Archiv der Kategorie: Erlesenes

Gerrit Hansen: „Die kleinen unbedeutenden Fälle von Hauptkommissar Knut Hansen aus Kiel“

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Dies sind Kurzgeschichten, die einfach Spaß machen. Nordische Klischees treffen auf eine Art Nick Knatterton, der sich als ein sympathischer Seebär entpuppt. Die Mini-Krimis sind voller Witz und Alltagskomik.

Die Geschichten sind in einer anspruchsvollen und schönen Sprache geschrieben und geben dem Unbedeutenden und Nebensächlichen ihre Bedeutung zurück.

Die Fälle, sofern man von einem Kriminalfall überhaupt sprechen kann, handeln meist nicht von üblen Bösewichten. Es sind keine blutigen Erzählungen, sondern eher augenzwinkernde Bagaluten-Geschichten. Knut Hansen ist schon dem Namen nach ein nordisches Unikat und hat sein ehemaliges Inseldasein in die Großstadt Kiel transportiert. Die Kurzgeschichten sind bestückt mit viel Liebe zum Detail. Es gibt viel zum Lachen, aber auch zum klugen Schmunzeln. Bis zur Auflösung rät man stets gerne mit und vor dem erwarteten Lichtblick hatte man wohlige Leseminuten mit einer riesigen Portion Spaß.

Eine ungemein süchtig machende Lektüre…

Die Kurzgeschichten von Gerrit Hansen gibt es nun als E-Book. Wir hatten gemeinsam einen Verlag gesucht, jetzt gibt es den Spaß als Datei.

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Katrine Engberg: „Glasflügel“

Katrine Engberg Glasflügel Diogenes

Nach „Krokodilwächter“ und „Blutmond“ endlich der dritte Band der Kopenhagen-Thriller-Reihe. Endlich ein Wiedersehen mit dem charmanten Personal um Jeppe Kørner, Anette Werner, Esther de Laurenti und nicht zu vergessen mit der dänischen Metropole selbst, der Stadt Kopenhagen. Neben der Rönning-Stilton-Serie – d.h. „Die Springflut“ – wohl eine der besten skandinavischen Krimi-Serien.

Der Schreibstil ist leicht und dennoch schön, humorvoll und angenehm flüssig. Durch die Beschreibungen werden das Stadtleben, das jeweilige Setting und die Charaktere wie in den Vorgänger-Romanen sehr lebendig. Der Spannungsbogen wird beständig erhöht und man ist traurig, wenn man Kopenhagen mit seinen literarischen Freunden nach Beenden der Lektüre wieder viel zu schnell verlassen muss.

Es beginnt mit einem Leichenfund mitten in der Innenstadt. Ein Zeitungsjunge findet im ältesten Brunnen der Stadt einen Toten. Soviel sei verraten, es bleibt nicht bei diesem einen Mord. Die Toten haben mehrere Verbindungen. Sie werden in Brunnen, d.h. im Wasser aufgefunden und die Mordwaffe ist merkwürdig altertümlich. Ebenfalls scheint der Täter die Leichen mit einem Lastenfahrrad abzuliefern. Jeppe Kørner muss leider vorerst ohne Anette Werner ermitteln, denn diese muss sich mit ihrer neuen Aufgabe als Mutter arrangieren. Das Bild, das sich um die Leichenfunde aufbaut, wird langsam deutlicher und doch auch dubioser. Das Wasser als Bild der Läuterung und Reinigung bekommt durch die Wunden, die die Opfer haben, eine unheimliche Vertiefung. Die Ermittlungen von Jeppe und seinem Team ergeben, dass es sich eventuell um ein Schröpfmesser handelt. Die Ermordeten werden somit im wahrsten Sinne des Wortes zur Ader gelassen und sterben qualvoll. Wer hat solche Wut, die er so an den Opfern ausleben will?

Anette, die mit ihren Muttergefühlen hadert, sehnt sich nach der Polizeiarbeit und unterstützt mehr oder weniger willkommen die Polizei und ihren Kollegen. Jeppe kann diese Hilfe letztendlich auch gut gebrauchen, denn sein jetziger Kollege ist nicht der schnellste und nützlichste Partner, den Jeppe durch Anette gewohnt ist.

Das Verbindende der Morde ist eine nicht mehr aktive Jugendpsychiatrie. Dort hat es eventuelle Missstände gegeben und es gab dort sogar einen Suizid. Es wird, wie auch im Prolog vorangestellt, immer deutlicher, dass es sich bei diesem Fall eventuell um das Gesundheitssystem drehen könnte.

Ein Krimi, der mich gefesselt und sehr gut unterhalten hat. Jetzt heißt es leider wieder auf die Fortsetzung warten….

KATRINE, Sonja und ich

Katrine Engberg, Sonja und ich 2018 in Kopenhagen

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Pedro Mairal: „Auf der anderen Seite des Flusses“

Auf der anderen Seite des Flusses Pedro Mairal mare

Ein Tag genügt, um das ganze Leben durcheinanderzuwirbeln. Durch den Wunsch nach Freiheit und nach einem geordneten Leben gerät der Protagonist in einen Strudel von Ereignissen, die ihn mitreißen und taumeln lassen. Es ist der Bericht oder sogar der spätere Roman eines fiktiven argentinischen Schriftstellers, der seine Taten auf einem Kurztrip nach Montevideo beichtet.

Der Schriftsteller, Lucas, erzählt dies rückblickend seiner Frau, Catalina. Er wollte sich finanziell von ihr, die ihn bisher immer mit Geld unterstützt hat, lösen. Um die Gebühren und die Steuer zu umgehen, wollte Lucas nach Montevideo reisen und seine Honorare für zwei neue Buchverträge einlösen. Mit dem Geld wollte er sich seine zukünftige Zeit zum Schreiben finanzieren und Catalina wirtschaftlich entlasten. Seine Ehe und sein Selbstbewusstsein leiden seit längerem. Seit einiger Zeit keimt in ihm das Gefühl, dass seine Frau, mit der er einen Sohn hat, jemanden anderes lieben könnte. Er zweifelt an ihren Gefühlen und ist ihr ebenfalls kein treuer Ehemann. Von der Tagesreise erhofft er sich neuen Aufschwung und frische Energie.

Bereits beim Reiseantritt und der Überquerung des Rio de la Plata beginnt er sich an seine damaligen Aufenthalte in Uruguay zu erinnern. Auf einer Literaturveranstaltung hat er damals Guerra kennengelernt, die er nun unbedingt wiedersehen möchte. Es ist ein unbändiges Verlangen, das ihn antreibt. Seine ganzen Bemühungen, eine Affäre zu beginnen oder sein Honorar sicher nachhause zu bringen, schleudern ihn in Situationen, die ihn läutern und aus seinen Tagträumen aufwachen lassen. Die Versuchungen, die auf ihn warten und das Verlangen, das in ihm brennt, werden ihn in einen Strudel werfen, der ihn in einen für ihn ungeahnten Wendepunkt in seinem Leben entlässt.

Ein kurzweiliger, aber kraftvoller Roman, der mit dem Kontrollverlust im Leben spielt. Mit etwas Düsternis und viel Ironie verfolgen wir den taumelnden Schriftsteller auf seinem Kurztrip in sein Verderben oder seinen Neuanfang. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken und der Realität wird hier gekonnt und mit herzhafter Leichtigkeit erzählt.

Aus dem argentinischen Spanisch übersetzt wurde der Roman, mit dem Pedro Mairal sein internationaler Durchbruch gelang, von Carola S. Fischer.

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Christine Koschmieder: „Trümmerfrauen“

Christine Koschmieder Trümmerfrauen Edition Nautilus

Ein besonderes Buch. Schon der erste Eindruck überzeugt: eine besondere Ausstattung mit knallorangem Farbschnitt. Nicht nur optisch, wie vom Verlag tituliert, ein knallermäßiger Roman.

Es beginnt mit der Auswahl für den richtig gepackten Proviantbeutel und zieht den Kreis bis hin zur krankhaften Prepper-Ansicht, stets vorbereitet zu sein. Wir lernen unter anderem eine Frau kennen, die von ihren inneren Dämonen verfolgt wird und immer wieder mit diesen in Zwiesprache gerät. Auch ihr erwachsener Sohn sucht das Gespräch mit reflektierenden, äußeren Erscheinungen. Er zeigt und erzählt zwei Happy Hippos seine Welt. Diese hat er seit seiner Einreise nach Amerika, denn die Einfuhr der süßen Ummantelung der Überraschungseier ist verboten, nicht aber das Plastik-Innenleben. Somit werden die zwei Spielzeugnilpferde seine treuen Begleiter. Aber in dem Roman, der auch den Untertitel Heimatroman trägt, wird eins immer deutlicher. Das Verharmlosen der gefährlichen Strömungen in der Gesellschaft und Politik. Das „Neue Denken“ stibitzt sich den Heimatbegriff, und meint, die Stimme des Volkes zu sein. Immer mehr wird deren Rhetorik salonfähig und aus den Worten entsteht beängstigende Handlung.

Lou ist vierzig Jahre alt und macht mit der achtzigjährigen Ottilie einen Ausflug. Die Reise geht mit einem vorerst noch First-Class-Bus zum Kyffhäuser. Lou, die ständig mit ihrem Leben hadert, hat ihre imaginären Dämonen stets im Schlepptau: Holy Golightly, Evelyn Couch und Randall Boggs. Diese triezen, reizen und hindern sie, sich zu finden, zu lösen oder sich zu akzeptieren. Auch wenn sie meint, diese inneren Weggefährten ab und zu aussperren zu können, poppen sie gerne zu unstimmigen Momenten wieder auf. Gerade wenn zwischen Lou und dem Busfahrer etwas knisternde Stimmung aufkommt. Ottilie ist eine trinkfreudige Dame, die sich durch diesen Trip mit Lou auf eine Reise durch deutsche Geschichte begibt.

Lou hat vor Reiseantritt erfahren, dass Ottilies Schrebergarten vom Kleingarten-Verein in Beschlag genommen wurde. Karola, die die Kleingartenanlage leitet, hat sich dem „Neuen Denken“ zugewendet und rüstet sich für jegliche Krisensituationen, besonders bereitet Karola sich auf die Verteidigung der Heimat vor. Dabei gerät sie mit Lou und später mit Lous Sohn, Anatol, aneinander.

Anatol befindet sich nämlich während der seniorengerechten Kaffeefahrt auf der Heimreise. Seine Aufenthaltsgenehmigung für die USA wurde ihm durch einen dortigen Zwischenfall aberkannt und er muss zurück nach Deutschland fliegen. Seinen Plan und Wunsch, eine Familie mit Hilfe einer App zu gründen, muss er vorerst ad acta legen. Auf seiner Heimreise, die er sehr angetrunken antritt, sind seine zwei Nilpferd-Freunde Gino und Eddie dabei, denen er während des Fluges einiges zu erzählen hat.

Christine Koschmieder hat eine tolle, kluge Erzählstimme mit einem besonderen Sound. Ihre Charakterisierungen sind ausgeklügelt und sehr nahbar. Neben der Hingabe für die Figuren und deren Geschichte wird eine verständliche Wut immer spürbarer. Der Verlag hat nicht zu viel versprochen, es ist ein knallermäßiger Roman. Voller Empathie und Witz. Ein Buch, das mit der Stimme der Gegenwart die Vergangenheit beleuchtet und den Bogen in das Jetzt spannt. Es mahnt, es lehrt und unterhält –  bitterböse und scharfwitzig.

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Delphine de Vigan: „Dankbarkeiten“

Delphine De Vigan Dankbarkeiten Dumont

Nach dem großartigen Roman „Loyalitäten“ lehrt uns nun Delphine de Vigan die Dankbarkeit. Was passiert mit uns, wenn das Vergessen beginnt? Das Vergessen in der persönlichen oder der gesellschaftlichen Geschichte. Was, wenn wir wortlos werden? Es liegt an uns, das Vergangene nicht dem Vergessen zu überlassen und die Geschichte sich nicht wiederholen zu lassen.

Wie oft sind wir dankbar? Wann haben wir zuletzt ein ernstgemeintes und herzlich empfundenes „Danke“ gesagt? Nach dieser Lektüre möchte man sich einreihen und ein tief empfundenes Danke sagen. Danke für dieses tolle Buch!

Delphine de Vigan schreibt erneut über die Menschlichkeit. Doch geht sie jetzt noch viel feinfühliger und fast schon zärtlicher mit ihrer Geschichte und den Figuren um. Der kurzweilige Text ist in sich verknappt und aus den entsprechenden Perspektiven erzählt. Dabei eröffnet sich langsam ein sprachlos machendes Ganzes und berührt am Ende sehr.

Es ist die Geschichte von Michka, die bisher ein unabhängiges Leben führte. Sie, die sehr sprachbegabt war, muss langsam feststellen, dass ihr die Worte verloren gehen. Mit ihrem voranschreitenden Alter wird das Alleinleben immer schwieriger. Sie wird trotz ihrer geistigen Verfassung verbal tüttelig. Sie glaubt, wichtige Dinge zu verlieren und sucht oft nach den richtigen Worten. Wenn sie diese nicht findet, ersetzt sie die Begriffe durch ähnlich klingende. Die junge Marie besucht Michka oft und kümmert sich. Früher war es anders, da war Michka noch die sorgende Nachbarin für Marie. Als es für Michka immer gefährlicher wird alleine zu sein, zieht sie in ein betreutes Seniorenheim. Ihr Verlust der Selbständigkeit manifestiert sich auch in ihren Träumen, in denen sie meist klar sprechen kann. Das neue Umfeld mit der eigenen Ordnung macht es Michka nicht leicht, sich heimisch zu fühlen. Zum Glück besucht Marie sie weiterhin. Die Heimmonotonie bekommt einen großen Lichtblick durch den Logopäden Jérôme, der sich auch liebenswürdig um Michka sorgt, ihren Sprachverlust leider aber nicht aufzuhalten vermag.

Michka hat einen großen Wunsch und bittet, Marie eine Anzeige aufzugeben, um ein Ehepaar ausfindig zu machen, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Doch auch eine erneute Suchanzeige bleibt erfolglos. Wird es dennoch möglich sein, dass Michka ihrer Dankbarkeit Ausdruck geben kann? Durch das Kennenlernen dieser drei Menschen wird für Marie und Jérôme immer deutlicher, wie wichtig der Kontakt zu Menschen ist. Zuneigung, Verständnis und Herzlichkeit sind Grundlagen des menschlichen Miteinanders. Gerade wenn sich ein Vergessen einschleicht, das gesellschaftlich nicht tragbar wäre. Egal wie alt man ist, menschliches Miteinander, Anteilnahme, Fürsorge, Zuneigung und Dankbarkeit sind wichtige Grundlagen im Leben jedes einzelnen Menschen.

Mit geringen Worten und mit wenig Raum erschafft Delphine de Vigan Welten, die sie mit feinfühligem und tiefgründigem Personal ausstattet. Man lernt durch den Text, sich zumindest innerlich bei den Menschen zu bedanken, die einem geholfen haben, man selbst werden zu dürfen und zu können. Aus dem Französischen wurde dieses besondere Buch von Doris Heinemann übersetzt.

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Horst Eckert: „Im Namen der Lüge“

Horst Eckert Im Namen der Lüge Heyne

Ich freue mich immer sehr auf einen neuen Roman von Horst Eckert. Seine Romane, d.h. Thriller sind stets kluge und tolle Unterhaltung. Horst Eckert verknüpft in seinem neuen Spannungsroman erneut Fiktion mit Zeitgeschichte und gibt der Geschichte einen glaubhaften Hintergrund, sodass einem beim Lesen öfters der Atem stockt.

Der Autor ist für mich wahrlich ein Meister des politischen Thrillers. Horst Eckert recherchiert gründlich und ist ein ganz genauer Beobachter. Ich bin großer Fan seiner Thriller, besonders der Vincent Veih-Reihe. Die Romane agieren meist näher an der Realität, als man es sich als Leser wünscht.

Eine neue Figur taucht im neuen Fall auf. Melia Khalid, sie leitet das Referat Linksextremismus beim NRW-Inlandsgeheimdienst und stößt bei ihrer Arbeit auf die Familiengeschichte von Vincent Veih. Es entsteht der Verdacht, dass die RAF wieder erwachen könnte oder bereits ist. Melia zweifelt und vermutet, dass alles eventuell manipuliert wurde. Der Fall dreht sich wieder um aktuelle Geschehnisse.

Die meisten Morde passieren durch Beziehungstaten. Jedoch der Mord, an dem Vincent Veih ermittelt, lässt ihn spüren, dass dieser politisch motiviert war. Gerade weil es sich bei dem Opfer um einen Journalisten handelte, der undercover tätig war.

Die Recherche und Ermittlungen von Melia und Vincent überschneiden sich und gemeinsam suchen sie nach Antworten. Es beginnt mit Ex-Terroristen, die lediglich die RAF-Rentner genannt werden, zieht dann aber weitere Kreise zu einem Netzwerk von Rechtsextremisten und dem Reichsbürger-Milieu.

Erneut versteht es Horst Eckert, großartig zu unterhalten und zu fesseln. Er will aber als Autor mehr und erhebt seine Stimme unter anderem gegen Extremismus. Er macht auf Aktuelles aufmerksam und scheut sich nicht, innerhalb seiner Texte brisante und wichtige Fragen zu stellen. So soll ein Krimi sein: Spannend, klug erzählt und beseelt durch gut gezeichnete Figuren.

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Willi Achten: „Die wir liebten“

Willi Achten Die wir liebten Piper

Der deutschsprachige Lyriker und Autor zeigt in seinem Roman, wie lange und wie weit die Schreckensherrschaft der Nazis noch in der Gesellschaft nachwirkte. Wie bereits in seinem Vorgängerroman „Nichts bleibt“ zeigt der Autor, dass sich der menschliche Abgrund in einem Idyll zu verstecken versteht. Man ist von Anfang an von den Protagonisten und der Handlung in Bann genommen. Ein Roman, der sofort fesselt und einen durchrüttelt. Der großartige Roman erweckt zwei junge Helden zum Leben, die anfänglich ein unbändiges, freies Leben genießen können, dann immer mehr in das Visier des Jugendamts geraten und in Machenschaften verstrickt werden, die aus dem dunkelsten Erbe deutscher Geschichte  stammen. Dabei wachsen die Jungs einem als Leser so sehr ans Herz, dass man mit diesen unglaublich mitleidet und Willi Achten versteht es, Szenen und Erlebnisse zu kreieren, die einen länger beschäftigen werden. Der Text baut eine Grundstimmung auf, die die siebziger Jahre in einer Provinz erlebbar machen. Doch schleicht sich langsam immer mehr eine düstere Bedrohung ein.

Die ganze Handlung spielt von 1971 bis 1976 und springt dann im Epilog in eine Zeit als die Protagonisten erwachsen sind und zurückkehren und mit der Aufarbeitung beginnen. Der Ich-Erzähler ist Edgar. Er lebt mit seinem Bruder Roman in einem Großfamilienhaushalt. Bei ihnen zu Hause wohnen neben seinen Eltern, die Großmutter, der Vetter der Großmutter und die Großtante. Die Eltern sind beruflich sehr eingespannt, denn die Mutter betreibt eine Lottoannahme-Stelle und der Vater hat als Bäcker eine eigene Backstube. Daher liegt die Betreuung der Kinder öfters bei den anderen Mitbewohnern, die aber alters- und gesundheitsbedingt ab und zu überfordert sind. Somit haben Edgar und Roman viele Freiheiten und machen viel Schabernack aus Übermut. Dies erweckt immer mehr Aufsehen seitens der Behörden.

Es ist eine Zeit vieler gesellschaftlicher Umbrüche und in der dörflichen Provinz wird vieles politisch betrachtet. Besonders auffallend sind jene Geister, die sich vor dem Krieg gebildet hatten und jetzt nach dem Krieg entnazifiziert wurden, aber immer noch ihren Machenschaften nachgehen können. Immer wieder baut sich schattenhaft der sogenannte Gnadenhof, ein Heim für schwererziehbare Kinder, bedrohlich in der Landschaft und im Bewusstsein der Kinder auf. Aber Edgar und Roman lassen sich nicht abschrecken und leben ihren Tatendrang gerne aus. Sie haben typische Jungs-Phantasien. Ab und zu schlagen sie über die Stränge, aber es steckt nie tatsächlich böse Absicht dahinter. Roman, der Ältere und Belesene wird immer gesellschaftskritischer und möchte auch mit seinen Taten Bewusstsein schaffen für eventuelle Missstände. Damit nimmt vieles seinen schicksalhaften Lauf.

Auf einer Maifeier beobachten die Jungs, wie ihr Vater leidenschaftlich mit der Tierärztin tanzt und nicht mit ihrer Mutter. Der Vater zieht sich danach immer mehr aus dem Familienleben zurück und verlässt diese letztendlich für seine neue Liebe. Die Mutter flüchtet sich verletzt in ihre Arbeit und in die Sucht. Die Jungs sind immer mehr sich selbst überlassen und die Behörden greifen ein. Sie werden ins Heim gebracht. Der Gnadenhof, das Heim in das sie kommen, entpuppt sich als ein sehr unfreundlicher Ort. Hier haben Menschen und ihre Ideologien überlebt, die aus der gruseligen deutschen Epoche stammen. Die Kinder, die dort leben sind den Betreuern dort ausgesetzt und unterliegen deren Willkür und Gewalt. Es kommt zu einer Katastrophe und Edgar und Roman wird bewusst, dass sie handeln müssen, um etwas zu verändern.

Ein großartiger Roman, der in den ersten Teilen eine Stimmung aufbaut, die einen in das Leben der Protagonisten hineinzieht und Sympathien und Bilder aufbaut, die einen gänzlich für das Werk einnehmen. Der letzte Abschnitt lässt einen erschauern und macht bewusst, was hier viel zu lange geduldet wurde.

Bei uns in der Buchhandlung Almut Schmidt findet am Freitag, 4. Sept. 2020 eine Lesung mit Willi Achten statt. Mehr

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