Archiv der Kategorie: Erlesenes

Literatur-Quickie am Beispiel von „Dorval, Quebec“ von Frank Schliedermann.

Erzählungen to go. Diese Literatur-Quickies gehören in den Reigen der Leseschätze. Es sind besondere Texte in einem besonderen Verlag, der durch seine Erscheinungsform Literatur für den Alltag anbietet. Bücher, die Wartezeiten überbrücken, den Wein (ersatzweise: Bier, Whisky oder Kaffee) abrunden oder einfach pur gelesen werden können.

Es gibt diese kleinen Bücher schon seit Ewigkeiten für kleine Menschen, die sogenannten Pixi-Bücher. Nun gibt es diese auch für größer wirkende Leute. Es gibt unter anderem Literatur-Quickies von Friedrich Ani, Jan Drees, Ute Cohen, Maike Wetzel, Mirko Bonné oder Juli Zeh – diese Liste lässt sich natürlich noch beliebig verlängern. In den neuen Ausgaben ist auch Rainer Moritz vertreten und erzählt von einem Mann, der wie Martin Walser wohnen wollte, aber sich nie zu leben wagte. Alban Nikolai Herbst beschreibt in „Gläserne Zeit“ jene literarischen Türen, die uns stets in neue Welten hereinlassen – aber auch wieder heraus?

Ein neuer Literatur-Quickie liegt als Manuskript schon lange im Leseschatz. Frank Schliedermann beschreibt eine real überspitzte Situation in einem Pflegeheim. Dieser Text ist auch in einer wunderschönen, ins Englische übersetzten Ausgabe verfügbar. Frank Schliedermann hat bereits den Hamburger Literaturpreis erhalten und schreibt sehr lebendig und tiefgründig. Die Kurzgeschichte „Dorval, Quebec“ basiert auf einer wahren Geschichte, die sich 2020 in einem Pflegeheim in einer Kleinstadt nahe Montreal ereignet hatte. Sein treffsicherer Blick lenkt unsere Aufmerksamkeit auf diverse Missstände hin.

Der Alltag in einer Pflegeeinrichtung wird meist gewinnmaximierend durch die Betreiber organisiert. Dabei wird die Menschlichkeit oft reduziert. In guten Zeiten war genügend Personal da, um die Bewohner zu begleiten und ihnen stets behilflich zu sein. Dies ist jetzt oft nur noch als eine „Satt- und Sauber-Maschinerie“ wahrnehmbar. Was passiert in einer Einrichtung während der Pandemie? Was ist mit der Vereinsamung? Dies beschreibt Schliedermann sehr nahbar anhand weniger Charaktere und Situationen. Eine Praktikantin, die als die Neue mehr zu tun bekommt, als sie dürfte oder könnte. Alte Menschen, die auf Menschlichkeit hoffen und doch mehr in ihrer Vergangenheit oder Phantasie leben. Pflegekräfte, die an das Ende ihrer Kräfte geführt werden, weil durch Quarantäne immer weniger Kollegen erscheinen. Die Heimleitung versucht via Stream die Situation zu erklären und verhängt neue Maßnahmen. Am Ende wird nahezu das gesamte Personal aus Angst vor einer Ansteckung nicht mehr erscheinen und die Bewohner werden tagelang auf sich selbst gestellt sein.

Die Charaktere werden durch kleinste Kunstgriffe sehr lebendig und erhalten durch wenige Bilder große Geschichten. Der Mann, der von seinem Vater lernt, dass das Radio oft klüger ist, als man selbst, wird dann auf vielen Ebenen ein Opfer. Andere Bewohner kommen zu Wort, die sich demenzkrank in den Räumlichkeiten zurechtfinden müssen, solange sie sich noch frei bewegen dürfen. Der Alltag in einem Pflegheim wird sehr authentisch nachempfunden. Eine beklemmende und unter die Haut gehende Geschichte, die aber auch nicht an Humor spart.

Ein Quickie mit Nachhall.

Siehe auch Leseschatz-TV vom 01.11.2021: Literatur-Quickies

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Raju Sharma: „Primus – Das Erbe der Leviten“

Raju Sharma hat erneut einen weltklugen Spannungsroman geschrieben. Es ist der dritte Roman von Sharma und das zweite Abenteuer von Charlotte Mannheimer, einer jungen Doktorandin aus Hamburg. Nach „Hineni – Abrahams Messer“ wird Charlie in einen Fall verstrickt, der sich um ein streng gehütetes Geheimnis dreht, dessen Wurzeln bis in die Zeit des Alten Testaments zurückreichen. „Primus – Das Erbe der Leviten“  lässt sich aber auch wunderbar ohne Kenntnisse des vorherigen Werkes lesen. Wiedermal zeigt sich, das Raju Sharma ein intelligenter, weltoffener und kluger Erzähler ist. Der Autor ist hauptberuflich in verschiedenen Funktionen des Schleswig-Holsteinischen Landesdienstes tätig. Mit „Primus“ hat Sharma eine schriftstellerische Entwicklung gemacht. Die Sprache und die Erzählstruktur sind flüssiger, bildreicher und zielführender. Eventuell liegt es auch daran, dass er das vorliegende Werk alleine geschrieben hat. Bei „Hineni“ hat noch Christoph Müller mitgewirkt.

Charlie hat einen Spionagekurs belegt und bekommt einen einfach wirkenden Freundschaftsauftrag. Sie schuldet nach ihrem vorherigen Abenteuer noch einigen einen Gefallen. Sie soll bei einem Kuraufenthalt eine Frau beobachten. Diese Frau ist eine Galionsfigur der neu erstarkten rechten Parteien. Charlie soll herausfinden, ob diese Frau bei Plänen von Anschlägen involviert ist. Bei einem Besuch in einer Bar, wo sie die Frau und ihr Gefolge beobachtet, lernt Charlie zwei Priester kennen. Da Charlie ihre Doktorarbeit über den Sechstagekrieg geschrieben hat, wird einer der Priester hellhörig und möchte ihr etwas zeigen. In seinem Besitz ist ein Papierfragment gelangt, das er aufbewahren soll. Die Bedeutung des Schriftstücks erscheint ihm unklar und er bittet Charlie um Rat. Charlie hat eine Vermutung und kontaktiert ihren alten Doktorvater. Das Fragment ist so gestaltet, dass es nur mit weiteren Teilen ein Ganzes ergeben kann. Also gibt es noch weitere Fragmente, die einen Schlüssel zu einem alten Geheimnis darstellen. Im Zuge der Recherche stößt Charlie auf eine bisher geheime Bibliothek und auf einen lange verborgenen Schatz. Charlie gerät in eine gefährliche Mission und mysteriöse Todesfälle säumen die Suche nach der Wahrheit.

Ein spannender Bildungsroman, der eine globale und über die Zeiten gespannte Geschichte erzählt. Raju Sharma verbindet Weltgeschichte, Kultur und Religion, ohne dabei an Bodenhaftung zu verlieren. Dort wo zum Beispiel Dan Brown stets etwas überspannt, bleibt Sharma realistischer und erschafft keine Superhelden, sondern lässt seine Figuren wachsen. Eine junge Studentin, die in einen Handlungssog gerissen wird, der in den Zeiten der Entstehung der Bücher von Moses seinen Ursprung hat.

Siehe auch Leseschatz-TV

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Linda Boström Knausgård: „Oktoberkind“

Linda Boström Knausgård schreibt Gedichte, Erzählungen und Romane, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Doch ist sie den meisten wohl eher bekannt als Figur aus dem ausufernden Zyklus ihres Ex-Mannes Karl-Ove Knausgård. Sein Blick auf sie kann nie ein ganzer sein und somit ist dieser autofiktionale Text umso spannender, denn hier ringt eine Frau um ihre Existenz und um das Bewahren der Identität, der Erinnerung und der Würde. Wer also Knausgård liest, sollte Knausgård lesen.

Der Text hat eine fast schon einfache Struktur, dennoch lassen sich die Inhalte zuweilen schwer fassen, denn die Wahrnehmung der Erzählerin ist durch das Umfeld der Psychiatrie, in der die Erinnerungen fixiert werden, geprägt. Die geschiedene Schriftstellerin leidet unter Depressionen und einer bipolaren Störung und wurde zwangseingewiesen. Aufgrund der gestellten Diagnose ordnen die Mediziner eine Elektroschocktherapie an. Diese Elektrokrampftherapie dient zuweilen immer noch der Behandlung therapieresistenter und schwerer depressiver Verläufe. Die Stromschläge wirken auf die Erzählerin, Linda, verstörend und sie kann und darf nicht über ihre Behandlung mitbestimmen. Sie lebt in der Klinik entmündigt. Die ganze Therapie ist mechanisch und wirkt wenig auf das Wohl der Patientin ausgerichtet. Sie ist kritisch dem Umfeld gegenüber und droht in einer Dunkelheit zu ertrinken. Die Klinik wird für sie zur Fabrik und die Pfleger, die sie bereits am Geräusch des Türöffnens einschätzen kann, gehen mal behutsam mit ihr um oder versuchen schnell und dadurch schmerzhaft, die entsprechenden Zugänge zu legen.

Der Aufenthalt und die Elektroschocktherapie drohen ihre Erinnerungen zu löschen. Die Mediziner vergleichen dies sogar mit dem Neustart eines Computers. Der Mensch wird dabei gänzlich minimiert, reduziert und fast schon entmenschlicht. Die Wahrnehmungen von Raum und Zeit verwischen während der Therapie. Was macht Linda noch aus? Was wird von ihr bleiben? Dies treibt sie um. Die Sorge um ihre vier Kinder veranlasst sie, an ihren Gedanken und Erinnerungen festzuhalten. Angeregt durch eine Pflegerin vergegenwärtigt sie ihren bisherigen Weg und fixiert ihre Erinnerungen. Ihre Kindheit, ihre Rolle als Mutter und ihr persönliches Leben beschreibt sie intim, schnörkellos und intensiv. Das Einfache wird anfänglich lediglich suggeriert und steigert sich in eine bild- und sprachgewaltige Dichte.

Ein autobiografischer Roman, der poetische Stromschläge erzeugt. Erinnerungen an „Einer flog über das Kuckucksnest“ oder „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ werden beim Lesen wach. Der Versuch der inneren Befreiung, der Weg zur eigenen Stärke und die Suche nach Glück gehen hier einen schmerzerfüllten Weg. Ein lesenswertes und bewegendes Werk, das aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein übersetzt wurde.

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Eugenia Senik: „Das Streichholzhaus“

Der Text wirkt nüchtern und ist es dann letztendlich nicht. Es ist eine beeindruckende Lektüre über Menschlichkeit und zählte 2019 zu den besten ukrainischen Büchern (PEN Ukraine). Seit 2022 liegt nun die deutsche Übersetzung von Matthias Müller vor. Das Werk wird aufgelockert durch passende Illustrationen von  Serhii Kostyshyn. Der Blick verweilt auf Obdachlosen und gibt diesen Menschen ein komplexes Gesicht.

Der Roman ist gleichzeitig ein Blick auf die Gesellschaft. Die beschriebene Gesellschaft ist durch Konsum und Wegwerfgedanken geprägt. Auf der einen Seite die Sucht nach Belohnung, nach Objekten, die sinnvoll den Alltag verschönern, aber auch erleichtern und doch schon später ihren Zweck überholt zu haben scheinen. Diese Dinge sind es, die die junge Frau sortiert, einschätzt und wieder dem Kreislauf zuführen soll. Eine Heimgemeinschaft im Westschweizer Jura führt Haus- und Wohnungsräumungen durch. Obdachlose, die in diesem Obdachlosenheim gestrandet sind, werden Zeugen der Überflussgesellschaft. Sie sichten, reparieren die gebrachten oder abgeholten Dinge und verkaufen diese im eigenen Laden.

Die Erzählerin, Anna, ist eine junge Frau aus der Ukraine. Ihr fällt es schwer zu sagen, wie es kam, dass sie plötzlich mittellos wurde. Die Arbeit erfüllte sie nicht und sie hatte gekündigt und verlor dadurch ihre Wohnung. Sie hatte ihr Lebensfeuer verloren. Da sie ihren Platz in der Gesellschaft und auf der Erde noch nicht gefunden hatte, war es ihr egal, wo sie obdachlos war. Sie wollte frei sein und landete in der Schweiz.

Dies war ihr Weg in das Obdachlosenheim, wo sie in die Heimgemeinschaft integriert worden ist. Nicht nur die weggeworfenen Dinge erhalten durch die Gruppe ein neues Leben, sondern auch die agierenden Menschen. Die Mitbewohner haben alle ihre Geschichten, die die Erzählerin nun sammelt und festhält. Aus verschiedenen Regionen und Ländern kommen sie und haben alle eine bewegende Vergangenheit.

Die Autorin hat mehrere Monate selbst in diesem Obdachlosenheim verbracht und widmet das Werk den Menschen und ihren Geschichten. Jede ist ein Puzzlestein, ein Streichholz eines gesamten Gebäudes. Das Werk aus der Ukraine ist ein lesenswertes Buch, das den Blick an den Rand unserer Gesellschaft wirft.

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Éric Henninot: „Die Horde des Windes“

Graphic Novel von Éric Henninot nach dem Roman von Alain Damasio.

Die Visionen von Alain Damasio begeistern und die Charaktere und Handlungen seiner Werke verstehen zu fesseln. Die Texte verzaubern die Realität und man gerät in einen Leserausch, der jeweils bis zum Ende anhält. Wenn man sich auf die Werke einlässt, wird man sehr belohnt. Handlung und Sprache hinterlassen übersprudelnde Gedankenbilder. Ein visueller und anspruchsvoller Spaß.

„Die Horde des Windes“  Graphic Novel von Éric Henninot nach dem Kultroman von Alain Damasio. Übersetzung von Tanja Krämling. Splitter Verlag. Insgesamt sind es drei Comic-Bände.

Mit diesem Werk wird man Hordler! Die Hordler sind eine Gemeinschaft. Sie sind mehr als eine Familie. Es ist die 34. Horde. Ihr Ziel ist es, die mystische Quelle des Windes zu finden. Ein Wind, der ohne Unterbrechung über die Welt hinwegfegt. Ein Sturm, der beständig aus einer Richtung bläst. Mal weniger stark, mal tödlich, aber immer gegenwärtig.  Golgoth marschiert vorneweg, hinter ihm Sov, der Schreiber, dann der Rest.  Vor 27 Jahren, als sie noch Kinder waren, sind sie aufgebrochen. Ihr Ziel rückt langsam, aber spürbar näher. Nach mysteriösen Begegnungen steht die 34. Horde vor ihrer härtesten Prüfung, die Durchquerung der gefürchteten Lache von Lapsane. Schafft es Sov, sich gegen den wachsenden Irrsinn von Golgoth zu behaupten? Gibt es das erlösende Ziel? 33 Horden haben es vor ihnen nicht geschafft – seit 800 Jahren …

Siehe auch Leseschatz-TV

Zur Erinnerung an den Leseschatz von Alain Damasio: „Die Flüchtigen“. Matthes & Seitz Verlag. Übersetzung von Milena Adam. Ein kritischer und märchenhafter Blick auf unsere Gesellschaft. Dieser phantastische Realismus spielt in einem nahen zukünftigen Frankreich. Die Technologien beherrschen den Alltag. Doch gibt es auch eine Lücke, etwas ist aus dieser digitalen Überwachung entschlüpft. Neben der visuell geprägten Welt gibt es Leben, das sich wie etwas Flüchtiges im versteckten Klangraum aufhält.  Mehr bei mir im Leseschatz.

Diese Visionen sind phantastisch gut.

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Dagur Hjartarson: „Schnee über den Buchstaben“

Diese Lyrik ist bodenständig und entzieht sich nicht dem Leser. Es sind Gedichte, die wie jede Lyrik, etwas ganz Persönliches sind. Durch die Thematik und die nahbare Sprache fühlt man sich mit den Texten schnell verbunden. Das Buch „Schnee über den Buchstaben“ beinhaltet zwei Gedichtbände, die um die persönliche Erfahrung und das Zusammenleben einer Familie kreisen. Die älteren Werke haben etwas Verletzliches, sogar von einer Angst durchtränktes. Angst vor dem Verlust eines geliebten Menschen. Alles wirkt zerbrechlich und von einer Vergänglichkeit berührt. Die poetische Sicht verändert sich in Folge. Nach dem Teil „Die Hirnoperation“ folgt das „Familienleben auf der Erde“ und der intime Blick in das familiäre Innenleben wächst in die Betrachtungen des Umfeldes.

Der Titel „Schnee über den Buchstaben“ ist als Zeile dem Gedicht „Die Stadt“ entnommen. Der Tumor als namenloses Grauen verschwindet und die Lebensfunktionen erwachen. Das Bild vom Schnee, der auch etwas Vergängliches hat, verdeckt hier die Buchstaben und somit die Sprache. Schnee, der in seinem Zustand aber niemals bleibt, sondern sich auflöst und das Darunterliegende frei gibt. Reiner Schnee, der durch das Umfeld schmutzig wird und die Färbungen des Umfeldes annimmt. Dieses Bild passt zu den vorliegenden Texten, die sich stückweise im Leser entfalten und chronologisch gelesen ein gesamtes Werk mit einem komplexen Bogen darstellen.

Die Gedichte lesen sich schön und verstehen es, durch ihren eigenen Klang den Leser an sich zu fesseln. Die Werke offenbaren den Wunsch nach Schutz und familiärer Wärme. Der Verlust des Halts und das Erkennen, dass alles vergänglich ist, bringen diese Lyrik in eine Anfangsstimmung, die sich daraus löst und eine poetische Weltsicht offenbart. Dabei bleibt alles naturverbunden und dem Alltag niemals entrückt. Auch wenn die Texte etwas Verzauberndes haben, sind sie nüchtern und dem gegenwärtigen Erleben entsprungen. Das Nüchterne und Bodenständige machen den großen Reiz dieser Werke aus.

Diese lyrischen Entdeckungen kann man zweisprachig erleben. Die isländischen Originaltexte stehen der gelungenen Übertragung von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer gegenüber.

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Marianna Kurtto: „Tristania“

Eine vulkanische Pirateninsel als Handlungsort des Romans, der die Figuren auf eine innere Irrfahrt schickt. Es geht ums Ankommen und Heimat finden  – in der Landschaft, dem Land und innerhalb der Familie. Stets lauert in den Zeilen etwas Verborgenes. Etwas, das unter der Oberfläche versteckt ist. Ob es aber ein Schatz oder vernichtende Lavaströme sind, wird sich während des Handlungsverlaufs zeigen.

Durch den Perspektivenwechsel und in einem verzaubernden literarischen Rhythmus baut sich langsam ein ganzes Universum auf, das auf einer kleinen Insel im südlichen Atlantischen Ozean angesiedelt ist. Mit einer gekonnten Reduktion wird ein stiller und beeindruckender Roman erzählt, in dem die Charaktere vor einer kargen Kulisse auf mehrere Ausbrüche zusteuern.

Die meisten Menschen führen ein bescheidenes Leben in der rauen Natur. Die althergebrachten Lebensgewohnheiten treffen auf die moderne Entwicklung, die sich auf der Insel nur erahnen lässt. Viele wünschen sich ein anderes Leben und träumen sich von der Insel fort. Lars verlässt oft die Heimat und fährt als Fischereihändler raus. Auch reist er häufig in das ferne England und in London erspürt er einen Neuanfang, als er Blumen für seine Frau kaufen möchte. Er verliebt sich neu und verschwindet einfach. In seiner Heimat, auf der Insel, lässt er somit seine Frau und seinen Sohn Jon zurück. Martha, die Lehrerin von Jon, träumt auch von etwas anderem. Sie schaut den Schiffen hinterher und will am liebsten mit diesen weg. Sie ist mit Bert verheiratet, der anscheinend das einfache Leben für sich akzeptiert hat. 

Lise, Lars Frau, wartet auf dessen Heimkehr. Als dieser nicht kommt, muss sie mit Jon das Leben alleine meistern lernen. Im Roman brodelt beständig etwas im Untergrund. In den Beziehungen zueinander, in der Gesellschaft und letztendlich in der Erde. Die Handlung spielt um den Schicksalsmoment, der die Insel Tristan da Cunha im Oktober 1961 erschüttert. Am 8. Oktober 1961 bricht der Vulkan aus und es kommt zu Erdbeben, Felseinstürzen und Lavaströmen. Können alle gerettet werden, besonders Jon, der plötzlich verschwunden ist?

Die Menschen sind alle mit der Insel verbunden. Sie werden durch die Erdaktivitäten und die persönlichen Wünsche auf die Probe gestellt. Die Familien zerreißen und müssen sich neufinden. Das Besondere am Buch sind die Lebensumstände auf der rauen und kargen Insel mit ihren steinigen Wegen. Im Handlungsverlauf wird einiges lediglich angedeutet, manches sogar ausgespart, dies macht die Kluft innerhalb der Gemeinschaften und letztendlich auch in der Natur deutlich. Die Entbehrungen, das Sehnen und die inneren und äußeren Explosionen setzen den Spannungsbogen. Die einzelnen Geschichten bewegen und werden durch eine bildreiche und zart poetische Sprache getragen. Der Handlungsort, der an Piratengeschichten erinnert, wird zum Schauplatz des stillen, melancholischen und wunderschönen Romans. Es ist das erste Werk der finnischen Autorin Marianna Kurtto, das ins Deutsche übertragen wurde. Die wunderbare Übersetzung stammt von Stefan Moster.

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Franziska Gänsler: „Ewig Sommer“

Ein Roman voller fiebriger Spannung. „Ewig Sommer“ ist der Debütroman von Franziska Gänsler. Sie versteht es, sofort eine Stimmung aufzubauen, die eine Hitze aufwirft, die nicht nur einem dystopischen Szenarium entspringt. Empathisch und mit einer zügigen und schönen Sprache bauen sich die Bilder auf und die Charaktere werden immer plastischer.

Iris hat das Hotel von Ihrer Familie in Bad Heim übernommen. Lange hat sie aber keine Gäste mehr empfangen, denn die Region wird von Waldbränden beherrscht. Schutz gewährt lediglich der Bruch, der Fluss, der ihre Seite von den gewaltigen Feuermassen trennt. Sie bleibt und hält an ihren alten Gewohnheiten fest und hofft auf Regen.

Eines Tages stehen eine junge Frau und ihre Tochter vor ihr und bitten um ein Zimmer. Diese Begegnung verändert nun alles. Die Frau scheint erschöpft und leicht verängstigt zu sein. Oft lässt sie Ihre Tochter auch unbeaufsichtigt und ist stundenlang verschwunden. Sie nutzt auch zuweilen ungefragt das Auto von Iris. Beide Frauen nähern sich aber langsam einander an und die Geschichte offenbart sich stückweise. Kommt die eigentliche Gefahr von den Bränden oder lauert diese ganz woanders? Plötzlich ruft ein Mann im Dorf an und erkundigt sich nach einer Frau mit ihrem Kind. 

Beim Lesen schaut man gebannt der inneren Entwicklung zu, die den äußeren, extremen Umständen geschult ist. Wird das ganze Szenarium ein gutes Ende finden oder werden die Zustände immer schlimmer? Ein ehemaliger Kurort wird ein verkohlter Schauplatz, in dem die Protagonisten auf ein normales und gewohntes Leben hoffen. Sie halten an ihren alten Ritualen und Gepflogenheiten fest.

Rauchschwaden, Feuer und die menschliche Bedrohung beherrschen die Kapitel und geben den Ton an. Das kleine Buch wächst und ist kein reiner Klimaroman, keine Dystopie, sondern ein Roman, in dem alles benannt wird, aber die Menschlichkeit und die Beziehungen die Spannung zum Beben bringen.

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Foltergaul: „Im Morast mit Kommissar Hjuler und Mama Baer“

Ein real-surreales Werk voll herrlichem Irrsinn. Der Roman, der aus dem Umfeld des Autors  entsprungen wirkt, verlässt Raum und Zeit und überspringt diverse Lebensachsen. Achsen, die geografisch zum Beispiel zwischen Kiel und Flensburg angesiedelt sind, aber auch das Raum-Zeit-Kontinuum durchhüpfen. Der Zeitstrahl kann niemals gradlinig fließen, wenn man es mit dieser Kunstform zu tun bekommt. Foltergaul, Tarekh oder doch Peter Rathke ist das Erzähler-Ich. Er ist Künstler, Verleger und Autor. Sein Freundeskreis ist in der Kulturellenwelt verwurzelt. Er hat Michael Engler entdeckt und pflegt eine Freundschaft mit dem Künstlerduo Mama Baer und Kommissar Hjuler aus Flensburg. Auf der Suche nach literarischer Transformation, so sagt er, hat er diese oft aufgesucht. Was dabei entstanden ist, ist das Buch „Im Morast mit Kommissar Hjuler und Mama Baer“. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Kunst – Brecht würde wohl sagen: „Das ist Kunst, Du Idiot“. Dabei orientiert sich der Text viel mehr an zeitgenössischer Gegenwartsliteratur und könnte als humorvolle und moderne Antwort auf „Die Flucht aus der Zeit“ von Hugo Ball verstanden werden.

Das Lesen des Buches verwirrt und unterhält. Beim Blick zum Autor könnte man fragen, was hat mich denn da geritten? Doch berauscht der Text und zügig ist man, wie betrunken, in ein Zeitloch gefallen und versteht mehr oder weniger, je nach Standpunkt. Paten für das Werk könnte man mit Hugo Ball, Kurt Vonnegut und Helge Schneider benennen. Einiges wirkt ferner beflügelt durch einen guten Whisky.

Mama Baer und Kommissar Hjuler kreieren zusammen Musik, Malerei, Collagen, Installationen, Performance, Experimentalfilme und gelten als Vertreter der Fluxus-Bewegung. Alles ist somit durch die drei Künstler in den Fluss geraten – zumindest im Roman. Denn dass es ein Roman ist, der die Realität lediglich streift, wird schnell deutlich, wenn sich die Gegenwart mit der Vergangenheit, den Kriegserlebnissen vermischen. Auch tauchen gegen Ende Gegenspieler der Protagonisten als Nicht-Doubles auf. Fluxus versteht sich aber auch als werdender Prozess. Kunst als Weg und nicht als fixiertes und endgültiges Werk. So ist auch dieser Roman ein Weg. Das Erzähler-Ich beginnt das Buch zu schreiben, als dieses sich dem Ende nähert. Somit ist die Gestaltung nur eine logische, denn das wahre Titelbild ziert bei diesem Druckerzeugnis die Rückseite.

Foltergaul reist oft nach Flensburg, um seine Freunde zu treffen. Gemeinsam sprechen sie über das Leben und die Kunst. Dabei essen sie dänische Pommes oder fahren gemeinsam nach Berlin zu diversen Ausstellungen. Dabei kommt natürlich auch das Sexleben nicht zu kurz, denn Mama Baer trifft auf Ian Curtis (Joy Division), der eventuell doch überlebt hat. Die Erinnerungen an die menschlichen Kriege vermischen sich mit dem alljährlichen Kampf von Holstein Kiel beim Versuch seines Aufstiegs. Dabei ist wohl stets der wichtigste Satz: „Ich kann nicht mehr“.

Eine eigentliche Inhaltsangabe fällt schwer. Wer Kunst und Kultur liebt und dabei Halluzination, beziehungsweise traumwandlerische Verwirrung sucht, sollte den Schritt zum Buch wagen. Es ist auch eigentlich nicht wichtig zu wissen, dass dies der zweite Teil einer Trilogie ist. Der erste Band heißt: „Im Knast mit Kommissar Hjuler und Mama Baer“. Doch wann ein dritter Band erscheint steht wohl in den Sternen, denn Peter Rathke aka Foltergaul hat sich für den zweiten Band lange bezirzen lassen müssen, glaubt man dem Inhalt…

Ein witziger und unterhaltsamer Ritt durch die Kulturtransformation.

Ein Zitat aus dem Werk:

„Der Kaffee von Kommissar Hjuler und Mama Baer schmeckt gut.

„Kennt ihr eigentlich den Klangkünstler Hauke Harder? Es gibt auch den Buchhändler Hauke Harder, es ist alles so verwirrend.“

„Einige Sätze im Roman könnte man sicherlich streichen“, sagt Kommissar Hjuler nun.“

(Bitte keinen, sagt das Hauke-Ich)

Peter Rathke aka Foltergaul

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David Mitchell: „Utopia Avenue“

Dieser Roman vibriert durch die Rockmusik. Der Sound der Sixties mit der pulsierenden, wimmernden Gitarrenmusik entfacht hier ein literarisches Feuerwerk. Eine Retrospektive, die den Geist der Sechzigerjahre mit einer fiktiven Bandgeschichte einfängt.

Doch wer Mitchell kennt, weiß, es gibt in seinen Werken stets mehr zu entdecken. Mit einer Leichtigkeit erweckt er in seinen Romanen große Bilder und Charaktere zum Leben. Er schließt auch wieder Kreise zu seinen anderen Werken und dem dortigen Personal. Alles ist bei Mitchell immer mit allem in Verbindung. Man kann sich daran erfreuen, wenn zum Beispiel der Gitarrist Jasper de Zoet heißt. Doch ist eine Vorkenntnis der Werke von Mitchell nicht nötig, seine Roman machen immer Spaß.

Utopia Avenue ist der Name der Band. Der Name verbindet Irdisches mit der entrückenden Traumwelt und zeigt sogar einen Weg auf. Ihre Musik wurzelt im psychedelischen Rock. Die Band besteht aus der Folksängerin Elf Holloway, dem Bassisten Dean Moss, dem Jazzdrummer Griff Griffin und dem Gitarrenvirtuosen Jasper de Zoet. Zusammen kreieren sie einen eigenen Sound und produzieren zwei Platten. Ihr Weg beginnt in den kleinen Clubs des Landes und endet mit großem Erfolg. Doch ihr Erbe und ihre Energie leben und vibrieren weiter.

Aus verschiedenen Perspektiven wird das Buch erzählt. Großartig ist das ganze Werk aufgebaut und verneigt sich vor der Musik der damaligen Zeit und deren Helden, die auch zuweilen als Gäste auftreten. Es beginnt mit Dean Moss, der gerade Opfer von Trickbetrügern war und somit seine Miete nicht mehr bezahlen kann und seinen Job verliert. Dabei läuft er einem Manager zufällig über den Weg, der ihn erkennt und sich seiner annimmt. In einem Club spielt gerade eine mittelmäßige Band, die sich in der Konzertpause auseinanderlebt und als Ersatz wird schnell eine neue Band formiert. Der Beginn von Utopia Avenue. Jedes Bandmitglied hat einen anderen Background als Musiker und entstammt einem anderen sozialen Umfeld. Jede Figur ist authentisch und mit sehr viel Feingefühl entworfen. Somit ist man mit der Umgebung und dem Personal sehr schnell vertraut.

Die Handlung spielt um die großen Verheißungen der Rockmusik. Das Buch lebt von der Liebe zur Musik und der Zeit. Ein umfangreicher (leider aber auch ein viel zu kurzer) Trip voller Sex, Drugs and Rock´n´Roll. Ein leichter, philosophischer Pageturner, der wie ein Gitarrensolo, mal wimmert, aufbegehrt, schreit und schluchzt. 

Mitchell schreibt stets Meisterwerke, die umeinander kreisen und bleibende Eindrücke hinterlassen. „Utopia Avenue“ stellt durch die Verbindung von der Leidenschaft zur Literatur, dem guten Erzählen und Musik ein ganz besonderes Werk im Kanon seines Schöpfers dar. Das Buch wurde übersetzt von Volker Oldenburg. 

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