Archiv der Kategorie: Erlesenes

Sascha Reh: „Aurora“

Sascha Reh Aurora Schöffling & Co.

Dieser Weg zur Morgenröte ist sehr überraschend und sehr unterhaltsam. Die Handlung spielt im tiefsten Winter auf Bornholm und ist fast schon eine erhellende Weihnachtsgeschichte und ein kleiner Aufruf gegen die Weinerlichkeit und für ein gradliniges Miteinander.

Ole ist Journalist für das Kopenhagener Dagbladet und hatte vor kurzem noch eine eigene Kolumne, die ihm jetzt entzogen wurde. Er hat privat und beruflich einige Enttäuschungen erlebt und hadert leicht verbittert mit seinem jetzigen Dasein. Nach außen mimt er den selbstbewussten und über allen Dingen stehenden Reporter und wirkt daher nicht selten arrogant. Er wird von der Redaktion degradiert und soll sich von Kopenhagen auf den Weg nach Bornholm machen. Ein kräftiger Schneesturm hat die eigentlich milde Insel überrascht und er soll über diesen verheerenden Wintereinbruch berichten. Sein erster Weg führt ihn zu einer Rettungsstelle, wo gerade ein Notruf von einer Schwangeren eintrifft. Die Wege sind alle unpassierbar und kein normaler Verkehr ist auf der Insel mehr möglich. Eric, der auch gerade in der Station ist, soll aushelfen und Ole, der eine Story wittert, fährt mit. Es ist aber keine normale Fahrt durch die verschneite Winterlandschaft.  Eric ist beim Heer und mit einem Schützenpanzer vor Ort. Mit dem Panzer geht es zu der Hebamme Tamara und dann weiter zu der schwangeren Frau, die laut Eric Aurora heißt.

Während der Fahrt nutzt Ole die Zeit, um den beiden Gespräche aufzuzwingen. Auch hat Ole einen Funkspruch mitangehört, der vermuten lässt, dass Eric nicht ganz erlaubt in den Besitz des Panzers gekommen ist und sogar seinen Vorgesetzten bedroht hat. Eric ist Techniker, der wie Ole degradiert wurde und anscheinend irgendetwas im Schilde führt. Auch Tamara erzählt nie die ganze Wahrheit und so wird die Fahrt immer abenteuerlicher und wendungsreicher.

Die Handlung spielt auf einer tiefverschneiten Insel in einem engen Panzer, der zu Weinachten auf dem Weg zu einer Schwangeren ist. Diese enge Handlung könnte beklemmend wirken, wenn da nicht dieser ständige Dialogwitz wäre. Der enge Innenraum des Panzers schafft Raum für ein tiefgründiges Kammerspiel, in dem es unter anderem um Männlichkeit und Gleichberechtigung, d.h. das Wechselspiel zwischen Mann und Frau, geht. Ein rasanter, kluger Lesespaß, der anhand einer kleinen überspitzten Momentaufnahme unsere Gesellschaft beleuchtet. Nach der dunklen Nacht auf Bornholm wird vieles in neuem Licht erscheinen.

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Golnaz Hashemzadeh Bonde: „Was bleibt von uns“

Golnaz Hashemzadeh Bonde Was bleibt von uns Nagel & Kimche

Der Roman erzählt die Geschichte einer iranischen Frau, die nach Schweden geflohen ist und auf ihr Leben zurückblickt. Sie fragt sich in Bezug auf ihre Biographie und den nahenden Tod, was von uns bleibt, wenn wir gehen.

Der Roman beginnt in Schweden, die Erzählerin, Nahid, ist sechzig Jahre alt und hat gerade die Diagnose Krebs erhalten. Da die Krankheit weit fortgeschritten ist, ist eine Heilung auszuschließen. Sie möchte ihrer Tochter nun ihre Geschichte erzählen, um ihr Kraft und Wissen für das Leben zu schenken. Doch dies ist Nahid nicht möglich. Sie liebt ihre Tochter über alles, doch hat sie niemals die Mutterrolle ausfüllen wollen. Ihre erwachsene Tochter, Aram, erwartet nun selbst ein Kind und erst dadurch kommt es langsam zu zaghaften Annäherungen. Nahid ist innerlich verkrampft und leicht verbittert und kann ihren Gefühlen und Gedanken keinen Ausdruck geben und so klingt alles, was sie sagt, eher wie Belehrung oder Tadel.

Nahid kommt aus dem Iran und war der Stolz ihrer Familie. Sie hat in Teheran Medizin studiert, aber auch die islamische Revolution miterlebt. Sie lernt den charismatischen Masood kennen, der sich in linken politischen Kreisen bewegt. Sie verliebt sich in den marxistischen Revolutionär und beginnt auch, ihm und seinen Freunden zu helfen, wenn diese Flugblätter verteilen. Sie ist zwanzig Jahre alt als eine Katastrophe alle ihre Lebenspläne und die ihrer Familie durcheinanderwirbelt. Noora, Nahids vierzehnjährige Schwester, will unbedingt bei einer Aktion der linken Demonstranten mitmachen. Doch die Demo läuft gänzlich aus dem Ruder und die Studenten werden auf offener Straße gejagt und erschossen. Nahid gerät in Gefangenschaft und viele ihrer Freunde sind tot. Beim Verhör verschweigt sie ihren tatsächlichen Bezug zu dem Aufruhr und wird entlassen. Auch Masood konnte entkommen, doch Noora bleibt seitdem verschollen.

Als Nahid von Masood schwanger wird, entschließen sich beide zur Flucht. Sie gehen nach Schweden, denn Aram soll in einem freien Land aufwachsen. Doch greifen die Wurzeln der Vergangenheit tief und die innere Aufruhr ist mitgereist. Nahid erzieht ihre Tochter fast allein, denn Masood ist früh verstorben. Er war auch kein liebender Ehemann, sondern neigte sehr zu Gewaltausbrüchen.

Ein Roman, der langsam eine enorme Stimmung aufbaut. Die kurzen, knappen Sätze und Abschnitte entwickeln eine emotionale Wucht. Der Roman handelt von Entwurzelten, von der Suche nach einer neuen Heimat und der Sehnsucht nach Nähe. Die Geschichte einer Frau voller Optimismus, die im Laufe ihres Lebens diesen immer mehr verliert. Erst durch den Versuch, ihrer Tochter durch ihre Biographie die erkämpften Lebensweisheiten zu vermitteln, gelingt es ihr zu erkennen, was von uns wohl bleibend ist.

Golnaz Hashemzadeh Bonde wurde 1983 im Iran geboren und kam als Flüchtlingskind nach Schweden. „Was bleibt von uns“ ist ihr erster Roman auf Deutsch (Übersetzt von der Kielerin Sigrid C. Engeler)

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Carlos Gamerro: „Die 92 Büsten der Eva Perón“   

Carlos Gamerro Die 92 Büsten der Eva Perón Septime

Ein satirischer Gesellschafts- und Politikroman. Die Handlung spielt in den 1970er-Jahren in Argentinien. Ernesto Marroné kommt von einem Golfnachmittag nach Hause und sieht ein Che-Guevara-Poster an der Wand im Zimmer seines pubertierenden Sohnes. Jetzt beginnt er zu erzählen, denn ihm verdeutlicht das Poster, dass er über seine Vergangenheit bei der Guerilla nicht schweigen darf. Nicht das die Geschichte ein Geheimnis gewesen wäre. Auch ist die Geschichte des Landes keine gänzlich unbekannte. Die Handlung spielt in der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Die politische Situation ist fiebrig und das Land steht kurz vor einem erneuten Putsch. Die Montoneros, die argentinische Stadtguerilla, haben sich gebildet und verbreiten ihren Schrecken.

Der Held des Romans ist Ernesto Marroné, ein angestellter und karrierebesessener Einkaufsleiter. Er ist belesen und liest viele Manager- und Marketingwerke, die er zu Teilen sogar auswendig aufzusagen versteht. Er liebt den Vergleich von Marketing mit fernöstlichen Weisheiten oder mit Werken der Literatur. Er hat großen Spaß, wenn einer der Texte sich trotz reiner Wirtschaftsanalyse mit Shakespeare-Figuren oder -Zitaten schmückt. Besonders begeistert ist er von einem Werk, das sich auf Don Quijote bezieht. Der Vergleich des Kampfes mit den Windmühlen könnte auch gut zu den folgenden Ereignissen passen, die sich in Ernestos Leben abspielen.

Er ist Einkaufsleiter in einer großen Firma, hat aber seinen Blick schon viel weiter auf der Karriereleiter schweifen lassen. Dabei ist ihm auch erduldete Erniedrigung nicht zuwider, denn beim Vorstellungsgespräch zu seiner jetzigen Einstellung musste er sich wahrlich entblößen und sogar sein Hinterteil untersuchen lassen. Seitdem leidet er beständig unter Verstopfungen, die nur durch wahre Anerkennung seiner Person, seines Verstandes und Fleißes Erlösung findet. Doch sein wahres Abenteuer beginnt mit der Entführung des Generaldirektors des Bauunternehmens, für das Ernesto tätig ist. Entführungen sind keine Seltenheit zu dieser Zeit in Argentinien, doch diese Art irgendwie schon, denn die Entführer fordern kein Lösegeld, sondern sie verlangen, dass in jedem Raum der Firma Büsten von Eva Perón aufgestellt werden. Eva „Evita“ Perón, die verstorbene Präsidentengattin gilt weiterhin als Wohltäterin der Nation und ist ein Idol der kämpferischen Arbeiterklasse.

Ernesto Marroné, der trotz der Knappheit an Ressourcen ein guter Einkaufsleiter ist, wird beauftragt, die Büsten zu besorgen. Er berechnet, dass er genau 92 Büsten benötigt und sieht in seiner Aufgabe die Chance, in der Firma als Mitbefreier des Bosses großes Ansehen zu erlangen. Doch die Beschaffung wird immer schwieriger und Ernesto stolpert in immer bizarrere Situationen.

Ein satirischer Blick auf die argentinische Politik und Gesellschaft. Teilweise mit feinem, aber auch mit derbem Humor. Ein literarischer Lesespaß und politischer Schelmenroman.

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Hao Jingfang: „Wandernde Himmel“

Hao Jingfang Wandernde Himmel Rowohlt Polaris

„Wandernde Himmel“ erzählt von zwei Welten und ist durch die Fremdartigkeit eine überspitzte Gegenwart. Ein ruhiger Science-Fiction-Roman, der sich des Genres und der Zukunft bedient, um die jetzige Zeit mit den technologischen Entwicklungen, den politischen Ränkespielen und dem Kapitalismus aus chinesischer Sicht zu kritisieren.

Der Roman zeigt eine Gesellschaft, die durch den abgenutzten Slogan „Die da Oben und die da Unten“ nicht nur als bildliches Konzept vorgestellt wird. 2096 haben die Menschen eine Kolonie auf dem Mars gegründet, um weiteren Lebensraum zu erschließen. Anfänglich gab es zwischen der Erde und dem Mars eine Handelsbeziehung. Doch dann tauchten auf der Strecke zwischen Mars und Erde Kriegsschiffe auf. Es begann der marsianische Unabhängigkeitskrieg. Die Marsianer wollten unabhängig sein und verdammten den Raubtierkapitalismus der Erde. Die Erden-Bewohner hielten dahingegen den Staat des roten Planeten für eine Diktatur.

Hundert Jahre hat diese Fehde gedauert und es beginnt nun zaghaft eine Verständigung zwischen den Menschen auf den beiden Planeten. Die Handlung fängt mit dem Flug des althergebrachten Raumschiffs Maerde an. Ein Schiff, das mit seiner kleinen Besatzung die Route Mars und Erde aufrechterhält und dessen Name sich aus den Namen der beiden Planten zusammensetzt. Die Maerde ist auf dem Heimflug zum Mars und hat Besucher einer Marsmesse, Erdenmenschen, die den Mars erstmalig aufsuchen, und eine Schülergruppe als Passagiere. Diese Gruppe von Jugendlichen, die sich Merkur nennt, wurde zur Verständigung zwischen den Völkern auf die Erde als eine Art Schüleraustausch gesendet. Unter ihnen ist Luoying, die nun als fast Erwachsene auf ihren Heimatplaneten zurückkehrt. Sie ist eine begabte Tänzerin und die Zeit auf der Erde setzte ihr durch die dortige Schwerkraft sehr zu. Sie beginnt, ihre Rolle in diesem Austausch rückblickend in Frage zu stellen. Während des Heimflugs unterhalten sich die Teilnehmer über die damaligen Testaufgaben. Luoying erinnert sich an ihre sehr mauen Testergebnisse und wundert sich, dass sie dennoch für diesen Austausch ausgewählt wurde. Hat ihr Großvater, der oberste politische Machtinhaber des Planeten, etwas mit ihrer Auswahl zu tun? Nun nach fünf Jahren kehrt sie heim und fährt zu ihrem Bruder Rudy. Sie beginnt, die Rolle ihres Großvaters immer mehr in Frage zu stellen. Durch eine Verletzung ist ihre Karriere als Tänzerin beendet. Was soll sie nun machen? Welchen Beruf kann und will sie ausüben? Sie beginnt durch diesen neuen Lebensabschnitt, immer mehr die Systeme miteinander zu vergleichen. Auf der Erde erlebte sie den täglichen Kampf ums Überleben und hier auf dem Mars wird alles reglementiert. Kunst wird gefördert, steht dann zum Wohle aller zur Verfügung. Auch ist die Architektur auf dem Mars sehr gläsern. Aber ist alles wirklich so durchsichtig? Ihre Eltern sind vor langer Zeit verstorben, d.h. umgekommen. War die Mutter von Luoying auch dem System gegenüber kritisch eingestellt? Sie möchte endlich Klarheiten haben, über ihren Lebensweg, die Macht, die ihr Großvater ausübt und den Tod ihrer Eltern. Sie muss sich entscheiden, ob sie das Leben auf dem Mars weiterhin gut heißen kann. Sie als Weltenwanderin hat eine andere Art des Lebens kennenlernen können, das nicht ganz so starr ist. Hat aber die Sehnsucht nach Freiheit tödliche Konsequenzen?

Eine alternde Welt, die sich eine neue aufgebaut hat, welche nun von alternden Machtinhabern kontrolliert wird. Auf dem Mars wird soziale und wirtschaftliche Sicherheit versprochen. Auf der Erde herrscht der Kapitalismus. Doch beide Systeme haben ihre Kehrseiten. Das Leben sucht meist den unvorhersehbaren Weg und wünscht sich individuelle Freiheit. Dies ist nach den Werken von Cixin Liu der nächste chinesische Science-Fiction-Clou. Die Autorin, Hao Jingfang, gewann als erste Chinesin 2016 den Hugo Award.

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Steven Uhly: „Den blinden Göttern“

Steven Uhly Den blinden Göttern Secession

Dichtung und Wahrheit sind das Credo dieser blinden Götter. Gibt es eine Wahrheit ohne die Dichtung? Kann man Lyrik wahrhaftig erleben? Steven Uhly hat einen Roman geschrieben, in dem man, je weiter man liest, sich auf immer weniger verlassen kann. Ein Spiel mit Kunst, Täuschungen und Realitäten. Ein Roman der Tiefgründiges und Groteskes neben geballter Wortkraft und Schmonzette aufzeigt. Dies ist gewollt und steigt erneut in das Spiel mit den Wahrnehmungen ein, um die letztendliche Illusion der erhofften dichterischen Wahrheit zu rauben oder doch zu vertiefen…?

Es geht um den Buchhändler Friedrich Keller. Er ist ein Sonderling, der den Kontakt zu Menschen scheut. In einer großen Buchhandlung in München leitet er die Lyrikabteilung im zweiten Stock. Die Buchhandlung ist ein Familienunternehmen, das seine Eltern gegründet haben und nun von seinem Bruder geführt wird. Friedrich hat das großzügige und biedere Elternhaus geerbt. Er lebt eher in den Zeilen der gedichteten Werke als in der Wirklichkeit. Kundenfragen sind ihm meist zu plump und bestätigen sein Menschenbild. Auch den freundschaftlichen Anzeichen der Kollegin aus dem Reisebuch begegnet er gerne mit Nichtachtung. Eines Tages steht ein verwahrloster Unbekannter vor ihm und überreicht ihm ein Manuskript, das aus losen Blättern besteht. Es sind Gedichte, die er erst Monate später zu lesen beginnt, da seine Putzfrau beim Saubermachen die obersten Seiten durcheinander gebracht hat. Er ist in der Welt der Lyrik sehr belesen und liebt die Welt der Lyrik. Diese anvertrauten Gedichte bringen nun seine Welt ins Wanken. Diese Zeilen sind für ihn göttlich. Er bezieht die Zeilen stets auf sich und liest keinen anderen Bücher mehr. Für ihn ist das Manuskript ein Meisterwerk und der Autor, Radi Zeiler, ein wahrer Meister, den er nun hofft zu finden. Wieder eine Zeit später begegnet er dem Mann, der ihm das Werk überlassen hat und folgt ihm in eine Kneipe, in der diesen alle zu kennen scheinen. Jedoch ist sich die burschikose Wirtin nicht ganz sicher, ob jener trinkfeste Radi tatsächlich der Verfasser sein könnte. Seit dem ersten Gespräch mit Radi Zeiler beginnt sich die Welt um Friedrich zu wandeln. In seinen Gedanken nisten sich immer mehr die Zeilen des Gedichtzyklus „Den blinden Göttern“ ein und in seinen Träumen werden das Gelesene und der Verfasser immer gegenwärtiger. Doch in der realen Welt muss die Dichtung der Wahrheit Platz machen. So auch in der Buchhandlung. Sein Bruder kürzt immer mehr die Lyrikbestellungen und will seinen Bruder ganz aus der Buchhandlung haben.

Friedrich, der den Meister der Sonette in der Welt der Säufer- und Hurenkneipen angetroffen hat, hat diesem in der Hoffnung auf weitere Gespräche seine Adresse genannt. Als der Dichter nun eines Tages tatsächlich bei Friedrich auftaucht und sich bei ihm einquartiert, beginnt alles immer mehr aus den Fugen zu geraten. Immer mehr geraten die Figuren und mit ihnen der Leser in weitere Verwirrungen. Die Grenzen zwischen den Gedichten, der Handlung und dem vorliegenden Roman verwischen. Das Leben bedeutet für Friedrich Verdunklung und nur im Traum gelangt er in helle Räumlichkeiten. Die Gedichte und die Figuren kreisen umeinander und sind dem Wandel verfallen. Der stinkende Obdachlose, der Meister der Sonette, ist Heinrich, der verschollene Zwilling von Friedrich. Ist jener Heinrich, der Überbringer der blinden Götter, ein wahrer Dichter oder ein falscher Poet? Nicht nur Heinrich richtet sich wohnlich in Friedrichs Haus ein. Weitere Fremde und Obdachlose bewohnen die hausinterne Bibliothek. Was passiert durch die Dichtung ausgelöst und was ist in Wahrheit geschehen?

Welten prallen aufeinander und verweben sich. Das Geistvolle in einem verwahrlosten Körper. Auch ein Gedicht nimmt eine Gestalt an. Die Erscheinung und das Schriftbild sind der Körper, der einen Inhalt übermittelt. Ist es der Körper, der dem Inhalt Form gibt oder will der Geist den Körper formen? Die Antwort suchten zum Beispiel bereits Shakespeare und Goethe, die sich zumindest gedanklich in „Den blinden Göttern“ wiederfinden. Doch was oder wer sind diese erblindeten Götter?

Das Buch bietet viel. Freude am Lesen, am wahrhaftigen Mitfiebern mit den Charakteren und an der Verwirrnis zwischen Dichtung und Wahrheit. Uhly, der auch zu parodieren versteht, taucht letztendlich in verschiedenen Variationen kurzweilig im Text auf und schenkt uns noch zu guter Letzt einige der Sonette. Diese sind in der Reduktion von außergewöhnlicher Qualität und schaffen den Abschluss zur eigentlichen Handlung. Der Rest ist wie bei Shakespeare: Schweigen…

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Leseschatz hat den Buchblog-Award 2018 in der Kategorie „Allesleser“ gewonnen

Fast 700 Buchblogs, Bookstagram-Accounts, Booktube-Kanäle, Facebook-Seiten und Podcasts wurden für den Bubla 2018 nominiert, über 3000 Leserinnen und Leser haben sich an der öffentlichen Abstimmung beteiligt und am Ende standen die 45 Finalisten in den 9 Kategorien fest. Da war das Auswählen der Gewinner keine leichte Aufgabe für die Jury!

Gewinner in der Kategorie Allesleser: LESESCHATZ

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Das sagt die Jury:
Hauke Harder ist ein „Lesebotschafter“; immer im Einsatz für das Buch und das Bloggen. Auf seinem Blog Leseschatz gibt er glaubwürdig sehr persönliche und individuelle Leseexempfehlungen. Die Auswahl der besprochenen Bücher sowie die dazu geschriebenen Texte überzeugen durch ihre Vielfalt und Qualität.

Das sagen die Leser*innen:
„Ansteckende Literaturbegeisterung und ein Händchen für außergewöhnliche Titel, die aussagekräftig vorgestellt werden. Großartig!“
„Sein Buchblogname kann problemlos auf Hauke Harder übertragen werden. Er ist der Leseschatz.“

Siehe: https://www.buchblog-award.de/news/bubla18-gewinner/

Herzlichen Glückwunsch auch allen weiteren Gewinnern: hier sind die Gewinner des Buchblog-Awards 2018: https://www.buchblog-award.de/news/bubla18-gewinner/

Zum Interview mit mir 

Mehr über den Award: Buchblog-Award

Danke an alle, die mich nominiert haben!

Danke an die tolle Jury für den Buchblog-Award! Danke für die lieben Worte, danke für den unglaublichen Preis!

Hier die Aufzeichnung der Verleihung:

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Helen Oyeyemi: „Was du nicht hast, das brauchst du nicht“

Helen Oyeyemi Was Du nicht hast, brauchst Du nicht CulturBooks

Ein Buch voller bunter Geschichten, die süchtig machen und den Leser regelrecht verzaubern. Das Eintauchen in die einzelnen Geschichten gleicht einem traumwandlerischen Betrachten einzelner Bilder. Ein Bild, wo erst der Vordergrund scharf ist, dann sich aber immer mehr der Hintergrund zu fokussieren scheint. Es sind turbulente Erzählungen, die märchenhaft erscheinen, aber das Gegenwärtige beleuchten. Die Figuren und die Geschichten sind alle irgendwie miteinander verzahnt, inhaltlich, thematisch oder durch die immer mal wieder auftauchenden Figuren. Charaktere und Figuren sind ab und an sogar Puppen oder Marionetten, die lebendig werden und somit durch ihre Erscheinung Menschen wiederum Leben einhauchen. Marionetten sind abhängig von ihren Fäden, die sie mit dem Meister der Puppen verbinden. Doch was ist, wenn selbst dieser eine gelenkte Puppe ist? Immer wieder tauchen Schlüssel auf. Der Schlüssel dient dem Verschließen von Türen, Kästchen, Truhen und sogar Büchern. Also ist es ein Werkzeug zum Schutz. Schutz vor dem Inneren oder dem Äußeren, dies liegt im Auge des Betrachters.

Alle Geschichten bedienen sich der Märchen- und Mythenwelten und erzählen dabei doch auch von aktuellen Geschehnissen. Die Autorin hat ihren eigenen Stil gefunden. Um ihrem Text den Kontext zu geben, den die Figuren oder das Thema benötigen, sprengt sie auch gerne übliche Erzählregeln. Dabei ist ein wunderbares Buch entstandenen, das wenig Vergleiche zu anderen Werken oder Autoren bietet. Wenn, dann wäre es „Der Spiegel im Spiegel“, eine surrealistische Geschichtensammlung von Michael Ende. Endes Buch ist ebenfalls eine Parabel. Auch blitzt in Oyeyemis Texten etwas aus der literarischen Welt von Murakami durch. Doch sind dies nur ganz sanfte Ähnlichkeiten, die niemals der Kreativität und der Verspieltheit von „Was Du nicht hast, brauchst Du nicht“ gerecht werden. Ein Buch, das nach jeder Zeile, nach jeder Tür, nach jeder Geschichte oder Welt erneut zu überraschen vermag.

Helen Oyeyemi wurde in Nigeria geboren. Sie wuchs in England auf und lebt heute in Prag. So sind auch alle ihre Charaktere weit in der Welt zerstreut. Oyeyemi hat mit diesem Buch ein globales Netz, das stets transkulturell ist und sich jeder Nationalliteratur entzieht, erschaffen.

Es kommen viele Bücher, aber auch Rosen vor und es beginnt mit einem ausgesetzten Säugling. Dieses Mädchen trägt lediglich einen Schlüssel an einem Kettchen um den Hals. Viele Jahre später findet sie eine Freundschaft und Liebe, die sie durch die Welt trägt und dabei mit Hilfe des Schlüssels, die Welt der Bücher und den Zugang zu einem verwunschenen Garten findet. Ein schmalziger Popsong, der als Entschuldigung für einen Missbrauch gedacht war, versüßt dem betroffenen Fan niemals den Geschmack des bitteren Tees. Wir Menschen, egal woher wir stammen, egal welche Hautfarbe wir haben, haben alle rotes Blut. Doch was ist mit den menschlichen Marionetten, den geführten Puppen, die die vorgedachte Geschichte erzählen? Ferner gibt es da sogar einen Geist oder einen Tyrannen, der seine Widersacher ertränkt. Dann stellt sich die Frage, ob man glaubt, dass man einen Menschen besser lieben könnte, wenn diese Person nicht wüsste, was man für sie empfindet. Aus dieser Idee wird ein Programm geschaffen, dass das Gefühl der „Präsenz“ eines geliebten oder verstorbenen Menschen hervorzurufen versteht. Viele Figuren kommen ab und zu wieder, somit ist es ein zusammenhängendes Buch und keine reine Geschichtensammlung und sollte unbedingt chronologisch und im Ganzen gelesen werden.

Die Schlüssel sind Objekte, die es uns ermöglichen, einen anderen Raum oder sogar Welt zu betreten. Manche Bücher sind solche Schlüssel. Nicht ohne Grund werden auch manche Bücher verschlossen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Schutz des Inhalts vor dem Leser oder Schutz des Lesers vor dem Übermittelten. Zum Glück ist Oyeyemis Buch geöffnet und übersetzt und der Erzählreigen lädt jeden ein in den Zeilen zu verweilen. Das Buch von Oyeyemi ist ein Schlüssel zu Orten, Herzen, Magie und zu vielen Geheimnissen.

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