Daniel Gräfe: „Wir waren Kometen“

Die Hauptfiguren sind wie Kometen, die durch den Kosmos streifen. Kometen sind Überreste von etwas Verfallenem, etwas Altem, das in Sonnennähe leuchtende Schweife erhält. Die Vergangenheit und die Herkunft bedingen hierbei die Flugbahn. Es ist die Geschichte zweier Liebender, die sich zwar gegenseitig einnehmen, aber nicht ganz öffnen können. Sie trennen sich und ein Anruf erweckt den Wunsch eines Neuanfangs. Dadurch entsteht eine Reise von Berlin, Stuttgart bis ins äußere Ende von Rumänien.

Ein verbindender, grenzübergreifender Roman, der sich wie ein Fluss durch die Handlung windet und dabei viele unterschiedliche Geschichten und Möglichkeiten streift. Daniel Gräfe ist Kultur- und Wirtschaftsredakteur und ist als Journalist bei der Stuttgarter Zeitung tätig. Er arbeitete für soziale Projekte und seine Erzählungen, Reportagen und seine Lyrik wurden mehrfach ausgezeichnet. „Wir waren Kometen“ ist sein Debütroman, in dem er Antworten sucht auf die Fragen, wie sich Diktaturen und Gewalt auf das Private auswirken und wie lange sie nachwirken. Wie verändern Verrat, Politik und Macht das Innerste von menschlichen Beziehungen?

Lukas Brandt arbeitet und lebt in Stuttgart. Er ist Journalist, ist aber für eine Werbeagentur tätig. Der Beruf ist zweckdienlich und Lukas hat die Chance auf Beförderung. Doch erfüllt ihn diese Tätigkeit nicht ganz und es war auch diese Arbeit, die ein Streitthema in seiner Beziehung mit der rumänischen Migrantin Luba Matei war. Luba war in Berlin gestrandet und die beiden haben sich bei einem Einkauf getroffen. Ihr wurde Diebstahl unterstellt und er setzte sich für sie ein und verlangte eine Entschuldigung vom Kaufhausdetektiv. Sie waren beide jung, wurden ein Paar und verbrachten eine schöne Zeit. Sie träumten von einem erfüllten Leben. Beide wollten mit Vergangenem brechen, vertrauten sich aber gegenseitig nichts an. Es blieb vieles unausgesprochen, wie zum Beispiel seine körperliche Narbe und ihre seelischen Verletzungen. Lukas machte gerade ein Praktikum und sie wollte nach Italien. Sobald er beruflich ungebunden wäre, wollte Luba los. Ein anderes Leben voller Sonne. Doch der Wunsch nach Erfüllung und Veränderung steht dem Wunsch nach Sicherheit zuweilen im Weg. So kommt es in der Beziehung zum Bruch.

Zwei Jahre später erhält er einen Anruf von Ihr. Er lässt seine Arbeit liegen und fährt los. Zu einer Freundin, die die Tagebücher von Luba hat. Diese beschreiben ihren Weg, wie sie in Rom ein neues Leben suchte. Sie ist nun wieder unterwegs und zurück nach Rumänien gefahren. Lukas reist ihr nach und eine Irrfahrt durch Europa beginnt. Sein Weg durchstreift diverse Geschichten. Luba und Lukas fordern ihr Glück und hoffen beide, dies weiterhin gemeinsam zu finden. Luba möchte aber mit ihrer Vergangenheit abschließen. Ihr Geheimnis liegt in der Kindheit während des Ceaușescu-Regimes.

Ein ergreifender, spannender und poetischer Roman, der durch den Sog, den er erzeugt, die Tiefgründigkeit der Charaktere freilegt. Die Sprache, die Orte und die Handlung erinnern an die wunderbaren Werke von Iris Wolff und „Wir waren Kometen“ steht fortan gleichberechtigt neben diesen. Es geht um die Sehnsucht nach Freiheit, nach Liebe und die Suche nach einem erfüllten und besseren Leben. Ein großartiger Debütroman.

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