Archiv der Kategorie: Erlesenes

Eugenia Senik: „Das Streichholzhaus“

Der Text wirkt nüchtern und ist es dann letztendlich nicht. Es ist eine beeindruckende Lektüre über Menschlichkeit und zählte 2019 zu den besten ukrainischen Büchern (PEN Ukraine). Seit 2022 liegt nun die deutsche Übersetzung von Matthias Müller vor. Das Werk wird aufgelockert durch passende Illustrationen von  Serhii Kostyshyn. Der Blick verweilt auf Obdachlosen und gibt diesen Menschen ein komplexes Gesicht.

Der Roman ist gleichzeitig ein Blick auf die Gesellschaft. Die beschriebene Gesellschaft ist durch Konsum und Wegwerfgedanken geprägt. Auf der einen Seite die Sucht nach Belohnung, nach Objekten, die sinnvoll den Alltag verschönern, aber auch erleichtern und doch schon später ihren Zweck überholt zu haben scheinen. Diese Dinge sind es, die die junge Frau sortiert, einschätzt und wieder dem Kreislauf zuführen soll. Eine Heimgemeinschaft im Westschweizer Jura führt Haus- und Wohnungsräumungen durch. Obdachlose, die in diesem Obdachlosenheim gestrandet sind, werden Zeugen der Überflussgesellschaft. Sie sichten, reparieren die gebrachten oder abgeholten Dinge und verkaufen diese im eigenen Laden.

Die Erzählerin, Anna, ist eine junge Frau aus der Ukraine. Ihr fällt es schwer zu sagen, wie es kam, dass sie plötzlich mittellos wurde. Die Arbeit erfüllte sie nicht und sie hatte gekündigt und verlor dadurch ihre Wohnung. Sie hatte ihr Lebensfeuer verloren. Da sie ihren Platz in der Gesellschaft und auf der Erde noch nicht gefunden hatte, war es ihr egal, wo sie obdachlos war. Sie wollte frei sein und landete in der Schweiz.

Dies war ihr Weg in das Obdachlosenheim, wo sie in die Heimgemeinschaft integriert worden ist. Nicht nur die weggeworfenen Dinge erhalten durch die Gruppe ein neues Leben, sondern auch die agierenden Menschen. Die Mitbewohner haben alle ihre Geschichten, die die Erzählerin nun sammelt und festhält. Aus verschiedenen Regionen und Ländern kommen sie und haben alle eine bewegende Vergangenheit.

Die Autorin hat mehrere Monate selbst in diesem Obdachlosenheim verbracht und widmet das Werk den Menschen und ihren Geschichten. Jede ist ein Puzzlestein, ein Streichholz eines gesamten Gebäudes. Das Werk aus der Ukraine ist ein lesenswertes Buch, das den Blick an den Rand unserer Gesellschaft wirft.

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Éric Henninot: „Die Horde des Windes“

Graphic Novel von Éric Henninot nach dem Roman von Alain Damasio.

Die Visionen von Alain Damasio begeistern und die Charaktere und Handlungen seiner Werke verstehen zu fesseln. Die Texte verzaubern die Realität und man gerät in einen Leserausch, der jeweils bis zum Ende anhält. Wenn man sich auf die Werke einlässt, wird man sehr belohnt. Handlung und Sprache hinterlassen übersprudelnde Gedankenbilder. Ein visueller und anspruchsvoller Spaß.

„Die Horde des Windes“  Graphic Novel von Éric Henninot nach dem Kultroman von Alain Damasio. Übersetzung von Tanja Krämling. Splitter Verlag. Insgesamt sind es drei Comic-Bände.

Mit diesem Werk wird man Hordler! Die Hordler sind eine Gemeinschaft. Sie sind mehr als eine Familie. Es ist die 34. Horde. Ihr Ziel ist es, die mystische Quelle des Windes zu finden. Ein Wind, der ohne Unterbrechung über die Welt hinwegfegt. Ein Sturm, der beständig aus einer Richtung bläst. Mal weniger stark, mal tödlich, aber immer gegenwärtig.  Golgoth marschiert vorneweg, hinter ihm Sov, der Schreiber, dann der Rest.  Vor 27 Jahren, als sie noch Kinder waren, sind sie aufgebrochen. Ihr Ziel rückt langsam, aber spürbar näher. Nach mysteriösen Begegnungen steht die 34. Horde vor ihrer härtesten Prüfung, die Durchquerung der gefürchteten Lache von Lapsane. Schafft es Sov, sich gegen den wachsenden Irrsinn von Golgoth zu behaupten? Gibt es das erlösende Ziel? 33 Horden haben es vor ihnen nicht geschafft – seit 800 Jahren …

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Zur Erinnerung an den Leseschatz von Alain Damasio: „Die Flüchtigen“. Matthes & Seitz Verlag. Übersetzung von Milena Adam. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Dieser phantastische Realismus spielt in einem nahen zukünftigen Frankreich. Die Technologien beherrschen den Alltag. Doch gibt es auch eine Lücke, etwas ist aus dieser digitalen Überwachung entschlüpft. Neben der visuell geprägten Welt gibt es Leben, das sich wie etwas Flüchtiges im versteckten Klangraum aufhält.  Mehr bei mir im Leseschatz.

Diese Visionen sind phantastisch gut.

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Dagur Hjartarson: „Schnee über den Buchstaben“

Diese Lyrik ist bodenständig und entzieht sich nicht dem Leser. Es sind Gedichte, die wie jede Lyrik, etwas ganz Persönliches sind. Durch die Thematik und die nahbare Sprache fühlt man sich mit den Texten schnell verbunden. Das Buch „Schnee über den Buchstaben“ beinhaltet zwei Gedichtbände, die um die persönliche Erfahrung und das Zusammenleben einer Familie kreisen. Die älteren Werke haben etwas Verletzliches, sogar von einer Angst durchtränktes. Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen. Alles wirkt zerbrechlich und von einer Vergänglichkeit berührt. Die poetische Sicht verändert sich in Folge. Nach dem Teil „Die Hirnoperation“ folgt das „Familienleben auf der Erde“ und der intime Blick in das familiäre Innenleben wächst in die Betrachtungen des Umfeldes.

Der Titel „Schnee über den Buchstaben“ ist als Zeile dem Gedicht „Die Stadt“ entnommen. Der Tumor als namenloses Grauen verschwindet und die Lebensfunktionen erwachen. Das Bild vom Schnee, der auch etwas Vergängliches hat, verdeckt hier die Buchstaben und somit die Sprache. Schnee, der in seinem Zustand aber niemals bleibt, sondern sich auflöst und das Darunterliegende frei gibt. Reiner Schnee, der durch das Umfeld schmutzig wird und die Färbungen des Umfeldes annimmt. Dieses Bild passt zu den vorliegenden Texten, die sich stückweise im Leser entfalten und chronologisch gelesen ein gesamtes Werk mit einem komplexen Bogen darstellen.

Die Gedichte lesen sich schön und verstehen es, durch ihren eigenen Klang den Leser an sich zu fesseln. Die Werke offenbaren den Wunsch nach Schutz und familiärer Wärme. Der Verlust des Halts und das Erkennen, dass alles vergänglich ist, bringen diese Lyrik in eine Anfangsstimmung, die sich daraus löst und eine poetische Weltsicht offenbart. Dabei bleibt alles naturverbunden und dem Alltag niemals entrückt. Auch wenn die Texte etwas Verzauberndes haben, sind sie nüchtern und dem gegenwärtigen Erleben entsprungen. Das Nüchterne und Bodenständige machen den großen Reiz dieser Werke aus.

Diese lyrischen Entdeckungen kann man zweisprachig erleben. Die isländischen Originaltexte stehen der gelungenen Übertragung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer gegenüber.

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Marianna Kurtto: „Tristania“

Eine vulkanische Pirateninsel als Handlungsort des Romans, der die Figuren auf eine innere Irrfahrt schickt. Es geht ums Ankommen und Heimat finden  – in der Landschaft, dem Land und innerhalb der Familie. Stets lauert in den Zeilen etwas Verborgenes. Etwas, das unter der Oberfläche versteckt ist. Ob es aber ein Schatz oder vernichtende Lavaströme sind, wird sich während des Handlungsverlaufs zeigen.

Durch den Perspektivenwechsel und in einem verzaubernden literarischen Rhythmus baut sich langsam ein ganzes Universum auf, das auf einer kleinen Insel im südlichen Atlantischen Ozean angesiedelt ist. Mit einer gekonnten Reduktion wird ein stiller und beeindruckender Roman erzählt, in dem die Charaktere vor einer kargen Kulisse auf mehrere Ausbrüche zusteuern.

Die meisten Menschen führen ein bescheidenes Leben in der rauen Natur. Die althergebrachten Lebensgewohnheiten treffen auf die moderne Entwicklung, die sich auf der Insel nur erahnen lässt. Viele wünschen sich ein anderes Leben und träumen sich von der Insel fort. Lars verlässt oft die Heimat und fährt als Fischereihändler raus. Auch reist er häufig in das ferne England und in London erspürt er einen Neuanfang, als er Blumen für seine Frau kaufen möchte. Er verliebt sich neu und verschwindet einfach. In seiner Heimat, auf der Insel, lässt er somit seine Frau und seinen Sohn Jon zurück. Martha, die Lehrerin von Jon, träumt auch von etwas anderem. Sie schaut den Schiffen hinterher und will am liebsten mit diesen weg. Sie ist mit Bert verheiratet, der anscheinend das einfache Leben für sich akzeptiert hat. 

Lise, Lars Frau, wartet auf dessen Heimkehr. Als dieser nicht kommt, muss sie mit Jon das Leben alleine meistern lernen. Im Roman brodelt beständig etwas im Untergrund. In den Beziehungen zueinander, in der Gesellschaft und letztendlich in der Erde. Die Handlung spielt um den Schicksalsmoment, der die Insel Tristan da Cunha im Oktober 1961 erschüttert. Am 8. Oktober 1961 bricht der Vulkan aus und es kommt zu Erdbeben, Felseinstürzen und Lavaströmen. Können alle gerettet werden, besonders Jon, der plötzlich verschwunden ist?

Die Menschen sind alle mit der Insel verbunden. Sie werden durch die Erdaktivitäten und die persönlichen Wünsche auf die Probe gestellt. Die Familien zerreißen und müssen sich neufinden. Das Besondere am Buch sind die Lebensumstände auf der rauen und kargen Insel mit ihren steinigen Wegen. Im Handlungsverlauf wird einiges lediglich angedeutet, manches sogar ausgespart, dies macht die Kluft innerhalb der Gemeinschaften und letztendlich auch in der Natur deutlich. Die Entbehrungen, das Sehnen und die inneren und äußeren Explosionen setzen den Spannungsbogen. Die einzelnen Geschichten bewegen und werden durch eine bildreiche und zart poetische Sprache getragen. Der Handlungsort, der an Piratengeschichten erinnert, wird zum Schauplatz des stillen, melancholischen und wunderschönen Romans. Es ist das erste Werk der finnischen Autorin Marianna Kurtto, das ins Deutsche übertragen wurde. Die wunderbare Übersetzung stammt von Stefan Moster.

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Franziska Gänsler: „Ewig Sommer“

Ein Roman voller fiebriger Spannung. „Ewig Sommer“ ist der Debütroman von Franziska Gänsler. Sie versteht es, sofort eine Stimmung aufzubauen, die eine Hitze aufwirft, die nicht nur einem dystopischen Szenarium entspringt. Empathisch und mit einer zügigen und schönen Sprache bauen sich die Bilder auf und die Charaktere werden immer plastischer.

Iris hat das Hotel von Ihrer Familie in Bad Heim übernommen. Lange hat sie aber keine Gäste mehr empfangen, denn die Region wird von Waldbränden beherrscht. Schutz gewährt lediglich der Bruch, der Fluss, der ihre Seite von den gewaltigen Feuermassen trennt. Sie bleibt und hält an ihren alten Gewohnheiten fest und hofft auf Regen.

Eines Tages stehen eine junge Frau und ihre Tochter vor ihr und bitten um ein Zimmer. Diese Begegnung verändert nun alles. Die Frau scheint erschöpft und leicht verängstigt zu sein. Oft lässt sie Ihre Tochter auch unbeaufsichtigt und ist stundenlang verschwunden. Sie nutzt auch zuweilen ungefragt das Auto von Iris. Beide Frauen nähern sich aber langsam einander an und die Geschichte offenbart sich stückweise. Kommt die eigentliche Gefahr von den Bränden oder lauert diese ganz woanders? Plötzlich ruft ein Mann im Dorf an und erkundigt sich nach einer Frau mit ihrem Kind. 

Beim Lesen schaut man gebannt der inneren Entwicklung zu, die den äußeren, extremen Umständen geschult ist. Wird das ganze Szenarium ein gutes Ende finden oder werden die Zustände immer schlimmer? Ein ehemaliger Kurort wird ein verkohlter Schauplatz, in dem die Protagonisten auf ein normales und gewohntes Leben hoffen. Sie halten an ihren alten Ritualen und Gepflogenheiten fest.

Rauchschwaden, Feuer und die menschliche Bedrohung beherrschen die Kapitel und geben den Ton an. Das kleine Buch wächst und ist kein reiner Klimaroman, keine Dystopie, sondern ein Roman, in dem alles benannt wird, aber die Menschlichkeit und die Beziehungen die Spannung zum Beben bringen.

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Foltergaul: „Im Morast mit Kommissar Hjuler und Mama Baer“

Ein real-surreales Werk voll herrlichem Irrsinn. Der Roman, der aus dem Umfeld des Autors  entsprungen wirkt, verlässt Raum und Zeit und überspringt diverse Lebensachsen. Achsen, die geografisch zum Beispiel zwischen Kiel und Flensburg angesiedelt sind, aber auch das Raum-Zeit-Kontinuum durchhüpfen. Der Zeitstrahl kann niemals gradlinig fließen, wenn man es mit dieser Kunstform zu tun bekommt. Foltergaul, Tarekh oder doch Peter Rathke ist das Erzähler-Ich. Er ist Künstler, Verleger und Autor. Sein Freundeskreis ist in der Kulturellenwelt verwurzelt. Er hat Michael Engler entdeckt und pflegt eine Freundschaft mit dem Künstlerduo Mama Baer und Kommissar Hjuler aus Flensburg. Auf der Suche nach literarischer Transformation, so sagt er, hat er diese oft aufgesucht. Was dabei entstanden ist, ist das Buch „Im Morast mit Kommissar Hjuler und Mama Baer“. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Kunst – Brecht würde wohl sagen: „Das ist Kunst, Du Idiot“. Dabei orientiert sich der Text viel mehr an zeitgenössischer Gegenwartsliteratur und könnte als humorvolle und moderne Antwort auf „Die Flucht aus der Zeit“ von Hugo Ball verstanden werden.

Das Lesen des Buches verwirrt und unterhält. Beim Blick zum Autor könnte man fragen, was hat mich denn da geritten? Doch berauscht der Text und zügig ist man, wie betrunken, in ein Zeitloch gefallen und versteht mehr oder weniger, je nach Standpunkt. Paten für das Werk könnte man mit Hugo Ball, Kurt Vonnegut und Helge Schneider benennen. Einiges wirkt ferner beflügelt durch einen guten Whisky.

Mama Baer und Kommissar Hjuler kreieren zusammen Musik, Malerei, Collagen, Installationen, Performance, Experimentalfilme und gelten als Vertreter der Fluxus-Bewegung. Alles ist somit durch die drei Künstler in den Fluss geraten – zumindest im Roman. Denn dass es ein Roman ist, der die Realität lediglich streift, wird schnell deutlich, wenn sich die Gegenwart mit der Vergangenheit, den Kriegserlebnissen vermischen. Auch tauchen gegen Ende Gegenspieler der Protagonisten als Nicht-Doubles auf. Fluxus versteht sich aber auch als werdender Prozess. Kunst als Weg und nicht als fixiertes und endgültiges Werk. So ist auch dieser Roman ein Weg. Das Erzähler-Ich beginnt das Buch zu schreiben, als dieses sich dem Ende nähert. Somit ist die Gestaltung nur eine logische, denn das wahre Titelbild ziert bei diesem Druckerzeugnis die Rückseite.

Foltergaul reist oft nach Flensburg, um seine Freunde zu treffen. Gemeinsam sprechen sie über das Leben und die Kunst. Dabei essen sie dänische Pommes oder fahren gemeinsam nach Berlin zu diversen Ausstellungen. Dabei kommt natürlich auch das Sexleben nicht zu kurz, denn Mama Baer trifft auf Ian Curtis (Joy Division), der eventuell doch überlebt hat. Die Erinnerungen an die menschlichen Kriege vermischen sich mit dem alljährlichen Kampf von Holstein Kiel beim Versuch seines Aufstiegs. Dabei ist wohl stets der wichtigste Satz: „Ich kann nicht mehr“.

Eine eigentliche Inhaltsangabe fällt schwer. Wer Kunst und Kultur liebt und dabei Halluzination, beziehungsweise traumwandlerische Verwirrung sucht, sollte den Schritt zum Buch wagen. Es ist auch eigentlich nicht wichtig zu wissen, dass dies der zweite Teil einer Trilogie ist. Der erste Band heißt: „Im Knast mit Kommissar Hjuler und Mama Baer“. Doch wann ein dritter Band erscheint steht wohl in den Sternen, denn Peter Rathke aka Foltergaul hat sich für den zweiten Band lange bezirzen lassen müssen, glaubt man dem Inhalt…

Ein witziger und unterhaltsamer Ritt durch die Kulturtransformation.

Ein Zitat aus dem Werk:

„Der Kaffee von Kommissar Hjuler und Mama Baer schmeckt gut.

„Kennt ihr eigentlich den Klangkünstler Hauke Harder? Es gibt auch den Buchhändler Hauke Harder, es ist alles so verwirrend.“

„Einige Sätze im Roman könnte man sicherlich streichen“, sagt Kommissar Hjuler nun.“

(Bitte keinen, sagt das Hauke-Ich)

Peter Rathke aka Foltergaul

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David Mitchell: „Utopia Avenue“

Dieser Roman vibriert durch die Rockmusik. Der Sound der Sixties mit der pulsierenden, wimmernden Gitarrenmusik entfacht hier ein literarisches Feuerwerk. Eine Retrospektive, die den Geist der Sechzigerjahre mit einer fiktiven Bandgeschichte einfängt.

Doch wer Mitchell kennt, weiß, es gibt in seinen Werken stets mehr zu entdecken. Mit einer Leichtigkeit erweckt er in seinen Romanen große Bilder und Charaktere zum Leben. Er schließt auch wieder Kreise zu seinen anderen Werken und dem dortigen Personal. Alles ist bei Mitchell immer mit allem in Verbindung. Man kann sich daran erfreuen, wenn zum Beispiel der Gitarrist Jasper de Zoet heißt. Doch ist eine Vorkenntnis der Werke von Mitchell nicht nötig, seine Roman machen immer Spaß.

Utopia Avenue ist der Name der Band. Der Name verbindet Irdisches mit der entrückenden Traumwelt und zeigt sogar einen Weg auf. Ihre Musik wurzelt im psychedelischen Rock. Die Band besteht aus der Folksängerin Elf Holloway, dem Bassisten Dean Moss, dem Jazzdrummer Griff Griffin und dem Gitarrenvirtuosen Jasper de Zoet. Zusammen kreieren sie einen eigenen Sound und produzieren zwei Platten. Ihr Weg beginnt in den kleinen Clubs des Landes und endet mit großem Erfolg. Doch ihr Erbe und ihre Energie leben und vibrieren weiter.

Aus verschiedenen Perspektiven wird das Buch erzählt. Großartig ist das ganze Werk aufgebaut und verneigt sich vor der Musik der damaligen Zeit und deren Helden, die auch zuweilen als Gäste auftreten. Es beginnt mit Dean Moss, der gerade Opfer von Trickbetrügern war und somit seine Miete nicht mehr bezahlen kann und seinen Job verliert. Dabei läuft er einem Manager zufällig über den Weg, der ihn erkennt und sich seiner annimmt. In einem Club spielt gerade eine mittelmäßige Band, die sich in der Konzertpause auseinanderlebt und als Ersatz wird schnell eine neue Band formiert. Der Beginn von Utopia Avenue. Jedes Bandmitglied hat einen anderen Background als Musiker und entstammt einem anderen sozialen Umfeld. Jede Figur ist authentisch und mit sehr viel Feingefühl entworfen. Somit ist man mit der Umgebung und dem Personal sehr schnell vertraut.

Die Handlung spielt um die großen Verheißungen der Rockmusik. Das Buch lebt von der Liebe zur Musik und der Zeit. Ein umfangreicher (leider aber auch ein viel zu kurzer) Trip voller Sex, Drugs and Rock´n´Roll. Ein leichter, philosophischer Pageturner, der wie ein Gitarrensolo, mal wimmert, aufbegehrt, schreit und schluchzt. 

Mitchell schreibt stets Meisterwerke, die umeinander kreisen und bleibende Eindrücke hinterlassen. „Utopia Avenue“ stellt durch die Verbindung von der Leidenschaft zur Literatur, dem guten Erzählen und Musik ein ganz besonderes Werk im Kanon seines Schöpfers dar. Das Buch wurde übersetzt von Volker Oldenburg. 

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Steven Uhly: „Die Summe des Ganzen“

Bei dem neuen Werk von Steven Uhly sticht das Titelbild sofort ins Auge und erinnert an die Gestaltung eines Black Metal-Albums. Je mehr man in den Zeilen versinkt, hat es auch die Intensität, das Gefühlschaos und das Aufbegehren dieser extremen Musikrichtung. Das Werk bietet das, was man bei einem Roman von Uhly erwartet. Es ist bereits sein achtes Werk und er versteht sein Handwerk großartig und blickt stets sehr tief in die menschliche Psyche. Das Buch ist atemberaubend, nachdenklich und bis zum Ende unfassbar spannend.

Der Kirchenskandal wird verpackt in ein exzellentes Kammerspiel aus intimer Sicht. Uhly spielt mit der Sünde, der Begierde und der Erlösung. Eine Missetat kann mit der Beichte abgegolten werden und die Läuterung erfolgt nach der Preisgabe des Geheimnisses und der auferlegten Sanktion. Die Bibel sagt, der Mensch ist Sünder und kann nur durch Gotteswort gerettet werden. Doch wo beginnt bereits das Sündigen und kann eine Beichte Läuterung erzeugen, wenn doch der Segen von einem Menschen ausgesprochen wird?

In Hortaleza, einem nördlichen Außenbezirk von Madrid leitet Padre Roque de Guzmán die Pfarrkirche. Er hatte bereits einige Gemeinden und ist nun Hirte dieser kleinen Gemeinschaft. Jeden Tag erwartet er seine Sünder im Beichtstuhl. Meist sind es immer die Gleichen mit ihren immer gleichen Bekenntnissen. Langeweile und eine dezente Enthobenheit, wenn nicht sogar ein Anflug von Arroganz bemächtigt den Geist des Padres. Eines Tages kommt ein innerlich gehetzter Fremder. Er will beichten, doch sein Geheimnis kann er kaum in Worte fassen. So groß wirkt seine Last, die in peinigt. Er benötigt mehrere Anläufe an folgenden Tagen, um dem Padre seine dunkle Sünde zu erzählen. Hat er bereits gesündigt oder ist es ein noch ungestilltes Verlangen? Der Padre meint langsam, den Sünder verstehen zu können – ist er ja auch ein Mensch. Der Sünder, Lucas Hernandez, gibt einem Schüler in Mathematik Nachhilfe. Seine Sünde kreist um das Kind, um Armando. Ist seine Triebfeder Liebe, perverses Verlangen oder etwas ganz anderes, das die gepeinigte Seele offenbart?

Der Schüler Armando ist ein unschuldiger Chorknabe, den auch der Padre kennt und so wächst eine Unruhe. Mit fast schon einer Begierde wartet der Padre auf die Beichtbesuche des Sünders und will mehr hören. Kann er als Mensch den Sünder von seiner Last befreien? Tarnt er sich nicht auch als Mensch in einem von Gott gegebenen Gewand, um über seinesgleichen urteilen und sogar richten zu können? Ist der Padre überhaupt selbst frei von Sünde? Die Robe, die berufliche Kleidung wird mit einem Gegenpol weiterbeleuchtet. Ein zusätzlicher Charakter, ein Drogendealer, der sich für seine Kundschaft auch dem Bild, das diese von ihm haben, entsprechend kleidet. Alle kaschieren ihr Selbst und werden durch ihr Handeln berauscht. Sie suchen die Freiheit und dealen mit Erlösung. Am Ende des Textes offenbart sich das ganze Geheimnis und noch dunklere Räume öffnen sich.

Ein Kurzroman über Sünde, Sühne, Verlangen und Rache. Eine krankhafte Begierde vor der Kulisse des Hauses Gottes. Eine Reise in die Dunkelheit des Herzens und die zerstörerische Kraft. Ein großartiges Werk. Mit einem perfekten Romanaufbau und einer tiefgründigen Spannung, die sich immer gewaltiger aufbaut, führt Uhly uns stückweise in die Summe des Ganzen ein.

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Louise de Vilmorin: „Belles Amours“

Ein charmantes französisches Werk voller Leidenschaft. Eine schnell entflammte Liebe wird durch das Auftreten eines weiteren Mannes gelöscht und es kommt zu einem bunten Reigen aus Liebesverwirrungen. Somit ist dieser Roman ein intelligentes Drama und Komödie.

Das Werk ist eine Wiederbelebung in der Neuübersetzung von Patricia Klobusiczky zum 120. Geburtstag von Louise de Vilmorin. Der Roman ist Orson Wells gewidmet, mit dem die Autorin mehr als eine Freundschaft pflegte. Er diente Monsieur Zaraguirre, ein Charakter des Romans, als Vorbild. Louise de Vilmorin, geboren 1902, war wohlhabend und mit Antoine de Saint-Exupéry verlobt. Verheiratet war sie mehrfach und hatte einige Affären. Durch ihren Bezug zu den Adelskreisen, bewegte sie sich in der Kunstwelt und wurde animiert zum Schreiben. In ihre Werke fließen stets biographische Erfahrungen mit ein. Sie starb 1969.

Zu lieben sei, so sagt Monsieur Zaraguirre am Anfang des Romans, im Grunde erfinden. Liebe bemächtigt sich vorrangig der Fantasie, bevor sie herzliche Realität wird. Monsieur Zaraguirre ist ein charismatischer Unternehmer, der in Südamerika lebt und ein guter Freund der vermögenden Familie Duvilles ist. Die Duvilles leben in Valronce. Sie haben nichts auszustehen und bewegen sich in ihren Adels- und Handelskreisen. Die einzige Sorge, die Madame Duvilles hat, ist, dass ihr einziger Sohn, Louis, noch nicht verheiratet ist. Ein bekannter Oberst kommt eines Tages mit seiner verwitweten Nichte zu Besuch und Louis verliebt sich auf der Stelle in diese. Schnell werden Hochzeitspläne geschmiedet und die Familien und Freunde eingeladen, auch Monsieur Zaraguirre. Einen Tag vor der Eheschließung verliebt er sich in die Braut und flieht mit ihr und Louis bleibt betrogen zurück und schwört Rache. Die Familie Duvilles verstößt ihren alten und guten Freund, der, nun mit seiner Ehefrau, nach Südamerika zurückkehrt.

Da Monsieur Zaraguirre geschäftlich viel unterwegs ist, reist er mit seiner Frau nach fünf Jahren erneut nach Frankreich und durch neue Freunde ermöglicht, möchte seine Frau Paris erleben. Hier kommt es zu einer neuen Begegnung von Madame Zaraguirre und Louis Duvilles. Sie möchte die alten Freundesbande ihres Ehemannes mit der Familie Duvilles heilen und kommt dadurch ihrem verschmähten Ex-Bräutigam näher, der aber auch seine eigenen Pläne hat.

Der Roman erzählt die Ereignisse temporeich und die tragikomische Dreiecksgeschichte um Liebe, Rache, Verrat und Leidenschaft wächst zu einem Gesellschaftsbild. Das Werk bietet großartiges Lesevergnügen. Eleganz, Leidenschaft und die egozentrische, falsch verstandene und zerstörerische Liebe werden gekonnt beschrieben. Eine lohnenswerte und sehr unterhaltsame Lektüre.

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Traian-Ioan Geană: „Am Ende sterben die Worte auch“

„Am Ende sterben die Worte auch“ ist ein Satz, hier sogar ein Titel, der prophetisch eine dezente Stimmung von Melancholie verursacht. Dabei sind die Gedichte nicht schwerfällig, sondern Traian-Ioan Geană zeigt sich als Sprachkünstler, der zeitgenössische Lyrik verfasst und aktuelle Themen und Stimmungen einfängt. Das Buch ist somit kein Abgesang, auch wenn die Titelgestaltung an ein Vanitas erinnert. Ein Stillleben, eine sprachliche Seelenreise, die ganz genau zu beobachten weiß und dabei Gefühls- und Gedankenmomente fixiert.

Der Autor, Traian-Ioan Geană, hat in Bukarest Germanistik und Anglistik studiert. 2016 hat er in Würzburg ein Masterstudium im Fachbereich Germanistik abgeschlossen und promoviert derzeit mit einer Arbeit über deutsche Gegenstandsgedichte.

Die Gedichte wenden sich an seine Eltern, die Einsamkeit, die Ökologie, an Gott, an eine Pornodarstellerin, an Haustiere und an viele weitere Dinge. Der vorangestellte Text, „An den Leser“ zeigt einen schüchternen, an sich zweifelnden Autor. Er erscheint hier in seinem Kopf gefangen und hadert mit seiner Publikation. Warum noch weitere Lyrik? Wer will und mag noch weitere Werke lesen? Besonders Lyrik, die niemals in großen Büchern und Anthologien zu finden sein wird. Das Interesse an Poesie versiegt, mag man meinen. Doch sind es gerade die folgenden Zeilen, die beweisen, dass Lyrik Bodenständigkeit erlangt hat und mit Sprache, Gedanken und Gefühlsaugenblicken zu jonglieren versteht.

Die Lyrik von Traian-Ioan Geană ist aus dem Kosmos des Erzählenden, dem Ego des Verfassers entsprungen und kreist um seine Themen, die dennoch den allgemeinen Zeitgeist einfangen. Wenn man das Werk gänzlich und chronologisch gelesen hat, offenbart es eine Tiefe und zeigt ebenfalls einen feinen Humor.  

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