
Familienkörper ist eine Einheit und klingt nach zusammengefügter Harmonie und Zuflucht. Doch kann sich hinter der Begrifflichkeit auch Frankensteins Wesen verbergen, das einst in der Literatur eine menschliche und medizinische Monstrosität ins Leben rief. Darum geht es im Roman, um die familiären Verbindungen. Die Beziehungen sind durch Zeitlinien und durch das Erbe ineinander und miteinander verwoben. Im Negativen und im Positiven haben wir darauf wenig Einfluss und jene Bindungen prägen uns unbemerkt. Das nicht nur im sozialen Umfeld, sondern auch unsere körperlichen Merkmale und unsere Wesenszüge.
Michèle Yves Pauty hat einen außergewöhnlichen Familienroman geschrieben, der sehr mitfühlend und toll geschrieben ist. Es verwebt sich Autofiktionales mit fiktiver Kunst. In diesem Text wird mit Farben, Schatten und mit ganz viel Klang gespielt. Die Sinneseindrücke werden bei der Lektüre angeregt und stets mit tatsächlichen Begebenheiten aus den Zeiten verwoben. Michèle Yves Pauty fixiert Eindrücke und Momente. Dies macht sie als Fotografin und kann dieses Talent, Momente einzufangen und in erfahrbare Medien zu verwandeln, auch in ihrem Debütroman anwenden. Sie hat Fotografie und Deutsche Philologie in Wien studiert, sowie Literarisches Schreiben in Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut. Ferner hat sie auch Theater gespielt und war vor einigen Jahren sogar in Kiel engagiert.
In ihrem Roman setzt sich szenenhaft die Familie zusammen, der Familienkörper wächst mit der Lektüre. Es ist die Geschichte der Autorin, aber geht sie weiter und erzeugt durch die Fragmente, die immer den Bezug zueinander herstellen, eine Nähe zu den Protagonistinnen. Die Handlung streckt sich zeitlich über drei Frauengenerationen. Die Hauptstimme, das Erzählende-Ich, wächst mit ihrer Schwester in den 80er Jahren auf. Ihr Lebensumfeld ist geprägt durch die nahegelegenen Berge. Die Familie lebt vorerst im ehemaligen olympischen Dorf. Die Erzählerin ist das jüngste Familienmitglied und bekommt alles mit, ohne anfänglich alles zu verstehen, was sie erlebt. Denn die Familienverhältnisse sind nicht einfach. Sie wächst gesund auf, ist aber von Krankheit umgeben. Gesundheit erhoffen wir und doch trifft Krankheit alle in unerklärlichem und unterschiedlichem Ausmaß. Während das Kind spielt, passiert es. Die Mutter leidet unter Schmerzen, die sie ohnmächtig werden lassen. Das Kind, weiß was zu tun ist. Die Sanitäter kommen und später sind es die Ärzte, die die Beschwerden herunterspielen. In der medizinischen Behandlung werden weibliche Beschwerden anders behandelt als männliche. Die Frauenbeschwerden werden immer noch nicht gänzlich ernst genug genommen und weiterhin als psychisch verursacht deklariert. Dies seit Generationen. Somit handelt der Roman auch vom sogenannten Medical Gaslighting.
Dieser Familienroman baut Geschichten auf, um auf Geschichten aufmerksam zu machen, die individuell sind und doch das gesellschaftliche Ganze einfangen. Die Handlung spielt hauptsächlich in den 1980er Jahren und Gleichberechtigung ist meist nur ein Gedanke. Der Roman baut neben der Familiengeschichte auch Tatsachenberichte ein, die Einfluss auf die Zeit, den Menschen und die folgenden Generationen nahmen.
Alles ist kunstvoll geschrieben, formuliert und Poesie trifft auf individuelle Eindrücke und Emotionen. Es sind Momentaufnahmen, die wie in der Fotokunst etwas belichten, das in uns reagiert. Ein Wechselspiel zwischen Familie und Gesellschaft, denn die Familie bildet eine kleine Einheit, die in sich alles ausmacht, was wir sind. Erkrankt ein Element, hat dies Auswirkung auf das Ganze und der ganze Menschenkörper ist betroffen. Ein Roman der Verbindungen herstellt, die unbewusst oder bewusst unser gesamtes Gefüge literarisch verbinden.
Zum Buch in unserem Onlineshop
Weitere Lesetipps von mir und tolle Gäste auf YouTube: Leseschatz-TV