Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Der Philosoph Peter Bieri schrieb als Pascal Mercier Romane, die stets ganz penibel unsere existentiellen Fragen betrachten. Er verstarb 2023 und hinterließ Kultromane, wie „Perlmanns Schweigen“, „Nachtzug nach Lissabon“ und „Lea“. Die Schwerpunkte seiner philosophischen Arbeit lagen in der Analytischen Philosophie, Erkenntnistheorie und Ethik. Diese komplexen Fragen um unsere Existenz verwob er spielerisch in seine großen Romane. Nun wurden Erzählungen gefunden, fünf Texte, die unter dem Titel „Der Fluss der Zeit“ zusammengefasst sind. Diese zeigen sein Können und erzeugen eine erstaunliche Faszination, die mit jeder Erzählung eine persönliche Bindung und Nachwirkung zum Gelesenen erschaffen. Diese Kurztexte sind auf das Wesentlichste reduziert und beschreiben mit einer Leichtigkeit das Tiefgründige.

Die Erzählungen beleuchten Wendepunkte oder Momente im Leben, die gegenwärtig große Veränderungen verursachen können. Die Figuren sind meist gänzlich im Fokus auf diese minimalen bis gravierenden Umstände und verlieren dadurch den Halt im Fluss des Lebens. Die Veränderung geschieht oder droht lediglich zu kommen. Wobei wir dabei stets Gefangene unserer Gedanken werden. Ein Mann, der wegen seines starken Hustens den Arzt aufsucht und ihm eine Gewebeprobe entnommen wird, kann tagelang an nichts anderes mehr denken, als an jenen sehnsüchtig erwarteten Befund aus dem Labor. Auch die Reise mit seiner Frau nach Paris kann ihn nur gelinde von einem gedanklichen Unheil ablenken.

Die Geschichten werden eröffnet mit einer Hausübergabe. Die neuen Besitzer kommen zur Schlüsselübergabe, weil der vorherige Besitzer in ein Pflegeheim zieht. Dieser wartet auf jenen Moment, hat alles kleinlich vorbereitet und die Schlüssel linienförmig abgelegt. Doch zögert er seinen Auszug hinaus, möchte noch mit dem neuen Besitzerpaar durch die Räume gehen, auf Bestimmtes hinweisen und zeigen. Zum Beispiel, die von der Nachbarschaft bewunderte Weihnachtsbeleuchtung. Minutiös werden diese quälenden Stunden fokussiert. In den weiteren Texten lernen wir einen Menschen kennen, der in sein Studentenzimmer kurz zurückkehren kann und die Zeit sich kurzfristig zurückdreht, aber den Betrachter verändert in den gedanklichen Zeitfluss stellt. Ein Mann der sich vom Balkon stürzt, weil er den Lärm nicht ertragen konnte. Ein anderes Ehepaar nimmt sich eines Pianisten an, der mit einer Handverletzung vorerst nicht mehr seiner Berufung nachgehen kann und sein Vermieter verstirbt und sich das Mietverhältnis auflöst. Das befreundete Paar, das gut geerbt hat, kauft diese Wohnung und schenkt sie dem Künstler. Dadurch droht die Freundschaft in Folge zu zerbrechen, weil sich doch der Wunsch nach Dankbarkeit zeigt und die Großzügigkeit sehr einengend werden kann.

Wie empfinden wir Freiheit? Wie können wir Emotionen oder Gedanken abstellen, um das wahre Leben noch begreifen zu können? Ist Angst ein guter Berater und wie gehen wir mit lebensbedrohlichen Krankheiten um, wenn der tatsächliche Befund auf sich warten lässt? Hierbei geht es stets um Selbstbestimmung, Fremdeinflüsse und unsere eigenen Gedankenzellen. In diesen kurzen Texten spürt man stets den großen Mercier, der uns nach seinem Tod weiterhin literarisch überraschen kann.

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