Esther Becker: „Notfallkontakte“

Sobald wir uns diesen Notfallkontakten hingegeben haben, ist die Welt um uns verschwunden, verändert und doch die Alte geblieben. Die Erzählungen sind so kurz und gut, dass wir mit einem literarischen Blinzeln rechnen können, das aber im Sichtfeld alles beleuchtet. Alltägliches birgt Situationen, die Seltsames, Hoffnungsloses und Bizarres sein können. Es sind unterschiedliche Momente, die aber in folgenden Erzählungen aufblitzen könnten. Die Geschichten sind humorvoll, nachdenklich und immer empathisch. Empathie kommt auch in der Umkehrung vor, gerade dann, wenn der Luftraum der gewöhnlichen Menschen durch wenige Bestimmende verringert wird. Es sind Texte, die uns gefühlt hier und dort blaue Flecken verursachen könnten, die aber glücklicherweise in der Dunkelheit nicht zu erkennen sind, aber dennoch etwas länger bleiben. Das kleine Buch ist sehr vielfältig in seinen Weltbeschreibungen, so dass es wie eine sehr große Teeauswahl wirkt und wir dann doch den Kakao kredenzt bekommen. Mit diesem fein gezeichneten Figurenpark beschäftigt man sich gerne und ist bei jeder neuen Geschichte überrascht und die Lebenswelt kann sich in der Realität verrücken.

Die titelgebende Geschichte lässt uns den Trennungsschmerz spüren. Ein Abschied und eine Löschung der Kontaktdaten im Smartphone mögen schnell gehen, aber fallen sie leicht? Der Krankenhausaufenthalt, der äußere und innere Menschlichkeit offenbart. Es taucht ferner eine Frau auf, die versucht keine Spuren im Umfeld zu hinterlassen, weil ihre Wege bereits von anderen vor ihr gegangen waren. Zumindest im Schnee. Die Liebesunfähigkeit lässt eine Verletzung wachsen, die dann doch den Wunsch anregt, sich zu zeigen. Zu deklarieren, dass man da ist, auch wenn dies lediglich mit gelber Körperflüssigkeit in der Winterlandschaft hinterlegt wird. Der Luftraum kann dünner werden, wenn wir als Gesellschaft eine Spaltung zulassen, die sich anhand von Arm und Reich zeigt. Familien, die bereits den Kindern üppige Feiern, Kleider und Fahrzeuge ermöglichen, erziehen somit ebenfalls kleine Unsympathen, die für sich sogar eigene Straßensperren verlangen. In den Erzählungen kann auch das Unheimliche Einzug halten. Seien es Äste, Arme oder einfache Ängste, die sich unserer bemächtigen. Auch schwarze Löcher öffnen sich. Erst sind es kleine Flecken, die in der Küche punktuell den Raum einfordern und beständig wachsen und alles in sich aufnehmen. Die Anziehungskraft der schwarzen Löcher kann auch auf die Magie dieser Erzählungen angewendet werden. Denn sie ziehen uns an und lassen uns das Umfeld gänzlich ausblenden. Doch gerade das Umfeld ist es, das durch diese Texte verstärkt in den Fokus gerückt wird.

Esther Becker schreibt unterhaltsam, klug und poetisch. Eine Kurzprosa, die ab und zu lyrisch wird, immer die Bodenhaftung trotz der Phantastereien behält und stets mit einem ganz eigenen Ton geschrieben ist. Ein Ton, der aus einem Klang zwischen Witz und Gesellschaftskritik schwingt. Alles ist aber belebt durch genauste Aufmerksamkeit gegenüber der Menschlichkeit, die hier in der Kürze sehr lebendig wird.

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