Steven Uhly: „Death Valley“

Steven Uhly irritiert, provoziert und unterhält stets ungemein. Wenn er ein Buch veröffentlicht, ist es immer wie ein kleiner Paukenschlag, der eine Schwingung verbreitet, die uns bewegt, zum Nachdenken anregt, erheitert und uns mit unserer Weltsicht konfrontiert. Mit seinem neuen Roman vermischen sich gänzlich die Realitäten. Es ist Steven Uhly, der schreibt, erzählt und uns seine Geschichte erzählt, die uns aber hadern lässt und die Frage aufwirft, was Wirklichkeit ist und was Fiktion? Es sind Grenzen zu denen wir gezerrt werden. Grenzen zwischen den Wahrnehmungen, den Klischees und letztendlich sogar zu jener Linie zwischen Ernst, Unterhaltung und Humor. Der Witz fährt auf diesem Trip lautstark mit.  Der Titel verspricht moderne Western-Romantik. Death Valley ist für diesen Road-Trip wohl kein besserer Ort. Dabei benutzt Uhly die Polaritäten unserer Bilder aus Kultur und Gesellschaft. Star Wars trifft hierbei auf Weltliteratur, das Tal des Todes wird belebt durch Menschen, die unsere Vorstellungen, bestätigen oder gänzlich neu beflügeln.

Es ist Steven Uhly, der in Erscheinung tritt. Er bezeichnet sich erneut als ein Misanthrop und muss sich mit diversen Menschen abfinden und herumschlagen. Durch die Begegnungen und zwischenmenschlichen Berührungen versucht er, sein Menschenbild aufzubessern und das Verachtende und leicht Arrogante abzulegen. Doch fällt es ihm anhand der absurden Abenteuer schwer. Er reist nach Amerika und fährt mit einem Luxusauto durch das Naturschauspiel des Death Valley. Somit begibt er sich in den Nationalpark und in die endlosen Weiten der Western-Welt und zu jenem intimen Feind eines Todesssterns.

Der Erzähler macht sich auf den Weg von Deutschland nach Las Vegas und dann weiter quer durch das Tal des Todes. Hier ist seine Mutter verstorben. Sie war mit ihrem Partner dort und beide sind verunglückt. Das Ableben konnte nicht typischer und tragischer sein. Sie sind zu Pferde unterwegs gewesen, gestrauchelt und zu Tode gestürzt. Uhly möchte seine Mutter heimführen oder je nach Kostenumfang dort beerdigen. Zeitglich macht sich auch der Sohn des neuen und nun auch verstorbenen Lebenspartners auf die Reise. Hans Butt ist es, der bisher nur negativ aufgefallen war. Besonders durch seine Weltsicht und rassistischen Ansichten. Der Erzähler macht somit ein persönliches Wettrennen daraus, weil er als erstes bei den Verstorbenen und am Unglücksort eintreffen möchte. Denn es geht auch um das elterliche Haus, die angesammelten Antiquitäten und den sagenhaften Goldschatz seiner Mutter, die als Bankräuberin anscheinend Goldbarren versteckt hatte.

Der Flug beschert Uhly die ersten skurrilen Begegnungen. Eine reiche Familie, die ebenfalls wegen einer erbschaftlichen Klärung anreist, verschafft ihm die ersten Einblicke in die Scheinwelt Amerikas innerhalb der ländlichen Trostlosigkeit. Der glitzernde Luxus lässt den Erzähler untreu werden, die Versuchung des Glamourösen spüren und verhilft ihm als Leihgabe zu jenem Luxuswagen. Auf der Reise trifft er auf weitere Menschen, Aliengläubige und klischeehafte Amerikaner. Dabei stellt er sich die Frage, was die wirklichen amerikanischen Einwohner sind, sind es die Menschen der First Nation oder jene, die das Land seit der Eroberung und Vertreibung beleben? Durch einen Zufall trifft er bereits unterwegs auf Hans, der mit seinem Leihwagen eine Panne hat und nimmt diesen mit. Das ungleiche Paar macht sich nun gemeinsam auf die Reise. Eine Fahrt durch diverse Drehorte bekannter Filme in einem Auto, dessen Navigationssystem, zur gänzlichen Erheiterung des einfacheren und Film-Nerds Hans, Darth Vader imitiert. Dabei beobachten sie sich, ihr Menschenverständnis und die gesellschaftlichen Spiele, wenn es um Macht oder Geld geht. Am Ende verstärkt sich die Großartigkeit des ganzen Romans.

Dieser Roman wirft wie ganz nebenbei unsere aktuellen und globalen Fragen ein und belebt unsere eigene Welt voller Lügen, Wahrheiten und individuellem Urteilsempfinden. Steven Uhly versteht es stets, uns in seinen Bannkreis zu ziehen. Seine Texte sind reale Parallelwelten aus Traurigkeit, Politik, Menschlichkeit und trotz der beschriebenen Dramen auch immer urkomisch. Es gibt im Buch einen englischen Satz, der als Fazit funktionieren könnte: „This beautiful sadnes of being alive“.

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