Marianne Philips: „Hochzeit in Wien“

Der Blick in ein Haus, an einem Tag erzeugt ein ganzes Panorama der Gesellschaft und es entsteht ein Bild der porösen Demokratie im Jahr 1933. Wien als kulturelles Sinnbild wird Zeuge der Begebenheiten auf dem Weg in die Katastrophe.

Das Buch ist eine Wiederentdeckung und war nach dem Tod von Marianna Philips Schullektüre in den Niederlanden. Der Roman ist voller Lebendigkeit und zeigt neben den Schattenwürfen auch ganz viel Humor und Hingabe zu den Figuren. Es sind die einzelnen Charaktere, die fesseln und durch die einzelnen Schicksalsgeschichten einen gesamten Handlungsbogen erzeugen. Somit wächst aus den Episoden ein imposanter Gesellschaftsroman. Im Mittelpunkt steht ein Haus, das wohl schönste der Luftbadgasse. Eine Sackgasse, die viele Gesellschaftsschichten vereint. Händler, Handwerker, Künstler, arme und vermögende Menschen. Die Bewohner des Hauses sind fiktiv. Doch präsentieren sie die damalige Wirklichkeit, die sich in der Gegenwart aber auch erneut erkennen lässt. Es ist der Zeitpunkt des Ungewissen, der nahenden Bedrohung und alle, die armen, aber auch jene, die zu es zu Vermögen gebracht haben, verspüren Angst vor der Zukunft.

Marianna Philips weiß worüber sie schreibt. Sie beschreibt, was sie erfahren, erlebt und gehört hat. Das Buch ist Aufgrund eines Wettbewerbes entstanden, ruhte dann, weil Marianna Philips sich politisch und sozial sehr engagierte. Ihre Biographie ist selbst spannend. Marianne Philips (1886-1951) war das Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie. Doch lernte sie dann schnell die Armut kennen. Das gesellschaftliche Gefälle lässt sie politisch werden. Sie wurde für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei als eine der ersten Frauen zum Ratsmitglied der Niederlande gewählt. Wegen ihrer jüdischen Herkunft musste sie während des Zweiten Weltkriegs untertauchen. Ihr literarisches Schaffen kreist um ethische und soziale Fragen. Im Mittelpunkt steht dabei stets die Sympathie für Menschen.  Zurzeit gibt es zwei Werke von Marianna Philips in der deutschen Übersetzung: „Die Beichte einer Nacht“ und „Hochzeit in Wien“ beide übersetzt von Eva Schweikart.

Die Hausbesitzer, die auch ein lukratives Malerhandwerk im Erdgeschoss betreiben, feiern goldene Hochzeit. Somit wird das prächtige Haus noch mehr herausgeputzt und für die Gäste und Feierlichkeit vorbereitet. Doch das Haus lebt von den weiteren Bewohnern. Die Operndiva Maria Ritter, die den begabten Geiger Paul, der im Hofschuppen lebt, bei seiner Karriere behilflich sein möchte. Die adligen Damen, die bereits alles verloren haben und durch den Besuch aus Amerika vor dem Hungerstod gerettet werden. Doch ist jener weitgereiste Besuch auch gekommen, um seine Liebe wiederzufinden. Das bedrohliche jener Zeit wird durch den Juden Meyer Jonathan am deutlichsten verkörpert. Er wartet auf seinen Enkel, Daniel, der sich dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen hat. Doch es soll auch gefeiert werden, die Hochzeit und die Geburt des Enkelkindes der Gastgeber. Aber die unheimlichen Wolken, die bald ganz Europa überziehen, verdichten sich immer mehr.

Diese Begegnungen im Haus in Wien sind fixierte Lebensmomente der Gesellschaft und der Geschichte. Ein großartiger, lesenswerter Roman, der sehr bewegt und berührt. Jede einzelne Figur wird lebendig und wir werden durch diese Zeugen der Zeit, die sich nicht wiederholen darf. Ergänzt wird der Roman durch ein Nachwort von Judith Belinfante.

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