Archiv der Kategorie: Erlesenes

Hildegard E. Keller: „Was wir scheinen“

„Dichterworte zünden die Liebe zur Welt an“

„Was wir scheinen“ ist eine Romanbiografie, die die wahre Geschichte fiktionalisiert und somit die Hauptfigur, Hannah Arendt, sehr nahbar erscheinen lässt. Ein Buch, das nicht als Biographie verstanden werden kann, sondern als Roman und als Einblick in die Persönlichkeit, das Leben und das Schaffen der bedeutenden Theoretikerin, Publizistin und Lyrikerin.

Die Handlung beginnt im Jahr 1975 und Hannah Arendt ist von New York auf dem Weg nach Tegna, in der Schweiz. Der lange Flug und nun die Zugreise wirken ermüdend. Sie nimmt die vorbeihuschende Landschaft nur beiläufig auf. Sie dämmert ein und träumt erneut den Traum vom Glaskasten, der sie seit dem Eichmann-Prozess heimsucht. Im Tessin möchte sie eine Art Urlaub verbringen. Die Gedanken sortieren und die Umgebung auf sich wirken lassen. Die Wochen ihres Sommerurlaubs in Tegna wechseln regelmäßig mit Rückblenden und Erinnerungen aus ihrem Leben. Die gesuchte Erholung und das ländliche Refugium werden zu einer Reise in die Vergangenheit und den Orten: New York, Berlin, Paris, Marseille, Jerusalem und Rom. Es verwischen sich Fakten und Fiktion und somit bildet sich ein großes Bild und man erlangt mit den Erinnerungen der fiktiven Hannah Arendt einen enormen Eindruck von Wirken und Leben der realen Persönlichkeiten und Ereignisse.  Hildegard E. Keller schreibt sehr gekonnt und mit viel Wissen und Empathie. Die Romanhandlung ist durch die historischen Fakten inspiriert und wird durch diese ergänzt. Somit kommt Hannah Arendt durch Quellen gestützt selbst zu Wort.

Die Verfolgung von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus bewogen sie zur Emigration aus Deutschland. Sie hat sich lebenslang mit der Freiheit und der Gleichheit beschäftigt. Sie war philosophisch und politisch hoch gebildet und hat mit ihren Worten vieles bewegt und verändert. Durch diesen Roman meinen wir Hannah Arendt besser kennenzulernen. Durch das Alltägliche wird die welterfahrene Frau persönlich. Durch die Bildhaftigkeit und die Fiktionalisierung kann dieser Roman auch als gelungener Einstieg gesehen werden. Das Buch erzeugt einen Wunsch, sich ausführlicher mit Hannah Arendt zu beschäftigen, sofern noch nicht geschehen. Es sind keine Vorkenntnisse von Nöten, um diesen Roman gänzlich zu erfassen. Das Buch ist sehr einfühlsam, wissenswert und umfangreich geschrieben. Durch den Wechsel zwischen den Rückblicken und dem Aufenthalt im Tessin mit den Urlaubserlebnissen nebst Vogelbeobachtungen bekommt der Roman etwas Leichtes. Die Fülle, die Tiefe und die Schwere werden durch die beschriebenen Sommermonate aufgelockert.

Hildegard E. Keller hat mit ihrem Debüt ein faszinierendes Werk über eine der bedeutendsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts geschaffen.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Isabela Figueiredo: „Die Dicke“

Die Erzählerin geht durch die Räumlichkeiten der Wohnung ihrer Eltern. Dies ist die Wohnung, die die Familie nach ihrer Rückkehr aus Mosambik bewohnte. Das Betreten der Zimmer weckt die Erinnerungen und bildet die jeweiligen Kapitelüberschriften. Dabei hat jeder der aufgesuchten Standorte eine ganz besondere Energie. Der Eingang, das Mädchenzimmer, die Küche und die Diele haben ihren eigenen Zugang zu der Geschichte. In manchen Zimmern wird gelebt, manche dienen als Übergangs- oder Einstiegsmoment und andere werden für das körperliche Wohl benötigt. Denn dies ist eines der Themen, das sich bereits vom Titel ableitet, das gesellschaftliche Idealbild von unserem Erscheinungsbild. Doch geht es in dem Roman auch um Aus-, bzw. Abgrenzung, um Rassismus und um die Kolonialgeschichte Portugals.

Die Hauptfigur heißt Maria Luisa und ist jung, sehr gebildet, aber auch eigensinnig. Der Roman liest sich im Hinblick auf die Autorin sehr autobiografisch. Somit sind alle Charaktere, Situationen und Orte reine Fiktion und auch pure Wahrheit.

Maria Luisa lebt in Portugal im Haus ihrer Eltern, die verstorben sind. Dieses Bild der Wohnung zentralisiert ihre Geschichte, Verletzlichkeit und ihre Einsamkeit. Bereits als Jugendliche wurde sie ausgegrenzt. Sie war eine gute und gebildete Schülerin. Sie ist in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Mosambik aufgewachsen und ist nach Portugal zurückgekehrt. Diese Rückkehrer wurden in Portugal oft als böse dargestellt. Als sie Teenager ist, beginnt der alltägliche Kampf um Anerkennung. Denn oft ist sie das Opfer des Mobbings, denn Maria Luisa ist dick. Darum drehen sich ihre ganzen Denkmuster. Alles ist dieser Körperlichkeit unterworfen. Auch später, als sie sich entschließt, ihren Magen operativ verkleinern zu lassen, bleibt sie für sich die Dicke. Doch ist sie gradlinig, ehrlich und weiß, was sie möchte. Doch ist ihr Umfeld und ihr Liebesleben ihrer empfundenen Körperlichkeit unterworfen. Ihre Freundin, Tony, ist schlank und bei vielen sehr begehrt. Doch hat auch Tony ihre Geheimnisse und dunklen Seiten und nutzt Maria Luisa oft und gerne aus. Neben Tony ist Maria Luisa der Wal oder sogar das Monster. Während des Studiums spricht Maria Luisa erstmalig auch die steten Lügengeschichten Tonys an und traut sich somit aus ihrem gewohnten Terrain herauszutreten. Sie lernt David kennen und lieben, der ihre Gefühle erwidert, sich aber auch von ihr distanziert und sich später trennt. Doch können beide sich nicht ganz voneinander lösen.

Als Jugendliche empfand sich Maria Luisa durch ihre Eltern und das soziale Umfeld beengt. Später wird sie mit dem Verlustgefühl gegenüber den Eltern leben. Durch die Dominanz von Tony, ihrer Freundin, wird sie mehr oder weniger akzeptiert, muss sich aber selbst dafür erniedrigen. Auch ihre große Liebe verwehrt ihr das Glück. Sie benötigt Raum für sich selbst und als sie dies erkennt, will sie ihren körperlichen Umfang reduzieren.

Ein Roman, der durch die Erzählstruktur und Thematik fasziniert. Es ist nicht das übliche Klischee des Ausgleichens des Liebesentzugs und der gefühlten Einsamkeit durch Essen. Es ist die Geschichte einer stark werdenden und eigenwilligen Frau. Doch sind in ihr einige Narben, die immer im Leben ihre Spuren zeigen werden. Das Gefühl, auch nach dem Abnehmen, immer dick zu sein wird bleiben, die Operations-Narben und das Seelentrauma des gemobbten Menschen trägt sie beständig mit sich. Auch die politische Geschichte, die in Mosambik ihren Anfang nahm und in Portugal seinen Kreis schließt, prägt ihr Dasein.

Der Roman ist sehr persönlich mit dem Leben der Autorin verbunden. Figueiredos erster Roman „Roter Staub“ hatte für einen Skandal gesorgt, weil sie darin mehr auf Portugals Kolonialherrschaft eingeht. Somit ist der Roman „Die Dicke“ ihre Fortführung und die Geschichte über die Ausgrenzung als Rückkehrerin. Der Roman wurde von Marianne Gareis aus dem Portugiesischen übersetzt.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes

Ling Ma: „New York Ghost“

Die Gegenwart ist durch Regelwerke geprägt und es gibt zurzeit nur ein Thema, das uns Menschen beschäftigt. Will man gerade jetzt ein Buch lesen, in dem eine Pandemie ausbricht? Bei diesem Werk gibt es nur eine Antwort: unbedingt! Denn es ist viel mehr als ein Pandemieroman, der vor den jetzigen Geschehnissen geschrieben wurde. Dieses Debüt beinhaltet eine lesenswerte Familiengeschichte, ist eine bissige Gesellschaftssatire und ein packender Entwicklungsroman.

Vorrangig geht es um Routine und Rituale, die wir zelebrieren und anscheinend immer wieder benötigen. Denn egal, wie die Umstände sind, suchen wir nach Halt und finden diesen meist in den auferlegten Regeln und in der alltäglichen Routine. Der titelgebende Geist ist eine Frau, die anhand von Fotos ihre Umgebung fixiert. Sie möchte an ihrer Welt festhalten und diese anhand ihrer Fotokunst belegen. Das Festhalten an dem Alten bedingt einen Geist, er akzeptiert nicht seine Leere oder sein Ableben.

Candace Chen ist, als sie sechs Jahre alt war, mit ihren Eltern aus China gekommen. Ihre Eltern verstarben und die studierte Candace erhält durch einen alten Freund ein Vorstellungsgespräch bei dessen Bruder. Sie lebt in New York und arbeitet fortan bei einem größeren Verlagsdienstleister, der die Materialbeschaffung und die weltweiten Drucklegungen organisiert. Sie ist zuständig für die Herstellung von Bibeln. Ihre Freunde und die neue Arbeit lassen sie in der Gesellschaft aufsteigen, in der es normal ist, auf Dienstreise in besseren Hotels zu wohnen, feudal zu speisen und das Shoppen zu genießen. Doch kommt sie persönlich nur langsam mit dieser Welt mit und verliert sich gerne in ihrer Routine. Ihr studiertes Kunstwissen lebt sie lediglich als Hobbyfotografin aus. Sie betreibt einen Blog, in dem sie ihre Welt für ihre Follower visualisiert. Auf einer Party, auf die sie aus einer Laune heraus einen Exfreund eingeladen hat, lernt sie auch ihren Nachbarn besser kennen. Somit lebt sie sich in New York ein und nennt sich zumindest in der Bloggerszene New York Ghost. 

Aus Asien kommen dann Pilzsporen, die sich durch die Globalisierung und das Konsumverhalten schnell verbreiten. Diese legen sich in der Lunge ab und befallen kontinuierlich den Wirt. Der Verlauf ist meist tödlich. Doch gibt es Menschen, die verschont bleiben, auch Candace, die anfänglich davon nichts mitbekommt und bis zuletzt in der Stadt bleibt. Da viele New York verlassen haben, bleibt sie fast alleine in der Metropole und agiert weiterhin als Ghost, um den Menschen die aktuellen Entwicklungen mitzuteilen.

Später flieht auch sie und schließt sich einer Gruppe Überlebender an. Angeführt von einem dubiosen Mann, versuchen sie ein Domizil zu erreichen. Auf dem Weg plündern sie und erlösen die vom sogenannten Fieber Befallenen. Die Gruppe hat ihre eigenen, fast schon religiösen Regeln. Doch ist Candace hier in Sicherheit? Wie geht es mit ihr und den Menschen weiter?

Der Roman bietet ganz viele Themen an und erzeugt neben den Bildern anregende Gedankenspiele. Kapitalismuskritik eint sich mit der voranschreitenden Entmenschlichung. Die New York-Geschichte liest sich wie ein toller Entwicklungs- bzw. Familienroman. Durch die Sprünge in die nahe Zukunft wird der Roman eine kleine Dystopie und spielt innerhalb einer packenden Endzeit- und Zombiefilmkulisse. Ein visionärer Roman, voller stimmiger Figuren und Handlungsverläufe. Das Buch ist spannend, hat einen gewissen Witz und ist wirklich sehr gut geschrieben. Es ist ein Werk, das uns unsere Menschlichkeit zeigt und eine Vision eines möglichen Danach aufzeigt.

Ling Ma wurde, gleich ihrer Heldin, in China geboren und wuchs in den USA auf. Ihr Debütroman, der von Zoë Beck übersetzt wurde, gewann bereits zahlreiche Preise.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Margarita Liberaki: „Drei Sommer“

Dieser Roman ist vor 75 Jahren erschienen und ist in Griechenland bereits ein moderner Klassiker. Die Autorin, Margarita Liberaki, zählt zu den wichtigsten Stimmen Griechenlands. Anhand von drei Sommern wird der Werdegang dreier Schwestern erzählt. Was bedeutet es, eine Frau zu sein? Dieser Text ist so zeitlos und immer noch von immenser Bedeutung, dass wir uns freuen können, dieses Werk erstmalig in deutscher Übersetzung, von Michaela Prinzinger, entdecken zu können.

Drei Schwestern, Maria, zu Beginn des Romans 20, Infanta 18, und Katerina, die Jüngste, 16 Jahre alt, wachsen in einer Idylle nahe Athen auf. Auf den ersten Blick wirkt alles sorglos und die jungen Frauen erleben eine leichte, fast sorgenfreie Zeit. Es gibt auf dem Anwesen Bedienstete und der Alltag wird durch das Erleben der Natur, Lesen, Freunde treffen und gemeinsame Mahlzeiten geprägt. Auch wenn es Geschwister sind, unterscheiden sie sich sehr. Anhand von Kleinigkeiten und Altäglichem zeigt die Autorin die feinen trennenden Nuancen. Als Beispiel sind gleich am Anfang die Strohhüte auffallend oder die übertragenen Beete, beziehungsweise die Pflanzen, die sie zu versorgen haben. Anhand der Auswahl und Bepflanzung zeigt sich bereits der jeweils junge Charakter.

Doch die Idylle ist nur eine scheinbare. Denn immer deutlicher werden die Risse und Verletzungen, die die Familie geprägt haben. Die Eltern leben in Trennung, die Geschichte der polnischen Großmutter und eine Vergewaltigung, die immer noch in der Gegenwart auf die Charaktere einwirkt. Die Erzählperspektive wechselt und immer mehr müssen die drei Schwestern ihren Platz im Leben finden. Anfänglich gaben sie sich ihren Träumen, liegend auf der Wiese, hin. Nun müssen sie für ihren Lebensweg Entscheidungen treffen. Kann man seine Freiheit trotz Ehe finden? Kann man seine Vollkommenheit nur finden, wenn man sich an jemanden bindet oder ist gerade das Gegenteil richtig? So stellt sich besonders die jüngste der Schwestern die Frage, ob sie auf Liebe und Familie verzichten muss, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Maria, die stets einen kleinen Hang zum Romantischen und Verklärten hat, will heiraten und denkt, die Liebe wird schon kommen. Infanta, die etwas Enthobenes, Unnahbares umwebt, macht Hand- und Hausarbeiten und liebt es, mit ihrem Pferd auszureiten. Es ist die Jüngste, die am meisten beobachtet und zwischen Freiheit, Liebe, Risiko, Häuslichkeit und künstlerischer Kreativität schwankt.

Margarita Liberaki vermischt sehr gekonnt die Perspektiven und somit die Erzählstile. Ganz filigran lässt sie diese kleinen Veränderungen einfließen und besonders das Beobachten der kleinen Momente zeigt die enorme Wirkung auf die handelnden Figuren und charakterisiert diese dadurch. Der Roman zeigt die gesellschaftlichen Grenzen und Möglichkeiten. Das Damalige strahlt seine Aktualität aber immer noch in unser Jetzt. Sehr einfühlsam und mit einer wunderbaren Sprache gelingt es der Autorin, die Geschichte persönlich erlebbar zu machen und man versinkt in jenen drei Sommern. Die Autorin wurde 1919 in Athen geboren und schrieb bereits während ihres Studiums. Sie lebte lange in Paris,  wo sie Jean-Paul Sartre kennenlernte und Albert Camus zu ihrem Bewunderer wurde. Sie starb im Jahr 2001.

Das Buch hat die Sonne Griechenlands in sich und erzählt eine realistische Geschichte dreier Frauen. Der Roman wirkt wie die Lieder, die die Protagonisten singen. Er hat etwas Klares, Melancholisches, etwas in alten Kulturen Verwurzeltes und Wunderschönes.   

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Elizabeth Taylor: „Mrs Palfrey im Claremont“

Wir wünschen uns alle einen guten Lebensabend. Doch gestaltet sich dieser leider selten in den eigenen Räumlichkeiten. So hat Elizabeth Taylor eine verwitwete Heldin ins Leben geschrieben, die in ein Hotel zieht, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Ein Heim kommt aus mehreren Gründen nicht in Frage. Das Leben im Claremont ist bestimmt durch die tägliche Routine, Klatsch und Tratsch und das Warten auf Abwechslung. Ein Warten auf das Ableben wird belebt durch Zeitvertreib. Zeitvertreib ist bei uns Menschen eine merkwürdige Eigenschaft. Als wäre man der Zeit überdrüssig und wolle diese vertreiben und sich durch Ablenkung versüßen. Elizabeth Taylor hat hier einen wunderbaren Roman verfasst, der anregt, erheitert und einfach große Literatur ist. Das Buch, das jetzt in der Übersetzung von Bettina Abarbanell vorliegt, zählt zu den besten englischen Werken, war für den Booker Prize nominiert und wurde verfilmt.

Es beginnt an einem regnerischen Sonntag, als Mrs Palfrey im Claremont einzieht. Es ist ein Hotel, das nicht gerade den Luxus verströmt, aber dennoch einen gewissen britischen Charme ausstrahlt. Übliche Hotelgäste tauchen nur begrenzt und kurzweilig auf. Die beständigen Mitbewohner haben sich gleich Mrs Palfrey in das Claremont eingemietet, um dort den Lebensabend zu verbringen. Der tägliche Höhepunkt ist das Essen. Dabei ist die Bestellung à la carte eher ein Witz, denn es gibt meist eine sehr begrenzte Auswahl an Gerichten, die stets im Haus als Information aushängen. Das Haus hat sich somit leicht widerwillig an die Stammgäste angepasst. Die älteren Menschen sind allesamt exzentrisch, eigenwillig und sehr, sehr neugierig. Der Tag wird belebt durch gegenseitiges Beobachten und das Sammeln von Informationsschnipseln, die die Gespräche und die gegenseitigen Auffassungen beleben. Mrs Palfrey ist nun als neuer Gast im Zentrum der Wahrnehmung, die aber nicht öffentlich zur Schau getragen wird. Die Blicke wandern beim Essen, beim Stricken oder beim gemeinsamen Seriengucken zu dem Neuankömmling. Kontakte entstehen und besonders das soziale Umfeld der Anderen ist oft ein allgemeines Thema. Leider ist Mrs Palfrey sehr einsam. Ihre Verwandtschaft ist weit weg und der Enkel, der im Museum tätig ist, hat keine Beweggründe, ihr einen Besuch abzustatten. Dies wird bemitleidend wahrgenommen.

Jeder Alltag, der eine Aufgabe enthält, ist ein Gewinn und als Mrs Palfrey für eine Mitbewohnerin Bücher aus der nahegelegenen Bibliothek besorgen soll, verknackst sie sich ihren Fuß und ein junger Mann tritt helfend zur Seite und somit in Ihr Leben. Dies ist der mittelose Ludo, der von einem Leben als Schriftsteller träumt. Da sie sich bei ihm erkenntlich zeigen möchte, lädt sie ihn zu einem Essen ins Claremont ein und verneint ihren Mitbewohnern gegenüber nicht, als diese ihn für ihren Enkel halten, dass er dies nicht ist. Ludo ist ganz begierig, mehr über das geriatrische Leben zu erfahren und verwendet Mrs Palfrey als Vorbild für seinen Roman. Aber auch in dem sozialen Umfeld von Ludo gibt es Veränderungen.

Somit sind mehrere feine und kleine Spannungsbögen gesetzt und die Protagonisten entkommen ihrem Kleid aus Langeweile und Tristesse. Besonders die Charakterisierungen und die Beziehungen zueinander beschreibt Elizabeth Taylor großartig. Es ist ein lesenswerter, humorvoller, aber auch trauriger Roman, der gegen Ende sogar den Spannungsbogen verstärkt. Aber bereits mit den Anfangsszenen hat Elizabeth Taylor den Leser gefesselt und begeistert.

Das großartige Leseerlebnis wird abgerundet durch ein lesenswertes und wissenswertes Nachwort von Rainer Moritz.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“

Ein politisches Märchen oder ein gesellschaftlicher Schauerroman? Auf jeden Fall ein wunderbares Werk. Was gruselt mehr, die Realität oder die Fiktion? Ein Roman, der als klassischer Gruselroman auf die Gesellschaft, Geschichte und Politik zeigt. Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt in den Bergen an der Grenze zu Transsilvanien. Diese Örtlichkeit weckt sofort Erinnerungen an die Legenden, die sich um diese Region ranken. Weltruhm erlangte die historische Figur, die hier gelebt hat, durch den Roman von Bram Stoker, der mit „Dracula“ einen der schönsten Gruselromane überhaupt verfasst hatte. Dana Grigorcea bedient sich dieser Welt, um aber auch auf die Realität zu blicken.

Eine in Paris ausgebildete Künstlerin besucht ihre Großtante in deren Villa. Erinnerungen an die kommunistische Diktatur keimen in ihr. Sie kehrt an den Ort, den sie in ihrer Kindheit oft aufgesucht hatte, zurück um in den Sommerferien die Natur, die Landschaft und das einfache Leben zu genießen. Der Kommunismus ist Vergangenheit und dennoch ist im Ort eine leichte Verzweiflung und Perspektivlosigkeit zu spüren. Die Großtante zelebriert aber weiterhin ihren Leitspruch, dass nichts sie zu zerbrechen vermag. Die alten Freundschafts- und Familienfäden nimmt die Erzählerin am Ort wieder auf. Die Erzählerin blickt aber mit ihrem Bericht auf die kommenden Geschehnisse zurück und hält ihre Erinnerungen schriftlich fest, um das, was ihr dort wiederfahren ist, publik zu machen. Auch Stoker hat seinen Roman so aufgebaut, dass man stets die Berichte der Charaktere zu lesen bekommt. Bei Dana Grigorcea ist es ein Bericht, der aber genauso fantastisch und sehr gruselig wird.

Bei einem Ausflug kommt es zu einer Tragödie und bei den Vorbereitungen zur Beisetzung in der Krypta wird eine Leiche gefunden. Diese wird auf dem Grab von Vlad, dem Pfähler, übel zugerichtet gefunden. Als Hätte der Fürst der Dunkelheit  zugeschlagen. Denn Vlad III. ist durch seine brutale Art in die Geschichte eingegangen. Er hat sein Land von allem Ungerechten und der Unterdrückung befreien wollen. Seine Feinde hat er grausig ermordet. Da er auch im Orden des Drachen agierte, wurde er Dracula, Sohn des Drachens, genannt. Ist dieser Blutsauger nun erneut auferstanden? Hat man nicht auch einen Nebel gesehen? War da nicht eines Nachts auch jemand bei der Erzählerin? Ist nicht ein Wesen auf allen vieren eine Mauer herabgeklettert? Warum schwindet langsam der Appetit und der Blick in den Spiegel bleibt leer?

Die Vampirgeschichte um Dracula scheint wieder belebt zu sein und das ganze Umfeld der Erzählerin macht mit ihr eine Verwandlung. Der Blick in die Vergangenheit vermischt sich mit der Gegenwart. Die Zeitenfolge wird für die Erzählerin immer schwerer zu greifen, aber letztendlich geht es auch immer nur um das Schicksal, egal wann dieses zuschlägt.

Doch sehen mit den Geschehnissen in der Stadt auch manche die Chance auf Veränderung. Die Möglichkeit, daraus Kapital zu machen und den Ort erneut zu beleben. Auch der Ruf nach einer starken Führungsfigur ist zu vernehmen.

Somit ist der Grundstein für eine tolle Geschichte gesetzt. Der Blick in das Auge eines Gegenübers verrät auch nur die eigene Spiegelung und somit wird das Reale fantastisch und das Grauen wird wahr.

Dana Grigorcea hat einen so tollen, altmodischen und doch ganz modernen Gruselroman geschrieben. Im Buch verwebt sie in der Fiktion die Geschichte des Landes mit der Gegenwart und verbindet Mythen mit der Wahrheit. Gesellschaftliches und Politisches wird dabei gekonnt gestreift. Ein gespenstisch guter Roman.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Julia Rothenburg: „Mond über Beton“

Julia Rothenburg geht mit jedem Buch etwas weiter. Sie versteht es erneut, anhand ihrer Figuren einen umfangreichen Bogen an Milieus und Stimmungen zu erzeugen. In ihrem dritten Roman „Mond über Beton“ weckt sie nicht nur eine Handvoll Charaktere, sondern auch einen Wohnbezirk, einen brisanten Berliner Platz zum Leben. Dabei ist der regionale Bezug zu Berlin lediglich ein Bild, das die Autorin erzeugen möchte, das aber in jeder Stadt spielen könnte.

Die Handlung spielt am Kottbusser Tor und Zentrum Kreuzberg. Dieser Platz erwacht mit dieser Lektüre wortwörtlich für wenige Tage. Man muss kein Berliner sein und die Örtlichkeiten kennen, um dem Charme und dem Reiz der Figuren und Handlungen zu erliegen. Rund um den Platz hat sich eine Drogenszene etabliert und somit ist es ein Sammel- und Brennpunkt verschiedenster Gesellschaften, Kulturen und Kriminalität. Inmitten diese Welt wirft uns Julia Rothenburg hinein. Mit viel Empathie entwirft die Autorin die Charaktere und mit feinen Beobachtungen und Bildern erwacht das Leben im Roman und am Kotti. Wenige Tage bleibt der Leser Zeuge der Geschehnisse an diesem Platz. Mit gekonnten Dialogen und den vernetzten Handlungsverläufen wird man immer mehr an den Roman gefesselt und möchte bei den wenigen Figuren verbleiben. Auch mit der Sprache spielt Julia Rothenburg passend zu der Handlung. Es gibt Sätze, die ins Leere verlaufen und in der Luft hängen bleiben, wie auch manche Menschen im Roman.

Wir lernen Ario, den Stadtstreicher kennen, der noch relativ klar die Situationen in seinem Umfeld erfasst und den Beton des Platzes allen anderen Schlafplätzen vorzieht. Ihm begegnet ein Engel. Der Engel ist Aylin, die zwei verschiedene Verkäuferinnenstellen angenommen hat und sich Sorgen um die Zukunft macht. Sie jobbt bei Rewe und beim türkischen Gemüsemarkt von Mutlu. Mutlu ist ein alleinerziehender Familienvater, der ständig im Laden arbeitet und nebenbei auch seine Söhne Baris und Burak im Auge behalten möchte. Denn Baris träumt von einer Karriere als YouTube Star und als er sein Idol trifft,  meint er seinem Ziel sehr nahe gekommen zu sein. Sein Bruder, Burak, läuft Gefahr, ins Drogenmilieu abzurutschen. Als die Kriminalität am Platz immer offensichtlicher wird, wollen die Alt-Linken Marianne und Günther zum erneuten Häuserkampf aufrufen und mobilisieren die anderen An- und Mitbewohner. Stanca, eine Rumäniendeutsche, die ständig wegen ihrer Mietschulden in Bedrängnis gerät, macht auf einem Spaziergang mit ihrem Dackel einen grausigen Fund und die Idee einer Bürgerwehr wird geboren. Sie wollen ihren „Kotti“ zurückerobern und von den kriminellen Machenschaften um den Platz befreien. Doch lauern noch ganz andere Abenteuer auf die Helden…

Ein Roman, der sich langsam aufbaut, aber sich gerade dadurch immer fester im Lesenden verankert. Die Figuren erzeugen ein Suchtpotential und man folgt gebannt dem ganzen Handlungsverlauf und blickt dabei immer tiefer in die sozialen Milieus. Ein ganzer Platz erwacht zum literarischen Leben und mit ihm die fiktiven Menschen, die uns zeigen, wie porös unser Lebenskonstrukt sein kann. Erneut zeigt Julia Rothenburg nach „Koslik ist krank“ und „hell/dunkel“ auf unsere gesellschaftlichen Risse. Der dritte Beweis, warum ich Fan dieser Autorin bin.

Danke Julia Rothenburg und Frankfurter Verlagsanstalt – dies ist nun der achte Roman, auf dessen Buchdeckel ich zitiert werde! Dies auch gleich unter Feridun Zaimoglu!

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Rainer Moritz: „Als wär das Leben so“

Rainer Moritz, ein Mann des Buches, hat einen sehr herzlichen Roman geschrieben. Er handelt von einer Frau, die ihren Weg geht und nicht auf Karriere oder Ehe fixiert ist. Anspruchsvolle Liebes- oder Lebenspläne macht sie erst gar nicht. Sie scheut den sentimentalen Rückblick und vermeidet stets die Wehmut. Sie will ein selbstbestimmtes Leben führen, ohne dabei viel zu verlangen. Sie ist bescheiden und wirkt in sich ruhend und mit ihren eigenen Lebensbestimmungen glücklich. Doch ist sie dies wirklich?

Rainer Moritz hat eine Frau ins Leben geschrieben, die auf ihrem Weg zur Freiheit direkt in das Herz des Lesers wandert.

Der kleine Roman beinhaltet ein ganzes Leben und ist voll von erlebten Momenten. Lisa schreibt einen Brief an ihre Eltern. Sie möchte sich erklären, möchte etwas Wichtiges mitteilen. Will sie sogar einen Abschied formulieren? Dies fällt ihr schwer, möchte sie doch nicht zu sentimental klingen. Daher wirft sie jeden neuen Schreibversuch weg. Diese werden in Folge stets ab und zu zwischen die Kapitel eingeschoben. Denn beim Schreiben kommen ihr die Erinnerungen. Sie wächst in einem kleinen Dorf an der Schlei auf. Sie wird die Schlei immer lieben und die Verbindung zu ihrem Elternhaus stets halten. Sie benötigt immer Gewässer ums sich. Wasser als Meer oder eben als Fluss. Lisa ist eine gute, aber stille Schülerin und kommt auf das Gymnasium. Jungs gibt es in ihrem Umfeld, doch sind ihr diese nicht sehr wichtig. Küssen müssen sie können und sie so akzeptieren wie sie ist. Diesem Credo folgt sie in Folge. Nach der Schule wird sie Buchhändlerin, weil sie die Literatur und das Lesen liebt. Ihr Lesegeschmack und ihre charmante Art lassen sie zu einer guten Verkäuferin werden. Doch strebt sie keine Karriere an. Auch das Liebesleben ist eine reine und selten andauernde Begleiterscheinung. Sie reist lieber mit ihrer Freundin und wenn sie mit einem Liebhaber mal auf die Reise gegangen war, endete es durch einen Unfall sogar in einem Krankenhaus.

Später arbeitet sie bei einem Hamburger Zeitungsverlag im Vertrieb. Die Arbeit ist gut und sie macht diese gerne. Dennoch ist es nicht ihr Lebensmittelpunkt. Denn kaum zuhause und bei ihrem Kater, der auf den Hundenamen Bello hört, vergisst die den Alltag und ist ganz bei sich. Irgendwann ist dann doch ein Mann an ihrer Seite, der Verheiratete. Er ist für wenige, geplante Momente bei ihr. Aber nie ganz. Doch scheint Lisa mit ihrem Leben glücklich zu sei, bis ihr das Schicksal das Ruder aus der Hand nimmt.

Der Reiz des charmanten Textes ist die Figur Lisa. Durch ihre Beharrlichkeit und ihre doch bescheidenen Lebenswünschen hat man sie sofort gern. Eine Frau, die alleine lebt, ohne jemals einsam zu sein. Prof. Dr. Rainer Moritz hat erneut für eine sehr positive Überraschung gesorgt. Auch versteht er es toll, seine Leidenschaften einfließen zu lassen: Literatur, Musik, Frankreich und allgemein das Reisen und gutes Essen. Ein rundum schönes Leseerlebnis.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Flavio Steimann: „Krumholz“

Der Inhalt des Romans ist einem  authentischen Fall nachempfunden. Der Autor schafft aus den Materialien um den Fall ein fiktives Werk und haucht den Protagonisten mit sehr viel Empathie Leben ein. Durch die Verwendung von Bildern und den unglaublich gekonnten Spracheinsatz entsteht ein Leserausch. Es sind zwei Hauptstränge, die sich vereinen und die beiden Protagonisten werden durch ihre Taten oder durch ihr Umfeld isoliert. In dem Refugium erlernt die Frau das Beobachten und er in seiner Haft das genaue Hören. Beides sind dramatische Figuren, die kurzweilig ein Gespür für bescheidenes Glück bekommen. Der Autor lässt mit seinem Werk die ländliche Schweiz des frühen 20. Jahrhunderts aufleben. Der Fall, der zu diesem Roman inspirierte, beruht auf einem Verbrechen des Jahres 1914.

Es handelt von einem Mädchen, die lange auch nur so genannt wird, bis sie, mit voranschreitendem Alter, den Namen Agatha bekommt. Sich selbst wird sie der einfachheitshalber Aga nennen. Der auktoriale Erzähler schaut bei seinen Charakteren ganz genau hin, spürt sich ein und berichtet ohne Wertung über deren Werdegänge. Denn es taucht später noch Zenz beziehungsweise Torecht auf. Agatha und Torecht haben beide ein schicksalhaftes Leben und stammen aus armen Verhältnissen. Doch erleben beide Ähnliches, aber dennoch gänzlich Unterschiedliches. Anfänglich tauchen wir ein in die Welt des Opfers, um ab der Hälfte des Romans den Blick auf den Täter zu werfen.

Agathas Geburt ist bereits dramatisch und raubt der Mutter das Leben. Das Kind wird taubstumm geboren. Der Vater gibt das Kind in seiner Trauer zur Pflege ab und als dieser kurz darauf auch stirbt, wird sie in eine Armen- und Idioten-Anstalt gebracht. Dort lebt sie in sich isoliert und muss niedere Arbeiten ausführen. Dabei wird sie immer mehr zu einer stillen und genauen Beobachterin, denn die Laute in ihrer Umgebung dringen nicht zu ihr durch. Sie lernt die Handarbeit und entwickelt darin eine Begabung. Sie bekommt als junge Frau eine Einstellung in einer Textilfabrik. Das Glück wirkt greifbar, doch erkrankt sie an Tuberkulose und wird zur Erholung aufs Land geschickt. Täglich geht sie hier mit ihren Handwerksutensilien in die Natur und gerne in den Wald. Hier beobachtet sie Torecht und sie wird eines Tages nicht zurückkommen.

Torecht hat sich als Waldmensch in die Natur zurückgezogen und aus der Gesellschaft verabschiedet. Er empfindet wenig Empathie und hat Probleme, Gut und Böse, Recht und Unrecht zu differenzieren. Es kommt zu einer Verhandlung, in der sein Werdegang zum Täter dargelegt wird. Er hat sich bereits als Kind mit Lügen und Stehlen durchgeschlagen. Auch für ihn ist das Glück kurzzeitig zum Greifen nah, als er als Model in die Künstlerkreise gerät. Er reist sogar mit einem Künstler nach Paris, um aber dort etwas später fallengelassen zu werden. Er kehrt zurück in die Wälder seiner Heimat.

Dieser Roman lebt durch die literarische Sprache. Eine ganze Welt entsteht durch die begeisternde Prosa. Die Handlungen und die Charaktere sind subtil und dennoch mit einer enormen Größe gezeichnet. Beide Lebensläufe erhalten  eine eindringliche Glaubhaftigkeit. „Krumholz“ ist ein Sprachkunstwerk und beinhaltet eine sehr besondere Geschichte.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Erlesenes

Merle Kröger: „Die Experten“

Ein tolles Buch, das einen fesselt und durch den Wahrheitsgehalt gruseln lässt. Es beginnt wie ein guter Familienroman, der sich dann immer mehr zu einem dokumentarischen Thriller verwandelt. Alles ist sehr gekonnt vereint. Die zentralen Charaktere und deren Handlungsverläufe wurden in geschichtliche Ereignisse gesetzt und somit ist dieser Roman ebenfalls ein historischer Roman. Das umfangreiche Quellenverzeichnis belegt den Wahrheitsgehalt und die gute Hintergrundrecherche. Es ist ein Roman mit einem guten erzählerischen Bogen, der vieles vereint, dabei aber niemals die Grenzen der Belastbarkeit überschreitet und dadurch begeistert.

Es sind drei Fotoalben, ein grünes, ein blaues und ein dunkelrotes. Diese werden durchgesehen und anhand der Bilder baut sich der Handlungsverlauf auf. Jedes Kapitel beginnt mit einer Fotobeschreibung die sich dann im folgenden Kapitel erklärt. Im Vordergrund steht dabei Rita Hellberg, die in das Abenteuer hineingerissen wird.

Es sind die sechziger Jahre und der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser will seinem Land wieder zu Stärke verhelfen und strebt eine Unabhängigkeit an. Sein Slogan lautet dabei stets von der Nähnadel bis zur Rakete. Dies bedeutet, dass alles vom Kleinen bis zum Großen, im Land selbst gefertigt werden soll. Nur fehlt es noch an Spezialisten. Besonders Wissenschaftler, die sich mit Flug– und Raketenforschung auskennen. So wirbt der Präsident viele deutsche Ingenieure, Flugzeugbauer und Raketenforscher ab. Diese hatten in der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem in Peenemünde für die Nazis Raketen und Flugzeuge gebaut. Durch die Entnazifizierung und Entmilitarisierung nach dem Krieg durften diese Arbeiten nicht fortgesetzt werden. Viele drängten dennoch darauf,  ihre Projekte fortzusetzen und sahen nun in Ägypten ihre Chance. So ist auch der Vater der Heldin des Romans einer dieser sogenannten Experten. Friedrich Hellberg konstruierte Überschallflugzeuge und sieht seine Zukunft nicht in der wieder erlaubten Luftfahrtindustrie in Deutschland. Somit geht er mit seiner Frau und der jüngsten Tochter Pünktchen nach Kairo, um an Düsentriebwerken und Kampfflugmaschinen zu arbeiten. Rita ist noch Schülerin, wurde aber gerade des Internats in Plön verwiesen und will kurz die Familie in Ägypten besuchen. Der Bruder, der seine Freiheit und den Jazz liebt, bleibt in Hamburg, weil er sich nicht gut mit dem Vater versteht. Der Vater hat auch mit Rita seine Pläne und der eigentlich befristete Besuch war von vornherein anders durch ihn geplant. Rita soll in Ägypten bleiben, denn die Familie gehöre laut dem Vater zusammen. Der Sohn taucht bei dieser Berechnung gar nicht mehr auf. Rita bekommt kurzerhand eine Arbeit als Sekretärin im Team um den Wissenschaftler Wolfgang Pilz. Dadurch erlangt sie langsam immer mehr Einblick in die Machenschaften der „Experten“.

Es ist mehr als ein normaler Thriller. Die richtigen Spannungselemente tauchen etwas später auf. Aber dennoch bekommt man beim Lesen von Anfang an oft eine Gänsehaut. Es sind die untergetauchten Kriegsverbrecher und Nazis, die sich als Experten in Ägypten tummeln, die einen das Grausen lehren. Sympathie erlangt Rita, die Heldin des Werkes. Sehr gekonnt verwebt die Autorin die fiktionale Geschichte mit den historischen Ereignissen. Rita macht ihre Entwicklung und nabelt sich nicht nur vom Elternhaus ab. Sie wird zu einem Geheimnisträger und muss lernen, sich zu entscheiden, wo sie im Leben steht. Gerade das Familienleben mit den polarisierenden Elternteilen beschreibt Merle Kröger sehr empathisch. Die eingestreuten Dokumente geben dem Buch eine Glaubhaftigkeit, die eher an eine gute Dokumentation erinnert. Ab dem blauen Fotoalbum und dem Auftauchen der Geheimdienste und dem Verschwinden von Menschen, wird das Buch immer mehr zu einem Thriller. Diesen Spagat zwischen dem fiktionalen und dem wahren – und selten erzählten – Kern der Geschichte beherrscht Merle Kröger großartig.

Dieses Buch verdient eine uneingeschränkte Leseempfehlung und sollte von vielen gelesen werden.

Zum Buch in unserem Onlineshop

Weitere Lesetipps von mir auch auf YouTube: Leseschatz-TV

2 Kommentare

Eingeordnet unter Erlesenes