Mattias Timander: „Dein Wille wohnt in den Wäldern“

Seinen Weg im Leben finden und diesen zu meistern, ist die Quelle diverser Geschichten. Hier kommt der Wille hinzu, der Wille zu verstehen, der Wille, der nicht durch Schnelllebigkeit oder in den modernen Entwicklungen zu finden ist. Ein Roman, in dem es um das Erwachsenwerden geht und der in seiner Struktur und in den Stilen mäandert. Ein Entwicklungsroman, der sehr viele Naturbeschreibungen beinhaltet und den Vergleich mit dem Weg durch den Wald mit dem Gang durch die Literatur zieht. Es ist ein junger Mann, der seinen Weg mithilfe der Weltliteratur findet, diese gerne zeigt, aber nicht zum Poser mutiert. Bücher als sichtbares Bild, das dezent inszeniert einen Charakter oder Standard vorgaukeln soll. Dies möchte der Erzähler nicht, er sucht die Tiefe, das Gespräch und die Empathie.

Es ist ein junger Roman, ein Debüt, das gegenwärtig ist und doch eine aus der Ferne erklingende Stille beherbergt. Es ist kein Bild der modernen Generationen, die sich auf den sozialen Kanälen finden oder via Smartphone kommunizieren. Der Erzähler hat einen Festnetzanschluss und liebt es, die Natur zu bewundern. Die Berge, die Wälder und die Tiere. Doch zieht es ihn in die Stadt und somit gibt es zwei Teile, zwei Welten, die in der Natur und jene im Großstadtdschungel. Der Weg verläuft über sich finden, ausprobieren und erobern.

Mattias Timander wurde 1998 in Kiruna, Nordschweden geboren. Er gehört der ethnischen Minderheit der Tornedaler an. Sein Debütroman beschäftigt sich mit der Auseinandersetzung mit der Geschichte und der tornedalischen Herkunft. In kurzen Szenen und verklingenden Sätzen baut er eine alte und doch gegenwärtige Welt auf. Sein Roman wurde vielfach nominiert und ist bereits ausgezeichnet. Übersetzt wurde der Roman von Hanna Granz.

Der Erzähler ist Anfang zwanzig und lebt in einem nordschwedischen Dorf. Die Landschaft in ihrer Kargheit und ihrer schlichten Schönheit prägen ihn. Die Umgebung erfüllt das Sein und das Schlichte und Gradlinige findet sich in der Landschaft und in den Menschen wieder. Der Erzähler denkt viel und agiert in seiner zerklüfteten Umgebung. Er hilft einer älteren Frau und dies ist sein engster Kontakt. Er empfindet, denkt anders und ist ein genauer Beobachter. Das Lesen findet sich zufällig. Er hat von seinen Eltern eine Hütte übernommen. Die Erklärung über den Verbleib der Eltern verklingt mit einem unvollendeten Satz. Zumindest sind die Eltern nicht mehr da und er findet in einem Schuhschrank lieblos eingelagerte Bücher. Er beginnt zu lesen und ist berührt und möchte sich mitteilen, doch auch hier bleibt es um ihn still. Er wird als Bohème tituliert. Sein Fund erstreckt sich über die Weltliteratur und sein literarisches Empfinden erwacht. Er sucht den Sinn im Leben und die Auseinandersetzung. Sein Weg geht dann auch in die Stadt. Seine Suche endet mit der Definition seines Lesegeschmacks. Es soll Raum für Eigenes entstehen, eigene Empathie, Gefühle und Gedanken.

Die Welt als Wandelraum, als beständiger Lebensraum, der sich fortwährend umstrukturiert. Das Unvorhersehbare lässt eine Reflektion zu, die im Nachsinnen eine Erklärung sucht. Unsere Heimat und die Suche danach festigt und verwirrt zugleich. Durch Literatur, besonders auch diese, eröffnen sich gänzlich neue Welten und Sichtweisen. In kurzen und sehr klanglichen Szenen tauchen wir ein in eine stille Welt, die uns über Herkunft, Zugehörigkeit und Leben nachsinnen lässt. Dieser Roman ist eine wunderbare Entdeckung.

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