John Irving: „Königin Esther“

Ein Irving-Roman, der erneut eine lange Verzahnung von Ereignissen mit typischen Irving-Figuren erzeugt. Doch dauert es mit seinem neuen Roman etwas länger, bis wir gerade diesen, von uns so geliebten Irving-Charakterisierungen verfallen. Doch sobald wir die ersten Hürden, den Anlauf genommen haben, ist es ein typischer Irving, der alle seine Themen streift und mit Esther eine bleibende Heldin, die oft vage bleibt, erschaffen hat. Es ist eine Odyssee, die natürlich genau jenen melancholischen Witz beinhaltet, wie auch Irvings große Themen der Individualität, Sexualität und Weltgeschichte. Natürlich darf dabei das Ringen genauso wenig fehlen wie zum Beispiel das Tätowieren. John Irving hat niemals schlechte Bücher geschrieben, manchmal wohl etwas schwächere als seine besten. Aber dies bedeutet jammern auf höherem Niveau. Eigentlich ist es das Gesamtwerk des Autors, das gewürdigt gehört und Esther ist, so fühlt es sich an, ein Epos, das viel Liebgewonnenes vereint. Die Stärke der Literatur an sich steht dabei stets im Mittelpunkt. Esther und ihr Umfeld sind belesen und somit ist es nicht verwunderlich, dass Esther sich auch ein Jane Eyre-Zitat tätowieren lassen möchte. Auch Irving kehrt in ein uns bekanntes Universum zurück, denn Esther ist eine in Wien geborene Jüdin, die in einem Waisenhaus in Maine aufwächst. Es ist das St. Cloud´s, das von Dr. Larch geleitet wird. Wohl bekannt aus „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, beziehungsweise „The Cider House Rules“. Doch diese Episode ist nur Bestandteil des Anfangs, der gespickt ist mit Wissen um Waisenhäuser, Abtreibung, Geschichte und Judentum. Dann tauchen die Winslows auf und mit Ihnen beginnt jene Irving-Odyssee bestehend aus Schicksalswendungen und schrulligen Charakteren.

Constance und Thomas Winslow haben Töchter, die sie jeweils nach einer Tugend benannt haben. Sie ist Bibliothekarin und er ist ein Lehrer, der Literatur und besonders Dickens verehrt. Die Winslows haben stets Waisenmädchen bei sich aufgenommen, damit diese sich um die Töchter kümmern. Diesen behandeln sie immer wie eigene Kinder und Familienmitglieder. Ihr neuestes Waisenkind ist Esther, die sie aus dem Heim des Dr. Larch abgeholt haben. Esther ist ein stilles, wütendes und belesenes Mädchen. Sie möchte später ihre Wurzeln ergründen und reist nach Wien und dann nach Israel. Doch vorher schmiedet sie noch mit Honor, der jüngsten Winslow-Tochter, einen Pakt und durch diesen hat ihr späterer und leiblicher Sohn zwei Mütter. Es ist James, auch Jimmy genannt, der von Honor erzogen und bemuttert wird, aber seine leibliche Mutter niemals kennengelernt hat. Um diese kennenzulernen, begibt er sich auf eine Reise von New Hampshire nach Wien.

Jetzt ist ein feiner Irving-Teppich aus schicksalhaften Geschichten, urkomischen Situationen und schrägen Figuren als Ausgangspunkt gesponnen. Alles wurde mit Hingabe zu den großen Weltthemen geschrieben. Alle Angelegenheiten, die wir heutzutage diskutieren oder hitzig besprechen, sind schon immer ein Teil der Irving-Romane gewesen. Er verwebt amerikanische, jüdische und europäische Geschichte, die von seinen Charakteren erlebt wird. Seine Werke verstehen es, durch Wendungen zu überraschen und nichts ist jemals gradlinig erzählt. Alles ist erst vage, wie Esther selbst, um dann immer deutlicher aus den Zeilen zu springen. Auch Jimmys Geschichte wird und ist skurril. Das Thema der zwei Mütter bleibt weiterhin bestehen. Erneut ein Irving, der in uns bleiben wird. Seine Figuren und ihre Geschichten leben lange in unserer Erinnerung weiter. Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Torberg und Eva Regul übersetzt.

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