tutaschchia schlägt sich in der Landwirtschaft durch und erhält dadurch oft Unterschlupf. Er greift stets ein, wenn den Menschen Ungerechtes passiert. Zum Beispiel in einem Dorf, in dem die Menschen im Bergwerk tätig sind, aber doch hintergangen werden. Stets ist er ein gerechter Rächer. Besonders bei Wucherei, Ausnutzung oder Verlogenheit. Besonders die Bestechlichkeit der Polizei und der Regierungen geraten dabei in den Fokus. Dabei gerät er immer mehr in den Blickwinkel seiner Widersacher.

Die Perspektiven wechseln wie die Ortschaften. Dadurch verdichtet sich die Handlung immer mehr. Die ganzen Akzente der Erzählungen um den Freiheitskämpfer werden dramatischer und politischer. Die Lebensgeschichte des Autors und die revolutionäre Stimmung der damaligen Zeit verbinden sich zu einem phantastischen Roman. Alle Berichte und Passagen sind sehr lebendig erzählt und voller lebensnaher Figuren, die hier und dort das Erzählte auszuschmücken verstehen. Alles ist aber so gekonnt ausgewogen und literarisch fixiert, dass man hier tatsächlich von einem Meisterwerk sprechen darf.

Dies ist kein verklärtes Heldenepos, sondern eine Geschichte, die auf vielen Ebenen auf die Geschichte und auf das Gegenwärtige hindeutet.

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Neues aus der Lyrikschatzkiste I

Lyrik ist Wortspiel, Verknappung und Verdichtung des zu Sagenden und der transportierten Emotionen. Gedankenspiele und Bilder werden durch Laut, Rhythmus und Form zu einem persönlichen Einblick und Erlebnis.

In diesem Beitrag sollen drei Bände in Kurzform erwähnt werden, die gänzlich unterschiedlich sind und doch von der Konzeption Ähnlichkeiten aufweisen. Der Lebensfluss, der körperlich wird, um dann vergeistigt im Text auszuklingen.

Siljarosa Schletterer: „azur ton nähe“

Flüsse und Gewässer sind bereits oft besungen worden und tauchen beständig als Naturphänomen in der Lyrik und Literatur auf. Wasser als Lebenselixier oder als wegreißende Gefahr. Bäche und Ströme als Lebensadern der Welt. Es gibt das ruhige, klare Wasser, aber auch das überschäumende Gewässer, das Lehm und Lebensraum mit sich reißt. Diesem Kaleidoskop des Wassers spürt Siljarosa Schletterer in ihrem Band nach. Sie vertont die jeweils eigene Sprache der Fluss- und Seenlandschaft Mitteleuropas. Dabei wandelt sich das Nature Writing in einen eigenen, wässrigen Klang und wird letztendlich zu einer Nähe, die unsere Menschlichkeit miteinbindet. Siljarosa Schletterer ist Autorin und Kulturvermittlerin. Ihr ist das Verbindende stets wichtig: Musik und Sprache, Wissenschaft und Kunst, Natur und Mensch. Ihre Gegenwartslyrik wird umrahmt durch die Bilder von Franz Wassermann.

Sünne Lewejohann: „als ich noch ein tier war“

In diesem Band pulsiert eine Körperlichkeit, die eine Wehmut und Wut ausstrahlt, die nach einer toxischen Beziehung entstanden ist. Dabei gärt das Tierische im Unterbewussten der erzählenden Stimme, die Schmerz oder Zorn zu Explosion bringt. Sehnsucht nach Liebe und Abgrenzungen klingen gleichwertig nebeneinander. Der Reigen geht von der Erkenntnis Tierisches zu empfinden bis zum Abtöten des inneren Untieres. Somit ist der Weg ein Weg der Heilung nach emotionaler und sexualisierter Gewalt. Machtmissbrauch und Rollenmuster greifen ein in diese Seelenwelten, verursachen Fluchtgedanken und transferieren Trauer in Wut und letztendliche Befreiung. Abgerundet wird das Buch durch Zeichnungen der Autorin. Sünje Lewejohann, geboren in Flensburg, veröffentlichte einen Roman und ihre Lyrik wurde bereits ausgezeichnet.

J. Heinrich Heikamp: „Geradewegs gehen wir“

Das letzte Büchlein in dieser Vorstellung birgt ebenfalls einen Fluss, der eher ein Bach ist. Der Gill ist ein Bach, der sich gerne mal als Fluss tarnt. So sind auch die Gedichte und Aphorismen von Heinrich Heikamp mal verspielt naiv und dann auch wieder mit einer schlummernden Tiefe gesegnet. Es sind Verse die mit dem Lebenssinn spielen. Dabei schimmert auch zuweilen Humor durch das Geschriebene. Durch das Naive erklingt auch dabei leichte Selbstkritik und gibt der Einfachheit etwas Sympathisches. Es ist eine Reise durch das Lyrikverständnis des Autors. J. Heinrich Heikamp, Jahrgang 1964, ist Verleger, Kulturmanager und Schriftsteller.

Alle drei Werke sind Lebenswege, die Persönliches in Klangemotion verwandeln und Naturmetaphorik verwenden. Die ersten sind Gedichte, die sich durch häufigeres Erlesen erst gänzlich zu entfalten verstehen. Dabei sind diese Werke Konzepte, die jeweils als ein Ganzes zu lesen und zu verstehen sind. Denn alle eint eine Achse der persönlichen Entwicklung.

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Dinçer Güçyeter: „Unser Deutschlandmärchen“

Ein Roman mit vielen Stimmen. Ein Märchen, das die Welt bunter macht und nicht schwarzweiß malt. Es ist die Geschichte einer Familie, türkischer Griechen, die uns im Chorgesang ihre Erinnerungen vortragen. Aufgezeichnet von Dinçer Güçyeter, der den Frauen seiner Familie eine Stimme gibt und selbst auf der Suche nach Worten seine Sprache gefunden hat. Es ist ein Roman, denn wenn das Erlebte zur Poesie wird, verweben sich Erinnerung, Wahrheit mit Literatur. Der Roman ist eine lyrische Welt, die die Wahrheit in der eigenen Geschichte sucht.

Dinçer Güçyeter ist ein Sprachkünstler, dem Emotionen wichtiger sind als gekünsteltes Wissen. Wenn man ihn kennt, weiß man, in ihm schlummert Schüchternes und Extrovertiertes. Er lebt und liebt die Kunst, die Lyrik und die Kraft und die Wirkung des Wortes. Entstanden ist ein Roman in seinem ganz eigenen Klangbild, der nichts verschönt: Vergewaltigung, Missverständnisse, Armut und diverse Konflikte. Die Handlung erstreckt sich vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Erzählt wird in Bildern, Träumen, Gebeten und in Monologen sowie Dialogen. Die Prosa wird dabei zur Poesie.

Dinçer Güçyeter, der für seine Gedichte ausgezeichnet wurde und Verleger ist, hat nun seinen ersten Roman geschrieben. Wie seine Sprache zur Kunst wird, werden auch er und seine Familie zu Kunstfiguren, die lebendig werden und die Geschichte von Gastarbeitern erzählen. Verwurzelt ist die Geschichte in anatolischem Leben. In der Hoffnung dem kalten Boden und der Armut zu entkommen und der Familie etwas zurückgeben zu können, wird Fatma, die Tochter von Hanife, mit einem Mann verheiratet, der sein Glück in Deutschland sucht. In Deutschland, so ist noch der Glaube, könne man den Wohlstand von den Bäumen pflücken. Die Einsicht, dass alle Menschen auf derselben Welt tanzen, wird aber auch in der Ferne entromantisiert. Der Mensch wird eingeordnet und abgestempelt. Das Lied des Buches singt von der Herausforderung als Gastarbeiter und deren Nachkommen, die in Deutschland ein neues Leben beginnen wollen. Das Fremdsein bleibt ein beständiges Gefühl, in der Sprache, den Menschen und den Gewohnheiten. Der Vater hat durch dubiose Geschäfte einen enormen Schuldenberg und seine Kneipe macht nicht genug Gewinne. Fatma arbeitet viel in den Fabriken und Feldern. Auch  Dinçer, ihr Sohn, möchte bereits als Kind seinen Teil dazu beitragen und beginnt auf den Höfen mitzuarbeiten. Später macht er eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker, doch seine Liebe gilt den Künsten.

Ein Roman, der vieles verbindet. Kulturen und Menschen. Er öffnet Welten und lädt ein, diese besser verstehen zu lernen. Er verbindet diverse Schreibstile und Stimmen und macht das Erzählte zu etwas sehr eigenem. Ein lyrischer Roman, der ein bodenständiges Märchen erzählt, das uns von Schatten, aber auch von der Buntheit zu berichten weiß.

Dinçer Güçyeter und sein Lektor Wolfgang Schiffer

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Gökhan Göksen: „Charlotte und Fatima“

Ein aufrüttelnder Roman, der seine emotionale Wirkung immer stärker aufzubauen versteht. Was passiert, wenn das alltägliche Leben, besonders das Familienleben zersprengt wird? Am Beispiel zweier Frauen, die sich nicht kennen und lediglich einmal erblicken, geht Gökhan Göksen den Fragen nach, welchen Weg man bereit ist zu gehen, wenn einem die Liebsten genommen werden.

Die Handlung spielt in unterschiedlichen Orten und Zeiten. Von der Gegenwart bis in eine sehr nahe Zukunft blicken wir auf zwei Familien. Eine lebt in London, die andere in Kairo. Dabei schauen wir durch verschiedene Perspektiven auf die Ereignisse. Die Schilderungen sind zum Beispiel Sitzungen bei einer Therapeutin oder der Blick der Frauen auf ihren Familienalltag. Charlotte ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der Sohn befindet sich im schwierigen Alter und verbringt viel Freizeit vor dem Computer. Die jüngere Tochter liebt es, Fußball zu spielen. Sie planen endlich wieder einen Urlaub zu machen, gerne soll es nach Ägypten gehen. Die Handlung wird hierbei nicht chronologisch erzählt. Ab und zu blickt Charlotte in Gesprächen auf die damaligen Ereignisse zurück. Die Handlung kreist um zwei schreckliche Anschläge, die die Welt im Großen und Kleinen für zahlreiche Menschen verändert hat.

In Kairo lebt Fatima, die ebenfalls verheiratet ist und Kinder hat. Ihre Geschichte wird nicht ganz so umfangreich erzählt wie die von Charlotte, ist aber nicht minder bewegend. Charlottes Weg ist auch ausschweifender und greift auf viele äußere Entwicklungen ein. Ferner taucht eine Krankenschwester als Charakter auf, die eine Komapatientin betreut. Da die Patientin bisher von niemandem erkannt wurde, wird sie lediglich Ms. Right genannt.

Alle Schilderungen laufen auf schreckliche Handlungen in London sowie in Kairo hinaus. Was ist tatsächlich geschehen? Wie geht es Charlotte, die anscheinend ihre ganze Familie verloren hat. Was passiert in Kairo und was oder wer vernichtet Fatimas Familie? Und wer ist Ms. Right? Dies sind die Fragen, die sich kontinuierlich aufbauen und einen enormen Spannungsbogen aufbauen. Dabei geht es immer um die Frage, wie entscheidet man sich? Ist man bereit, bis zum Äußersten zu gehen? Entscheidet man sich für den Hass oder kann man lernen zu verzeihen und zu vergeben?

Der Text schwankt zwischen Leben und Tod, Körperlichkeit und Entmenschlichung. Er spielt mit der bleibenden Ohnmacht bei großen Verlusten. Die Perspektiven wechseln und bewerten nicht, dies geschieht im Kopf des Lesenden. Wenn dies überhaupt möglich ist. Dann taucht eine weitere Stimme im Kanon auf, die Einfluss nehmen möchte. Wie eine Figur aus dem Brechtschen-Theater, spricht sie uns direkt an und verkündet Diabolisches. Es wirkt als würde der Beelzebub oder der innere Teufel zu uns sprechen wollen.

Ein ergreifender Roman, der auch zulässt, dass ein Charakter im Roman neugierig auf das vorherige Werk des Autors ist und dies auch jetzt beim Leser erweckt. Ein Buch, das zu fesseln versteht und durch die Emotion und die klug aufgebaute Handlung viel zum Nachdenken und Nachwirken hinterlässt.  

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Ulrike Dotzer: „Goldener Boden“

Ein bildreicher Roman über Flucht, Vertreibung und den Versuch anzukommen. Ein Familienepos, das durch den Schilderungsreichtum zu begeistern versteht. Mit ganz genauer Beobachtungsgabe und einem Gespür für Zeiten und Figuren entwirft Ulrike Dotzer einen umfangreichen, aber niemals überfüllten Roman. Die Autorin, die als Journalistin tätig ist, hat Geschichte und Philosophie studiert und ist für das Programm von ARTE, dem europäischen Kultursender, verantwortlich. Somit versteht es die Autorin, journalistischen Spürsinn und kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen in Literatur zu verwandeln. Im Mittelpunkt stehen im Roman der Neuanfang und die dafür benötigten Kräfte.

Eine Familiengeschichte, in der die Hauptcharaktere das Schöne kreieren und für sich bewahren möchten. Drei Generationen, die von Auswanderung, Rückkehr und Neubeginn geprägt werden. Der goldene Boden, das Vermögen, das jenes Fundament für den Aufbau darstellt, ist der Fleiß und das Glück von Gustav Hirsch.

Der Roman spannt einen großen Bogen von 1896 in New York bis 1956 in Kiel. Die Abschnitte im Roman beginnen jeweils 1956 um das Osterfest. Die ganze Familie kommt in Kiel zusammen, um sich zu sehen. Dabei stehen im Mittelpunkt der alte Gustav Hirsch und Clara, Gustavs Tochter. Gustav ist damals mit neunzehn Jahren nach Amerika aufgebrochen, um den Rekrutierungsbehörden des Kaisers zu entkommen. Er ist voller Hoffnung in Amerika, besonders in New York, Arbeit zu finden. Sein Freund ergattert sich einen Tagesjob am Hafen, der sich in Folge als keine so gute Wahl herausstellt. Gustav hat nach ersten Startproblemen dann doch Glück und findet eine Anstellung bei einem Herrenausstatter. Er macht dort Botengänge und Lagerarbeiten. Bei seiner Zimmersuche wird er bei einer Familie fündig, die einen Barbier-Salon betreibt. Ab sofort hat Gustav somit zwei Arbeitsstellen und lernt fortan das Friseurhandwerk. Dies ist der Grundstein für den folgenden Handlungsverlauf. Später, als Gustav Amerika wieder verlassen muss, zieht er nach Stolp in Pommern. Ein halbes Jahrhundert später flieht von dort seine Tochter Clara mit ihren vier Kindern nach Westen. Mit harter Arbeit baut sich die Familie stets neue Existenzen auf. Zunächst in Bad Bibra, dann später in Kiel. Für sie hat das Handwerk einen goldenen Boden und ihre Einstellung, niemals aufzugeben oder sich unterkriegen zu lassen, verfestigt sich immer mehr. Doch gibt es auch einen dunklen Schatten, den ein Schweigen ummantelt. Die SS-Vergangenheit von Claras Mann. 

In diesem Roman leben drei Generationen vom Beruf des Friseurs und sie haben den Wunsch, die Menschen schöner zu machen. Dabei durchwandert die Familie Weltgeschichte. Das Historische wird durch die Schilderungen sehr lebendig. Das Kaiserreich, die Auswanderung, der Nationalsozialismus, der Krieg und die Nachkriegszeit. Dabei bleibt es immer der amerikanische Traum, der die Familie bewegt, sich immer wieder emporzuarbeiten. Mit einer Fülle an Details und Wissen wird dieser Roman zu einem Erlebnis und die Dichte der Handlungen und der Charakterisierungen lassen alles und jeden sehr plastisch erscheinen. Ein historischer Roman, der uns in die Spiegel von Friseuren blicken lässt und uns selbst erkennen lehrt.

Dieser Roman ist ein wort- und handlungsstarkes Debüt von Ulrike Dotzer.

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Gerrit Hansen: „Die kleinen unbedeutenden Fälle von Hauptkommissar Knut Hansen aus Kiel“

Es ist mir eine große Freude, denn es gibt sie, die Bücher, die durch den Leseschatz erst möglich werden. Gerrit Hansen gab mir vor langer Zeit sein Manuskript und der Hauptkommissar Knut Hansen hatte es mir sofort angetan. Durch meine Aktivitäten in der Buchwelt, konnte ich Gerrit dabei unterstützen einen Verlag zu finden. Leider blieb es längere Zeit bei einem selbstvertriebenen E-Book. Doch hatte ich das Buch stets im Hinterkopf und habe es erneut als Leseschatz den Verlagen angeboten. Nun hat es geklappt und ab sofort darf das Buch als gedrucktes Werk die lesende Welt erobern.

Hierbei handelt es sich um Kurzgeschichten, die einfach Spaß machen. Nordische Klischees treffen auf eine Art Nick Knatterton, der sich als ein sympathischer Seebär entpuppt. Die Mini-Krimis sind voller Witz und Alltagskomik.

Die Geschichten sind in einer anspruchsvollen und schönen Sprache geschrieben und geben dem Unbedeutenden und Nebensächlichen ihre Bedeutung zurück.

Die Fälle, sofern man von einem Kriminalfall überhaupt sprechen kann, handeln meist nicht von üblen Bösewichten. Es sind keine blutigen Erzählungen, sondern eher augenzwinkernde Bagaluten-Geschichten. Knut Hansen ist schon dem Namen nach ein nordisches Unikat und hat sein ehemaliges Inseldasein in die Großstadt Kiel transportiert. Die Kurzgeschichten sind bestückt mit viel Liebe zum Detail. Es gibt viel zum Lachen, aber auch zum klugen Schmunzeln. Bis zur Auflösung rät man stets gerne mit und vor dem erwarteten Lichtblick hatte man wohlige Leseminuten mit einer riesigen Portion Spaß.

Eine ungemein süchtig machende Lektüre…

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