
Mitglied innerhalb der Gesellschaft und der Familie sind wir alle. Dies kann zuweilen Fluchtinstinkte und den Wunsch nach Abnabelung hervorrufen. Die emotionale Bindung ist stets menschlich, kann aber auch durch Haustiere ausgelöst werden. Die familiäre Bindung kann auch neugewonnen oder sogar eine fiktive sein, denn wir werden in der Literatur oder in einer guten Serie durch die Protagonisten heimelig. So auch im fiktiven und doch autobiografischen Roman von Thorsten Nagelschmidt, der etwas von einer Selbststudie hat und erzählt, wie er sich nach Gran Canaria zurückzieht, um gänzlich die Kultserie „Die Sopranos“ zu sehen.
Diese Serie hat für Aufsehen gesorgt, weil sie in ihrer Erzählweise einzigartig ist. Ein Mafia-Epos trifft auf ein psychologisches Familiendrama. Großartige Figurenzeichnung trifft auf Witz und Drama und hat die Serienlandschaft verändert. Im Roman von Nagelschmidt wird auch der Vergleich zur Literatur gezogen und Proust oder Foster Wallace werden genannt. Dies funktioniert wirklich gut, denn Thorsten Nagelschmidt ist ein grübelnder Künstler. Er ist Autor, Sänger, Texter und Gitarrist der Band Muff Potter. Der Bandname zeigt bereits seine Liebe zur Literatur, denn hier grüßt dezent Mark Twain.
Der Erzähler, Torsten selbst, meidet das Weihnachtliche. Das alljährliche familiäre Zeremoniell erweckt in ihm den Fluchtmodus. Meist feierte er das Fest durch Ablenkung mit Alkohol und Party. Doch kaschiert dies nur den Blues, die Melancholie und in diesem Jahr hat er einen ganz anderen Plan. Er hat kulturelle Lücken und möchte diese, besonders bei der erwähnten Serie, endlich schließen. Er bucht eine Reise nach Gran Canaria und ist sich bereits dabei seiner Luxusposition bewusst. Er kann einfach verreisen und sich dem Alltag entziehen. Doch ist das Ziel dabei unerheblich, denn er möchte schon Strand erleben, aber dies nur als Beiwerk, denn er möchte die Tage dort nutzen, um „Die Sopranos“ ganz zu sehen. Jeden Tag acht Stunden, damit er alle Staffeln schafft. Er möchte dabei eine Distanz zu allem schaffen. Auch das Hotelzimmer soll weit oben sein. Doch hat er All-Inclusive gebucht und hat somit mit den Miturlaubern und dem Personal Berührungspunkte. Er macht sich über alles seine Gedanken und Notizen. Er beschreibt alles, was er sieht und dabei empfindet. Beim Essen, am Pool und natürlich alles in Bezug auf den Sopranos-Clan. Dieser hat ebenfalls Vorbilder, nicht minder die Corleones von Puzo. Die Sopranos zitieren gerne große Mafiaepen. Im Mittelpunkt Tony Soprano, der eine Psychiaterin aufsucht, weil er doch das eine oder andere Problem hat. Dies gab es vorher nicht, ein Mafiaboss, der sich psychiatrische Hilfe holt. Die familiäre Verlustangst wird durch eine Entenfamilie gleich in der ersten Folge symbolisiert. Der Bericht eines Urlaubs, der eine Selbstflucht auf eine Sehnsuchtsinsel darstellt und dann noch ein weiteres Refugium innerhalb einer großartigen Serienfamilie erschafft. Dabei sind die beobachteten Touristen gleichwertig in der Beobachtungsphase, wie jene aus dem fiktiven Mafiaumfeld. Humorvoll, charakterstark und mit Tiefgang ist hierbei ein Roman entstanden, der mit Running Gags und mit einer intimen Offenheit den realen Alltag mit der Kunst verbindet. Was bedeutet Familie? Was macht Einsamkeit mit uns und warum hegen wir den Wunsch nach Abgrenzung?
Ein gelungener Lesespaß, der besser funktioniert, wenn man auch die Serie „Die Sopranos“ kennt, aber wohl auch ohne funktionieren würde, sollte aber spätestens jetzt den Reiz auslösen, ebenfalls diese Serie schnellstens zu inhalieren.
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