
Erneut spricht Ekaterine Togonidze Themen an, die in der großen Betrachtung oft ungesehen blieben. Ihr neues Werk ist ein ungewöhnlicher und ergreifender Roman, der in seinen Szenen vieles zu vermitteln versteht. Es ist ein menschliches, gesellschaftliches Werk, das somit das Private politisch werden lässt. Die georgische Autorin Togonidze beschäftigte sich bereits in ihrem Roman „Einsame Schwestern“ literarisch mit der körperlichen Behinderung. In dem Werk „In deinem Schlaf“ ist der Ausgangspunkt das Resignationssyndrom. Ein Kind, das seiner vertrauten und beschützenden Umgebung beraubt wird und durch Ängste in einen katatonischen, komaähnlichen Zustand fällt. Dies ist ein seltenes Phänomen und tritt zum Beispiel bei Flüchtlingskindern auf. Doch ist dies nur eines der Themen im vielschichtigen Roman, der mit einer Leichtigkeit geschrieben ist.
Die Erzählweise bedient sich des cineastischen Wechselspiels der szenischen Perspektivenwechsel. Dies gelingt dadurch glaubwürdig, da die Protagonistin, Nia Kandelaki, Schauspielerin ist und für den Film arbeitet. Sie hatte bisher nur kleinere Erfolge und wurde auch als Double einer gefragten Darstellerin gebucht. Gerade bei einem solchen Dreh, als sie einen Stunt für die Kollegin macht, passiert das Unglück. Aber nicht ihr, sondern ihrer zehnjährigen Tochter Gabriela. Ein verheerendes Erdbeben durchrüttelt Tiflis und auch das bisherige, geregelte Eheleben. Denn Gabriela, kurz Gabi genannt, fällt in einen komaähnlichen Zustand, nimmt wohl die Stimmungen im Umfeld unbewusst auf und schläft nun bereits seit sechs Monaten. Demna, der Vater von Gabi, ist während des Bebens panikartig geflohen und hat seine Tochter alleingelassen. Nia gibt seitdem Demna die Schuld am Krankheitsbild und verweigert ihm den Kontakt. Ihre Liebe war eine aufrichtige und begann während eines Winterausflugs. Sie waren ein Paar, das sich so gesehen und geliebt hat, wie sie jeweils sind. Dies brach nun vor sechs Monaten ab, auch wenn einer der behandelnden Ärzte rät, dass der Vater zur Genesung viel beitragen würde, bleibt Nia bei ihrem Beschluss.
Sie spricht für eine Filmproduktion eines berühmten Regisseurs vor und bekommt die Hauptrolle. Der Film handelt von einer Frau, die während des Georgisch-Abchasischen Krieges fliehen musste. Bei den Dreharbeiten erkennt Nia die Parallelen zu ihrem Leben, denn die Filmfigur hat ebenfalls eine Tochter und Demna, ihr Mann, ist ebenfalls einer der vielen Flüchtlinge aus diesem Bürgerkrieg. Warum hat Demna während des Erdbebens und dem Lärm der einstürzenden Mauern so reagiert? Warum hat er sich nicht um seine Tochter kümmern können? Als Schauspielerin kämpft sie in ihrer Rolle, aber auch im realen Leben um das Leben ihrer Tochter und die Geschichten verknüpfen sich. Die Filmhandlung, die Erinnerungen und die Erlebnisse zwingen Nia zu einer Reflexion ihrer Entscheidungen. Sie lernt wieder genauestens Hinzusehen und nicht nur ihre Gefühle gelten zu lassen. Im Georgischen bedeutet „ich sehe dich“ ebenfalls „ich liebe dich“ und diesen Wechsel, ob es lediglich die Wahrnehmung oder das Gefühl ist, muss sie erneut hinterfragen.
Ein fesselnder Roman über ein Trauma, einen Bürgerkrieg und einen andauernden Konflikt. Hierbei werden das individuelle Schicksal und das Privatleben durch die öffentlichen und politischen Entwicklungen geprägt. Der einzelne Schlaf als Fluchtmodus aus den unerträglichen Konflikten der Menschheitsgeschichte wird durch diese Literatur zum Wachmacher. Aus dem Georgischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Katja Wolters.
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