Esther Dischereit: „Ein Haufen Dollarscheine“

Ein Roman, der sich schwer fassen lässt. Nicht weil er sehr schwer zu lesen ist, sondern weil er unbegreiflich ist. Nicht dass wir den Inhalt und die Geschichte nicht verstehen würden, sondern weil die Handlung vielschichtig ist und die Agierenden anfänglich nicht greifbar wirken. Dies liegt aber nicht an der guten Charakterisierung, sondern am Lesefluß, in den wir geraten und durch den Sog, der sich entfaltet, sich die Handlung und Figuren festigen müssen. Es sind kurze episodenhafte Kapitel, die wie cineastische Szenen ein Gesamtkunstwerk erschaffen. Diese Literatur ist herausfordernd, leicht, sehr humorvoll und ein kluger, ernster Roman, der enorm klar und doch nebulös ist. Das Ernste wird gebrochen durch absurden Witz. Es ist ein Roman, der Fiktion neben Dokumentation stellt. Dischereit lässt vorrangig zwei Personen im Wechsel erzählen. Es sind die Tante und ihr Neffe, der Sohn ihrer älteren Schwester, die den Holocaust mit ihrer Mutter versteckt überlebt hatte. Die Erzählerin schreibt, sie findet es merkwürdig, dass sie zu berichten vermag, als wäre sie dabei gewesen. Sie wird zu einer Stellvertreterin mit unterschiedlichen Identitäten. Es sind Menschen, Familien, die zerrissen werden, die das Grauen erlebt und überlebt haben und sich weiterhin erklären und definieren müssen.

Es gibt eine Menge an handelnden Personen. Doch die wichtigsten Stimmen bleiben im Wechselspiel erhalten. Es ufert nicht aus, verwässert aber und erzeugt dadurch ein Paradox, denn durch diesen Erzählstil fokussiert sich der Blick auf den Kern. Die Menschen wurden zerstreut und die Welt wirkt klein. Es beginnt bei einer Militärparade in Amerika. Die weiteren Orte sind dann: Berlin, Rom, Neapel, Chicago, Oxnard, Heppenheim, New York, Los Angeles, Frankfurt, Shanghai, Birkenbach und Theresienstadt. Somit umschließt das Werk Welten, Menschen und ihre Schicksale. 

In diesem Roman werden Geschichte und Geschichten geschrieben. Ein Sprung in die dunkle Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Last und die Prägung des jüdischen Lebens, die bis heute andauern, ziehen sich durch den ganzen Roman. Es geht um Antisemitismus, die sogenannten Wiedergutmachungszahlungen, Politik und das Machtgefüge.

Das jüdische Leben wird oft auf seine Anfänge und auf die geschichtlichen Dramen reduziert. Was wurde aus den Menschen, die den Holocaust überlebten, was aus deren Familien? Das Erbe und Erbstreitigkeiten als Motiv findet Verwendung, wie die Metapher des Flugplatzes. Alles verwebt und verzahnt sich in uns beim Lesen. Ein sehr aktuelles Buch. Es verbirgt in seiner Leichtigkeit und dem Witz eine enorme Schwere. Ein kunstvoll erzähltes Werk, das uns fordert und bereichert. 

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