Molly MacCarthy: „Kleine Fliegen der Gewissheit“

Dieses Werk hat bewusst oder unbewusst die Literatur, zum Beispiel die Werke von Annie Ernaux oder Tove Jansson, inspiriert und beeinflusst. „Kleine Fliegen der Gewissheit“ ist der Titel einer autofiktionalen Erzählung von Molly MacCarthy, die 1924  als „A Nineteenth-Century Childhood“ erstmals erschien. Das Werk beschreibt somit eine Kindheit im 19. Jahrhundert und wurde 2024 neuverlegt. Es ist eine Erinnerungserzählung, die ein behütetes Leben beschreibt, voller Zuwendung zur Literatur. Das ländliche Leben und das ganz genaue Hinhören und Hinschauen werden hier zelebriert. Es ist ein impressionistisches Werk, von einer Autorin, die in der Welt der Literatur stets im Schatten steht, aber diese genauso prägte. Molly MacCarthy war es, die den Begriff der „Bloomsberries“ prägte und den legendären „Bloomsbury Memoir Club“ ins Leben rief. Sie ist die Cousine von Virginia Woolf und erschuf progressive Literatur, die innerhalb dieses literarischen und künstlerischen Zirkels Gehör fand. Diese Ausgabe beinhaltet ein Vorwort von Tobias Schwartz, der auch den Text aus dem Englischen übersetzt hat. Dieses lesenswerte Vorwort stellt das Werk ausgiebig vor und reiht es in den historischen Kontext ein. Ebenfalls befindet sich in der Ausgabe ein Essay von Virginia Woolf.

Somit ist diese Ausgabe ein historisches und literarisches Ereignis. Der Titel suggeriert eine flatterhafte Flüchtigkeit. Es ist eine Innenkehr, eine Zimmerflucht, die ein Aufwachsen im neunzehnten Jahrhundert beschreibt. Die Erzählweise ist persönlich und doch olympisch. Somit entsteht eine Nähe und eine Distanz, die uns verführt und die Zeit lebendig werden lässt. Der Blick ruht auf dem Biederen, dem Wohlstand, ohne es bewusst zu deklarieren. Die Betrachtungen schweifen als Beispiel durch den gepflegten Garten, das Anwesen und erzählen vom Unterricht bis hin zu dem Versuch der eigenen Definition. Dabei schwingt das Ereignislose und das im Leben Besondere hervor. Die Autorin bemüht sich um Wahrhaftigkeit. Dies gelingt ihr stets, auch mit einem zuweilen ironischen Ton. Aufmerksamkeit trifft auf Zerstreuung und Kunst auf Unterhaltung. Ihre Welt wurzelt im gebildeten Bürgertum. Theater, Musik und Literatur prägen die Weltsicht und das Exzentrische ist ein Schutzschirm des Introvertierten. Hier wird verknappt, aber punktiert dem Einsamen und dem Wünschen und Empfinden der Zugehörigkeit nachgespürt und literarisch fixiert. Eine junge Frau, die sich plötzlich dem Behüteten enthoben fühlt und auf die Probleme des Weltlichen stößt. Somit ist dieses Buch ein literarisches Dokument aus einer vergangenen Zeit und berührt uns dennoch impulsiv im Jetzt.

Ein berührendes, althergebrachtes und unterhaltsames Werk, das in den Kanon der großen Weltliteratur gehört.

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