
Ein komprimierter und fragmentarischer Roman, der zwei Leben beschreibt, die in unterschiedlichen Ländern die schlechte Behandlung und das erniedrigende Dasein der Frau darstellen. Das Fragmentarische ist so kunstvoll eingesetzt, dass sich in der Kürze der Abschnitte und durch die poetische und ehrliche Sprache jeweils ein ganzes Leben offenbart. Eines in Afrika und eines in der Schweiz. Das Kunstvolle in der Sprache zeigt sich auch in der Aufwendigkeit des Buches, das die parallel verlaufenden Leben in zwei Schriftfarben darstellt. Die beiden Frauen sind nicht gleich jene Großmütter. Sie sind es aber gegenwärtig, haben eine Distanz zum Vorherigen geschaffen und reflektieren. Es gab einen Moment, eine späten, der zeigte, dass es reicht, dass sie genug erduldet haben und sie jeweils einen Schlussstrich ziehen, der der Wut Freiraum gibt und sogar Rache zulässt. Es sind zwei Frauen, die trotz der Enttäuschungen und Erniedrigungen beide einen Kern aus Liebe und Kraft in sich bewahren konnten. Dieser Kern bricht nun durch die kurzen Texte auf. Der Roman ist ein schwermütiges, aber auch ein enorm beglückendes Werk.
Sie stellen sich die Frage, warum sie dasselbe weitergeben, warum sie die Liebe nicht gezeigt haben. Die Liebe zu ihren Kindern und zum eigenen Leben. Die Erkenntnis kommt und lässt die Großmütter erzählen. Ein hartes Leben auf einem Schweizer Bauernhof. Zuneigung, Liebe und allgemein Gefühle wurden nicht gezeigt. Diese waren weiblich. Wut ja. Die Wut durfte gelebt werden. In Kamerun ist es kein armes Leben, aber ebenfalls ein dominiertes. Der Traum von Bildung wird zerschlagen. Dann kommen die Männer, die bestimmten, die Verursacher und die Peiniger. In der Schweiz musste sie schon als Kind hart mitarbeiten, bei den Eltern und später auf einem anderen Hof, während der Hauswirtschaftsjahre. Dort kommt es zu einer Begegnung mit dem Knecht und ein uneheliches Kind ist da. Dieses Kind wird ihr genommen und ein Ehemann bestimmt. Auch in Kamerun ist der Weg kein leichter. Sie wird ermahnt, nicht der Vielehigkeit zuzustimmen. Auch wenn dann die ganze Familie aufschreien wird, auch die mahnende Stimme. Bei der Eheschließung beschließt sie ein Leben sans Polygamie und bringt ihren Mann gegen sich auf. Es bleibt nicht nur bei bösen Blicken und Verwünschungen, sondern sie erhält einen beständig aggressiven Mann. Da sie nur Mädchen zur Welt bringt, hält sich der wütende Ehemann nicht an die Vereinbarung. Aus Schutz und Liebe entzieht sie ihren Töchtern die Zuwendung und erkennt daran ihren wahren Kern und beginnt diesen zu befreien, um spätestens bei den Enkeln offen zu sein, die jene Freiheit wiederum ihr wünschen. Auch in der Schweiz ist der Lebensweg an den Mann gebunden. Bis ins Alter und mit dessen Krankheiten. Das Altenheim als gemeinsamer Ort, der ihren inneren Kern sie erkennen und auch ihre Freiheit finden lässt.
Beide Leben unterschiedlich und doch so ähnlich. Die Unterdrückung und Demütigung sind gleich, trotz der unterschiedlichen Kulturen. In der Verknappung der Texte wird sehr viel Emotion und Herz spürbar. Eine Zuwendung zum Leben, die sich trotz der Pein ihren Weg freibricht. Auch wenn das Erkennen später kommt, gibt es Chancen und Wege. Dieser Roman ist ein wunderbarer, trauriger und literarischer Ausbruch, der uns ganz viel schenkt.
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